Feuer und Siegelfluch - Nina Jolie - E-Book

Feuer und Siegelfluch E-Book

Nina Jolie

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Beschreibung

Die 16 jährige Avelina entkommt nur knapp einem Brandanschlag, aus dem sie der gutaussehende Hexer Lucien befreit. Der geheimnisvolle Hexer offenbart ihr eine Welt, in der sich die verschiedenen Hexenclans hassen und Avelina eine von ihnen zu sein scheint. Doch im Londoner Untergrund gibt es noch weitaus gefährlichere Schatten, die Jagd auf Hexen machen...

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Seitenzahl: 512

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Nina Jolie

Feuer und Siegelfluch

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Impressum neobooks

Kapitel 1

Feuer und Siegelfluch

Für jeden, der mutig ist. Es lohnt sich.

Der Pub, in dem ich saß, war brechend voll. Ich zwang mich erneut, das bittere Bier, an die Lippen zu legen, ohne dabei eine Grimasse zu schneiden, die mich an Sophie verraten würde. Ihr eisiger Blick verfolgte mich bei jeder kleinen Bewegung. Ich wusste nicht mehr, wie viele solcher Momente ich schon hatte, doch kannte ich diese Art von Mädchen, ohne das ich Sophie weiter kennengelernt hatte. Meine Erfahrung lehrte mich Besseres, als das ich hier sitzen sollte, und wie automatisch hörte ich die hohe Stimme von Yasmin im Kopf. Wie ein Ohrwurm, der immer wieder zu einem fand.

Sie sind nicht nett.

Sie finden dich schön. Das ist alles.

Für einen kurzen Moment fiel mir das Atmen schwer, mein Herz verkrampfte sich in meinem Brustkorb, der sich plötzlich zu eng anfühlte. Jetzt konnte ich das hier tun, erinnerte ich mich, in der Hoffnung, dass sich meine Muskeln lockerten.

„Avelina?“ Oliver stupste mich sanft an der Schulter an. Sofort zuckte ich zurück. Meine neuen Klassenkameraden sollte ich nicht sofort verschrecken, auch wenn ich noch in der Überlegung war, dass John sie für dieses Treffen bezahlte.

„Ja?“

„Ist John dein Vater, oder so?“ Die Frage klang merkwürdig falsch, dennoch antwortete ich wie abgesprochen.

„Er ist ein Verwandter von mir.“ Er war ein Freund der Familie. Bis vor ein paar Tagen kannte ich ihn nicht. Aber es war immer das Gleiche. Freunde nahmen mich auf, weil meine Eltern keine Zeit für mich hatten. So landete ich vor kurzem das erste Mal in Johns großem Haus, als er diesen Deal vorschlug. Der Fremde hatte mich freundlich angelächelt, eine Geste, die nicht viele meiner vorherigen Verwandten taten.

Wenn ich mich anpasste, dann durfte ich bleiben. So einfach dieser Satz auch klang, bedeutete er für mich die Welt. Ich hatte noch nie ein Jahr an demselben Ort gelebt.

„Krass, dass du jetzt bei ihm wohnst. Bestimmt cool,“ sagte Oliver staunend.

„Findest du? Es erinnert mich so an Velvet und ihre Freaks,“ murmelte Sophie misstrauisch, während sie an der aufgeweichten Etikette der Bierflasche herumfummelte. „Denk an Holly, Oliver.“ Ich wusste nicht, von wem sie redete. Schließlich kannte ich bis auf die beiden kaum jemanden, denn das war meine erste Woche in London.

„Aber sie sieht gut aus,“ erwiderte er mit einem schelmischen Grinsen, bei dem man seine weißen Zähne erkannte. Die blauen Augen ruhten interessiert und aufmerksam bei mir und Sophie, die seit unserem ersten Treffen heute Morgen die Augenbrauen ein Stück zu weit oben trug. Ihr Schmollmund zog sich gelangweilt nach unten, während sie mir ihren rot lackierten Fingernägeln Buchstaben in das aufgeweichte Holz des Tisches ritzte. In feinen Spänen rieselte es zu Boden, ohne das sie auch nur einmal das Gesicht verzog. Sie war das Gegenteil von mir. Sie hatte kastanienbraunen Locken, ich so helles Haar, dass es einem Weiß glich. Die dunklen Augenbrauen passten zu dem wilden Braun ihrer Augen, während mein Grün zur hellen Haut unnatürlich ausschaute. Früher hatte mir Yasmin meine Haare sogar gefärbt, damit ich nicht so aus der Menge stach. Später übernahmen das ein paar Tanten oder Onkel, bis ich mich vor wenigen Wochen das erste Mal gewehrt hatte. Nachdem ich einmal durchatmete, erinnerte ich mich daran, dass das in London ein Neuanfang war. Die Hoffnung, an die ich mich eisern klammerte, das endlos lange Jahr bis zu meiner Volljährigkeit zu überstehen.

„Ich brauch´ was Neues zu trinken“, sagte ich und versuchte dabei etwas fröhlicher zu klingen. Schließlich gehörten Freunde zu so einem normalen Leben dazu. Und genau das wollte ich haben. Blitzartig erhob sich Oliver von seinem Hocker.

„Ich werde mitkommen!“

„Das ist nicht nötig“, murmelte ich.

„Oh, doch“, entgegnete er. Am liebsten hätte ich gestöhnt. Stattdessen lächelte ich.

Ein paar grünliche Dielen gaben unter meinen lilafarbenen Doc Martens ächzend nach, und jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass die Leute davon genervter wurden. Wenn ich mit Oliver an Ihnen vorbei lief, taxierten ihre Blicke uns. Wie Ameisenbisse stachen sie auf meiner Haut, unangenehm und überall. Ich fragte mich, wieso die beiden überhaupt hier abhingen. Die meisten breit gebauten Männer waren über einen Highschool Abschluss längst hinaus, mit ihren leicht angegrauten Haaren und den speckigen Lederjacken.

Ignoriere Sie. Menschen sind primitiv.

An der Bar angekommen fühlte ich mich völlig nackt. Die rote Strickjacke zog ich enger um meine Handgelenke, sodass nur noch die weißanlaufenden Fingerknöchel zu erkennen waren. Plötzlich war ich für den vielen Privatunterricht dankbar. Währenddessen rief Oliver die schwarzhaarige, junge Frau zu sich, die hinter der gut befüllten Bar energisch an einem schon längst glänzenden Glas schrubbte. Dabei trat ihre definierte Armmuskulatur durch das enganliegende Achselshirt so deutlich hervor, dass man dachte, sie trainiert regelmäßig. Ein verblichenes Tattoo zeichnete sich auf ihrem Schulterblatt ab, als sie sich von uns abwendete. Wir warteten ab, bis das Glas einsortiert wurde.

Dann kam sie auf uns zu. Dabei betrachtete sie Oliver ganz genau. Bei ihren gelblichen Augen spürte ich eine Gänsehaut auf den Armen, bis ich mir sicher war, dass es Kontaktlinsen sein mussten.

„Was gibts?“ Nun betrachtete sie mich von oben bis unten, wobei sich ihr spitzes Kinn durch meine Größe immer wieder hob und sank. Um gelassen zu wirken, stützte ich mich an dem Tresen ab, bis ich das Piksen im Unterarm spürte. Ich rutschte ab, um erschrocken ein Stück zurückzuweichen. Auf der gewachsten Oberfläche erkannte ich einen Raben. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen. Das grazil gezeichnete Tier schien in das Holz eingebrannt, verewigt, als hätte man das alte Möbelstück, wie eine Kuh gebrannt schlagt. So wie er die Flügel von sich streckte und den Kopf erhaben in die Lüfte schwang, sah es aus, als sei er besonders stolz, auf das, was er war. Mein Magen sackte ab, als säße ich in einer rasanten Achterbahn.

„Entschuldigen Sie, aber haben Sie vielleicht ein Blatt und einen Stift?“

Misstrauisch stützte die Schwarzhaarige die Hände auf der Oberfläche ab. Unter ihrem strengen Blick schluckte ich, doch wartete einfach ab. Dieses Bild schrie mich an, es zu zeichnen. Tief in meinem Innern beruhigte es mich, wie früher die Bilder meiner Mutter. Den bitteren Geschmack von Galle ignorierte ich. So hatte ich wenigstens etwas zu tun, wenn ich nachher an John´s Schreibtisch saß. Und so starrte ich auf das Bild. Es war wie ein Zwang. Vorsichtig tasteten sich meine Finger an das Tier, als wäre es echt. Plötzlich schnellte die Hand der Barkeeperin hervor. Ehe ich meine Hand wegzog, gab es ein klatschendes Geräusch, als sie mir schnell auf den Handrücken schlug. Neben mir zog Oliver erschrocken den Atem ein, während meine Haut sich prickelnd in ein Rot färbte. Die Frau vor mir verzog die vollen Lippen. „Lass das in Ruhe. Sagt mir, was ihr wollt und gut ist.“

Was war an der Bitte denn so furchtbar gewesen? Wenn sie mir meinen Schreck anmerkte, sagte sie es nicht, sondern zog die Augenbrauen nur ein Stück höher, als keiner von uns sprach. Bis sich Oliver aus seiner Starre löste, um zu bestellen.

