Fesselnde Entscheidung - Alissa Sterne - E-Book

Fesselnde Entscheidung E-Book

Alissa Sterne

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Beschreibung

Ein deutsches Pharmaunternehmen kämpft ums Überleben. Gerade als ein absolut geheimes, menschenverachtendes Projekt zur Erprobung eines Impfstoffes gegen eine todbringende Krankheit ins Leben gerufen werden soll, wird die Tochter des Firmeninhabers entführt. Auf der Flucht trifft sie eine folgenschwere Entscheidung. Sie lernt einen Mann kennen, der eine starke Sehnsucht in ihr entfesselt … mit katastrophalen Konsequenzen. Für ihn ist sie bereit, alles zu riskieren. "Eine spannende Entführung, widersprüchliche Gefühle und eine Liebe, die nicht sein darf – alles mitreißend verpackt im fesselnden Roman der vielversprechenden Newcomerin Alissa Sterne." "Fesselnde Entscheidung" ist kein Pharmathriller. Vielmehr stehen Habgier & Rache und Vergebung & Liebe im Mittelpunkt. "FESSELNDE ENTSCHEIDUNG 2" ist am 01.12.2015 erschienen.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Alissa Sterne

Fesselnde Entscheidung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inschrift

TEIL 1

Prolog

1. Kapitel – Dienstag, 09.09.

2. Kapitel

3. Kapitel – Montag, 08.09.

4. Kapitel – Dienstag, 09.09.

5. Kapitel – Montag, 08.09

6. Kapitel – Dienstag, 09.09.

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel – Montag, 08.09.

10. Kapitel – Dienstag, 09.09.

11. Kapitel – Dienstag, 09.09.

12. Kapitel – Mittwoch, 10.09.

13. Kapitel – Dienstag, 09.09.

14. Kapitel – Mittwoch, 10.09.

15. Kapitel – Dienstag, 09.09.

16. Kapitel – Mittwoch, 10.09.

17. Kapitel – Mittwoch, 10.09.

18. Kapitel – Mittwoch, 10.09.

19. Kapitel – Mittwoch, 10.09.

20. Kapitel – Donnerstag, 11.09.

21. Kapitel – Donnerstag, 11.09.

22. Kapitel – Donnerstag, 11.09.

23. Kapitel – Donnerstag, 11.09.

24. Kapitel – Donnerstag, 11.09.

25. Kapitel – Freitag, 12.09.

26. Kapitel – Donnerstag, 11.09.

27. Kapitel – Freitag, 12.09.

28. Kapitel – Freitag, 12.09.

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel – Die Tage danach

32. Kapitel

33. Kapitel – Zwei Wochen später

34. Kapitel – Sieben Monate später

35. Kapitel – Vier Wochen später

36. Kapitel

TEIL 2

1. Kapitel – Vier Jahre später

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel – Fünf Monate später

8. Kapitel

9. Kapitel – Fünf Wochen später

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Nachwort der Autorin

Weiteres von der Autorin

Impressum neobooks

Inschrift

Genieße das Leben!Solange du kannst.

TEIL 1

Prolog

Es roch modrig und war kalt. Eiskalt. Irgendwo tropfte Wasser. Alle vier Sekunden verloren Wassermoleküle ihren Kampf gegen die Schwerkraft und fielen im freien Fall ins Ungewisse. Sie zählte die Tropfen. Das war ihre Art, sich zu beruhigen. Bei 503 hörte sie auf einmal auf. Sie versuchte, sich ein wenig zu strecken. Aber es gelang ihr nicht. Ihre Hände waren fest auf ihrem Rücken gefesselt. Jede Bewegung verursachte unvorstellbare Schmerzen, die Riemen hatten sich tief in ihre Haut gegraben. Mit ihren nackten Füßen saß sie auf dem kalten Boden an die Wand gelehnt und versuchte, nicht durchzudrehen. Vier oder fünf heftige Panikattacken hatte sie schon hinter sich gebracht. Völlig verzweifelt stellte sie jedes Mal fest, dass die Heulkrämpfe und verzweifelten Versuche, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien, nicht halfen. Im Gegenteil, die Fesseln schienen statt lockerer immer fester zu werden, und ihre vom Knebel eingerissenen Mundwinkel brannten wie Feuer.Immer und immer wieder ging sie den vergangenen Abend durch. Sie war auf dem Nachhauseweg, als …Plötzlich hörte sie Schritte. Er kam zurück! Atemloses Entsetzen lähmte sie für Sekunden. Ihr Herz raste. Voller Panik atmete sie immer schneller, immer flacher. Blitzartig bildete sich kalter, nasser Schweiß auf ihrer Stirn und ihrem Rücken.Ein Schlüssel wurde in das Schloss gesteckt und zweimal umgedreht. Instinktiv schob sie sich mit den Füßen in die hinterste Ecke des Raums. Panikartig versuchte sie, sich aufzurichten, Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie wollte schreien. Aber zu hören war nur ein gurgelndes Keuchen. Erst mit einem kräftigen Druck sprang die Tür knarrend auf.Er trat ein und stand mit einer rostigen Säge in der Hand vor ihr. Sie wünschte sich, schon tot zu sein.

