Sektor 20 - Lina-Marie Lang - E-Book

Sektor 20 E-Book

Lina-Marie Lang

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Beschreibung

Laura arbeitet als Datenverarbeiterin beim Megakonzern BWT. Ihr Leben und ihre Arbeit sind unglaublich langweilig. Laura sehnt sich nach dem Cyberspace, der virtuellen Welt. Eines Tages findet sie in ihrem Apartment einen Datastick. Er gehört nicht ihr und sie hat keine Ahnung, woher er stammt. Schließlich folgt Laura den Daten auf dem Stick in die Tiefen des Cyberspace ihres Arbeitgebers. Dabei stößt sie auf Informationen über ein streng geheimes Projekt. Megakonzere haben es nicht gerne, wenn Unbefugte in ihren Daten herumschnüffeln. Laura bleibt nur die Flucht. Sie landet ausgerechnet in Sektor 20, dem Sektor des Verbrechens. Gefährliche Gangs, mit Implantaten hochgerüstete Kampfmaschinen und Gewalt bestimmten den Alltag in Sektor 20. Kann eine junge Frau, die in der Sicherheit einer Konzern-Metropole aufgewachsen ist, dort überleben? Sektor 20 ist ein Cyberpunk Roman. Die virtuellen Weiten des Cyberspace treffen auf Straßenkämpfer, die mit Cyber-Implantaten zu Kampfmaschinen hochgerüstet wurden. Megakonzerne herrschen über das Europa der nahen Zukunft. Ganz Europa wurde als UES, United European States, vereint. Die einzelnen Staaten wurden aufgelöst und das Land in Sektoren unterteilt. Die meisten dieser Sektoren befinden sich in der Hand von Megakonzernen. Die Konzerne legen die Gesetze fest, die Sicherheitstruppen der Konzerne fungieren als Polizeikräfte. Die Regierung der UES existiert nur auf dem Papier, in der wirklichen Welt ist sie quasi machtlos. In ihrem Konkurrenzkampf bauen die Megakonzerne auf sogenannte "Externe Spezialisten", illegale Söldner, die die Konzerne dann anheuern, wenn sie Informationen über ihre Konkurrenz brauchen, oder die Arbeit anderer Konzerne sabotieren wollen. Sektor 20 befindet sich nicht in der Hand eines Konzerns. Er wird auch "der Sektor des Verbrechens" genannt. Gangs, das organisierte Verbrechen und die "Externen Spezialisten" herrschen in diesem Sektor.

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Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lina-Marie Lang

Sektor 20

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Datastick

Sektor 20

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Impressum neobooks

Der Datastick

Als Laura an diesem Morgen aufwachte, erwartete sie nur einen weiteren, langweiligen Tag als Datenverarbeiterin bei BWT. Aber an diesem Tag wurden Ereignisse in Gang gesetzt, die ihr ganzes Leben verändern sollte.

Es begann wie beinahe jeder Tag seit gut vier Jahren. Der Computer ihres Appartements in der BWT-Arcologie in Sektor 35 weckte sie, indem er Musik anstellte. Laut.

Um die Musik auszuschalten, musste Laura aufstehen. Mit einem tiefen Seufzen schlüpfte sie unter der Decke hervor und stolperte auf die andere Seite des kleinen Zimmers, das sowohl als Wohn- als auch als Schlafzimmer diente. Hier drückte sie eine Taste und schaltete die Musik damit aus.

Da sie ja nun mal schon aus dem Bett aufgestanden war, und es ohnehin Zeit war sich für den Tag fertig zu machen, ergab Laura sich in ihrem Schicksal und wollte in das Bad gehen, um zu duschen.

Sie kam nur einige Schritte weit. Auf dem Tisch, keine zwei Meter von ihrem Bett entfernt, lag ein Datastick.

Wo kommt der denn her? Laura war sich ziemlich sicher, dass sie keinen Datastick auf dem Tisch hatte liegen lassen. Mit einem unsichereren Gefühl trat sie die zwei Schritte an den Tisch heran und sah sich den Stick näher an. Es war ein ganz normaler, handelsüblicher Datastick. Aber Laura war sich sicher, dass es keiner von ihren war.

Lauras Sticks waren alle von ihrem Arbeitgeber BTW. Dieser hier hatte aber keine Aufschrift, keine Marke. Sehr seltsam. Welcher Konzern stellte Datasticks her, ohne den Firmennamen darauf zu drucken?

Laura schüttelte den Kopf. Das war jetzt nicht so wichtig, sie musste erst einmal duschen. Unter der Dusche schoss ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Wenn der Stick nicht ihr gehörte, und sie ihn auch nicht auf den Tisch gelegt hatte, wo kam er dann her?

Jemand musste in der Nacht in ihrem Apartment gewesen sein! Ohne das Wasser abzustellen sprang Laura aus der Dusche und rannte nackt, ohne sich abzutrocknen, zurück ins Wohnzimmer. Hier checkte sie den Computer, der alle Zugriffe auf die Türe aufzeichnete. Wenn in der Nacht jemand hier drin gewesen war, gab es einen Eintrag. Es gab jedoch keinen.

Während Laura verwirrt auf den Bildschirm starrte, bildete sich unter ihr eine Pfütze. "Scheiße.” Sie setzte noch ihr ganzes Wohnzimmer unter Wasser. "Das Bad!” Laura hatte weder das Wasser ausgeschaltet, noch die Duschkabine geschlossen. Tatsächlich hatte sich bereits eine tiefe Pfütze im Bad gebildet.

Als Laura das Bad einigermaßen trockengelegt und sich angezogen hatte, ging der nächste Alarm los. Die Zeit war um, sie musste sofort los, oder sie kam zu spät zur Arbeit, und sie hatte noch nicht einmal gefrühstückt.

Mit einigen Flüchen zog Laura sich eine Jacke und Schuhe an, schnappte sich den Datastick und verschwand nach draußen. Sie hetzte durch die Gänge der BWT Arkologie. Sie musste sich beeilen,um nicht spät zur Arbeit kommen. Mit ihrer Chefin war nicht gut Kirschen essen.

Wegen dieses blöden Sticks, hatte sie keine Zeit gehabt zu Frühstücken, und trotzdem wusste sie noch immer nicht, woher er eigentlich kam. Sie musste den Stick während ihrer Arbeitszeit untersuchen. Sie konnte unmöglich bis heute Abend warten, vorher würde sie vor Neugierde platzen.

