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Ashara, diese geheimnisvolle Kraft, die Menschen übernatürliche Fähigkeiten verleiht, ist es ein Segen oder ein Fluch? In Miragar, einem geheimnisvollen, düsteren Land, dessen Einwohner nicht gerade für ihre Gastfreundschaft bekannt sind, ist es ein Fluch. Die Keshani, die Sekte die über Miragar herrscht, jagt und tötet alle mit der Kraft des Ashara. In Alluria sieht es ganz anders aus. Hier bilden Ashari, Menschen die über Ashara verfügen, die herrschende Kaste: die Dynari. Diese nutzen ihre Kräfte für das Gute, für das Wohl des Volkes. Eine dieser Dynari ist Nadira. Gerade erst in den Stand der Dynari aufgenommen, erfährt sie von den Gräueltaten in Miragar. Noch schlimmer ist für sie allerdings, dass ihre Freundin Larana, die ebenfalls über Ashara verfügt, gerade erst nach Miragar aufgebrochen ist. Sofort beschließt Nadira nach Miragar zu reisen. Zum einen, um Larana zu retten, zum anderen, um den Ashari dort zu helfen. Zusammen mit Freunden und Helfern macht sie sich auf den Weg. Doch Nadira ist jung und naiv. Sie kennt nicht einmal die Gefahren in ihrem eigenen Heimatland. Jenseits von Alluria warten noch das verfluchte Land Erel Trel und das schier unüberwindliche Tokar-Gebirge auf die Gefährten.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Die Ashara-Chroniken
Buch Eins
Feinde der Ashari
Das erste Buch der Keshani-Trilogie
Lina-Marie Lang
Nadira war unglaublich nervös. Heute war ein wichtiger Tag, vielleicht der wichtigste Tag in ihrem Leben. Heute fand die Zeremonie statt, mit der sie in den Kreis der Dynari aufgenommen wurde.
Viele Jahre der Ausbildung hatte sie hinter sich. Jahre, in denen sie lesen und schreiben gelernt hatte, Jahre, in denen sie in Geschichte und Etikette unterrichtet wurde. Und vor allem Jahre, in denen sie gelernt hatte, was es heißt, eine Ashari zu sein.
Ashara. Die Kraft der Aiudir, der Schöpfer. Es war Segen und Fluch in einem. Ashara. Nadira hatte das Glück, in einem Land zu leben, in dem die Ashari - die Menschen mit der Gabe des Ashara - angesehen waren. Sie bildeten die Kaste der Dynari, die höchste Kaste in Alluria.
Es gab fünf Häuser der Dynari in Alluria. In jeder der großen Städte eine. Nadira lebte in Seraint, im Hause von Dyn Arthos.
„Es ist bald soweit." Mit diesen Worten riss Aurel, eine Dienerin des Hauses, Nadira aus ihren Gedanken.
„Was hast du gesagt?"
„Es ist bald soweit", wiederholte Aurel.
„Oh. Ja."
„Bist du nervös?"
„Und wie." Nadira versuchte zu lächeln, aber sie hatte das Gefühl, dass es total misslang. Aurel lies sich nichts anmerken.
„Keine Sorge", sagte sie. „Du wirst das schon schaffen."
Aurel war für Nadira mehr als nur eine Dienerin. Sie war eine Freundin, eine Vertraute. In den Jahren als Novizin war Aurel immer für sie da gewesen. Nadira konnte immer mit ihr rechnen, wenn sie jemand zum Reden brauchte. Das machte die Sache um so schmerzhafter. Heute, noch vor der Zeremonie, würde Nadira eine neue, persönliche Dienerin bekommen. Der Gedanke Aurel nicht mehr jeden Tag zu sehen, versetzt Nadrias Herz einen Stich.
„Ich muss es wohl schaffen, oder?", sagte Nadira schließlich.
„Ich fürchte, da musst du durch." Aurel lächelte aufmunternd. Dieses Lächeln half Nadira sonst immer, aber diesmal war es einfach zu viel. Sie war nervös wegen der Zeremonie, traurig Aurel zu verlieren, und sie machte sich Sorgen um ihren Freund Darec.
Darec war etwa zur selben Zeit in das Haus von Dyn Arthos gekommen wie Nadira selber. Er war kein Ashari, aber Anwärter für die Wache. Seit mehreren Wochen war er nun auf einer Reise, eine letzte Prüfung für die angehenden Wächter. Sie hatte gehört, diese Reise sei sehr gefährlich. Eigentlich sollte Darecs Gruppe schon seit einigen Tagen zurück sein, aber bis jetzt hatten sie nichts von ihnen gehört.
„Gibt es etwas Neues von Darec?"
Aurel schüttelte den Kopf. „Noch nichts. Aber du solltest dich jetzt erst einmal auf die Zeremonie konzentrieren. Sorgen machen kannst du dir später wieder, wenn die Zeremonie vorbei ist."
Nadira musste lachen. Natürlich hatte Aurel recht. Sie hatte schon genug Sorgen und sollte sich nicht auch noch den Kopf über Darec zerbrechen. Sicher ging es ihm gut. Vielleicht zog die Gruppe noch durch die Kneipen und Tavernen von Alluria, um die bestandene Prüfung zu feiern. Das war durchaus schon vorgekommen. Die Sorgen vertreiben konnte diese Vermutung aber nicht.
„Ich muss jetzt gehen", sagte Aurel plötzlich.
„Wieso?"
„Du wirst gleich in deine neuen Gemächer gebracht."
Nadira war davon ausgegangen, dass Aurel sie dorthin begleiten würde. „Kommst du nicht mit?"
„Nein. Dyn Arthos selbst wird dich gleich abholen."
Dyn Arthos selbst? Das Oberhaupt des Hauses? Es war ungewöhnlich, dass das Oberhaupt des Hauses eine Novizin zu ihren neuen Gemächern begleitete. Aber Nadira hatte eine sehr enge Beziehung zu Dyn Arthos. Tatsächlich war er wie ein Vater für sie und eigentlich überraschte es sie nicht. Nadira hatte sich auch gewünscht, ihn vor der Zeremonie noch einmal zu sehen.
Aurel drückte Nadira an sich. „Viel Glück bei der Zeremonie", sagte sie. „Und sei nicht so nervös", dann verlies sie den Raum und Nadira blieb allein zurück.
Nadrias Nervosität wuchs und wuchs mit jeder Minute die verstrich. Sie ging im Zimmer auf und ab. Eine große Veränderung in ihrem Leben stand unmittelbar bevor. Wie würde sie mit ihrem neuen Leben klarkommen? War sie bereit für die Verantwortung? War sie gut genug vorbereitet?
„Bist du dann soweit?"
Nadira zuckte zusammen. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht bemerkte hatte, wie Dyn Arthos den Raum betreten hatte.
Sie starrte ihn einige Sekunden lang erschrocken an, dann fiel ihr plötzlich ein, dass ihr Benehmen zu wünschen lies. Sie machte einen Knicks. „Dyn Arthos. Ich freue mich, Euch zu sehen."
„Du siehst nervös aus."
„Das bin ich auch."
Dyn Arthos lächelte sie an. Es war ein sanftes, wissendes Lächeln. Er kannte das Gefühl und hatte vermutlich schon viele Novizen in dieser Situation erlebt. „Du wirst es schon überstehen", sagte er. „Komm. Ich bringe dich in deine neuen Gemächer."
Nadira warf einen letzten Blick auf ihr Zimmer. Es war ein einfaches Zimmer. Auch nicht besonders groß und nur mit einem Bett, einem Kleiderschrank und einem Tisch mit zwei Stühlen ausgestattet. Aber hier hatte sie viele Jahren gelebt, es war ihr Zuhause, ihr Raum. Es fiel ihr schwerer ihn zu verlassen, als die gedacht hatte. Aber dann riss sie sich los und ergriff Dyn Arthos ausgestreckte Hand.