1. Kapitel – Dienstag, 09.09.

PHARMASchulte prangte in großen hellblauen Lettern vom Dach des fünfgeschossigen Bürokomplexes. Am Tag wirkte der Bau aus den Siebzigern mit seinen blauen Stahlelementen und den vielen rechteckigen Fenstern immer noch modern. In der Abenddämmerung oder bei Nacht sah das alles schon ganz anders aus. Dann leuchtete nur noch ARMASchulte verloren vom Dach – wie ein böses Omen, das wusste, was kommen sollte. Es hatte bessere Zeiten gegeben. 1972 hatte Dr. Ernst Schulte »PharmaSchulte« in Wedel gegründet – einer beschaulichen Kleinstadt an der Elbe – direkt an der Grenze zu Hamburg gelegen.Anfangs hatte die Firma ihr Geld mit der Herstellung und dem Vertrieb von preiswerten Arzneimitteln, sogenannten Generika, gemacht. Doch als der Markt immer mehr Nachahmer fand, spezialisierte sich die Firma auf die Herstellung und Erforschung von Impfstoffen. Das war in den ersten Jahren ein sehr gewinnbringendes Geschäft gewesen. Mittlerweile war auch dieser Markt hart umkämpft. Wer nichts Neues herausbrachte, war praktisch kaum überlebensfähig.

*

»Die Delegation wird um 10 Uhr in Frankfurt landen und den Termin nachmittags bei uns pünktlich einhalten. Vielleicht möchten Sie noch mal die Punkte durchgehen?«Das wollte er nicht. Wozu auch? Der Rahmen stand fest, er wusste, was er wollte, und das würde er auch bekommen. Wenn nicht mit diesen Herren, dann mit anderen. Vielmehr interessierte ihn sein heutiges Abendprogramm. Sollte er es sich wieder einmal bei Tessa gut gehen lassen oder nach Hause in die Villa fahren und sich etwas Leckeres von Frau Schneider kochen lassen? Er hatte Appetit – auf beides. Allein der Gedanke an Tessa erregte ihn. Er stellte sich ihre schlanke Silhouette vor, wie sie sich mit ihren prallen Brüsten und ihren obszön gespreizten Schenkeln vor ihm rekelte. Er leckte sich über die Lippen. Die Entscheidung war gefallen. Gegessen wurde heute außer Haus.»Danke, Löser.« Er erhob sich von seinem imposanten Chefsessel. »Wird schon werden. Sie wissen, was wir wollen. Sie machen das schon!« Jens Löser wirkte nervös. Das war er immer, aber heute ganz besonders. Er bewunderte die Gelassenheit seines Chefs und war sich nicht sicher, ob er sich nicht ganz der Wichtigkeit der heutigen Zusammenkunft bewusst war. Sehr viel hing von dem Termin ab, vielleicht sogar die Existenz der ganzen Firma. Sollte das Gespräch positiv verlaufen, wären sie ihrem Ziel ein erhebliches Stück näher gekommen, dann wäre es zum Greifen nah. Anderenfalls konnten sie quasi einpacken, die Forschungsabteilung müsste schließen. Und ohne Forschung konnten sie am Markt nicht bestehen. Die finanziellen Mittel waren mehr als überstrapaziert. Sie befanden sich am Limit – in jeder Hinsicht.

*

Seit 22 Jahren war Löser für PharmaSchulte tätig, 16 davon als Stellvertreter und engster Vertrauter von Dr. Marc Schulte. In dieser Zeit hatte er viele Höhen und Tiefen miterlebt. Löser bewunderte seinen Chef, der es geschafft hatte, vom einfachen Werkstudenten bis in die oberste Chefetage aufzusteigen. Gut, böse Zungen behaupteten, er hätte sich hochgeschlafen. Vor 28 Jahren hatte Marc Mikowski die Tochter des Firmengründers, Dr. Ernst Schulte, geheiratet. Kaum jemand aber wusste, dass Schulte senior ihn mehr als seinen eigenen Sohn gesehen hatte. Einen Sohn, den er sich immer gewünscht hatte. Er war froh gewesen, mit Marc jemanden gefunden zu haben, der ihn mit seinem Fachwissen und neuen Ideen überzeugt hatte, der in seine Fußstapfen treten und schließlich seine Nachfolge antreten sollte. Die Krönung war praktisch die Heirat mit seiner einzigen Tochter, Elisabeth, gewesen. Aus Marc Mikowski war Marc Schulte geworden – die Promotion folgte einige Zeit später. Löser wusste, dass es sich entgegen der kursierenden Gerüchte um eine wirkliche Liebesheirat gehandelt hatte. Elisabeth hatte viel Zeit mit ihrem Vater im Labor verbracht. Marc war auch fast immer da gewesen und irgendwann hatte es zwischen beiden einfach gefunkt – natürlich sehr zur Freude von Schulte senior. Auch eine Art von geplanter Unternehmensnachfolge, dachte Löser. Nach und nach hatte sich Schulte senior aus dem Unternehmen verabschiedet, hatte zuletzt noch im Aufsichtsrat mitgewirkt, bis er vor fünf Jahren offiziell mit 69 Jahren in den Ruhestand gegangen war. Der war ihm offenbar nicht so gut bekommen, drei Monate später war er auf einer Wandertour in den Alpen an einem Herzinfarkt gestorben.