Laura rannte durch die Gänge der Arkologie, links befand sich das Zentrum und damit ein tiefer Abgrund. Das Zentrum war eine Art riesige Röhre, die sich über hundert Meter in der Mitte der Arkologie erhob. Die Wege waren von diesem Abgrund nur durch Scheiben aus durchsichtigem Plastik getrennt. Normalerweise fühlte Laura sich sehr unwohl, wenn sie in die Tiefe schaute und sie mochte es nicht, dass die Gänge so offen gehalten wurden.

Heute hatte sie aber andere Sorgen, nämlich noch rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Sie wollte keinen Ärger mit ihrer Chefin. Diese war zwar nur eine kleine Leiterin einer kleinen Abteilung, aber sie hielt sich für etwas Besseres und lies es die anderen nur zu gerne spüren. Das Problem war, dass sie Laura mit ihrer Beurteilung durchaus Probleme bereiten konnte. Deshalb musste Laura gute Miene zum bösen Spiel machen.

Keuchend kam sie im Büro an. Die anderen Computer waren bereits besetzt, sie war die Letzte. Sie murmelte eine Entschuldigung zu ihrer Vorgesetzten, die sie böse anguckte, und schlüpfte mit gesenktem Kopf zu ihrem Computer durch.

Ihr Arbeitsplatz war ein Großraumbüro. Die einzelnen Plätze waren durch weiße Wände aus Plastik voneinander getrennt. Jeder Platz verfügte über einen Stuhl, einen Schreibtisch mit Computer und einen kleinen Schrank für Arbeitsmaterial und Sachen, die die Angestellten mitbrachten.

Als sie hektisch versuchte, ihre Jacke auszuziehen, fiel ihr der Stick aus der Tasche. Laura zuckte erschrocken zusammen.

"Was ist das denn?", erklang hinter ihr die Frage.

Laura drehte sich um. Es war Leonie, ihre Freundin und Kollegin. Sie hatte den Stick in der Hand.

"Ach. Das ist nichts", sagte Laura und versuchte Leonie den Stick schnell wieder abzunehmen, ehe die Chefin etwas mitbekam. Aber Leonie war schneller und zog die Hand zurück.

"Nichts also", sagte sie mit einem Stirnrunzeln. "Wieso schleppst du denn ein Nichts mit dir rum?" Sie konnte ein hämisches Grinsen nicht unterdrücken.

Laura verdrehte die Augen und seufzte. "Gib her. Ich bin sowieso schon zu spät. Ich will nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf mich lenken."

"Na dann sag mir doch, was da drauf ist."

"Ich weiß es selbst nicht. Den habe ich heute bekommen und hatte noch keine Zeit zu schauen, was drauf ist."

Die merkwürdigen Umstände, wie sie den Stick bekommen hatte, verschwieg Laura lieber. Leonie war zwar eine liebe Freundin, aber sie konnte Geheimnisse nicht für sich behalten. Wenn sie es ihr erzählen würde, wusste es bald die ganze Abteilung. Und Laura fürchtet, dass sich die Sicherheit dafür interessieren würde und das würde eine Menge Fragen und Unannehmlichkeiten für sie bedeuten.

"Und von wem ist er?", wollte Leonie wissen.

"Das geht dich nichts an", sagte Laura und griff wieder nach dem Stick.

"Oh. Hast du einen Verehrer?" Leonie riss überrascht die Augen auf.

"Das hab ich nicht gesagt."

"Nein, das musst du auch nicht. Ich kann Eins und Eins zusammenzählen."

Laura fragte sich, womit sie das nur verdient hatte. "Nein. Ich hab keinen Verehrer. Und nun gib mir den Stick zurück."

"Gibt es hier ein Problem?"

Laura und Leonie zuckten zusammen, als hinter ihnen die strenge Stimme ihrer Chefin Frau Cheng erklang.

"Nein. Nein. Alles in Ordnung", sagte Laura schnell. "Mir ist nur ein Stick runter gefallen und Leonie hat es bemerkt und ihn mir aufgehoben." Sie nutzt die Chance, um der verdutzten Leonie den Stick aus der Hand zu nehmen.

"Danke dir. Ich muss jetzt aber arbeiten." Laura legte den Stick neben dem Computer auf den Tisch, als wäre er ein normales Arbeitsmaterial. Dann setzte sie sich und schaltete den Rechner ein.

Leonie stand noch da und wusste nicht, was tun oder sagen sollte.

"Haben Sie nichts zu tun?", fragte Frau Cheng barsch.

"Doch, doch. Natürlich", sagte Leonie und verschwand schnell.

Als die Chefin weiter gegangen war, atmete Laura erleichtert auf. Den Stick steckte sie schnell zurück in ihre Jackentasche. Dann machte sie sich an die Arbeit.

Die Arbeit war gewohnt eintönig. Laura fühlte sich völlig unterfordert. Sie wäre in der Lage so viel mehr zu leisten, aber man lies sie nicht. Ihre Talente lagen hier total brach. Als man sie angestellt hatte, hatte Laura gedacht, sie würde groß Karriere machen. Man hatte ihre Fähigkeiten gelobt und gesagt, sie könnte es bei BWT sehr weit bringen. Doch die Realität sah anders aus.

BWT, ein Kürzel für Better World Technologys, war der führende Hersteller von Cyberspace Technologien und Cyberware. Von Cyberspace Hardware, über Programme bis hin zu ICE hatte BWT alles im Angebot. Der zweite Zweig war die Cyberware. Die Verschmelzung von Körper und Technologie. Wenn man den Cyberspace wirklich erleben wollte, brauchte man dazu Cyberware.

Laura hatte eine Datenbuchse an der Schläfe. Die Datenbuchse erlaubt eine direkte geistige Verbindung mit einem Computer und damit das direkte Eintauchen in den Cyberspace.

Aber Lauras Datenbuchse wurde nie verwendet. Die Standard-Aufgaben, die man ihr zuteilte, benötigten keine direkte Verbindung mit dem Cyberspace. Sie arbeitete die meiste Zeit mit Tastatur und Monitor.