***
Dyn Arthos führte Nadira aus dem Haus der Novizen hinaus. Als sie den zentralen Platz erreichten, um den alle Gebäude des Hauses von Dyn Arthos angeordnet waren, sah Nadira ein weiteres bekanntes Gesicht. Das zarte Gesicht wurde von flammend roten Locken eingerahmt. Als sie Nadira entdeckte stahl sich ein Lächeln auf das Gesicht und sie kam auf Nadira und Dyn Arthos zu. Wie die Etikette es verlange, grüßte sie als erstes Dyn Arthos. Sie machte einen Knicks vor dem Herrn des Hauses und senkte bescheiden den Blick. Nadira entging das leicht spöttische Lächeln nicht. Larana hatte noch nie wirklich viel von Etikette gehalten. Aber zum Glück galt das auch für Dyn Arthos.
Die Begrüßung für Nadira fiel wesentlich weniger offiziell aus. Larana fiel ihr einfach um den Hals. „Bist du nervös?"
„Bis du mich gerade dran erinnert hast, war ich es nicht", sagte Nadira mit einem Lächeln.
„Das tut mir leid." Das spöttische Glitzern in Laranas Augen verriet, dass es ihr gar nicht leidtat. „Ich wollte dich noch mal drücken, bevor du zu wichtig geworden bist."
Larana war keine Dynari und gehörte auch nicht zum Haus von Dyn Arthos. Allerdings verfügte auch sie über Ashara. Die meisten Menschen die über Ashara verfügten, wurden von den Dynari aufgenommen. Aber es gab Gründe sich dagegen zu entscheiden: Wer ein Dynari werden wollte, musste seine Familie verlassen. Nadira konnte sich an ihre leiblichen Eltern gar nicht mehr erinnern. Sie hatte fast ihr ganzes Leben im Haus der Dynari verbracht.
Laranas Eltern wollten ihr Kind nicht hergeben. Deshalb hatten sie sich entschieden, sie nicht zu den Dynari zu geben. Zwar musste sie einige Zeit dort verbringen, um eine Grundausbildung zu erhalten, aber sie war keine Dynari, sondern „nur" eine Ashari. Nadira und Larana hatten sich kennengelernt, als Larana zur Grundausbildung im Haus von Dyn Arthos gewesen war. Schnell hatte sich eine enge Freundschaft entwickelt.
Heute würde Nadira in einen höheren Stand erhoben werden, was die Beziehung zu Larana verkomplizieren würde. Jedenfalls offiziell. Aber Nadira hatte nicht vor, die offiziellen Regeln, die Etikette und den Stand zwischen sich und ihre Freundin kommen zu lassen. Da Larana keine Dynari war, wohnte sie auch nicht im Haus von Dyn Arthos. Deshalb trafen sie sich nicht so oft, wie Nadira es gerne gehabt hätte. Aber zu Nadiras großem Tag war sie da und Nadira war wirklich froh darüber.
„Wir müssen weiter", sagte Dyn Arthos.
Nadira nickte. „Ich seh dich später", sagte sie zu Larana. Sie drückte ihre Freundin noch einmal und dann folgte sie Dyn Arthos.
Sie überquerten den zentralen Platz und passierten dabei den großen Springbrunnen, der sich im Zentrum des Platzes herhob. Er war rund und in der Mitte gab es einen hohen Turm, von dem das Wasser nach unten in ein Becken fiel. Der Springbrunnen sollte das Ashara darstellen, hatte man Nadira erklärt. In jedem der fünf Häuser gab es einen solchen Brunnen. Er stelle das Zentrum der Häuser dar, so wie das Ashara das Zentrum der Dynari war. Nadira hatte aber nie verstanden, wie diese Brunnen das Ashara symbolisieren sollte. Sie selbst hatte das Ashara als etwas feuriges, eine feurige Kraft im Inneren der Ashari, erfahren.
Der Weg führte Nadira am Brunnen vorbei, und auf der gegenüberliegenden Seite in das Haus der Dynari. Diener öffneten ihnen die Türen des Hauses. Eigentlich war das nicht üblich, und Nadira wunderte sich darüber. Aber offensichtlich hatte man sie erwartet. Vielleicht war es eine Geste, um die neuen Dynari willkommen zu heißen.
Als Dyn Arthos auf die Treppe zusteuerte, zögerte Nadira einen Moment. Sie hatte eigentlich damit gerechnet im Erdgeschoss, in einem der Seitenflügel, zu wohnen. Die Treppe aber führte zu Dyn Arthos Gemächern, wieso führte er sie dort hin?
Durch ihr Zögern war Nadira etwas zurückgefallen, und sie musste laufen, um wieder zu Dyn Arthos aufzuschließen. Dieser blieb stehen und sah amüsiert zu ihr, bis sie ihn erreicht hatte. Dann ging er weiter, ohne etwas zu sagen.
Sie stiegen die Treppen hinauf, aber betraten nicht etwa seine Gemächer, sondern wandten sich nach links. Nadira wusste, dass die Gemächer im Obergeschoss etwas größer und edler ausgestattet waren als die im Erdgeschoss. Was machten sie also hier oben?
Wieder war sie zurückgefallen und wieder musste Dyn Arthos warten, diesmal vor der Türe zu einem der Gemächer. Noch ehe Nadira ihn erreicht hatte, stieß er die Türe auf, aber er betrat den Raum nicht. Er wartete und bedeutete Nadira voran zu gehen.
Nadira betrat eine andere Welt. Der Raum war riesig. Ihr altes Zimmer hätte sicherlich fünfmal hier drin Platz. Die Wände waren weiß, der Raum war hell und freundlich. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Bett. Es war etwa doppelt so groß, wie Nadrias altes Bett und es war mit edler Seidenbettwäsche bezogen. Links ließen große Fenster das Tageslicht hereinströmen. Sie boten einen herrlichen Ausblick auf den Innenhof und das Treiben dort. Rechts befand sich ein großer Schreibtisch aus edlem Holz. An den restlichen Wänden waren Schränke verteilt, die einzeln schon deutlich größer waren, als Nadiras alter Schrank im Haus der Novizen.
„Ich hoffe es gefällt dir", sagte Dyn Arthos.
„Es ist umwerfend", sagte Nadira. „Wer wohnt hier?"
„Na du."
„Aber ich bin doch viel zu unbedeutend für solche Gemächer."
„Du bist eine Dynari."
„Noch nicht."
„Aber bald. Sehr bald."
Nadira konnte es immer noch nicht glauben und sah sich immer wieder im Raum um. Sie hatte Angst, dass sie das alles nur träumte und jeden Moment aufwachen würde.
Neben dem Schreibtisch befand sich noch eine Türe. „Wo geht es da hin?"
„Sieh doch nach."
Nadira öffnete die Türe und betrat einen Raum, der zwar kleiner war, als der Hauptraum, aber nicht weniger beeindruckend. Der ganze Raum, Boden, Wände und Decke, war mit Marmor verkleidet. Das Zentrum des Raumes bildete ein Becken, das tief in den Boden hinein reichte. War der Boden wirklich so dick, oder war dieses Becken eine besondere Konstruktion? Im Moment war es leer. Aber man musste sich herrlich entspannen können, wenn es mit warmes Wasser gefüllt war. Woher das Wasser auch immer kommen mochte.
„Und dann will ich dir noch jemanden vorstellen", sagte Dyn Arthos. Nadira drehte sich zu ihm um, ihre Augen leuchteten von Freude. „Deine neue Dienerin."
Dyn Arthos trat zur Seite und legte seinen Arm um jemanden. Dann zog er sie in Nadiras Blickfeld. Es war Aurel.
„Aurel!" Jetzt standen Nadira Tränen in den Augen. Sie war so glücklich wie schon lange nicht mehr, und sie hatte ein glückliches Leben geführt.
Aurel machte einen Knicks vor Nadira. Diese lief auf sie zu, rief „Lass das", und fiel ihr um den Hals.
***
Dyn Arthos verließ die beiden schließlich wieder. Für ihn war es an der Zeit in den großen Saal zu gehen. Dort fand die Zeremonie statt, in der Nadira und den anderen aus ihrem Jahrgang der Fokusstein verliehen wurde.