*

»Ach, Löser, bevor ich es vergesse«, Schulte begleitete Löser zur Tür, »falls Elli heute bei dem Treffen mit den Herren übers Ziel hinausschießen sollte, würden Sie ihr bitte Einhalt gebieten? Sie hat mir zwar versprochen, dass sie sich zunächst alles kommentarlos anhören wolle, aber Sie kennen ihre Meinung zu unserem Vorhaben und ich möchte die Herren nicht verärgern. Auf Sie hört sie eher als auf mich.« »Natürlich, Herr Schulte, wie immer werde ich mein Bestes geben.« »Wenn ich Sie nicht hätte. Danke!«Schulte öffnete Löser die Tür und schloss sie ab, nachdem Löser gegangen war. Er ging zurück zu seinem Schreibtisch, um endlich Tessa anzurufen. Löser war sein treuester Mitarbeiter, aber auch ein Bedenkenträger vor dem Herrn. Seine detaillierten Ausführungen waren manchmal Gold wert – oft aber einfach nur zeitraubend. Bevor er Tessa anrief, brauchte er erst mal etwas Ordentliches zu trinken. Er machte einen Schlenker und ging zur großen Glasvitrine, die die Mitte des Raums zierte. Im Glas sah er sein Spiegelbild. Er war alt geworden. Aber für Mitte fünfzig fand er sich noch ganz in Ordnung. Von seinen schwarzen Haaren war nur noch ein Haarkranz übrig geblieben, fast nur noch graue Stoppeln waren zu sehen. Seine Stirn wurde immer höher, aber im Gegensatz zu vielen anderen Leidensgenossen versuchte er nicht, die verbliebenen Haare länger wachsen zu lassen, um sie dann fein säuberlich über das Haupt zu kämmen. Er stand dazu und ließ sich die verbliebenen Haare raspelkurz rasieren. Einzig seine Wohlstandsplauze störte ihn ein wenig, aber noch nicht genug, um dagegen etwas zu unternehmen. Die neue schwarze Hornbrille stand ihm außerordentlich gut. Da hatte die Verkäuferin schon recht gehabt. Er schenkte sich einen Sherry ein. Nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte, betätigte er auf seinem Handy die Kurzwahltaste sechs, wie passend, dachte er. Plötzlich klopfte es an der Tür.»Herr Dr. Schulte, ich wollte jetzt schon meine Mittagspause vorziehen, damit ich da bin, wenn die Herren kommen, ist das okay?«, ertönte es durch die geschlossene Tür.Sichtlich genervt beendete er die Verbindung. Frau Seibel, seine Sekretärin, hatte das angeborene Talent, immer zum falschen Zeitpunkt zu stören beziehungsweise dann nicht da zu sein, wenn er sie brauchte – sei es bei wichtigen Besprechungen oder eben gerade jetzt.»Kein Problem. Gute Idee, Frau Seidel.«Er musste sich unbedingt eine neue Sekretärin suchen. Ungeschickt schrieb er eine SMS.Hallo Tessa! Ich würde heute gern mal wieder (vorbei)kommen. Passt dir acht Uhr? Habe heute noch einen anstrengenden Termin. Aber acht Uhr kriege ich bestimmt hin. M*Kaum hatte er die Nachricht verschickt, vibrierte das Handy in seiner Hand.Für dich habe ich doch immer Zeit. Freu mich, Süßer! Bis später …

*

Seit seine Frau vor einem Jahr überraschend gestorben war, hatte er keine neue Beziehung gehabt. An möglichen Kandidatinnen mangelte es nicht, als wohlhabender Witwer war er sehr begehrt. Anfangs hatte er die neue Aufmerksamkeit besonders von jüngeren Frauen genossen. Aber nach einer über 25-jährigen Ehe hatte er keine Lust, wieder Kompromisse eingehen zu müssen oder irgendwelche Launen auszuhalten. Er genoss seine Freiheit und das besonders in sexueller Hinsicht. Rückblickend betrachtet, empfand er seine Ehe als sehr harmonisch. Sicherlich war ihre Liebe in die Jahre gekommen, doch eine innige Freundschaft und viele gemeinsame Interessen hatte sie verbunden. Er hatte seine Frau nie wirklich betrogen. Wobei nur er seine Definition für wirklich betrogen kannte.Ihr Tod hatte ihn für Wochen aus der Bahn geworfen. Ein einfacher rostiger Nagel hatte sie das Leben gekostet. Sie hatte es geliebt, im Garten zu arbeiten und zu werkeln, und hatte sich an einem wunderbaren Sommertag an besagtem Nagel verletzt. Der Finger hatte sich entzündet, anfangs nur leicht. Da sie beruflich viel mit Ärzten zu tun gehabt hatte – sie war in der Firma für die Kontaktpflege zu möglichen Abnehmern zuständig gewesen –, hatte sie privat vehement vermieden, medizinischen Rat in Anspruch zu nehmen. Erst als sie nach drei Tagen die komplette Hand nicht mehr hatte bewegen können und sie auf das Fünffache angeschwollen war, hatte sie sich von ihm ins Krankenhaus bringen lassen. Zu spät. Nach zwei Tagen auf der Intensivstation war sie an multiplem Organversagen gestorben, ausgelöst durch eine Blutvergiftung. Anfangs hatte er sich für den Tod seiner Frau verantwortlich gefühlt. Schließlich hatte er die Entzündung komplett unterschätzt. Hätte er sie einen Tag früher in die Klinik gebracht, wäre sie mit hoher Wahrscheinlichkeit heute noch am Leben.Tessa hatte ihn wieder aufgebaut. Über eine eindeutig zweideutige Zeitungsanzeige war er bei ihr gelandet. Anfangs hatten sie nur geredet. Sie war eine ausgesprochen gute Zuhörerin. Schließlich nahm er auch ihre weiteren Dienstleistungen in Anspruch. Sie verstand ihr Handwerk. Er wusste, dass er sie nicht exklusiv für sich hatte. Das störte ihn. Aber er bezahlte sie ausgesprochen gut und so gab sie ihm das Gefühl, fast ausschließlich für ihn da zu sein. Das reichte ihm.