Laura seufzte. Sie fühlte sich unterfordert. Ihre Vorgesetzten trauten ihr offenbar nicht mehr zu. Aber vielleicht war die Cheng auch nur eifersüchtig auf sie und hielt sie deshalb zurück.

Wut stieg in Laura auf. Ja, das musste es sein. Sie musste schuld sein. Sie teilte ihr nie komplexere Aufgaben zu, sodass Laura keine Chance hatte, ihr Können unter Beweis zu stellen.

Laura war froh, als es endlich Zeit für die Mittagspause war. Die anderen verließen nach und nach das Büro.

"Es ist Mittagspause."

Laura drehte sich um, um ihre Chefin ansehen zu können. Sie musste sich zurückhalten, um sie nicht anzuschreien. "Ja. Ich weiß. Ich möchte nur diesen Absatz fertigmachen. Sonst verliere ich den Faden."

"Es werden keine Überstunden berechnet."

"Ja. Ich weiß. Ich bin gleich fertig."

"Gut." Sie drehte sich um und ging ebenfalls. Laura sah ihr wütend nach. Diese wichtigtuerische Kuh! Hält sich für was Besseres. Laura wusste, dass sie fünfmal mehr drauf hatte.

Aber sie hatte noch einen Grund, sich nicht zu beeilen: den Datastick. Sie wollte einen Blick drauf werfen. Sie griff in die Tasche ihrer Jacke.

"Na? Guckst du jetzt nach, wer dein Verehrer ist?" Leonie stand plötzlich hinter Laura. Sie hatte wohl auf sie gewartet. Dazu sie musste sich versteckt haben, sonst hätte Frau Cheng sie aus dem Raum gescheucht.

"Ich hab keinen Verehrer", fauchte Laura.

"Nun sei doch nicht so gereizt."

"Ach vergiss es. Gehen wir essen." Laura stecke den Stick wieder in ihre Jackentasche und zog die Jacke an. Leonie sah sie enttäuscht an.

"Du willst nicht nachschauen?"

"Nein. Ich will was essen."

"Und warum hast du ihn dann aus der Jacke geholt?"

"Weil ich wissen wollte, ob er noch da ist."

"Ach so."

Laura war wütend. Dank Leonie musste sie jetzt noch warten, bis sie mit der Arbeit fertig war. Dabei war sie selber so neugierig drauf herauszufinden, was sich auf dem Stick befand. Aber sie konnte unmöglich zusammen mit Leonie nachsehen.

Also gingen sie zusammen in die Kantine. Leonie plapperte die ganze Zeit fröhlich drauf los und stellte Theorien, auf wer Lauras heimlicher Verehrer sein könnte. Und sie ging Laura damit gehörig auf die Nerven. Laura war still und fraß ihren Groll in sich hinein. Leonie plapperte weiter und weiter und weiter und bemerkte Lauras gereizte Stimmung gar nicht.

Abends, als sie endlich Feierabend hatte, war Lauras Stimmung auf dem Tiefpunkt. Leonie war den ganzen Tag immer wieder mit weiteren möglichen Verehrern angekommen. Die Chefin hatte Laura mit Aufgaben gequält, die noch sinnloser waren als üblicherweise, und der Nachmittag hatte sich scheinbar endlos hingezogen.

Als Laura endlich wieder Zuhause war und die Türe hinter sich geschlossen hatte, musste sie erst einmal tief durchatmen, um den Ärger wieder unter Kontrolle zu kriegen. Sie nahm den Stick aus der Jackentasche und warf die Jacke achtlos über die Lehne eines Sessels.

Ihr Apartment war klein, wie das aller Angestellten in unwichtigen Positionen. Außerdem Wohn- und Schlafzimmer gab es noch eine Küche und ein Badezimmer. Das Bett war in einer Schrankwand versteckt, und wenn Laura schlafen gehen wollte, klappte sie es herunter. Tagsüber aber war es hochgeklappt, sonst könnte man sich in dem Raum kaum noch bewegen.

Außer ein paar einfachen Möbeln besaß Laura einen Computer und den Terminal des Arkologiecomputers. Das Terminal war Standard in allen Apartments der BWT Arkologie. Außer dass es Funktionen des Aparments steuerte war es noch ein Unterhaltungsgerät.

Laura machte sich auf den Weg in die Küche. Den Stick legte sie neben ihren Computer und schaltete diesen an.

Die Küche war klein aber zweckmäßig. Es gab eine Spüle, einen Herd, eine Kombination aus Mikrowelle und Backofen, einen Kühlschrank und einige Schränke.

Sie stellte ein Fertiggericht in die Mikrowelle und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Das Glas leerte sie in einem Zug und schenkte nach. Kurz darauf klingelte die Mikrowelle.

Sie nahm ihr Abendessen heraus und löste den Deckel von der Verpackung. Dann eilte sie zurück in zu ihrem Computer und sammelte auf dem Weg noch Besteck und das Glas Wasser ein.

Vor dem Computer blieb sie stehen und starrte ungläubig auf den Tisch. Der Computer war hochgefahren, aber der Datastick war weg. Vor lauter Schreck ließ sie ihr Essen fast fallen. Dann aber stellte sie es weg und rannte zum Terminal. Sie prüfte, wer das Apartment betreten hatte. Niemand. Nach ihr hatte niemand das Apartment betreten. Aber wie konnte der Stick dann verschwinden?

"Er muss unter den Tisch gefallen sein", sagte sie zu sich selbst. Sofort kroch sie unter den Tisch, um den Stick zu suchen. Aber er war nicht zu finden. Schnell lief sie zu ihrer Jacke und schaute in der Tasche nach. "Irgendwo muss er doch ..." Sie fing an ihr ganzes Apartment zu durchsuchen, aber ohne Erfolg.

Verzweifelt setzte Laura sich an den Tisch und fing an lustlos zu essen. Plötzlich klingelte es an der Türe.

Laura beschloss nicht zu öffnen. Es war wahrscheinlich sowieso nur Leonie, die weiter versuchen wollte herauszubekommen, wer Lauras Verehrer war. Aber wer auch immer da an der Türe war, er war hartnäckig. Nach dem dritten Klingeln stand Laura seufzend auf und öffnete die Türe.