Nadira hatte noch etwas Zeit, bis sie sich selber auf den Weg in den großen Saal machen musste. Sie nutzte diese Zeit, um, zusammen mit Aurel, ihre neue Gemächer genauer zu erforschen.
So stellten sie fest, dass das Bett sich weich anfühlte wie eine Wolke. Sie entdeckten, dass der Kleiderschrank voller edler Kleider war. Nadira hätte sie am liebsten alle anprobiert, aber das musste bis morgen warten, sie hatten keine Zeit mehr dafür.
Nadira wollte noch ein wenig die Aussicht genießen und die Leute auf dem Innenhof beobachten. Zur großen Zeremonie befanden viele Gäste im Haus von Dyn Arthos, und es war interessant und spannend ihnen zuzusehen. Aber Aurel hatte andere Pläne. „Deine Haare sind ganz durcheinander. So kannst du nicht zur Zeremonie gehen", sagte sie.
„Aber ich will den Leuten hier zusehen."
„Ich werde dich so nicht hinuntergehen lassen. Dyn Arthos würde mir den Kopf abreißen."
„Das würde er niemals tun", widersprach Nadira.
„Doch, das würde er, und hätte recht damit. Also lass dich schön machen."
Nadira wusste natürlich, dass Aurel recht hatte, und so beugte sich mit einem Seufzen und lies sich zurecht machen.
***
„Nur noch das hier festmachen …", weiter kam Aurel nicht, denn es klopfte an der Türe. „Halt das mal fest", sagte sie, nahm Nadiras Hand und lies sie die Strähne, die sie noch hochstecken wollte, festhalten. Dann ging sie zur Türe und öffnete sie.
Nadira konnte von ihrer Position am Schreibtisch nicht sehen, wer an der Türe war, aber Aurel wurde plötzlich ganz hektisch. „Sie wollen dich schon holen, und ich bin noch nicht fertig." Sie kam angerannt und fummelte weiter an Nadira Haaren herum. Nadira aber blieb für einen Moment die Luft weg. Es war soweit. Die Zeit war da. Jetzt wird es ernst, schoss es ihr durch den Kopf. Sie bemerkte gar nicht, dass Aurel fertig war und darauf wartete, dass Nadira aufstand.
Erst als sie die sanfte Berührung an der Schulter spürte, schaffte sie es zurück in die Gegenwart. „Geht's dir gut?", fragte Aurel.
„Ich bin unglaublich nervös", sagte Nadira und hob ihre zitternden Hände, um ihre Aussage zu unterstreichen. Aurel ergriff ihre Hände. „Du schaffst das schon", sagte sie. „Du siehst umwerfend aus. Und du hast dir den Fokusstein verdient. Also los. Geh und hol dir, was dir zusteht."
Nadira holte tief Luft und stand auf. Langsam ging sie auf die Türe zu, die noch immer offen stand. Der Bote, der sie abholen sollte, hatte den Raum nicht betreten. Als Nadira die Türe erreichte, warf sie einen neugierigen Blick hinaus.
„Wieso bist du draußen stehen geblieben?", fragte sie.
„Ich wurde nicht hereingebeten", sagte er. „Und es geziemt sich nicht, die Gemächer einer Dynari zu betreten, ohne hereingebeten zu werden."
„Ich bin noch keine Dynari", sagte Nadira.
„Aber in wenigen Minuten." Nadira musterte den Mann. Er war jung, in die Uniform der Wache gekleidet. Aber sie kannte ihn nicht. Möglicherweise gehörte er zur Wache einer anderen Stadt. Nadira konnte kein Wappen erkennen. Der Grund dafür lag in der Tradition. Die Wachen, die die Novizen zur Zeremonie begleiteten, waren der Tradition der Dynari verpflichtet, nicht einem Haus. Jedenfalls für die Dauer der Zeremonie. Deshalb war es unerheblich, welchem Haus sie angehörten. Häufig wurden Wachen eines anderen Hauses mit dieser Aufgabe betraut. Es war ein Zeichen für großes Vertrauen, und Wachen, die diese Aufgabe erhielten, konnten stolz auf sich sein.
„Dann wollen wir mal", sagte Nadira.
***
Vor dem großen Saal blieben sie stehen. Die große Doppeltüre, die in den Saal führte, war geschlossen. Die Türe war weiß gestrichen, wie auch die Wände im ganzen Haus der Dynari. Sie sah schwer und massiv aus, aber Nadira wusste, dass sie leicht und lautlos aufschwingen konnte.
Während sie warteten, kam Nadiras Nervosität zurück. Sie hatte das Gefühl am ganzen Leib zu zittern und konnte ihre Finger einfach nicht stillhalten. Der Wächter an ihrer Seite bemerkte ihre Nervosität, er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber seinem Gesicht war zu entnehmen, dass er sich amüsierte.
Als Nadira ihn fragend ansah, sagte er: „Ich kenne das Gefühl. Ich war auch schrecklich aufgeregt, als ich in die Wache aufgenommen wurde."
„Ich hab das Gefühl, ich kipp gleich um", gestand Nadira.
„Keine Sorge, es wird besser. Sobald die Türe geöffnet wird."
Nadira hatte ihre Zweifel daran, dass es wirklich besser werden würde, aber sie hoffte, dass er recht hatte. Sie musste nicht lange warten um es herauszufinden. Es war weniger als eine Minute vergangen, als die Türe plötzlich aufschwang. Nadira blieb die Luft weg. Besser? Von wegen. Sie hatte das Gefühl nicht mehr atmen zu können. Sie hatte das Gefühl, ihr Kleid wäre viel zu eng und würde ihr die Luft abschnüren. Sie warf dem Wächter einen bösen Blick zu, den dieser mit einem aufmunternd Lächeln beantwortete. Nadira wandte sich von ihm ab und betrat den Saal.
Erst jetzt bemerkte sie wie voll der Saal war. Er war nicht gerade klein, aber in diesem Moment schien es Nadira als würde er jeden Moment aus den Nähten platzen. Überall standen Dynari und andere Würdenträger herum, und jedes einzelne Augenpaar im Saal war in diesem Moment auf Nadira gerichtet. Der Knoten in ihrem Hals wurde für einen Moment noch dicker, Nadiras Beine versagten ihr den Gehorsam und sie blieb stehen. Sie schluckte, nahm ihren Mut zusammen und ging weiter. Die Menge teilte sich vor ihr, als sie durch den Raum schritt. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Podest, auf dem Dyn Arthos stand und auf sie wartete. Der Wächter folgte Nadira, und hinter ihm schloss sich die Menge wieder. Nadira sah sich nicht um, aber sie konnte es fühlen.
Obwohl sie Hunderte Augenpaare auf sich spürte, ging sie weiter. Sie bemühte sich möglichst würdevoll auszusehen, aber sie hatte das Gefühl, dass jeder hier ihre Nervosität spüren konnte. Viele der Anwesenden konnten sich wahrscheinlich gut in sie hineinversetzten. Jeder Dynari machte diese Zeremonie mit und da die meisten der Anwesenden Dynari waren, wussten sie, wie Nadira sich gerade fühlte.
Als sie das Podest erreichte, hatte sie plötzlich freien Raum vor sich. Das kam so überraschend, dass sie stehen blieb. Sie sah sich um, lächelte den Menschen in der Nähe zu und suchte dann Dyn Arthos Blick.
„Komm zu mir, meine Liebe", sagte er.
Nadira zögerte noch einen Moment und blickte in die Gesichter der Anwesenden. Viele von ihnen kannte sie. Es waren Dynari aus dem Haus von Dyn Arthos. Auch Selius, der Hauptmann der Wache war anwesend, außerdem einige Dynari aus anderen Häusern, die sie schon einmal getroffen hatte. Aber außer diesen vertrauten Gesichtern, waren auch viele fremde Leute anwesend.