2. Kapitel

Seit ihrem 17. Lebensjahr litt sie an einer Art von Verfolgungswahn. Damals war in ihrem Elternhaus eingebrochen worden. Sie war mit ihren Eltern gerade im Urlaub auf Sardinien gewesen. Die Haushälterin hatte die aufgebrochene Terrassentür entdeckt und die Polizei alarmiert. Für die Beamten war es ein Einbruch wie viele andere auch gewesen. Sämtliche Schubladen und Schränke waren aufgerissen und durchwühlt worden. Teure elektronische Geräte, Schmuck und Bargeld hatten sie mitgehen lassen. In welcher Höhe hatte sie nie erfahren. Ihre Eltern hatten versucht, die Ereignisse so weit wie möglich von ihr fernzuhalten, um sie nicht noch mehr zu belasten. Keiner wusste, wie sehr sie dieses Erlebnis aber dennoch traumatisiert hatte. Ihre Ängste teilte sie mit niemandem. Sie wollte den Tätern nicht noch mehr Raum geben, indem sie über sie sprach. Ihr Urvertrauen war verloren gegangen. Immer wieder hatte sie sich vorgestellt, wie die Einbrecher durch das Haus geschlichen waren, wie sie die gleiche Luft geatmet und ihre persönlichsten Gegenstände mit ihren dreckigen Händen beschmutzt hatten. Mit 18 war sie in ihre erste eigene Wohnung gezogen, einer fast unbezahlbaren, traumhaft schönen 3-Zimmer-Penthousewohnung mit einem fantastischen Blick über die Elbe – und einem einbruchsicheren Schließzylinder, samt Zugangskontrolle mit PIN und Fingerabdruckleser. In ihren eigenen vier Wänden fühlte sie sich wieder sicherer. Mit dem Umzug kehrte langsam ein Stück Normalität zurück in ihr Leben.Dennoch begleitete sie seitdem sowohl bei größeren Menschenansammlungen als auch auf menschenleeren Wegen ein unbehagliches Gefühl – in letzter Zeit verstärkt. Obwohl die Geschehnisse zehn Jahre zurücklagen, beschleunigte sich ihr Herzschlag neuerdings wieder öfters, weil sie sich aus dem Nichts heraus plötzlich beobachtet und verfolgt fühlte.Wenn es in zwei Wochen nicht wieder besser werden würde, würde sie doch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, nahm sie sich fest vor. Erst vor Kurzem hatte sie gelesen, dass traumatische Erlebnisse auch nach vielen Jahren plötzlich wieder die Oberhand gewinnen konnten, vor allem, wenn sie nur unterdrückt, aber nie behandelt worden waren.

3. Kapitel – Montag, 08.09.

Wenn der Abend gehalten hätte, was der Morgen versprochen hatte, dann wäre der 8. September ein fantastischer Tag gewesen.Frühmorgens war sie mit dem Sonnenaufgang um 6:44 Uhr aufgestanden und gleich nach dem Zähneputzen joggen gegangen – ihre übliche Strecke auf dem Deich entlang Richtung Hetlingen. Das traumhafte Wetter hatte förmlich dazu eingeladen. Obwohl schon September war, hatte der Sommer längst noch nicht aufgegeben, sich gegen den drohenden Einzug des Herbstes erfolgreich zur Wehr zu setzen. Aber die ersten Vorboten zeigten, dass der Herbst nicht mehr lange auf sich warten lassen würde und er sich demnächst mit aller Macht gegen den Sommer durchsetzen würde. Die ersten Blätter begannen, sich langsam in die schönsten Rot- und Brauntöne zu verfärben, die Tage wurden merkbar kürzer und es war morgens und abends schon deutlich kühler als noch vor zwei Wochen.Schweißnass und gut gelaunt war sie unter die Dusche gesprungen, hatte halbherzig ihre langen schwarzen Haare geföhnt und sich dann schnell für die Arbeit fertig gemacht. Ein kurzer Blick in den Spiegel hatte ihr verraten, dass sie mit ihrer Wahl für den heutigen Tag, einem figurbetonten weinroten Kostüm, ganz passabel aussah. Auf dem Weg ins Büro hatte sie sich einen Coffee to go gegönnt und dann im Plausch mit Kollegen in der Kantine gefrühstückt. Jetzt saß sie im Büro und versuchte krampfhaft, eine E-Mail für einen wichtigen Kunden zu formulieren. Viel hatte sie heute noch nicht geschafft. Immer wieder schweifte ihr Blick vom Monitor zur breiten Fensterfront links von ihr. Keine Frage, sie hatte eines der schönsten Büros bekommen – mit Elbblick. Ein riesengroßes, voll beladenes Containerschiff weckte ihre Aufmerksamkeit. Es war flussaufwärts Richtung Hamburger Hafen unterwegs und wirkte wie ein sanft vorbeigleitendes Hochhaus. Was es wohl alles geladen hat, fragte sie sich. Und damit war sie auch schon wieder bei dem Thema, das sie schon den ganzen Morgen über beschäftigt hatte: Was sollte sie heute Abend anziehen? Das Containerschiff hatte mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit Kleidung aus China an Bord.Sie war mit ihrem Exfreund verabredet, Basti. Zwei Monate hatte sie ihn schon nicht mehr gesehen und selbstverständlich wollte sie gut aussehen, um ihm vor Augen zu führen, was ihm entgangen war. Er war ihr Exfreund und natürlich war es kein Date. Vor gut einem halben Jahr hatten sie sich getrennt. Sie hatte mit ihm Schluss gemacht, da ihre Beziehung aus mehr Streit als Harmonie bestanden hatte, und es sie nach zweieinhalb Jahren einfach nur noch fertiggemacht hatte. Sie hatten nur noch über Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens gestritten. Ab und zu sahen sie sich noch bei gemeinsamen Freunden. Jedes Mal war sie erleichtert gewesen, wenn er ohne weibliche Begleitung erschienen war. Warum wusste sie eigentlich gar nicht. Sie wollte nichts mehr von ihm. Bei ihm war sie sich da nicht so sicher. Gegen Sex mit der Ex hätte er sicherlich nichts einzuwenden gehabt. Aber nicht mit mir, dachte sie. Er hatte das Treffen vorgeschlagen und sie hatte gern zugesagt. Sie mochte ihn immer noch, aber mehr eben auch nicht. Aufgeregt blickte sie auf die neonblaue Funkuhr, die das altmodische Sideboard in ihrem Büro zumindest ein wenig aufpeppte. Es war kurz nach zwölf. Noch acht lange Stunden bis zum Date, das kein Date war.

