Beschreibung

Sie ist raubeinig, respektlos und mit allen Wassern gewaschen. Sie macht keine Gefangenen, weder auf dem Schlachtfeld noch in der Liebe. Ihr Schwert gehört jedem, der sie mit Gold bezahlen kann. Krona Karagin ist alles andere als eine strahlende Heldin. Doch Helden sind viel zu selten in diesen ruhigen Zeiten, und als ein Feuerdämon sich über dem Königreich Abrantes erhebt, sammelt sie eine bunte Truppe von Zwergen, Kriegern und Zauberern um sich, um der Bedrohung die Stirn zu bieten. Krona Karagin ist keine Heldin, aber sie ist stinksauer, und sie hat nichts zu verlieren. "Wir alle lieben unsere Heldengeschichten: von Rittern in schimmernder Rüstung, von großen Taten, von Aufopferung, Mühsal und edler Gesinnung, von mutigen Recken, die nichts und niemand von ihrem Weg abbringt. Diese Geschichte ist keine davon." Wolfram von Kürenberg Der erste Band der Trilogie um die Schwertmeisterin und ihre Weggefährten führt einmal quer durch das Königreich Abrantes. "Feuerjäger" ist der Rock'n'Roll der Fantasyliteratur! Gewinner des Deutschen Phantastik Preis 2016 in der Kategorie "Bester deutschsprachiger Roman". Von Susanne Pavlovic ist im Abrantes-Zyklus erschienen: Das Spielmannslied Der Sternenritter Feuerjäger 1: Die Rückkehr der Kriegerin Feuerjäger 2: Herz aus Stein Feuerjäger 3: Das Schwert der Königin Die Herren von Nebelheim Drei Lieder für die Königstochter

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Seitenzahl: 1050

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Feuerjäger

Band 1 Die Rückkehr der Kriegerin

Susanne Pavlovic

© 2015 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung: Christian Günther

Lektorat: Carmen Weinand

Korrektorat: Sabine Steck

Illustrationen: Kristina Gehrmann

www.mondhase.com

Kartendesign: Martin Lorber

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-041-7

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http://amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

Inhaltsverzeichnis
Feuerjäger
Titelblatt
Copyright Seite
1 ERBE UND EHRE
2 FEUER UND STEIN
3 SCHUTT UND ASCHE
4 STURMWACHT
5 STEIN UND FEUER
6 SCHNEE UND SCHATTEN
7 DIE EHRE DER DIEBE
8 ANKUNFT UND AUFBRUCH
Danksagung

1 ERBE UND EHRE

»Ich muss dann mal los«, sagte Krona.

Der junge Mann, der halb auf ihr drauflag, murmelte verschlafen und rückte seinen Kopf an ihrem Hals zurecht.

Krona nahm ihn bei den Schultern.

»Hast du gehört?«

»Mmmh.«

Krona packte zu und schob den jungen Mann von sich herunter. Das machte ihn wach.

»Was? Aber … es ist doch noch nicht mal richtig hell.«

»Sehe ich aus wie eine, die zum Frühstück bleibt?«

Sie schob die Beine aus dem Bett und blieb eine Weile auf der Kante sitzen. Die Kälte biss ihr in die Haut, aber sie linderte auch die Kopfschmerzen, die sich hinter ihrer Stirn ballten.

Zu viel süßer, dunkler Wein gestern Abend.

Hinter ihr richtete sich ihr Bettgefährte auf die Ellenbogen auf und strich sich die blonden Haare aus der Stirn.

Noch etwas, das gestern Abend vielleicht zu viel und zu süß gewesen war. Andererseits, wer entschied das schon.

Beinahe taten ihr die harschen Worte leid. Sie küsste ihn flüchtig auf den Mundwinkel und brachte dann ihre schmerzenden Knochen in Bewegung. Die lange Seereise hatte nicht dazu beigetragen, dass sie sich jünger oder gesünder fühlte. Der Boden war kalt unter ihren Füßen, als sie nackt zu dem kleinen Dachfenster hinüber ging, um Licht in den Raum zu lassen.

Der mit geöltem Leder bespannte Fensterrahmen quietschte in seinen Scharnieren, als sie ihn aufstieß. Tatsächlich war die Sonne gerade aufgegangen. Schwaden von Nieselregen senkten sich aus dem grauen Himmel. Ein Stockwerk unter ihr schlug das Wirtshausschild mit loser Kette gegen die Fassade. Krona legte den Kopf schief und versuchte, die verwitterte Malerei auf dem Schild zu erkennen.

Roter Eber? Roter Hirsch? Egal. So erbärmlich wie das Schild war die ganze Herberge.

»Wo willst du denn hin?«

Der Blick des jungen Mannes lag auf ihrer Haut. Sie ignorierte seine ausgestreckte Hand, ging zur Waschschüssel und sah hinein. Das Wasser wirkte einigermaßen frisch. Ihr Gesicht, das sich flüchtig darin spiegelte, nicht.

Sie fuhr mit beiden Händen ins Wasser und zerstörte das Bild.

»Ich habe etwas zu erledigen.«

»Kann das nicht warten?«

»Warum? Weil es später weniger weh tut?«

Er schwieg. Wie alt mochte er sein? Anfang, Mitte zwanzig? Kaum halb so alt wie sie selbst. Er wusste nichts vom Leben.

Sie fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, sie hatte beinahe vergessen, wie grau sie geworden waren.

»Es ist später nicht einfacher, Junge. Es ist nie einfach.«

Ihre Reisekleidung war gereinigt worden und fühlte sich gut und sauber an, als sie hineinschlüpfte. Sie verstaute einen schmalen Dolch im Stiefelschaft und gürtete ihr altgedientes Schwert.

Dann ging sie hinüber zum Bett und setzte sich auf die Kante.

»Wir hatten eine Abmachung«, sagte sie leise. »Eine Nacht, nicht mehr, nicht weniger. Frühstücken kannst du mit deiner Verlobten.«

Er packte sie und zog sie zu sich herunter. Sie ließ ihn gewähren, legte ihre Lippen auf die seinen und schob vorsichtig ihre Zunge zwischen seine Zähne. Er vergrub die Hände in ihrem Haar und erwiderte den Kuss leidenschaftlicher, als sie es beabsichtigt hatte. Plötzliches, hitziges Begehren rauschte durch ihren Körper. Atemlos befreite sie sich aus seinem Griff.

»Ich muss gehen. Jetzt.«

»Was sind das für Geschäfte, die du abwickeln willst?«

Krona seufzte. »Geschäfte, mit denen du nichts zu tun haben willst.«

»Aber werde ich dich wiedersehen? Später, falls du wieder einmal in der Stadt bist?«

»Wer weiß. Bei den Soldaten gibt es eine Redensart: Man trifft sich im Leben immer zweimal.«

»Dann halte ich die Augen nach dir offen.«

Sie nickte, erhob sich von der Bettkante, schulterte ihr Gepäck und verschwand leise aus der Tür, ohne sich umzudrehen.

Das obere Stockwerk des Gasthofes lag dunkel und still. Die Treppe knarrte, als Krona hinunterging in die Schankstube. Das Leben fühlte sich gut an, klar und kühl und scharf wie ein frisch geschliffenes Messer. Sie war zurück auf ihrer Straße, und sie brauchte niemanden.

Sie hinterließ eine silberne Viertelkrone auf dem Tresen, um ihre Rechnung zu begleichen, und trat unter dem scheppernden Wirtshausschild hinaus in den Nieselregen.

Die Straßen waren noch menschenleer. Zwischen Pfützen und Unrat, den die Leute achtlos aus den Fenstern geworfen hatten, suchte sie sich ihren Weg in die Stadtmitte. Sie hatte es nicht eilig, aber wenn sie sich nicht warmhielt, würde das Wetter ihre Knochen rosten lassen wie ein altes Schwert.

Sie mochte Halmesholm nicht besonders: zu reich, zu herausgeputzt und selbstzufrieden, wie es da am Ufer des Grünmeeres saß wie eine fette, vollgefressene Kröte. Die Bürger taten so, als sei es heldenhaft, sich hinter Mauern von Goldkronen zu verschanzen. Nicht einmal das Grünmeer war, was der Name versprach, sondern einfach nur ein großer See. Immerhin zog die Stadt allerlei Leute an, die Arbeit suchten, und Krona suchte Leute, die Arbeit suchten.

Auf dem Rathausplatz wurden die ersten Marktstände aufgebaut. Der frische Wind, von dem diese Stadt viel zu wenig hatte, riss Tücher los und ließ Leinen flattern. Die Händler beäugten Krona argwöhnisch, als sie sich ihren Weg durch die Budenstraßen suchte.

In einer Bäckerei auf der anderen Seite des Platzes brannte schon Licht. Als Krona eintreten wollte, fand sie die Tür verschlossen. Sie klopfte und trat einen Schritt zurück.

Stimmengemurmel von drinnen, und nichts geschah.

Krona klopfte erneut, diesmal mit der Faust.

»Meridias nackter Arsch! Öffnet, oder ich trete die verfluchte Tür ein!«

Sie überlegte gerade, ob sie ihre Drohung wahr machen sollte, als sich ein Schlüssel im Schloss drehte und die Tür eine Handbreit aufging.

»Wir haben noch nicht geöffnet«, sagte eine Frau, die ihre füllige Leibesmitte mit einer Schürze verschnürt hatte, unfreundlich. »Kommt wieder, wenn die Sonne über den Dächern ist.«

Sie wollte die Tür wieder schließen, aber Krona hatte schon ihren Fuß in den Spalt gestellt.

»Und wie Ihr geöffnet habt. Zumindest für mich.«

Unsicherheit malte sich auf den Zügen der Bäckerin. Krona ergriff die Gelegenheit, legte ihre Schulter an die Tür und schob sie mit einem Ruck auf. An der eingeschüchterten Bäckersfrau vorbei betrat sie den Verkaufsraum, der ihr in diesem Augenblick erschien wie das Paradies: angefüllt von goldenem Licht und der Wärme eines Feuers, die Luft voller verführerischer Düfte.