Während wir auf die Getränke warteten, sah ich immer wieder auf das Tier. Die stickige Luft drückte sich auf mich nieder. Meine Haut fühlte sich merkwürdig fiebrig an, gleichzeitig schien die Zeit still zu stehen, denn das unangenehme Schweigen zwischen ihm und mir wurde mit jedem Augenblick schlimmer. Doch die Schwarzhaarige redete erst mit zwei muskulösen Männern, die anschließend verstohlen in unsere Richtung schielten. Kurzzeitig funkelten auch ihre Augen in einem merkwürdigen Gold, bevor ich mir hastig über das Gesicht fuhr. Daraufhin blickten mir laubgrüne Iriden entgegen.

Plötzlich öffnete sich hinter der leicht eingestaubten Bar eine quietschende Tür, aus der ein junger Mann polterte. Im gleichen Moment, wie die schwer aussehende Kiste lautstark in seinen dünnen Armen schepperte, bellte die Barkeeperin den Blonden an: „Pass bloß mit den Flaschen auf, Nic!“

Dieser zuckte mit den schmalen Schultern, die in einem verschlissenen olivfarbenen Bandshirt steckten. Seine langen Haare warf er hektisch zur Seite, wobei er mit den eisblauen Augen die Leute musterte. Bis wir uns ansahen. Die Haut so aschfahl, dass es selbst aus der Entfernung ungesund aussah. Ich sah noch, wie er den Mund öffnete und sich Finger für Finger von dem großen, leicht durchhängenden Karton lösten. „Vorsicht!“, schrie ich. Da hörte man schon das viele Glas zerbersten. Das Geräusch schmerzte im Ohr, bevor ich zusammenzuckte. Alle blickten zu dem stillen Schuldigen, der geradeaus ins Leere starrte. Das Klirren hing in den Ohren nach, obwohl es schon von dem Geschrei der Barkeeperin abgelöst wurde.

„So ein Scheiß! Mach das weg!“

Wie auf Kommando bildete sich eine große Pfütze auf dem Boden, die sich wie ein Ölfleck schnell ausbreitete. Neben mir bemerkte ich Olivers Grinsen.

„Wieso lächelst du?“

Zuerst winkte er mit seiner großen Hand ab, doch als ich ihn weiter anstarrte, seufzte er tief.

„Er hat mich an Sophie erinnert.“

Verwirrt runzelte ich die Stirn. Er schnaubte. „Ich weiß, dass sie auf mich steht.“ Seine plötzliche Arroganz fühlt sich an wie ein unvorbereiteter Schlag ins Gesicht. Er schüttelte den Kopf, bevor in meinem Innern die Alarmglocken klingelten.

„Was glaubst du, wieso ich dich zu dem Date eingeladen habe?“

Ich wollte es nicht verstehen, während ich das Gefühl hatte, dass mir jemand gegen den Brustkorb schlug, so wenig Luft hatte ich auf einmal.

„Das...“, murmelte ich mit trockenem Hals, „das ist euer Date?“ In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich für ihn die Anstandsdame spielte. Ich war die Mauer, die Sophie wacker versuchte zu erklimmen, um bei Oliver zu sein. Menschen waren tatsächlich primitiv.

Abschätzend drehte er den Kopf hin und her, was mich total wütend machte. Hitze stieg mir in mein inzwischen feuerrotes Gesicht, bevor ich mich angespannt vom Tresen löste und die Fäuste ballte. Zwischen Wut und Scham entschied sich mein Geist nicht, obwohl beides verzweifelt um die Oberhand rang.

„Und der Junge erinnert dich auch noch an sie?“ Meine unkontrollierte Stimme war ein bisschen zu laut, sodass sich nun auch Sophie zu uns auf den Weg machte. Ihre Miene deutete ich nicht, als ich sie angespannt auf Oliver zuging. Jetzt verstand ich sie. An ihrer Stelle hätte ich mich auch nicht gemocht. Ich sah ihr tief in die braunen Augen, die die Situation hastig musterten. „Nimm ihn nicht.“

Ich merkte, wie erstickt sie die Luft einzog, bevor sie mich anguckte, als hätte ich ihren Hund überfahren. Mit jedem Wort, das ich sagte, wurden ihre Augen schmaler.

„Du musst dir das nicht alles gefallen lassen“, murmelte ich mit Nachdruck. Ich wollte mich zwingen aufzuhören. Sie war alt genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Vor meinen inneren Augen sah ich den Deal mit John gefährlich nah am Abgrund tanzen, wenn ich mir jetzt schon Feinde machte. Unheilvoll verkrampfte sich mein Magen.

„Das verstehst du nicht!“, zischte sie. Hektisch stellte sie sich neben Oliver, dessen kühler Ausdruck auf dem Gesicht mich nur wütender machte. In Sophies Stimme lag so viel Ernst, dass ich wie ein Kind mit dem Fuß aufstampfte, weil ich sie nicht verstand. Wie konnte man sich für Liebe so aufopfern und so viel Schmerz ertragen?

Widerwillig drehte ich mich um. Sofort schoss mir die Stimme meiner Mutter durch den Kopf und die bittere Erkenntnis, dass sie tatsächlich Recht hatte, drückte sich wie ein Bleimantel auf mich. Dann dachte ich an den Deal. Nur einmal wollte ich länger als sechs Monate durchhalten. Ich seufzte und schloss die Augen mitten im Raum, als würde mich das für alle unsichtbar machen. Dann beobachtete ich den Blonden, der den dreckigen Mopp auswusch. Zuerst haderte ich. Aber da saß ich wieder an unserem wackeligen Küchentisch, allein mit meinem Koffer, um nach London zu fahren. Mit so viel Mut, wie ich zusammenkratzen konnte, lief ich auf ihn zu. Das Putzzeug fiel zu Boden, als er bemerkte, dass ich vor ihm stehen blieb. Mit zitternden Fingern hielt er es rechtzeitig auf. Das flackernde eisblau seiner Augen traf auf meine. Die älteren Männer an den umliegenden Tischen machten darüber abfällige Bemerkungen, während sie sich gegenseitig mit ihren riesigen Bierkrügen zuprosteten. Dagegen war Olivers Getränk der Spuckrest gewesen.

Zögerlich fragte ich: „Kann ich dir behilflich sein? “

Vielleicht konnte ich ihm helfen, wenn sich Sophie so weigerte.

„Ähm.“ Er sag sich um, bevor er heftig nickte. „Ja gern. Ich bin Nic.“

„Avelina. Aber nenn mich Lina.“

In der Hocke sammelte ich die übergebliebenen Glasscherben auf. Zischend zuckte ich zurück. Es pikste unangenehm in meinem Finger, bis es sich in ein Brennen verwandelte und die ersten Tropfen aus meiner Fingerkuppe quollen.

„Oh Mist“, murmelte Nic. Eigentlich, dachte ich, war er gar nicht schlaksig. Vielmehr war er sehnig, wie ein Athlet. Seine schlapprigen Klamotten waren ihm nur zu groß, als er sich zu mir hinunterbeugte und den Schnitt betrachtete, aus dem eine kleine glitzernde Blutperle tropfte. Als Rinnsal lief sie meine Haut hinab.

„Darf ich ?“, fragte er zögerlich. „Das sollten wir desinfizieren.“

„Ach quatsch“, wiegelte ich ab. Doch sein Griff wurde etwas fester.

„Da ist Dreck drin. Das könnte sich entzünden.“

Normalerweise passierte mir so etwas nicht. Bei so etwas hatte ich immer Glück und wenn ich mich verletzte, entdeckte ich es Tage danach. Umso unangenehmer war es jetzt, dass er sagte: „Ein Pflaster. Und du solltest dir vielleicht die Hände waschen“, ergänzte er zögerlich, als er auf das angetrocknete Rot an den Fingern deutete. Die Flüssigkeit legte sich in die Kerben meiner Haut, sodass ich aussah wie ein rot gestreiftes Zebra. Nic betrachtete eingehend den dreckigen Finger und mir wurde bewusst, dass ich Vorschläge, nicht sofort abwimmeln dufte. Wenn ich Freundschaften schließen wollte, musste ich offen sein. Und das hieß auch, in keine alten Muster zu verfallen. Also nickte ich ergeben. Vielleicht hatte er ja wirklich recht.

Also durchquerten wir die Bar, wobei die meist tätowierten Leute uns kritisch musterten. Natürlich, ich passte genau wie Nic, Oliver oder Sophie kein bisschen in die Atmosphäre. Als Nic einen rostigen Schlüssel aus seiner Hosentasche zog, war ich überrascht, dass er im Schloss der alten Holztür nicht abbrach. Sobald er in den dunklen Raum trat, drang ein modriger Geruch von Mottenkugeln und abgelagerte Luft in meine Nase. Für einen Moment zog ich die Nase kraus, als ich bedächtig einen zögerlichen Schritt in den verstaubten Raum wagte. Augenblicklich hustete ich, während der Blonde energisch in einer Kiste wühlte, aus der er nur wenig später Desinfektionsmittel zauberte.

„Komm her!“, sagte er mit einem einladenden Lächeln.

Mit der Hand voraus trat ich mehr und mehr in das überschaubare Kämmerlein, bis dir Tür auf einmal schrecklich weit entfernt schien. Mit leichtem Unbehagen betrachtete ich die eingerissenen Kartons auf den instabilen Metallregalen.

