Felix Austria - Christopher Wurmdobler - E-Book

Felix Austria E-Book

Christopher Wurmdobler

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Beschreibung

»Der Mensch ändert sich nicht«, sagt Felix, hedonistischer Titelheld in Christoper Wurmdoblers neuem Roman. Vielleicht hat er recht, der Felix. Nur dass er zu Beginn der Geschichte noch nicht weiß, dass er immer schon ein anderer war … Eine Erzählung über queere Identitätsfindung im langen 20. Jahrhundert, über heimliche Beziehungen und spätes Glück, zwischen Wiener Nachkriegsmief und kalifornischem Camp, voller überraschender Wendungen und unerhörter Begebenheiten. Mit Felix Austria gelingt Christopher Wurmdobler ein vielstimmiges Plädoyer für die Überwindung der Scham und den Mut zur Wahrheit in schwierigen Zeiten. Ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich machender Roman über das Politische der Liebe und die Kraft des Erzählens.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2025

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CHRISTOPHER WURMDOBLER

FELIX AUSTRIA

Roman

Christopher Wurmdobler

FELIX AUSTRIA

Roman

Czernin Verlag, Wien

Die Arbeit an diesem Roman wurde durch die Gewährung eines Stipendiums der Stadt Wien unterstützt.

Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur

Wurmdobler, Christopher: Felix Austria / Christopher Wurmdobler

Wien: Czernin Verlag 2025

ISBN: 978-3-7076-0863-2

© 2025 Czernin Verlags GmbH, Kupkagasse 4, 1080 Wien, Österreich

[email protected]

Lektorat: Karin Raschhofer-Hauer

Satz, Umschlaggestaltung: Mirjam Riepl

Autorenfoto: Julia Fuchs

Druck: Finidr, Český Těšín

ISBN Print: 978-3-7076-0863-2

ISBN E-Book: 978-3-7076-0864-9

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien. Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne des Urheberrechtsgesetzes behalten wir uns ausdrücklich vor.

INHALT

DAVOR

DANACH

DANK

I remember wondering

Who am I?

And what will I turn out to be?

I know where I have to go

To unlock the secret of me

PET SHOP BOYS, »NEW LONDON BOY«, 2024

Wien-Ottakring, Wilhelminenberg. Außen, Tag. Eine leichte Erhöhung mit Blick über die Stadt. Weingärten, ein kleiner Wald, eine Wiese, alte Apfelbäume, Blätter fallen, Herbststimmung. In Sichtweite ein frisch renoviertes Gebäude, ein Schloss, in dem ein Hotel untergebracht ist. Zwei Männer in Arbeitskleidung sind damit beschäftigt, einen baufälligen, von Efeu und Brombeeren fast zugewachsenen Wohnwagen auszuräumen, der sich direkt am Rande der Weingärten befindet. Sie tragen Möbelstücke ins Freie und verpacken Geschirr in Kisten. Einer der Männer macht mit seinem Mobiltelefon ein Foto der Szenerie. Die Kamera folgt dem anderen Mann, der einen Karton Richtung Parkplatz trägt, wo ein Transporter steht. Der Mann muss dabei einen kleinen Forstweg überqueren. Er stolpert über eine Wurzel, und der Karton landet auf der Erde. Gegenstände fallen heraus. Er flucht. In der Großaufnahme sehen wir auf dem Waldboden unter anderem Bücher, Zeitungsausschnitte, zwei kleine Bilderrahmen, Schallplatten, einen Kofferplattenspieler, ein Wurfmesser, eine silberne Münze, ein rundes Stück Seife mit Gebrauchsspuren, eine rote Perle, Gummiringe, eine gläserne Kugel, etwa so groß wie eine Orange. Die Kamera zeigt, wie der Schuh des Mannes die Perle in den feuchten Boden drückt. Totale. Der Mann geht in die Knie, sortiert die Gegenstände zurück in die Kiste. Halbtotale. Beim Aufstehen mustert er die Silbermünze und steckt sie in die Tasche seines Overalls. Der gläsernen Kugel, die er offenbar übersehen hat, gibt er mit dem Fuß einen Tritt. Die Kugel setzt sich in Bewegung. Close-up seines Gesichts. Kurz blickt er der Kugel hinterher und grinst. Er wendet sich um und bringt die Kiste zum Lieferwagen. Cut. Die Kamera folgt nun der gläsernen Kugel, die über den Waldboden bergab rollt. Steine, Äste, Wurzeln geben den Weg vor. Musik setzt ein, eine beschwingte Jazz-Nummer. Die Kugel rollt schneller, wird von Bäumen gestoppt, von Steinen gelenkt. War ihre Oberfläche zunächst ganz klar, bekommt sie, je länger die Kamera ihr folgt, mehr Kratzer und wird immer matter. Rumpelpumpumpel rollt die Glaskugel den Berg hinab Richtung Stadt. Rumpelpumpumpel macht die Musik. Vielleicht ist es nur das Licht, doch manchmal wirkt es, als wäre im Glas etwas zu erkennen. Flammen, fliegende Messer, eine bös grinsende Fratze, Orangen, Hände, die nach Händen greifen, Konfetti, immer wieder das blaue Meer. Reflexionen. Der Forstweg wird zur asphaltierten Straße. Die Kugel rollt nun so schnell, dass sie manchmal sogar in die Höhe springt. Die Kamera kann ihr bei dem Tempo kaum folgen. Noch einmal ist in der Kugel ein sattes Blau zu erkennen, bevor sie gegen eine Betonmauer knallt und – Highspeedaufnahme! – in tausend Teile zerbricht. Darüber die Titelsequenz.

DAVOR

Als Felix seine Augen wieder öffnete, war er in Amerika. Fast. Auf dem Frachtschiff, in dessen Bauch er die letzten Wochen verbracht hatte, lag er auf seiner Matratze und hörte, wie die anderen Männer munter wurden. Das Brummen, das sonst immer eintönig tief unten aus dem Maschinenraum durch die stählernen Wände dröhnte, hörte sich anders an. Aufgeregter, unruhiger. Obwohl es noch weit vor Sonnenaufgang sein musste, die Nachtruhe längst nicht vorüber war, wurde es hektisch an Bord. Eine Mäusefamilie nutzte die Situation, dass sich gerade niemand für sie interessierte, und spazierte seelenruhig zwischen den Lagern der Seeleute umher auf der Suche nach Brotresten.

Felix setzte sich auf. Die Wolldecke über den Schultern, hockte er da und rieb sich die Augen. Amerika, dachte er, da draußen war New York, vielleicht passierte das Schiff schon diese kleine Insel mit der berühmten Freiheitsstatue. Unter der fensterlosen Kajüte waren die Motoren zu hören, die die Fahrt verlangsamten, dazu das Gerenne und Geschiebe der Männer. Nach den Tagen der Lethargie, der eingespielten Routine, der harten Arbeit und der Erschöpfung schienen plötzlich alle in Eile zu sein. Felix begann ebenfalls, sein Zeug zusammenzupacken. Endlich würde er von Bord gehen. Viel gab es nicht zu packen, im Rucksack war ja kaum Platz gewesen.