Nadira wurde plötzlich klar, dass sie immer noch vor dem Podest stand und so beeilte sie sich, Dyn Arthos Aufforderung nachzukommen. Allerdings beeilte sie sich zu sehr und vergaß den Rock zu heben, während sie die Treppe hinauf stieg. Und es kam, wie es kommen musste: Sie trat auf ihren Rock und stolperte. Für einen Moment ruderte sie mit den Armen und hielt sich in einem unmöglichen Winkel in der Luft. Dann war der Wächter an ihrer Seite und hielt sie fest, auch Dyn Arthos trat sofort zu ihr.
„Alles in Ordnung?", fragte er so leise, dass nur sie es hören konnte. Nadira nickte. Hinter sich konnte sie ein Lachen hören. Kein fröhliches Lachen, sondern ein bösartiges, schadenfrohes Lachen. Sie kannte dieses Lachen zu gut, auch ohne sich umdrehen zu müssen: Brancus. Ihr Erzfeind aus der Zeit ihrer Ausbildung. Seit Nadira in das Haus von Dyn Arthos gekommen war, machte Brancus ihr das Leben schwer. Er hatte sie immer abgelehnt, ohne dass Nadira sagen konnte wieso.
Nadira beschloss, ihm nicht noch mehr Triumph zu lassen. Stolz richtete sich auf, ergriff Dyn Arthos Hand und betrat das Podest.
„Und nun habe ich die Ehre, den letzten Fokusstein zu verleihen", sagte Dyn Arthos laut. Seine Stimme war klar und deutlich, und wie Nadira wusste, im ganzen Raum zu hören. Er benutze sein Ashara, um seine Stimme auch in den letzten Winkel des Saales zu tragen.
Die Angst und die Nervosität waren plötzlich wie weggeblasen. Sie konnte den Stolz in Dyn Arthos Stimme hören, und sie sah die Gesichter der Anwesenden, den Stolz ihrer Lehrer, die Neugierde der Leute, die sie noch nicht kannten, die Freude in den Gesichtern ihrer Mitnovizen. Nur einer freute sich nicht. Brancus Gesicht war von Verachtung zerfressen. Er wusste, dass Nadira den Fokosstein verdiente, aber er gönnte ihn ihr nicht.
In der Menge sah Nadira kurz Laranas Gesicht, dann musste sie ihre Aufmerksamkeit wieder Dyn Arthos zuwenden. „Nadira", sagte er. Nadira drehte sich zu ihm und sah ihn an. Sie bemerkte das Diadem, das er in der Hand hielt. Sie betrachtete den Fokusstein, der vorne in das Diadem eingesetzt war. Ein tiefroter Stein, in der Größe einer Murmel. Der Stein, der aus der Novizin Nadira eine Dynari machen würde.
„Ich heiße dich willkommen im Kreis der Dynari", sagte Dyn Arthos.
Nadira machte einen Knicks und beugte sich leicht nach vorne. Dyn Arthos setzte ihr das Diadem auf. Als der Fokusstein ihre Stirn berührte, fühlte Nadira seine Macht. Sie konnte das Ashara fühlen, das in ihm gespeichert war. Der ganze Raum war plötzlich von einem roten Schein erfüllt, der von vielen der Anwesenden ausging. Für einen Moment sah sie das Ashara aller Ashari, die hier anwesend waren. Das war Nadrias spezielle Gabe: Sie konnte Ashara sehen. Der Fokusstein verstärkte den Effekt aber erheblich, und es dauerte einen Moment, bis Nadira es kontrollieren konnte.
Sie wusste, was jetzt von ihr erwartet wurde. Sie sollte eine kleine Menge Ashara in den Fokusstein fließen lassen und ihn zum Leuchten bringen. Der Beweis, dass sie wirklich eine Ashari war, und mehr als das, eine Dynari. Der Beweis für diejenigen, die das Ashara nicht selber sehen konnten.
Nadira sammelte behutsam eine kleine Menge ihres Ashara und sandte es in den Fokusstein. Der Effekt war überwältigend. Der Fokusstein verstärkte das Ashara, und der Effekt war viel stärker als Nadira es erwartet hatte. Es war nicht nur Licht, das von ihrer Stirn erstrahlt, Nadira sah auch das Glühen des Ashara selbst.
„Willkommen Dyna Nadira", sagte Dyn Arthos, und der Saal wiederholte den Gruß. Der ganze Saal, bis auf eine Person: Brancus Gesicht war noch finsterer geworden.
***
Nadira war die letzte gewesen, die ihren Fokusstein erhalten hatte und in den Stand einer Dynari erhoben worden war. Jetzt war es an der Zeit zu feiern. Diener brachten Tischen und Bänke in den Saal, und bald knirschten die Tische unter der Last der Leckereien, die aufgetragen wurden. Es gab Braten vom Schwein und vom Rind, gegrillte Hähnchen, es gab frisches Obst, das aussah, als wäre es erst vor einigen Minuten geerntet worden. Es gab Gemüse in allen möglichen Formen und Farben. Es gab viele exotische Gerichte, die Nadira nicht kannte. Die Dynari aus den Städten am Meer hatten edle Fische mitgebracht, die man in Seraint sonst nur selten zu sehen bekam.
Die Stimmung war ausgelassen, alle waren fröhlich und genossen das Festessen. Nadira probierte viele verschiedene Gerichte, aber nur kleine Portionen. Die Diener befürchteten, dass Nadira das Essen nicht schmeckte, aber diese wollte einfach nur so viele verschiedene Köstlichkeiten probieren wie möglich.
Immer wieder kamen Dynari, oder Würdenträger aus anderen Ländern, z.B. Fürsten aus Androtor, zu ihr, um ihr zu gratulieren. Die meisten dieser Leute kannte Nadira nicht. Zwar stellten sich ihr alle vor, aber die schiere Anzahl der neuen Gesichter und Namen überforderte Nadira schnell, und bald hatte sie komplett die Übersicht verloren.
Schließlich waren alle Gäste satt. Trotzdem türmten sich die Leckereien noch immer auf den Tischen. Dyn Arthos hatte für ein wirkliches Festessen gesorgt.
Nadira beschloss sich eine Pause zu gönnen, und sich, zumindest für kurze Zeit, in den Innenhof zurückzuziehen. Ein wenig frische Luft würde ihr gut tun. Sie musste bald feststellen, dass der Plan nicht so einfach in die Tat umzusetzen war, wie sie gedacht hatte. Auf dem Weg zum Ausgang wurde sie immer wieder in Gespräche verwickelt. Schließlich brauchte sie mehr als eine halbe Stunde, um den Ausgang zu erreichen.
Doch damit war es nicht getan. Vor dem Saal tummelten sich Diener, und auch Schaulustige aus dem normalen Volk von Seraint. Sie waren zwar nicht zu den Feierlichkeiten eingeladen, aber viele kamen trotzdem, um zu gucken.
Als Nadira den großen Saal verließ, stand sie also keineswegs in einem leeren Raum, sondern in einer großen Halle, die fast genau so voll war wie der Saal selbst. Aber die Leute hier waren keine Würdenträger. Als sie Nadrias edle Gewänder und vor allem das Diadem sahen, gingen sie ihr aus dem Weg und wagten es nicht, sie anzusprechen. Sie brauchte nur fünf Minuten um die Halle zu durchqueren (normalerweise brauchte man dafür aber nicht einmal zwanzig Sekunden).
Als sie endlich in den Innenhof kam, seufzte Nadira tief. Endlich frische Luft. Aber Ruhe würde sie hier auch keine finden. Zwar herrschte hier kein solches Gedränge wie im großen Saal oder in der Eingangshalle, trotzdem war der Hof voller Leute.
Nadira schlüpfte hinter einige Büsche, dort befand sich eine „geschützte" Stelle. Sie war von drei Seiten von Büschen umgeben, und an der vierten Seite befand sich die Mauer des Hauses der Dynari. Es war ein ruhiger Platz, an den man sich zurückzog, wenn man einige Minuten Ruhe brauchte.
Der Platz war jedoch nicht leer. Ein junger Mann saß im Gras und schien es zu genießen, dem Treiben ein wenig entkommen zu sein. Seine Kleidung wies ihn als einen Diener aus. Als er Nadira sah, lächelte er ihr zu. „Hallo", sagte er fröhlich. Aber dann wurde aus seinem Lächeln Schrecken, als er ihr edles Kleid und vor allem ihr Diadem bemerkte.
