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Ihre Welt in 99 Worten – Alice Schwarzer zieht Bilanz. Anhand von 99 Begriffen – von A wie Arbeit und Alter, I wie Influencer, K wie Krieg und Frieden, M wie MeToo, O wie Ostdeutschland, R wie Rassismus oder S wie Sexualität – greift sie Themen der Zeit auf, die uns alle angehen. Die Basis sind Klassiker des Feminismus ebenso wie Persönliches aus Alice Schwarzers bewegtem Leben. Sie zeigt, auf welchen Errungenschaften der heutige Feminismus aufbaut und welche Herausforderungen uns ganz aktuell beschäftigen. So steckt Alice Schwarzer ein Mosaik des modernen Feminismus, das dessen Entwicklung, seine Erfolge und Irrungen, über die Jahrzehnte mit erzählt.
Ein inspirierendes Buch, das zum Weiterdenken anregt, Raum für eigene Überlegungen bietet und die heutige Relevanz der Frauen- und Menschenrechte eindrucksvoll darlegt.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ihre Welt in 99 Worten – Alice Schwarzer zieht Bilanz. Anhand von 99 Begriffen – von A wie Arbeit und Alter, I wie Influencer, K wie Krieg und Frieden, M wie MeToo, O wie Ostdeutschland, R wie Rassismus oder S wie Sexualität – greift sie Themen der Zeit auf, die uns alle angehen. Die Basis sind Klassiker des Feminismus ebenso wie Persönliches aus Alice Schwarzers bewegtem Leben. Sie zeigt, auf welchen Errungenschaften der heutige Feminismus aufbaut und welche Herausforderungen uns ganz aktuell beschäftigen. So steckt Alice Schwarzer ein Mosaik des modernen Feminismus, das dessen Entwicklung, seine Erfolge und Irrungen, über die Jahrzehnte mit erzählt.
Ein inspirierendes Buch, das zum Weiterdenken anregt, Raum für eigene Überlegungen bietet und die heutige Relevanz der Frauen- und Menschenrechte eindrucksvoll darlegt.
alice schwarzer
99 worte.
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Copyright © einzelne Beiträge by Alice Schwarzer, Gesamtkonzept und Vorwort 2026 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
[email protected] (Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
www.heyne.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Silvia Kretschmer
unter Verwendung des Fotos von © bettinaflitner.de
Layout & Satz: Silvia Kretschmer
ISBN 978-3-641-33721-6V003
Vorwort
Abtreibung
Alter
Arbeit (Haus und Beruf)
Autofahren
Beauvoir, Simone de
Bisexualität
Boy, bad & good
Bruno
Büstenhalter
Butler, Judith
Consciousness-Raising-Groups
Dohm, Hedwig
Ehe
Ehre
EMMA
Essstörungen & Diäten
Feminismus
Femizid
Frau sein
Frauenbewegung, historisch
Frauenbewegung, Neue
Frauenfreundschaft
Frauenhaus
FrauenMediaTurm
Frauentag / 8. März
Frauenzentrum
Geld / Gender Pay Gap
Gendermedizin
Gendern
Genitalverstümmelung
(Sexual)Gewalt
Gouges, Olympe de
Haare
Handtaschen
Heldinnen / Vorbilder
Highheels / Schuhe
Homo-Ehe
Humor
Influencerinnen
Islamismus / Politischer Islam
Jüdinnen und Juden
Junge Frauen
Karriere & Quote
Katzen
Kinder
Klitoris
Kochen
Kopf oder Körper?