»Wunderbar«, sagte sie zufrieden. »Rieche ich da nicht Schwarztee? Ihr könnt mir gerne etwas davon abgeben. Und spart nicht mit dem Zucker.« Sie befreite sich von ihrem schweren Rucksack und stellte ihn mitten im Durchgang ab.

»Aber …« Die Bäckerin stand wie festgewachsen, die Klinke in der Hand.

»Macht Euch keine Umstände wegen mir«, sagte Krona, umrundete den Verkaufstisch und betrachtete die ausgebreiteten Leckereien. »Ich werde mich inzwischen selbst bedienen.«

»Das ist Diebstahl«, brachte die Bäckersfrau hervor.

»Quatsch. Es ist ein Frühstück. Diebstahl ist es erst, wenn ich gehe, ohne zu bezahlen – dann könnt Ihr Euch aufregen. Was soll das sein?« Sie fasste mit zwei Fingern ein mit Honig übergossenes Gebäckstück und hielt es hoch. »Ein Apfelkrapfen? Und schließt endlich die Tür, oder wollt Ihr die Straße heizen?«

»Ich werde die Stadtwache rufen«, drohte die Bäckersfrau, die sich offenbar vom ersten Schreck erholt hatte. »Ihr habt mich überfallen und bedroht. Sie werden Euch einsperren! Hier herrschen Recht und Ordnung, wenn Ihr das noch nicht gemerkt habt!«

»Aha! Und warum wohl?« Krona ließ den Apfelkrapfen achtlos auf den Boden fallen, wo er unter den Verkaufstisch rollte und im dort ausgebreiteten Stroh, das augenblicklich an dem Gebäckstück festklebte, liegen blieb. »Warum herrschen wohl Recht und Ordnung in dieser fabelhaften Stadt und nicht, sagen wir, das Faustrecht eines dicken, stinkenden, mit Knochen behängten Clanführers? Der Euch einfach mal so Eure speckige Hand abhackt, wenn Eure Brötchen ihm nicht schmecken? Warum dürft Ihr alle Euch frei bewegen und Euer Gold horten, anstatt in den Steinbrüchen zu schuften? Soll ich Euch das mal erklären?«

Das Kinn der Bäckerin zitterte. Krona nahm das als Zustimmung.

»Weil wir sie nicht in die Ebenen gelassen haben, Schätzchen. All die Schrate und Trolle und Riesen, die nicht länger auf ihren Felsen hocken wollten, sondern scharf auf Euer fruchtbares Land waren. Wir – eine ganze Armee von tapferen Soldaten, wir haben uns die Ärsche aufgerissen, um die Kreaturen in ihren Löchern zu halten, ganz oben im Gebirge, wo sie Euch nicht stören!«

Sie kam hinter dem Verkaufstisch hervor und näherte sich mit hartem Schritt der Bäckerin, die sich erschreckt gegen die Wand drückte.

»Könnt Ihr Euch vorstellen, was es heißt, im Winter Krieg zu führen? Bis zum Knie im Dreck? Sich die Finger abzufrieren, und nicht zu wissen, wird der nächste Schrat dich erledigen oder der nächste Schneesturm? Ich war dort, Teuerste, bis zum bitteren Ende, ich habe mein Blut dort gelassen und habe Freunde sterben sehen, was sage ich, verrecken sehen, in den Schneelöchern, die wir unseren Stützpunkt nannten! Und jetzt kommt Ihr daher mit Eurem fetten Arsch und wollt mir vorschreiben, wann ich mein Brötchen essen soll? Wir wär’s? Lassen wir sie beim nächsten Mal doch einfach runter in die Ebenen, und dann gute Nacht, Halmesholm!«

Sie holte tief Luft. Sie merkte, sie hatte sich in Eifer geredet, mehr als ursprünglich beabsichtigt, doch es tat gut. Sie wollte gerade aufs Neue ansetzen, als ein unerwartetes Geräusch sie herumfahren ließ.

Jemand klatschte Beifall. In der offenen Tür stand ein Mann, hochgewachsen, schlank und in die Farben des Waldes gekleidet. Glattes schwarzes Haar fiel ihm über die Schultern. Ein leichter Stoppelbart legte einen Schatten auf sein Kinn. An der Seite trug er ein schmuckloses Schwert und über dem Rücken einen langen Bogen.

»Welch flammende Rede«, sagte er und lächelte, Krona konnte auf den ersten Blick nicht entscheiden, ob freundlich oder spöttisch. »Was ist denn der Grund für diesen frühmorgendlichen Aufruhr?«

»Und wer seid Ihr, dass es Euch etwas angeht?«, fauchte Krona, die so schnell ihre Ruhe nicht wiederfand.

»Nur ein Wanderer auf der Suche nach einem warmen, trockenen Ort für ein Frühstück.«

»Wir reden hier gerade über Frühstück«, erklärte Krona etwas besänftigt. »Unter anderem.«

Die Bäckersfrau sah zwischen den beiden düsteren Eindringlingen hin und her.

»Ich … ich werde dann Euren Tee holen … das heißt, wenn Ihr noch welchen möchtet …«, schlug sie mit schwacher Stimme vor. Krona, die sie immer noch zwischen sich und der Wand quasi eingeklemmt hatte, trat einen Schritt zurück.

»Es macht Euch doch sicher keine Umstände, eine zweite Tasse zu bringen, oder?«, fragte der Fremde höflich. »Eine gute, starke Tasse Tee ist genau das Richtige nach einer so regnerischen Nacht.«

Die Bäckerin sah gehetzt zu Krona hinauf.

»Ihr habt es gehört«, sagte die. »Tee für mich und meinen Freund hier.«

Fluchtartig verschwand die Bäckersfrau nach hinten in einem Nebenraum.

Hochzufrieden setzte Krona sich auf den Verkaufstisch, nahm sich einen Apfelkrapfen aus dem Korb und begann, mit den Beinen baumelnd, zu essen.

Der Fremde ließ seinen Rucksack von den Schultern gleiten und zog sich einen Hocker heran, der zu niedrig für seine langen Beine war. Von unten herauf musterte er Krona eingehend. Das Lampenlicht legte einen gelblichen Schein auf seine Augen, was ihm ein irritierendes Aussehen verlieh.

»So, so – Ihr habt also im Winterkrieg gekämpft.«

»Ich war Offizier im Rang eines Hauptmanns«, sagte Krona mit vollem Mund. »Ich kommandierte eine Kompanie von hundertfünfzig Mann.«

Der Fremde nickte anerkennend. »Er muss hart gewesen sein … der Winterkrieg.«

»Jeder Krieg war hart. Das liegt in der Natur der Sache.«

»Aber nun habt Ihr dem Kriegshandwerk den Rücken gekehrt?«

»Wollt Ihr reden oder frühstücken?« Krona griff sich ein noch warmes Brötchen und warf es ihm zu. Er fing es geschickt und roch daran, bevor er hineinbiss.

»Und wer seid Ihr?«, fragte sie nach einer Weile, in der sie beide einträchtig frühstückten. »Habt Ihr einen Namen?«

»Ihr mögt mich Fenrir nennen«, sagte der Fremde. Krona lachte. »So, na dann mögt Ihr mich Krona Karagin nennen, denn einen anderen Namen habe ich nicht. Und woher kommt Ihr? Ich nehme an, Ihr seid in dieser Stadt so fremd wie ich.«

»Ich bin fremd in jeder Stadt. Ich halte mich fern von Städten, wann immer es geht. Ich bin nur hier, um meine Ausrüstung zu ergänzen.«

»Menschenscheu?«

»Gelegentlich.«

»Wo bleibt der verfluchte Tee? Meridias nackter Arsch, sie wird es bereuen, wenn ich ihn mir selber holen muss!«

Nur Augenblicke später erschien die völlig eingeschüchterte Bäckerin mit zwei Tonbechern und einer Kanne, aus der es dampfte.

»Danke schön«, sagte Krona liebenswürdig. »Stellt es hier ab. Sehr aufmerksam von Euch.«

Sie klopfte neben sich auf den Tisch, und die Bäckerin tat, wie ihr geheißen, und flüchtete in die hinteren Räume.

»Ich sehe, Ihr habt Euren Spaß«, sagte Fenrir mit einem Lächeln, das sein bisher so ernstes Gesicht auf eine überraschend gewinnende Art aufhellte.

»Ja.« Krona erwiderte das Lächeln sehr vergnügt. »Macht mir wirklich gute Laune, so etwas.«

Sie tranken Tee, aßen von dem noch warmen Gebäck und lächelten sich hin und wieder über die Ränder ihrer Becher hinweg an.

Krona betrachtete ihr Gegenüber möglichst unauffällig. Dieser Fremde hatte zwei Gesichter. Zwar saß er ruhig auf seinem Hocker und trank in kleinen Schlucken den heißen Tee, aber die Art, wie das kleinste Geräusch seine Aufmerksamkeit weckte, selbst wenn nur eine Maus im Stroh auf dem Boden raschelte oder der Wind draußen um die Häuserecke pfiff, verriet ihr, dass seine Sinne geschärft waren. Er schien auf der Hut, wie ein Raubtier, entspannt, aber aufmerksam. Wenn er dann lächelte, war der lauernde Eindruck aus seinem Gesicht verschwunden.

Sie mochte dieses Lächeln, fühlte sich empfänglich dafür, obwohl die Wärme ihrer nächtlichen Bekanntschaft ihr noch zwischen den Schenkeln lag. Sie legte den Kopf ein wenig schräg und musterte sein Schwert. Es schien eine sauber gearbeitete Waffe zu sein, und sie war tadellos gepflegt.

»Und?« Der Fremde verzog spöttisch den Mund. »Was ist das Ergebnis Eurer Musterung, Hauptmann?«

Krona spürte, wie das Blut ihr in die Wangen schoss, und versteckte ihr Gesicht in ihrem Becher. In ihrer Hast verbrannte sie sich die Lippen und unterdrückte einen Fluch.

