Feuerjäger 2: Herz aus Stein - Susanne Pavlovic - E-Book

Feuerjäger 2: Herz aus Stein E-Book

Susanne Pavlovic

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Beschreibung

Krona Karagin ist zurück - und mit ihr ist nicht gut Kirschen essen. Es sieht nicht gut aus für die Schwertmeisterin und ihre Gefährten. Gyldinn, das Zauberwesen aus Feuer und Schatten, gewinnt unaufhaltsam an Macht. In einer verzweifelten Jagd verfolgen die Gefährten Gyldinn über die Grenzen des Königreichs Abrantes hinaus bis ans andere Ende der Welt. Sie kämpfen gegen Hitze, unwegsame Wälder und Untote. Als Krona in die Sklaverei verschleppt wird, scheint die Unternehmung gescheitert. Die Wege der Gefährten trennen sich. Doch Hilfe kommt von gänzlich unerwarteter Seite, und der Schlüssel zu Sieg oder Untergang liegt schließlich in den Händen der Zwerge. "Das ist das Wundersame an Geschichten", sagte Wolfram. "Was man für das Ende der einen halten könnte, ist in Wahrheit der Beginn einer anderen. Du bist schon längst in deiner neuen Geschichte. Sie ist voller Heldenmut und Schmerz und Liebe, und sie braucht eine großartige Heldin." Band 2 der Bestseller-Trilogie zeigt die Fülle und Farben einer Welt, von der das Königreich Abrantes nur ein kleiner Teil ist. Von Susanne Pavlovic ist im Abrantes-Zyklus erschienen: Das Spielmannslied Der Sternenritter Feuerjäger 1: Die Rückkehr der Kriegerin Feuerjäger 2: Herz aus Stein Feuerjäger 3: Das Schwert der Königin Die Herren von Nebelheim Drei Lieder für die Königstochter

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Seitenzahl: 1188

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Inhaltsverzeichnis
1: Schnaps und späte Rache
2: Legenden und Lieder
3: Rätsel und Spurensuche
4: Am Ende der Welt
5: Im Labyrinth der Löwin
6: Die Geister der Vergangenheit
7: Feuer zu Feuer
8: Herz aus Stein
Amrun Gesamtprogramm

Feuerjäger

Band 2

Herz aus Stein

Susanne Pavlovic

© 2015 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung: Christian Günther Lektorat: Carmen Weinand

Korrektorat: Sabine Steck Illustrationen: Kristina Gehrmann

www.mondhase.com

Kartendesign: Martin Lorber

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-053-0

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http://amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

1

Schnaps und späte Rache

»Ich habe dich noch nie singen hören, Hauptmann«, sagte Fenrir und trat von hinten an Krona heran. »Was ist denn der Anlass deiner Heiterkeit?«

Sie standen auf einem schmalen sandigen Streifen, der die steinige Küste vom Meer trennte. Es war Abend. Am Ausgang der kleinen Bucht hob sich die Silhouette eines zweimastigen Schiffes gegen den rötlichen Himmel ab, und ein Ruderboot näherte sich von dort aus dem Strand.

»Drei Zwerge auf einem Schiff, yo-ho-ho, und ein Fass voll Rum«, sang Krona. »Das wird ein Spaß.«

»Die letzte Fahrt nach Sturmwacht verlief ohne Zwischenfälle«, sagte Fenrir.

»Sturmwacht war weniger als ein Tag und zwei Zwerge. Zentallo ist zehn Tage und drei Zwerge. Das ist eine ungünstige Steigerung.«

»Falls wir Probleme bekommen, wird nicht er der Verursacher sein.« Fenrir sah hinüber zu Thork und Lianna. Thork stand reglos wie ein Fels und sah aufs Meer, während Lianna unruhig herumwanderte. »Außerdem werden wir zunächst nur nach Lichtenau fahren, wenn ich es recht verstanden habe.«

»Und die Ladung für Zentallo an Bord nehmen. Genau. Das Nächste, was mir nicht gefällt. Wir verlieren unnötig Zeit.«

Fenrir hob die Hände und ließ sie wieder fallen.