„Ich … Dyna. Bitte entschuldigt", sagte er, und war ganz bleich geworden. „Ich gehe sofort wieder an die Arbeit."
„Nein. Bleib", sagte Nadira.
„Wie ihr wünscht, Dyna."
„Das war kein Befehl", sagte Nadira amüsiert. „Aber du kannst gerne bleiben. Ich verstehe gut, weshalb du hier bist. Vermutlich aus demselben Grund wie ich."
Er lächelte verunsichert. „Ich brauche eine kleine Pause. Ich habe es mit den anderen abgesprochen, wirklich."
„Du brauchst mir nichts zu erklären", sagte Nadira und setzte sich neben ihn ins Gras. „Ich brauche auch eine Pause von dem Chaos da drin."
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Der junge Mann war immer noch nervös, aber er schien sich ein wenig zu beruhigen, nachdem Nadira ihm immer noch nicht den Kopf abgerissen hatte.
„Ist das herrlich", sagte Nadira.
„Die Stille?"
Von Stille konnte man nicht wirklich sprechen. Es waren heute einfach zu viele Gäste hier, und das Haus von Dyn Arthos schien schier überzuquellen vor Meschen.„Zumindest wird man nicht dauernd von Leuten angerempelt, und auch nicht alle zwei Schritte von jemandem angesprochen."
„Dann sind wir wirklich aus demselben Grund hier", sagte er.
Nadira lächelte ihm zu. „Sagte ich doch."
Sie saßen noch eine Weile schweigend nebeneinander, dann machen sich beide wieder auf den Weg in den Kampf. Als Nadira wieder im großen Saal angekommen war, fing gerade der nächste Teil des Abends an: der große Tanz. Die Musiker waren schon da und spielten die ersten Stücke und erste Paare fingen an zu tanzen.
Im Laufe es Abends musste Nadira viele Tänze tanzen. Den Ersten mit Dyn Arthos, dann mit vielen anderen Dyns und Fürsten und reichen Händlern und anderen wichtigen Leuten. Ein paar Mal entdeckte Nadira Aurel und Larana im Gewühl, aber sie hatte keine Gelegenheit mit ihnen zu sprechen. Es war spät, als Nadira sich endlich zurückziehen konnte. Sie schleppte sich die Treppe hoch in ihr Gemach, schloss die Türe hinter sich, lies sich auf das Bett fallen, und schlief fast augenblicklich ein.
***
Die nächsten Tage verbrachte Nadira hauptsächlich damit, sich mit ihrem Fokusstein vertraut zu machen. Es fühlte sich komisch an ihn zu tragen. So oft wie möglich zog sie sich in ihre Gemächer zurück und legte das Diadem ab.
Dyn Arthos erfuhr natürlich davon, und er war nicht begeistert. „Der Fokusstein ist es, der uns zu Dynari macht", sagte er. „Du musst lernen damit umzugehen, und dich daran gewöhnen, ihn zu tragen." Natürlich wusste Nadira, dass er recht hatte, aber wirklich helfen tat ihr dieses Wissen nicht. Wenn sie den Fokusstein trug, konnte sie ihre besondere Gabe kaum kontrollieren, überall sah sie das feurige Leuchten des Ashara.
Im Haus von Dyn Arthos leben viele Ashari und alle strahlten dieses Licht aus. Nadira konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, es andauernd zu sehen. Das Licht war an sich nichts neues für sie, doch bisher hatte sie diese Gabe bewusst steuern, sie mühelos an- und ausschalten können. Doch der Fokusstein verstärkte ihr Ashara und damit auch ihre Gabe. Sie nahm das Ashara viel intensiver wahr, und sie war kaum noch in der Lage diese spezielle Wahrnehmung auszuschalten. Natürlich war ihr klar, dass es eine Sache der Übung war, aber es fiel ihr einfach unglaublich schwer. Jeden Abend war Nadira mit ihren Kräften am Ende und fiel erschöpft in ihr Bett.
Zwei Wochen vergingen, und Nadira hatte das Gefühl, keinerlei Fortschritt gemacht zu haben. Immer noch war sie abends völlig erschöpft. Eines Abends kam sie in ihr Gemach, legte das Diadem zur Seite und lies sich auf das Bett fallen. Sie seufzte tief und schloss die Augen. Es war, als hätte sie den ganzen Tag in die Sonne gestarrt. Sie konnte selbst durch die geschlossenen Augen noch das Glühen des Ashara sehen.
Plötzlich fühlte sie, dass sich jemand neben sie setzte. Erschrocken riss sie die Augen auf. Es dauerte einen Moment, bis sie klar sehen konnte, aber es war nur Aurel.
„Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken."
„Ich hab dich gar nicht bemerkt."
„Das hab ich bemerkt."
„Tut mir leid. Ich bin einfach so erschöpft." Nadira schloss wieder die Augen. Es war einfach so entspannend, die Augen zu schließen und nur auf dem herrlich weichen Bett zu liegen, alle Sorgen für einen Moment zu vergessen.
„Ist es immer noch das Diadem?"
„Ja."
„Ich hab darüber nachgedacht", sagte Aurel.
Darüber nachgedacht? Sie hatte doch keine Ahnung von Ashara, woher wollte sie wissen, wie es war eine Ashari zu sein? Woher wollte sie wissen, welche Probleme Nadira hatte? Fast im selben Moment, in dem sie diese Gedanken hatte, bereute Nadira sie wieder. Aurel war den ganzen Tag von Ashari umgeben, und sicherlich kannte sie viele ihrer Probleme. Wenn auch nicht aus erster Hand. Aber es war unfair, so über sie zu denken.
„Kann es sein, dass du zu viel kämpfst?"
Nadira schlug die Augen auf, und schaute Aurel überrascht an. „Wie meinst du das?"
„Ich habe den Eindruck, dass du gegen das Diadem kämpfst. Dass du … versuchst es mit Willenskraft zu beherrschen."
Nadira dachte darüber nach, sagte aber nichts. Sie war sich nicht ganz sicher, ob Aurel recht hatte.
„Ich habe gehört, dass man nicht dagegen kämpfen darf. Dass man sich …" Aurel zögerte. Sie wusste nicht, wie sie das ausdrücken sollte, was sie sagen wollte. „Dass man … es in sich aufnehmen soll, nicht versuchen, es zu kontrollieren."
„Du hast eine schlaue Dienerin", sagte plötzlich eine männliche Stimme. Nadira schoss vor Schreck förmlich in die Höhe, Aurel zuckte erschrocken zusammen und drehte sich dann zur Türe um. In der Türe stand Dyn Arthos.
„Entschuldigt bitte. Ich wollte euch nicht erschrecken. Ich hatte geklopft, aber niemand hat reagiert."
Aurel stand auf und machte einen Knicks vor Dyn Arthos, Nadira mühte sich, wieder auf die Füße zu kommen.
„Ich sehe, du trägst deinen Fokusstein wieder nicht."
„Ich brauche eine Pause", sagte Nadira und war erschrocken wie müde sie klang."
„Deine Dienerin hat ganz recht, mit dem, was sie sagte", fuhr Dyn Arthos fort. „Du darfst nicht gegen den Fokusstein ankämpfen. Du kannst ihn nicht mit deinem Willen beherrschen. Du musst ihn zu einem Teil von dir machen. Du musst ihn akzeptieren und in dich aufnehmen."
Nadira sah Aurel nachdenklich an. „Sie hatte wirklich recht?" Aurel sah stolz aus, auch wenn er das Lob nicht direkt an sie gerichtete hatte, hatte er sie doch gelobt.
„Ja. Das hat sie."
„Du schnappst wohl mehr auf, als du zugeben willst", sagte Nadira zu Aurel.
„Ich bin nur aufmerksam."
„Ich wollte sehen, wie es dir geht", sagte Dyn Arthos zu Nadira. „Ob du inzwischen besser mit dem Fokusstein zurechtkommst. Und ich wollte dir einige Tipps geben, falls das nicht der Fall ist." Er warf Aurel einen Blick zu und lächelte sie an. „Aber ich sehe, du bist in guten Händen."