Das Stück Seife fiel zu Boden, das ihm die Mutter beim Abschied in die Hand gedrückt hatte, eingepackt in Seidenpapier. Gegen das Heimweh. Sauber bleiben, Felix, hatte sie gesagt, immer sauber bleiben, das waren ihre Worte – abgesehen vom Ratschlag, stets eine frische Unterhose zu tragen, das hatte schon einmal nicht geklappt, und bei den Mädeln vorsichtig zu sein. Haha. Jetzt die Seife. Raue Hände, die am Papier ziehen. Ränder unter den Nägeln. Knistern beim Auswickeln, Duft nach Zitrone und Sandelholz.

Mit seinen von der Drecksarbeit schwarzen Fingern fuhr Felix über die glatte Oberfläche. »Seifensiederei Suess, Wien-Stadlau« war in den kreisrunden weißen Klotz geprägt. Trotz der Drecksarbeit auf dem Frachter hatte er sie nie verwendet. Im Mannschaftswaschraum gab es eh geraspelte Kernseife, die auf der Haut brannte und mehr schlecht als recht ihren Zweck erfüllte. Seine Seife, seine Wiener Seife, die Seife der Mutter, die würde er schon für besondere Anlässe aufsparen. Noch einmal inhalierte er den frischen zitronigen Duft, wickelte das Stück sorgfältig wieder ein und packte es zurück in den Rucksack zu seinem anderen Zeug.

Heimweh, damit allerdings war die Mutter falsch gelegen. Er und Heimweh; und ausgerechnet nach Stadlau, dieses angehängte Dorf am Arsch der großen Wienerstadt. Nein, was Felix antrieb, war Fernweh, darum war er hier. Das Meer wollte er sehen, die Wüste, die Berge, echte Zitronenbäume, und Sandelholz riechen. Gab es in Amerika Sandelholz? Was war das überhaupt? Vielleicht würde er beim Film landen, in Hollywood, wer weiß. Einen Plan hatte Felix jedenfalls nicht gehabt. Aber einen Traum von Freiheit. Sehnsucht nach einem Land, in dem alles schneller, höher, weiter war. So weit, wie dieser Jesse Owens bei den Olympischen Spielen letztes Jahr in Berlin gesprungen war. Weltrekord. Ein Irrsinn, wie schnell der lief. Ebenfalls Weltrekord. Ja, nach Amerika wollte er und noch viel weiter. Jedenfalls weg von dort, wo er herkam. Wo er nicht hingehörte.

Auswandern, hatte ihm einer gesagt, wieso wanderst du nicht einfach aus. Auswandern. Felix, der keine Ahnung hatte, wie das ging, war ohne Schwierigkeiten von Wien bis nach Hamburg gekommen. Auch ohne Geld für die Eisenbahn. Er hatte in Gepäcknetzen geschlafen und sich durchgefragt, ob man irgendwo noch eine Arbeitskraft bräuchte. Weil Geld für die Passage besaß er keines. Aber er war kräftig und geschickt durch den vielen Sport im Verein, das machte schon Eindruck bei den Leuten am Hamburger Hafen. Schließlich hatte er sich anheuern lassen, Arbeit gegen Überfahrt, knapp zwei Wochen war das her. Und nun wartete dort draußen New York auf ihn.

Das Schiffshorn weckte die große Stadt, die er nur von Bildern in der Wochenschau kannte, bald würden sie anlegen. Fort hatte Felix wollen, die Enge seiner Heimatstadt hinter sich lassen. Gut möglich, dass er die Entscheidung allzu unüberlegt getroffen hatte, eine Entscheidung, die man vielleicht nur als Jugendlicher so leichtfertig und unüberlegt treffen konnte. Und jetzt war er also da. Amerika.

Jetzt war er also da, ohne Englisch zu können. Das bemerkte Felix, als er die fremden Stimmen am Hafen hörte. Nicht, dass er zu dumm dafür gewesen wäre, er hatte bloß keine Übung. Natürlich war ihm bewusst, dass es von Vorteil wäre, die Sprache zu beherrschen. In den letzten zwei Wochen hatte er sogar ein wenig gebüffelt und sich von Simon, der ebenfalls auf eigene Faust nach Amerika wollte, beim Ölen der Ankerketten ein paar Redewendungen beibringen lassen. »I am Felix from Austria« brachte ihn im Moment allerdings nicht weiter. Wie schnell sie hier sprachen!

Ein Mann hockte auf der Hafenmauer und brüllte ihm etwas entgegen. Es klang wie eine Frage. Also nickte Felix und grinste, worauf der Typ in Richtung einer halb verfallenen Lagerhalle deutete. Simon hatte gesagt, sie dürften auf keinen Fall den Weg über die Bürogebäude oder die Einwanderungsbehörde nehmen. Ohne Visum wäre das unmöglich, sie würden sie gleich wieder zurückschicken nach Europa. Besser wäre, die unübersichtliche Situation beim Entladen der Fracht zu nutzen und den Frachthafen an den Hallen vorbei durch ein Loch im hölzernen Zaun zu verlassen. Klar sei das verboten, aber die einzige Möglichkeit, ins Land zu gelangen.

Felix entdeckte seinen Kumpel, und sie nickten einander zu. Hoffentlich hatte der Kerl auf der Mauer ihnen wirklich den Weg raus aus dem Hafengelände gezeigt und verpfiff sie nicht noch bei den Aufsehern. Wachtürme gab es wohl, aber die schienen unbesetzt zu sein. Wo war jetzt dieses verdammte Loch im Zaun? Geduckt, im Halbdunkel, schlichen sie eine endlos scheinende Bretterwand entlang, die in sicher drei Meter Höhe auch noch mit Stacheldraht gesichert war. Räuberleiter und einfach drüberklettern war also keine Option.

Außer Atem blieb Felix stehen, während Simon weiterlief, als wäre nichts. Die Wochen an Bord ohne viel Bewegung machten sich bemerkbar. Er war nicht mehr in Form. Hundegebell. Wahrscheinlich würden gleich Wachleute auftauchen oder die Polizei. Doch was tat Felix? Er lehnte sich erschöpft an die hölzerne Wand – und hatte einen Mordsdusel. Ein paar Bretter schienen locker zu sein, der Zaun gab plötzlich nach. Durch eine Art Klappe, wie für ihn gemacht, fiel er auf die andere Seite des Zauns, rollte eine kleine Böschung hinab und landete unsanft auf seinem Allerwertesten.

Und so plumpste ein junger Mann aus Wien-Stadlau im Morgengrauen mitten hinein in den US-Staat New Jersey. Er lag auf dem Rücken und zappelte wie ein Käfer, blinzelte in die aufgehende Sonne. Schließlich rappelte er sich auf, zog die Schnallen seines Rucksacks fest, die sich gelöst hatten, und marschierte los. Ohne ein konkretes Ziel vor Augen. Weg ist das Ziel, hatte er gedacht, einfach nur weg.

Felix hatte keine Ahnung, wo es hingehen sollte. Wo er hingehen sollte. Seine Flucht aus dem Hafengelände war nicht vorbereitet gewesen, er hatte kein Wasser dabei, geschweige denn Proviant. Planlos lief er die staubige Straße entlang, auf der ihn gelegentlich ein Lastkraftwagen überholte, aber sonst kein Verkehr war. War es Sonntag? Vielleicht war es auch schon Montag. Er hatte kein Gefühl, wie lange er bereits unterwegs war, die Wintersonne stand jedenfalls schon hoch, er war hungrig, hatte Durst und keine Lust mehr, weiterzugehen. Er blieb einfach stehen, nahm den Rucksack ab, lehnte sich an einen Telegrafenmast, über ihm surrende Drähte, und schloss die müden Augen, als eine Windböe ihm Staub ins Gesicht blies.