»Das nächste Mal mach es selbst«, sagte er. »Ich glaube Lomir, wenn er sagt, dass dies noch die beste Lösung für uns ist, unter den gegebenen Umständen. Es gibt seit einigen Tagen diese offizielle Reisewarnung, und der Hof spricht so etwas nicht ohne Grund aus. Wo sind unsere restlichen Zwerge übrigens?«

»Sie werden schon kommen.« Krona zog sich ihren Mantel enger um die Schultern. »Lomir hat wahrscheinlich im letzten Augenblick noch begonnen, sich um ein Geschäft zu kümmern.«

»Dann lass uns hoffen, dass Nardon seinen Einfluss geltend macht. Sonst ist dieses Schiff aus Zentallo zurück, ehe wir vollzählig sind.«

Pintel, der am Strand entlanggewandert war und im nassen Sand nach Muscheln gesucht hatte, kam hinüber zu ihnen, die Hände in den Manteltaschen vergraben.

»Hört mal«, sagte er. »Ich habe das schon Lomir gefragt, aber er wollte mir keine rechte Antwort geben. Was ist das denn für ein Schiff? Ich meine, warum geht es in dieser einsamen Bucht vor Anker und nicht im Hafen, wie Schiffe das normalerweise tun?«

»Versuch, dir die Frage selbst zu beantworten«, sagte Krona.

»Ich habe schon ein paar Ideen, aber ich kann nicht glauben, dass die zutreffen. Es gibt diese Geschichten von Piraten, die andere Schiffe überfallen und die Beute dann in einsamen Buchten vergraben und Ähnliches. Lomir wird uns aber kaum eine Passage auf einem Piratenschiff besorgt haben … oder?«

»Ganz so haarsträubend wird es schon nicht sein«, sagte Krona. »Schmuggler. Das ist meine Vermutung, und das wäre nicht die schlechteste Wahl, denn Schmuggler haben üblicherweise schnelle Schiffe.«

»Ich weiß nicht, ob mich das tröstet«, sagte Pintel und verzog das Gesicht.

»Ich weiß nicht, ob du eine Wahl hast«, sagte Fenrir. »Lass es auf dich zukommen. Wir werden das schon gut überstehen.«

»Wenn du es sagst ...«

»Seht mal.« Krona zeigte mit dem Finger. »Da kommen sie.«

»Alle Götter«, sagte Fenrir. »Was ist passiert?«

Den schmalen Trampelpfad vom Landesinneren entlang näherten sich zwischen hartem, raschelndem Gras vom Vorjahr die beiden vermissten Zwerge. Lomir trug schwer an doppeltem Gepäck, und mit dem freien Arm stützte er Nardon, der kaum in der Lage schien, alleine zu gehen. Mit großen Schritten kam Krona den Zwergen entgegen und nahm Lomir einen der Rucksäcke ab.

»Alles klar«, sagte sie mit einem Blick auf Nardon, der mit halb geschlossenen Augen an Lomirs Schulter hing, halblaut etwas Zwergisches murmelte und gelegentlich mit dem Finger in die Luft deutete. »Du weißt, dass er kotzen wird wie nie in seinem Leben, wenn er auf einem Schiff wieder nüchtern wird?«

»Wenn er wieder nüchtern wird, sind wir hoffentlich so weit von jedem Festland entfernt, dass Fluchtversuche keinen Sinn ergeben«, sagte Lomir grinsend. »Und zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass es ein Versehen war. Er sagte etwas von ein bisschen Mut antrinken. Ich hatte ja keine Ahnung, dass er so wenig verträgt.«

»Was ist los?«, fragte Fenrir, als sie unten auf dem Strand ankamen.

»Mut angetrunken«, sagte Krona. »Und in ein paar Stunden möchte ich wirklich nicht mit ihm tauschen.«

»Hier.« Lomir schob Nardon Krona entgegen, die schnell zupackte, ehe der Zwerg umfiel. »Halt mal. Das Boot ist angelandet, und der Kapitän höchstselbst nimmt uns in Empfang.«

»Da will ich dabei sein«, sagte Krona sofort und gab Nardon an Fenrir weiter, der wenig glücklich mit der Aufgabe schien, den Zwerg aufrecht zu halten, während dieser mit fahrigen Gesten seinen zwergischen Vortrag fortsetzte.

Das Boot, das von sechs Männern gerudert wurde, landete an, und ein siebter, der im Bug gesessen hatte, sprang an Land. Er trug hohe Stulpenstiefel, um die das knöcheltiefe Wasser strudelte, pludrige Hosen, eine verblichene Schärpe um die Hüften und eine lange, mit mottenzerfressenem Pelz besetzte Jacke. Zottiges langes Haar quoll unter seinem breitkrempigen Hut hervor, und sein breites Lächeln wirkte so künstlich wie die Reihe goldener Zähne, die er dabei enthüllte.

