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Fernwärme – Mit welcher Temperatur und über welche Distanz? Es geht um Liebe oder Technik, um die Weitergabe von Energie, zwischen Menschen, Tieren, Geräten, über Generationen oder das ganze Zeitalter hinweg, um das Verhältnis von Natur und künstlich Geschaffenem, um Planung und Schicksal. Kurzprosa, Lyrik und Miniaturen – im Wettbewerb konkurrieren sie, in dieser Anthologie spielen sie miteinander und ergänzen sich zu einer literarischen Sammlung der schönsten Beiträge. Mit Texten von: Sofia Banzhoff, Marion Böhm, Johannes Bruckmann, Michael G. Fritz, Carolin Hagelberg, Laszlo Hartmann, Kirsten Hartung, Paula Hildebrandt, Millay Hyatt, Michael Janßen, Hanna Knapp, Axel Lawaczeck, Paul Lindner, Rike Lorenz, Matthias Pieper, Ingrid Reinhard, Johanna Sailer, Antje Schall, Till Schindler, Tobias Schmidt, Agathe Schneider , Andrej Schulz, Luisa Maria Schulz, Nicola Tams, Kathrin Thenhausen, Peter Wagner, Kristina Julia Wedemeyer, Doris Wiesenbach, Gabriel Wolkenfeld
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2021
periplaneta
Alexandra Lüthen & Autorenforum Berlin e.V. (Hrsg.): „Fernwärme – Wettbewerbsanthologie“
1. Auflage, September 2021, Periplaneta Berlin, Edition MundWerk
© 2021 Periplaneta - Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Koordination: Marion A. Müller Cover: Thomas Beckmann
Coverbilder: David Hablützel, Hans Benn (lizenzfrei, Pixabay) Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-221-6 epub ISBN: 978-3-95996-222-3
FERNWÄRME
Anthologie zum Wettbewerb 2021
Autorenforum Berlin e.V.
Herausgeberin: Alexandra Lüthen
periplaneta
Der Wettbewerb des Autorenforum Berlin e.V. fand in diesem Jahr bereits zum vierten Mal statt und es war Zeit, dem Kind „Preis des Autorenforum Berlin e.V.“ endlich einen griffigeren Rufnamen zu geben: Aurum
Erstmalig haben wir den Wettbewerb auch für Lyrik und Prosaminiaturen geöffnet und beschlossen, keine Quotenpreise zu verteilen, sondern die Texte zunächst in ihren Gattungen zu werten und dann auch gegeneinanderzustellen. Es wären theoretisch auch drei gattungsgleiche Preisplätze möglich gewesen, in diesem Jahr aber sind es drei Kurzprosatexte und drei Lyriktexte, die wir auszeichnen. Wobei es besonders schön zu sehen war, wie sich die Kurzprosa in Richtung der Lyrik neigt und umgekehrt die Lyrik auch nicht die kleine Prosastrecke scheut. Miniaturen scheren sich um derlei natürlich gar nicht, die machen ganz selbstverständlich aus beidem das Beste.
Wie wir auf das Thema kamen? Es sollte etwas Fassbares sein und das Potential ins Abstrakte haben, einen Widerspruch in sich tragen, sinnlich sein, aber auch technisch was bieten, gerne etwas, das mit Berührung zu tun hat, aber nichts mit Kitsch. „Fernwärme“ schrieben wir im Februar aus und bekamen eine reiche Auswahl an Texten, die von familiären Beziehungen bis zum fantastischen, kosmischen Chaos vieles in sich bargen, an das wir selbst niemals gedacht hätten.
Der erste Platz ist das schönste Beispiel für das, was wir im Wettbewerb gesucht haben.„Das Fest der Fremde“ist ein prosaischer Text, der mit lyrischen Elementen eine eigene Sprache entwirft und uns zum Thema Fernwärme eine Geschichte erzählt, die uns neu ist, die wir aber sofort als vertraut begreifen. Der Text ist ein Auszug aus einem sehr umfangreichen, bislang unveröffentlichten Langgedicht, an dem der Autor Michael Janßen über 20 Jahre gearbeitet hat.