Kopftuch
Krieg & Frieden
Lebensfreude
Leihmutterschaft
Lesben
Liebe
Macht
Männerhass
Mann sein
Masochismus
MeToo
Missbrauch von Kindern
Mode
Monroe, Marilyn
Mütter / Rabenmütter
Muttertag
Opfer
Ostdeutschland / DDR
Pädophile
Patriarchat
Pazifismus
penetration
Pornografie
Das Private (… ist politisch)
Prostitution
Queer (divers / nonbinär / LGBTQI+)
Queerfeministinnen / neo / netz
Rassismus
Recht / Rechtsprechung
Schneider, Romy
Sex & Gender
Sexismus
Sexualität
Sexualpolitik
Silvesternacht 2015
Sisterhood
Sotoudeh, Nasrin
Suffragetten
Tiere / Tierrechte
Transsexualität
Traum / Utopie
Universalismus, Kulturrelativismus
Väter / vatertöchter
Vergewaltigung
Verhütung
Wechseljahre
Wehrdienst / Pflichtjahr
Weiblichkeit / weiblichkeitswahn
Xanthippe
Yeti
(Selbst)Zweifel
Es sollte mich nicht wundern, wenn mir, kaum ist dieses Buch gedruckt, zwei, drei weitere Stichworte einfielen, die unbedingt dazugehören. Denn die Aktualitäten und damit die Perspektiven auf die Welt verschieben sich permanent. Hätte ich 2022/23 über die »Wehrpflicht für Frauen« geschrieben? Gewiss nicht. Aber ich habe es selbstverständlich 2025/26 getan.
Ich bin seit 60 Jahren Journalistin und seit über 50 Jahren engagierte Feministin. Mit manchen der folgenden Themen beschäftige ich mich quasi schon lebenslang (wie Abtreibung oder Prostitution), andere sind erst in den vergangenen Jahren neu hinzugekommen (wie Queerfeministinnen oder Silvesternacht). Wiederum andere sind zwar persönlich, aber auch exemplarisch. Meine Methode ist immer: objektive Recherche und subjektiver Zugriff, von wissenschaftlich bis feuilletonistisch. Die Form: eine Buchseite, nicht mehr und nicht weniger.
1800 Zeichen. Eine Herausforderung, die ich mir selbst auferlegt habe. Und das zu Themen, die zehn (EMMA-)Heftseiten oder auch ein ganzes Buch füllen könnten bzw. schon gefüllt haben. Aber zehn Magazinseiten werden nicht von allen und ganze Bücher in Zeiten des Internets immer seltener gelesen. So geht Wissen, gehen bereits erlangte Erkenntnisse verloren. Vor allem in Bezug auf den autonomen Feminismus, dem die noch immer patriarchal geprägte Geschichtsschreibung nicht sonderlich gewogen ist.
Der Feminismus, diese allein schon in der Neuzeit über anderthalb Jahrhunderte erprobte Theorie und Praxis, hat, mehr noch als der Sozialismus, die Gesellschaft und das Leben jedes einzelnen Menschen tiefgreifend verändert. Aber die heute jungen Frauen (und Männer) wissen kaum noch etwas von dem einst Gewesenen bzw. bereits Erreichten und fangen immer wieder bei null an – statt endlich weiterzudenken.
Mit diesem Buch versuche ich, den Kern des jeweiligen Themas zu erfassen und den Bogen ins Heute zu schlagen. Damit junge Frauen und die interessierten Männer nicht wieder auf der Stelle treten – oder gar zurückfallen! –, sondern sich auf die Schultern der Pionierinnen stellen und weiter blicken.
Der Begriff Feminismus ist keine geschützte Marke, sondern eine inflationäre Münze. Jede und jeder kann sich auf ihn berufen, bis hin zu den AntifeministInnen. Und gerade die tun es mit Vorliebe. Denn erst das Etikett »Feminismus« gibt dem Antifeminismus eine gewisse Pikanterie (sonst wäre er nur fad).
Meine Themen sind zum Teil Klassiker des sogenannten Gleichheitsfeminismus, stehen also in der Tradition von Universalismus, Humanismus und Antibiologismus; zum Teil sind sie sehr persönlich – wie das »Autofahren« oder mein Ex-Lebensgefährte Bruno.
