Fesselnde Entscheidung 2 - Alissa Sterne - E-Book

Fesselnde Entscheidung 2 E-Book

Alissa Sterne

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Beschreibung

In Südfrankreich erholt sich Elisa von den dramatischen Erlebnissen. Fernab der Heimat findet sie etwas wieder, von dem sie glaubte, es für immer verloren zu haben: ihren Seelenfrieden. Doch die Distanz entfernt sie auch von Tim. Plötzlich wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und nicht nur ihre Beziehung mit Tim wird auf eine harte Probe gestellt, sondern ihr ganzes Leben gerät komplett aus den Fugen. Währenddessen laufen bei PHARMASchulte die Geschäfte weiter. Der neue Mitarbeiter, Philipp Stein, ist gerade dabei, sich in sein Aufgabengebiet einzuarbeiten, als er eine unglaubliche Entdeckung macht. Dann kreuzt auch noch eine junge Frau seinen Weg und er trifft eine folgenschwere Entscheidung. Ohne es zu ahnen, befindet er sich längst in einem gefährlichen Strudel, in dem es um viel mehr geht als um Leben und Tod.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Alissa Sterne

Fesselnde Entscheidung 2

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Prolog

1. Kapitel – Wenige Wochen zuvor

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel – Zwei Wochen später

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel – Vier Wochen später

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

Nachwort der Autorin

Weiteres von der Autorin

Impressum neobooks

Widmung

Für»Will wissen, wie’s weitergeht«-Kerstin &»Alles wird gut«-DetlevIhr seid unglaublich!Und für alle, die sich über eine Fortsetzung von »Fesselnde Entscheidung« freuen.Ihr seid meine Motivation!ICH DANKE EUCH VON GANZEM HERZEN!!Alissa Sterne, im November 2015

Prolog

Stille. Absolute Stille.Und doch hatte sie irgendetwas geweckt. Benommen öffnete sie die Augen und sah nichts außer Dunkelheit. Kalte Angst legte sich auf ihre Haut und ließ sie frösteln. Sie wollte schreien, aber wagte es instinktiv nicht. Vorsichtig tastete sie um sich und fühlte Sand auf kühlem Steinboden. Voller Panik richtete sie sich auf und stieß mit dem Kopf gegen eine Wand. Ihr stockte der Atem. Das Blut rauschte in ihren Ohren und ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust. Mit zitternden Händen fühlte sie eine raue zerklüftete Steinwand. Auf wackeligen Beinen schwankte sie langsam an ihr entlang und stoppte abrupt, als sie nach wenigen Metern eine Ecke spürte. Von da tastete sie sich weiter in die Finsternis hinein. Nach wenigen Schritten erreichte sie wieder eine Ecke. Plötzlich machte ihr Herz einen Aussetzer, als sie mit einem Mal eine glatte Oberfläche ertastete. Irgendetwas Metallenes. Mit beiden Händen untersuchte sie den Gegenstand und fand so etwas wie einen Türgriff. Sie schaffte es aber nicht, ihn hinunterzudrücken. Mit all ihrer Kraft zog und rüttelte sie am Knauf, aber er bewegte sich keinen Millimeter. Vollkommen fassungslos ließ sie sich auf die Knie fallen und wischte sich die aufkommenden Tränen weg. Sie war eingesperrt und würde es für unbestimmte Zeit auch bleiben! Wieder wollte sie schreien, aber sie brachte keinen Ton heraus. Ihre Kehle war vollkommen ausgetrocknet. Mit einem Schlag drangen donnernde Kopfschmerzen in ihr Bewusstsein. Als wenn jemand wie verrückt immer wieder mit einem Hammer auf ihren Hinterkopf einschlug. Sie umfasste mit beiden Händen ihren Schädel, aber es half nicht.Schließlich strich sie ihre langen Haare aus dem Gesicht und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Was war das Letzte, woran sie sich erinnern konnte? Doch sie war nicht in der Lage, einen Gedanken zu Ende zu denken. Immer wieder verloren sie sich in ihrem Kopf. Ein übermächtiges Angstgefühl durchflutete ihre Adern. Kalter Schweiß bildete sich auf ihrem Rücken und zwischen ihrem Mund und ihrer Nase. Mit wirrem Blick meinte sie unvermittelt, weiter hinten auf dem Boden einen hellen kleinen Punkt zu erkennen. Auf allen vieren kroch sie zu der Stelle und wischte panisch über den hellen Fleck. Jetzt erschien er auf ihrem Handrücken. Sie richtete den Kopf nach oben und traute im ersten Moment ihren Augen nicht. Ein feiner Lichtstrahl drang von der Decke in die Dunkelheit. Irgendwo da oben musste eine Öffnung sein! Ein Ausgang! Von Hoffnung getrieben überlegte sie krampfhaft nach einer Möglichkeit, irgendwie nach oben zu gelangen. Zuerst probierte sie es über den metallenen Gegenstand, den sie für eine Tür hielt. Aber sie rutschte immer wieder ab und fand keinen Halt, um sich nach oben ziehen zu können. Dann hatte sie einen Einfall. Vielleicht konnte sie an einer der rauen Wände hochklettern? Erneut tastete sie die Wände ab. Aufgeregt glitten ihre Hände über große und kleine Steine, die unregelmäßig aus den Wänden ragten. Immer wieder zog und rüttelte sie an ihnen, um ihre Festigkeit zu prüfen. Dann fühlte sie plötzlich so etwas wie kleine Einkerbungen, die offensichtlich nach oben führten – direkt an der Wand, die dem feinen Lichtstrahl am nächsten war. Eine Art Treppe nach oben in die Freiheit? Ihr Herz machte einen Sprung. Entschieden trat sie den Aufstieg an. So fest sie konnte, krallte sie sich mit ihren Händen in den winzigen Vertiefungen fest, drückte ihren Körper flach gegen die Wand und suchte mit den Füßen Halt. Unter größter Kraftanstrengung zog sie sich mit den Armen höher und höher. Sie wagte nicht, nach unten zu blicken, sondern konzentrierte sich voll und ganz auf die Wand vor ihr und jede einzelne Bewegung – mit nur einem Ziel vor Augen: irgendwie nach draußen zu gelangen. Ihre Kräfte ließen nach. Als sie anfing, unkontrolliert am ganzen Körper zu zittern, zwang sie sich, kurz innezuhalten und durchzuatmen. Panik ergriff sie. Was, wenn ihre Kräfte nicht ausreichten? Sie schaute nach oben und schluckte trocken. Sie musste ein gutes Stück zurückgelegt haben, denn aus dem feinen Lichtstrahl war ein breiter heller Streifen geworden. Eindeutig, da oben ging es hinaus. Neue Kraft durchströmte sie. Noch mal holte sie tief Luft, suchte dann mit der rechten Hand nach der nächsten Einkerbung und zog sich hoch. Plötzlich rutschte ihr rechter Fuß ab. Händeringend versuchte sie, in letzter Sekunde neuen Halt zu finden. Doch die Schwerkraft zeigte kein Erbarmen. Mit einem markerschütternden Schrei stürzte sie ungebremst in die Tiefe und schlug hart auf den Boden auf. Dann herrschte wieder Stille. Totenstille.

