Ferien Feste Feiern -  - E-Book

Ferien Feste Feiern E-Book

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Beschreibung

Erlebtes, Erinnerungen, Phantasie und Träume: 20 Autoren aus dem südhessischen Raum haben sich in dieser Sammlung von Geschichten und Gedichten mit dem Thema Ferien, Feste, Feiern beschäftigt und es auf vielfältige Weise bearbeitet: unvergessliche Ferienerlebnisse, Reisen, Ausflüge, Festlichkeiten, Geburtstage oder Trauerfeiern sind Teil unseres Lebens. Kinder feiern Angelas Geburtstag als den der Kanzlerin, der Aufenthalt in Erbach während des Wiesenmarkts wird zum aufregenden Kriminalfall, eine Lehrerin lässt sich während eines Aufenthalts in Frankreich zum Dichten von Elfchen inspirieren, lange zurückliegende Badefreuden im Woog während der Schulferien eine Verstorbene erhält bei ihrer Beerdigung ein unerwartetes Geschenk, ein Fahrrad erzählt Reisegeschichten in gereimter Mundart.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Klaus Brunn

Sag einfach Ja!

Alex Dreppec

An bebenden Abenden

Muscheln naschen

Schöpferkelle

Vögel, die bei Regen singen

Klangfarben und Schallquellen

Das Schokoladenkastenkuchen-Randstück

Blumen!

Kunst auf der Zunge

Dinner mit Freunden

Hans Fengel

Der Klößerhannes und seine Feier-Kumpane

Feiere das Leben

Sonnhild Grevel

Die Idylle trügt

Trauern, aber mit Stil

Anne Jahn

Damals war‘s

Der Hauptgewinn

Eiszeiten

En klasse Sommer

Heiligabend

Idylle Campingplatz

Kampf der Giganten

Viel zu viele …

Winterkinder

Edith Keil

Camping mit Baby

Delphin

Elfchen aus Südfrankreich

Schei...ferien

Urlaub – sellemols

Gesche Kruse

Mei Fahrrädl verzählt

Astrid Meyer

Das Osterlamm in der Sonne erblicken

Die Tauber

Feuerwerk

Im Hermannshof

Mein Oberfeld

Das Passionsspiel in Bensheim an der Bergstraße

Heiner Meyer

Baltrumer Bunkernächte 1955

Gerty Mohr

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen oder In Vino Veritas

Franziska Motamedi

Es gibt sie noch

Regina Schleheck

Der Ohrring

Liliane Spandl

Der Kostümball

Traumurlaub

Der achtzigste Geburtstag

No dinner for No One

Brigitte Steckel-Quäl

Spaziergang im Zoo:

Am annern Affekäfisch

Angelas Geburtstag

Der Reisevogel

De Liebesdienst

De Vergleisch

Das Kälbchen

Der Geburtstagskaffee

Gewitter am Gardasee

Sofias Reise-Erzählungen

Irene Thomae

Der erste Urlaubstag

Klaus Peter Walter

Wölfi und Turbo

Hanne Weigang

Omas Fest

Sonntags

Ein großer Traum

Oktober

Der letzte Ritt

Die Eselin

Ein Festessen

Hurra!

Gentlemanlike

Petra Wieder

Wattenmeer Schlaraffenland

Steife Brise

Wetter an der Waterkant

Lach-Möwe

Zweifelhafter Kur-Urlaub

Peloponnes – Hand der Götter

Sch(l)üsselfrage

Fred Wohlfahrt

Kaltes Bier statt Kalabrien

Statt eines Vorwortes

Das Beste gegen Sonnenbrand?

Ferien im Sauerland!

(Kalenderspruch)

Das Semester ist dazu da,

um sich von den Ferien zu erholen.

Wenn die großen Ferien zu Ende gehen, wenden sich Millionen glückstrahlender Gesichter der Schule zu – die Gesichter der Mütter. Kalenderspruch

Die besten Reisen, das steht fest,

sind die oft, die man unterlässt!