Sie starrte die beiden Männer in der gelben Uniform des BWT Sicherheitsdienstes mit weit aufgerissenen Augen an. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie, dass sie nicht nur die Uniform trugen, sondern auch Panzerung und einen Schutzhelm. Außerdem hatte beide die Hand an der Waffe liegen. Die Sicherheitsleute, die innerhalb der Arkologie arbeiteten, trugen im Normalfall nur die Uniform, aber weder Panzerung noch Helm. Außer in besonderen Fällen, wenn sie mit Waffengewalt rechneten.

"Das hat ja lange gedauert", sagte einer der beiden.

"Ja ... ich ... tut mir leid. Ich war gerade essen."

"Wir sind hier um ihre Wohnung zu durchsuchen. Es gibt Hinweise, dass sie Firmeneigentum gestohlen haben." Sie schoben sich an der total verblüfften Laura vorbei in die Wohnung.

"Ich soll was?"

"Firmeneigentum gestohlen haben."

"Wer ... wer behauptet denn so was?"

"Ich bin nicht befugt, darüber Informationen herauszugeben." Sie fingen an, Lauras Apartment zu durchsuchen.

"Was ... was suchen Sie denn?"

"Das wissen Sie genau."

Laura konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie hatten sie offenbar schon verurteilt. "Aber ... ich stehle doch nicht. Ich hab keine Ahnung, was ich gestohlen haben soll."

Einer der beiden nahm einen Datastick an sich, auf dem Laura einige Fernsehsendungen aufgezeichnet hatte. "Was ist da drauf?"

"Ähm. Fernseh-Aufzeichnungen. Seit wann ist es verboten, Sendungen aufzuzeichnen?"

"Ist es nicht. Aber wir müssen das überprüfen. Der Stick ist beschlagnahmt."

Schlagartig wurde Laura klar, was sie suchten: den Datastick! Aber woher wusste die Sicherheit davon? Hatte Leonie sich verplappert? Oder sie sogar bewusst verraten? Einen Moment lang stieg Wut in Laura auf. Aber nein. Das konnte nicht sein. Leonie war zwar ein Plappermaul, aber keine Verräterin. Wenn sie es von Leonie wussten, dann musste es ein Versehen von ihr gewesen sein.

Aber es gab ja noch eine andere Möglichkeit. Ihre Chefin hatte den Stick auch gesehen. Vielleicht dachte sie, Laura hätte einen Stick der Firma gestohlen, oder Daten gestohlen und auf diesem Stick gespeichert. Dann war es natürlich ihre Pflicht das zu melden. Das stand in jedem Vertrag. Sie selber hätte wohl auch so gehandelt. Trotzdem wuchs bei dem Gedanken daran, ihre Abneigung gegen ihre Chefin noch weiter an.

"Wir müssen alle Datasticks und den Computer mitnehmen."

"Aber ... das ist mein Computer. Mein Privater. Der ist kein Firmeneigentum", protestierte Laura.

"Aber Sie stehen in Verdacht, die Firma bestohlen zu haben. Und es muss geprüft werden, ob sie irgendwelche Daten gestohlen haben."

"Aber ..."

"Kein Aber. Die Sachen werden unverzüglich geprüft. Wenn sich nichts findet, werden Sie sie morgen zurückbekommen."

Er klemmte sich ihre Computer unter den Arm und verließ Lauras Wohnung. Der Zweite drehte sich noch einmal zu ihr um.

"Sie dürfen ihre Wohnung nicht verlassen, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind. Keine Angst. Es wird sie nicht davon abhalten, morgen ihre Schicht anzutreten."

Na toll , dachte Laura. Das wäre wenigstens eine positive Sache gewesen, wenn sie morgen nicht hätte arbeiten müssen. Andererseits, was sollte sie allein und ohne Computer in ihrem Apartment auch besseres tun?

Sie setzte sich wieder an den Tisch und begann die Reste ihres, inzwischen kalten, Abendessens herunter zu würgen.

Am nächsten Morgen saß Laura ungeduldig in ihrem Apartment und wartete. Da sie nicht wusste, was auf sie zu kam, war sie ziemlich beunruhigt.

Ich hab mir nichts zuschulden kommen lassen, dachte sie. Also werden sie auch nichts finden. Alles ist in Ordnung.

Aber es war eben nicht alles in Ordnung. Es wurden schwere Vorwürfe gegen sie erhoben, das konnte sie den Kopf kosten.

Die Zeit tröpfelte zäh dahin und in Laura wuchs die Nervosität immer mehr an. Ihre Schicht kam immer näher. Bald musste sie los.

"Klasse. In fünf Minuten muss ich los und immer noch nichts", flüsterte sie nach einem Blick auf die Uhr. Während Laura noch innerlich vor sich hin fluchte, klingelte es an der Türe. Sie stürmte sofort hin und öffnete. Die beiden Sicherheitsmänner von gestern standen vor der Türe. Ihren Computer und die beschlagnahmten Datasticks hatten sie bei sich. Außerdem trugen sie heute nur die Uniform, keine Panzerung und keinen Helm.

"Guten Morgen", grüßte der eine, deutlich freundlicher als gestern.

"Guten Morgen", erwiderte Laura und sah ihn ungeduldig an.

"Es wurde nichts Gestohlenes gefunden", erklärte der Sicherheitsmann. "Wir bringen ihre Sachen zurück."

Laura winkte die beiden herein und diese stellten die beschlagnahmten Dinge auf dem Tisch ab.

"Sie können ihre Wohnung nun wieder verlassen."

"Wird auch Zeit. Ich komme sonst zu spät."

"Dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten." Mit diesen Worten gingen die Beiden wieder. Laura schnappte sich ihre Jacke und machte sich auf den Weg in die Arbeit.

Heute war sie pünktlich. Gut gelaunt machte sie sich auf den Weg zu ihrem Schreibtisch. Sie grüßte ihre Kollegen. Leonie meinte: "Also doch ein Verehrer. Sonst würdest du nicht so strahlen."

Laura tat sie Bemerkung nur mit einem Lächeln ab. Auch Leonies nie enden wollende Vermutungen über ihr Liebesleben, konnten ihrer guten Laune heute keinen Abbruch tun. Normalerweise nervte es sie, aber nicht heute.

Kurz nachdem Laura Platz genommen hatte, und mit ihrer Arbeit anfing, kam Frau Cheng vorbei. Bei Lauras Anblick wurde sie richtig bleich und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Jedenfalls einen Moment, bis sie sich wieder gefangen hatte und ihre übliche, neutrale Maske aufgesetzt hatte.