»Ich habe nachgedacht«, erklärte sie und betastete vorsichtig ihre Oberlippe. »Ihr sagtet, Ihr würdet die Stadt meiden. Bedeutet das, Ihr kennt Euch in den Wäldern hier in der Gegend aus?«

»Ich kenne jeden Baum zwischen hier und dem Wetterstein«, bestätigte Fenrir.

»Und Ihr könnt auch mit diesem Schwert umgehen?«

»Wenn es sein muss. Was bewegt Euch zu diesen Fragen?«

Krona schluckte den letzten Bissen ihres Apfelkrapfens hinunter und leckte sich Fett und Zucker von den Fingern.

»Einen wie Euch könnte ich gut gebrauchen. Ich suche Leute für einen Auftrag. Zwei, drei Wochen. Begrenztes Risiko.«

»Bezahlung?«

»Aber natürlich. Umsonst ist nur der Tod.«

»Und dieser Auftrag ist außerhalb der Stadt zu erledigen?«

Krona hatte den seltsamen Eindruck, dass dieser Umstand dem Fremden wichtiger war als die Höhe des Verdienstes.

»Ja«, sagte sie. »In den Wäldern unterhalb des Wetterstein. Es gibt eine Karte, aber die ist wirklich nicht sehr genau.«

»Vielleicht erzählt Ihr mir zunächst, worum es sich handelt?«

Diesmal blies Krona über ihren Tee, bevor sie einen Schluck nahm. Ihre Oberlippe prickelte unangenehm. Für einen Augenblick bereute sie, dass sie ihren militärischen Rang erwähnt hatte. Ein Hauptmann, der sich anwerben ließ wie ein gemeiner Söldner. Die Geschichte eines Abstiegs.

»Es gibt ein angesehenes und sehr reiches Handelshaus hier in der Stadt«, holte sie aus. »Mandor Markholt der Ältere. Stoffe und Gewürze. Dieser Markholt war ein alter Bekannter von mir. Wir haben einige Reisen gemeinsam unternommen, bevor er sesshaft wurde und das Abenteurerleben aufgab – was ich auch hätte tun sollen, nebenbei bemerkt. Ich kam kürzlich hierher, um ihn aufzusuchen, erfuhr dann aber, dass er vor einigen Wochen gestorben ist.«

»Das tut mir leid«, sagte Fenrir.

»Muss es nicht. Er war nicht gerade einer meiner engsten Freunde. Ist ein bisschen verbohrt geworden, seit er in den Handel eingestiegen ist.«

»Was wolltet Ihr von ihm?«

Krona zögerte kurz.

»Ich wollte mir Geld leihen. Ich komme gerade von einer Seereise, die meine Ersparnisse aufgebraucht hat, und der Winter steht ins Haus.«

»Verstehe.«

»Das glaube ich nicht, aber es tut auch nichts zur Sache. Ich traf seine Nichte an, Jerina Markholt, sie ist die Erbin des gesamten Unternehmens. Ein linkisches, reizloses Mädchen, keine zwanzig Jahre alt, und reichlich überfordert mit der Situation. Ich kam gerade im rechten Augenblick, aus ihrer Sicht. Es gibt da nämlich ein kleines Problem mit der Erbschaft, genauer gesagt, mit den Schätzen, die der alte Markholt von seinen Reisen mitgebracht hat. Er hat sie ihr nicht einfach hinterlassen, sondern er hatte die schrullige Idee, dass die Kleine sich das Erbe erarbeiten soll. Er hat in diesen Wäldern ein Versteck angelegt, wo der ganze Schatz liegt, aber laut Testament kann man nicht einfach reinmarschieren und das Zeug mitnehmen, sondern muss eine Art Hindernislauf hinter sich bringen. Prüfungen verschiedener Art, Kampfkraft und Ähnliches. Das Testament sagt, man sollte es nicht ohne einige gute Freunde an seiner Seite versuchen.«

»Und Euch als alte Bekannte des Verstorbenen hat diese junge Dame um Unterstützung ersucht«, ergänzte Fenrir.

»Genau genommen beabsichtigt diese junge Dame nicht, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Das Handelshaus wirft einen Haufen Gewinn ab. Genug, um Leute zu bezahlen, die das für sie erledigen.«

»Ihr werdet doch nicht etwa Geld nehmen für diesen Freundschaftsdienst?«

»Na, aber doch. Ich habe vor, den Winter in einem netten, ruhigen Haus zu verbringen und nicht irgendwo unter Bäumen auf gefrorenem Boden.«

Fenrir sah sie lange an, mit dem eigenartigen gelben Widerschein in den Augen.

»Was?«, fauchte sie schließlich. »Ihr glaubt doch nicht, dass die Kleine sich arm macht, indem sie mir den Ausflug bezahlt! Jeder muss sehen, wo er bleibt, oder nicht?«

Er hob abwehrend die Hände. »Es liegt mir fern, moralische Urteile zu fällen. Ihr werdet schon wissen, was Ihr tut.«

»Schön. Moral macht nämlich nicht satt. Eine anständige Bezahlung aber schon.«

»Und Euer Schwert gehört jedem, der anständig bezahlt?«

Krona rutschte vom Verkaufstisch. »Ich suche mir einen anderen. Ihr stellt mir zu viele Fragen.«

»Ist das nicht verständlich? Ich muss doch ein wenig über Euch wissen, bevor ich entscheiden kann, ob ich auf Euer Angebot eingehe.«

Sie blieb mitten im Raum stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, die linke Hand ruhte auf dem glatten, abgegriffenen Knauf ihres Schwertes, und sah zu ihm hinunter.

»Nicht jedem«, sagte sie schließlich. »Aber die Wahrscheinlichkeit steigt mit der Höhe der Bezahlung. In diesem Fall sage ich mir, dem alten Markholt kann es egal sein, und es ist gutes, schnell verdientes Geld.«

»Wie viel?«

»Fünfundachtzig Goldkronen, zuzüglich zehn Prozent des Gegenwertes von dem, was wir finden.«

»Für jeden?«

Sie lachte auf. »Nein. Für mich. Und ich bezahle davon meine Mitstreiter.«

Er sah sie mit seinem lauernden Blick an. »Und wie viel gedenkt Ihr, zu bezahlen?«

»Darüber verhandeln wir, sobald Ihr mir sagt, dass Ihr wirklich interessiert seid.«

»Ich überleg’s mir.«

Sie begann, in dem engen Bäckerladen herumzuwandern. Das Gespräch hatte einen toten Punkt erreicht, aber sie verspürte wenig Lust, sich wieder hinaus in den kalten Nieselregen zu begeben. Sie schlenderte hinter den Verkaufstisch und zog eher aus Langeweile denn aus Neugier eine Schublade auf. Sie enthielt einen hölzernen Einsatz mit drei Vertiefungen. In einer davon lagen einige Kupferpfennige, die anderen waren leer. Krona kramte in ihren Taschen, bis sie eine kleine silberne Viertelkrone gefunden hatte, und legte sie in die mittlere der Vertiefungen. Es war eine fürstliche Bezahlung für ein Frühstück, aber sie hoffte, dass es die Bäckerin von dem Gedanken abbringen würde, ihr die Stadtwache hinterher zu schicken.

Sie schloss die Schublade, nahm sich ein Hörnchen und biss hinein. Fenrir saß nach wie vor entspannt, aber wachsam auf seinem Hocker und beobachtete sie. Der Regen draußen nahm zu, hin und wieder peitschte der Wind einen prasselnden Schauer gegen die Fenster. Allein bei dem Gedanken an das Wetter zog Krona die Schultern hoch. Sie hatte gehofft, es würde trocken sein, während sie in diesem Wald unterwegs war. Ihr Körper war nicht mehr sehr tolerant gegenüber regnerischen Nächten auf kalten, durchweichten Böden.

Sie stellte sich das Markholt-Erbe vor, eine Kammer voller Gold und Edelsteine, kostbarer Geschmeide und fremdländischer Artefakte. Es würde der jungen Erbin sicher nicht auffallen, wenn irgendwo ein Edelstein fehlte. Ein schön geschliffener, erbsengroßer Diamant, und der Winter wäre gerettet. Sie würde ein kleines Haus mieten, weit entfernt von der biederen Halmesholmer Gesellschaft, und einfach nur ausruhen, während draußen der Schnee fiel.

»Wie viele Mitstreiter habt Ihr eigentlich bisher angeworben?«, fragte Fenrir in ihre Gedanken hinein. Sie zuckte zusammen und biss heftiger in das Hörnchen als beabsichtigt. Es war mit Marmelade gefüllt, stellte sie fest, als die rote, noch warme Flüssigkeit ihr über das Kinn lief. Sie fing sie mit dem Handrücken auf und lutschte sie sorgfältig ab, bevor sie antwortete.

»Bisher noch keinen. Ich ließ gestern einen Aushang auf dem Marktplatz machen und beauftragte einen Marktschreier mit der Bekanntgabe. Die Interessenten sollen sich heute, zwei Stunden nach Sonnenaufgang, im Goldenen Horn einfinden. Dann werde ich mal sehen, was ich so zur Auswahl habe.«

»Die Auswahl wird nicht sehr groß sein. Dies ist eine ruhige Stadt in einer ruhigen Gegend.«

»Das lasst nur meine Sorge sein. Ihr für Euren Teil überlegt Euch lieber, ob Ihr nun dabei seid oder nicht.«

»Ich denke, ich bin dabei.«

»In Ordnung.« Krona verbarg ihre Erleichterung, die nur seinen Preis in die Höhe treiben würde. »Wenn alles gut geht, brechen wir morgen bei Sonnenaufgang auf.«

»Einverstanden«, sagte er und erhob sich. »Und nun brauche ich etwas frische Luft, das heißt, so frisch man sie eben in dieser stinkenden Stadt bekommen kann. Ich sehe Euch später im Goldenen Horn.«

Er schulterte seinen Rucksack und schob sich an ihr vorbei. Dicht vor ihr hielt er inne und lächelte. Überrascht stellte sie fest, dass das gelbliche Leuchten in seinen Augen nicht vom Schein der Lampen stammte. Es war die eigentliche Farbe seiner Augen.