(Eugen Roth)

Wenn alle Tage im Jahr gefeiert würden,

wäre Spiel so lästig wie Arbeit.

(William Shakespeare)

Das schönste an einem Feiertag ist die Aussicht

auf einen zweiten. Daher ist der letzte stets ein Aschermittwoch.

(Jean Paul)

Ein Leben ohne Feste ist

wie eine lange Wanderung ohne Einkehr.

(Demokrit)

KLAUS BRUNN

Sag einfach Ja!

Pull your socks up, put your suit on

Comb your long hair down,

For you will be wed in the hour

(Rolling Stones aus ›Dear Doctor‹)

Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich hätte nicht ›Ja‹ sagen dürfen. Das heißt, noch habe ich es nicht gesagt. Aber jetzt ist es zu spät und draußen sitzen die Verwandten und Freunde. Für die ist das ein Heidenspaß, dass ich da vorne stehe. Ich riskiere mal einen Blick durch die Tür. Verdammt, da kommt Andy.

»Na, bist du aufgeregt? Blöde Frage, die Aufregung läuft dir ja in Strömen die Stirn herunter. Hier hast du ein Taschentuch. Mensch, deine Krawatte – so kannst du nicht rausgehen. Kümmert sich da niemand drum? Warte mal, so jetzt! Ich geh mal vor, ja. Das wird schon. Du brauchst bloß ›Ja‹ zu sagen – mehr nicht. Also, bis gleich.«

Der hat leicht reden. »Ja« sagen – und wie geht’s dann weiter? Ich habe jetzt schon wachsweiche Knie. Ruhig bleiben. Schau in den Spiegel, ordne dich. Du gehst da raus, stellst dich vor den Altar und wartest, bis die Braut hereingeführt wird. Dann Taa tatata. Eben das übliche Prozedere und wie Andy gesagt hat: Der Pfarrer spricht und du sagst nur »Ja«‹.

Nur »Ja«‹! Als ob alles so einfach wäre. Also, wie sehe ich aus? Scheitel gerade. Krawatte okay! Das Sträußchen steckt zu weit in der Tasche; ein bisschen rausziehen. Ich denke, so ist es okay. Wie lange noch? Zehn Minuten. Und dann: zwischen der Bankreihe durch, schnurstracks zum Altar und warten bis Astrid kommt. Wir beide hören zu und sagen: »Ja«‹! Erst sie und dann ich.

Hat alles seine Ordnung. Warum hab ich das getan? Ich schaff das nicht. Jetzt ist es zu spät und ist nicht mehr zu ändern. Ich könnte mich ohrfeigen. Verdammt, nun habe ich mir den Schnürsenkel aufgetreten. Könnte da nicht mal einer … komm lass gut sein, alles muss man selbst machen. Pass auf, dass die Hose nicht zu sehr zerknittert. Thomas hat’s schon hinter sich. Michael auch. Und Uwe. Und Felix. Und was weiß ich wer noch. Also werde ich das auch hinkriegen. Aber danach werd ich keine Ruhe mehr haben. Ich hör schon all die guten Ratschläge und dann die Besserwisserei: Hättest besser mal dies und jenes, du hast nicht gelacht, man hat dich gar nicht gehört.

Auf jeden Fall muss ich noch mal aufs Klo. Ist ja gleich da hinten. Und noch hab ich Zeit. Puh, stinkt das hier. Aah, tut das gut. Schnell wieder zurück. Stopp, Hände waschen nicht vergessen! Ein paar Minuten noch. Mann ist das warm in dem Anzug. Denk daran: immer geradeaus gucken. Nicht nach links und nicht nach rechts. Die ganzen Freibiergesichter muss ich nicht sehen. Und bloß keinen Frosch im Hals. So wie Uwe. ›Wollen Sie Uwe … bla, bla, und so weiter‹? Und Uwe antwortet: »Gulp«. Alles hat getobt. Muss nicht sein. Na, das Leben geht danach schließlich weiter, ist ja nicht so, dass … »Nun komm, es ist soweit. Los jetzt.« Andy Dandy treibt mich vor sich her, als würde er da vorne stehen.