Für den zweiten Platz konnten wir uns nicht entscheiden und haben deshalb entschieden, uns nicht zu entscheiden, sondern zwei Texten den zweiten Platz zu geben:
„Unter Wasser“von Kristina Julia Wedemeyer überflutete uns mit einem Unheil, das droht, weil ein Unheil geschah. Die Sprache beschwört uns, die unbefolgbaren Ratschläge zu befolgen, setzt uns als angesprochenes „Du“ ungefragt ein in den Mittelpunkt einer familiären Tragödie und hängt uns einen toten Vater an die Füße, von dem wir erst erlöst werden, wenn das ganze Land untergeht. Der dystopischen Atmosphäre steht ein sehr alltägliches Erzählen gegenüber, klar definierte Alltagspassagen und eine Protagonistin, die groß wird in der Enge einer übriggebliebenen Welt.
„Asphalt“von Andrej Schulz nimmt uns mit in einen Kosmos, der uns vage bekannt vorkommt, allerdings nicht aus dieser Perspektive und nicht unter diesen Bezeichnungen. Man muss sich kleinmachen und die eigene Sprache loslassen, um zu begreifen, dass der Glaube an Schicksal und an eine höhere Macht, welcher die Protagonist:In auch um den Preis ihres eigenen Lebens dient, nichts Menschliches sein muss, sondern auf eine andere, unbenannte Weise vielleicht überall zu finden ist. Möglicherweise ist auch das sich selbst Einordnen in Prozesse, in die man längst eingeordnet ist, die einzige autonome Entscheidung, die man überhaupt treffen kann?
Der dritte Platz geht an drei lyrische Texte, die sich nicht aufeinander beziehen, aber eindeutig zueinandergehören. Carolin Hagelberg eröffnet mit ihren Gedichten einen Blick in eine urbane Szenerie, in der vieles gewollt und künstlich ist, aber jeder nach dem eigenen Ausdruck strebt. In allem Plastik ist Leben zu finden, das sich ins Helle und Warme drängt. Die Texte sind assoziativ und faserig, die Dinge werden in ihrer Eigenart bezeichnet, wie sie eben sind, präzise, ungeschönt und ohne sie zurecht zu schleifen, es gibt Kanten und Brüche. Genau dadurch entsteht die Dichte im Text, die eben auch in Städten spürbar ist, wo so viel aufeinandertrifft, dass der Platz unmöglich reichen kann. Und es geht doch, denn es ist vielleicht Berlin.
Viel Freude beim Lesen der gesamten Anthologie. Wir haben die Texte so gesetzt, dass sie miteinander korrespondieren, sich vertiefen, unter anderem Licht etwas fortführen, sich ein Stichwort zuwerfen, in ein neues Themenfeld überleiten und eine Verbindung bilden. Man kann nun lesend hindurchspazieren, lange Familiengeschichten erahnen, über Strom und seine Quellen nachdenken, sich auf einer Kommode liegend ausruhen und am Ende kommt man nach einer wilden Reise durch Zeit und Raum in Berlin-Britz wieder raus. Und von da aus finden Sie dann wohl alleine nach Hause.
Mit herzlichem Dank an die Autor:innen und besten Wünschen für Sie als Lesende, im Namen des Autorenforum Berlin e.V. und der Jury
Alexandra Lüthen
Erster Platz
Mal kam vor 20 Jahren
Fluss entlang und in die Stadt: Vanja
Und ist immer noch wie Gast und Fremder.
Mal beispielhaft und Exemplar,
Mal auch in langen Reihen durch die Welt
Auf Märschen,
Ist nie in dieser Zahl,
Nie Schluss noch Ende.
Auch unter den Seinen der Dritte bereits, den es nicht hält, und auch als Koch schon der dritte, folgt er, knapp dreißig, dem Ruf in die Welt. Mit anders nichts bei sich als zwei, drei Rezepten, vom Vater geerbt auf Grußkarten, vom Großvater, von dort, wo sie jeder grad waren. Waren im Schweizer Exil, Frankreich, Riviera. Und von dort dann mit Schiffen. Über die Grenzen hinweg wie – wie jeweils denn wohl – weiß nur der Himmel. Oder mit welchen Papieren. Und verlier’n sich bald beide in Spuren.