„Wie lange arbeitest du schon hier?“, versuchte ich, ein Gespräch zu beginnen. Plötzlich packte er mich grob am Arm. Irritiert schaute ich ihn an. Meine Nackenhaare stellten sich auf, bevor ich rückwärts schlich.

„Nic?“ Satt zu antworten traten seine Augen so starr hervor, dass ich schluckte.

Ehe ich mich versah, drückte er mich mit all seiner Kraft gegen eines der Metallregale. Plötzlich fletschte er die gelben Zähne. Über mir krachen Kartons und Flaschen zu Boden. Die kalten Stangen drückten sich schmerzhaft in meinen Rücken. Ich jaulte auf, während ich seinen Schatten vor mir schummrig wahrnahm. Licht und Dunkelheit wechselten sich zu rasant ab. Mein Kopf dröhnte. Gleichzeitig wurde mir furchtbar übel, als er sich zu meiner Gestalt hinunterbeugte. Vorsichtig nahm er eine meiner hellen Strähnen in die Hand, um sie zu einer Locke zu drehen. Mein Herzschlag verdoppelte sich. Ich befahl meinem Körper aufzustehen, sich zu wehren, aber kein Muskel gehorchte mir. Also starrte ich ihm ins Gesicht, das sich vor meinen Augen verdoppelte.

„Es ist Krieg!“, flüsterte er. Langsam verschwand er aus meinem Blickfeld, bis sich die Tür schloss. Erleichterung überflutete mich, bis sich ein Staudamm bildete. Saß ich hier jetzt etwa fest?

Auf einmall drehte sich alles. Das Regal, gegen das ich gerade noch gefallen war, löste sich auf. Das Licht nahm zu, die Wände verschwanden, während ich nicht verstand, was hier passierte. Mein Puls raste. Schmerzhaft verkrampften sich meine Eingeweide. Dann fiel ich. Zu langsam, als das es der Realität entsprach, bis mein Kopf hart auf den Boden aufschlug. Gleißend helle Sonne schien mir auf mein Gesicht, gegen die ich keine Chance hatte anzublinzeln. Der harte Stein unter mir fühlte sich an wie Asphalt. War ich ohnmächtig geworden und war woanders hingebracht worden? Ich erinnerte mich an nichts dergleichen. Meine Finger fühlten sich taub an, als ich mir damit über das Gesicht fuhr, bis zum Hinterkopf. Unter dem tiefen Pochen zuckte ich zusammen. Dann wurde die Welt wieder schummrig.

Die Luft ist klar, sauber; es riecht nach Meer, durch das offene Badezimmerfenster, um den Dampf der Dusche herauszuholen. Mama ist hinter mir, Strähne für Strähne kämpft sie sich durch das nasse Gewusel auf meinem Kopf, während Papa mit unserem Besuch redet. Die rothaarige Frau kommt mir bekannt vor, aber sie sagt nicht viel. Genau wie der Mann sieht sie so beschäftigt aus. Mama und Papa wirken immer trauriger, jedes Mal wenn sie kommen. Ich mag sie nicht. Ich Tausche den pinken Bademantel gegen ein ordentliches Kleid. Das zitronengelb passt zu meinen Sommersprossen, sagt Mama, aber ich mag Jeans lieber. Zusammen gehen wir in unser Wohnzimmer. Dabei kralle ich mich in ihr ausgeleiertes Shirt, das sie immer trägt, wenn wir am Strand spielen. Aber in letzter Zeit darf ich nicht mehr so oft nach draußen, was ich nicht mag.

„Hallo...“, sagt die Rothaarige.

Ich antworte nicht, sondern verstecke mich hinter meiner Mama.

„Avelina, du weißt, dass sie dir nichts tun. Sie wollen nur wissen, ob du diesmal weißt, wo es ist?“

Als ich das nächste Mal aufwachte, hatte ich solche Kopfschmerzen, dass ich laut stöhnte. Kleine spitze Steine drückten sich unangenehm in meine Ellenbogen, als ich mich aufrichtete. Ich spürte ein leichtes Stechen im Rücken, doch als ich meine Umgebung erkannte, rückte das alles in den Hintergrund. Mein Brustkorb hob und sank so rapide, dass mir schwindelig wurde. Wackelig richtete ich mich zu voller Größe auf, um festzustellen, dass ich eingesperrt war. Schnell rannte ich gegen eine der kräftigen Mauern, klopfte, schrie und trat, wie eine Wilde. Nichts passierte.

Alles was ich sah, waren kahle, rote Wände. Man hatte mich eingemauert wie ein Monster. Wie zum Teufel war das passiert? Vor Angst fingen meine Hände an zu zittern, mein Atem beschleunigte sich schon wieder, bevor ich mich zur Ordnung rief. Mein Schrei hallte an den unendlich Mauern wider und machte mich wahnsinnig. War ich vielleicht noch ohnmächtig?

Auf jeden Fall würde ich mich diesem Spinner nicht wehrlos ausliefern. Falls, und darauf hoffte ich, dass jemand kam, überwältigte ich ihn und würde abhauen. Wenn ich auf wusste, wie unwahrscheinlich es war, dass ich denjenigen überwältigte. Mein Zeitgefühl war komplett dahin, sodass ich keine Ahnung hatte, wie viel Uhr es war. Der weiße Himmel bewegte sich kein einziges Mal. John dachte bestimmt, ich hielt mich nicht an unsere Abmachung. Seufzend lehnte ich den Kopf an, wobei ich den Schmerz im Hinterkopf ignorierte und die Augen schloss. Das alles war eine riesige Katastrophe.

Die Zeit zog träge dahin, in der ich mich an die Wand drückte und der kühle Backstein sich unangenehm an meine Prellungen drückte. Immer wieder nickte ich ein, nur um kurz darauf aufzuschrecken. Dann hörte ich plötzlich Gerumpel, aufgeregte Schreie, nach denen ich mich verwirrt umdrehte. Doch ich war allein. Schluchzend zog ich die Knie an meinen Körper. Das Brennen im Hals wuchs, aber ich verbot mir zu weinen.

Auf einmal war der Krach so laut, dass ich zusammenzuckte. Hastig stellte ich mich auf die Füße, um gegen die Wände zu hämmern, bis mir die Handflächen brannten.

„Hallo? Ist da wer?“ Umso energischer ich klopfte, desto lauter wurden die Geräusche außerhalb meines ominösen Gefängnisses, so dass ich hoffnungsvoll nach einer Tür in der runzligen Wand suchte. Mein Herz pumpte so kräftig, dass mir schwindelig wurde. Da verstummte es wieder und mit ihr meine Hoffnung. Wie eine schnelle Husche zog sie weiter, bis nichts blieb als vertrocknetes Land. Für einen Moment fror ich ein, ehe seufzend meine Hände hinunter glitten und ich die Stirn gegen die Mauer lehnte. Ich war nicht irre. Plötzlich bildete sich ein blauer Wirbelsturm auf dem roten Backstein. Langsam und zögerlich fraß er sich zu mir hindurch. Irritiert trat ich einige Schritte zurück. Vor Verzweiflung fasste ich mir in mein Haar, als würde es mir Halt bieten. In der Zwischenzeit wuchs das tosende Auge so an, dass man hindurch könnte. Doch ich sah nicht, wohin es mich brachte, sodass ich wimmernd umsah. Bis er wie aus dem Nichts plötzlich auftauchte. Dicke Stiefel stampften auf dem Boden auf, als ich angespannt den Atem einzog.

„Das kann doch jetzt nicht wahr sein“, murmelte ich zu mir selbst.

„Live und in Farbe“, sagte der Schwarzhaarige. Dabei sah er mich mit seinen grauen Augen von oben bis unten an. Sie erinnerten mich an einen aufziehenden Sturm, düster und geheimnisvoll. Augenblicklich bekam ich eine Gänsehaut. Dann dachte ich an meinen Plan. Blitzartig schoss ich nach vorne, um im Sprint mit dem linken Arm auszuholen. Ich spannte mich so fest an, wie es ging. Das Herz raste, während mir Adrenalin durch die Venen schoss. Doch der Mann holte mich mitten in der Bewegung ein, sodass er mit der Faust meinen Unterarm festhielt. Eine seiner Augenbrauen wanderte in die Höhe. Meine Haut kribbelt merkwürdig, dort, wo er mich berührte, gleichzeitig es nach verbranntem Holz roch. Schnaufend riss ich mich los, aber er nahm noch meine andere Hand und wirbelte mich so herum, dass ich plötzlich an seinem warmen Brustkorb gedrückt wurde. Die raue Stimme pustete gegen meinen Hals, was ich tänzelnd verhindern wollte.

„Immer ruhig mit den jungen Pferden. Immerhin steht hier dein Retter vor dir, und du begrüßt mich gleich so?“

„Lass mich los!“, kreischte ich. Dabei versuchte ich nach hinten auszutreten. Zu meiner wachsenden Frustration traf ich ihn nicht ein einziges Mal. Nur mein Brustkorb hob und sank sich durch die unnötige Mühe heftiger. Dagegen pochte sein Herz kräftig und unerschütterlich, was ich so überdeutlich an meiner Wange fühlte, als er mich gegen sich drückte.