Herr, schick eine Sintflut und spül mich wohin du willst, nur nicht da raus. Aber wenn ich da nicht raus gehe, massakriert mich Astrid. Und nicht nur die. Also, durchzählen: Eins, zwei, drei und auf die Tür. Meine Güte, ist das voll. Alle warten und der Pfarrer steht auch schon da. Sag »Ja«. Einfach nur »Ja«. So, nun immer geradeaus schauen. Da sitzt Malte. Lacht der etwa? Nix gucken, laufen. Den halben Weg hab ich schon geschafft. Achtung, da liegt ein Kabel. Blödmänner. Bleib im Rhythmus der Musik. Wer hat das eigentlich komponiert? Wagnerson oder so ähnlich. Mir auch egal. Sag einfach »Ja«. So, endlich geschafft. Jetzt habe ich die ganze Meute im Genick. Wie die mich anstarren. Ob sie mich bemitleiden? Ist meine Hose gerutscht? Hat sich beim Laufen fast so angefühlt. Wie der Pfarrertyp mich anschaut. Vielleicht habe ich vergessen auf dem Klo mir den Hosenschlitz zuzumachen. Das wird es sein. Deshalb hat Malte so gegrinst. Unauffällig zur Seite drehen und nachschauen. Nee, alles zu. Glück gehabt. Aber was schaut der Pfarrer denn so, ist wohl auch nervös? Achtung, Marsch Teil zwei – jetzt kommt Astrid. Getuschel. Geraune. Wie sie sie wohl zurechtgemacht haben? Na, ich werd es gleich sehen. Hoffentlich erschreck ich nicht. Frauen bekommen zu so was immer eine scheußliche Betonfrisur verpasst. Immer nur geradeaus gehen, Astrid. Und sag »Ja«. Einfach nur »Ja«. Da ist sie. Oh, Gott, schlimmer als ich dachte. Und ich muss jetzt auch noch pflichtschuldig lächeln. Aber auch mir haben sie pfundweise das Gel reingeschmiert.

Alle haben sie gejubelt, was ich für ein Glück gehabt hätte. Ja, ja. Die müssen ja nicht hier oben stehen. Das Gesicht des Pfarrers sieht aus, als ob er gleich platzt. Die Spots sind auch knallig heiß. Würde mich nicht wundern, wenn die Schminke wie Schokolade läuft. Auf jeden Fall lauf ich gleich – und zwar weg. Mir reicht es. Aber zu spät. Schon erschallt des Regisseurs Donnerruf: »Achtung: CLUB DER JA-SAGER – Montageschnitt, die Zwölfte. Kamera läuft. Und: Action.« Ich weiß nur eins: Nie wieder Komparse! Ich sage nie wieder »Ja« zu so was. Und heiraten will ich auch nie.

ALEX DREPPEC

An bebenden Abenden

Tausend tanzend rotierende Nabelgegenden

umrunden einander, sich drehend und schwingend,

diese einander spielend Aufwind Gebenden

in leuchtenden Gegenden

an bebenden Abenden.

Sie branden aneinander mit sendenden und summenden

Neuronen, die sich im Flugwind Suchenden,

Findenden, sich tanzend Verbindenden

in leuchtenden Gegenden

an bebenden Abenden.

Sie sind mit schallendem Lächeln in der Schlinge der

Sphärenklänge,

im Gedränge der Menschenmenge Zunge an Zunge,

Wange an Wange

eng umschlungen zugange, für eine Wellenlänge

in leuchtenden Gegenden

an bebenden Abenden.

Sie verschwinden miteinander, diese neue Sünden

Erfindenden,

sie gehen mit den Händen behände den Stunden

auf den Grund, den verdunkelten, blendenden,

in leuchtenden Gegenden

an bebenden Abenden.

Sie sinken ineinander, erkunden und vollenden die Legenden,

die umeinander rotierenden, ineinander mündenden,

die der Lenden Lodern lindernde Gaben gebenden Liebenden

in leuchtenden Gegenden

an bebenden Abenden.