1. Kapitel – Wenige Wochen zuvor

Es regnete sanft und leise. Wie feine Bindfäden fielen die Regentropfen im spärlichen Licht der Straßenlaternen geräuschlos vom dunklen Himmel. In seinem schmucklos eingerichteten Büro bemerkte Philipp Stein davon nichts. Viel zu sehr war er in die Dokumente vor ihm vertieft. Er konnte nicht glauben, was er da las. Das war unfassbar! Er wusste nicht, was ihn mehr beunruhigte: der gedruckte Text oder die handschriftlichen Bemerkungen am Rand. Mit der einen Hand rieb er sich über die Augen, mit der anderen blätterte er ungläubig die rund hundert Seiten Papier erneut durch. Hatte er endlich einen Volltreffer gelandet? War es das, wonach er insgeheim gesucht hatte? Er registrierte weder das penetrante Flackern der Neonröhre über ihm, das ihn vor ein paar Stunden noch fast den letzten Nerv geraubt hatte, noch die dramatische Szene, die einer der Monitore links neben ihm zeigte: Trotz der sparsamen Außenbeleuchtung war zu erkennen, wie ein klobiger Kerl mit brutaler Gewalt auf eine wehrlose Frau einschlug. Mitten ins Gesicht, bis sie taumelnd auf den Pflastersteinen zusammensackte und auf die Seite fiel. Mit einem letzten Tritt in die Magengrube ließ der Mann von seinem Opfer ab und verschwand in die anonyme Dunkelheit.Philipp warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr. 20:39 Uhr. Verdammt, schon so spät!, dachte er und lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. Kopfschüttelnd vergrub er sein Gesicht in den Händen. Fast bedauerte er seine heutige Entdeckung. Wenn das wahr war, dann … Wieder schüttelte er ungläubig mit dem Kopf, als er sich schwerfällig erhob. Vom langen Sitzen schmerzte sein Rücken. Sport wäre jetzt vielleicht der richtige Ausgleich, zog er kurz in Erwägung, aber sein knurrender Magen hatte eine verlockendere Alternative parat. Also entschied er sich für Currywurst mit Pommes auf dem Heimweg. Hastig sortierte er die Dokumente wieder in die richtige Reihenfolge und verstaute sie da, wo er sie gefunden hatte: im Safe. Dann ließ er einen prüfenden Blick über das Büro schweifen, beobachtete kurz die Bilder der Überwachungskameras, zückte schließlich sein Smartphone und machte wie jeden Abend ein Foto von seinem Arbeitsplatz, um am nächsten Morgen sicher zu sein, dass noch alles an seinem Platz und nichts verändert war. Weder der Kugelschreiber noch die Maus oder die Armlehnen seines Sessels oder sonst irgendetwas. Mit einem lauten Knacken ließ er die schwere Tür ins Schloss einrasten. Reflexartig vergewisserte er sich, dass die Tür wirklich verschlossen war, erst dann schaltete er auf dem Flur das Licht an. Offenbar war er nicht nur der Erste, der morgens zur Arbeit erschien, sondern wieder mal der Letzte, der ging. Als er mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss fuhr, lockerte er seine Krawatte und betrachtete kurz sein müdes Spiegelbild. Augenränder hatten sich wie nachtragende Schatten seiner schlaflosen Nächte tief in sein Gesicht gegraben und sein ehemaliger Drei-Tage-Bart mutierte mehr und mehr zu einem dichten, dunklen Vollbart. Er fuhr sich durch seine dunkelbraunen Haare und ließ den Blick an sich hinabschweifen. Wenn das so weiter ging, würde er bald einen Bauch ansetzen. Kurz fühlte er sich an seine alte Eitelkeit erinnert. Früher mal war er sehr bedacht auf sein Äußeres gewesen, aber das war lange her, und seit er seine neue Arbeitsstelle angetreten hatte, vernachlässigte er es noch mehr. Nach der langen beruflichen Auszeit wollte er endlich einen guten Job machen, und wenn er ehrlich zu sich selbst war, hungerte er vor allem nach Anerkennung. Mit einem Knopfnicken verabschiedete er sich am Empfang vom diensthabenden Wachmann und trat hinaus in die Kälte. Ein Schwall frischer Luft schlug ihm entgegen. Er atmete tief durch und blickte in den schwarzen Himmel über ihn. Wieder musste er an die Papiere denken, die er entdeckt hatte. Es war unfassbar! Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg zu seinemsilberfarbenenMercedes-Benz 300 SL Roadster, den er sich mit seiner ersten vielversprechenden Gehaltsabrechnung finanziert hatte. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass der Gehweg nass war. Offensichtlich hatte es geregnet, ohne dass er es mitbekommen hatte. Plötzlich hörte er ein leises Wimmern. Instinktiv stellten sich seine Nackenhaare auf. Er hielt inne und versuchte, die Quelle des Geräuschs zu lokalisieren. Seine Gedanken überschlugen sich. Was war das? Es klang wie ein Kind, das verzweifelt versuchte, nicht zu weinen. »Ist da jemand?«, rief er laut. Absolute Stille. Weder ein Wimmern noch ein Schluchzen war mehr zu hören. Er kratzte sich am Kopf und überlegte. Vielleicht war es auch nur eine Katze oder aber sein Tinnitus hatte ihm einen üblen Streich gespielt. Gerade als er sich abwenden und nach links zu seinem Auto gehen wollte, vernahm er ein gedämpftes, schmerzerfülltes Stöhnen. Es kam von rechts aus Richtung der Einfahrt. Alarmiert blickte er um sich und öffnete mit einem geübten Griff das Gürtelholster seiner Waffe. Zu dieser späten Stunde war der Parkplatz vollkommen verlassen. So weit die dürftige Beleuchtung es zuließ, hatte er freie Sicht. Sein Auto stand unweit links von ihm. Er aber ging im Schutz des Bürokomplexes langsam nach rechts. Fast hatte er das Ein- und Ausfahrtstor erreicht, als er wieder ein Wimmern hörte. Jetzt laut und deutlich. Das war keine Katze und kein Tinnitus, sondern ein Mensch. Keine Frage. Schnell tippte er den Zahlencode in das Tastenfeld an der Tür neben dem Tor ein, dann führte er seine Chipkarte vor das Lesegerät. Surrend öffnete sich die Tür. Er verließ das Firmengelände und blickte um sich. Stumm verfluchte er die spärliche Straßenbeleuchtung, als er einer Eingebung folgend nach rechts abbog und die Straße und den Gehweg so gut es ging nach etwas Verdächtigem absuchte. Abrupt beschleunigte sich sein Herzschlag, als er im Halbdunkel plötzlich Beine entdeckte, die aus einem Gebüsch ragten. Mit schnellen Schritten eilte er zu der Person, die versuchte, sich aufzurichten. »Oh Gott! Was ist denn mit Ihnen passiert?«, fragte er und half der Frau in eine sitzende Position. Zu mehr war sie offensichtlich nicht in der Lage.»Was ist passiert? Sind Sie überfallen worden? … Warten Sie, ich rufe einen Krankenwagen.