*

Der Beach-Club Chill Out war der Szenetreff schlechthin. Nicht nur aus Wedel kam das gut gemischte Publikum zum Chillen an den Elbstrand, sondern auch aus Hamburg und der Umgebung. An sonnigen Wochenenden war nur mit Glück ein freier Platz in den begehrten Strandmuscheln und Sitzliegen zu ergattern. Heute, am Montagabend, war es auch proppenvoll. Als ob alle noch mal eine der letzten Gelegenheiten nutzen wollten, um eine laue Sommernacht an der Elbe zu genießen. Fackeln wehten im Wind, Lichterketten zierten die einer thailändischen Strandbar nachempfundenen Theke – die Atmosphäre war fantastisch entspannt –, einfach einladend zum Wohlfühlen und Chillen. Er hatte für sie beide – nicht ganz so entspannt – eine Strandmuschel erkämpft und wartete nun ungeduldig auf ihr Erscheinen. Nervös fuhr er sich durch seine dunkelblonden kurzen Haare, wischte sich das an den Fingern klebende Gel an der Jeans ab und blickte wieder auf die Uhr. Es war 20:03 Uhr. Dann zupfte er an seinem dunkelblauen T-Shirt und überlegte, ob er nicht doch lieber das weiße Hemd hätte anziehen sollen. Als er sie sah, atmete er tief durch. Sie war noch hübscher geworden. Ihre schwarzen langen Haare trug sie offen. Sie waren leicht gewellt und bewegten sich bei jedem Schritt locker hin und her, als würden sie Samba tanzen. Sie lachte, als sich ihre Blicke trafen. In ihr Lächeln hatte er sich damals verliebt. Es war so offen und herzlich, dass es einfach ansteckte. In ihren großen blaugrünen Augen konnte man ertrinken. Auf ihrem leicht gebräunten Gesicht entdeckte er wieder vereinzelt Sommersprossen, die er ausgesprochen süß fand. Er wusste aber, dass sie sie hasste und im Sommer am liebsten nicht ohne Lichtschutzfaktor 50 das Haus verließ. Das brachte aber alles nichts. Die Sommersprossen kamen jeden Sommer wieder – mit oder ohne Sonnencreme.Schlank war sie – wie eh und je. Sie trug ein petrolfarbenes Longshirt über einer schwarzen Leggings, dazu hohe Keilsandaletten. Sowohl ihre Fingernägel als auch ihre Zehen waren zartrosa lackiert. Sie sah zum Anbeißen aus.

*

Beide verbrachten einen schönen gemeinsamen Abend in entspannter Feierabendlaune. Während ihrer Zeit als Paar hatten sie fast nicht so viel zusammen gelacht wie an diesem Abend. Basti war schon leicht angetrunken und lief zur Höchstform auf. Er hatte drei Mojitos intus, aber sie war bei ihrer Fruchtschorle geblieben, weil sie wusste, dass morgen ein anstrengender Tag vor ihr lag. Umso erschrockener stellte sie bei einem Blick auf Bastis Armbanduhr fest, dass es schon 22:24 Uhr war. Zu gern hätte sie sein Angebot, sie nach Hause zu bringen, angenommen. Er wirkte fast beleidigt, als sie dankend ablehnte und sich noch auf dem Parkplatz vorm Chill Out mit einem vertrauten Kuss auf die Wange von ihm verabschiedete. Aber sie wollte sich – und vor allem ihm – die peinliche Situation vor ihrer Tür ersparen, wenn sie ihm einen Korb hätte geben müssen. Seine Avancen waren klar – er wollte sie zurück. Sie fühlte sich geehrt und hatte seine plumpen Annäherungsversuche genossen. Und außerdem hatte sie es nicht weit. Nur einmal am Wedeler Stadthafen entlang Richtung Schulauer Fährhaus, am Willkomm Höft vorbei und ein kurzes Stück auf dem Elbwanderweg und da kamen dann auch schon die Elbterrassen, wo sie wohnte – sozusagen ein Katzensprung, keine 15 Minuten Fußweg, die sie gut allein gehen konnte.