Muscheln naschen

Um die, die von Muscheln tuscheln,

mit frischen Muscheln zu überraschen

a) Muscheln fischen, b) Muscheln waschen

c) Muscheln beim Kochen nicht verpfuschen,

mit Weißwein ablöschen,

d) mit Muscheln zu Tische huschen,

e) frisches Muschelfleisch naschen.

Davor, danach, eventuell auch dazwischen:

Tische abwischen.

Schöpferkelle

Wer Schnittlauchverschnitt in den Quark reinhaut,

wer mit Bohnenkraut den Bohnen Kronen baut,

macht auch Geflügel, das alle beflügeln kann.

Also nehm' ich die Schürze und gebe Würze dran.

Sie werden sich um diese Nudeln prügeln:

ich werde den Teig mit dem Nudelholz bügeln

und schließlich die edelsten Adelsnudeln

ganz ohne zu hudeln mit Soße besudeln.

Wir planen die weltbesten Kirschtorten

da wo wir im Kochtopf den Hirsch horten.

Die Scholle wird, statt sich ins Meer noch zu retten,

sich freiwillig in feinen Meerettich betten!

Wundern wirst du dich: einst wird bis nach Flandern

die Kunde von unseren Flundern noch wandern.

Nach Schmoren, Sieden, Brodeln kommt's Schmatzen.

Und dann lassen wir noch die Eisbombe platzen.

Vögel, die bei Regen singen

Ich wünsch’ dir

Vögel, die bei Regen singen,

vor der Tür und auch dahinter,

die Licht in deinen Dachstuhl bringen,

und Grillen, die auch noch im Winter

zirpen und auf Freiheit hoffen.

Mein lieber, bester Freund von vielen:

halte Tür und Augen offen

und bleib’ stets bereit zu schielen.

Ich sitz’ am Dachstuhlleiterrand,

von dem ich herzlich grüße:

glücklich bleibe deine Hand

und glücklich deine Füße.

Ich wünsch’ dir

Meisen, die dein Haupt umkreisen,

eine Vierblattkleeblattplage,

guten Wein zu guten Preisen –

und das nur aus bester Lage.

Trink aufs Band zwischen uns Zweien,

es bleibt von großem Wert,

denn du bleibst bei Eseleien

stets das beste Pferd.

Ich will, das sag ich offen,

die Diät nicht hintertreiben

und trotzdem immer hoffen,

dass wir dicke Freunde bleiben.

Klangfarben und Schallquellen

Aufs Trommelfell fließen zum Grundschlag des Taktes

durch Hörmuscheln zwischen den Quarten und Quinten

die schnellen Synkopen des kommenden Aktes

zum Ort ihres Auftritts in Hirnlabyrinthen.

Der Gleichgewichtssinn will mit steppenden Füßen

sein Lob bis zu höheren Tönen verstimmen,

mit Ohren als Segel lässt er schön grüßen,

will er die Schallwellenberge erklimmen.

Pizzicato in Sätzen, die zugespitzt sitzen,

dann Tonsprung zur Sexte, zur siebten Septime,

als Ping-Pong des Klingklangs, als Zickzack der Blitze,

zu Klangfarben, Schallquellen, Terz und Dezime.

Neuronen-Bolero als Lohn macht die Party zur

Jagd, eine Note spürt das wohl mental schon,

Staccato, Vibrato, die Note auf Partytour

spritzt aus der Partitur, hin zum Zentralton.

Synapsen morsen ans Hörzentrum: Tangoschritt!

Cha cha cha heißt es in rhythmischer Rotation.

Ein vibrierender Hörnerv tanzt dann beim Fandango mit.

Die Noten als Boten der Toten, doch schon:

Hip Hop in Hit Clips als doppelter Kontrapunkt,

Ikonen sind raubkopiert, brutto wie netto,

wenn schon der Herzschlag im Rhythmus der Bassdrum funkt

hat hier bestimmt wer ’n Libretto in petto.