«»Nein, bitte nicht!«, hörte er sie mit zittriger Stimme sagen. Verständnislos musterte er die junge Frau. Auf Anfang 20 schätzte er sie. Ihr linkes Auge war blutunterlaufen und dick angeschwollen. Sie konnte es kaum öffnen. Ihr ganzes Gesicht war verschmiert. Er war sich nicht sicher, ob mit Blut oder Schminke. Wahrscheinlich aus beidem, schlussfolgerte er.»Aber Sie sind verletzt! Sie bluten … Sie müssen in ein Krankenhaus!«»Nein, bitte nicht!«, sagte sie immer noch sehr leise, »das sieht schlimmer aus, als es ist.«»Das wage ich zu bezweifeln. Auf jeden Fall rufe ich die Polizei! Hat man Ihnen etwas gestohlen?«»Nein, bitte auch keine Polizei!« Ihre Stimme wurde lauter.»Aber …«»Das war mein Freund … Beziehungsweise mein Exfreund.«»Ein Grund mehr zur Polizei zu gehen!«»Nein, ich will das nicht! Bitte lassen Sie mich einfach in Ruhe. Das ist nicht Ihr Problem!«»Aber ich kann Sie hier doch nicht einfach liegen lassen!«»Mir geht es gut … also, es ging mir schon mal besser, aber … wird schon wieder.«Erneut versuchte sie aufzustehen, doch ihre zitternden Beine versagten ihr den Dienst. Tränen der Verzweiflung sah er in ihren Augen aufblitzen. Er kniete sich vor sie und redete mit sanfter Stimme auf sie ein, in der Hoffnung, sie zur Vernunft zu bringen. Wahrscheinlich befand sie sich in einem Schockzustand, befürchtete er.»Wo wollen Sie denn jetzt hin? Kann ich Sie vielleicht irgendwo hinbringen? … Auch wenn ich finde, dass Sie in ein Krankenhaus gehören.«»Danke, das ist echt nett von Ihnen, aber …« Sie brach ab und wischte sich mit dem Handrücken ihre Tränen weg.»Würden Sie mich bitte einfach allein lassen?«»Mein Auto steht gleich hier hinten auf dem Parkplatz. Ich werde Sie sicherlich nicht hier liegen lassen. Kann ich Sie vielleicht zu … zu einer Freundin fahren, oder so?«»Das geht nicht.« Nach einer kurzen Pause fügte sie leise hinzu: »Er würde mich überall finden.«»Sie müssen zur Polizei gehen. Da sind Sie vor diesem Kerl sicher!«Die junge Frau schüttelte müde mit dem Kopf. »Sie verstehen das nicht! … Beim nächsten Mal bin ich tot … Bitte lassen Sie mich einfach in Ruhe! Gehen Sie jetzt bitte nach Hause und leben Sie Ihr Leben!«Vollkommen perplex beobachtete Philipp, wie sie sich voller Entschlossenheit aufrichtete, als wenn sie ihren Beinen unmissverständlich klarmachen wollte, dass sie es nicht wagen sollten, ihr erneut den Dienst zu quittieren. Nur ihr schmerzverzerrtes Gesicht ließ erahnen, wie es tatsächlich in ihr aussah. Besorgt fing er ihren Blick auf. Aber sie wandte sich von ihm ab, angelte mühsam nach ihrer Handtasche, die irgendwo im Gebüsch verborgen lag, und machte schließlich einen Schritt weg von ihm. Plötzlich taumelte sie und versuchte mit rudernden Armen im letzten Moment irgendwo Halt zu finden. Bevor sie wieder im Gebüsch landete, fing Philipp sie auf. Ohne etwas zu sagen, hob er sie hoch und war für den Bruchteil einer Sekunde überrascht, wie leicht sie war. Sie leistete keinen Widerstand, sondern schien fast dankbar zu sein, als er sich mit ihr in Bewegung setzte und sie zurück zum Eingangstor trug.»Ich kann nicht ins Krankenhaus, die würden mir zu viele Fragen stellen. Und zur Polizei will ich auch nicht«, sagte sie bestimmt, und doch wirkte ihre Stimme kraftlos.»Habe ich schon verstanden. Und ich hoffe, du verstehst, dass ich dich hier irgendwie auch nicht stehen … beziehungsweise liegen lassen kann.«Ohne sie abzusetzen, tippte er an der Tür, die das Firmengelände vom Rest der Welt trennte, schnell die Zahlenkombination ein und öffnete mit der Chipkarte die Tür. Erst vor der Beifahrertür seines Wagens setzte er sie sanft ab und ließ sie auf den Sitz rutschen.»Ist das Ihr Auto?«, fragte sie mit einem Hauch von Bewunderung in der Stimme.»Nein, ist geklaut.«»Ach so.«Er traute seinen Ohren nicht und beugte sich zu ihr hinab, um in ihrem Gesicht zu lesen, ob ihre gleichgültige Reaktion gespielt oder ernst war. Er war sich nicht sicher. »Natürlich ist das mein Auto. Was denkst du denn?«»Welches Baujahr?«»1963. Du interessierst dich für Autos?«, fragte Philipp überrascht.»Nein, eigentlich nicht. Aber ich habe noch nie in so einem tollen alten Auto gesessen.«Gefühlvoll schloss er die Beifahrertür. Während er um den Wagen herumging, überschlugen sich seine Gedanken. Was für ein Abend! Was für ein Tag! Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich auf den Fahrersitz fallen und reichte ihr die Hand. »Philipp.«Sie lächelte zaghaft. »Sarah. Wo bringst du mich hin?«Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung … Vielleicht in eine Notfallambulanz?«»Nein! Bitte nicht! Sonst steig ich sofort aus!«Auch wenn er nicht glaubte, dass sie weit kommen würde, wollte er es nicht auf einen Versuch ankommen lassen.»Und wenn ich dich zu deinen Eltern bringe?«»Für meine Eltern bin ich gestorben.«Philipp zog die Stirn kraus. Da saß eine Frau in seinem Auto, die offenkundig nicht nur zusammengeschlagen worden war, sondern noch viel mehr Probleme am Hals hatte.»Wo wohnst du? Sonst fahre ich dich auch nach Hause.«Sah er da so etwas wie Panik in ihren Augen aufblitzen?»Du willst mich zu ihm bringen?«»Nein. Natürlich nicht. Ich wusste nicht, dass ihr zusammenwohnt … also zusammengewohnt … äh … ist ja auch egal ...« Philipp brach ab, kratzte sich an der Stirn und dachte nach. Was sollte er jetzt machen? Er konnte sie doch nicht einfach mit zu sich nach Hause nehmen, aber andererseits? Allerdings … was, wenn sie innere Verletzungen oder sogar eine Hirnblutung hatte? Sie gehörte in ärztliche Obhut! Plötzlich hatte er eine Idee und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Ein Kumpel von mir ist Sportmediziner. Der soll sich zumindest mal dein Auge ansehen. Er wird auch keine Fragen stellen, okay?«»Ich habe keine Krankenversicherungskarte dabei.«»Er wird’s überleben.«Kaum hatte er es ausgesprochen, zog er auch schon sein Smartphone aus der Tasche und betätigte das Display. Während er sich das Handy mit der linken Hand ans Ohr hielt, startete er mit der anderen den Motor und fuhr los.»Hey Markus, ich bin’s. Alles klar bei dir? … Du eine Freundin von mir ist in eine Schlägerei geraten und will partout nicht ins Krankenhaus. Aber ihr Auge ist fast zugeschwollen. Könntest du dir das einmal anschauen? … Prima, danke! Bis gleich!