»Falls Ihr heute noch plant, weitere Handelsleute einzuschüchtern, solltet Ihr die Marmelade aus dem Mundwinkel wischen«, sagte er. »Ihr verhunzt sonst Euren ganzen Auftritt.«

Sie schlug die Hand vor den Mund und wandte sich ab, während Blut ihr in die Wangen schoss. Mit dem Ärmel beseitigte sie das kleine Missgeschick. Als sie sich wieder zu ihm drehte, war er bereits unter der Tür.

»Danke für das Frühstück«, sagte er, dann verschwand er im Regen.

»Wer hat gesagt, dass ich Euch einlade?«, rief sie ihm hinterher, war aber nicht sicher, ob er es noch gehört hatte. »Ich zieh’s Euch vom Lohn ab«, knurrte sie leise.

Sie beendete ihr Frühstück, hob dann ihren Rucksack auf den Tisch und verstaute ein Fladenbrot und einige Brötchen darin. Mit Mühe schloss sie die Klappe. Von den Bäckersleuten war nichts zu sehen oder zu hören.

»Ich bedanke mich für den gastfreundlichen Empfang«, rief sie nach hinten. »Ich würde Euch ja sogar weiterempfehlen, aber ich kenne niemanden in dieser Stadt! Also, nichts für ungut!«

Der Morgen empfing sie grau und nasskalt. Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und marschierte los.

Drei Stunden später schien es, als würde Fenrirs Vorhersage sich bewahrheiten. Krona saß in dem stillen Nebenraum des Gasthofes zum Goldenen Horn und wartete auf die Bewerber, die schlichtweg ausblieben. Nicht einmal der Waldläufer mit den seltsamen Augen hatte sich wieder blicken lassen. Sie hatte die Füße an der Tischkante abgestützt und schwenkte Tee in ihrem Becher, dem dritten an diesem Morgen. Diesen allerdings hatte sie durch einen Schuss Klaren verstärken lassen, was ihren Missmut etwas besänftigte. Draußen peitschten heftige Windstöße den Regen gegen die dicken, trüben Scheiben. Sie überlegte, ob sie den Auftrag alleine durchführen sollte, falls sich niemand sonst fand. Es gab ein schlagendes Argument dafür: fünfundachtzig Goldkronen und zehn Prozent des Fundes. Was konnte ein Gelegenheitsabenteurer wie Mandor Markholt schon an Gefahren erzeugen, denen sie nicht auch alleine gewachsen war? Sie streckte sich und gähnte. Wenn nur der Regen nachließe.

»Ich hoffe, ich störe nicht«, sagte eine helle Stimme. Krona erschrak zu Tode, fuhr in die Höhe, vergaß den Becher in ihrer Linken und schüttete sich heißen Tee über die Hand. Lauthals fluchend schüttelte sie die Flüssigkeit ab, während sie den tropfenden Becher von sich weg hielt.

»Hab ich Euch erschreckt?«, sagte die Stimme. »Das tut mir leid. War nicht meine Absicht.«

Der Sprecher, der wie aus dem Boden gewachsen vor ihr stand, hatte höchstens die Größe eines Zwergen, doch war er viel zu schmächtig, um einer zu sein. Sein Gesicht war bartlos und sehr jung, und riesengroße Augen leuchteten darin in wasserhellem Blau. Ein blonder Schopf stand ihm wie gesträubtes Gefieder vom Kopf ab, und daraus hervor ragten zwei große Ohren, die in zartem Rosa leuchteten und in auffallender Art nach vorne gerichtet waren.

Sie stellte den Becher auf dem Tisch ab und musterte den Ankömmling, nicht gerade begeistert von dem, was sie sah. Selbst wenn man sich an seiner winzigen Statur nicht störte, so war er doch viel zu jung. Er konnte gar keine Wildniserfahrung haben.

»Ich weiß, was Ihr denkt«, sagte der Kleine. »Keine Sorge, jeder denkt das, der mich sieht. Er denkt, warum ist der Kerl nur so klein? Die Antwort ist, ich kann’s Euch nicht sagen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt in meiner Jugend habe ich mich eben darauf beschränkt, meinen Verstand zu vergrößern. Gestattet übrigens, dass ich mich vorstelle«, damit deutete er eine drollige Verbeugung an. »Mein Name ist Pintel Luffelheim, und ich habe Euren Aushang auf dem Marktplatz gelesen. Ich sehe, Ihr werdet von Bewerbern nicht gerade überrannt. Also habt Ihr vielleicht Verwendung für mich.«

»Ihr seid über eine Stunde zu spät«, erklärte Krona düster. »Die anderen Bewerber sind längst weg.«

»Ach so«, sagte der Kleine und verzog den Mund zu einem breiten, äußerst ansteckenden Grinsen. »Und? War was dabei?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden. Also … wie, dachtet Ihr, könnte denn meine Verwendung für Euch aussehen?«

»Keine Ahnung«, sagte Pintel achselzuckend. »Ich weiß ja noch nicht, worum es geht.«

»Setzt Euch«, wies Krona ihn an und zeigte auf einen Stuhl.

Pintel kletterte darauf und stützte das spitze Kinn auf die Fäuste, während Krona in kurzen Zügen die Art der Unternehmung beschrieb.

»Prima«, sagte Pintel, als sie geendet hatte. »Klingt genau nach der Art von Abwechslung, die ich suche. Ich bin dabei, wenn Ihr mich haben wollt.«

»Ich wiederhole meine Frage«, sagte Krona.

»Worin liegt mein Nutzen, wenn ich Euch wähle? Was ich plane, ist Arbeit, kein lustiges Picknick.«

»Euer Nutzen ist ganz vielfältiger Art. Wollt Ihr Euch nicht überraschen lassen?«

»Ungern.«

»Lassen wir es einfach auf uns zukommen. Wir haben doch alle im Leben mehr gelernt als nur die Dinge, die wir zum Broterwerb nutzen. Und wer weiß, was wir davon brauchen können? Habt Ihr Euch schon mal aus einer kritischen Situation herausgekocht?«

»Ähm … nein.«

»Schon mal eine Gefahr weggetanzt?«

»Jetzt hört mal, Meister – wie war noch Euer Name? Pinsel oder so?«

»Pintel.«

»Also, Pintel. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Raus mit der Sprache, oder ich verliere mein Interesse an Euch.«

Pintel seufzte. »Na gut. Ich bin ein Reinlasser.«

»Ein was?«

»Ein Reinlasser. Ich komme überall rein, und fast überall raus. Das heißt, bisher kam ich überall raus, aber genau kann man das ja immer erst sagen, wenn man drin ist, und dann kann es ja eigentlich auch schon zu spät sein. Könnt Ihr mir folgen?«

»Ja.« Krona nahm einen großen Schluck von ihrem verbesserten Tee.

»Außerdem kann ich mich wirklich leise bewegen. Mich hört keiner, wenn ich es nicht will. Oder habt Ihr mich gehört, als ich reinkam?«

»Nein.«

»Genau. Und ich bin klein. Ich werde gerne übersehen. Man sieht mich nicht, man hört mich nicht – das ist fast, als wäre ich nicht da – nur dass ich’s doch bin.«

»Aha. Noch was?«

»Ich kann kochen.«

»Und was bringt uns das?«

»Ähm – gutes Essen?«

Krona hielt dem entgeisterten Blick des anderen ungerührt stand.

»Also gut. Einen Schleicher kann ich sicher brauchen. Ihr seid dabei, wenn Ihr wollt. Die Bezahlung beträgt zehn Goldkronen und eine Kleinigkeit aus dem Erbe, je nachdem, was wir dort vorfinden.«

»In Ordnung«, strahlte Pintel. »Wann soll es losgehen?«

»Morgen früh«, sagte Krona, und gleichzeitig klopfte es. »Herein!«

Es war Fenrir, der den Kopf durch die Tür steckte und dann abwartend auf der Schwelle stehen blieb.

»Und?«, sagte er. »Habt Ihr Eure Auswahl beendet?«

»Ja«, sagte Krona. »Ich habe beschlossen, die Gruppe klein zu halten, das macht sie wendig und schnell. Außerdem werden wir wohl kaum eine Armee brauchen, um die Aufgabe zu lösen.«

»Und Ihr müsst von Eurem Verdienst weniger abgeben«, fügte Fenrir lächelnd hinzu.

»Auch das«, sagte Krona. »Das hier ist übrigens Pintel – äh …«

»Luffelheim«, sprang Pintel hilfsbereit ein.

»Genau«, sagte Krona. »Schleicher und Reinlasser. Und dies hier ist Fenrir, der uns den Weg durch den Wald zeigen wird.«

»Hallo«, sagte Pintel mit strahlendem Lächeln und streckte dem Waldläufer die Hand hin. Fenrir nickte kurz und ernst. Pintel zuckte die Achseln und ließ die ungeschüttelte Hand wieder fallen.

»Schön.« Krona erhob sich. »Das war’s dann. Wir treffen uns morgen bei Sonnenaufgang am Osttor.«

Der nächste Morgen hielt für Krona eine Überraschung bereit. Als sie sich am Osttor einfand, noch etwas unausgeschlafen und bettschwer, wurde sie nicht nur von Fenrir, sondern überdies von Jerina Markholt erwartet. Kronas Laune, die nicht übel gewesen war an diesem Morgen, sank augenblicklich. Die junge Frau hatte einen Mantel umgelegt und einen Rucksack auf dem Rücken. Alle Götter, welcher beschissene Geist reitet sie? Das muss doch wirklich nicht sein.

»Guten Morgen«, sagte Krona. »Na, das ist aber eine Überraschung. Was verschafft uns die Ehre?«

»Auch Euch einen guten Morgen«, wünschte Jerina. Ihre Stimme klang ein wenig schüchtern, und sie wich Kronas unverhohlenem Blick unbehaglich aus. Jerina war groß und sehr dünn, ihre Bewegungen staksig wie die eines Fohlens, und sie bemühte sich redlich, eine spannkräftige Haltung einzunehmen. Nach Kronas Einschätzung war sie keinesfalls eine Person, die man in die Wildnis mitnahm.