»Das gibt’s nicht«, murmelte Krona. »Der Mann ist ein lebendes Klischee, oder?«

»Darf ich vorstellen«, sagte Lomir. »Dalkur Goldhand, der Kapitän unseres Vertrauens. Krona Karagin, meine Reisebegleiterin.«

»Es freut mich außerordentlich«, sagte Goldhand mit einer galanten Verbeugung.

»Mich auch … glaube ich«, sagte Krona. »Zumindest bin ich dankbar, dass Ihr uns mitnehmt.«

»Ich bin sicher, Ihr werdet Euch hinreichend von meinen Vorzügen überzeugen können, während Ihr an Bord seid«, versprach Goldhand. »Und natürlich von denen meines Schiffes. Keine ist schneller in diesen Gewässern als die Sturmbringer.«

»Schnell ist nicht immer gut«, sagte Krona. »Den Fehler machen aber viele Männer.« Goldhand grinste breit.

»Ich sehe, meine Dame, wir werden uns gut vertragen. Wir teilen den gleichen Humor. Und der Rest Eurer Reisegesellschaft? Sind alle hier? Drei Zwerge! Na, das kann ja was werden. Ihr hattet nicht erwähnt, Meister Feuerbeil, dass außer Euch noch weitere Zwerge an Bord gehen.«

»Ich hielt den Unterschied nicht für erheblich«, sagte Lomir unschuldig.

»Er ist es nicht, wenn keiner von Euch im Weg steht und Panik verbreitet, sobald es ein wenig schaukelt«, sagte Goldhand.

»Das verspreche ich«, sagte Lomir.

»Und das Zuckerstück da drüben?« Goldhand deutete mit dem Kinn hinüber zu Lianna. »Ist sie vergeben? Ich habe noch ein hübsches Plätzchen in der Kapitänskajüte frei.«

»Freut Euch nicht zu früh, Herr Kapitän«, sagte Krona. »Seht Ihr den Zwerg mit der Augenklappe? Er ist ihr Leibwächter, und er versteht sein Geschäft, ob es nun schaukelt oder nicht.«

»Zumindest wird ihr Anblick die Moral der Mannschaft gewaltig heben«, sagte Goldhand. »Und nun, an Bord mit Euch. Wir müssen auf offener See sein, bis es dunkel ist.«

Sie verluden zuerst das Gepäck und den einigermaßen wehrlosen Nardon in das Boot und stiegen dann selbst zu. Krona musterte die Matrosen, während das Boot im flachen Wasser schaukelte. Einer wie der andere machten sie den Eindruck, als hätten sie mehr als nur einmal den Strick verdient.

Sie sah hinüber zu ihren Gefährten. Lomir stützte Nardon, der Zwergisches aufs Meer hinaus sprach und die Faust schüttelte. Thork saß ihr schräg gegenüber und wirkte wie versteinert. Pintel neben ihr träumte zu Lianna hinüber, die ihrerseits ungeduldig über die Schulter nach dem Schiff draußen in der Bucht schaute. Fenrir fing ihren Blick auf und hielt ihn fest.

»Zählst du deine Schäfchen?«, sagte er leise zu ihr. »Sei unbesorgt. Noch ist keiner über Bord gegangen.«

»Wir sind ja auch noch keine Minute auf dem Wasser«, erwiderte sie mit schwachem Grinsen.

»Entspann dich, bitte. Wir werden die Hälfte aller Probleme nicht haben, die du gerade siehst.«

»Ich weiß. Ich bin eine professionelle Schwarzseherin. Ich kann’s nicht ändern.« Zu laut, offensichtlich, denn Goldhands Kopf drehte sich in ihre Richtung.

»Vertraut Ihr uns etwa nicht?«, fragte er mit einem öligen Lächeln.

»Nicht weiter als ich Euch werfen kann«, sagte Krona. »Und wundert Euch das? Aber falls es Euch beruhigt: Die zweifelhafte Moral Eurer Mannschaft ist nur ein Teil meiner Besorgnis, und den Rest werde ich bestimmt nicht vor Euch ausbreiten.«

»Wir können euch in Ehrenfeld von Bord lassen, falls ihr es euch bis dahin anders überlegt habt«, schlug Goldhand vor. »Den Preis für Eure Überfahrt behalten wir natürlich. Wir hatten schließlich unsere Aufwendungen.«

Die Ruderer legten sich in die Riemen. Das Boot wurde von Wellen angehoben und hinaus aufs Meer getragen. Der Strand entfernte sich.