Laura lächelte sie an. "Guten Morgen."

Frau Cheng sah schnell weg und murmelte im Vorbeigehen ein: "Guten Morgen."

Sie war es also, dachte Laura. Sie hat mich also tatsächlich gemeldet, weil ich einen Datastick bei mir hatte. Erneut stieg Wut in Laura auf. Eigentlich hat sie nichts falsch gemacht, versuche Laura sich einzureden. Wir sind verpflichtet verdächtige Vorfälle zu melden. Aber das Gefühl im Magen lies sich durch Logik nicht vertreiben. Lauras Abscheu gegenüber ihrer Chefin war gewachsen, und zwar sehr deutlich.

Aber sie hatte auch einen Triumph eingefahren. Laura musste kichern als sie an das bleiche Gesicht und den Schrecken in den Augen ihrer Chefin dachte. Dieser Gesichtsausdruck würde ihr den Tag versüßen.

Der Tag lief ab wie viele, viele Tage vor ihm, Mit einem Unterschied: Laura hatte gute Laune. Sie lies nichts an sich heran, keine der Sticheleien ihrer Chefin, keine Probleme mit ihrer Arbeit. An diesem Tag erledigte sie ihre Arbeit schnell und präzise. Selbst Frau Cheng zeige sich in beeindruckt.

"Sind Sie etwa schon fertig?", fragte sie mit einem Stirnrunzeln.

Laura nickte. "Ja, alles erledigt."

Frau Cheng prüfte das Ergebnis mit einem misstrauischen Gesichtsausdruck. "Tatsächlich. Das ging ja schnell."

Laura lächelte. Das grenzte schon fast an ein Lob.

"Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass Sie erst morgen fertig werden."

Lauras Lächeln wurde noch breiter.

"Damit ist die Arbeit für heute eigentlich erledigt. Wenn Sie sonst nichts mehr zu tun haben, können Sie nach Hause gehen."

Ich werde die Zeit nutzen und noch bisschen Ordnung schaffen, bevor ich nach Hause gehe."

Frau Cheng nickte und machte sich wieder an ihre Arbeit.

An diesem Abend ging Laura nicht gleich nach Hause. Sie ging mit Leonie und einigen anderen Kollegen noch etwas essen.

Als Laura an diesem Abend nach Hause kam, hatte sie immer noch ziemlich gute Laune. Aber der geheimnisvolle Datastick wollte ihr auch nicht aus dem Kopf gehen. Sie macht sich noch einmal auf die Suche nach dem Stick. Aber wieder fand sie nichts. Hab ich mir das alles nur eingebildet?, fragte sie sich. Aber nein, das konnte nicht sein. Immerhin hatte die Sicherheit ihr Apartment durchsucht. Dafür gab es nur einen Grund: den Datastick. Aber dieser war verschwunden.

"Vermutlich werde ich nie erfahren, was auf dem Stick war", seufzte Laura und ging ins Bad. Eine Dusche war jetzt genau das Richtige.

Das Duschen spülte all die negativen Gedanken weg und Laura fing an, sich wieder zu entspannen. Als sie aus der Dusche stieg, fühlte sich wie frisch geboren. Jetzt noch ein kleiner Snack, und den Abend vor dem Fernsehen entspannen. Eine verlockende Vorstellung. Doch dazu sollte es nicht kommen. Laura wollte gerade zum Handtuch greifen, als ein Geräusch sie aufschreckte. Es war die Türe. Die Türe zu ihrem Apartment. War jemand bei ihr eingebrochen? Selbst die Sicherheit hatte geklingelt und war nicht einfach eingedrungen. Ein Verbrecher? Aber wie sollte er in die Arkologie gekommen sein?

Laura wickelte sich schnell das Handtuch um den Körper und sucht Etwas, das sie als Waffe benutzen könnte. Aber es gab nichts. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Türe, um zu lauschen. Es war nichts zu hören. Hatte sie sich das Geräusch nur eingebildet? Die Türen sollten eigentlich sicher sein. Nur Leute mit einer Zugangsberechtigung konnten die Türe öffnen. Und natürlich die Sicherheit. Aber das taten sie nur, wenn es unbedingt nötig war.

Laura öffnete die Türe einen kleinen Spalt weit und späte in ihr Wohnzimmer. In dem Moment öffnete sich die Apartmenttüre erneut. Laura konnte einen Schatten erkennen, der aus dem Apartment huschte. Sie riss die Badtüre ganz auf und rannte zur Apartmenttüre. Sie wollte nach Hilfe rufen, nach der Sicherheit und dafür Sorgen, dass der Eindringling festgesetzt wurde. Aber als sie ihr Apartment verließ war niemand da. Der Gang war leer. Es waren erst einige Sekunden vergangen seit der Eindringling das Apartment wieder verlassen hatte. Wo war er hin?

Er musste in eines der Nachbarapartments eingedrungen sein. Laura wollte zu ihren Nachbarn laufen, da fiel ihr ein, dass sie eben noch unter der Dusche gestanden hatte. Sie sah an sich herab, sie war mit nichts als einem Handtuch bekleidet und außerdem noch nass. Erst muss ich mir was anziehen.

Laura eilte zurück in ihr Apartment, um wieder im Bad zu verschwinden, da fiel ihr Blick auf den Wohnzimmertisch. Der Stick war wieder da.

Laura stand einfach nur da und starrte den Stick an. Er war wieder da. Der Stick, der ihr schon soviel Ärger beschert hatte. Der geheimnisvolle Stick, der aber auch einen unheimlichen Reiz auf sie ausübte, den Reiz des Geheimnisvollen, des Verbotenen.

Laura trat näher. Sie berührte den Stick vorsichtig mit dem Finger, wie um sicherzugehen, dass er wirklich da und nicht nur ein Traum war. Er war da, er war real. Laura griff nach dem Stick, musterte ihn genauer. Es war ein ganz normaler Datastick, wie es Millionen auf der ganzen Welt gab. Und doch war dieser hier besonders. Nicht durch das, was er war, sondern dadurch, wie er in ihren Besitz gekommen war.