Dyn Arthos verabschiedet sich und Nadira legte sich wieder auf ihr Bett. Aurel strahlte noch immer bis über beide Ohren, und Nadira dachte über das nach, was sie heute erfahren hatte. Aber bald holte die Erschöpfung sie ein, und sie schlief ein.
Vom nächsten Tag an versuchte sie anders mit dem Fokusstein umzugehen. Aber es gelang ihr nicht. Sie wusste einfach nicht, wie sie ihn zu einem Teil von sich machen sollte. Das ist doch Unsinn. Er ist nur ein Objekt, ein Ding, das an meiner Stirn klebt, sagte sie sich. Sie brauchte noch einige Tage, um zu verstehen, dass der Fokusstein mehr war. Er war auch Ashara. Der Fokusstein verband sich mit dem Ashara seines Trägers, oder genau gesagt, der Person auf die er eingestellt war.
Nachdem sie das verstanden hatte, schaffte sie es, sich zu öffnen. Und mit der Zeit fiel es ihr leichter sich mit dem Fokusstein zu verbinden. Er war nicht mehr eine Kraft, die von außen auf sie einwirkte, sondern er wurde zu einer Unterstützung ihrer Kraft. Als sie das geschafft hatte, fing sie an Spaß daran zu haben. Sie fing an, mit dem Fokusstein zu experimentieren. Sie bemerkte, dass sie weniger ihrer eigenen Kraft aufwenden musste und das Verwenden des Ashara somit weniger anstrengend wurde. Auch die Probleme mit ihrer Gabe verschwanden. Schon bald konnte sie die Gabe wieder kontrollieren. Und so wurde sie, ohne es wirklich zu bemerkten, zu einer echten Dynari.
Nadira saß an ihrem Schreibtisch und wollte etwas lesen. Aber sie schaffte es nicht, sich auf das Buch zu konzentrieren. Sie machte sich zu große Sorgen um Darec. Er und seine Gruppe waren nun schon mehrere Wochen überfällig. Hauptmann Selius machte sich noch keine Sorgen. Nach wie vor galt, dass bei so einer Reise der Zeitplan leicht durcheinandergeraten konnte. Aber für Nadira sah die Sache anders aus, sie machte sich Sorgen. Sie wusste, dass Darec zuverlässig war. Dehalb befürchtete sie, dass der einzige Grund für seine Verspätung der sein konnte, dass ihm etwas zugestoßen war.
Dabei spielte natürlich auch Nadiras Unerfahrenheit mit Reisen eine Rolle. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es manchmal schwierig war einzuschätzen, wie lange eine Reise dauern würde. Darec war nicht nur auf einer Reise, er war auf einer Prüfung und dabei ergaben sich noch viel mehr mögliche Verzögerungen. Außerdem bestand die Gruppe aus jungen Männern, die sicherlich auch den einen oder anderen Tag in Tavernen verschwendeten. Auch wenn es offiziell niemand zugab, diese Prüfung hatte auch den Zweck, dass die jungen Männer sich die Hörner abstoßen konnten. Dadurch sollten sie zuverlässiger werden, um ihre Pflicht bei der Wache besser ausfüllen zu können.
Lautes Klopfen riss Nadira aus ihren Gedanken. Da Aurel nicht hier war, musste sie die Türe selbst öffnen, davor stand Dyn Arthos.
„Ich habe eine Aufgabe für dich", sagte er.
Nadira bedeute ihm hereinzukommen. Sie bot ihm einen Stuhl an, aber er lehnte ab. „Ich bleibe nicht lange. Ich habe nur eine Aufgabe für dich."
„Und was für eine Aufgabe?"
„Eine Frau aus der Stadt hat sich an uns gewandt. Sie ist überzeugt, dass ihre Tochter über Ashara verfügt", sagte Dyn Arthos.
„Bekommen wir nicht oft solche Hinweise?" Viele Menschen wünschten sich, dass ihre Kinder Ashara besaßen. Es bedeutete nicht nur einen Aufstieg für das Kind, sondern auch für die Familie. Die Dynari unterstützten die Familien der Kinder, die als Novizen aufgenommen wurden. Allerdings wurden die Kinder von der Familie getrennt, sie wuchsen als Kinder der Dynari auf. Ohne Vater und Mutter, sondern als Teil einer großen Familie, eben der Dynari.
Nadira konnte sich an ihre Eltern nicht mehr erinnern. Sie kannte nicht einmal ihre Namen und wusste auch nicht, wo sie lebten, oder ob sie überhaupt noch lebten. Manchmal dachte sie darüber nach, aber meistens nicht. Sie war schon früh zu den Dynari gekommen, wie fast alle Novizen und sie kannte es nicht anders.
„Natürlich bekommen wir oft solche Hinweise", sagte Dyn Arthos. „Aber wir müssen ihnen auch nachgehen."
„Und was soll ich tun?"
„Du wirst zu dieser Familie reisen und das Kind prüfen." Reisen? Wo lebte diese Familie denn? Sollte das Nadrias erste Reise werden? Ein aufregender Gedanke, aber auch ein beunruhigender. Wenn sie auf eine Reise gehen musste, dann würde sie nicht hier sein, wenn Darec zurückkam.
„Wo lebt diese Familie?"
„In Seraint, es ist nicht weit. Die Aufgabe sollte dich nicht mehr als ein paar Stunden beschäftigen." Also doch keine Reise. Nadira war sowohl erleichtert als auch enttäuscht. „Ich denke, es sollte dir leicht fallen, diese Aufgabe zu erfüllen", sagte Dyn Arthos. „Du musst ja keine komplizierten Tests machen, sondern das Kind nur ansehen."
Nadira nickte. „Und wenn es über Ashara verfügt, soll ich es dann mitbringen?"
„Nein. Wir geben ihnen ein paar Tage Zeit, sich zu verabschieden. Wenn es über Ashara verfügt, sag der Mutter, dass du es in drei Tagen abholen wirst."
„Gut", sagte Nadira. „Und wenn es über kein Ashara verfügt?"
„Dann sagst du der Mutter, dass ihr Kind kein Ashari ist", sagte Dyn Arthos. Er wollte sich gerade zum Gehen umwenden, dann fügte er jedoch hinzu: "Wenn du wieder zurück bist, erstattest du mir Bericht."
***
Nadira lies sich von Aurel zurecht machen. Als Dynari musste sie immer gepflegt aussehen. Das bedeutete vor allem: langwieriges Zurechtmachen der Haare. Ohne Aurel wäre Nadira schon lange verzweifelt. Zum Glück aber hatte sie Aurel und so war es zwar immer noch nervig, aber immerhin nicht zum verzweifeln.
Als ihre Haar saßen, und sie in ihrem Kleid steckte, griff Nadira nach ihrem Diadem und setzte es auf. Der Fokusstein verband sich sofort mit ihrem Geist. Inzwischen war das Gefühl für Nadira vertraut und sie kämpfte nicht mehr dagegen an.
Nadira ging auf die Türe zu und sagte zu Aurel: „Ich bin in einigen Stunden wieder zurück."
„Hast du nicht etwas vergessen?"
Nadira sah an sich herab. Kontrollierte ihre Kleidung, dann ihr Diadem. Alles war da. Aurel schmunzelte. „So etwas meinte ich nicht."
„Was meinst du denn?"
„Eine Dynari verlässt doch nie ohne Hüter das Haus." Ein Hüter. Aurel hatte natürlich recht. Ein Hüter war eine Art persönliche Wache für die Dynari. Die Wache selbst war für die ganze Stadt zuständig. Sie schützen die Dynari, die normalen Leute, eben alles. Ein Hüter hingegen war für einen bestimmten Dynari zuständig. Jeder Dynari erwählte einen Hüter. Es war ein sehr großer Vertrauensbeweis, zum Hüter erwählt zu werden. Aber Nadira hatte noch keinen erwählt.
„Ich habe keinen Hüter", sagte Nadira.