Das war also dieses Amerika. Staub und Dreck, Surren und nichts los. Keine Menschenseele weit und breit. Er hätte seine große Fahrt wirklich planen sollen; nicht einfach nur weg und er würde schon sehen. So einfach, wie er sich das vorgestellt hatte, war es offenbar nicht. Obwohl es nicht seine Art war, so schnell aufzugeben, überlegte Felix, die Augen geschlossen, an den hölzernen Pfosten gelehnt, sogar einen Moment lang, einfach umzudrehen. Zurück zum Hafen, die Böschung hinauf durch die losen Bretter im Zaun, zurück zum Schiff und mit dem rostigen Kahn wieder nach Europa, Hamburg, Wien. Als wäre nichts gewesen. Wie in einem Film, den der Filmvorführer versehentlich falsch herum eingelegt hatte. So etwas hatte er einmal im Kino im Prater erlebt und es furchtbar komisch gefunden.

Felix sah seine bisherige Reise rückwärtslaufen, sah sich rückwärts aufs Schiff steigen, in sein Lager springen, schlafen, aus dem Bett kriechen, sah brackiges Wasser, das aus seinem Gesicht tropfte, sah sich in der Mannschaftsmesse den schlimmen Fraß mit dem Löffel aus dem Mund hinausschaufeln, die Arbeit rückwärts erledigen. All die letzten Tage liefen in die falsche Richtung, bis er im Hamburger Hafen das Schiff verließ. Er konnte sogar den Dieselmotor hören, den Gestank förmlich riechen. Felix musste lachen und glaubte, im selben Moment auch ein Kinopublikum lachen zu hören. Halluzinierte er etwa? Da lachte doch jemand.

Er riss die Augen auf und blickte direkt in das freundliche Gesicht einer Frau mit langem schwarzen Haar, das mit zwei großen rosafarbenen Blüten geschmückt war. Nein, er blickte direkt in eine gläserne Kugel, die die Schwarzhaarige ihm entgegenhielt und in der ihr Kopf verkehrt herum stand. Ihr Mund bewegte sich zwar, doch Felix verstand kein Wort von dem, was sie sprach. Er betrachtete das auf dem Kopf stehende Bild der Frau in der Kugel, beobachtete, wie ihre Lippen sich öffneten und schlossen und wie der Wind ihr Strähnen ihres langen schwarzen Haars ins Gesicht blies. Vor ihren Augen öffnete und schloss sich das Haar wie ein schwerer Theatervorhang. Von ganz weit weg hörte Felix ein Hupen. Als er sich umsah, stellte er fest, dass sich die Frau mit den Blüten im Haar in einem grauen Automobil befand und ihn durchs offene Beifahrerfenster, also durch die Glaskugel betrachtete.

Sie war nicht allein. Neben ihr auf der Sitzbank saßen zwei weitere Gestalten, die Felix ebenfalls Unverständliches zuriefen. Die Frau am Lenkrad drückte dabei noch ungeduldig auf die Hupe. Eingeklemmt zwischen den beiden anderen saß ein dürrer Jüngling mit einem mächtigen gezwirbelten Schnauzbart und ebenfalls auffällig langer Haarpracht, auf der ein purpurfarbenes Hütchen saß.

Und was tat unser gerade erst frisch aus Europa angekommener Held? Der lehnte immer noch erschöpft am Telegrafenmast – und versuchte dabei, ein freundliches Gesicht zu machen. Wie können, fragte er sich, drei Menschen in einem Wagen einen derartigen Bahöl, ein solches Gezeter und Gehupe veranstalten. Ein seltsames Trio war das. Schließlich grinste er breit, und weil für ihn das Gerufe aus dem Wagenfenster wie tausend Fragen klang, nickte er zustimmend. Zustimmung auch im Inneren des Automobils. Die Langhaarige mit der gläsernen Kugel bedeutete ihm, seinen Rucksack hinten auf die Ladefläche zu werfen, wo bereits allerhand Kisten und Gepäckstücke lagen, die Tür flog auf, und Felix drückte sich zu den wunderlichen drei auf die Bank.

Auf dem zerschlissenen Ledersitz war tatsächlich noch etwas Platz für einen vierten Passagier, einen weiteren jedoch würde man sicher nicht auflesen können. Wo war eigentlich Simon geblieben, sein Kumpel vom Schiff? Die Langhaarige mit der Glaskugel neben ihm blickte ihn aufmunternd an. Die Frau am Steuer setzte sich eine Hornbrille mit furchtbar dicken Gläsern auf, die zuvor irgendwo in ihrer Frisur versteckt gewesen war, hupte erneut, legte energisch den Gang ein und stieg aufs Gaspedal.

Felix’ Reise nahm an Tempo zu. Kaum waren sie ein paar Hundert Meter gefahren, sprach, nein, brüllte ihm der schnauzbärtige Jüngling mit dem Purpurhütchen schon wieder etwas entgegen. Die Glaskugelfrau zwickte ihn dazu lachend und laut lamentierend in die Wange. Wieder fiel ihm nichts Besseres ein, als blöd zu grinsen, wobei seine trockenen Lippen zwei breite Reihen prachtvoller Zähne freilegten. So jung wie Felix war, wusste er um den Trick, den er mit seinem Lachen beherrschte. Niemand konnte die Mundwinkel derart in die Breite ziehen, fast bis zu den Ohren. Seine dunklen Augen verschwanden dabei hinter den Schlitzen, die seine Lider bildeten. Felix war es unmöglich, gleichzeitig zu lachen und in die Welt hinauszublicken, solche Menschen gibt es. Es wirkte, als würde er direkt in die Sonne schauen. Als würde er kein Unglück sehen. Lachte Felix, war er ganz bei sich. Und wer ihn lachen sah, konnte fast nicht anders als mitzulachen, es war wie Zauberei.

Da es zuvor schon erstklassig funktioniert hatte, nickte er auch noch eifrig, worauf der Dürre mit Bart und Hütchen begann, unter der Sitzbank zu kramen, wo er schließlich eine verbeulte Blechflasche hervorfischte, die er ihm mit dem Wort »Water« hinüberreichte. Water bedeutet Wasser, so weit kannte sich unser Felix in Amerika schon aus. Gierig trank er. Das Wasser schmeckte frisch, nicht wie das abgestandene Zeug auf dem Schiff. Sein Kumpel Simon, mit dem er die letzten Wochen viel Zeit verbracht hatte, hatte hoffentlich auch das Loch im Hafenzaun gefunden und war nun ebenso angekommen in Amerika wie er selbst.

Amerika war fad. Zumindest landschaftlich. Sie fuhren an einem Fluss entlang. Oder war es das Meer? Jedenfalls sah es hier auch nicht viel anders aus als in Wien am Donaustrom, wo Felix noch in seinen letzten hochoffiziellen großen Ferien oft zum Baden hingeradelt war. Bäume, Himmel, Wasser. Aber im Gegensatz zu daheim an der Donau gab es hier eine Art Versprechen, Abenteuer warteten, das große Unbekannte.