Ja, auch der Ruf selbst in die Ferne ist selbst wie ererbt. Vanja bekommt seinen ursprünglich ersten aus Kasachstan, Sternenstädtchen: Baikonur. Kocht dort im Team für die Raumstation mit. Kocht in den ersten privaten Restaurant-Initiativen abends noch weiter für sich und auf eigene Faust. Legt was zurück. Auch in Valuta zurück. Schließt sich Freundschaften, Köche, Kosmonauten, die Privatwirtschaft rauf.
Und so weiter, weitr’e paar Jahre, und dann wieder ein Ruf. Ungarn. Deutschland, Osten und Westen. Nach Deutschland schon in den noch frischen Baikonurer Kontakten. Zwei Oligarchen in fortgeschrittenstem Krebs rufen ihn nach. Zwei Funktionärs-Brüder. Habichtswald-Klinik, Kassel. Die Kliniksküche.
Er, Vanja, bekocht sie im Hintergrund dort und nach und nach wieder zu Kräften.
Gerichte, mal Kliniksgerichte, mal schwerste russische Kost. Die heimlich – und an der Leitung vorbei. Auf sozusagen wie Abwegen durch die Küchendurchreiche hindurch – und unter der Hand so.
Und – Versehen oder was – erwischt auch Patientin H. mal außer der Reihe seine bewussten „Piroggen“ und bemerkt es erst gar nicht. Und auch Vanja erst, als es zu spät ist.
Auf ihren abgelegenen Gängen, draußen jeder für sich, grüßt er sie später einmal ganz in Gedanken, entbietet ihr ihr „Rose Hammesfahr“ so, als wenn’s ganz natürlich ein russisches Hammesfahr wär, auch im russischen Gruß, und weiß hinterher selbst nicht genau. Muss den Namen wohl mal durch seine Küchendurchreiche irgendwann aufgeschnappt haben.
Sie, sie entgegnet ihm halbwegs russisch etwas und er wieder halbwegs auf Deutsch. Und das geht hin und her so und wird schon. Und weil’s halbe Strecke ist, halb auf der Strecke manchmal auch bleibt, nennen sie’s ihr geteiltes Ungarisch beide: teilen’s den Abend. Lachen aufeinander sich zu mit den Gesten, den Händen, Eremiten beide für sich.
Und es vergeht von der Schwere, vom Leben ein Stück, und auch vom Abend gut Stück.
Dann fängt allmählich der Wegkies an, unter ihren Füßen zu knirschen – wie im Zeichen – und sie verabschieden sich, Druck bei allen vier Händen.
Und scheint, sie, Rose, betont dann ihr Fortgeh’n im Knirschen und Geh’n. Oder es wär’n auch bewusst irgendwie Übungen wohl. Es scheint auch die Krankheit gewiss mit im Spiel. Er hört sie betont atmen paarmal, wie in gymnastischen Zügen. Als wenn sie sich erst drauf einstellen müsst‘ mit sich und dem Willen. Auf’s Atmen. Auf’s Bei-Sich-Sein wieder und bleiben. Auf – weiß man’s – ihn vielleicht hinter sich noch, mit den ratlosen Händen.
Doch auch Vanja muss weiter: vom Ersparten alt einen Alfa und wieder neu Touren. Erst über den freien Tag nur, ein Wochenende, ein längeres Wochenende, doch Vanja weiß gleich, was das bedeutet, dass es ihn abermals wieder nun zieht. Rheinwärts, dann später die Donau stückweis hinauf. Dann ein Lastkahn, den Alfa an Deck. Skipper-Familie rein so als Zufallsbekanntschaft.
Vanja packt hier an und da. Koch wär‘ keiner groß vorgesehen bei nur eigentlich drei Mann Familien-Besatzung, und doch richtet er sich ein Eckchen ein und kocht. Denkt mal so in Portionen für dort jetzt seine drei Leutchen Familien Besatzung, mal weiß er selbst nicht genau – denkt sich seine drei Leut als die von der Raumstation „Mir“ und verschweißt gar noch die Portionen jede für sich in Gedanken. Manchmal ist’s auch die Rose wieder, die er bekocht, seine Kassler Durchreiche wieder, und weiter wie in Gedanken. Und weiter.