Laura sah sich um. Sie erwartete fast beobachtet zu werden. Gab es hier eine versteckte Kamera? Aber wo sollte sie herkommen? Sie fing an ihr Wohnzimmer abzusuchen, nach Spuren des Eindringlings und auch nach Spuren dafür, dass sie überwacht wurde.

Nachdem sie ihr Wohnzimmer quasi auf den Kopf gestellt hatte, setzte Laura sich an Tisch. Der Stick lag vor ihr. Gefunden hatte sie Nichts. Keine Spuren, keine Überwachungskamera oder Mikrofone. Es wird Zeit nachzusehen, was da drauf ist.

Laura griff nach ihrem Computer und startete ihn. Aber sie steckte den Stick nicht sofort ein. Sie saß vor dem Computer und starrte auf den Bildschirm. Sie war nervös. Was befand sich auf dem Stick? Geheime Daten? Oder war es vielleicht nur ein Scherz? Oder ein Test? Vielleicht war es ein Test von BWT. Wäre es ihre Pflicht den Stick zu melden? Dass jemand in ihr Apartment eingedrungen war, sollte sie jedenfalls melden.

Laura fiel etwas ein. Sie stand wieder auf und ging zu ihrem Terminal. Sie stellte das Gerät auf Heimcomputer um und prüfte die Zugänge zu ihrem Apartment. Selbst wenn die Sicherheit in das Apartment eindrang, wurde das geloggt. Aber ... es gab nur einen Eintrag für die Zeit, in der der Eindringling da gewesen war. Der Eintrag von Laura, die ihm nach draußen gefolgt und dann wieder zurück ins Apartment gegangen war. Keine Spur von einem Eintrag unmittelbar vorher. Aber das konnte nicht sein. Laura hatte die Türe gehört, sie hatte gesehen, dass sie Türe geöffnet worden war, und sie hatte gesehen, dass jemand ihr Apartment verlassen hatte. Aber dieser Jemand hatte keine Spuren hinterlassen. Wie war das nur möglich?

Eigentlich sollte es nicht möglich sein, das Sicherheitssystem zu umgehen. Die Türe zeichnete jede Aktivität auf. Selbst wenn man sie manuell öffnete, wurde das aufgezeichnet. Die Türe war eindeutig geöffnet worden, aber es gab keinen Eintrag. War das System vielleicht doch nicht so narrensicher? Oder gab es vielleicht hohe Agenten oder einen geheimen Zweig der Sicherheit, die in der Lage waren, die Einträge zu umgehen? Laura wusste es nicht. Aber dass jemand unbemerkt in ihr Apartment eindringen konnte, war beunruhigend.

Lauras Blick fiel wieder auf den Tisch, den Computer und den Stick. Es wurde Zeit, sich anzusehen, welche Daten der Stick enthielt. Alles hing mit diesem Stick zusammen.

Laura setzte sich wieder an den Computer und stecke den Stick ein. Sie hatte ein wenig Angst, dass etwas passieren würde, dass ein Virus ihren Computer übernahm, aber nichts Derartiges passierte.

Also öffnete Laura das Datenverzeichnis des Sticks und begann die Daten zu durchforschen. Der Stick enthielt Buchführungsdateien. Als Laura die Dateien öffnete, erkannte sie, dass es Daten der Buchführung von BWT waren. Das mussten geheime Daten sein, Daten, die sehr heiß waren. Die Sicherheit von BWT würde vermutlich alles tun, um sie in die Finger zu bekommen, bzw. aus dem Verkehr zu ziehen.

Sie suchte weiter. Forschungsergebnisse. Es handelte sich um Daten für Cyber-Implantate. Baupläne für BWT Produkte. Diese Daten waren noch heißer als die Buchführung. Sie fand auch Daten über Prototypen und Forschungsergebnisse. Und Daten über Genexperimente. Laura wusste gar nicht, dass BWT auch im Bereich Genveränderung arbeitete. Aber offenbar taten sie es.

Sie fand noch mehr Daten: Karten der Arkologie. Auch hier geheime Daten. Zugänge, Karten von Sicherheitsbereichen. Sogar Daten über die Schichten der Sicherheit und Tabellen über Liefertermine. Woher stammten diese Daten nur? Sie mussten von BWT selbst stammen, oder jemand musste sie unter großen Schwierigkeiten und Gefahren beschafft haben. Aber warum sollte man diese Daten dann ausgerechnet ihr schicken?

Laura fand auch Daten über den Cyberspace von BWT. Exakte Verzeichnisse der Struktur. Pläne der Knoten, Daten über das ICE. BWT verwendete auch illegales Killer-ICE, wie Laura sehen konnte. Ein Teil des Planes fehlte aber. Ein Teil, der extrem gesichert war.

Auf dem Stich fanden sich auch Persona Programme. Software, die bestimmt, wie jemand im Cyberspace erscheint. Diese Personas waren eindeutig die offiziellen BWT-Personas. Ach diese waren streng geheim. Aber etwas fehlte, eine offizielle BWT-ID. Laura arbeitete für BWT, und hatte deshalb natürlich eine ID. Diese fehlenden Daten könnte sie also ersetzen.

Zuletzt fand Laura noch einige Programme. Genau genommen illegale Hacking-Software für Cyberdecks. Hochwertige Software, das Neueste, was auf dem Markt war. Laura hatte allerdings kein Deck, mit dem sie die Programme nutzen konnte. Decks waren für die meisten Angestellten verboten. Nur Leute in hohen Positionen bei der IT durften sie verwenden. Laura gehörte nicht dazu. Aber sie konnte damit umgehen. Sie könnte damit umgehen, wenn sie nur ein Deck hätte.

Mit diesen Informationen könnte sie fast alles im BWT-Netz anstellen, was sie wollte. Vermutlich würde man es nicht einmal bemerken.

Aber woher stammten die Daten? Und wieso hat diese Person sie Laura zukommen lassen? Jedenfalls war Laura jetzt klar, dass sie nicht zur Sicherheit gehen konnte. Mit dem Wissen aus diesen Daten, war sie selber zu einer Sicherheitslücke geworden. Und BWT ging nicht gerade zimperlich mit Sicherheitslücken um.

In dieser Nacht schlief Laura ziemlich unruhig. Tatsächlich schlief sie so gut wie gar nicht. Wenn man es genau nehmen wollte, dann wälzte sie sich nur im Bett hin und her.