Momentan saß allerdings eher die große Unbekannte mit den dicken Brillen am Steuer des Automobils. Gerade hatten sie ein Kaff namens Tuckerton erreicht, Felix hatte das Ortsschild gelesen und innerlich – Tuckertuckertuck! – über einen tuckernden Ton lachen müssen, da stieg die Frau auf die Bremse und stellte den Motor ab. Eine Tankstelle zweifelsohne, dazu eine kleine Gaststätte. Mit großem Hallo und Gebrüll – der Tucker-Ton, der unserem Neuankömmling bereits nach der kurzen Zeit so vertraut erschien – stieg die Reisegruppe aus dem Automobil aus. Man reckte und streckte sich; offenbar waren seine drei Mitreisenden auch schon länger unterwegs, und die Kabine bot vielleicht wirklich nicht genug Platz für vier Personen. Ein Tankwart in verschmierter Arbeitskluft machte sich am Zapfhahn zu schaffen, und die Chauffeurin erteilte Kommandos, die Felix nicht verstand.

Es schien ohnehin, als wäre sie so etwas wie die Chefin der kleinen Truppe, jedenfalls sagte sie den anderen ziemlich bestimmend, was sie zu tun hatten. Zu dritt bauten sie sich vor Felix auf, und reichlich spät stellte man sich einander vor. Da allen inzwischen klar war, dass der jugendliche Fahrgast, den sie da auf der Landstraße beim Hafen von New Jersey aufgegabelt hatten, wenig bis überhaupt kein Englisch verstand, schlug man sich der Reihe nach auf die Brust und nannte seinen Namen. »Sabin«, rief die Chefin mit der Brille, nachdem sie mit der Hand kräftig gegen ihren Brustkorb geklopft hatte. »Sabin«, wiederholte Felix.

»Will«, rief der Langhaarige mit dem Schnauzbart und klopfte sich ebenfalls gegen die Brust, so enthusiastisch, dass er sich fast selbst umgeworfen hätte, so klapprig wie er war. Felix wiederholte auch diesen Namen: »Will.«

»Rita«, brüllte nun auch die Frau mit dem langen schwarzen Haar. Das I in ihrem Namen zog sie dabei in die Länge, dass es wie ein Schrei klang. Bei dem Versuch, sich gegen die Brust zu schlagen, wäre Rita fast ihre gläserne Kugel auf den Asphalt geknallt. Erwartungsfroh blickten die drei den Neuzugang an, der nun an der Reihe war.

»Felix Austria«, sagte also unser Held und deutete mit beiden Zeigefingern auf sich selbst. So was in der Art hatte er schon einmal im Kino gesehen, Indianerfilm, Wilder Westen, weiße Männer, die mit den Ureinwohnern Kontakt aufnahmen. Nur, wen spielte er in dieser Szene? »Felix Austria«, wiederholte er und versuchte, möglichst leise zu sprechen. Glaubten sie, er war taub, oder was? Er sprach doch lediglich nicht die Sprache seiner Reisegefährten. Immerhin verstand er ein paar Brocken. So wie jetzt, nachdem alle drei lautstark im Chor »Felix Austria!« wiederholt hatten und Sabin »Coffee« brüllte. Kaffee, ach freilich, hatte er schon seit Wochen keinen mehr gehabt.

Inzwischen hatte der Tankwart das Automobil vollgetankt, Glaskugel-Rita übernahm die Rechnung und zauberte dafür aus dem Blumenschmuck in ihrem Haar ein paar Dollarscheine. Geld besaß er auch keines, fiel Felix plötzlich ein. Rita schien seine Gedanken gelesen zu haben. »No problem«, rief sie, lachte, rieb erst Daumen und Zeigefinger und deutete auf sich selbst. Kein Problem, verstand Felix, er war wohl eingeladen. Seine Reisegefährten waren nett. Nett und vollkommen meschugge. Aber auf eine sehr angenehme Art.

In der Gaststätte war es überheizt und stickig, und es roch nach altem Fett, verbranntem Brot und frischem Kaffee. Die vier quetschten sich auf eine rotlederne Sitzbank; auf der anderen Seite des Tisches wäre noch genug Platz gewesen, sie hätten sich nur besser aufteilen müssen. Aber nach dem ersten Abschnitt ihrer Reise waren sie wohl schon so daran gewöhnt, nebeneinander zu sitzen. Die Kellnerin in einer adretten Uniform kam zu ihrem Tisch, schenkte aus einer großen gläsernen Kanne eine sehr dünne braune Brühe in vier Porzellanbecher und nahm die Bestellung auf. Felix wurde nicht gefragt, Sabin orderte einfach für alle vier dasselbe, und wenig später stand vor ihm ein Teller mit Ei, Bohnen und einer Scheibe verbranntem Speck.

Und Felix hatte Kohldampf. »Wohin fahren wir eigentlich?«, fragte er kauend. Er probierte erst gar nicht, die Frage in seinem schlechten Englisch zu stellen. Rita mit langem Haar und langem I schien ihn ohnehin bestens zu verstehen. Vielleicht war diese depperte Glaskugel, die sie jetzt auch mit in die Gaststätte genommen hatte und die nun neben ihrem leer gegessenen Teller lag, ja eine Art Übersetzungsgerät. Jedenfalls sagte Rita etwas zu Will und der kramte schon wieder unter seinem Sitz. Wie auch immer der Trick funktionierte, fand er selbst im Lokal etwas. Eine Landkarte, die er kurzerhand auf dem Tisch über Teller, Kaffeebecher, Besteck und Ritas Kugel ausbreitete.

»We picked you up here«, übernahm nun Sabin ihrerseits die Erklärung und machte mit ihrem vom Frühstücksspeck fettigen Zeigefinger einen Fleck auf die Karte, wo »New Jersey Harbor« stand. »We are here«, sagte sie und ließ den Finger auf einer eingezeichneten Straße zur Ortschaft Tuckerton wandern. Felix musste wieder lachen. »And we are going here«, sagte sie schließlich, nachdem sie mit dem Finger noch ein gutes Stück die Straße Richtung Süden gefahren war. »Atlantic City«, entzifferte Felix neben Sabins Fettfinger und dachte: aha. Er hatte keine Ahnung, was für eine Stadt Atlantic City war, aber es war eine Stadt. City, das wusste er, bedeutete Stadt, kein Kaff wie Tuckerton. Kein Kaff wie Wien-Stadlau.

Er stand auf, was keine Kunst war, da er am äußersten Rand der Sitzbank ohnehin während des ganzen Frühstücks nur mit einer Arschbacke auf dem abgewetzten roten Leder gesessen war. »Toiletten?«, fragte er die Kellnerin, die gerade Kaffee nachschenkte und Teller abräumte, und grinste wie immer. Auch diese Frau schien ihn zu verstehen. Jedenfalls wies sie mit dem Kinn in eine Richtung, wo Felix die Waschräume vermutete.

Er wusch sich endlich auch Gesicht und Hände und spülte sich die Reste des Frühstücks aus dem Maul. Als er zurückkehrte, war ihr Tisch verwaist. Die drei waren einfach ohne ihn weitergefahren? Und wie idiotisch von ihm, dass er seinen Rucksack nicht von der Ladefläche des Automobils genommen hatte. Der war jetzt gewiss futsch wie die drei seltsamen Gestalten.

Gerade hatte Felix die Toilettentür geschlossen, da flog ein Messer in seine Richtung. Er konnte eben noch ausweichen und das Messer landete gefährlich nah auf der Höhe seiner Gurke mit einem satten Ton in der Tür. Weitere Messer flogen, und nun entdeckte er Will beim Ausgang der Gaststätte, der ein Messer nach dem anderen in seine Richtung fliegen ließ. Mit einem leisen Surren flogen die Messer, landeten mit einem satten Klang in der Aborttür und zeichneten sehr interessant seine Silhouette nach. Neben Will beim Ausgang standen nun auch Rita und Sabin, die derb lachten.