Selbstverständlich haben meine EMMA-Kolleginnen gegengelesen (so wie ich alle ihre Texte gegenlese) und dazu noch einige Anmerkungen gemacht oder gar Fehler entdeckt. Danke! Denn es versteht sich, dass bei dieser Kurzform so manches hintenüberkippt, manchmal auch Wesentliches. Doch der Kern muss stimmen!
Ich gebe zu: Ich habe diese kurze Form nicht nur gewählt, um heutigen Lesegewohnheiten entgegenzukommen, sondern auch aus Sportsgeist. Es braucht eine hohe Konzentration und einen gewissen Mut für eine Autorin, einen Autor, diese 99 Bausteine so knapp und präzise zu meißeln, zu einem Mosaik zusammenzufügen, das mein Weltbild abbildet. Das ist mein Universum; also das Fundament, auf dem sich mein Denken und Handeln abspielt.
Natürlich gäbe es zu jedem einzelnen Stichwort mehr zu sagen, viel mehr. Dafür habe ich in diesem Buch die linke Seite freigehalten. Das ist der Platz, auf dem ihr Leserinnen und Leser eure Informationen, Reflexionen oder Fragen notieren könnt – und damit auch mein Universum erweitern.
Ich bin sehr gespannt auf eure Reaktionen! Ihr könnt mir schreiben unter dem Stichwort »99 Worte« an: [email protected]. Oder per Post (gibt es ja auch noch): Am Bayenturm 2, 50678 Köln.
Wenn euch das Lesen so viel Spaß macht, wie mir das Schreiben gemacht hat, dann habe ich mein Ziel erreicht.
Alice Schwarzer
Köln, Januar 2026
Nach etlichem Hin und Her gilt der faule Kompromiss heute gesamtdeutsch: die Beratungspflicht. In unseren westlichen Nachbarländern, auch in den katholischen, ist eine selbstbestimmte Fristenlösung längst Gesetz. In Deutschland aber darf eine Frau nur abtreiben, so eine Beratungsstelle es erlaubt. Theoretisch. Praktisch muss sie erstmal eine Ärztin/einen Arzt finden, der das auch tut. Denn das kann nicht nur in katholischen Krankenhäusern den Job kosten. In Deutschland haben Frauen auch im 21. Jahrhundert also kein Recht auf Abtreibung, man gewährt ihnen lediglich die Gnade.
Vor 55 Jahren, im Frühling 1971, hatte ich die Idee von Frankreich nach Deutschland exportiert (ich lebte damals in Paris): das provokante Bekenntnis im Stern: »Ich habe abgetrieben und fordere das Recht für jede Frau dazu!« Es löste eine Lawine aus und war der Beginn der Neuen Frauenbewegung in Deutschland. Die 373 Frauen (ich war die 374.), die den Mut hatten, sich öffentlich zu bekennen, waren Verkäuferinnen oder Studentinnen, Hausfrauen oder Filmstars; sie alle riskierten viel. Diese Frauen sind Heldinnen! In der Politik war damals die Mehrheit gegen das Recht auf Abtreibung: die Konservativen unverrückbar, im Dienste des Vatikans; die Sozialdemokraten halbherzig, in der Tradition des proletarischen Machotums. Unabhängig von Glaube und politischer Präferenz geht es für uns Frauen dabei um so viel mehr als »nur« das Recht auf den eigenen Körper. Es geht um unser ganzes Leben. Darum treibt weltweit ein Drittel aller Schwangeren ab (laut Weltgesundheitsorganisation). Unter allen Umständen. Zirka 40 000 Frauen sterben im Jahr an illegalen Abtreibungen. Die Frage ist also nicht, ob Frauen abtreiben, sondern nur, wie Frauen abtreiben: bevormundet und ggf. unter Lebensgefahr – oder selbstbestimmt und mit medizinischer Hilfe. Es geht also nicht ums »werdende Leben«, es geht um Demütigung und Entrechtung der Frauen.