Das Schokoladenkastenkuchen- Randstück

Man soll sich bei Genanntem

gegen Pauschal-Urteile wehren.

Hier ist der Rand stets zu begehren.

Nicht wie bei Pizza und Verwandtem.

Es bietet Kennern mit Verstand Glück,

diesen Segen zu erstreben,

ich will überhaupt vom Leben

das Schokoladenkastenkuchen-Randstück,

denn der braune Rand, sonst dumm

und politisch zu verachten:

am Ende um den Mund herum

viel besser als es manche dachten.

Wenn ich mich selbst schon an den Rand drück

in Küchen überfüllter Parties,

will ich dann auch gern das Randstück.

Auch mit angedrückten Smarties.

Blumen!

Eine letzte Flasche Bier in der Hand

führt der Weg durch den Frost mich jetzt schließlich

nachhause.

Ein Schild verspricht »Blumen« in fast mannshohen Lettern,

einzeln angebracht, senkrecht die Wand entlang.

Einst hat es geleuchtet, jetzt bleibt es dunkel,

denn dort ist schon lange kein Laden mehr,

tags so wenig wie jetzt, man bestellt wohl im Netz,

der Rest Achtung langt nicht mal fürs Abmontieren.

Mein Atem steigt auf zum Schild hin als Wölkchen

bis ich plötzlich begreife: hier ist nichts zu betrauern,

denn was das Schild einst versprach, das will es jetzt fordern

und ich proste ihm zu mit erhobener Flasche.

Diese eisige Nacht könnte Blumen vertragen,

wir verschaffen der Forderung Geltung,

das Schild visuell und ich jetzt akustisch,

und »Blumen!« erschallt unser Wunsch in der Nacht.

Kunst auf der Zunge

Oft hatte ich mir bereits die in den Schaufenstern der Kunstgalerie präsentierten Werke angesehen. Neugierig versuchte ich, zwischen den offenbar anlässlich einer Vernissage heute dort versammelten Menschenmassen einige der neu ausgestellten Kunstwerke zu erkennen, als ein fein gekleideter Herr, der vor der Eingangstür in der Sonne stand, mich einlud, einzutreten. Ich betrat den Innenraum und durfte sofort zwischen Sekt und Orangensaft wählen. Sekt trinkend begann ich meinen Rundgang in dem Raum, der vom Raunen der anwesenden etwa zweihundert Personen erfüllt war. Ausgestellt waren die Objekte eines Künstlers, der wohl hauptsächlich mit verschiedenen Tierhäuten arbeitete. Das Material war sofort erkennbar, denn es war in der natürlichen Form belassen worden: man erkannte die verschiedenen Tierleiber, beinahe wie bei den Fellen, die man sich am besten mit einem direkt dahinter stehenden großen, braunen Fernseher aus den siebziger Jahren vorstellen kann. Die Häute waren in je nach Tiergröße unterschiedlich großen, teilweise also meterhohen Holzrahmen eingespannt – beziehungsweise so »eingenäht«, dass es aussah, als seien sie in einem Spinnennetz aus dickem Zwirn gefangen, der sich von den Rändern des Leders bis zum Holzrahmen spannte. Auf dem Leder befanden sich mehr oder weniger abstrakte Zeichnungen, die ich bei näherer Betrach-tung als Tätowierungen identifizierte. Die bläuliche Farbe der Linien legte diesen Schluss nahe. Dargestellt waren sich liebende Pärchen. Es dauerte zwar einen Moment, bis man das erkennen konnte, aber dann war es eindeutig. Vereinzelt auf den Häuten belassene Haarbüschel standen wohl für das Haupthaar und andere behaarte Körperstellen der dargestellten Personen.

Kurz bevor ich meine Runde beenden konnte, verstummte das Gemurmel im Raum plötzlich. Eine charismatische, rothaarige Frau in einem engen, schwarzen Kleid hatte ein kleines Podium betreten und hob an, eine Rede zu halten. Mein wohl drittes Sektglas in der Hand, hörte ich ihr zu. Nach der Begrüßung des Publikums stellte sie den anwesenden Künstler vor, was mit rauschendem Beifall beantwortet wurde. Es handelte sich um einen stämmigen Iren mittleren Alters mit kurzgeschorenen Haaren. Seine wuchtigen Arme, an denen im Verhältnis auffällig grazile Hände hingen, waren stark tätowiert.