»Ehrenfeld also«, sagte Krona. Ihre Linke suchte das Heft ihres Schwertes unter ihrem Mantel, kühl, vertraut und schmeichelnd in ihrer Handfläche.

»Was ist mit Ehrenfeld?«, fragte Fenrir. Sie sah ihn an, er wirkte alarmiert.

»Nichts«, sagte sie und versuchte sich an einem Lächeln, das viel zu bitter geriet. »Nur eine weitere Station in meinem vermurksten Leben.«

»Wir werden einen ruhigen Ort finden, falls du davon erzählen möchtest«, sagte Fenrir. »Versprich einstweilen nur, dass du nicht unangekündigtetwas erledigengehst.«

»Wird mir schwerfallen«, sagte Krona mit einer vagen Handbewegung hinaus aufs Meer.

»Ich bezog es auf unsere Ankunft in Ehrenfeld.

»Ich weiß. Ich habe versucht, einen Witz zu machen.«

»Ist dir nicht gelungen.«

»Hab ich gemerkt, Klugscheißer.«

»Worum geht’s?«, fragte Pintel und unterbrach kurzzeitig seinen Flirt mit Lianna.

»Schon vorbei«, sagte Fenrir. »Nichts Wichtiges.«

Schließlich gingen sie an der Sturmbringer längsseits und kletterten eine schwankende Strickleiter hinauf an Deck. Nardon leistete keinen Widerstand, war allerdings auch nicht in der Lage, die Kletterpartie aus eigener Kraft zu bewältigen, und so banden sie ihm einen Strick um die Mitte und zogen ihn an Bord, wie sie es auch mit dem Gepäck taten.

»Seht zu, dass er sich nach Lee übergibt, wenn er damit anfängt«, sagte der Kapitän mit einem kritischen Blick auf den Zwergen, der, grün im Gesicht, wie ein Häufchen Elend auf den feuchten Planken hockte.

»Nach was?«, fragte Pintel.

»Zur windabgewandten Seite«, erklärte Krona. »Alles klar, Kapitän. Es ist nicht meine erste Seereise. Ich weiß, worauf man achten muss.«

»Gut«, sagte Goldhand. »Dann entschuldigt mich. Ich muss diesen Haufen Idioten antreiben, der sich meine Mannschaft nennt.«

»Was für ein widerlicher Mensch«, sagte Lianna, als der Kapitän, Befehle brüllend, gegangen war. »Habt ihr gesehen, wie er mich angestarrt hat? Wenn er das noch mal macht, schneide ich ihm seine Augen raus.«

»Was ziemlich dämlich wäre, denn er ist es, der die Disziplin an Bord so weit aufrecht hält, dass sich nicht zwanzig notgeile Matrosen auf dich stürzen«, sagte Krona. »Aber nur zu. Tu, was du nicht lassen kannst.«

»Und du bist die nächste, wenn du mir noch mal so kommst«, fauchte Lianna.

»Mach mich nicht wütend«, sagte Krona. »Es bekommt dir nicht, ich schwör’s dir.«

»Lasst es gut sein, alle beide«, sagte Thork. Er sah blass aus unter seiner versteinerten Fassade, aber seine dunkle Stimme klang ruhig wie immer. »Dies ist kein Ort für Streitereien. Wir werden alle unsere Kräfte brauchen, um gegen diesen Haufen von Verbrechern zu bestehen.«

»Er hat recht«, sagte Fenrir und nahm Krona beim Arm, die sich nur widerstrebend von ihrer jungen Gegnerin losriss. »Und jetzt komm, oder sollen Pintel und ich das ganze Gepäck alleine nach unten bringen?«

»Was ist mit Lomir?«, fragte Krona und folgte Fenrir zögernd.

»Hat zu tun.«

»Verstehe«, sagte Krona, die Lomir an der Reling entdeckte, wo er versuchte, den zitternden Nardon in eine einigermaßen stabile Position zwischen zwei Seilrollen zu bringen.

Sie brachten das Gepäck unter Deck und ließen sich von einem zahnlückigen Matrosen, der sich großspurig Quartiermeister nannte, eine Anzahl von Hängematten in einem Raum zeigen, der offenbar das Mannschaftsquartier war.

Es war eng und dunkel hier unten, die Decke war niedrig, und es stank nach Kohlsuppe und ungewaschenen Menschen.