Auch was ihr vielleicht alles noch zu sagen verblieben gewesen wär‘ in ihrer beider notgedrungnem Ungarisch. Wie er immer wieder fortmüsst‘, mal sagen. Wie er auch jetzt wieder über’s Land geht und kein Ziel kennt. Die Flüsse – hinauf und hinab. Von den Vätern und wieder den Vätern. Von immer vorbehaltloseren Fernen. Von am Himmel der Kapsel, die er bekocht. Überhaupt aller Art Kapsel. Von jenem verschlossenen Staat, der sie entsandt hat und den’s nicht mehr gibt. Auch ihn mal entsandt hat vor Zeiten.
Doch Dienstag nun und Schicksalstag, und `B´ nicht weit und kurzer Landgang. Vanja findet einen fremden Einkaufszettel, kauft ihn unbesehen runter und versucht sich dran in seiner Schiffskombüse. Und nachgrade kapriziert er sich schon bald auf solche fremden Zettel. Fremden Herde oder Küchen. Da und da ist zu ergänzen, was die Leut daheim noch hatten. Vorratsschrank und Tiefkühltruhe. Da und da ist’s, als markiert die Fremde eine Stelle oder Position. Da und da mit offen Tür und Wärme.
Dann ein andermal ein solcher Zettel halb gebrochen, halb wie russisch. Zutaten wie wenn er blind sie liest. Wüsst er’s nicht mit eignen Augen, wär’s, als würd‘ er selbst zitiert. Wär’s, als würd sein Kassler Heilrezept – und Erbe – schon die zigste Runde machen im Exil. Wär‘ in sich und hin- und hergekehrt auf solchen Runden da und da schon halb verblasst. Und nur Hören-Sagen noch was unabdingbar feste Zutat schien.
Ach, und weil’s ja wie gesagt auch Schicksal ist, um das‘ hier geht, erkennt er auf dem Zettel gleich die Schrift.
Vanja weiß so grob nur, wo er ist, und zögert dennoch keinen Augenblick. Lässt den Alfa sich herunterladen. Und er bleibt an Land.
Winkt noch flusswärts zu den Seinen, und zur Not, wenn auf Routinetouren dann sein Schiff mal immer wieder durchkäm‘, sagt er sich, – setzt er sich ans Ufer, winkt den Kahn herbei. Wär dort immer gern willkommen. Und so jeder für sich weiter.
Bemerken tun den Fremden erst die Kinder, dann vor Ort die Kirche, jeder so für sich. Löchern ihn von rechts nach links mit Fragen im Akzent, und bemerken gleich den seinen. Führ’n ihn bisschen rum durch’s Städtchen. Woll’n auch wissen, wo er schlafen wird.
Alle wie in Prozession zur orthodoxen Kirche dann, hin vor’s Schwarze Brett. Aushang Betten für die Nacht. Noch und auch im Aushang ein gehabtes Gartenfest in Bildern:
Die Kinder folgen seinem Blick. Erst so, dann gleitend über das Vitrinenglas mit ihren Fingern. Dann immer öfter mit den Fingern im besondern einen und denselben Gast. Eine und dieselbe ausgewiesene Figur. Mal abgewandt, mal vorgebeugt, mal wie mit Tanzesgesten bei den Händen. Und immer je nach allen Seiten hin ein offner Saum an Frauen oder Kindern. Dann endlich suchen alle unter allen Fotos händeringend dieses einen Mannes Blick. Und wo’s die Kinder sind, die ahnen’s schon für sich gezielt. Sie lösen ihren dichten Fingerschwarm vom Glas. Und sagen: Du jetzt, Vanja, Sohn des Vaters.
Zweiter Platz
Wirf deinen Blick über die Brache, wirf deinen Atem auf das bleiche Land, dort, hinter dem Haus deiner Großeltern, und schau genau hin. Ab von der Siedlung steht es. Die Bäume wachsen weiter, ohne je ein Blatt zu tragen. Wenn du am Graben stehst, im richtigen Winkel, spreizen sich die kahlen Kronen seitwärts, himmelwärts wie Flügel. Der Wind hat das Pferdegerippe grau gewaschen, es ist mit den Stämmen verwachsen, aufgerichtet, und regt sich nicht.