»Ich habe mich anders entschieden«, sagte Jerina. »Ich möchte Euch begleiten.«

Krona wechselte einen Blick mit Fenrir, in dessen Mundwinkeln ein winziges Lächeln spielte.

»Tatsächlich«, sagte sie. »Wie kommt’s? Schließlich war ich gestern Abend noch bei Euch, und Ihr erwähntet nichts dergleichen.«

»Ich war mir gestern Abend noch nicht sicher, aber dann wurde mein Gefühl immer schlechter, je näher der Zeitpunkt Eurer Abreise kam. Mein Gewissen plagte mich. Schließlich ist es mein Erbe, und es wäre nicht im Sinne meines Onkels, wenn ich nicht an seiner Erlangung teilhätte.«

»Sehr rechtschaffen«, sagte Fenrir und legte seinen seltsamen Blick auf die junge Frau. »Euer Gefühl ist ein guter Ratgeber, meine Dame.«

»Und mein Gefühl sagt mir, ich täte besser daran, Euch hier zu lassen«, sagte Krona entschieden. »Ihr habt keine Wildniserfahrung, habe ich recht? Wir wissen nicht, was uns erwartet. Könnt Ihr überhaupt mit einer Waffe umgehen?«

Jerina schlug den Mantel zur Seite und zeigte einen langen Dolch, den sie in einer Lederscheide am Gürtel trug.

»Ich bin keine Meisterkämpferin, aber ich kann wohl auf mich aufpassen.«

»Das werdet Ihr müssen, wenn Ihr mit uns kommt«, erklärte Krona, »denn ich kann es nicht tun.«

»Seid gewiss«, erwiderte Jerina mit leichtem Lächeln, »ich werde Euch nicht im Weg stehen.«

»Euer Entschluss ist endgültig?«

»Ja.«

»Es kann anstrengend werden. Wir werden jeden Tag eine weite Strecke zurücklegen.«

»Das macht mir nichts.«

Krona stieß ein tiefes Seufzen aus. »Ich kann’s Euch ja kaum verbieten. In Ordnung. Unter einer Bedingung allerdings.«

»Stellt sie nur, Hauptmann.«

»Ich behalte das Kommando über die Unternehmung. Im Zweifelsfall tut Ihr, was ich sage.«

»Ich dachte keinen Augenblick an etwas anderes«, versicherte Jerina. »Ihr seid diejenige, die Erfahrung hat.«

»Dann sind wir uns ja einig.« Krona hatte ein dummes Gefühl bei der Sache. Es würde schwierig werden, ihren persönlichen Anteil am Erbe aufzustocken, wenn die Erbin höchstpersönlich ihr über die Schulter sah. Außerdem hätte sie ihren Hintern darauf verwetten mögen, dass die junge Dame sich immer dann einmischen würde, wenn es am wenigsten passte.

»Wo ist der verdammte Kurze?«, fauchte sie und sah sich um, als könne er irgendwo im Straßengraben aus dem Boden wachsen.

»Er wird schon noch kommen«, sagte Fenrir. »Was ist übrigens mit einem Packpferd? Werden wir keines brauchen, um unsere Errungenschaften zu transportieren?«

»Nein«, sagte Jerina, ihre Stimme klang immer noch schüchtern. »Im Testament steht, das Erbe sei von großem Wert, aber geringem Gewicht. Das Einzige, was wir brauchen werden, ist ein Schlüssel, der dem Testament beilag. Und die Karte, die den Eingang zu der Höhle, oder was immer es ist, verzeichnet. Beides hat aber gestern schon der Hauptmann an sich genommen.«

»Äh«, sagte Krona, »ja«, während vor ihrem inneren Auge die Kammer voller Gold und Edelsteine unangenehm schrumpfte.

»Euer Onkel war ein fürsorglicher Mensch«, bemerkte Fenrir. »Er wollte Euch sogar den Ärger ersparen, überflüssigerweise ein Pferd mit Euch zu führen. Und was unseren jungen Mitstreiter betrifft – da kommt er.«

Er zeigte in Richtung des Stadttores, wo eine kleine, schmächtige Gestalt zwischen den bunten Uniformen der Stadtwachen hindurchschlüpfte und sich im Laufschritt näherte. Krona schob die Gedanken an Hände voller glitzernder Edelsteine beiseite.

»Guten Morgen«, schnaufte Pintel. Die Morgensonne schien durch seine abstehenden Ohren und verlieh ihnen einen rosa Schimmer. »Verzeiht die Verspätung – ich wurde von der Stadtgarde aufgehalten. Irgendwo ist irgendetwas passiert, ein Feuer, glaube ich, und jetzt filzen sie jeden, der fremd aussieht.«

»Dann lasst uns schnell verschwinden«, sagte Krona mit einem argwöhnischen Blick auf die Torwachen, »bevor die feststellen, dass noch ein paar mehr unter uns fremd aussehen.«

»Sind wir vollzählig?« Jerina sah sich erstaunt um. »Ich hatte mit einer größeren Gruppe gerechnet.«

»Vier ist völlig ausreichend«, sagte Krona entschieden. »Drei wären ausreichend gewesen. Oder wollt Ihr ein Heer bestellen?«

»Nein«, sagte Jerina gekränkt. »Ihr werdet wissen, was Ihr tut, Hauptmann.«

»Genau«, bestätigte Krona. »Verlasst Euch nur auf mich. Und jetzt, los geht ’s.«

Die ersten Tage ihrer gemeinsamen Reise führten sie durch ruhiges Land. Sie folgten der Straße über grüne Grashügel, auf knarrenden Holzbrücken über kleine, lebhaft sprudelnde Bäche, durch lichtes Gehölz, Ausläufer der großen, wilden Wälder, von denen die Flanke des Gebirges bedeckt war, und vorbei an Dörfern und Bauernhöfen, wo sie ihre Lebensmittelvorräte ergänzten. Krona benutzte die ruhigen Stunden des Wanderns, um sich einen Eindruck von ihren Begleitern zu verschaffen.

Eine bunte Truppe gaben sie ab, das ließ sich nicht leugnen. Der schweigsame Fenrir ging zumeist voran, sein langer, gleichmäßiger Schritt verriet den geübten Wanderer. Krona war froh, ihn als Begleiter gewonnen zu haben, denn seine Ortskenntnis war ausgezeichnet und er führte sie immer wieder auf Abkürzungen abseits der Straße, die ihnen stundenlange Umwege sparten.

Pintel mit seinen kurzen Beinen bewies eine Ausdauer, die Krona dem schmächtigen Kerlchen niemals zugetraut hätte. Kaum jemals blieb er zurück oder verlangte nach einer Pause, und während der abendlichen Lagerfeuer erwies er sich als unterhaltsamer Geschichtenerzähler und, zur Freude der Reisegefährten, tatsächlich als begabter Koch.

Jerina blieb für Krona schwer zu durchschauen und damit ein Problem. Die junge Frau hielt sich zurück und beteiligte sich selten an Gesprächen, was man für Schüchternheit hätte halten können, wenn Krona sich nicht immer wieder auf seltsame Art von ihr beobachtet gefühlt hätte. Es schien, als sei Jerina mehr als bedacht darauf, alle verfügbaren Informationen in sich aufzunehmen, ohne jedoch etwas von sich selbst preiszugeben. Krona wurde das Gefühl nicht los, dass sich hinter der linkischen, unbeholfenen Art der jungen Frau ein messerscharfer Verstand verbarg. Fenrir schien ihre Vorbehalte zu teilen, denn am zweiten Abend, als Jerina sich mit Pintel zum Holzsammeln entfernt hatte, kam er zu Krona und ließ sich neben ihr nieder.

»Ich weiß nicht«, sagte er und deutete leicht mit dem Kinn in die Richtung, in die Jerina sich entfernt hatte. »Ich kann sie nicht leiden. Sie hat etwas Seltsames an sich, findest du nicht?«

»Ich wünschte auch, sie wäre daheimgeblieben«, bestätigte Krona leise. »Aber nun ist es so, und wir müssen damit klarkommen. Sie ist jung und unerfahren, ich denke, sie tut ihr Bestes.«

»Das ist es nicht.«

»Was dann?«

»Ich weiß nicht. Es ist ein Gefühl, das ich nicht genau benennen kann. Ich werde sie jedenfalls gut im Auge behalten.«

»Tu das« sagte Krona und verbarg ihr Unbehagen. Fenrir hatte ziemlich genau das ausgesprochen, was sie empfand.

In dieser Nacht, als Krona wach lag und in die glühenden Reste des heruntergebrannten Lagerfeuers starrte, bemerkte sie, wie Fenrir sich leise aufrichtete, aus seinen Decken schlüpfte und sich lautlos vom Lager entfernte.

Seine Ausrüstung ließ er unangetastet zurück. Als er länger wegblieb, als nötig gewesen wäre, um sich irgendwo abseits des Lagers zu erleichtern, wurde sie unruhig. Schließlich kroch sie leise fluchend aus ihrem Schlafsack, packte ihr Schwert, entzündete eine Fackel und machte sich auf die Suche.

Das Wäldchen, in dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, lag still, dennoch wagte Krona nicht, sich weit von ihren beiden schlafenden Gefährten am Feuer zu entfernen.

Die Waldluft legte sich wie ein kalter Schleier auf jede unbedeckte Stelle ihres Körpers, Feuchtigkeit tropfte von den Bäumen. Es roch intensiv nach Moos und Erde.

»Fenrir?«, rief sie gedämpft. »Wo bist du?«

Keine Antwort. Undurchdringliche Schatten zuckten im Fackelschein. Heidelbeergestrüpp und Unterholz knackten unter ihren Stiefeln und stellten ihr bei jedem Schritt Fußangeln.

»Fenrir, du verdammter Hund, wenn du dich in Schwierigkeiten gebracht hast, schlitz ich dich auf!«

»Deine Besorgnis ist rührend.«

Sie wirbelte herum und riss das Schwert hoch.