»Tragt alles, was euch etwas wert ist, am Körper«, sagte Krona leise. »Ihr könnt damit rechnen, dass unsere Sachen mindestens einmal geplündert sind, bis wir in Zentallo ankommen. Und nachts werden wir Wachen aufstellen. Am besten hält sich keiner von euch alleine irgendwo auf. Das gilt vor allem für Lianna und mich.«

»Ich nehme an, ihr werdet euch schon wehren können, wenn euch einer zu nahe rückt, oder nicht?«, fragte Pintel, der bereits seine Hängematte ausprobierte.

»Ich versuche nur, Schwierigkeiten vorzubeugen«, erklärte Krona. »Natürlich können wir uns wehren, aber hässliche Zwischenfälle, egal welcher Art, können schnell dazu führen, dass man über die Planke geht, ob man nun schuld ist oder nicht.«

»Lasst uns wieder an Deck gehen«, sagte Fenrir, dessen gelber Blick unruhig herum huschte. »Hier unten ist es ja nicht auszuhalten.«

Sie folgten ihm nach oben, suchten sich einen geschützten Platz auf dem Hinterdeck und richteten sich für ihre erste Nacht auf See ein. Der scharfe Nordostwind brachte Regen, aber er füllte die Segel und trieb das Schiff rasch voran. Man hatte an Deck Sturmlaternen entzündet, die mehr schwankende Schatten als brauchbares Licht produzierten und der endlosen Schwärze des Meeres nichts entgegenzusetzen hatten.

Krona hielt es auf den Beinen. Sie ließ ihren Schlafsack zusammengerollt, tastete sich hinüber zur Reling und hielt ihr Gesicht in den salzigen Wind, bis ihre Wangen brannten.

Erst Schützenberg, jetzt Ehrenfeld. Wann eigentlich habe ich einer Rundreise durch die Trümmer meines Lebens zugestimmt? Was soll der Scheiß? Kann ich nicht einfach mein Leben in Ruhe zu Ende bringen? Es gut sein lassen. Nicht mehr dran denken. So tun, als wäre es nie gewesen.

Sie legen ihn vor meine Tür.

Nein, bitte nicht. Bitte nicht.

»Hauptmann?«

Er ist ganz still, sein Gesicht ist weiß. Blut läuft aus seinem Körper und bildet dunkle Pfützen auf den Dielen. Er sieht überrascht aus. Seine Augen stehen noch offen. Ich kann sie ihm nicht schließen. Cladis tut es. Ich kann ihn nicht anfassen, diesen leblosen, schlaffen Körper. Ich habe so viele tote Männer gesehen, aber er kann nicht tot sein, er kann doch nicht einfach tot sein.

»Krona?«

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie fuhr herum, zu Tode erschrocken, und prallte gegen Fenrir, der ihre Schultern packte und sie festhielt.

»Alle Götter«, keuchte sie. »Hast du mich erschreckt.«

»Das war nicht meine Absicht«, sagte er. »Es war nur nicht gerade einfach, deine Aufmerksamkeit zu bekommen.«

»Was ist los?«

»Das wollte ich gerade dich fragen.«

»Was soll los sein? Ich habe keine Lust, mich schlafen zu legen. Das ist alles.«

Fenrir sah sie an, seine Hände lagen noch auf ihren Schultern.

»Na gut«, sagte sie. »Es ist dieses beschissene Ehrenfeld. Ich hatte nicht vor, dort jemals wieder hinzugehen. Ich bin bis auf die Südlichen Inseln gefahren, nur um genug Abstand zwischen mich und diesen Ort zu bringen.«

»Und es hat nicht gereicht.«

»Richtig.«

Er schwieg und sah sie an.

»Verdammt«, sagte sie. »Es ist ein paar Jahre her. Ich sollte eigentlich locker drüber reden können, aber ich kann’s nicht. Nicht locker. Wenn ich nicht drüber rede, kann ich so tun, als wäre es nie passiert, verstehst du?«

»Ja«, sagte er. »Nur funktioniert so etwas nicht auf Dauer.«

»Richtig«, sagte sie.

Sie schwiegen. Sie sah ihn an, seine Züge waren vom spärlichen Licht der Sturmlaterne eher überschattet als erhellt, sein Blick ging hinaus auf das Meer. Der Wind zerrte an seinem dunklen Haar.

»Ich war dort stationiert, bevor ich auf die Südlichen Inseln ging«, sagte sie sachte. »Es ist eine der größten Garnisonen der Insel. Mein Mann liegt dort begraben. Mein zweiter. Mattis.«

Fenrir nickte, sein Blick blieb ruhig. Sie spürte, wie die Wärme seiner Hände langsam durch ihre Kleidung hinunter auf ihre kalte Haut drang.