»Altfeministin«. Wie hört sich das an? Gestrig. Und genau das soll es auch. Ich selbst habe die zweifelhafte Ehre, seit ü60 ins Altersfach geschoben worden zu sein. Am eifrigsten dabei sind seit etwa zehn Jahren die heute sogenannten Queerfeministinnen. Was fast tragisch ist. Denn längst nähern die sich schon selbst der Grenze, an der man Frauen alt aussehen lässt: nämlich ab Mitte 40. Neuerdings erwischt es auch die Männer. Die sind jetzt ab ü60 »alte weiße Männer« und sollen die Klappe halten. Aber was, wenn sie wirklich etwas zu sagen haben?
In Amerika – immer vier, fünf Jahre voraus, im Guten wie im Schlechten – haben längst nicht nur älter werdende Feministinnen den Kampf gegen Altersdiskriminierung ganz oben auf ihre Fahnen geschrieben. »Ageismus« heißt diese Variante des Rassismus, dieser »Diskriminierung aufgrund unveränderbarer biologischer Merkmale«. Wobei das Besondere bei diesem biologischen Merkmal ist: Es wird eines Tages alle treffen. Schwarze werden nicht weiß, Nicht-Juden werden keine Juden, aber alle Jungen werden eines Tages alt – so sie nicht vorher sterben. Schon darum sollten eigentlich alle bemüht sein, sich vor Altersdiskriminierung zu hüten.
Auch die starre berufliche Grenze von 66 ist absurd. Nicht nur für diejenigen, die weiterarbeiten wollen, sondern für die ganze Gesellschaft, die damit kostbare Ressourcen verliert. Fakt ist, dass hierzulande 80 % aller Ü70-Jährigen selbstständig leben. Nur jedeR sechste landet im Heim.
Doch dürfen angesagte »anti-rassistische« YouTuber oder zwangsjugendliche TV-Männchen und die von Medien gehypten »Queerfeministinnen« noch immer ungebremst ältere Menschen verhöhnen und über ältere Frauen spotten. Dass sich das in unserer alternden Gesellschaft bald ändern wird, ist eine reine Machtfrage. Adieu, Jugendwahn.
Frauen erhalten in Deutschland 7 % weniger Lohn bei vergleichbaren Tätigkeiten. Das scheint nicht viel. Aber Deutschland hat ein besonderes Problem: die Rabenmutter. Das will keine sein. Also arbeiten 50 % der berufstätigen Mütter Teilzeit, bei den Müttern mit Kindern unter zwölf Jahren sind es sogar 70 %.
Tun die Frauen das für die Kinder in einem Land, in dem Hunderttausende Krippen- und Kindergartenplätze fehlen? Auch. Aber nicht nur. Denn: Ihren größten Karrieresprung machen Männer im ersten Jahr ihrer Vaterschaft – dann hält die Frau ihnen den Rücken frei.
Noch 1970, also vor Aufbruch der Frauenbewegung, war nur knapp jede dritte Frau in der Bundesrepublik berufstätig (in der DDR 91 %!). Heute sind es gesamtdeutsch drei von vier. Gleichzeitig allerdings ist die Zahl der Wochenarbeitsstunden aller erwerbstätigen Frauen gesunken. Dieses Paradox liegt an der steigenden Teilzeitarbeit in Deutschland.
So manche Frau sagt noch heute: »Er hilft mir im Haushalt.« Er hilft ihr? Hausarbeit ist doch nicht die Angelegenheit von Frauen, sondern der Menschen, die im Haushalt leben! Trotzdem arbeiteten noch im Jahr 2023 die Frauen doppelt so viel im Haus (zwei Stunden am Tag) wie die Männer (eine Stunde).