*

Die Straßen waren wie leer gefegt. An einem Montagabend war nicht mehr viel los. Sie hätte sich schon früher verabschieden sollen, bedauerte sie jetzt, dann wäre ihr Weg noch belebter gewesen und das ungute Angstgefühl, welches wieder in ihr aufstieg, wäre vermutlich ausgeblieben.Endlich hatte sie den Elbwanderweg erreicht, leider war er nur spärlich beleuchtet. Sie ging schnell und hörte auf einmal ein Geräusch. Kurz darauf Schritte, die schnell näher kamen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich abrupt. Panikartig schaute sie sich um. Eine korpulente Frau ging prustend schnellen Schrittes wenige Meter hinter ihr und überholte sie rasch. Sie war also gar nicht allein, erleichtert und tief durchatmend ging sie weiter. Wahrscheinlich konnte ihr wirklich nur noch eine Therapie helfen. Urplötzlich packte sie wie aus dem Nichts jemand von hinten am Hals. Das Überraschungsmoment verschaffte dem Täter den entscheidenden Vorteil. Bevor sie schreien konnte, pressten sich grobe Lederhandschuhe fest auf ihren Mund. Im gleichen Moment wurde sie ins Gebüsch gezerrt. Äste und Sträucher knackten, gaben nach und rissen ihre Haut an Armen und Beinen auf. Sie versuchte, sich mit aller Kraft aus dem Schwitzkasten zu befreien. Wild schlug sie um sich, bohrte ihre Fingernägel tief in das Fleisch ihres Peinigers, biss auf seinen Handschuh und versuchte, ihm mit aller Macht in die Weichteile zu treten. Aber es gelang ihr nicht. Sie wusste, was er wollte. Sie vergewaltigen – was sonst? Gleich würde er ihr ihre Klamotten vom Leib reißen und sich auf brutale Art und Weise an ihr vergehen und sie anschließend vielleicht sogar töten. »Hör auf, dich zu wehren, dann passiert dir nichts«, flüsterte er in ihr Ohr, sie spürte seinen schnellen Atem auf ihrer Haut.Für einen kurzen Augenblick erstarrte sie. Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Sollte sie es einfach widerstandslos über sich ergehen lassen? Vielleicht ließ er sie dann eher am Leben. Er war zu kräftig, sie hatte keine Chance, sich aus seiner Gewalt zu befreien. Andererseits, wenn sie dem Schwein einen kräftigen Tritt in die Eier geben könnte, würde ihr die Flucht vielleicht doch gelingen. In der plötzlichen Stille hörte sie auf einmal Stimmen – noch in weiter Ferne, aber sie kamen näher. Hoffnung keimte in ihr auf. Auch ihm schien es nicht entgangen zu sein, dass sich Passanten auf dem Weg unterhielten und in wenigen Sekunden an ihnen vorübergehen würden. »Scheiße!«, entfuhr es ihm.Blitzschnell zwang er sie im Würgegriff auf die Knie, zog sie tiefer ins Dickicht und presste ihren Kopf auf den Boden. Sie roch frisch aufgewühlte Erde. Als ob das nicht schon reichte, drückte er ihren Brustkorb nach unten und machte sie bewegungsunfähig, indem er ein Knie auf ihrem Rücken platzierte. Auf einmal fühlte sie kaltes Metall an ihrer Schläfe und hörte ein klickendes Geräusch. Sie hatte Todesangst, zitterte am ganzen Körper und war nicht mehr in der Lage, klar zu denken. »Wenn du einen Mucks von dir gibst, bist du tot!«Sie sendete Stoßgebete gen Himmel und verabschiedete sich in Gedanken von allen, die sie lieb hatte. Bitte, bitte, lass es schnell vorbei sein, bitte, bitte, sagte sie immer wieder zu sich selbst.An die darauffolgenden Minuten konnte sie sich nur noch bruchstückhaft erinnern. Die Passanten hatten sie nicht wahrgenommen, waren einfach unbehelligt an ihnen vorbeigegangen. Spätestens jetzt war ihr klar, dass sie den Kampf verloren hatte und ihm vollkommen ausgeliefert war. Sie befand sich in einer Art Schockstarre und leistete keine Gegenwehr mehr. Egal, was er mit ihr vorhatte, sie würde es über sich ergehen lassen müssen – bis zu ihrem letzten Atemzug.

*

Er hatte nicht damit gerechnet, sie mit der Pistole bedrohen zu müssen, um ihren Widerstand zu brechen. Wer konnte auch bei einer so zierlichen Frau mit einer so heftigen Gegenwehr rechnen? Um ein Haar hätte sie ihn außer Gefecht gesetzt und wäre ihm entwischt. Er musste wachsam sein, das durfte nicht noch mal passieren. Vorsichtig zog er seine Hand aus dem Handschuh, mit dem er die ganze Zeit ihren Mund zugehalten hatte, und drückte den Handschuh so weit wie möglich in ihren Mund. Sie begann zu würgen und schnappte hektisch nach Luft. Dann fesselte er ihr mit Paketband die Hände auf dem Rücken und zog dabei die Schnur fester, als sie vielleicht hätte sein müssen. Um zu verhindern, dass sie den Handschuh wieder ausspucken konnte, befestigte er vorsichtshalber den Knebel ebenfalls mit Paketband, welches er an ihrem Hinterkopf festzog und verknotete. Sie schluckte trocken. Als Letztes verband er ihre Augen mit einem schwarzen Tuch, zog es so straff, dass sie nicht mehr hell von dunkel unterscheiden konnte.Er zwang sie zum Aufstehen, indem er sie am Arm hochzog. Ihr fehlte ein Schuh. Er drehte sich mit ihr im Kreis und schaute sich um. Schließlich wollte er so wenig Spuren wie möglich hinterlassen. Er fand ihn unter ein paar Sträuchern, zog ihr den anderen Schuh aus und steckte beide in ihre Handtasche, die er bereits in der Hand hielt. Dann schulterte er sie und fragte sich, wie so ein Fliegengewicht solche Kraft hatte aufbringen können.