Seine neuen Freunde hatten wirklich alle einen Klescher. Andererseits begeisterte er sich für die Präzision, mit der Will die Messer geworfen hatte. Der schmächtige Jüngling war Felix ein wenig unangenehm, fast unheimlich. Doch er war auch durch und durch professionell. Während Will die Messer unter dem Geschimpfe der Kellnerin wieder aus der Klosetttür entfernte, warf er Felix schmachtende Blicke zu und leckte sich auf eine widerliche Art über den Schnauzbart. Was der von ihm wollte? Doch das mit den Messern, wie das ging, das musste sich Felix unbedingt zeigen lassen.

Kurz darauf saßen die vier wieder im Automobil, genauso dicht gedrängt auf der Sitzbank wie zuvor: Sabin am Steuer, Will, Rita und schließlich Felix ganz außen. Die Landschaft flog vorbei, man konnte das Meer sehen, ab und zu kam ihnen ein anderer Wagen entgegen. Wirklich viel los war hier nicht. Felix irritierte, dass Rita ihren Oberschenkel rhythmisch an den seinen drückte. Aber vielleicht täuschte er sich auch, und es lag nur an den Kurven. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, dabei war es erst Vormittag. Nach der langen Überfahrt hielt sich sein Interesse für das Meer ohnehin in Grenzen. Außerdem hätte er sich arg vorbeugen müssen, um überhaupt einen Blick auf den Atlantik zu ergattern. Auf einer kurvigen, aber gut ausgebauten Straße fuhren sie die Küste entlang, und nach dem ganzen Geschrei und Lärm war es nun still im Wagen. So still, dass Sabin das Radio einschaltete, das ins Armaturenbrett eingelassen war. Ein Automobil mit Radio, so was gab es nur in Amerika. Wie weit war es wohl noch bis Atlantic City, der Stadt am Meer?

»Nicht mehr weit«, sagte Rita und stieß ihn in die Seite. Wieder schien sie seine Gedanken gelesen zu haben. Sprach sie plötzlich Deutsch, oder verstand er nur intuitiv, was sie sagte? Nicht weit also, dachte Felix. Es dauerte tatsächlich nicht lange, und sie kamen an einem Wald aus Schildern vorbei. »Atlantic City« war da zu lesen, »Americas Top Vacation Spot«. Felix versuchte, die anderen Schilder zu entziffern, die offensichtlich für Hotels, Vergnügungsstätten, Badestrände, Restaurants, Hochseefischen, Ponyreiten und sogar für einen Zirkus am Strand Reklame machten. Jedenfalls waren Clowns abgebildet, die ins Wasser hüpften. Sie waren da. Also fast. Welches Ziel genau auch immer ihre kleine Reisegruppe hatte.

Vor einer weiteren Reklametafel für den Zirkus stoppte Sabin das Automobil ruckartig. Mitten auf der Straße. Alle stiegen sie aus, und weil Felix am Rand saß, fiel er zuerst aus dem Wagen und landete auf dem Asphalt. Schnell rappelte er sich auf und klopfte seine ohnehin schon recht malträtierte graue Anzughose ab. Auf dem Schild hoch über ihnen war eine Art Schaukel über dem Wasser zu sehen. Blauer Himmel, blaues Meer. Auf der Schaukelstange stand ein muskulöser, dunkelhaariger Mann in kurzen weißen Hosen und Ruderleibchen, von seinem Gesicht war wenig zu erkennen, da die Augenpartie mit einem Stück Stoff verbunden war.

»Salto mortale«, las Felix vor.

Aufgeregt deutete Rita auf das Bild des Artisten. »Das ist ja Jack«, rief sie, »das ist ja unser Mann«, und wieder verstand Felix jedes ihrer Worte. Will sah auf der Landkarte nach, die er wie schon zuvor von irgendwo hergezaubert hatte, und fuchtelte damit vor Sabins Gesicht herum. Jack also. Offenbar war Jack, der Muskelkerl mit den verbundenen Augen, offenbar war dieser Zirkus am Strand das Ziel ihrer Reise. Oder zumindest eine erste Etappe. Ohne es geplant zu haben, hatte Felix endlich ein Ziel vor Augen.

»Schnell, schnell«, scheuchte Sabin die Truppe zurück ins Automobil. Nach einer kurzen Fahrt entlang einer menschenleeren Promenade mit hohen weißen Häusern mit vielen Fenstern – Felix schloss, dass es sich dabei um prachtvolle Hotels handeln musste – hielten sie neben einer kleinen Wohnwagensiedlung direkt an einem verlassenen Strand. In der Ferne war ein breiter Steg zu erkennen, der direkt aufs Wasser hinausführte und auf dem sich Karusselle und sogar eine Hochschaubahn befanden, wie er sie aus dem Wiener Prater kannte.

Doch von wegen blauer Himmel: Grau und tranig hingen die Wolken über dem ebenfalls grauen Meer. Es war keine Saison. In der Stadt am Atlantik, Americas Top Vacation Spot, herrschte ganz offensichtlich gerade Flaute. Kurz vor ihrer Ankunft musste es noch geregnet haben, der Boden war nass, vielleicht kam die Feuchtigkeit auch vom Meer herüber. Zwischen den Wohnwagen, deren Aufstellung, wie Felix gleich feststellte, einer genauen Ordnung folgte, irrten ein paar Gestalten umher, eingepackt in warme Sachen.

Aufgeregt fragten sie sich durch, wobei Will sich immer wieder nervös umsah. Nach ein paar Umwegen standen sie vor einem gelb gestrichenen Zirkuswagen mit der Aufschrift »Jack Jones, Trapeze Artist«. Vor der Tür stand ein hölzerner Hocker zum Ein- und Aussteigen. Wenn das wirklich ein Artist ist, dann braucht der doch solche Aufstiegshilfen gar nicht, dachte Felix und wunderte sich, dass hier nichts voranging. Ja, er hatte den Eindruck, dass seine Reisegefährten, die er bislang als laute und lärmende Truppe kennengelernt hatte, dass diese Hasenfüße sich jetzt plötzlich nicht trauten, an die Tür dieses Wagens zu klopfen oder sich sonst wie bemerkbar zu machen.

Die drei flüsterten und tuschelten stattdessen und verhielten sich – ganz anders als in den letzten Stunden – auffallend dezent. Also nahm Felix die Sache in die Hand. Während die anderen große Augen machten, kletterte er auf den Holzhocker, pochte dreist mit der Faust an die Tür – und weckte damit einen Riesen. Sogar die freche Rita blickte ihn entsetzt mit weit aufgerissenen Augen an. Diesmal brauchte sie dafür nicht einmal ihre gläserne Kugel.

Im Innern des Wagens rumpelte es, ein Fluchen war zu hören und mit einem Ruck wurde schließlich die Tür nach außen aufgestoßen. So heftig, dass Felix vom Hocker fiel und ein weiteres Mal seit seiner Ankunft in Amerika unsanft auf seinem Allerwertesten landete. Diesmal im Dreck. Vielleicht war es auch sein Glück, dass der Kerl, der da nun etwas gebückt in der Tür stand, ihn gar nicht bemerkte. Sein Zorn entlud sich an Rita und Sabin, die kleinlaut etwas vor sich hin stammelten. Der dürre Will hatte sich hinter den beiden Frauen versteckt.