Mitten in der Nacht wachte Laura plötzlich wieder auf. Das war alles nur ein Traum, ging es ihr durch den Kopf. Sie stand auf um sich etwas zu trinken zu holen. Aber es war kein Traum gewesen. Der Datastick lag noch immer auf dem Tisch.

Sie setzte sich an ihren Computer und ging noch einmal die Daten durch, die sich auf dem Stick befanden. Es war kein Traum. Es war alles da. Die geheimen Informationen, die Pläne, die illegalen Programme.

Ich muss ihn verstecken, schoss es Laura plötzlich durch den Kopf. Es war zwar unwahrscheinlich, dass die Sicherheit noch einmal auftauchte und ihre Computer und Datasticks konfiszieren, aber sicher konnte sie nicht sein. Und wenn dieser Stick bei ihr gefunden wurde, dann hatte sie wirklich ein Problem, ein großes. Das musste sie auf jeden Fall verhindern.

Laura schaute sich um. Wo könnte sie ihn verstecken? Es musste ein Versteck sein, das zumindest einer oberflächliche Kontrolle standhalten würde. So eines zu finden, war gar nicht so leicht. Vielleicht sollte sie ihn einfach in ihrer Sammlung von Datasticks verstecken. Das würde ihr aber auch nichts helfen, wenn die Sicherheit erneut alles einsammelte und überprüfte. Aber immerhin war es besser, als ihn offen auf dem Tisch liegen zu lassen. Bis sie ein besseres Versteck gefunden hatte, war er da wenigstens vor zufälligen Blicken geschützt.

Laura beschloss sich wieder hinzulegen und versuchte weiter zu schlafen. Wirklich gelingen wollte es ihr aber nicht. Nach wie vor war sie nervös und zerbrach sich den Kopf. Was sollte sie nun machen? Sollte sie den Stick verschwinden lassen, und zu ihrem normalen Leben zurückkehren? Oder sollte sie versuchen die Daten zu verkaufen? Oder sollte sie sie nutzen? Aber das konnte sie nicht. Ohne ein Cyberdeck waren die Programme und die Persona nutzlos. Sie konnte sich kein Deck kaufen, also war es wohl am sinnvollsten, den Stick verschwinden zu lassen. Aber es hätte schon einen ungeheuren Reiz die Daten zu nutzen.

Auch wenn es einen Reiz hat. Du hast kein Deck, und du wirst nie eines bekommen, also schlag es dir aus dem Kopf. Nachdem ihr das klar geworden war, fand sie endlich etwas Entspannung und schlief ein.

Aber sehr lange konnte sie nicht schlafen. Nur drei Stunden später wurde sie gnadenlos geweckt. Sie musste pünktlich in der Arbeit erscheinen. Also quälte sie sich aus dem Bett. Sie zwang sich lustlos zu einem Frühstück und verschwand lange Zeit im Bad um die Spuren der Nacht, des fehlenden Schlafes, zu verstecken.

Als Laura an ihrem Arbeitsplatz auftauchte, war sie immer noch im Halbschlaf. Sie konnte sich kaum konzentrieren und hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Als Erstes machte sie sich einen Kaffee, einen starken Kaffee.

Normalerweise trank sie so früh keinen Kaffee. Das fiel auf. Dass sie die Augen kaum offen halten konnte und auch nicht viel Arbeit schaffte, fiel ebenfalls auf. Als ihre Freundin Leonie sie darauf ansprach, redete sie sich nur raus. "Schlecht geschlafen. Vielleicht werd ich krank." Wahrscheinlich machte sich Leonie jetzt erst recht Sorgen, aber immerhin akzeptierte sie die Ausrede.

Laura erledigte zwar ihre Arbeit, aber nicht mit der gewohnten Geschwindigkeit. Als endlich der Feierabend da war, und einige Kollegen noch etwas trinken gehen wollten, lehnte Laura ab. Sie war einfach zu müde. Wieder in ihrem Apartment angekommen, lies sich Laura direkt auf ihr Bett fallen und schlief sofort ein.

Als sie aufwachte, stand vor ihr ein Mann. Zumindest vermutete sie, dass es ein Mann war. Sie konnte nur die Umrisse einer menschlichen Gestalt in der Dunkelheit sehen. Aber es wirkte, als würde es aus Schatten bestehen.

Sie hätte eigentlich Angst haben müssen. Ein fremder, seltsamer Mann stand vor ihr, aber sie hatte keine Angst. Sie fühlte, dass sie nicht in Gefahr war, dass ihr niemand etwas anhaben konnte.

"Ich grüßte dich, Ghost", sagte die Gestalt. Es war wirklich ein Mann.

"Ghost?" Laura sah ihn fragend an. "Wer bist du?"

"Ich bin ER", antwortete die Gestalt.

"Er?"

Die Gestalt nickte. Es sah ein bisschen aus würde Schatten in eine Form fließen, als wäre er träge und würde bei Bewegungen ein bisschen Zeit brauchen, um sich anzupassen.

"Du braucht noch etwas für deine Mission", sagte die Gestalt. Laura wurde plötzlich bewusst, dass sie die Stimme nicht wirklich hörte, sie war direkt in ihrem Gehirn. Seltsam.

"Meine Mission?"

"Nimmst du sie an?"

"Ich weiß nicht, von was du sprichst."

"Du weißt es." Die Gestalt hatte plötzlich etwas in der Hand, den Datastick.

"Du ... du warst es? Du hast mir den Stick gegeben?"

"Ja. Ich bin es. Er der dir den Auftrag gibt. Nimmst du ihn an?"

"Was soll ich tun?" Plötzlich wurde Laura klar, was er von ihr wollte, dasselbe was sie auch gerne tun würde. "Ich hab kein Deck."

"Doch." Die Gestalt deutete auf den Tisch. Dort lag ein nagelneues Cyberdeck. Das neueste Model, es musste ein Vermögen gekostet haben. Laura starrte eine Weile auf den Tisch, dann drehte sie sich zurück zu der Gestalt. Sie war verschwunden.

Plötzlich bekam sie Angst. Er war wieder da gewesen. Er war wieder in ihr Apartment eingedrungen. Mit einem Schrei richtete sich Laura sich auf. Es war nur ein Traum gewesen. Nur ein Traum, nur ein Traum.