»Fenrir! Meridias nackter Arsch, hast du mich erschreckt!«

»Was machst du hier draußen?«, fragte Fenrir. Sie musterte ihn, sein Hemd stand am Hals offen, einer der Ärmel war verdreht. Sie hätte schwören können, er hatte Wams und Mantel getragen, als er sich vom Lager entfernt hatte.

»Und du? Bäume streicheln, oder was?«

»Übertreib es nicht, Hauptmann.« Fenrirs gelbe Augen leuchteten gefährlich im Fackelschein. »Ich habe eine gewisse Wertschätzung für dich entwickelt. Dennoch kenne ich dich kaum drei Tage, und das ist nicht lange genug, um dich davor zu bewahren, dass man irgendwann einmal deine bleichen Knochen im Moos findet.«

»Ich bin hier, um dich zu suchen, du Irrer!«, fauchte Krona. »Ich bin es nicht gewohnt, dass Leute sich ohne ein Wort vom Lager entfernen und nächtliche Spaziergänge machen!«

»Und ich bin es nicht gewohnt, rund um die Uhr überwacht zu werden!«

»Du wärest dankbar um diese Überwachung, wenn dir etwas zugestoßen wäre!«

Fenrir lachte böse auf. »Glaub mir, Hauptmann, die Einzige, die dieses Risiko eingeht, bist du. Und jetzt geh zurück zum Lager und leg dich schlafen. Morgen früh werde ich wieder ganz zu deiner Verfügung stehen. Bis dahin kümmere dich nicht um mich.«

Damit ließ er sie stehen und verschwand lautlos, wie er erschienen war, unter den Bäumen. Sie leuchtete ihm nach, aber schon nach wenigen Schritten war er ihrem Blick entzogen.

»Prima«, schimpfte sie ihm hinterher. »Lass dich doch von den Wölfen fressen! Ist mir doch egal!«

Sie blieb noch für einen Augenblick stehen, unschlüssig und mit dem unangenehmen Gefühl, sich zum Narren gemacht zu haben, dann bahnte sie sich durch Gestrüpp und Unterholz den Weg zurück zum Lager, wo sie schließlich verschwitzt, mit Tannennadeln im Kragen und in übelster Laune wieder eintraf.

»Was ist los?«, murmelte Pintel, als sie die Fackel in der feuchten Erde löschte und zurück in ihren Schlafsack kroch.

»Nichts«, sagte sie und bemühte sich, normal zu klingen. »Ich habe nur nach dem Rechten gesehen.«

»Dann ist es ja gut«, murmelte Pintel, zog sich die Decke bis zum Hals und schlief sofort weiter. Krona brauchte lange, bis sie seinem Beispiel folgen konnte.

Am nächsten Morgen erwähnte keiner von ihnen den Vorfall. Fenrir war wieder da, als Krona erwachte, und im Laufe des Vormittags war die Anspannung zwischen ihnen verflogen.

Sie näherten sich den flachen, sanften Ausläufern des Gebirges und ließen die bewohnten Gegenden hinter sich. Am fünften Tag ihrer Reise tauchten sie in den kühlen Halbschatten des Waldes und begannen, bergan zu steigen. Obwohl die Tage noch spätsommerlich warm waren, lag der Herbst bereits in der Luft, färbte die ersten Blätter und kühlte die Nächte.

Die Straße hatten sie längst hinter sich gelassen, aber Fenrir blieb kaum jemals stehen, um sich des Weges zu vergewissern. Krona meinte manchmal, er folgte seiner Nase und nicht seinen Augen. Er führte sie durch hohen, hellen Laubwald, zwischen den mächtigen Stämmen der Buchen hindurch, die aufragten wie Säulen, über felsige Hänge und weiter oben durch feuchte, grüne, efeu- und farnüberwucherte Einschnitte, in denen kleine Gewässer zu Tal tröpfelten. Zumindest tagsüber, wenn es warm und trocken war, erinnerte Krona sich daran, warum ein sesshaftes Leben nie ihre Sache gewesen war.

Am siebten Tag ihres Marsches, gegen Abend, mussten sie feststellen, dass die idyllische Unberührtheit des Waldes sie getrogen hatte. Fenrir, der wie üblich vorangegangen war, hielt inne und ging auf die Knie, um den Boden zu untersuchen.

»Was ist?«, fragte Pintel. »Pilze? Wo? Das wäre wunderbar fürs Abendessen!«

»Keine Pilze«, sagte Fenrir. »Dafür Beunruhigendes. Eine Spur.«

»Was für eine Spur?«, fragte Krona. Ihre Hand fand von selbst den Schwertgriff, ihr Blick strich rasch durch den ruhigen Wald.

»Sie kreuzt unseren Weg«, erklärte Fenrir. »Hier, von Süden kommend, bergauf. Der Wanderer ist sehr groß. Keinesfalls menschlich.« Er brachte sein Gesicht tief über den Boden, blickte dann bergauf in die von ihm angegebene Richtung, die Augen zusammengekniffen. Als würde er Witterung aufnehmen, dachte Krona mit leichtem Unbehagen.

»Ein Troll«, sagte Fenrir.

»Au weia«, sagte Pintel. »Pilze wären mir lieber gewesen, ehrlich.«

»Es gibt diese Geschichten, in denen Trolle zu Stein werden, wenn sie ins Tageslicht geraten«, sagte Jerina, die plötzlich nervös wirkte.

»Trolle werden tagsüber ebenso wenig zu Stein wie Menschen oder Zwerge«, sagte Fenrir. »Aber es geht noch weiter. Spuren eines Pferdes mit beschlagenen Hufen und Fußspuren eines einzelnen Wanderers. Beschlagene Stiefel und ein schwerer oder schwer bepackter Wanderer. Sie kamen zeitversetzt hier entlang. Erst der Troll, dann Wanderer und Reiter.«

Fenrir ging einige Schritte gebückt auf der Spur entlang. »Wanderer und Reiter waren nicht gemeinsam unterwegs. Die Hufspuren zeigen hier eiliges Traben an. Der Schritt des Wanderers ist gleichmäßig. Geringe Schrittlänge übrigens. Könnte ein Zwerg gewesen sein. Welche der Spuren nun älter ist, lässt sich nicht bestimmen. Sie müssen einander dicht auf den Fersen gewesen sein. Der Troll allerdings hatte zu den beiden anderen einige Tage Abstand.«

»Aha.« Krona starrte auf den Waldboden, auf dem sie rein gar nichts sah. »Wie alt sind die jüngsten Spuren?«

»Einen Tag höchstens.« Fenrir richtete sich auf. »Wir sollten uns vorsehen.«

»Sie führen nicht in unsere Richtung«, sagte Krona. »Vorsicht ja, aber bitte keine Panik. Lasst uns noch ein gutes Stück zurücklegen, bevor wir rasten. Der Troll ist längst weg, sagtest du, und die anderen sind zwei. Mit denen werde ich allein fertig, wenn es sein soll.«

»Gut zu hören«, sagte Jerina, klang aber nicht sonderlich beruhigt.

Sie setzten ihren Weg fort, allerdings nicht lange. Kaum eine halbe Stunde später hielt Fenrir erneut inne. Diesmal untersuchte er nicht den Boden, sondern hielt das Gesicht in den Wind.

»Wartet hier auf mich«, sagte er, setzte sich in Trab und rannte leichtfüßig zwischen den Bäumen davon.

»Was soll das?«, rief Krona ihm ungehalten hinterher, aber er hörte es nicht oder wollte es nicht hören. Sie sah sich zu ihren beiden verbleibenden Begleitern um. Pintel ließ sich gerade mitsamt seinem Gepäck zu Boden plumpsen. Sein blasses Gesicht war vor Anstrengung gerötet, er sah aus, als könne er die Rast gebrauchen. Jerina war immer noch unruhig und sah sich in alle Richtungen um.

»Hast du schon mal gegen einen Troll gekämpft?«, fragte sie Krona.

»Nein. Und ich habe es auch nicht vor.«

»Und was machen wir, wenn es nötig wird?«

Krona nahm ihren Rucksack ab und lockerte die schmerzenden Schultern. »Gewinnen oder sterben, vermute ich«, sagte sie gleichmütig, bereute die Bemerkung aber sofort, als sie Jerinas gehetzten Gesichtsausdruck bemerkte.

»Es wird nicht nötig werden«, versuchte sie die junge Frau zu beruhigen. »Fenrir wird unseren Weg so wählen, dass wir ausreichend Abstand zwischen uns und den Troll bringen. Und vergiss nicht, die Spur ist Tage alt. Er ist längst nicht mehr hier.«

»Ich hoffe sehr, dass du recht behältst«, seufzte Jerina. »Ich hatte vor, dieses Erbe lebendig anzutreten.«

»Wo du gerade davon sprichst«, sagte Krona. »Nimm’s mir nicht übel, aber du scheinst über den Verlust deines Onkels nicht allzu betrübt zu sein. Alles, wovon du sprichst, ist das Erbe, oder trügt mich dieser Eindruck?«

»Wie darf ich diese Frage verstehen?« Jerinas Stimme klang mit einem Mal angespannt. Pintel stützte sich auf seinen Rucksack und sah interessiert von einer zur anderen.

»So, wie ich sie gestellt habe«, sagte Krona. »Oder ist irgendetwas unklar?«

»Mein Onkel hat mich immer korrekt behandelt«, sagte Jerina sehr reserviert. »Ich lebte bei ihm, seit meine Eltern am Fieber starben. Aber er war mir gegenüber nie etwas anderes als korrekt, wenn du verstehst.«

»Ja«, sagte Krona und versuchte, diese Aussage mit dem herzlichen, gefühlvollen Mandor Markholt in Einklang zu bringen, den sie in Erinnerung hatte. »Dennoch hat er dir sein gesamtes Vermögen hinterlassen.«

»Ich bin die letzte Markholt. Viele in meiner Familie sind kinderlos geblieben.«

Fenrirs Rückkehr ersparte es Krona, sich eine passende Antwort zu überlegen.

»Es gibt etwas zu sehen«, berichtete er. »Einen Kampfplatz, keine drei Steinwürfe von hier.« Er wies in die Richtung, aus der er gekommen war.