Unser Held vermochte kaum, der Diskussion, die sich nun entwickelte, zu folgen; es ging um eine Uhrzeit, irgendwer schien irgendwas verpasst zu haben oder viel zu spät zu sein. Fast unter dem Gefährt liegend, nah bei einem Reifen im Schlamm, hatte er aber die Möglichkeit, Jack Jones, Trapeze Artist, in seiner ganzen Pracht genau zu betrachten, wie er da in der Wohnwagentür stand und fluchte.

Aus Felix’ Perspektive sah der Mann noch größer aus, als er wahrscheinlich war. Abgesehen von einer fleckigen weißen Unterhose trug er nichts am Leibe. Felix musterte seinen muskulösen Körper, der über und über mit Sommersprossen bedeckt war. Sommersprossen wie Schmutzspritzer. Große Füße, stramme Waden und Oberschenkel. Ein Bauch, der sich über der Unterhose wölbte, kräftige, auffallend haarige Arme, breite Schultern, ein breiter Nacken. Ihm fiel das Gesicht mit einem perfekten Gebiss auf, weißen Zähnen und einem Schnauzer, der zu den Seiten ein wenig müde nach unten hing. Was den Körper betraf, hatte das Zirkusplakat vorhin nicht zu viel versprochen. Als Sportler wusste Felix, wie viel Arbeit und Training es brauchte, um einen so perfekten Körper, den Körper eines Athleten, zu bekommen. Doch das Gesicht passte irgendwie nicht zum Rest. Trotz des Bartes schien es erstaunlich jung, fast bubenhaft, zu einem anderen, viel zarteren Körper zu gehören. Nun waren auch die Augen des Artisten zu sehen, die auf der Reklametafel vorhin an der Landstraße mit einer Binde verdeckt gewesen waren. Hellblaue Augen waren es, und Felix schien fast, als schössen ebenso blaue Blitze aus diesen Augen hervor.

Selbst wenn der Kopf nicht zu seinem restlichen Körper passte, Felix war hingerissen vom Anblick dieses Prachtkerls. Und für sein junges Alter hatte er zwar schon einige fantastisch aussehende Kerle gesehen – hallo, er hatte immerhin die letzten Wochen unter Seeleuten verbracht! Ganz abgesehen vom Training im Verein –, doch noch nie hatte er einen so perfekten und gleichzeitig unperfekten Mann erlebt. Wie ein römischer Gladiator sah er aus, ein Zehnkämpfer bei den Olympischen Spielen, ein Ringer in der Arena, dazu aber das zarte Bubengesicht. Als wäre er noch nicht ganz fertig. Felix fühlte sich zu ihm hingezogen, hatte aber auch Angst, als der Störenfried erkannt zu werden, der diesen Bubengladiator ganz offensichtlich aus dem Schlaf gerissen hatte.

Doch während die anderen ihre Standpauke bekamen, blieb Felix unentdeckt. Der Trapeze Artist Jack Jones beruhigte sich langsam. Seine Stimme wurde fast sanft, er lächelte und zeigte wieder Zähne, so weiß und perfekt wie die hohen Häuser der Stadt zuvor. Und dennoch, wie als letzten Akzent für diesen Auftritt, packte er seine riesenhafte Statur schließlich zurück in den Wohnwagen und zog die Tür mit einem Knall zu.

Auch wenn er kein Wort verstanden hatte, war bei Felix der Eindruck entstanden, dass in den letzten Minuten allerhand gesagt, geschimpft und vereinbart worden war. Rasch rappelte er sich wieder auf und blickte seine drei Reisegefährten auffordernd an.

Lange blieben sie nicht in Amerikas größter Ferienstadt am Atlantik, der Stadt mit der perfekten Skyline, in der nichts los war. Noch am selben Tag verließen sie Atlantic City. Sabin am Steuer, daneben, wie es sich bereits eingebürgert hatte, hockten Will, Rita und, ganz außen auf der Sitzbank des Automobils, unser Felix. Der gehörte nun offenbar fix mit zur Truppe. Alles lief wie gehabt, nur dass sie nun einen echten Zirkuswagen als Anhänger hatten, den Sabin unter großer Schreierei von einer Artistin übernommen hatte, die für derlei Verhandlungen etwas unpassend ein ehemals bestimmt ganz prachtvolles Glitzerkostüm trug. Womöglich hatten sie der Frau den Wagen auch einfach weggenommen, ganz schlau wurde Felix nämlich nicht aus dem Disput.

Den Trapeze Artist Jack Jones hatte Felix nicht mehr gesehen. Nun saß er also wieder im Automobil, Ritas Schenkel drückte sich an den seinen. Er starrte auf sehr viel Landschaft, über die sich allmählich die Nacht senkte, und dachte an das breite Grinsen von Jack, dem Kämpfer mit der unpassend jungen Visage. Er dachte an diesen Jack, der ihn ja noch überhaupt nicht kennengelernt hatte. Vielleicht hätte er dortbleiben sollen?

Wie üblich stieg Sabin aus heiterem Himmel auf die Bremse, unsanft hielt der Wagen, sie hatten wohl ein weiteres Etappenziel ihrer Reise erreicht. Nämlich neben einem frisch abgeernteten Feld, sonst konnte Felix nicht viel erkennen. War das hier etwa ihr Quartier für die erste Nacht? Schliefen nun alle im Zirkuswagen? Gab es dort überhaupt ein Lager für vier? Und gegessen hatten sie auch seit dem Frühstück in der Gaststätte nicht mehr. Sie stiegen aus, diesmal passte Felix schon gut auf, dass er nicht fiel. Sabin öffnete die Tür des Anhängers, und alle kletterten hinein.

Will zündete eine Petroleumlampe an, und was Felix nun zu sehen bekam, überraschte ihn noch mehr als sein an Überraschungen ohnehin schon reicher erster Tag in Amerika, die Begegnung mit Jack dem Riesen schon mitgezählt.

War ihm der Zirkuswagen von außen eher mickrig und bescheiden vorgekommen, glich er im Inneren einem Palast. Vielleicht lag es auch bloß am flackernden Licht der Funzel in Wills Hand, aber hier schien alles aus funkelndem Gold zu sein, rote Vorhänge aus schwerem Stoff, ein riesiges Bett, in dem gut und gerne eine Mannschaft Platz gefunden hätte, Pölster, Decken, Samt und Seide. Auf der anderen Seite ein hölzerner Tisch mit einer gemütlichen Sitzbank. Der Tisch war gedeckt mit Tellern, Suppentellern, Weingläsern, feinstem Silberbesteck, nur zu essen schien es nichts zu geben. Noch nicht.

Will stellte die Lampe ab, bückte sich und zauberte wie schon zuvor. Er stellte ein Tablett auf den Tisch mit einer Schüssel, in der Suppe dampfte, einer Platte mit einem Braten, gestampften Kartoffeln, einer Sauciere und einer Flasche vom Roten. Sie nahmen Platz, Rita zündete ein paar Kerzen an in einem silbernen Leuchter. Will hielt Felix die Weinflasche hin. Sollte er sie öffnen? Er besaß doch gar kein Werkzeug. Außerdem war er noch zu jung für Wein. Doch schon sauste eines von Wills Messern durch den Wagen und köpfte die Flasche, wie es angeblich reiche Leute mit dem Säbel beim Champagner taten. Felix schenkte allen ein. Er hatte keine Ahnung, wo dieses Festmahl plötzlich herkam, blickte sich um, ob er irgendwo einen Koch oder eine Köchin entdecken konnte, aber da war niemand. Auch keine Küche oder Kochgelegenheit. Da waren nur sie vier, und sie ließen es sich gut gehen.