Kurzum: Die Frauen müssen sich auch selber eine Leidenschaft nicht nur für Mann und Kinder, sondern ebenso für die Welt und den Beruf zugestehen. Und ein stärkeres konkretes Engagement der Männer im Haus einklagen! – auch wenn sie sich damit nicht immer beliebt machen. Und auch Vater Staat sollte endlich zumindest einen Bruchteil der Milliarden, die er zurzeit für die Kriege in der Welt ausgibt, stattdessen in den Familienfrieden investieren (also Krippen, Mittagstische etc.). Denn eines ist doch klar: Solange es keine gerechte Arbeitsteilung gibt, kann es keine Gleichberechtigung geben.
Ich weiß, wovon ich rede. Und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen am Steuer. Ich bin eine leidenschaftslose Autofahrerin. Aber ich habe in 60 Jahren noch nie einen Unfall gebaut. Autofahren langweilt mich. Ich sitze viel lieber auf dem Beifahrersitz, lese, schäle Apfelsinen oder gucke in meinen Shell-Atlas. Ja. Denn das Navi verblödet.
Aber. Ich würde gerne freiwillig auf dem Beifahrersitz sitzen. Doch ich erlebe seit 60 Jahren, dass man mich dahin bugsiert. Angefangen hat es mit Brunos Ente. Wir fuhren mit meiner Mutter durch ein verregnetes, quasi autofreies Wuppertal zum Weihnachtsessen. Ich zum ersten Mal am Steuer. Mit Revolverschaltung. Dazu hatte er mir vorher kein Wort gesagt. Gelernt hatte ich auf einem VW.
An der Kreuzung ruckte der Wagen ganz leicht nach hinten und touchierte die Stoßstange des hinter uns stehenden Autos. Bruno wurde blass. Meine Mutter murmelte vom Rücksitz: »Das kostet dich den Führerschein.« Ich stieg aus und rief schon von Weitem: »Das war meine Schuld!«
Danach rührte ich drei Jahre lang kein Lenkrad mehr an. Inzwischen war ich Feministin geworden. Ich kannte in Paris quasi alle Buslinien und U-Bahnen auswendig. Er fuhr das von mir bezahlte Auto. Schließlich meldete ich den Wunsch an, wieder zu fahren. Freundlicher Blick. Selbstverständlich. Wobei – »Man muss nicht alles können, Liebling …«
Inzwischen hatte ich Albträume, in denen ich rund um die Place de la Concorde fuhr. Was soll ich sagen: Es ging im Prinzip so weiter. Auch mit Frauen neben mir: Vorsicht, Rot! Achtung, der Bürgersteig rechts! Und so weiter und so fort. Doch ich habe mich emanzipiert. Einmal bin ich sogar allein bis nach Sylt gefahren – Kurzum: Ich bin auch nur eine Frau. Ich weiß, wovon ich rede.
Das Grab von Simone de Beauvoir (und Jean-Paul Sartre) auf dem Friedhof Montparnasse ist auch im Jahr 2026 Tag für Tag übersät mit Blumen, gefalteten Briefen in allen Sprachen, Metrokarten. Und der helle Grabstein ist bedeckt mit roten Lippenstiftküssen. 39 Jahre nach ihrem Tod lebt Simone de Beauvoir nicht nur in ihren Romanen, Essays und Memoiren weiter, sondern auch in den Herzen der Frauen.
Nur etwa 300 Meter entfernt, in ihrer Wohnung Rue Schoelcher 11bis, habe ich sie in den Jahren 1971 bis 1986 unzählige Male besucht, sie interviewt, und wir haben privat geredet. Beauvoir war neugierig, extrem ambivalenzfähig und lebensfroh: »In meinem ganzen Leben bin ich niemandem begegnet, der so zum Glück begabt gewesen wäre wie ich.«
Als wir 1973 für die Dreharbeiten meines 45-Minuten-Porträts über sie zusammen mit Sartre in Rom waren, erlebte ich die beiden live. Ihre Beziehung war sehr vertraut, liebevoll-ironisch, geschwisterlich. Sie lebten die »freie Liebe«: nicht verheiratet, in zwei Wohnungen, mit »Nebenbeziehungen«. Das war von ihm vorgegeben, ging nicht immer gut (vor allem nicht für die Dritten), hat aber auch ihr erlaubt, sich Freiheiten zu nehmen. Freiheiten wie ihre leidenschaftliche Affäre mit Nelson Algren oder ihre Beziehungen mit Frauen.