Kurz darauf standen sie alle am Fuß eines hohen, vereinzelten Felsens, den Fenrir als Adlerfelsen bezeichnete, und starrten auf die zertrampelten Reste eines Lagerfeuers, niedergetretenen Waldboden und fünf von Fliegen umschwirrte Schratleichen.

»Auch das noch«, sagte Krona. »Schrate!«

»Ich nehme an, dass unsere beiden Wanderer hier gelagert haben«, sagte Fenrir. »Es sind dieselben Stiefelabdrücke. Und dieser eine«, er wies auf einen der Schrate, der mit dem Gesicht im Waldboden lag, »ist durch etwas umgekommen, das mir wie Zauberei aussieht.«

Pintel ging hinüber und beugte sich über die Leiche, wobei er angewidert das Gesicht verzog.

»Du hast recht«, sagte er. »Eine arkane Entladung, würde ich sagen. Kein besonders kunstfertiger Zauber, aber effizient. Puh – wie die stinken!« Er machte einen großen Schritt rückwärts.

»Schrate, ein Troll, irgendwelche Wanderer, die über Zauberkräfte verfügen«, zählte Krona zusammen. »Könnte eine spannende Nacht werden.«

»Keine Sorge«, sagte Pintel und brachte sich außer Reichweite des Gestanks. »Da lasse ich mir schon was einfallen.«

»Ich mache mir keine Sorgen«, knurrte Krona.

»Umso besser«, sagte Pintel unbeschwert. »Dann muss ich mir ja auch keine machen.«

Sie nahmen ihre Wanderung wieder auf. Krona ließ Jerina voran und hielt Pintel am Zipfel seiner Kapuze bei sich.

»Ist es eigentlich üblich bei den Reinlassern, sich so gut mit Zauberei auszukennen?«

Pintel machte ein unschuldiges Gesicht. »Wieso? Was meinst du?«

»Ich bin nicht dämlich, Pintel. Du hattest eine echte Vorstellung von dem, was da mit den Schraten passiert ist. Das fällt nicht mehr unter Allgemeinbildung.«

Pintel fasste nach oben, um seine Kapuze aus ihrem Griff zu entwinden.

»Ein Freund von mir ist ein Zauberer. Er hat die Academia Arcana besucht und mir so einiges erzählt. Ich fand … Zauberei … schon immer spannend … hrrrrf... würde es dir etwas ausmachen, mich loszulassen? Es atmet sich so schlecht, wenn jemand an deiner Kapuze zieht.«

Krona ließ die Kapuze los, und Pintel schnappte übertrieben nach Luft und richtete seine Kleidung.

»Was ist los?«, rief Jerina aus einiger Entfernung. »Noch etwas gefunden?«

»Ich bin nicht sicher«, rief Krona zurück, ohne den Blick von Pintel zu nehmen. »Wir gehen erst mal weiter.«

Hangaufwärts stießen sie auf einen zweiten Kampfplatz. Auch hier lagen Schrate, vier übelriechende Leichen, zwei davon durch Zauberei gefällt.

»Es ist eine Verschmutzung«, sagte Fenrir abfällig. »Kein Tier wird sie fressen wollen. Sie werden liegen, bis die Maden ihr Fleisch von den Knochen genagt haben und das Wetter ihre Gebeine zu Staub gemacht hat. Es wird Jahre dauern.«

»Mahlzeit«, sagte Pintel. »Und wo wir gerade beim Thema sind: Es wird bald dunkel, und ich bin fast verhungert. Wie wäre es mit einem Lagerplatz?«

»Lasst uns gehen, bis ich ihren Gestank nicht mehr in der Nase habe«, schlug Fenrir vor. »Dann können wir lagern.«

Als die Dunkelheit hereinbrach, hatten sie felsiges Gelände erreicht, das guten Schutz bot. In einer überdachten Felsnische schlugen sie ihr Lager auf.

»Ich brauche sofort ein Feuer«, verlangte Jerina, die blass und erschöpft aussah. »Ich bin völlig durchgefroren.«

»Tatsächlich?«, sagte Pintel. »Komisch. So kalt war es doch gar nicht.«

»Wir werden keines machen«, sagte Krona. »Das Risiko ist viel zu hoch. Ich will schlafen, nicht ungebetenen Besuch empfangen.«

»Aber ich brauche ein Feuer«, wiederholte Jerina beharrlich.

»Ich sagte dir, es würde kein Spaziergang werden! Du wirst ohne auskommen müssen.«

»Vielleicht auch nicht« warf Pintel ein. »Ich hätte nämlich auch gerne eines.«

»Ich sagte doch eben …«

»Du hast mir die Geschichte mit meinem Freund sowieso nicht geglaubt, oder?«

»Dein Freund, der Zauberer?«

»Genau. Den gibt’s nämlich gar nicht.«

»Überraschung.«

Pintel lächelte schief.

»Ich war selber auf der Academia. Ich bin Träger des dritten Arkanen Gradienten. Ich könnte darauf bestehen, dass man mich ehrwürdiger Zaubermeister Pintel Luffelheim nennt.«

»Du bist ein Zauberer?«, sagte Fenrir erstaunt.

»Aber kein sehr mächtiger«, maulte Jerina.

»Und wie willst du das beurteilen?«

Jerina warf Fenrir einen giftigen Blick zu.

»Ist nur so ein Eindruck.«

»Warum hast du es nicht von Anfang an gesagt?«, fragte Krona. »Wenn ich ein Zauberer wäre und einen Auftrag bekommen wollte, würde ich es doch nicht verheimlichen.«

»Ich wollte nicht als Angeber daherkommen«, sagte Pintel bescheiden. »Wo ich doch schon so viele andere Sachen kann.«

»Ach so. Ja, klar.«

»Bekomme ich jetzt mein Feuer?«, fauchte Jerina.

»Nein, verdammt! Ich will schlafen, nicht Schrate aufschlitzen!«

»Ich könnte unseren Platz tarnen, wenn ihr wollt«, sagte Pintel. »Niemand wird uns finden, und wenn wir den halben Wald anzünden.«

»Wie soll das gehen?«, fragte Fenrir.

»Willst du die wissenschaftliche Erklärung oder die allgemein verständliche?«, fragte Pintel zurück.

»Die verständliche, bitte.«

»Ich mache Nebel.«

»Das ist alles?«, fragte Krona.

»Es ist eine ganze Menge«, widersprach Pintel. »Es ist ein besonderer Nebel. Man verläuft sich darin und wird von unserem Lager weggeführt. In diesem Nebel würde man sich vor der eigenen Haustür verlaufen. Es ist eine Mischung aus Materiemanipulation und psychischer Desorientierung. Der Nebel fungiert als Trägersubstanz für die arkanen Wellen, die im Gehirn des Empfängers den Orientierungssinn stören und seinen Weg so manipulieren, dass er nicht mal in die Nähe des Erzeugers, also mir, kommt. Kombiniert mit einer leicht psychotropen Wirkweise kann man …«

»Danke«, sagte Krona. »Es reicht. Mach den Nebel.«

»In Ordnung«, sagte Pintel friedfertig.

Zwischen Misstrauen und Interesse verfolgte Krona, wie Pintel tief Luft holte und die Schultern straffte. Dann begann er, leise zu singen. Die Sprache kam Krona entfernt bekannt vor: Es musste Orda sein, die alte Sprache der Wissenschaft und Zauberei. Gleichzeitig vollführten seine dünnen kleinen Hände eine Reihe von Bewegungen, als würde er Luftströme einfangen und sie zu einem Teppich verweben. Eine kühle Berührung legte sich auf Kronas Gesicht. Sie zuckte zurück. Sie hatte nicht bemerkt, wie der Nebel aufgekommen war, aber er wirbelte um die kleine Gestalt des Zauberers herum, zog lange Streifen und ballte sich zu dicken Wolken zusammen. Schließlich beendete Pintel seinen Singsang und wedelte mit den Händen, als wolle er Hühner verscheuchen. Der Nebel wich zurück und bildete einen dicken, undurchdringlichen Kreis um das Lager. Pintel steckte die Hände in die Hosentaschen und grinste.

»Schließlich wollen wir hier nicht übers Feuer stolpern.«

»Beeindruckend«, sagte Krona aufrichtig.

»Danke schön«, strahlte Pintel. »Er wird sich im Umkreis von einigen Stunden im Wald ausbreiten. Wir sind hier so sicher wie daheim in unserem Wohnzimmer.«

»Es ist eine Weile her, dass ich ein Wohnzimmer hatte«, erklärte Krona und streckte sich vorsichtig. Der lange Tagesmarsch steckte ihr in den Knochen. »Aber ich erinnere mich.«

Im engsten Umkreis des Felsens, um nicht der Wirkung des Nebels zu erliegen, suchten sie Brennholz zusammen und verbrachten dann längere Zeit mit dem Versuch, ein Feuer zu entfachen, doch das Holz war feucht und wollte nicht brennen. Fenrir, der sich noch an der Holzsuche beteiligt hatte, stand nun einige Schritte abseits und starrte hinaus in den Wald, sein Blick hatte beinahe etwas Sehnsüchtiges. Jerina saß gegen den Felsen gelehnt und hatte ihren Mantel eng um sich gewickelt.

»Was hast du eigentlich vorher gemacht?«, fragte Pintel, während er und Krona versuchten, ein zögerndes Flämmchen am Leben zu halten. »Vor dieser Aufgabe, meine ich.«

Schlagartig bereute Krona ihre fahrlässige Bemerkung über Wohnzimmer.

»Ich war auf Reisen«, erwiderte sie ungenau. »Ich bin erst kürzlich zurückgekommen.«

»Und wo warst du?«, fragte Pintel.

»Auf den Südlichen Inseln.« Sie hatte mittlerweile Pintels Hartnäckigkeit kennengelernt, die er an den Tag legte, wenn er sich für etwas interessierte.