„Zuerst sagst du mir, wie du diese Zwischendimension erschaffen hast, Hexe. Haben dich die Jisarfen geschickt? Denkt ihr, ich bin dumm genug, eure durchsichtigen Zauber nicht zu bemerken?“

Plötzlich wurde ich stocksteif in seinem festen Polizeigriff. Meine Stimme klang rau von der ganzen Schreierei.

„Wovon redest du da?“

„Stell dich nicht dumm, Hexe!“, herrschte er mich an. Doch mein Kopf war so leer, dass ich den Mund lautlos öffnete. Kein Wort kam heraus, weil ich nicht wusste, was ich erwidern sollte. „Hexe?“, fragte ich ungläubig. „Willst du mich beleidigen oder meinst du das ernst?“Endlich löste er den Griff. Die plötzliche Kälte ließ mich fröstelnd die Schultern hochziehen, während ich so viel Abstand wie möglich zwischen mich und den Irren brachte.

„Das kannst du nicht ernst meinen“, flüsterte ich ungläubig. Dadurch, dass ich immer wieder wirr mit dem Kopf schüttelte, flogen mir die Haare wild ins Gesicht. Der Mann vor mir kniff die Augen zusammen.

„Tust du nur so oder bist du tatsächlich so naiv?“

Vor Entrüstung wusste ich zuerst nicht, was ich erwidern soll. Nur meine Wangen färbten sich rot, bevor ich die Hände zitternd zu Fäusten ballte. Ich wollte ihm kontern, allerdings formte sich kein einziger Satz in meinem Kopf. „Du bist doch krank!“, schrie ich.

Aus dem Nichts stürzte ein dunkles Tier auf uns. Ich folgte ihm mit den Augen, doch da landete der Rabe schon auf der Schulter von ihm. Der Schwarzhaarige drehte den Kopf leicht in seine Richtung, um daraufhin laut los zu fluchen. Die gelben Augen des Tieres fixierten mich, als würde er intensiv über mich nachdenken. Merkwürdigerweise störte es mich nicht. Er löste in mir ein merkwürdig warmes Gefühl aus, als würde ich einem alten Freund begegnen.

Grob stürmte der Fremde auf mich zu, schnappte sich mein Handgelenk und zog mich mit sich. Doch ich weigerte mich wie ein Hund, bei schlechtem Wetter, Gassi zu gehen und stemmte die Füße in den Boden.

„He, was soll das?“ Mit meinem ganzen Gewicht lehnte ich mich gegen den Muskelprotz, doch er zog mich so mühelos mit, dass ich ihn trotzig anfauchte: „Das ist Freiheitsberaubung!“ Er drehte sich nicht einmal zu mir um, als er mit eisig Stimme antwortete: „Ich will wissen, zu welchem Clan du gehörst. Davor lass ich dich nicht gehen.“

Dass ich nicht verstand, wo von er redete, machte mich nur zorniger. Vor uns erschien das blaue Portal und verströmte den Geruch von Chlor, als würden wir gleich in einen Pool springen. Sobald wir wieder an einem Ort waren, der relativ normal aussah, würde ich versuchen zu entkommen. Das war meine einzige Chance lebend hier herauszukommen. Zuerst trat ich nur zögerlich näher, doch durch den festen Griff von diesem fremden Geisteskranken wurde ich unweigerlich in die weiche, warme Masse getrieben. Es war so hell, dass ich meine Augen schließen musste, damit es nicht so brannte. Nur Sekunden, dann kam mein Schuh wieder auf dem grünen Dielenboden auf. Allerdings starrte ich irritiert auf das Holz. Mir stand der Mund offen.

Dunkler Ruß zerfraß das zerstörte Mobiliar. Das Schwarz an den Wänden ließ die Bar wie die Hölle aussehen. Alles war verbrannt. Und auf dem Boden lagen Menschen. Leute, mit dreckiger Haut und geschlossenen Augen. Ich schrie, während ich zurücktaumelte. Erschrocken jaulte ich auf, als da plötzlich die Brust des Fremden war. Er sah nicht auf unser Umfeld, sondern auf mich und bemerkte zu meinem Ärger meine Reaktion. Allerdings verschleierten mir Tränen die Sicht und zum ersten Mal war ich dankbar dafür. Denn so blieb mir der Anblick vom Elend erspart. Wie ein Feigling schloss ich die Lider, bevor ich panisch nach meinem Handy suchte, um Hilfe zu rufen. Aber ich fand es nicht. War das die Schuld von Nic?

„Angesichts deiner Reaktion hast du so etwas wohl noch nie gesehen?“ Die tiefe Stimme des Fremden lenkte mich für einen Moment ab. Als ich ihn ansah, zog er plötzlich sein monströses Schwert vom muskulösem Rücken. Das helle Metall loderte gleißend auf. Das Feuer brannte selbst von der Entfernung unangenehm auf meiner Haut, während sich mein vernebelter Verstand einzureden versuchte, dass das alles nur Einbildung war.

„Wie... Wie hast du das gemacht?“, wisperte ich und taumelte dabei orientierungslos nach hinten. Weg vom Feuer. Weg von der Gefahr.

Wieder legte sich dieser berechnende Ausdruck auf sein Gesicht, lässt ihn älter erscheinen, als er vermutlich war.

„Du weißt wie“, murmelte er mehr zu sich selbst, als zu mir und kam dabei ein Stück näher.

Ich schüttelte mit dem Kopf, während ich darauf hoffte, dass er mich verschonte.

„Warum bist ausgerechnet du an diesem Ort aufgetaucht?“, flüsterte ich. Ich war erstarrt, den Blick nicht von den leblosen Körpern nehmend, die aussahen wie drapiert.

Zwar hatte er das Schwert nicht kampfbereit in der Hand, doch riet mir mein Gefühl, so schnell wie möglich hier heraus zu kommen. Stützend auf seiner Waffe ließ er mich keinen Augenblick unbeobachtet.

„Auch das müsstest du wissen. Haben sie dich beauftragt als Leibwächterin?“

Obwohl mir der plötzliche Augenkontakt beinahe körperlich weh tat, reckte ich das Kinn zu ihm empor. Ich blickte in die Kälte, aber irgendwie auch ins Feuer. Ein Knurren drang tief aus seiner Brust. Er rückte ein Stück näher.

„Ich hasse es, verarscht zu werden, Hexe.“

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich keine Ahnung habe, von was du da redest?“

Er zog die Augenbrauen zusammen. Ich ahnte, dass es meine einzige Chance war. Dann trat ich ihm zwischen die Beine. Ich hörte ihn fluchen, bevor ich losstürmte. Über die Menschen, über die umgefallenen Gegenstände. Alles was ich mit den Händen griff, fiel scheppernd zu Boden, bis ich den festen Griff um meinen Knöchel spürte. Mein Herz hörte auf zu schlagen, im gleichen Moment wie die Welt sich drehte. Mit einem lauten Klatschen traf mein Kopf etwas Hartes. Benebelt griff ich ins Nichts, in der Hoffnung eine Waffe zu finden. Bis eine weiße, zerfressene Gestalt vor mir auftauchte. Ihr augenloser Kopf zischte mich an, so dass ich die heiße Spucke auf meiner Haut spürte und schrie. Voller Panik trat ich nach ihm, doch das Vieh war so stark, dass es mich mit seinem zu langen Körper zu Boden drückte. Ich presste die Lider aufeinander, dachte an meine Granny, bis ein lautes Fiepen meine Angst durchschnitt. Der ekelerregende Druck auf meinem Körper verschwand wie von Zauberhand, während über mir ein graues Augenpaar auftauchte.

„Den Tod hättest du für den Tritt gerade eben echt verdient gehabt“, murrte er, ehe er sich zu mir hinunter beugte. „Wegen dir stirbt jetzt sicher meine Ahnenfamilie aus.“ Jetzt musste ich schlagfertig antworten. Doch mein keuchender Atem raubte mir jeden Gedanken und so lag ich auf dem dreckigen Parkett und versuchte zu verstehen, was das für ein Monster gewesen ist.

Die Stimme des Fremden triefte vor Hohn, als er die breiten Arme zu beiden Seiten ausstreckte, als wäre er ein Zirkusdompteur.

„Willkommen in der Welt der Hexen, Zicke.“

Kapitel 2

Wenn mir meine Granny als Kind diese ganzen wundersamen Märchen vorlas, dann hatte ich stets nur das gute Ende gesehen. Es war schön, dass es die große Liebe gab. Es war richtig, dass die Wahrheit, und der Mut siegte. Jetzt war das anders. Jetzt stand ich hier in dieser abgefackelten Bar und zu meinen Füßen diese toten Menschen. Jeder vergaß, dass dem Wolf die Steine in den Bauch genäht wurden, damit er im Brunnen ertrank. Dass Schneewittchens Stiefmutter Metallschuhe anzog, die vorher auf heißen Kohlen schmorten. Man hatte das ganze Schlechte verdrängt.

Auch jetzt wollte ich gerne wieder ein Kind sein. Aber hier stand ich, neben diesem Fremden, der dachte, ich wäre eine Hexe. Wie erstarrt blickte ich auf den blutenden Kadaver zu unseren Füßen. Die knochige Gestalt erkannte ich nicht.

„Du musst eine Hexe sein“, murmelte er und sah mich von oben bis unten an. Fast bildete ich mir ein, dass seine Pupillen schmaler geschnitten waren, wie bei einer Katze. Dabei donnerten die schweren Stiefel auf dem Asphalt und sein arrogantes, raues Lachen unterbrach die Stille.