In seiner ersten Nacht im Zirkuswagen schlief Felix auf dem Boden. Obwohl auf dem großen Lager noch Platz für ihn gewesen wäre, nahm er sich einfach eine Decke und machte es sich unter dem Esstisch bequem. Na ja, bequem war es nicht gerade, aber er wollte Sabin, Rita und Will nicht auf die Nerven gehen. Vielleicht hatte er auch ein wenig Sorge wegen der Annäherungsversuche. Den ganzen Tag schon hatten Rita und der dürre Jüngling ihn immer wieder so komisch angeschaut, hatten ihn wie zufällig berührt.

Nachdem Will bei den Zirkusleuten überraschend kleinlaut und unsichtbar gewesen war, schien er nun wieder ganz der Alte, der die Messer nach ihm geworfen hatte, die Felix’ Silhouette an einer Klotür in einer Gaststätte in irgendeinem Kaff an der Ostküste hinterlassen hatten. Da war Felix doch erschrocken, auch wenn es die Kunst des Dürren zu sein schien. Mehrfach war Felix unsanft auf seinem Allerwertesten gelandet, und er hatte Simon verloren, seinen Kumpel vom Schiff. Dieses wunderliche Trio hatte ihn an der Landstraße aufgesammelt. Die drei, die nun ein paar Meter weiter lautstark schnarchend den Schlaf der Gerechten schliefen.

Ach, er musste dankbar sein, dass sie ihn überhaupt im Automobil mitgenommen hatten und nun bei sich übernachten ließen. Mit diesen Gedanken schlief Felix ein. Die erste Nacht in Amerika schlief er wie ein Stein. Ein Stein in einem fremden Land mit drei Fremden, die ihm fast schon wie Freunde vorkamen. Wunderlich, unangenehm, ein wenig gefährlich, meschugge, aber irgendwie eben auch Freunde. Zumindest die beiden Frauen, Will eher nicht. Vor dem sollte er sich lieber in Acht nehmen.

»Coffee?«, hörte Felix, als ihn am nächsten Morgen ein Sonnenstrahl an der Nase kitzelte. In diesem Land schien also schon auch die Sonne wie überall. »Coffee?«, krähte die Stimme noch einmal, und als Felix die Augen öffnete, sah er direkt in die Augen des Dürren. Fast kitzelte ihn Wills Bart, schlechter Atem wehte ihm ins Gesicht. Zahnputzzeug kann der ganz offensichtlich nicht herbeizaubern, dachte er bei sich und nickte, bevor Will zum dritten Mal fragen konnte. Stattdessen zauberte der aus der Luft eine Blechtasse, in der sich dampfender schwarzer Kaffee befand, und hielt sie Felix hin. Erst jetzt bemerkte dieser, dass er ja immer noch unter dem Tisch lag, an dem seine drei Mitreisenden bereits beim Frühstück saßen. Wieso eigentlich musste er immer unten am Boden sein? Das würde sich ändern, beschloss Felix. Er rappelte sich auf, verschüttete dabei ungeschickt ein wenig von seinem Kaffee und nahm wie die anderen am Tisch Platz.

Wieder gab es Speck, Eier, geröstetes Brot, und wieder hatte Felix Schwierigkeiten, dem Gespräch der drei zu folgen. Im Zweifelsfall, so viel verstand er doch, ging es um das Ziel ihrer Reise, die beste Route, solche Dinge. Auch weil Will schon wieder mit einer Landkarte hantierte und Sabin, eindeutig die einzige Fahrzeuglenkerin unter ihnen, mit dem Finger auf größer und kleiner eingezeichneten Straßen umherfuhr. Vom Westen war die Rede, und in den Ohren des Neuankömmlings klang das in Ordnung. Im Westen von Amerika, an der Westküste, da lag Kalifornien. Hollywood war da, und da wollte er schließlich hin. Zumindest hatte er vor einiger Zeit mal darüber nachgedacht.

Felix war mit seinem Frühstück noch nicht fertig, da begann Rita bereits, den Tisch abzuräumen, in der einen Hand ihre gläserne Kugel, in der anderen das schmutzige Geschirr. Sie stieß das Fenster auf und warf es einfach hinaus, ebenso die Essensreste. Gestern hätte Felix noch gestaunt, sich gefragt, was das soll. Heute früh, an seinem zweiten Tag im neuen Land, war ihm klar, dass das hier wohl so üblich war. Außerdem konnte Will, oder wer auch immer, offenbar jederzeit alles herbeizaubern, was sie so brauchten. Amerika, das wurde Felix jetzt bewusst, war schließlich ein Land des Überflusses. Darum war er wohl hier gelandet.

Kurze Zeit später saßen die vier wieder nebeneinander aufgefädelt im Automobil und setzten die Reise fort. Die Reise in den Westen, was immer dort auch wartete. Aus dem Radio kam lärmige Musik, wie sie Felix noch nie gehört hatte, Sabin, Will und Rita stritten oft oder sangen laut mit, wenn sie ein Lied kannten.

So vergingen die Tage. Hatte Felix die zweite Nacht noch unter dem Tisch im Zirkuswagen verbracht, schlüpfte er in der dritten bereits zu den anderen unter die große Decke. Jemand hatte ihn herbeigewunken, Felix glaubte, Ritas Glaskugelhand zu erkennen, und im Bett war es tatsächlich viel gemütlicher. Auch nach Tagen unterwegs war ihm noch nicht klar, wer hier mit wem ein Paar bildete. Manchmal wirkte es so, als wären die Frauen mehr als Freundinnen. Dann wieder hatte er den Eindruck, dass der Dürre mit den beiden liiert war, und als er schließlich unter der Decke Wills kalte knochige Hand in seinem Schritt spürte, war er endgültig verwirrt. Sachte, aber bestimmt schob er die Hand weg und hoffte, dass als Reaktion jetzt nicht von irgendwoher Messer geflogen kämen. Dem Schnarchen nach schloss er allerdings, dass diese kleine Annäherung im Schlaf passiert sein musste. Schließlich schlief auch er ein.

Einmal nutzten sie einen Regenschauer zur Körperpflege. Die vier zogen sich aus, tanzten kreischend im Regen mitten auf einem Feld im Nirgendwo. Will hielt ihm lachend ein sehr oft gebrauchtes Stück Seife hin, und sie wuschen sich gegenseitig Kopf und Rücken.

Einmal, gerade hatten sie in einem verlassenen Nest zum Tanken und Austreten haltgemacht und saßen wieder im Automobil, stieg Sabin aufs Gaspedal, ohne die Rechnung zu bezahlen. Der Tankstellenbesitzer war wirklich wütend, schoss ihnen mit einer Pistole hinterher, aber Sabin war schneller, und fort waren sie. Versiegten etwa langsam die Geldvorräte, die in Ritas Kopfputz versteckt waren? Felix hatte keine Ahnung.