»Tatsächlich?«, sagte Pintel. »Wie spannend! Ich wäre auch beinahe einmal dort hingekommen. Ein Kollege von mir hat Forschung auf dem Gebiet der Teleportation betrieben und einige bemerkenswerte Ergebnisse erzielt, aber als ich sah, in welchem Zustand die Kuh war, die er aus ihrem Stall auf die Weide teleportiert hatte, wollte ich lieber doch nicht. Sie war mitten im Zaun materialisiert. Es war kein schöner Anblick.« Er verzog das Gesicht. Krona fluchte leise, das Flämmchen war erloschen.

»Wie ist es nun dort?«, fragte Pintel, während sie einen neuen Versuch unternahmen.

»Es könnte schön sein, wenn nicht Krieg wäre. Es ist nicht so viel anders als hier. Nur besser. Wärmer. Es fällt kein Schnee im Winter, und die Sommernächte sind mild. Es wachsen andere Dinge dort, Früchte und Ähnliches, es gibt viel davon, weil die Böden fruchtbar sind.«

»Klingt wie das Paradies.«

»Es ist das Paradies. Deshalb will jeder es haben, und deshalb ist Krieg dort. Von Zentallo aus versuchen sie, die Inseln zu unterwerfen. Sie nennen es nur anders. Sie sagen, sie bringen die Zivilisation. Straßen und solche Dinge.«

»Hatten die denn vorher keine Straßen?«

»Natürlich hatten sie welche.« Krona rieb Feuerstein und Eisen heftig gegeneinander. »Die kamen ganz gut klar, denke ich, auch ohne König und Staatsstraßen. Deshalb haben sie sich ja um Hilfe an uns gewandt. Sie hatten wenig Lust, zentallinische Kronkolonie zu werden, aber konnten gegen ihre Armeen wenig ausrichten.«

»Und du hast dich an diesem Feldzug beteiligt«, ergänzte Pintel. »Um die Südlichen Inseln vor den Eindringlingen zu beschützen.«

»Ja.«

»Komisch. Von solchen Sachen hört man gar nichts, so als Normalbürger.«

»Es ist weit weg. Die Seereise hat über vier Wochen gedauert.«

»Und?«, fragte Pintel erwartungsvoll. »Wart ihr erfolgreich?«

»Ich bin nicht bis zum Schluss geblieben«, erklärte Krona und wünschte sich, er würde aufhören zu fragen.

»Warum nicht?«, fragte Pintel. Krona seufzte.

»Ich war mir gegen Ende nicht mehr sicher, ob wir die Inseln wirklich befreien sollen, oder ob der König sie nicht nur für sich haben wollte – und den Zentallinern nebenbei eins auswischen. Eine abrantinische Kronkolonie im Süden, das könnte ihm gefallen, unserem König.«

»Dann gehört dein Schwert also doch nicht jedem«, kam Fenrirs Stimme von hinten. Er hatte sich dem Gespräch zugewandt, ohne seinen Posten zu verlassen.

»Hab ich dich nach deiner Meinung gefragt?«, fauchte sie. »Ich lasse mich nur nicht gern verarschen, das ist alles.«

»Wie lange warst du dort?«, fragte Pintel und ignorierte die aufkeimende Missstimmung.

»Fast drei Jahre.«

»Lange Zeit.«

»Ja.«

Es folgte keine weitere Frage. Krona atmete auf.

»Langsam verliere ich die Lust«, sagte Pintel nach einer Weile, in der sie schweigend und erfolglos versucht hatten, den sorgfältig aufgebauten Holzstoß zu entzünden. »Geh mal einen Schritt beiseite.« Er warf dem Holzstoß einen bitterbösen Blick zu, streckte die Hand aus, mit einem lauten Zischen schoss ein Feuerstrahl aus seinen Fingerspitzen und hoch schlugen die Flammen, als der Holzstoß Feuer fing.

Krona, die seiner Aufforderung im letzten Augenblick Folge geleistet hatte, schnappte nach Luft.

»Warum nicht gleich so?«

Pintel lächelte sanft. »Ich wollte dir die Gelegenheit geben, etwas aus deiner Vergangenheit zu erzählen.«

»Na, besten Dank.«

Krona hielt ihre Hände den Flammen entgegen und rieb die klammen Finger. Auch in Jerina, die bisher reglos und mit geschlossenen Augen im Schutz des Felsens gekauert war, kam nun Bewegung, sie rückte ans Feuer und schien die Wärme begierig in sich aufzusaugen.

»Ich kann mir nicht helfen, Mädchen«, sagte Krona zu ihr, »aber du siehst krank aus. Jeden Tag ein bisschen mehr, seit wir aufgebrochen sind. Bist du sicher, dass du noch durchhalten kannst?«

»Als ob ich jetzt noch eine Wahl hätte«, sagte Jerina missmutig. »Ich halte durch, keine Sorge. Nach der Karte können es höchstens noch zwei Tage Marsch sein.«

»Und dann kommt die eigentliche Prüfung. Und dann kommt der Rückweg.«

»Du hast eine bemerkenswerte Art, Leute aufzumuntern.«

»Ich sage nur, wie es ist.«

»Wir kriegen das schon irgendwie hin«, sagte Pintel unbeschwert. »Was soll ich kochen?«

»Ich könnte jagen gehen«, erbot sich Fenrir.

»Hast du nicht zugehört?«, fragte Pintel. »Der Nebel würde dich in die Irre führen. Nein, Fenrir, heute nicht, obwohl ich deinen Beitrag zum Abendessen vermissen werde.«

Trübsinnig durchwühlte er seine Kochvorräte. »Rüben mit Kräutern«, sagte er schließlich. »Mehr kann ich euch heute nicht anbieten. Keine Pilze, keine Beeren … was für ein Tag.«

»Es wird genügen«, sagte Krona. »Ich habe schon Schlimmeres gegessen.«

»He, Jerina«, sagte Pintel später, als sie darauf warteten, dass die Rüben in der Glut des Feuers gar würden. »Erzähl doch mal von Onkel Mandor. Er muss ein interessanter Mensch gewesen sein, wenn er sich solche Sachen ausdachte wie das hier.«

»Es geht so«, sagte Jerina kurz angebunden.

»Hast du ihn gern gehabt?«, fragte Pintel voll Mitgefühl.

»Geht so«, sagte Jerina wieder. »Ich bin müde, Pintel.«

»Trotzdem solltest du noch etwas von diesen Rüben essen, bevor du dich schlafen legst. Und bis sie gar sind, können wir uns unterhalten. Du redest sowieso sehr wenig, findest du nicht?«

»Es muss nicht jeder so viel reden wie du.«

»Uh«, sagte Pintel, kurz aus dem Konzept gebracht. »Das könnte ich als Beleidigung auffassen, weißt du? Aber ich tu’s nicht. Ich bin sicher, du hast es nicht so gemeint. Du bist müde, und du vermisst deinen Onkel, auch wenn du’s nicht zugibst, nicht wahr?«

»Von mir aus.«

»Er war ein feiner Mensch«, sagte Krona. »Er war ehrlich und aufrichtig und kein Hasenfuß, zumindest als ich ihn kannte. Er ist zuletzt ein wenig schrullig geworden, hat sich vielleicht ein bisschen viel mit Zahlen beschäftigt, aber er verdient es nicht, dass man so abschätzig über ihn spricht.«

»Ich frage mich, weshalb du dir ein Urteil erlauben kannst«, sagte Jerina feindselig.

»Das kann ich«, sagte Krona. »Ich war eine Weile mit ihm unterwegs, und ich habe gelegentlich mit ihm geschlafen, wenn du’s genau wissen willst.«

Jerina starrte sie schockiert übers Feuer hinweg an, und Pintel kicherte.

»Was willst du?«, fragte Krona. »Er war ein bisschen älter als ich, aber ein hübscher Mann. Ist übrigens viel zu früh gestorben, der Gute.« Sie entgegnete Jerinas Blick, bis diese sich wegdrehte.

»Wie lange brauchen diese Rüben noch?«, fragte Krona. »Ich könnte sterben vor Hunger.«

»Die kleinen sind gar«, sagte Pintel, der mit einem Stöckchen im Feuer herumstocherte. »Hier, die erste ist für unsere zauberhafte Jerina.«

Sie aßen schweigend und vorsichtig, um sich nicht Lippen und Finger zu verbrennen, und legten sich früh schlafen. Keiner hatte das Bedürfnis, sich der gedrückten Stimmung am Lagerfeuer weiter auszusetzen.

Krona fand keinen Schlaf. Der verzauberte Nebel lag wie eine riesige Glocke über dem Lager, verdeckte die Sterne und dämpfte die nächtlichen Geräusche des Waldes. Es war ein seltsames Gefühl, so abgeschnitten vom Rest der Welt zu sein. Sie drehte sich zur Seite und betrachtete ihre Gefährten. Jerina und Pintel schienen bereits fest zu schlafen, ihre Deckenburgen lagen reglos am Feuer. Fenrir aber wälzte sich ruhelos hin und her. Sie überlegte gerade, ob sie die Wärme ihres Schlafsackes verlassen und zu ihm hinüber gehen sollte, als er seine Decken zurückschlug, aufstand und sich lautlos vom Lager entfernte. Sie sah, wie er zwischen den Bäumen stehen blieb und hinaus in den Nebel starrte. Sie betrachtete seine reglose Silhouette, sein Körper war schlank und sehnig, ein wenig dünner, als sie es gewöhnlich bevorzugte, aber er hatte eine leichte, fast tänzerische Art, sich zu bewegen, die ihr gefiel.

Sie fragte sich, ob sie es darauf ankommen lassen sollte. In der Regel bekam sie, was sie sich in den Kopf setzte, doch bei diesem zugeknöpften Burschen mochten ihre Karten schlecht stehen.

Sie seufzte und drehte sich. Mehr als alles andere fehlte ihr eine kleine Aufmunterung, etwas Entspannung, eine kleine selbstgemachte Illusion von Nähe und Gemeinsamkeit. Danach würde sie schlafen können, sie kannte das, es funktionierte zuverlässig.

Sie sah zu ihm hinüber. Da stand er, wie angewachsen, und schaute in den Nebel.