„Pass auf, Kratzbürste.“ Am liebsten würde ich ihm eine Beleidigung an den Kopf knallen, aber er sprach weiter: „Diese Leute im Pub, alle, außer deine zwei kleinen Freunde, sind Hexen gewesen.“ Der Ton, in dem er das sagte, glich beinahe Verachtung, als könne er nicht glauben, dass ich nichts von dieser Welt wusste. Meine Gedanken waren lahmgelegt.

„Deine Dimension hat mich so abgelenkt, dass ich nicht weiß welche Dämonen sie noch zu ihrem Schutz in unsere Welt geholt haben.“

„Meine Dimension?“

„Der Raum, in dem du gesteckt hast. Wer hat dich dort hingebracht?“

„Nic hat in der Bar gearbeitet.“

Er hob eine Augenbraue. „Also nimmst du auch Bonbon´s von Fremden an?“

Als ich nicht reagierte, packte mich der Schwarzhaarige an den Schultern und rüttelte mich wach. Anschließend blickte er auf das Monster. „Es werden mehr von diesen Dingern kommen.“ Als er bemerkte, dass ich ihm nicht traute, setzte er prüde hinterher: „Und die Polizei. Falls dich das mehr erschreckt. Und was für ein Zufall, wir sind die einzigen an diesem Tatort.“ Tatsächlich erwachte ich durch diesen Einwand zum Leben. Für meinen Neuanfang brauchte ich keine laufenden Ermittlungen gegen mich, und schon gar nicht Stress mit John.

Der Mann sah eilig über die Straße, verstaute dabei sein Schwert und zog sich anschließend die dunkle Kapuze auf, sodass er in dem schnellen Schritt in den er verfiel, mit der Dunkelheit verschmolz. Vielleicht weil er ein Teil von ihr war. Weil er genauso viel zu verbergen hatte.

„Was wird das hier jetzt?“

Sein Blick war fokussiert auf unsere stille Umgebung gerichtet, die nur selten von einem vorbeibrausendem Auto gestört wurde. Zu meiner Erleichterung hörte ich keine Polizeisirenen. „Du wirst mir verdammt nochmal erklären, wer du bist!“

„Und du wirst mir verdammt nochmal erklären, was das alles hier soll!“, kreischte ich zurück. Hatten ihn die Toten kein bisschen berührt? Er wirkte nicht einmal aufgekratzt. Unsere Blicke kämpften gegeneinander an, denn niemand gab freiwillig nach. So viel Hass, in einem Ausdruck. Verwundert blickte er mich an. Diesmal war ich es, die die Augen zu Schlitzen formte.

„Wie oft willst du noch die gleiche Antwort von mir hören?“

Über uns krachte der Himmel laut auf, als empfand er meinen Zorn nach. Erste zierliche Tropfen prasselten auf uns hinab, als der Fremde ungeduldig knurrte. „Hör mal zu, Prinzesschen. Ich habe dafür genauso wenig Nerven. Also sag mir, was ich wissen will.“ Ich versuchte, Platz zwischen uns zu bringen, doch er folgte mir Schritt für Schritt in Richtung der abgeplatzten Backsteinmauer, von der eine klamme Kälte direkt in meinen Rücken strahlte. Angstschweiß sammelte sich zwischen meinen Schulterblättern. Doch ich reckte ihm das Kinn entgegen und verbarg, dass ich mich am liebsten heulend in einer Ecke verkriechen wollte.

„Frag doch dein magisches Schwert. So irre wie du bist, wird dir das bestimmt antworten.“

Da legte er den Kopf in den Nacken und lachte spöttisch. In der Luft bildete ich mir ein, Ruß zu riechen, wenn die kleinen Windböen mein Haar zerzausten, gepaart mit etwas herberem. Dabei verwandelte sich seine zerknirschte Miene. Die angespannten Schultern lockerten sich in dem schwarzen Mantel. Plötzlich lagen nur noch wenige Zentimeter zwischen uns. Ein Lufthauch, aus kondensierten Atemwolken, die keuchend über meinen Mund schwebten.

„Hier.“ Langsam zog er seine Jacke aus. Er streckte sie mir entgegen. Ich starrte einen Moment zu lange auf seinen hervortretenden Bizeps, der durch das langärmlige Shirt noch einmal betont wurde. Sofort schüttelte ich mit dem Kopf und vertrieb die Gedanken.

„Nein Danke.“ Um das Zittern meiner Arme zu verbergen, kreuzte ich sie vor der Brust. Doch er verdrehte nur die Augen, bevor er mir den Mantel schneller umwarf, als das ich reagierte. Nun war ich es, die genervt seufzte, dann aber doch heilfroh war. Ich roch ein Parfüm. Und Feuer. In Gedanken versunken blickte in den kohlrabenschwarzen Himmel. Der Regen hatte aufgehört, trotzdem waren meine Haare am Kopf angeklatscht. Als ich wieder zu dem Fremden sah, bemerkte ich, dass er mich mit dunklen Augen anstarrte.

„Lucien.“

„Avelina.“

Auf einmal hörten wir ein ohrenbetäubendes Kreischen. Selbst mit zugehaltenen Ohren tat es so weh, dass ich fast auf die Knie fiel. Aus meinem Mund drang ein Wimmern, als Lucien mich packte. Wohin er mich zog, war mir in diesem Moment egal, solange der Schmerz aufhörte.

„Das ist so ein Dämon. Er ist hier irgendwo.“

„Wir laufen gar nicht weg?“, fragte ich panisch.

„Wenn ich ihn nicht töte, wird er zu meinem Clan finden.“ Intuitiv griff ich in Luciens Mantel. Wir beide schauten uns verwundert an, bevor ich mit roten Wangen hektisch wegdrehte. In diesem Moment trat ein langgezogener Schatten am Ende der einsamen Straße in mein Blickfeld. Ich bekam eine Gänsehaut. Inzwischen mussten wir aus dem Zentrum raus sein, doch hatte ich keine Ahnung, wo wir genau waren. Panisch stellte ich fest, dass ich allein nicht nach Hause kommen würde. Lucien zückte ein Schwert. Gleißend hell loderte das Feuer an ihm auf und tauchte die Umgebung in Helligkeit. Sekunden später war der Dämon bei uns. „Bleib hier!“, befahl er. Mein Atem stockte mir in der Brust, als ich das schwarzgeschuppte Monster im Nebel sah. Am liebsten wäre ich schreiend weggerannt, aber dieses eine Mal glaubte ich ihm sofort und erstarrte, wie eine Statue.Der Dämon rannte auf Lucien zu. Sofort hob er sein Schwert. Funken explodierten. Jemand schrie, hoch und laut, sodass ich zusammenzuckte, während der Nebel dicker wurde. Erneut kreischte jemand durch die Trübnis, die mich plötzlich einschloss. Voller Panik bemerkte ich, dass ich meine erhobenen Hände nicht einmal mehr entdeckte.

„Hilfe!“ Augenblicklich zuckte ich zusammen. Zögerlich stellte ich mich auf die Zehenspitzen. Nur leichte Schemen schwebten durch das Weiß zu mir hinüber und bescherten mir eine Gänsehaut.

„Avelina! Hilf mir!“Sofort sprintete ich los. Mit den Händen wischte ich, die Schlieren vom Gesicht. Gleichzeitig jagte mir Adrenalin durch die Adern und trieb meine Stimme an.

„Lucien!“

„Lina!“ In der Bewegung stockte ich hastig. Lucien wusste nicht, dass das mein eigentlicher Rufname war. Aber da war es schon zu spät. Das riesige Monster ragte grinsend vor mir auf. An den messerscharfen Zähnen triefte dicker Schleim zu Boden, der nach Fäulnis stank. Außer Atem versuchte ich, im Nebel zu verschwinden, doch der schwarze Schatten verfolgte mich, bis ich kreischend gegen eine Brust knallte. Erschrocken taumelte ich nach vorn, direkt in die Kralle des Dämons. Es brannte und fühlte sich so furchtbar kalt an meinem Bauch an, dass ich zitterte.

„Was machst du hier ?“, herrschte er mich an, bevor er mich hinter sich drückte. Gleichzeitig schwang er das Schwert durch die Luft. Aber der Dämon war schneller. Von der Seite überrumpelte er den Hexer. Als dunkles Knäul schlitterten sie über die Straße, bevor der verzerrte Schatten fauchend die Oberhand gewann. Das Schwert klapperte, als sie ein Stück entfernt auftrumpften. Schockiert bemerkte ich, dass er keine Waffen mehr hatte und die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf. Auf der anderen Seite des dicken Schleiers hob der Dämon den merkwürdig sehnigen Arm. Mein Herz raste.

„Lucien!“ Ich sprintete zu seinem Schwert, überrascht, wie schwer es sich in der Hand anfühlte. Im gleichen Moment wie er: „Nein!“, schrie, spürte ich den Schmerz überall in meinem Körper. Wie Gift breitete sich das Brennen in mir aus, bis ich auf die Knie fiel. Tränen verschleierten mir die Umgebung, doch den Griff des Schwertes ließ ich nicht los. Etwas tief in mir zog sich wimmernd zusammen.

„Lass es los!“,keifte Lucien.