*

Sie war fassungslos. War es nicht schlimm genug, überwältigt und missbraucht zu werden? Aber anstatt an Ort und Stelle über sie herzufallen, verschleppte er sie. Was hatte er nur mit ihr vor? Vielleicht wollte er sie als Sexsklavin halten. Immer wieder hörte man von solchen furchtbaren Schicksalen. Oder er würde sie erst drogenabhängig und gefügig machen, um sie dann zur Prostitution zu zwingen. Vielleicht brachte er sie auch ins Ausland, um wer weiß was mit ihr anzustellen. Ihre Gedanken überschlugen sich.Das Letzte, was sie von dieser Welt gesehen hatte, war ein Mann mit einer Sturmhaube über dem Kopf. Lediglich kleine Löcher ließen Raum für seine dunklen Augen. Bei jedem Schritt grub sich seine Schulter tiefer in ihren Bauch und erschwerte ihr das Atmen. Der Mundknebel tat sein Übriges. Sie versuchte, den Brechreiz zu unterdrücken und den Handschuh mit ihrer Zunge zurückzuschieben. Währenddessen noch genügend Luft zu bekommen, erwies sich als Schwerstarbeit. Wenn es ihr nicht gelänge, den Brechreiz zu unterdrücken, würde sie qualvoll auf seiner Schulter ersticken. Da war sie sich sicher. Sie hatte jede Orientierung verloren und war überrascht, als er plötzlich stoppte und sie absetzte. Ihr war schwindelig, sie taumelte und wäre fast hinten übergefallen, wenn er sie nicht festgehalten hätte. Ein Kofferraum sprang auf. Oh nein, nicht das noch, dachte sie – da hob er sie auch schon hoch und legte sie hinein. Ihr fiel auf, dass er dieses sehr behutsam tat. Schließlich hätte er sie auch einfach hineinfallen lassen können, vermutlich hätte sie sich dabei aber in ihrem gefesselten Zustand mindestens ihre Handgelenke gebrochen. Aber im Gegenteil, er schien bedacht darauf zu sein, eine wertvolle Fracht vorsichtig einzuladen. Der Kofferraumdeckel klappte zu. Stille. Eine Autotür wurde geöffnet und kräftig wieder zugeschlagen. Der Motor startete und sie setzten sich in Bewegung. Sie fragte sich, wie viel Angst ein Mensch ertragen könne, bevor er starb.

4. Kapitel – Dienstag, 09.09.

Dr. Schulte ging ungeduldig mit gesenktem Kopf auf dem dunkelblauen Teppichboden vor den verglasten Konferenzräumen auf und ab. Er entdeckte ein kleines Loch im Teppich, fuhr mit seinem Schuh gedankenverloren darüber und blickte dann wieder auf seine goldene Armbanduhr. Verständnislos schüttelte er mit dem Kopf. Wo blieb Elli bloß? In 15 Minuten fand der vielleicht wichtigste Termin der Firmengeschichte statt und wer war nicht da? Seine Elli! Seit Wochen arbeiteten sie an der Vorbereitung. Er wusste, dass seine Tochter große Bedenken gegen das Projekt hegte. Aber deshalb würde sie niemals dem Treffen fernbleiben. Im Gegenteil, er sah sie in Gedanken vor sich, wie sie sich während des Gesprächs unzählige Notizen machte, ihn anschließend in Grund und Boden redete und ihm all die Gründe aufzählte, weshalb sie das Projekt nie zum Leben erwecken dürften.Er liebte seine Tochter. Doch seitdem sie nach dem Tod ihrer Mutter vor einem Jahr, gleich im Anschluss an ihr BWL-Studium in die Firma eingetreten war, eckte er immer öfter mit ihr an. Im Gegensatz zu ihrer Mutter gab sie nie nach und versuchte stur ihre Meinung durchzusetzen. Da er genauso gestrickt war, ließen sich Auseinandersetzungen kaum vermeiden. Es kam vor, dass sie tagelang kein Wort miteinander sprachen. Oft war er es, der die Friedenspfeife wieder herausholte. Meistens, weil Löser ihn zum Einlenken bewegt hatte. Nur ganz selten und äußerst ungern machte sie den ersten Schritt auf ihn zu. Nervös fummelte Schulte sein Handy aus der Sakkotasche und schaute aufs Display: nichts, keine Nachricht von ihr. Er tippte auf ihre Nummer. »The person you have called is temporarily not available« ertönte. Höchst merkwürdig, dachte er und ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit. Wann hatte er sie das letzte Mal gesehen? Gestern, am Montag, aber nur kurz. Sie war auf dem Sprung, und er hatte ihr wegen der heutigen Verhandlung noch mal ins Gewissen reden wollen. »Ja, Daddy, ich versuche, mich zu beherrschen«, hatte sie versprochen und sich dann auf den Weg gemacht. Wo wollte sie noch mal hin? Er wusste es nicht mehr.Löser eilte mit schnellen Schritten den Korridor entlang auf ihn zu. Dabei wirkte er noch dünner, als er ohnehin schon war. Seine blonden, glatten Haare wehten im Wind, auf seinem Gesicht und seinem Hals hatten sich unschöne rote Stressflecken breitgemacht. Jetzt schon, dachte Schulte, die Besprechung hatte doch noch gar nicht angefangen. Wenn Löser eines nicht war, dann stressresistent. »Sie war heute gar nicht im Büro!«, schilderte Löser atemlos.»Wie bitte?«»Ich habe mit Frau Bonholm, Herrn Peters und Frau Metz gesprochen. Keiner hat sie heute gesehen und ihr Büro ist verschlossen.«Schultes Magen zog sich kurz zusammen. Das war mehr als ungewöhnlich. Frau Seibel gesellte sich zu ihnen.»Die Herren sind da. Sie sind unten in der Eingangshalle, Herr Krüger hat eben angerufen«, sagte sie im Flüsterton. Frau Seibel neigte zur Theatralik. Das Treffen hatte offiziell die höchste Geheimhaltungsstufe. Mehr wussten aber weder sie noch die meisten anderen Beschäftigten. Nur die oberste Führungselite, die sogenannte FK 1 – bestehend aus fünf Personen – kannte die Details. Wirklich alles wussten nur Löser, Elli und Schulte selbst. Es war wichtig, den Kreis der knowing ones so klein wie möglich zu halten. Nicht auszudenken, wenn die Presse oder gar die Konkurrenz Wind von ihrem Vorhaben bekommen würde. »Danke, Frau Seibel. Sagen Sie, hat meine Tochter sich zufällig bei Ihnen gemeldet?«, fragte Schulte bewusst beiläufig.»Nein, wieso? Nimmt sie nicht an der Sitzung teil? Das wusste ich nicht. Ich habe für sie mit eingedeckt.«»Das ist auch gut so, sie kommt eventuell später noch nach. Würden Sie mir bitte die Telefonnummer von einer Frau Kristina Lange heraussuchen? Legen Sie sie mir bitte einfach auf den Schreibtisch. Ich weiß nicht, wie lange die Besprechung geht. Um 18 Uhr können Sie gern Feierabend machen.«»Das mache ich. Kristina Lange, ja?« Schulte nickte und Frau Seibel stolzierte wichtig an ihren Empfang zurück. Kristina war die beste Freundin seiner Tochter. Vielleicht konnte sie ihm weiterhelfen, falls er bis heute Abend nichts von Elli gehört haben sollte. Jetzt musste er sich erst mal voll und ganz auf das Projekt konzentrieren. Bestimmt gab es eine ganz einfache Erklärung für Ellis Fortbleiben, versuchte er, sich selbst zu beruhigen.