«Nachdem er die Pin eingegeben und die Zutrittskarte vor das Lesegerät gehalten hatte, öffnete sich das imposante Firmentor und sie fuhren hinaus auf die menschenleere Straße, vorbei an dem Gebüsch, in dem er diese ramponierte und jetzt am ganzen Körper zitternde Frau gefunden hatte. »Alles okay?«, erkundigte er sich.»Ja. Mir ist nur auf einmal entsetzlich kalt.«»Kein Wunder! Deine Klamotten sind ja auch total durchnässt. Im Büro hatte ich es gar nicht mitbekommen, aber es muss ganz schön geregnet haben. Wie lange hast du da schon gelegen?«»Nicht so lange. Glaube ich ...« Ihre brüchige Stimme erstarb.Philipp warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Ihre langen blonden Haare hingen wirr an ihr herab. Sie wirkte vollkommen aufgelöst. Innerlich wie äußerlich. Einem Impuls folgend hätte er am liebsten ihre Hand genommen, um sie zu beruhigen, aber er tat es nicht, sondern konzentrierte sich wieder auf die Straße vor ihm. Keiner sagte etwas. An einer roten Ampel stoppte er den Wagen und schaute wieder zu ihr hinüber. Er folgte ihrem Blick auf seine rechte Hand, die das Lenkrad fest umschloss. Vielleicht suchte sie einen Ehering oder fragte sich, woher die Narbe stammte, die quer über seinen Handrücken verlief. Vielleicht hatte sie auch Angst vor ihm. Er konnte ihren Blick nicht richtig deuten und fragte sich, was er sagen sollte, um das bedrückende Schweigen zu brechen. Als sich ihre Blicke trafen, zog sich sein Magen schmerzhaft zusammen. Tränen standen in ihren Augen und drohten mit ihrem nächsten Wimpernschlag über ihre geschundene Wange zu laufen. Tiefes Mitgefühl legte sich wie eine schwere Last auf seine Schultern. Ihre dünne Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.»Ich dachte, er würde mich lieben«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. »Wart ihr schon lange zusammen?«Sie wich seinem Blick aus und starrte wie paralysiert auf die rote Ampel vor ihnen.»Ja.«Ihre knappe Antwort sagte ihm, dass sie keine weiteren Fragen wollte. Also konzentrierte er sich auch auf die rote Ampel und war erleichtert, als sie endlich auf Grün umsprang.Schweigende Minuten später bog Philipp in eine verkehrsberuhigte Seitenstraße und parkte seinen Wagen vor einem Häuserblock aus roten Backsteinen. »Im Erdgeschoss hat Markus seine Praxis. Oben wohnt er«, erklärte er, als er die Beifahrertür geöffnet hatte und ihr heraushalf. Er sah, wie sie die Zähne zusammenbiss. Ihr Körper musste ein Meer aus Schmerzen sein. »Soll ich dich …?« Doch bevor er seine Frage beenden konnte, hakte sie sich bei ihm ein. An der anderen Hand hielt sie ihre Tasche fest, die sie während der gesamten Fahrt auf ihrem Schoß fest umklammert hatte.Kaum hatten sie die Eingangstür erreicht und Philipp den Klingelknopf gedrückt, ging die Tür auf und ein durchtrainierter Mann, der sein weißes T-Shirt fast mit seinen imposanten Oberarmen zu sprengen drohte, lächelte ihnen gut gelaunt entgegen.»N’Abend Philipp! Wen bringst du mir denn da?«»Das ist Sarah. Ähm … ich habe ihr versprochen, dass du keine Fragen stellst.«»Was du nicht alles so versprichst. Dann kommt mal rein.«Fünf Minuten später fand sich Philipp im Wartezimmer wieder. Markus hatte ihn freundlich, aber bestimmt aus dem Behandlungsraum verwiesen und Philipp war seiner Aufforderung nur zu gerne nachgekommen. Zwar hatte er kein Problem damit, Blut zu sehen, aber als Markus anfing, an ihrem Auge herumzudrücken, stieg ein Schwall Übelkeit in ihm auf. Nun saß er da, wartete und versuchte, einen Sinn in den farbenfrohen abstrakten Bildern an der Wand zu erkennen. Gleichzeitig hoffte er, dass Markus die Vernunft sprechen lassen und Sarah in ein Krankenhaus einweisen würde. Die Last auf seinen Schultern wog schwer. Er wollte nicht die Verantwortung für einen anderen Menschen tragen und für einen fremden schon gar nicht. Um sich abzulenken, griff er nach einer Zeitschrift vom fein säuberlich aufgereihten Stapel vor ihm, nur um sie im nächsten Moment wieder zurückzulegen. Er konnte sich nicht aufs Lesen von Illustrierten konzentrieren. Sarah beherrschte seine Gedanken. Mit was für einem üblen Kerl war sie zusammen, der sie an den Rand der Bewusstlosigkeit niedergeschlagen hatte? Was hatte sie verbrochen, dass sie keinen Unterschlupf bei ihren Eltern finden konnte? Ruckartig ging die Tür auf und Philipp schaute überrascht auf. Sarah sah zwar immer noch mit ihrem blauen, geschwollenen Auge ramponiert aus, aber jetzt verdeckten keine blutigen Überreste mehr ihr hübsches feingliedriges Gesicht. Vielleicht lag es auch an ihrem schüchternen Lächeln, das seinen Herzschlag beschleunigte. Er räusperte sich und stand auf.»Äh … du siehst … viel besser aus.«Sie lächelte.»Danke! Ich fühle mich irgendwie auch schon besser. Markus hat mir eine Spritze gegen die Schmerzen gegeben.«Wie eine Seifenblase zerplatzte Philipps Hoffnung, Markus könnte Sarah in ein Krankenhaus einweisen.»Ist denn so weit alles mit ihr … okay?«, wandte er sich an Markus, der hinter Sarah zum Vorschein kam.»Ich denke, dass nichts gebrochen ist. Innere Verletzungen kann ich aber natürlich nicht ausschließen. Außerdem bin ich kein Augenarzt.«»Meinst du nicht, es wäre …«, als er Sarahs entsetzen Blick sah, brach er ab.»Diese junge Frau hier hat mir glaubhaft versichert, dass du dich gut um sie kümmern wirst.«»Hat sie das?«»Ja, das hat sie. Also pass gut auf sie auf! Kühlen ist das Beste, was sie jetzt machen kann.« Dann drehte er sich zu Sarah um und ergänzte: »Und wenn dir irgendwie komisch wird oder du nicht mehr richtig sehen kannst, muss Philipp sofort einen Notarzt rufen. Alles klar?«Sie nickte und hakte sich wie selbstverständlich bei Philipp ein, der irritiert erst sie ansah und dann Markus einen Hilfe suchenden Blick zuwarf. Aber Markus wollte oder konnte ihn nicht als solchen deuten, sondern sagte stattdessen: »Trotz allem wünsche ich euch noch einen schönen Abend.«Damit entließ er sie hinaus in die Kälte der Nacht und Philipp fragte sich, was an diesem Abend schön sein sollte. Der Abend hielt nur das für ihn bereit, was der Tag versprochen hatte: eine Katastrophe nach der nächsten.