Aber ich hörte nicht auf ihn. Stattdessen packte ich fester zu, um stöhnend zu ihm zu krabbeln, der gerade den Kopf auf die Seite drückte, als der Speichel des Dämons ihn nur knapp verfehlte. Überall schwitzte ich plötzlich, weil es plötzlich so unsagbar heiß war. Zum Glück packte Lucien die schwere Waffe und der Schmerz verging in Sekunden. Doch da holte der Dämon mit seiner Pranke aus. Diesmal war es das Monster, das um sein Leben kreischte, als das Metall mit einem ekelerregenden Knacken seinen Oberkörper durchstieß. Heißes Feuer züngelte aus der Wunde empor und drückte sich auf meine Haut. Es war so warm, dass ich es selbst beim Wegdrehen spürte.

„Das werdet ihr Büßen!“, fauchte der Dämon. Dann zerfiel er zu Asche. Das Grau segelte friedlich zu Boden, und verteilte sich, während der Nebel friedlich verschwand. Es schepperte, als Luciens Schwert auf die Straße fiel. Schwerfällig rappelte er sich von der Straße auf, um sich im gleichen Moment harsch zu mir umzudrehen. In seinem Blick lag so viel Wut, dass ich eine Gänsehaut bekam. Genau vor mir blieb er stehen und fixierte mich unter tiefen Luftzügen.

„Ich sagte, misch dich nicht ein.“

„Ich-“

„Du kannst tatsächlich keine Ahnung haben“, unterbrach er mich. „Sonst hättest du niemals so etwas Dämliches getan!“

Unwillkürlich ballten sich meine Fäuste zusammen. Jetzt wünschte ich mir, ich hätte die Rufe ignoriert. „Ich dachte, du brauchst Hilfe!“

In seiner Stimme schwang Verachtung mit. „Wie hättest du mir helfen sollen?“

Auch wenn es nicht so weh tun sollte, fühlte es sich an wie ein Faustschlag in die Magengrube. Es zog so stark, dass ich mich krümmte.

„Avelina?“

Anstatt zu antworten, kam mir ein dumpfes Stöhnen über die Lippen. Dann wurde die Welt schwarz.

„Gott sei Dank. Sie ist nicht tot.“ Mein Blick haftete an einer weißen Wand. Unter einer dicken Wolldecke zitterte ich, wie dürre Äste im starken Wind. Mir war so kalt und trotzdem spürte ich eine furchtbare Hitze auf den Wangen und Schweißtropfen, die mir an den Schläfen das Haar befeuchteten. Oder war das ein nasses Tuch? Ich wusste es nicht. Das einzige was ich spürte, war mein merkwürdig tauber Körper, ehe mir die Augen zu fielen.

„Avelina. Du spielst das falsch. Es ist e und dann f. Noch mal!“

Ich seufze leise, ohne das Tante Ella etwas bemerkt.

„Noch mal.“

„Ich will das nicht mehr machen!“, kreische ich und feuere die Flöte auf das grüne Sofa. Da springt Ella auf. Sie ist groß und ihre blonden Haare enden an ihrer breiten Hüfte, in die sie nun ihre Arme stemmt.

„Ich erdulde das hier für dich, Avelina! Für dich!“, schreit sie zurück, bevor ich das Klatschen höre. Dann spüre ich das Brennen auf meiner Wange.

Mit einem erschrockenen Japsen kam ich zu mir. Jemand drückte mich an der Schulter auf ein Bett, doch ich wehrte mich gegen den beharrlichen Griff und keuchte, bis ich die grauen Augen erkannte. Es war nicht Ella.

„Geht´s dir gut?“ Durch meinen trockenen Hals nickte ich. Dann rieb ich mir über mein Gesicht, das sich von diesem merkwürdigen Traum zerknautscht anfühlte.

„Wo bin ich?“

Der angespannte Gesichtsausdruck von Lucien ließ mich nichts Gutes ahnen.

„Bei meinem Clan.“

„Wer ist das?“

Wir beide drehten uns zu dem schwarzhaarigen Mädchen um, das im Eingang des kahlen Schlafzimmers lehnte. Ihre schmalen Lippen zog sie herablassend zu einen Schmollmund, und durch das Haar, das sogar noch dunkler als das von Lucien war, wirkte ihre Haut blass, wie die eines Gespenstes. Der glatte Pony, der ihr nur bis zur Hälfte der Stirn fiel, ließ ihre Wangenknochen noch kantiger erscheinen. Das Mädchen wusste, dass es gut aussah, sonst hätte sie das schwarze Netztop nicht angezogen, durch das der feine Spitzen - BH durchblitzte. Wäre das mein Outfit, hätte ich ausgesehen, als hätte ich mich in einem Fischernetz verfangen.

„Lina. Und deiner?“ Die Unbekannte biss die Zähne zusammen.

„Velvet.“

Bei dem Namen ordnete sich mein Kopf neu, bis ich mich erinnerte. Oliver hatte wie Vieh von ihr gesprochen und dennoch hatte er nicht untertrieben. Mit ihren langen Beinen, die in einem schwarzen Rock steckten, hätte sie jeden Jungen um den Finger wickeln können.

„Was hat sie hier zu suchen, Lucien?“, herrschte sie ihn an. Als wäre ich gar nicht im Raum, zischte sie: „Wir haben uns Sorgen gemacht! Du bist einfach verschwunden! Und jetzt ... Jetzt tauchst du hier mit dieser Sterblichen auf!“

Da war der Beweis. Ich war nicht übernatürlich. „Jetzt ist sie in unserem Sakral! Hast du eine Ahnung, was du da angerichtet hast?“ Währenddessen verzog der Schwarzhaarige keine Miene, und blieb emotionslos, bis sich Velvets hektischer Atem unter ihrem Stofffetzen wieder beruhigte. Inzwischen erklang aus einer der offen stehenden Türen leise, melodische Musik. Tragend, melancholisch. Ich zog die feste Decke enger um mich. Luciens Stimme klang ernst und neutral.

„Sie ist keine Sterbliche.“ Die Blicke der Beiden riefen eine Explosion hervor.

„Ach ja? Und was ist sie dann?“ Diesmal musterte er mich, als er nachdenklich antwortete: „Ich weiß es nicht. Aber eine Sterbliche ist die kleine Kratzbürste definitiv nicht.“

Ich knurrte. „Nennt mich Lina.“

Da hob er eine Augenbraue. „Ich darf also das Ave weglassen, ja? Ich merk´schon, wir kommen uns immer näher.“

„Schick sie weg“, murrte Velvet. „Sie hat zwei Tage dieses Zimmer bewohnt, denkst du nicht, das reicht an Gastfreundlichkeit?“

Vor Schock wich mir das Blut aus den Wangen. „Zwei Tage?“, wiederholte ich schockiert. Nur langsam setzte ich mich auf, wobei ich das Ziepen im Bauch ignorierte. Schnell suchte ich nach meinem Handy. Da drehte Lucien sich zu mir um. „Wärst du mir nicht dazwischen gerannt, wäre das alles nicht passiert.“

Ich sagte nichts. Stattdessen fragte er an Velvet gerichtet: „Wie geht es Will?“

Bei seiner Frage schielte sie arglistig zu mir hinüber. Seufzend stand ich auf. Zuerst war mir schwindelig. Ich taumelte, bis Lucien mich um die Hüfte griff. Wir sahen uns an. Kein Laut kam mir über die Lippen. Zu intensiv war dieser Ausdruck auf seinem Gesicht und das Gefühl seiner ausgeprägten Bauchmuskeln an meinem Bauch. Dann stieß ich mich ab, und merkte, wie heftig mein Herz pochte. Irritiert schüttelte ich den Kopf.

„Ich werd´ dann wohl draußen warten.“ Niemand hielt mich auf.

Noch im gleichen Moment wie das Schloss ein Klicken von sich gab, ging das hitzige Gemurmel sogar durch die Tür. Eigentlich hätte ich jetzt weggemusst, doch ich rang mich nicht dazu durch, auch nur einen Schritt zu machen. Stattdessen legte ich den Kopf gegen die Wand, das Ohr möglichst nah. Es erinnerte mich an meine Kindheit. Aufregung legte sich wie ein Mantel um mich, als ich weitere Gesprächsfetzen verstand: „Er hat ein Mädchen gesehen, Luc. Wenn das-“

„Wir wissen es nicht“, schnitt er ihr das Wort ab.

„Falls es aber doch so ist, sollten wir Sie-.“

„Ich sagte bereits Nein zu deinem Vorschlag, Velvet.“ Durch einen ohrenbetäubenden Knall, zuckte ich zusammen.

„Schön! Wie du willst!“

„Vel-“

„Du bist Schuld, wenn sie uns verfluchen! Ganz allein du!“, kreischte sie, bevor es erneut schepperte. Plötzlich riss jemand die Tür auf. Schnapp atmend taumelte ich ein Stück zurück, während Lucien die Arme vor der Brust kreuzte.

„Du kannst aufhören zu Spannern.“ Er lief durch den dunklen Flur, bis zu einer Treppe.