Sie beschrieb seinen Werdegang. Er sei einer der ersten Tätowierer, der es zu allgemeiner Anerkennung in der Kunstwelt gebracht habe, und es sei bemerkenswert, dass er sich selbst immer noch ausdrücklich als Tätowierer sehe. Sie zählte die internationalen Preise und Stipendien auf, mit denen er bisher überhäuft worden war, und betonte, dass es sich nur um eine Auswahl handele. Es sei ein großes Glück, dass sie einen Mann, der viele Angebote aus den attraktivsten Städten der Welt erhalte, in ihre Galerie habe holen können.

Sie schritt zu einer Beschreibung einzelner Kunstwerke und alle Blicke folgten ihren Händen dahin, wohin sie deutete. Nach ihrer Rede betrat der Ire das Podium und stellte sich neben sie. Er bedankte sich in wenigen, englischen Sätzen mit einem starken Akzent. Ich, der ich glaube, diese Sprache an sich zu beherrschen, verstand nur die gängigsten Floskeln. Schließlich kündigte er die Vorstellung seines neuesten Kunstwerks an, an dem die Galeristin auf besondere Weise beteiligt sei. Mit einer bedeutungsvollen Geste zeigte er auf sie.

Ich begriff nicht gleich, was sich jetzt abspielte, denn ich stand etwa fünf Meter vom Podium entfernt: die Galeristin öffnete den Mund – und streckte langsam ihre Zunge heraus. Diese schien für mich zunächst nur eine ungesunde Farbe zu haben. Schließlich erkannte ich: die Zunge der Galeristin war tätowiert. Ich konnte das Motiv nicht eindeutig identifizieren, aber es schien ebenfalls ein sich liebendes Pärchen zu sein. Gebannt schauten alle Anwesenden auf das exponierte Körperteil. Außer einem leisen, vereinzelten Murmeln war im Raum nichts zu hören – als ich laut loslachen musste. Die Szene hatte etwas wirklich Ernstes, Würdevolles gehabt, aber gerade der Ernst, mit dem die Galeristin ihre Zunge herausgestreckt hatte und mit dem das Publikum darauf reagiert hatte, hatten mich überwältigt. Meine Reaktion wurde bemerkt. Man war nicht gerade glücklich darüber. Ein kurzer, vernichtender Blick der Galeristin traf mich. Dieser wurde zwar dadurch in seiner Wirkung etwas abgeschwächt, dass sie noch immer ihre Zunge herausstreckte. Dennoch war ich tief getroffen. Das Kunstwerk herabzuwürdigen, war überhaupt nicht meine Absicht gewesen. Ich bin nicht der Meinung, dass Lachen eine irgendwie negativ zu verstehende Reaktion sein muss. Gerade skurrile und absurde Dinge empfinde ich manchmal als große Kunst und zeige meine Anerkennung gerne mit einem Lachen aus vollem Halse. Aber es war nicht das erste Mal, dass ich mit dieser Haltung alleine stand. Ich trank mein Glas aus und bewegte mich unverstanden und mit einem Gefühl der Einsamkeit in Richtung Ausgang. Auf dem Weg griff ich mir noch ein volles Glas Sekt, das ich auf meinem weiteren Weg in die Stadt trank. Es entspricht sicher nicht ganz dem guten Ton der besseren Gesellschaft, ein Sektglas einfach mitzunehmen, aber ich hatte an diesem Ort ja offenbar ohnehin nicht mehr viel zu verlieren.

Ich habe überlegt, ob ich noch einmal in die Galerie gehen soll, um die Galeristin zu bitten, mir persönlich einmal die Zunge herauszustrecken, damit ich das Motiv besser erkennen kann. Aber ich denke, das lasse ich lieber.

Dinner mit Freunden