„Ich weiß. Dann musst du jemand von der Wache mitnehmen."
Nadira seufzte. Sie hatte keine besondere Lust, jetzt nach einer Wache zu suchen.
„Weißt du überhaupt, wohin du gehen musst?", fragte Aurel. „Ich meine, kennst du den Weg?"
„Ähm", machte Nadira. Aurel hatte recht. Die Begeisterung und Aufregung über ihren ersten Auftrag hatte Nadira komplett vergessen lassen, dass sie nicht wusste, wo diese Familie eigentlich wohnte. Ohne Aurel wäre sie einfach los spaziert, ohne zu wissen, wohin sie eigentlich gehen sollte. Wahrscheinlich wäre ihr erst in der Stadt klargeworden, dass sie gar kein Ziel hatte. Eine ziemlich peinliche Situation.
Dyn Arthos hatte ihr zwar gesagt, wie die Frau hieß, aber nicht wo genau sie wohnte. Nadira kam sich gerade ziemlich dumm vor. Wieso hatte sie ihn nicht gefragt?
„Ich geh einen Wächter holen", sagte Aurel. Und ehe Nadira etwas erwidern konnte, war Aurel schon durch die Türe verschwunden. Während Nadira darauf wartete, dass Aurel zurückkam, ging sie vor ihrem Bett auf und ab. Ihre Nervosität wuchs mit jedem Schritt. Erst jetzt wurde ihr klar, dass Dyn Arthos ihr einen wichtigen Auftrag gegeben hatte. Ihr wurde erst jetzt die Verantwortung klar, die hinter diesem Auftrag stand. Ein Ashari, der nicht ausgebildet wurde, konnte eine große Gefahr werden. Ashara zu kontrollieren brauchte eine Menge Wissen und Können. Viele Ashari, die keine Ausbildung bekamen, verloren die Kontrolle über ihr Ashara. Das konnte für sie selbst und für andere in ihre Nähe sehr unangenehme Folgen haben.
Aurel riss Nadira aus ihren Gedanken, als sie deren Gemächer wieder betrat.
„Ich hab eine Wache für dich", sagte sie. „Er kennt sich in der Stadt aus und kann dir den Weg zeigen."
„Danke", sagte Nadira und verließ ihre Gemächer. Im Gang stand ein junger Mann, vermutlich nur ein oder zwei Jahre älter als Nadira. Er war also noch nicht lange bei der Wache. Als er Nadira sah, verbeugte er sich und grüßte sie.„Dyna."
***
Nadira kam sich ein wenig albern vor, als sie mit der Wache durch den Innenhof ging, auf das Tor des Hauses zu. Der Innenhof war zwar nicht mehr so voll wie bei der Feier, aber wie immer, war er durchaus belebt. Nadira hatte das Gefühl von allen beobachtet zu werden. Vermutlich bildete sie sich das nur ein. Durch die ungewohnte Situation und auch wegen der Aufgabe und der damit verbundenen Verantwortung, war sie nervös. Aber das Gefühl blieb, und sie fühlte sich zunehmend unwohl.
Der Wächter am Tor verneigten sich vor ihr, was Nadira dazu veranlasste kurz stehen zu bleiben und ihn verwirrt anzusehen. Bainus, der Wachmann der sie begleitete, war vorausgegangen und hatte davon nichts mitbekommen. Nadira musste sich beeilen, um wieder zu ihm aufzuschließen.
Das Haus von Dyn Arthos lag mitten in der Stadt, auf einem kleinen Berg. Es hieß das Haus stamme noch aus der Zeit der Aiudir und war noch von diesen erbaut worden. Aber Nadira hatte diese Geschichte nie so wirklich geglaubt. Das Haus machte nicht den Eindruck schon so alt zu sein. Vielleicht hatten wirklich Aiudir auf diesem Berg als Erste ein Haus gebaut, aber die Häuser, die heute dort standen, waren sicher nicht von den Aiudir errichtet worden.
Um vom Haus von Dyn Arthos in die Stadt zu kommen, musste man einer Straße folgen, die sich in einer Rechtskurve um den Berg wand. Die Straße war auf diese Art angelegt worden, damit sie nicht so steil war, dafür war sie so um einiges länger geworden.
Das Tor zum Haus der Dynari lag nicht am äußeren Rand, sondern war ein Stück nach innen versetzt. Links und rechts war es von Häusern gesäumt, sodass man den Eindruck hatte, durch eine kurze Schlucht zu gehen, ehe man das Tor erreichte. Diese Stelle war ziemlich eng und sollte Angreifer behindern, die dort nicht die ganze Stärke ihrer Truppen einsetzen konnten. Die Häuser links und rechts des Tores hatten flache Dächer, von dort aus konnte man Angreifer mit Pfeil und Bogen und anderen Gemeinheiten eindecken. Das Tor war außerdem massiv und schwer und konnte mit einem riesigen Riegel verschlossen werden. Es war nur schwer vorzustellen, dass Angreifer durch das Tor in das Haus vordringen konnten, außer sie hatten Unterstützung durch Ashari.
Als Nadira diese „Schlucht" hinter sich gelassen hatte, öffnete sich der Ausblick und ganz (naja, genau gesagt, halb) Seraint lag vor ihr. Sie sah die prunkvollen Villen der reichen Leute, die sich vor allem in der Nähe des Berges befanden, und immer innerhalb der Innenstadt. Die Innenstadt, oder auch alte Stadt, war von einer Mauer umgeben. Es war die alte Grenze der Stadt gewesen. Aber die Stadt war gewachsen, inzwischen um ein Vielfaches, und schließlich waren erneut Mauern um die Stadt gezogen worden. Seraint bestand also aus zwei Kreisen, deren Zentrum der Berg, und damit das Haus von Dyn Arthos, bildete.
Inzwischen war aber auch der Bereich innerhalb der äußeren Mauer zu klein, und erste Leute fingen an, sich außerhalb der Mauer anzusiedeln. In der näheren Umgebung von Seraint gab es eine ganze Menge kleine Dörfer. Sie gehörten nicht direkt zur Stadt, waren aber nah genug an den Stadtmauern, dass die Bewohner sich, im Falle eines Angriffs, in die Stadt in Sicherheit bringen konnten.
Nadiras Ziel lag im äußeren Ring, also noch in der Stadt, aber nicht in der Innenstadt. Es war eines der ärmeren Gebiete innerhalb von Seraint und es war ein weiter Weg.
Am Ende des Weges, am Fuße des Bergs, befand sich ein weiteres Tor. Da es aber keine Mauer um den Berg herum gab, hatte es eher symbolischen Charakter als eine Verteidigungsfunktion. Auch die Wachen an diesem Tor verneigten sich vor Nadira als sie das Tor passierte. Nadira war diese Respekterbietung unangenehm. Sie war froh, als sie das Tor hinter sich ließen und in die Menge eintauchten.
Das „in die Menge eintauchen" glückte aber nicht so gut, wie Nadira sich das vorgestellt hatte. Die Menschen gingen ihr und ihrem Wächter respektvoll aus dem Weg. Viele Menschen die sie passierten verbeugten sich oder machten einen Knicks.
Nicht alle Menschen waren so zurückhaltend. Ein paar wollten mit der Dyna reden, sie um einen Gefallen bitten, aber Bainus machte seinen Job gut und lies niemand an Nadira heran. Er würde einen guten Hüter abgeben, dachte Nadira. Und früher oder später würde sie einen wählen müssen.
Am Rande der Innenstadt, an der inneren Mauer, kamen sie wieder an ein Tor, und wieder verneigten die Wachen sich von der Dyna. Nadira versuchte es zu ignorieren oder als normales Verhalten abzutun. Aber das wollte ihr nicht so ganz gelingen.
Im äußeren Ring wurde es noch schlimmer. Die Leute hier waren nicht nur respektvoll, viele waren sogar ängstlich. Wenn Nadira jemand ansah, verbeugte dieser sich schnell und versuchten dann wegzukommen. Dieses Verhalten verletzte Nadira ein wenig, obwohl sie selber nicht genau wusste wieso. Die Leute verhielten sich ja nicht ihretwegen so, sondern nur wegen ihres Standes.