Eher widerwillig entschuldigte ich mich, was er aber konsequent ignorierte, während er weiter auf die geschwungene Treppe zusteuerte. „Und jetzt?“ Als er sich zu mir umdrehte, waren seine dunklen Augen zusammen gekniffen. „Jetzt lernst du die Anderen kennen.“ Eilig ging er weiter, bis er am Anfang der Stufen verharrte. Unschlüssig stand ich immer noch mitten im Raum, bis er sich erneut seufzend zu mir umdrehte. „Hör mal. Ich will nicht den ganzen Tag hinter mich blicken müssen um nach zu schauen, ob du mir auch artig folgst. Also komm jetzt endlich.“

„Ich bin kein Hund“, murrte ich, obwohl ich mich dann doch beeilte. Es roch nach frischen Nelken und Räucherstäbchen, als wir die geschwungene Treppe nach unten stiegen. „Was ist dieses Sakral eigentlich?“ Als meine vor Dreck strotzenden Schuhe, wie ein Maulwurf, auf dem glänzenden Boden eine krümelnde Spur aus Erde hinterließen, wollte ich schon nach einem Kehrer fragen, als der Dreck, wie in Treibsand, versickerte. Blinzend starrte ich auf die wieder sauberen Fliesen, bis Lucien achselzuckend in mein Blickfeld trat. „Wir haben es nicht so mit Saubermachen.“ Er stülpte sich die dicken Stiefel von den Schuhen und ihn nur auf Socken zu sehen brachte mich irgendwie zum Schmunzeln.

„Was ist so komisch?“

„Nichts.“

„London ist ein Hexenherd. Hier leben wir als Clans, in einem Haus. Das ist unser Sakral. Unser Allerheiligstes.“ Entschieden schüttelte ich den Kopf. „Deine Freundin ist auch der Meinung, dass ich eine Sterbliche bin. Ich bin ganz normal.“ Da stoppte Lucien mitten im Flur, sodass ich genervt gegen sein breites Kreuz prallte. Ernst sah er mir in die Augen. „Du bist kein Mensch. Denn wärst du einer, würdest du hier jetzt nicht stehen können. Du konntest mein Schwert anfassen, und in der anderen Dimension überleben. Wärst du eine Sterbliche, liebe Avelina, wärst du jetzt tot.“

Kapitel 3

Ich hatt das Gefühl unter Wasser zu sein. Nichts an Wörtern, an Geräuschen drang durch das stetige Rauschen meines Kopfes, in dem alles verzerrt war. Langsam fehlte mir die Luft in den Lungen. Meine Lippen teilten sich und für einen kurzen Augenblick bemerkte ich, wie Lucien diese Handlung verfolgte. Doch dann drehte er sich zur Seite und starrte auf die schachbrettartigen Fliesen unter uns.

„Ich bin also eine Hexe“, murmelte ich.

„Ja.“ Die Antwort war knapp, doch bestätigt so viel, dass ich mich am Geländer abstützte. „Was ist dann mit meinen Eltern?“

Meldete John mich als vermisst und galt unser Deal überhaupt noch?

„Woher soll ich das wissen?“

Die Antwort machte es nicht besser. Genervt verdrehte ich die Augen.

„Habt ihr ein Telefon?“

Unter seinen schweren Schritten quietschten die Dielen, dann zeigte er auf einen kleinen Tisch.

„Wir sind zwar Hexen, aber leben nicht hinter dem Mond.“

Eilig griff ich zum Hörer, doch als das Freizeichen erschien, spürte ich leise Zweifel an mir nagen. Was würde ich John jetzt erzählen? Wusste er, dass mit den Hexen und etwas über meine Eltern? Mein Magen formte sich zu einem Klumpen, während ich die Zahlen eintippte. Niemand hob ab. Mit einem unguten Gefühl legte ich das Telefon ab und folgte einem ACDC Song, der mich in eine heimelige Küche brachte. Auf dem massiven Kirschholztisch standen ein paar dampfende Pizzakartons, die von einem blonden Jungen komplett unbeachtet blieben. Zuerst zuckte ich zurück, weil ich an Nic dachte.

„Velvet hat nach ihrer Zickeneinlage keinen Hunger mehr. Ich habe ihr trotzdem was auf ihr Zimmer gebracht.“ Sein Blick richtete sich konzentriert auf das dicke Buch vor ihm, während Lucien sich ein Stück Pizza in den Mund schob.

„Ich werde dann jetzt gehen“, sagte ich und erwartete schon gar kein auf Wiedersehen, als die beiden Männer mich plötzlich geschockt ansahen. Was dachten sie denn? Dass ich mich von der Polizei, die John bestimmt schon informiert hatte, abholen ließ, wie eine Kleinkriminelle, die zu lange draußen war? Flüssig goldenen Augen musterten mich, als würde ich Velvet sehen.

„Ist das dein Ernst?“, erkundigte sich Lucien mit vorgebeugten Armen.

„Wieso sollte ich Witze machen?“

Er öffnete den Mund auf, um dann nur mit dem Kopf zu schütteln. Sein verächtliches Schnauben machte mich wütend. Sein Blick lag konsequent auf den krümeligen Teller vor ihm. „Du wurdest mit mir in der Bar gesehen. Sie werden dich jagen.“

„Aber was habe ich denn mit der ganzen Sache zu tun, dass ich in diesen Raum gesperrt wurde? Ich bin keine Hexe.“ Allein das Wort auszusprechen war merkwürdig.

Plötzlich mischte sich der Blonde ein. „Genau das wollen wir ja heraus finden. Mein Name ist übrigens Gaspar.“ Ich verschränkte die Arme vor meinem Oberkörper. „Ich bin ein Mensch.“

„Ich denke“, sinnierte Lucien mit erhobenen Augenbrauen, „dass wir diesen Punkt schon deutlich genug klar gestellt haben. Gab es keinerlei Anzeichen?“

Er wäre der Letzte, dem ich von meiner Vergangenheit erzählte. Ich wollte nicht, dass er wusste, wie oft ich umzog, weil es ihn verdammt noch mal nichts anging, „Nein“, antwortete ich knapp, ehe ich fragte: „Und wisst ihr, wer den Pub angezündet hat? Dann könnte man zur Polizei oder diesen Dämonen-.“

Lucien unterbrach mich. Gaspar starrte ihn so intensiv an, dass ich mich wandt.

„So funktioniert das nicht. Wieso glaubst du, verstecken wir uns wohl?“ Aus seinen grauen Augen sprach Verachtung, was ich ihm mit trotzig hervorgeschobenem Kinn entgegenbrachte.

„Was ist mit John? Er wird sich wundern, wenn ich einfach nicht mehr bei ihm auftauche.“

Das Seufzen von Lucien war laut. „Er ist nicht ans Telefon gegangen, als du ihn erreichen wolltest. Wenn du jetzt zu ihm gehst und dich einer der Dämonen verfolgt, die uns noch suchen, dann wirst du sie direkt zu deinem Haus führen.“

„Und hier her nicht, oder wie?“

„Im Gegensatz zu dir bin ich nicht tölpelhaft. Sie wissen nicht, wo wir uns aufhalten.“

Meine Verbindung zu diesen ganzen Tanten und Onkeln war spärlich- Grußkarten zu Weihnachten, wenn ich bei ihnen gewohnt hatte. Ansonsten kannte ich sie nicht. Sie waren Fremde. Also hatte ich auch kein schlechtes Gewissen, falls er sich überhaupt Gedanken um mich machte. Wir kannten uns nicht. Und doch schmerzte mein Brustkorb, bei der falschen Hoffnung auf ein normales Leben. Sie schwand dahin wie Nebel, an einem wärmer werdenden Tag.

„Nimm dir doch ein Stück“, sagte Gaspar freundlich und lächelte. Ich versuchte es nicht einmal, zu erwidern. Ich musste mir einprägen, dass anfängliche Nettigkeit nichts zu sagen hatte. Vor meinen inneren Augen sah ich Oliver und verkniff mir ein Schnauben nicht. Dann nahm ich mir ein Stück Salamipizza und ignorierte das Glucksen in meinem Bauch.

Gaspar zog die hellen Augenbrauen zusammen, bevor er mich ganz genau musterte. Bei seinen glitzernden Löwenaugen rutschte ich unruhig auf dem Stuhl herum.

„Lucien erzählte, von einer anderen Dimension aus der er dich geholt hat.“ Wenn ich an die Vier Mauern dachte, spürte ich die Übelkeit zurückkommen. Ich dachte, dass ich sterbe.

„So ein Nic, der in der Bar gearbeitet hat, wollte mir ein Pflaster geben. Dann hat er mich in eine Abstellkammer eingeschlossen und kurz darauf war ich in diesem Raum.“

Lucien hörte für einen Augenblick auf zu essen und lehnte sich ernst ausschauend zu mir hinüber.

„Hör zu Avelina.“

Durch den Namen biss ich die Zähne zusammen, aber ich unterbrach ihn nicht, als er fortfuhr: „Du darfst niemandem von diesem Raum erzählen, verstanden?“

„Wieso? Weil ich sonst in der Psychiatrie lande?“

Diesmal war es Gaspar, der mir leise und geheimnisvoll zuflüsterte: „Nein. Aber es ist verbotende Magie. Wir denken, dass Nic ein Sklave der Jisarfen gewesen sein muss.“ Bei dem Wort erinnerte ich mich an die Nacht in der Bar. Lucien hatte mich beschuldigt, eine von Ihnen zu sein. Gut zu wissen, dass sie Sklaven hielten. „Und du musst sehr stark sein, wenn du in einem dieser Räume überlebt hast“, hängt er mit nachdenklicher Stimme hinzu.