Die See wird kommen, das wissen alle. Aber manchmal, da wünschst du dir, das wäre bereits jetzt Meeresgrund, begraben von einem farblosen Wasserleib, ein gallertiger Traum jenseits allen Gestammels. Oder die Gezeiten tragen es einfach weg, Stück für Stück geht es mit der Flut mit, und die stummen Menschen, die gehen auch Stück für Stück, woandershin, und vergessen, dass Fühlen Hochverrat ist, und vergessen, wie es ist, wenn kein Geräusch durchdringt.
Dein Schlaf eine Stahltür. Oma lehnt sich mit aller Wucht dagegen, aber kaum einen Spalt. Mama hat dir was gegeben, damit du runterkommst, damit du dich nicht zerreibst, im Rahmen bleibst. Deine Schulfreundin, beste Freundin, stand hilflos da, und das hat nicht aufgehört, dein ganzes Gesicht war wund und verrotzt, und irgendwann wimmerst du: Ich glaub, ich verlier’ den Verstand –
Oma steht da und kann’s nicht fassen. Sie schaut herunter, in der Zeit, du schaust hinauf, und beide seht ihr nur einen leeren Fleck. Da war einer, der ist nicht mehr. Aber die zwei Silben, die kriegst du nicht über die Lippen, nicht auf’s Papier. Dein Schlaf wiegt Tonnen, klebrig murmelst du etwas, und irgendwer zieht sie am Ärmel aus deinem Zimmer: Komm, lass sie, die kann nicht mehr.
Aber bevor die Dunkelheit wieder alles schluckt, dreht sich Oma noch mal um, unzufrieden, nicht vorwurfsvoll: Wir reden morgen, und dann fällt die Tür zu. Dir dämmert was: Da ist ein Morgen, da muss man durch. Und dann ein Morgen danach, und danach ein ganzes Leben, was man noch fertig zu leben hat, verschuldet, weil man weiterlebt, und der andere nicht. Dein Schlaf eine Stahltür. Du kannst sie nicht offen halten. Du musst nicht.
Das angekündigte Sprechen kam nie. Es wurde durchgehalten, weitergewurstelt, zum Heulen ging man aus dem Zimmer. Zwei Tage später stand die andere Oma vor der Tür, sprach deinen Namen aus, als hätte sie dich bei etwas erwischt. Mehr brauchte es nicht, um klarzustellen: Das ist unschicklich, was in diesem Haus passiert ist. Nach einer Woche Kaffee Kuchen Beileidskarten fuhren alle wieder zurück in ihre Dörfer. 46 ist zu jung, sagte sie zum Abschied, es klang fast wie Hohn. Nicht mal sterben konnte er, wie es sich gehört.
Dieser garstige Nachgeschmack. Diese Anwartschaft auf alles. Das angeborene Rechthaben, bis auf den letzten belanglosen Krümel. Dieses eifersüchtige Kleinklein, selbst wenn jeder mehr als genug hat. Diese Kontrolle über die Umgebung, über Menschen als Umgebung, die Erbsenzählerei, die empörte Beunruhigung über Makel, über Frechheiten. Das Verbrechen, die Eingeborenen in ihrem Eingeborenensein zu unterbrechen, mit nichts weiter als der eigenen Existenz, die zu laut ist, immer zu laut.
Merkst du‘s? Du bist in der falschen Zeit, du ruderst immer noch, nagst daran, willst was anzetteln. Da wohnt ein böser Wurm in dir, der ergötzt sich am Bessersein. Du musst das knacken, auf Gedeih und Verderb, musst wissen, was in dir keimt, musst wissen, ob du ein Kind deiner Eltern bist.
Die Landschaft verfolgt dich, infiziert dich mit ihrem Fieber. Dein Kopf brummt von ihrer Weite, ihrer Stille. Der endlose Himmel. An jedem anderen Ort gäbe es dir ein Stück Freiheit, aber hier bist du nur nackt. Ausgesetzt. Als wärst du in einem seichten Loch begraben, weil du ein tieferes niemals wert warst.