*

Es hatte wieder zu regnen angefangen. Die Scheibenwischer kratzten über die Windschutzscheibe, schweigend saßen sie nebeneinander, während Philipp ziellos durch die Stadt kurvte und sich dabei ertappte, wie er krampfhaft versuchte, aus der scheinbar verfahrenen Situation doch noch einen für beide Seiten angenehmen Ausweg zu finden. »Hast du wirklich keine Idee, wo ich dich hinbringen könnte?«, wagte er einen vorsichtigen Vorstoß.Einen flüchtigen Blick warf sie ihm zu, schüttelte leicht mit dem Kopf und schaute dann wieder gedankenverloren zum Seitenfenster hinaus. Die Stadt zog an ihnen vorüber. Er biss sich auf die Unterlippe und wollte gerade etwas sagen, doch sie kam ihm zuvor.»Würdest du mich bitte am Bahnhof absetzen? Ich werde mal schauen, wohin der nächste Zug fährt.«»Zum Bahnhof?« Philipp rang mit sich. Auf der einen Seite klang das sehr verlockend. All seine Sorgen und Bedenken wären von einem Moment zum nächsten vom Erdboden verschwunden. Außerdem war sie alt genug, um zu entscheiden, was gut für sie war. Aber andererseits verspürte er nicht die geringste Erleichterung bei dem Gedanken, sie sich selbst zu überlassen, sondern sah vielmehr den unüberwindbaren Berg der Verantwortung vor sich. Irgendetwas an ihr hatte seinen Beschützerinstinkt geweckt. Er musterte sie kurz.»Angenommen, du könntest eine Nacht bei mir auf dem Sofa schlafen. Was würdest du morgen machen?«Sie zuckte mit den Schultern.»Ausschlafen.«»Und dann?«»Etwas essen.«Auf dieses Spielchen hatte er keine Lust, aber Essen war ein gutes Stichwort. Wenn er so in sich hineinhorchte, hing sein Magen mittlerweile in den Kniekehlen.»Hast du Hunger?«»Ein bisschen.«Wieder überlegte er und auf einmal wurde ihm bewusst, dass er schon viel früher eine Entscheidung gefällt hatte. Und zwar in dem Moment, als er sie zu seinem Auto getragen und nicht ins Krankenhaus gebracht hatte. Wieder schaute er zu ihr, und als sich ihre Blicke trafen, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.»Also, pass auf. Du kannst eine Nacht bei mir schlafen. Eine Nacht … Und falls du auch so einen Riesenhunger hast wie ich, können wir uns vielleicht eine Pizza bestellen«, sagte er mit einem Lächeln und hoffte, dass sie es erwidern würde. Aber es blieb aus. Stattdessen sah er, wie dicke Tränen über ihr Gesicht liefen.»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich danke dir von ganzem Herzen!«, schluchzte sie. Philipps Herz machte vor Rührung einen Sprung. Er hatte das Gefühl, eine gute Tat vollbracht zu haben, und hoffte, dass diese vielleicht seine schlechte Tat von heute auf der Arbeit ein klein wenig wieder ausgleichen würde.Vor einem modernen Mehrfamilienhaus mit einer imposanten Glasfront hielt Philipp an, drückte den Knopf eines kleinen Gerätes unterhalb des Lenkrads und fuhr langsam hinab in die Tiefgarage. Das schwere Tor öffnete sich mit einem lauten Quietschen. In drei Zügen manövrierte er seinen Wagen rückwärts in die Parklücke, dann stieg er aus und half Sarah aus dem Auto.»Glaubst du, es geht? Hier um die Ecke ist der Fahrstuhl. Wir müssen in die 3. Etage.«»Ich denke, es geht schon …«Aber es ging nicht. Offensichtlich wollten ihre Beine nicht so, wie sie wollte, und sie verfluchte sich leise dafür. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit einer Hand an ihm festzuhalten und mit der anderen ihre Tasche fest zu umklammern. Wie ein gebrechliches altes Ehepaar gelangten sie zum Fahrstuhl und fuhren hinauf zu seiner Wohnung. Plötzlich wirkte sie ganz schüchtern und nervös auf ihn, als sie sich neugierig in seiner durch schlichte Eleganz glänzenden Wohnung umschaute, sich dann die Schuhe auszog, ihren durchnässten Mantel an die Garderobe hängte und Philipp mit großen Augen unsicher ansah. Es war offensichtlich, dass sie sich in dieser Umgebung, die ohne Protz einen gewissen Wohlstand suggerierte, unwohl fühlte. Mit einer einladenden Handbewegung deutete er ihr den Weg geradeaus ins Wohnzimmer an. Dankbar registrierte er, dass heute Donnerstag und somit Putztag war. Frau Sommerfeld hatte alles sauber und penibelst aufgeräumt hinterlassen. Während sie ins Wohnzimmer wankte, hielt sie sich an der Wand fest und Philipp folgte ihrem interessierten Blick. Nachdenklich betrachtete sie ein Foto, das im Flur auf der Kommode stand. Es zeigte ihn mit Bea und er bedauerte in diesem Moment, es noch nicht weggeräumt zu haben. Bevor sie ihrem fragenden Blick Worte verleihen konnte, schob er sie vor sich ins modern eingerichtete Wohnzimmer. Es bestand nur aus einem großen Fernseher an der Wand, der von einer schwarz-weißen Wohnwand eingerahmt war, und einem kleinen schwarzen Tisch vor einem gemütlich aussehenden Lounge-Sofa. Vollkommen erschöpft von dem kurzen Weg durch seine Wohnung ließ sie sich auf das graue Sofa fallen. »Darf ich vorstellen? Das ist deine Herberge für heute Nacht.«»Ich bin dir unendlich dankbar!«»Du kennst mich doch gar nicht. Was, wenn ich ein …« Er beendete den Satz nicht. Ihren ängstlichen Augen nach zu urteilen, war sie genauso wenig zu Scherzen aufgelegt wie er.Mit der Aufforderung: »Fühl dich einfach wie zu Hause!«, versuchte er seine entgleiste Bemerkung in die richtige Bahn zurückzulenken.»Danke!«Vom Handy aus hatte er im Handumdrehen in der Küche die Pizzen bestellt. Leider bemerkte er erst, als sich eine genervte Frauenstimme am Telefon meldete, dass er Sarah gar nicht nach ihrem Wunsch gefragt hatte. Da die ungeduldige Dame am anderen Ende der Leitung aber nicht den Anschein erweckte, noch länger warten zu wollen, bestellte er einfach zwei große Vier Jahreszeiten, in der Hoffnung, dass etwas dabei sein würde, was Sarahs Geschmack traf.Als er wieder ins Wohnzimmer zurückkehrte, zuckte Sarah sichtlich zusammen. »Entschuldigung! Ich wollte dich nicht erschrecken.«»Du musst dich nicht entschuldigen. Ich war nur gerade in Gedanken.