„Sie leiten einen wichtigen Teil vom Schwarzmarkt in London“, erklärte er. „Ich werde Morgana einen Besuch abstatten.“

Da verzog Gaspar unwillig den Mund. „Du weißt, Teona“, murmelte er.

„Sie sind aber nicht hier“, sagte Lucien mit einem mörderischen Ausdruck im Gesicht. Ich straffte mein Rückgrat, blickte die beiden Jungs entschlossen an und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr es mich störte, dass ich nicht alles wusste. „Dann komm ich mit. Wegen mir gehst du da doch erst hin.“

Mit seinen gebräunten Fingern aß Lucien die Krümel von dem sonst sauberen Teller.

„Nein“, antwortete er knapp, bevor er sein Geschirr wegräumte und sich mit verschränkten Armen an der Theke anlehnte.

„Wieso?“ Je mehr ich wusste, desto besser konnte ich mich verteidigen. Umso schneller konnte ich mich dem allen vielleicht entziehen.

„Weil du, du bist. Und ich habe die leise Ahnung, dass du noch sehr viel mehr Ärger machen wirst. Die Antwort bleibt also Nein.“ Vor Wut werden meine Wangen heiß.

Mit einem lauten Ploppen schlug Gaspar sein Buch zu. „Das ist nicht meine Diskussion. Ich werde nach Will sehen.“ Als mich seine goldenen Augen fixierten, spürte ich eine Gänsehaut. „Wir werden uns sicherlich wiedersehen, Lina.“ Dann war ich mit dem Schwarzhaarigen allein. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie er sich verspannte. Dennoch hakte ich nach, was ich in der nächsten Sekunde bereute.

„Will?“

„Egal.“

„Sucht ihr jetzt nach denen, die den Brand gelegt haben?“

„Ist das etwa unsere Angelegenheit? Wenn ein Clan einen anderen Clan abfackelt, dann ist das deren Sache.“ In sein Gesicht trat ein merkwürdiger Ausdruck. „Es hat sogar eine gewisse Tradition für uns.“

„Und was ist dann eure Angelegenheit ?“, fragte ich zischend. Hexen waren Monster. Sich gegenseitig zu verbrennen, wie im Mittelalter.

„Wir müssen wissen, wer du bist.“

„Ich weiß, wer ich bin“, sagte ich mit Nachdruck. „Ich habe keine Zauberkraft.“ Die grauen Seen, in die ich schaute, waren undurchdringlich. Seine lockere Haltung in dem langärmligen Shirt war arrogant.

„Bist du dir da so sicher, Avelina?“

Auch wenn es nicht passieren sollte, machte mich die Frage auf eine merkwürdige Art und Weise nervös. Statt schnell zu antworten, schluckte ich, während ich meinen Teller ebenfalls zur Spüle brachte, um Zeit zu gewinnen.

„Ich will mit zu diesem Schwarzmarkt“, antwortete ich dann. Plötzlich kam mir Lucien furchtbar nah. Ich spürte den heißen Atem auf meiner Haut, als habe er Feuer in sich zu tragen und die Schatten in den Augen seine Seele schon längst verschlungen. Mein Magen sackte ab, während er sich zu mir beugte. Die Heiserkeit seiner Stimme sorgte für einen Schauer auf meinem Rücken.

„Und ich habe Nein zu dir gesagt, Kratzbürste.“ Das Porzellan schepperte, als ich es ein wenig zu fest auf die Theke legte. Doch er sagte: „Akzeptier´s.“ Dabei steckte er sich einen Keks in den Mund und grinste mir anschließend ins Gesicht. Wie konnte man so dreist sein?

„Komm, ich zeig dir dein Zimmer“, murmelte er dann, als er sich einen weiteren Keks von der Theke stibitzte und wir die Stufen wieder hinauf gingen. Dieses Mal fiel mir erst auf, wie viele Abzweigungen es gab. Überrascht blickte ich mich um, aber stellte fest, dass alles identisch aussah. Die gleichen kleinen Lampen, die gleichen schmalen, braunen Türen, das endlos lange Parkett. Nicht allzu weit von der Treppe öffnete er mit einem Heben seines Armes ein dunkles Zimmer. Es roch nach frischer Bettwäsche und Lavendel, eine Mischung, die mich an meine Granny erinnerte. Genießerisch schloss ich die Augen, bis mir die Präsenz von Lucien wieder bewusst wurde. Mein Räuspern trübte die Stille. „Entschuldige.“

Er zog seine dunklen Augenbrauen zusammen. „Wofür?“

„Nicht so wichtig“, murmelte ich und blickte auf das monströse Bett. Eine hölzerne Kommode stand neben einem kleinen Schreibtisch, während die Vorhänge eine Bühne für die Landschaft hinter dem Fenster bildeten. Durch das offene Fenster wehte mir die frische Luft direkt um mein Haar, als ich mich an der kalten Fensterbank anlehnte. In der stockdunklen Nacht leuchtete die Innenstadt gleißend hell. Doch das Licht reichte nicht bis hier her. Ich betrachtete den Garten und dessen dunkle Äste und Streuscher. Hinter mir hörte ich schwere Schritte und ich dachte schon, dass er ging, bis seine muskulöse Gestalt direkt neben mir erschien. Zusammen blickten wir auf die stille Szenerie, während es nach verbranntem Holz und Rauch duftete. Meine Gedanken fühlten sich merkwürdig taub an, als ich daran dachte, wo ich jetzt war. Was ich jetzt sein sollte.

„Deine Wunde ist gut verheilt, als du geschlafen hast, aber du musst trotzdem vorsichtig sein.“ Ich spürte meine Wunde beim Bücken oder Drehen, aber wenn das alles war. Wir schwiegen eine Zeit lang.

„Ich weiß nichts über euch und schlaf jetzt unter eurem Dach“, murmelte ich. Wie hatten sie mich dazu gebracht, zuzustimmen? Mit einem blitzendem Schalk in den Augen sah Lucien mich herausfordernd an, als wisse er, worüber ich nachdachte. „Frag mich was. Ich beantworte es dir.“

Zuerst zögerte ich, doch dann nutzte ich die Chance. „Wie alt bist du?“

Da lachte er. „Ist das dein Ernst? Du kannst mich alles fragen, und deine erste Frage ist, wie alt ich bin?“

Ich stieß mich vom Fenster ab. „Vergiss es. Wie konnte ich denken-.“

Sofort umfasste er meinen Arm und zwang mich damit zum Stehenbleiben. „17. Ich bin 17 Jahre alt.“ Nachdem er etwas zu langsam den Griff löste, runzelte er die Stirn. „Und du?“

„Ich bin 16 geworden.“ Das kommentierte er nicht.

„Geht ihr eigentlich zur Schule?“

Da stieß er wieder dieses halbe Lachen aus. „Sogar auf die Gleiche wie du.“ Überrascht blickte ich ihn an. „Du hast mich schon mal gesehen ?“, stieß ich zweifelnd aus. Lucien nickte, während er aus dem Fenster sah.

„Wurdest gleich in die Clique der Superleute aufgenommen.“ Er lachte, diesmal höhnisch, während er den Kopf schüttelte. „Du weißt, dass da alles Schein statt Freundschaft ist?“

Plötzlich fühlte ich mich nackt. Es war mir peinlich, dass er die Leute so enttarnt hatte, während ich das nicht geschafft hatte.

Ich weiß, dass sie auf mich steht. Das ist unser Date. Deswegen habe ich dich eingeladen.

Nur ein normales Leben, mehr wollte ich nicht. War das die Normalität? War das die Freundschaft, die man unter Menschen führte?

„Wie ...“, ich kam mir unheimlich dämlich vor. Als würde jeden Moment ein Kameramann aus dem Wandschrank springen, und schreien: „Verarscht!“ Aber ich riss mich zusammen und holte stattdessen tief Luft. Ich wusste nicht, wann ich das nächste Mal solch eine Gelegenheit bekam.

„Wie weiß ich denn, was meine ... Zauberkraft ist?“, stotterte ich. Darüber schmunzelte er. „Es ... kommt einfach aus dir heraus. Es ist ein bisschen Übung dafür nötig.“

„Und was ist deine?“

Darauf antwortete Lucien mir nicht. Stattdessen drehte er sich zu mir um und fragte: „Wie fühlst du dich jetzt eigentlich als Hexe?“

„Merkwürdig.“

„Das bist du auch, Kratzbürste.“

„Dann muss das wohl an unserer Art liegen.“

Sein raues, heiseres Lachen sorgte für eine Vibration in meinem Körper, sodass sich die feinen Härchen auf den freien Armen aufstellten. In der Hoffnung, dass er es nicht bemerkte, rieb ich schnell darüber.

„Ist dir kalt?“

„Nein“, wiegelte ich hastig ab. „Es ist angenehm.“

Um sich zu Besinnen hielt ich den Kopf aus dem Fenster, bis meine Wangen taub wurden, und die frische Luft in der Lunge brannte. Nur in der weiten Ferne rauschte der Verkehr und unsere beiderseitig gleichmäßigen Atemzüge trübten die gespenstische Stille, hier, auf dem mystischem Anwesen. Als würde ein Schild, wie eine unsichtbare Kuppel, das Grundstück verzerrt widerspiegeln und es wie eine andere Welt darstellen. Vielleicht, weil es genau das war.