*

Im Konferenzraum 1 war die aufgeladene Stimmung fast mit den Händen greifbar. Zehn erhitzte Gemüter saßen um einen ovalen Tisch im Ahorn-Dekor herum verteilt und diskutierten wild, was nicht zuletzt am Temperament der angereisten Gäste lag. Die heruntergezogenen blauen Rollos und die kaputte Klimaanlage schienen ihren unermüdlichen Beitrag leisten zu wollen, die Atmosphäre noch weiter aufzuheizen. Der Mann der Stunde war Löser. In perfektem Englisch leitete er die Diskussion, gab gekonnt klare Statements ab und fasste das Gesagte zum Vorteil der Firma zusammen. Schulte war mehr Zuhörer und Beobachter, als dass er aktiv in das Geschehen eingriff. Das hätte er auch nur getan, wenn es unbedingt erforderlich geworden wäre. Löser genoss sein absolutes Vertrauen. Überrascht stellte Schulte fest, wie elegant die sechs Gäste in ihren schwarzen Maßanzügen mit ihren strahlend weißen Hemden, geschmackvollen Krawatten und frisch polierten Lederschuhen gekleidet waren. Was hatte er auch erwartet? Dass sie in Leinentüchern erscheinen würden? Er musste über sich selbst schmunzeln. Aber dann fiel sein Blick wieder auf den leeren Platz rechts neben ihm. Wo ist Elli bloß, fragte er sich sichtlich beunruhigt. Was war nur passiert? Ihn beschlich das ungute Gefühl, Ellis Abwesenheit könnte etwas mit der Konferenz zu tun haben.

*

Besser hätte der Termin nicht verlaufen können. Wider Erwarten waren sie sich nach vier äußerst anstrengenden Stunden doch noch einig geworden, und das auch noch in allen Punkten. Am meisten Zeit hatte die Diskussion über das Finanzielle in Anspruch genommen. Sie verhandelten zäh, konnten aber einen Kompromiss finden, der für die Firma gerade noch tragbar war.Schulte fühlte sich grandios, das Projekt konnte tatsächlich starten. Nie im Leben hatte er damit gerechnet, dass die Verträge bei diesem ersten Treffen bereits unterzeichnet werden würden. Gut gelaunt und erleichtert fuhren Schulte und Löser mit dem Fahrstuhl in den 3. Stock, wo sich ihre Büros befanden. »Löser, Sie sind heute über sich hinausgewachsen. Die Firma verdankt Ihnen sehr viel. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.«»Das ist doch selbstverständlich. Diese Firma ist mein Leben.«Schulte drückte Löser die unterschriebenen Kontrakte in die Hand und stoppte vor den Sanitärräumen.»Würden Sie mir die Unterlagen bitte auf meinen Schreibtisch legen? Ich lege sie dann gleich in den Tresor, muss aber erst noch wohin.«Löser nickte. »Natürlich. Ich gehe dann aber schon. War heute doch ganz schön anstrengend.«»Schönen Feierabend! Den haben Sie sich wahrlich verdient.«

5. Kapitel – Montag, 08.09

Nach dem Verlust ihres Orientierungssinns hatte sie auch jedes Zeitgefühl verloren. Sie vermochte nicht zu sagen, ob sie fünf Minuten oder eine Stunde mit dem Auto gefahren waren. Sie spürte nur, dass der Weg unebener und holpriger wurde, weil sie mit einem Mal stärker hin und her gerüttelt wurde.Als der Wagen dann nach einer Weile abrupt zum Stillstand kam, begann ihr Herz, wieder zu rasen. Während der Fahrt war ihr Herzschlag nie auf ein Normalmaß zurückgekehrt, hatte sich aber auf einem hohen Niveau relativ konstant eingependelt. Der Kofferraum sprang auf. Sie sog die frische Luft tief in ihre Lungen ein. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie stickig es im Kofferraum gewesen war. Er packte sie am Arm und half ihr, sich aufzurichten. Dann hob er sie heraus, stellte sie kurz ab, nur um sie sich gleich wieder über die Schulter zu legen, und marschierte los. Sie verdrängte ihre bösen Vorahnungen durch Stoßgebete, die sie pausenlos zum Himmel sendete. Irgendwie waren sie in einem Haus gelandet. Ihr kroch ein muffiger, abgestandener Geruch in die Nase. Sie hatte nicht gehört, wie eine Tür aufgeschlossen wurde, spürte aber instinktiv die neue Umgebung. Er trug sie abwärts eine Treppe hinunter in den Keller. Ihre schlimmsten Befürchtungen wurden wahr, ein Verlies. Er lud sie ab und sagte, dass sie sich hinsetzen solle. Sie spürte die Kälte des Bodens an ihren nackten Füßen und die kalte Wand an ihrem Rücken. Irgendwo tropfte Wasser. »Ich komme wieder, keine Angst«, sagte er mit leisem Ton und verließ den Raum. Die Tür knarrte beim Zuziehen, sie hörte, wie ein Schlüssel zweimal im Schloss umgedreht wurde.