«Philipp sah auf ihre zitternden Hände, die sich wieder an ihrer Handtasche festklammerten, und reichte ihre eine Bierflasche. Sie kam ihm mit ihren zerzausten Haaren, ihrer nassen Jeans, an der noch traurige Reste von Blättern und Erde hingen, und ihrem lädierten Gesicht an diesem Ort, der ordentlich und aufgeräumt war, seltsam deplatziert vor. »Danke! … Oh, die ist ja noch zu …«, stellte sie irritiert fest. Philipp musste schmunzeln.»Die war jetzt auch ehrlich gesagt nicht zum Trinken gedacht … sondern eher zum Kühlen!«»Oh … natürlich!«, sagte sie und drückte die kühle Flasche vorsichtig an ihre geschwollene Wange.»Hab leider keine Kühl-Akkus oder so. Ich hoffe, es hilft trotzdem ein bisschen … Äh, möchtest du vielleicht einen … Jogginganzug von mir? Kein Wunder, dass dir kalt ist. Deine Klamotten sind ja total … nass.«Sie schien einen kurzen Moment über sein Angebot nachzudenken und nickte dann. »Das wäre wirklich klasse, aber ich will dir nicht noch größere Umstände machen.«»Schon okay! Warte kurz …«Schnell war er wieder da, hielt ihr einen dunkelblauen Trainingsanzug vor die Nase und sah sie unschlüssig an.»Darf ich vielleicht mal kurz in dein Bad?«»Ja klar. Ist gleich hier nebenan. Wenn du magst, kannst du auch gerne baden gehen. Das wärmt dich vielleicht am besten wieder auf.« Er drehte sich um und zeigte auf den Flur. »Das ist wirklich unglaublich freundlich von dir. Vielleicht lasse ich ein bisschen warmes Wasser über meine Füße laufen. Ich spüre sie kaum noch.«Wie eine Hundertjährige wirkte sie auf Philipp, als sie sich durch das Wohnzimmer zum Bad schleppte. Während er hörte, wie die Dusche lief, zog er sich im Schlafzimmer rasch den Anzug und das Hemd aus, streifte sich einen grauen Kapuzenpullover über und stieg in eine verwaschene Bluejeans. Schließlich kehrte er ins Wohnzimmer zurück, setzte sich aufs Sofa, beugte sich nach vorne und vergrub den Kopf in seinen Händen. Was für eine skurrile Situation! Ihm würde niemand glauben, dass ausgerechnet er eine wildfremde Frau mit zu sich nach Hause genommen hatte. Nachdenklich fuhr er sich durch die Haare und lehnte sich zurück. Sein Blick fiel auf ihre Handtasche, die halb geöffnet neben ihm lag. Wieso hatte sie sie nicht mitgenommen? Für den Bruchteil einer Sekunde war er versucht, hineinzuschauen. Aber im nächsten Moment schalt er seine Neugier und machte das Radio an, um sich abzulenken. Doch die Musik erreichte ihn nicht. In Gedanken war er ganz weit weg. Vollkommen vertieft in wüste Vorstellungen. Was, wenn sie eine drogensüchtige Kriminelle war, die nur darauf aus war, ihn auszunehmen? Aber andererseits … wirkte sie so schüchtern und auf eine sympathische Art und Weise noch mit einer jugendlichen Naivität gesegnet. Dennoch entschied sich Philipp, ihr gegenüber die nötige Vorsicht walten zu lassen. Seit jeher war Philipp ein skeptischer Mensch, der nichts und niemandem vertraute. »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« war sein gelebter Leitspruch. Die Zuverlässigkeit seiner Reinigungskraft, Frau Sommerfeld, hatte er auf Herz und Nieren eingehend geprüft, bevor er ihr seinen Haustürschlüssel anvertraut hatte. In jede Schublade – abgesehen von den Schränken in Küche und Bad – hatte er ein Haar geklemmt, mit dem Wissen, dass es unbemerkt zu Boden fiel, wenn jemand die Schublade öffnete. Frau Sommerfeld hatte den Test bestanden. Aber würde Sarah es auch? Innerlich ging er seine Wohnung durch. Gab es irgendetwas von Wert, das sie vielleicht nachts, wenn er schlief, mitgehen lassen konnte? Was für ein überflüssiger Gedanke, fand er im nächsten Moment. Wenn es etwas von Wert gegeben hatte, dann hatte Bea es bereits mitgenommen. Allen anderen Ballast hatte sie dagelassen. Ihn inbegriffen. »Ist nur ein bisschen groß, aber sehr gemütlich. Vielen Dank!«Schon stand Sarah wieder im Zimmer und holte ihn zurück in die Gegenwart. Er konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Sein Jogginganzug war ihr nicht ein bisschen zu groß, sondern viel zu groß. Er schlabberte überall an ihr herum, obwohl sie ihn an den Ärmeln schon umgekrempelt hatte, und er fragte sich, wie sie den Hosenbund befestigt hatte, damit die Hose nicht runterrutschte. Da klingelte es an der Tür. »Oh, das ging aber schnell. Sind bestimmt die Pizzen!«, sagte Philipp und eilte an Sarah vorbei zur Eingangstür.Als er mit zwei Pizzakartons beladen ins Wohnzimmer zurückkehrte, war Sarah verschwunden und mit ihr die Handtasche. Im Augenwinkel registrierte er die verschlossene Badezimmertür. Offensichtlich war sie wieder im Bad. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit. Auch wenn sie nicht unbedingt wie eine Drogensüchtige aussah, fragte er sich, ob sie sich vielleicht schnell etwas einwarf oder sogar einen Schuss setzte. In diesem Moment bereute er seine Entscheidung, sie mit all ihren Problemen zu sich genommen zu haben, anstatt sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Mitleid – oder was auch immer sie in ihm ausgelöst hatte – hin oder her, mit Drogen wollte er partout nichts zu tun haben. Achtlos ließ er die Pizzen auf den Tisch knallen. Dann stellte er sich vor die Badezimmertür.»Was auch immer du da drinnen machst, ich will damit nichts zu tun haben! Es ist am besten, wenn du verschwindest. Nimm dir meinetwegen noch eine Pizza für den Weg mit, aber bitte verschwinde!« Gerade wollte er gegen die Tür klopfen, um seiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen, als die Tür aufging und er in Sarahs vor Angst geweiteten Augen sah.»Was ist auf einmal passiert? Wieso soll ich verschwinden?«Fester, als er es eigentlich wollte, packte er ihr Handgelenk und zog sie hinter sich her. »Aua! Du tust mir weh! Warum in alles in der Welt müsst ihr Männer immer so brutal sein?«Ihre Worte hallten wie ein Echo in seinem Kopf. Er ließ sie los und zwang sich, die Vernunft walten zu lassen und ruhigere Töne anzuschlagen.»Ich möchte nichts mit Drogen zu tun haben und daher bitte ich dich, zu gehen.«»Drogen?« Sie sah ihn ungläubig an. »Wie kommst du auf Drogen? Ich nehme keine Drogen!