Beauvoirs 1949 erschienener Essay »Das andere Geschlecht« ist das Fundament, auf dem wir Feministinnen stehen. Credo: »Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.« Ab 1971 wurde Simone de Beauvoir für die junge Frauenbewegung zur »Weggefährtin«, der nichts radikal genug sein konnte. Diese erste große weibliche Intellektuelle des 20. Jahrhunderts hatte sich selber früh den Ausbruch aus dem Geschlechterkäfig erlaubt: Sie lebte gleichzeitig ein »Frauenleben« und ein »Männerleben« und wurde so zum Rolemodel für Millionen Frauen.
Ich habe ein so amüsantes wie aufschlussreiches Gesellschaftsspiel erfunden. Ich zeichne mit einem langen Strich die Spanne zwischen »100-prozentig heterosexuell« – und »100-prozentig homosexuell«. Zwischen diesen beiden Polen können meine heterosexuell wie homosexuell lebenden Freundinnen und Freunde ihre Selbsteinschätzung eintragen. Und siehe da, es gibt kaum jemanden, die/der sich als 100-prozentig versteht.
Die meisten landen irgendwo bei 20/80 oder 30/70. Nur eine Minderheit macht eine Punktlandung bei 50/50. Das sind die »echten« Bisexuellen, die sich ihrer »männlichen« und »weiblichen« Hälfte bewusst sind. Sie begehren gleichermaßen beide Geschlechter, eben Menschen. Was eigentlich keine Überraschung ist. Schließlich kommt der Mensch mit einer nicht zielgerichteten Sexualität zur Welt, die erst von der Kultur normiert wird. »Polymorph pervers« nannte Sigmund Freud das.
Der Pionier der Sexualforschung, Alfred Kinsey, befragte für seinen in den 1950er Jahren als schockierend geltenden »Kinsey-Report« (1948 und 1952) Frauen wie Männer auch nach ihren homosexuellen Erfahrungen: 40 % aller Männer hatten sie und 28 % aller Frauen, also auch eine große Anzahl der später »Heterosexuellen«.
Im Zuge der 68er-»sexuellen Revolution« und der Frauen- und Schwulenbewegung der 1970er Jahre trauten sich die Homosexuellen raus und gerieten die Bisexuellen zwischen die Stühle. Den Heterosexuellen waren sie nicht hetero, den Homosexuellen nicht homo genug. So manches Mal aber verdeckt eine behauptete Bisexualität auch eine gelebte Homosexualität. Letztere ist für Frauen im Patriarchat bis heute heikler als für Männer. Inzwischen aber geht die Bisexualität in der allumfassenden Kategorie »Queer« unter. Aktuell wird die Zahl der aktiv Bisexuellen auf 4 % geschätzt. Sie haben die doppelte Wahl.
Sie sind wieder da, die bad boys. Spätestens seit dem weltweiten Rechtsruck, verkörpert durch Macho Trump, ist es wieder angesagt, ein »echter Mann« zu sein. Waren auch die Linken und Liberalen nur Wölfe im Schafspelz? Haben sie nur darauf gewartet, endlich wieder »echte Männer« zu sein, statt den Softie zu spielen? Kein Zweifel: Es grassiert eine Verunsicherung unter den Männern. Seit sie durch den Feminismus fundamental infrage gestellt wurden, sind sie irritiert und auf der Suche nach einer passenden Rolle.
Studien ergeben seit Jahren eine Dreiteilung: Ein Drittel der Männer versucht, der Gleichberechtigung gerecht zu werden. Ein Drittel hält sich bedeckt und wartet ab, wie der Wind sich dreht. Und das letzte Drittel sind die bad boys.