Schließlich kamen sie an einen Marktplatz. Er platzte schier aus den Nähten vor Menschen. Hier waren so viele Menschen, dass selbst eine Dynari kaum auffiel. Einige Male wurde sie von jemand angerempelt. Diese Leute wurden dann regelrecht bleich, als sie sahen, wen sie da angerempelt hatten. Sie entschuldigten sich überschwänglich und Nadira versuchte sie zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass alles in Ordnung war.
Schließlich kamen sie an eine Stelle, die offenbar so vollgestopft war, dass die Menschen nicht ausweichen konnten. Die Leute hier waren außerdem zu beschäftigt, nicht zerdrückt zu werden, sodass sie die Dyna gar nicht bemerkten. Immer wieder mussten sie anhalten und Bainus trieb die Leute lautstark auseinander. Nadira fand dieses Verhalten ziemlich unangebracht. Aber es gab noch eine Steigerung. Mehrere Leute machten auch nach mehrmaliger Aufforderung keinen Platz. Bainus packte die Leute schließlich einfach und stieß sie aus dem Weg.
Ein paar der Männer wollten das nicht auf sich sitzen lassen und begannen einen Streit mit Bainus. Der Streit drohte zu eskalieren, als dieser plötzlich sein Schwert zog. Jetzt war es Nadira zu viel geworden, sie ging dazwischen.
„Hört sofort mit diesem Unsinn auf", schrie sie. „Ihr alle." Dabei sah sie Bainus scharf an.
„Sie sind respektlos", rief er. „Sie wollten keinen Platz machen."
„Das ist aber kein Grund sie anzugreifen", sagte Nadira, dann wandte sie sich an die anderen. „Und was ist mit euch? Wieso wollt ihr uns nicht durchlassen?"
Ein Mann trat hervor. Er war in einfache Sachen gekleidet und etwas verschwitzt. Ein einfacher Mann. Er verneigte sich vor Nadira und sagte: „Bitte verzeiht uns, Dyna. Wir hatten Euch nicht gesehen. Diese Gasse hier ist sehr eng. Wir haben nur gesehen, dass dieser Mann handgreiflich wurde."
„Ich habe gesagt, ihr sollt Platz für die Dyna machen", schrie Bainus den Mann an.
„Genug", sagte Nadira. „Es tut mir leid, dass meine Wache so überreagiert hat. Aber würdet ihr uns nun bitte durchlassen?"
„Natürlich." Der Mann verneigte sich und begann die anderen Leute aus dem Weg zu scheuchen.
„Ihr hättet Euch nicht entschuldigen dürfen", sagte Bainus zu Nadira.
„Willst du mir sagen, was ich tun soll?"
Bainus wurde erst bleich, dann knallrot. „Nein, natürlich nicht, Dyna. Tut mit Leid." Einige der Leute, die in den Vorfall verwickelt waren, grinsten ihn jetzt schadenfroh an, während sie die Engstelle passierten.
***
Die meisten Häuser in Seraint bestanden aus Stein, oder hatten zumindest ein Geschoss aus Stein. Bei vielen Häusern war später noch ein erster Stock aus Holz oben drauf gebaut worden, aber die Grundmauern bestanden aus Stein. Nicht so in einem kleinen Bereich im Süden der Stadt, in der Nähe der äußeren Mauer. Hier lebten die ärmsten Einwohner von Seraint. Ihre Häuser bestanden nur aus Holz. Die meisten dieser Häuser waren durchaus gemütlich, aber sie waren eben nur aus Holz. Ein Haus aus Stein war ein Zeichen für einen gewissen Wohlstand. Ein Holzhaus dagegen war ein Zeichen, dass dieser Wohlstand fehlte.
Auch dieser Teil von Seraint war relativ wohlhabend, im Vergleich zu vielen anderen Orten in Alluria. Innerhalb von Seraint war es aber das Armenviertel. Bainus führte Nadira zielsicher durch die Straßen. Die Häuser hier standen dichter zusammen als in anderen Teilen der Stadt und woben so ein dichtes Netz aus engen Gassen. Nur wenige Straßen waren breit genug, um diesen Namen auch zu verdienen. Nadira war erst einmal in diesem Teil der Stadt gewesen und das auch nur kurz.
Die Leute hier waren offenbar sehr neugierig. Offen wurde Nadira angestarrt, einige Leute folgten ihr sogar ein Stück. Aber niemand sprach sie an, oder machte den Eindruck, dass sie nicht erwünscht war. Es war eher so, als fragten sie sich, was eine Dynari in diesem Teil der Stadt machte.
Sie blieben vor einem kleinen Haus stehen. Wie die anderen hier, war es komplett aus Holz gebaut. Es war so klein, dass Nadira vermutete, dass es nur aus einem oder vielleicht zwei Räumen bestand.
„Hier ist es", sagte Bainus und drehte sich zu Nadira um. Er schien auf etwas zu warten und als Nadira ihm zunickte, klopfte er fest an die Türe und rief: „Aufmachen, im Namen der Dynari."
Nadira seufzte und schüttelte den Kopf. Bainus schien sie gehört zu haben. Er drehte sich zu ihr um und sah sie fragend an. Aber Nadira kam nicht dazu, etwas zu sagen, denn in diesem Moment wurde die Türe einen Spalt weit geöffnet.
Eine junge Frau blickte durch den Spalt nach draußen, sie sah verängstigt aus und wagte es nicht etwas zu sagen.
„Lass uns rein, Weib", rief Bainus. Nadira schob ihn einfach zur Seite und sprach die Frau selber an. „Ralma?"
„J-ja", stammelte die Frau.
„Ich bin Dyna Nadira. Du hast dich an die Dynari gewandt, weil du vermutest, dass dein Kind über Ashara verfügt."
Die Frau schien sich ein wenig zu entspannen. Sie öffnete die Türe ein Stück weiter und Nadira konnte erkennen, dass sie kaum älter sein konnte als Nadira selbst. Sie trug ein einfaches Kleid, dass ein wenig abgenutzt aussah. „Ja. Das stimmt."
„Ich bin hier um das zu überprüfen."
Ralma öffnete die Türe und bat Nadira, und etwas widerwillig auch Bainus, herein. „Sie ist gerade nicht hier. Leider hat mir niemand gesagt, dass Ihr heute kommen würdet."
Nadira sah sich im Haus um. Sie hatte mit ihrer Einschätzung recht gehabt. Sie befand sich in einem Raum der fast die gesamte Grundfläche des Hauses einnahm. Gegenüber und ein Stück links der Türe gab es eine Feuerstelle. Ein Feuer brannte und ein Kessel hing über dem Feuer. Von dem Kessel stieg der sanfte Duft eines Eintopfs auf. Neben der Feuerstelle befand sich ein Stapel Holz. Auf der anderen Seite des Raumes stand ein niedriger Tisch. Es gab keine Stühle oder Betten. Links führte eine Türe vermutlich in einen anderen Raum, dieser musste aber winzig sein. Vielleicht das Schlafzimmer oder ein Vorratsraum.
„Das ist nicht schlimm", sagte Nadira. „Wie heißt dein Kind?"
„Kini."
„Wie alt ist Kini?"
„Sie ist sechs."
Nadira nickte. In diesem Alter traten oft die ersten Anzeichen für Ashara auf. „Gibt es Verwandte, die über Ashara verfügen?"
„Nein, Dyna."
„Du weißt, dass es dann sehr unwahrscheinlich ist, dass Kini über Ashara verfügt? Ashara wird immer von den Eltern vererbt."
Offenbar wusste sie das nicht, denn ihr Gesicht spiegelte Enttäuschung wieder. „Nein, das wusste ich nicht, Dyna."
„In seltenen Fällen überspringt das Ashara einige Generationen", sagte Nadira. „Bei mir selbst war es ebenfalls so."
„Also besteht doch eine Hoffnung?" Ralmas Augen flehten Nadira an.
„Ja. Eine kleine Hoffnung besteht."