«»Was hast du dann im Bad gemacht? Wofür brauchtest du dann deine Tasche?«Tränen sammelten sich in ihren Augen.»Ich … Ich wollte mich ein bisschen … herrichten … die Haare bürsten … und … sieh doch selbst nach!« Demonstrativ hielt sie ihm ihre Tasche hin. Auch wenn er wusste, dass Handtaschen für Frauen ein Heiligtum waren, siegte sein Misstrauen. Er nahm sie ihr ab, warf erst einen flüchtigen Blick hinein und kramte sie dann durch. Keine Drogen, kein Fixerbesteck, nur eine Bürste, ein Handy, ein Portemonnaie, Taschentücher, mehrere Nagellacke und Lippenstifte, Kondome, Tampons und ein lila Büchlein fielen ihm in die Hände. Mit einem hochroten Kopf reichte er sie ihr beschämt zurück.»Entschuldigung!«»Willst du mich vielleicht auch noch abtasten?« Philipp schüttelte schuldbewusst den Kopf.Sie senkte ihren Blick und sackte von einer Sekunde zur nächsten weinend in die Knie. Ein Blinder hätte ihm seine Überforderung angesehen. Er hockte sich zu ihr, legte unsicher eine Hand auf ihre Schulter und wusste nicht, was er sagen sollte. Wie Bäche stürzten Tränen aus ihren Augen. Am ganzen Körper zitterte sie. Ohne nachzudenken, nahm er sie in den Arm und drückte ihren Kopf sacht an seine Brust. Nach einer Weile brach sie das Schweigen. »Ich bin schwanger und habe den riesengroßen Fehler gemacht, laut darüber nachzudenken, es vielleicht zu behalten«, sagte sie nach einer Weile mit tränenerstickter Stimme.Unvermittelt fiel sein Blick auf ihren flachen Bauch, den auch der übergroße Trainingsanzug nicht runder erscheinen ließ.»Ich weiß es erst seit drei Tagen. Heute war ich beim Arzt … Bin in der fünften Woche.«Philipp wusste nicht, was er denken sollte. Nach und nach tröpfelten die neuen Erkenntnisse in sein Bewusstsein. »Du wirst das jetzt wahrscheinlich nicht hören wollen, aber gerade dann musst du ins Krankenhaus! Ich habe keine Ahnung, was da alles passieren kann! Hast du das Markus erzählt?«Aus verheulten Augen schaute sie ihn traurig an und schüttelte mit dem Kopf.»Wenn es tot ist, dann soll es so sein. Und wenn ich daran sterben sollte, dann hat es auch so sein sollen.«»Was sagst du da? Du musst zu einem Arzt, einem Frauenarzt, am besten ins Krankenhaus!« Wie elektrisiert erhob er sich und griff nach dem Telefon auf der Kommode.»Ich rufe einen Krankenwagen.«»NEIN!«, schrie sie, sprang auf und riss ihm den Hörer aus der Hand.»Warum hast du so Angst davor? Ich verstehe das nicht! Erklär es mir, sonst …«»Ich kann dir das nicht erklären«, sagte sie leise, reichte ihm den Hörer zurück und ging an ihm vorbei zur Haustür, zog sich Mantel und Schuhe an, warf sich ihre Handtasche über die Schulter und drehte sich zu ihm um, bevor sie die Türklinke hinunterdrückte. »Tu, was du nicht lassen kannst. Aber bevor die hier sind, bin ich weg.«Philipp fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und wischte sich über die Augen. »Scheiße! Ich kann dich doch so nicht gehen lassen! Wo willst du hin? Lebt deine Familie hier in der Nähe? Kannst du da hin?«»Meine Mutter hatte mich von Anfang an vor ihm gewarnt. Zu der geh ich bestimmt nicht!«Er schaute auf seine Armbanduhr. »Es ist kurz vor elf. Wo willst du denn jetzt hin?«»Das ist nicht dein Problem! ICH bin nicht dein Problem!«, ihre verzweifelte Stimme überschlug sich.»Noch vor ein paar Minuten hätte ich nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ich BITTE dich, hierzubleiben … Morgen sieht die Welt vielleicht schon wieder besser aus.« Er ging langsam auf sie zu und hielt ihr die Hand hin.»Kein Krankenwagen? Keine Polizei?«, fragte sie skeptisch.Er schüttelte mit dem Kopf. »Auch wenn ich hoffe, dass ich das nicht bereue.«Schließlich nickte sie, ignorierte seine Hand und blieb unschlüssig vor ihm stehen. »Pizza?«, fragte er mit einer hochgezogenen Augenbraue.Ein Hauch von einem Lächeln glitt über ihr Gesicht.»Ja, gerne.«Obwohl die Pizza noch annähernd warm war und sich seine Verärgerung von vorhin in Luft aufgelöst hatte, wollte die Anspannung nicht von ihm abfallen. Sie war schwanger! Das änderte alles! Er hatte nicht nur quasi für sie die Verantwortung übernommen, sondern auch noch für ein ungeborenes Etwas in ihrem Bauch.»Wann kommt eigentlich deine Freundin nach Hause? Ich möchte nicht, dass sie irgendetwas missversteht.«»Meine Freundin?« Er sah sie fragend an und konnte ihr im ersten Moment nicht richtig folgen. Dann fiel der Groschen. »Ach so, du meinst meine Frau. Nein, sie wird nichts missverstehen, weil sie nicht nach Hause kommen wird … Wir leben getrennt.«»Oh, ich dachte nur … das Foto … und die zwei Zahnbürsten.«»Ja, das Foto muss ich mal entsorgen … und … die Zahnbürste auch.«Sarah nickte nachdenklich. »Willst du noch was essen?«, erkundigte sich Philipp freundlich.»Nein, danke. Aber wenn du vielleicht noch ein Bier für mich hättest?«»Zum Kühlen oder zum Trinken?«»Zum Trinken.«»Du bist schwanger!« Sein vorwurfsvoller Ton war nicht zu überhören.»Ich werde es ohnehin abtreiben.«»Das ist deine Entscheidung. Solange du aber schwanger bist, wirst du von mir keinen Alkohol bekommen. Wie alt bist du eigentlich?«, fragte er, während er aufstand und eine Flasche Wasser und für sich ein Bier aus der Küche holte.»21. Und du?«»33. Willst du ein Glas oder …«Sie nahm ihm die Wasserflasche ab und trank in durstigen Zügen.»Wie lange wart … seid ihr verheiratet? Habt ihr Kinder?«, fragte sie interessiert, als sie die Flasche halb leer getrunken und auf dem kleinen Couchtisch abgestellt hatte.Obwohl Philipp diese persönlichen Fragen einen Tick zu weit gingen, antwortete er, nachdem er einen kräftigen Schluck aus seiner Bierflasche genommen hatte.»Drei Jahre sind wir verheiratet. Nein, wir haben keine Kinder.«»Wolltet ihr keine?« Das reicht!, dachte er, sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. Instinktiv schien Sarah zu spüren, dass ihn diese Frage unangenehm berührt hatte. »Entschuldigung! Es geht mich nichts an!