Dann sah sie das Cyberdeck auf ihrem Tisch liegen.

In dieser Nacht bekam Laura keinen Schlaf mehr. Sie saß die meiste Zeit nur in ihrem Bett und starrte abwechselnd auf die Stelle, an der er gestanden hat und auf das Cyberdeck. Sie wusste nicht, was sie denken sollte. Ihr Kopf war wie leer gefegt.

So ein Deck war schon immer ihr Traum gewesen. Aber es war ihr immer klar gewesen, dass sie niemals eines besitzen würde. Cyberdecks waren teuer. Außerdem waren sie verboten.

Laura hatte zwar eine Datenbuchse, mit der sie in den Cyberspace gelangen konnte, aber sie konnte das nur über den Computer der BWT-Arkologie tun. Tatsächlich machte sie das auch regelmäßig. Wer einmal im Cyberspace war, ihn wirklich erlebt hatte, nicht nur auf einem Bildschirm, der kam nicht mehr davon los. So hieß es jedenfalls und Laura konnte dem nicht widersprechen.

Manche sagten, wenn man das erste Mal in den Cyberspace einloggte, ließ man dort etwas von sich zurück. Man konnte nie wieder vollständig sein, außer wenn man im Cyberspace war. Laura wusste nicht, ob das wirklich stimmte, aber sie wusste, dass ihre Gedanken oft um den Cyberspace kreisten, wenn sie nicht dort war. Sie wusste auch, dass sie sich im Cyberspace wohlfühlte. Obwohl der Cyberspace eine simulierte Welt war, fühlte er sich manchmal realer an, als die reale Welt.

Der Cyberspace bot aber auch Gefahren. Mit der Datenbuchse wurde ein direktes Interface mit dem Gehirn hergestellt. Nur so war es möglich, wirklich in den Cyberspace abzutauchen. Aber es gab Programme, die die Wahrnehmung änderten. Eine neue Form von Drogen, virtuelle Drogen. Diese Programme stimulierten das Gehirn auf besondere Weise, stärker als es der normale Cyberspace machte. Menschen, die diesen Programmen ausgesetzt waren, wurden süchtig danach. Viele nahmen sich das Leben, wenn sie keinen Zugang mehr dazu hatten. Die Betreiber dieser Programme ließen sich den Zugang natürlich teuer bezahlen.

Aber das war bei Weitem nicht die einzige Gefahr. Es gab Teile des Cyberspace, die für alle offen waren. Aber auch Teile, die das nicht waren. Diese Teile des Cyberspace waren mit besonderen Programmen geschützt. Diese Programme nannte man ICE. Intrusion Countermeasure Equipment. Die harmlosen Varianten von ICE schlugen nur Alarm. Die etwas garstigeren warfen Eindringlinge aus dem Cyberspace. Eine sehr unangenehme Erfahrung. Aber die wirkliche Gefahr war schwarzes ICE. Schwarzes ICE war ein Phantom. Viele Leute waren der Meinung, dass es gar kein schwarzes ICE gab. Wenn es schwarzes ICE wirklich gab, dann war es illegal. Aber auf dem Stick hatte Laura schwarzes ICE gefunden. Schwarzes ICE schickte einen Stromstoß durch das System. Wenn es gut genug war, dann konnte dieser Stromstoß das Hirn des Opfers grillen.

Ein Cyberdeck bat etwas Schutz gegen solche Angriffe. Es war befand sich zwischen dem Anwender und dem Cyberspace und schütze diesen somit. Aber das war noch nicht alles. Ein Cyberdeck war auch in der Lage Programme auszuführen und zur Persona des Anwenders hinzuzufügen. Diese Programme waren sehr hilfreich, wenn man in fremde Systeme eindringen wollte. Es waren Programme, mit denen man sich tarnen konnte, oder vor ICE verstecken, oder Programme, mit denen man ICE zum Absturz bringen und sich gegen Angriffe des ICE schützen konnte. Wie auch die Cyberdecks selbst waren diese Programme höchst illegal.

Die Megakonzerne hatten das Verbot von Decks und der Decksoftware durchgebracht. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Konzerne selbst Decks und auch Decksoftware benutzten, um ihre Systeme zusätzlich abzusichern. Aber sie ließen sich dabei natürlich nicht erwischen. Meistens jedenfalls.

Jetzt lag so ein Deck, und noch dazu das Neueste vom Neuen, auf Lauras Tisch. Nach wie vor wagte sie es nicht, sich zu rühren. Vielleicht war das alles eine Falle. Sobald sie das Cyberdeck auch nur berührte, würde die Sicherheit ihr Apartment stürmen und sie verhaften. Ein Komplott. Das musste es sein. Ein Komplott ihrer Chefin.

Natürlich war das vollkommener Unsinn. Das war Laura auch klar. Ihre Chefin war nur ein kleiner Fisch. Sie konnte nicht hinter so einem Komplott stecken, sie war dazu gar nicht in der Lage. Ein Cyberdeck war auch weit jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten. Die Konzernleitung würde ihr sicher keines zur Verfügung stellen, nur um eine unliebsame Mitarbeiterin loszuwerden. Sie würden sie einfach rauswerfen, wenn sie ihrer Meinung waren.

Wer oder was auch immer dahinterstecke, hatte also ganz andere Möglichkeiten als Lauras Chefin. Aber wer konnte das sein? Steckte womöglich ein anderer Konzern dahinter? Wollte man Laura ausnutzen, um an Firmengeheimnisse von BWT zu kommen? Das war früher schon passiert, und es war für den Informanten nie gut ausgegangen.

Man würde Laura nie glauben, dass das Cyberdeck und die Daten auf dem Stick nicht ihr gehörten. Sie musste das Zeug verschwinden lassen. Aber wie sollte sie das tun? Die Arkologie wurde gut überwacht. Sie hatte keine Chance, diese Sachen unbemerkt hinauszuschaffen. Laura steckte in der Klemme, und das wusste sie.

Und sie wusste noch eines: Wenn das Deck und der Stick weiterhin in ihrem Apartment blieben, würde die Neugierde irgendwann über die Vorsicht gewinnen. Dann würde Laura das Deck ausprobieren und die Daten auf dem Stick genauer analysieren. Und dann steckte sie erst wirklich in Schwierigkeiten.