Einmal sahen sie auf dem Parkplatz einer Gaststätte echte Indianer. Natürlich hatte Felix Karl May gelesen, hatte sein Bild im Kopf und Fantasie ohne Ende. Aber er hatte keine Ahnung, dass es Indianer heute wirklich noch gab und er sie ausgerechnet hier treffen würde. Heimlich musterte er die Gruppe junger Männer in ihrer blauen Arbeitskleidung. Von wegen Federschmuck und Tomahawk. Arbeitskleidung trugen sie, und dennoch hatte Felix sie sofort als Ureinwohner erkannt.

Einmal stritten sich Felix’ Reisegefährten so schlimm, dass Sabin den Wagen stoppte, alle drei ausstiegen und sich gegenseitig Schläge androhten. Er hörte, dass die drei auch immer wieder seinen Namen – »Felix Austria!« – riefen. Die Vorstellung, dass es bei dem Streit wirklich um seine Person ging, mochte er nicht. Er blieb einfach still im Automobil sitzen, hielt sich die Ohren zu und wartete, bis sich alle wieder beruhigt hatten.

Einmal zündete sich Sabin, nachdem sie gegessen hatten, eine selbst gedrehte Zigarette an und hielt sie auch den anderen hin. Felix, der noch nie geraucht hatte, schüttelte den Kopf, und die anderen lachten. Der Rauch dieser Zigarette roch auch seltsam. Nachdem sie mit dem merkwürdigen Tschick zu Ende waren, lachten die drei noch mehr, was ihn sehr aufregte. Er hatte das Gefühl, sie lachten über ihn. Was war denn hier so komisch? War das eine Art Friedenspfeife? Karl May ließ schon wieder grüßen.

Einmal, gerade hatten sie das Nachtquartier aufgeschlagen, zauberte Will eine Torte herbei. So eine Torte mit brennenden Kerzen und allem. Rita hatte wohl Geburtstag, jedenfalls sangen die anderen ein Lied, das Felix nicht kannte, und Rita blies anschließend die Kerzen aus, wobei ihr langes Haar beinahe Feuer fing.

Ach, und Rita brachte Felix ein paar neue englische Wörter bei. Meist war der Anlass irgendetwas, das sie unterwegs entdeckten. So deutete sie einmal auf einen Kadaver am Straßenrand, an dem sie vorbeifuhren. Coyote, sagte sie. Coyote, wiederholte Felix. Tree, lernte Felix, bird, sky. Und pussy. Pussy sahen sie natürlich keine am Straßenrand. Auch keine Katze. Rita hatte eine derbe Geste in ihren Schritt gemacht und dreckig gelacht. Dick, rief darauf Will und deutete sich ebenfalls in den Schritt. Alle im Auto lachten, auch Felix, obwohl ihm die Situation mit Will zunehmend auf die Nerven ging. Dass der immer so unangenehme Andeutungen machte. Selbstverständlich lachte Felix, wie er immer lachte, wenn er nicht so genau wusste, worum es eigentlich ging. Dick blieb das einzige Wort, das der Dürre ihm beibrachte. Ausgerechnet. Vielleicht konnte er sich das Wort darum lange Zeit nicht merken.

Es folgten unzählige Tage, die alle mehr oder weniger nach demselben Muster verliefen. Meile um Meile fuhren sie, und abgesehen von Ritas Sprachunterricht und den Überraschungen, Torten, Schlägereien, Ureinwohnern, stinkenden Zigaretten oder einem wild gewordenen Tankstellenbesitzer waren die Tage ebenso monoton wie die Landschaften, durch die sie auf ihrer Reise quer durch die Vereinigten Staaten kamen. Stoisch saß Sabin am Steuer, neben ihr der dürre Will, der mit seinen Landkarten für die Navigation verantwortlich war, Rita, die in ihre Glaskugel starrte oder Dollarscheine aus der Frisur zog, wenn es ans Bezahlen ging, und am Rande Felix. Auch an den Nächten im Zirkuswagen änderte sich bloß die Speisenfolge ihres Abendessens und dass Felix nicht mehr unterm Tisch, sondern bei den anderen schlief.

Allmählich veränderte sich aber doch etwas. Die Gegend wurde bergiger, gleichzeitig aber auch wärmer, nach endlosen Serpentinen, bei denen allen außer Sabin am Steuer übel wurde – einmal hatten sie sogar anhalten müssen, weil Will sich erleichtern musste –, landeten sie in einem verlassenen Kaff am Rande einer Wüste. Drei leere Häuser, ein Geschäft und eine Gaststätte, beide geschlossen, das war alles. Plötzlich war hier nichts mehr außer Weite. Die untergehende Sonne tauchte die steinige Landschaft dramatisch in rotes Licht, und plötzlich war es finster. Stockfinster und kalt. Kein Ton war zu hören, und hatte bei ihrer Ankunft noch ein Wind gepfiffen, war es nun totenstill.

Sie campierten auf dem Parkplatz vor dem geschlossenen Lokal, Abendmahl mit Kerzenlicht, alles wie gehabt. Die Nacht im großen Bett unter der Gemeinschaftsdecke verlief ohne weitere Annäherungsversuche, fast schon war Felix enttäuscht. Mitunter hatte er den Eindruck, dass Sabin mit Will zugange war. Irgendwie konnte er die Geräusche nicht deuten, schlief aber rasch ein und durch bis zum nächsten Morgen. Da wusste er noch nicht, dass sie ihr Ziel bald erreichen würden.

Nachdem das Frühstück zusammengepackt, die Essensreste und das Geschirr wie immer aus dem Fenster gekippt waren, fuhren sie los durch eine steinige Gegend. Die Hitze war unerträglich, heißer Wind wehte durch das Automobil, doch wenn sie die Fenster schlossen, wurde es noch heißer im Inneren. Das Radio funktionierte nicht mehr, selbst singen wäre viel zu anstrengend gewesen. Der Schweiß lief ihnen über die Gesichter, die Körper, Beine klebten an der Sitzbank, Ritas Schenkel klebte an dem von Felix. Einzig Sabin am Lenkrad schien die Hitze überhaupt nichts auszumachen.

Wenn Felix die Landschaft vorher schon als monoton empfunden hatte, was war, bitteschön, das hier? Im Schatten eines riesigen Kaktus machten sie Rast, und Felix beobachtete, wie sich Will in der fürchterlichsten Hitze fluchend und schwitzend mit dem Messer an einem Kaktus zu schaffen machte, schließlich ein paar Stücke davon abschnitt und sie einsteckte. Seine Finger bluteten, als er in den Schatten zurückkehrte. Offenbar funktionierten Wills Zaubertricks hier in der Wüste nicht besonders gut.

Immerhin hatten sie genug Wasser dabei, das allerdings warm war und abgestanden schmeckte. Es war Wasser. Denn die Vorstellung, hier irgendwo mit einer Reifenpanne zu stranden, behagte Felix ebenso wenig wie die Temperaturen. Sie kletterten wieder ins Automobil und fuhren weiter. Wieder begegneten sie keiner Menschenseele, auch keinem Tier. Nicht einmal Coyoten, weit und breit nur flimmernde Wüste und noch schlimmere Hitze.

Schließlich waren da wieder ein paar einzelne Bäume, die Landschaft wurde weniger karg, und nach einer weiteren Strecke bergab mit vielen Serpentinen, Will musste diesmal nicht speiben, fanden sie sich in einem Tal voller saftig grüner Gärten und Plantagen wieder. Es gab kleinere Dörfer, Bauernhöfe, schloss Felix, obwohl keine Tiere zu sehen waren.