«Er kratzte sich am Ohr und sagte, während er ihr direkt in die Augen sah, als wollte er ihre Reaktion nicht verpassen: »Ich bin zeugungsunfähig. Also … so gut wie.«Das schlug ein wie eine Bombe. Sarah starrte ihn mit offenem Mund an. Kopfschüttelnd vergrub er sein Gesicht hinter den Händen und konnte auf einmal selbst nicht mehr verstehen, wieso er ihr um alles in der Welt das gerade anvertraut hatte.»Das weiß so gut wie niemand, aber ich erzähle es dir!« Dann schaute er wieder zu ihr. »Keine Ahnung, warum ich dir das erzählt habe. Am besten du vergisst es ganz schnell wieder.«Sie schluckte hörbar. »Habt ihr euch deswegen getrennt?« Ein Themenwechsel wäre jetzt wirklich angebracht, dachte er und versuchte, sich seine aufkommende Gereiztheit nicht anmerken zu lassen. »Es gibt immer viele Gründe und einen Auslöser. Es war sicher ein Grund von vielen«, antwortete er so beiläufig wie möglich, auch wenn sich ein trauriger Schatten über seine Seele legte. Natürlich wusste er den wahren Grund, aber das gehörte hier nun wirklich nicht hin.»Du verurteilst mich sicher, weil ich abtreiben will.«»Nein. Das ist deine Entscheidung und es steht mir nicht zu, über dich zu urteilen. Jeder muss das tun, was er für richtig hält.« Er räusperte sich. Paradoxerweise war er erst durch die Trennung von Bea auf diese Erkenntnis, mit der es sich wesentlich entspannter lebte, gekommen. So sanft wie möglich fügte er hinzu: »Aber mal was anderes, wie genau bist du da eigentlich im Gebüsch gelandet? Was ist überhaupt passiert?«Jetzt war es Sarah, die seinem Blick auswich und mit einem Schlag sämtliche Gesichtsfarbe verlor.»Wie gesagt, ich war beim Arzt und habe … ihn … dann angerufen.« Philipp fühlte einen flüchtigen inneren Triumph, weil er erfolgreich das Thema gewechselt hatte, und hörte ihr aufmerksam zu.»Er klang ganz normal, als ich ihm sagte, dass ich schwanger sei … Also er war schon überrascht, aber ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass er ausflippen würde. Deswegen hatte ich es ihm auch am Telefon gesagt. Er sagte, dass er gerade unterwegs sei und mich abholen könne. Das hat er dann auch gemacht und im Auto fingen die Beschimpfungen an. Ich solle es wegmachen lassen, es sei ohnehin nicht von ihm … bla, bla, bla. Ich hätte einfach nicht sagen sollen, dass ich es vielleicht behalten möchte! Dann wäre das alles wahrscheinlich gar nicht passiert!«Wieder liefen Tränen über ihre Wangen. Philipp stand auf, um aus dem Bad eine Rolle Toilettenpapier zu holen, und reichte sie ihr. Obwohl ihr wahrscheinlich nicht zum Lachen zumute war, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.»Ich denke, die Rolle reicht.«»Habe leider keine Taschentücher. Sorry!«Mit ein paar Blättern tupfte sie sich vorsichtig die Tränen weg, wohl darauf bedacht, nicht zu nah an ihr geschwollenes Auge zu kommen.»Auf jeden Fall ist er dann ausgerastet und hat mir eine geknallt.«»Hat er dich schon öfters geschlagen?«Betreten schaute sie auf die Hände in ihrem Schoß.»Na ja … auf jeden Fall noch nie so.«»Wie ging es dann weiter?«»Ich bekam Angst. Richtig Angst. Wie wild fuchtelte er um sich und achtete überhaupt nicht mehr auf die Straße. Ich habe ihn angeschrien und dann hatte ich die nächste sitzen … An einer roten Ampel bin ich aus dem Auto gesprungen. Ich wollte nur noch weg von ihm.«Sarah wirkte wie in eine andere Welt versunken. Wieder hielt sie sich an ihrer Tasche fest, aber ihre Hände zitterten trotzdem. Philipps Herz wurde schwer, auch wenn er es nicht zulassen wollte, ließen ihn ihre Erlebnisse nicht kalt. Am liebsten hätte er sie erneut in den Arm genommen, aber er wusste, dass er damit eine Grenze überschreiten würde. Eine Grenze, die er nicht überschreiten sollte. In einem Zug exte er seine Bierflasche und verspürte zugleich Lust auf noch eins, aber er wagte nicht, aufzustehen und in die Küche zu gehen, aus Angst, ihren Redefluss zu unterbrechen.»Und dann ist er dir gefolgt? Wo wolltest du hin?«Kurz schaute sie zu ihm und versank dann wieder in ihren Erinnerungen.»Ich bin nur gerannt, war schon völlig außer Atem und hatte gedacht, dass ich ihn los bin. Ich wollte zu einer befreundeten Kollegin, aber er muss irgendwo sein Auto abgestellt und mir hinterhergelaufen sein. Auf Höhe von PHARMASchulte hat er mich von hinten gepackt und wie verrückt auf mich eingeschlagen, mich wild beschimpft und gedroht, mir das Kind notfalls selbst aus dem Bauch zu prügeln, wenn ich es nicht abtreibe …« Ihre brüchige Stimme verstummte.Philipp hatte das Gefühl, einen dicken Kloß tiefer Betroffenheit im Hals zu haben.»Das ist echt furchtbar, was du erlebt hast. … Was für ein Arsch! Du MUSST ihn anzeigen!« »Bitte versteh doch, dass das nicht geht. Der hat seine Freunde überall. Die bringen mich um und lassen es wie einen Unfall aussehen.«Sanft strich er über ihre Schulter und hoffte, dass sie diese vertraute Geste nicht falsch verstand. Sein Gehirn ratterte auf Hochtouren. Irgendwie musste dieser Kerl seine gerechte Strafe kriegen! Aber er sah ein, dass es keinen Sinn machte, jetzt mit Sarah darüber zu diskutieren, stattdessen fragte er: »Du wolltest zu einer Kollegin? Was arbeitest du denn?«Mit einem zarten Lächeln auf den Lippen drehte sie sich zu ihm und sagte leise: »Gegenfrage. Was arbeitest du? Offensichtlich bist du ja bei diesem Pharmariesen beschäftigt. Als was?«»Ich arbeite im Sicherheitsmanagement.« »Oh, das ist bestimmt spannend! Da lief es ja vor gar nicht allzu langer Zeit drunter und drüber. Hat nicht irgendjemand auf die Firmenchefin geschossen?«Auch wenn Philipp ihren abrupten Themenwechsel durchaus bemerkte, kamen ihm das Interesse und die darauffolgende Sensationsgier, wann immer er erwähnte, bei PHARMASchulte zu arbeiten, wie alte Bekannte vor. »Ja, aber das ist alles Vergangenheit und jetzt ist die Firma wieder auf dem Weg nach oben«, war seine Standardantwort, die er auch für Sarah parat hatte.»Die war doch vorher irgendwann mal entführt worden und hatte dann später was mit ihrem Entführer, oder?«