»Sie haben ihn umgebracht«, sagte sie. »Er hat ihn umgebracht. Leuthold von Leiningen. Er war damals Zweiter Kommandant und wollte gerne Erster werden, und Mattis wusste ein paar unschöne Dinge aus seiner Vergangenheit. Leuthold hat Mattis etwas in die Schuhe geschoben und hat ihn zu einem Zweikampf auf die Ehre gefordert. Solche Zweikämpfe werden üblicherweise mit stumpfen Übungswaffen ausgetragen. Es geht um die Ehre, nicht um das Leben. Mattis´ Klinge war stumpf. Die von Leuthold nicht. Eine ganz bedauerliche Verwechslung.«

Sie holte tief und zitternd Luft. »Er hat ihm die Klinge ins Herz gerammt. Er wusste, er hat ein scharfes Schwert in der Hand. Es war kein Unfall, es war eine Hinrichtung.« Sie wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Salz brannte in ihren Augen. Sie machte einen Schritt nach vorne und vergrub das Gesicht an Fenrirs Hals. Er blieb stehen und fing ihr Gewicht auf, und sie spürte, wie seine Arme sich um sie schlossen.

»Verdammte Scheiße«, sagte sie zwischen Stöhnen und Schluchzen. »Lass mich einfach unauffällig über Bord gehen. Das wäre vielleicht wirklich das Beste.«

»Das Einfachste, zumindest«, sagte er.

»Warum komme ich nicht zurecht damit? Es ist doch kein besonderes Schicksal. Ich müsste doch irgendwann darüber hinweg sein. Ich will doch nur meine Ruhe haben.«

»Erwartest du, dass ich dir diese Frage beantworte?«

»Warum nicht? Wenn du eine Antwort hast.«

»Such dir die Antwort selbst. Ich bin nicht dein Lebensberater.«

»Besten Dank«, sagte sie, und sie spürte, wie er lächelte.

»Es soll genügen, dass ich dir meine Schulter leihe«, sagte er.

»Lomir!«, quietschte Pintels Stimme von hinten aus der Dunkelheit. »Guck mal! Schnell! Dieküssensich!«

»Tun sienicht«, sagte Krona laut, ihre Stimme klang sehr nach bemühter Normalität. »Und jeder, der etwas anderes behauptet, kann nach Zentallo schwimmen.«

»Wer? Wo?«, kam Lomirs Stimme alarmiert.

Fenrir schob Krona von sich und machte einen Schritt rückwärts, aber seine goldenen Augen lagen auf ihr, und er lächelte.

»Nicht dieses Mal«, sagte er.

»Ich höre wohl nicht richtig«, sagte sie verblüfft.

»In jedem Fall würde ich es bedauern, wenn du über Bord gingest.«

»Schon gut. Ich tu’s nicht. Ich bin zäh. Und jetzt komm. Lass uns einen weniger einsamen Ort auf diesem Kahn suchen, sonst hat man uns bis zum Morgengrauen ein wildes Liebesleben angedichtet.«

»Ja«, sagte Fenrir. »Ich wollte ohnehin nachsehen, wie es Nardon geht.«

Beide nicht an den schwankenden Boden unter ihren Füßen gewöhnt, tasteten sie sich die Reling entlang, wichen einer Reihe von Fässern aus und duckten sich unter straff verspannten Seilen hindurch.

»Warst du eigentlich jemals am Grab deines Mannes?«, fragte Fenrir. Krona hielt überrascht inne.

»Nein«, sagte sie. »Nicht seit der Beerdigung. Meinst du, ich sollte?«

»Ich meine gar nichts.«

»Ich denke mal drüber nach.«

»Denken schadet nie.«

Nardon war in erbärmlichem Zustand. Die spärliche Deckbeleuchtung unterstrich seine grüne Gesichtsfarbe, und er zitterte am ganzen Körper. Lomir hatte ihn in Decken gepackt und vorsichtshalber einen Eimer neben ihm deponiert.

»Er hält sich wacker«, sagte er. »Wartet nur. Bis Zentallo machen wir noch einen echten Seefahrer aus ihm.«

»Mach du einen Seefahrer aus mir, und ich mach aus dir einen Mönch«, sagte Nardon schwach. »Und bitte erinnert mich an das hier, sollte ich jemals wieder etwas anderes trinken wollen als Wasser und Tee.«

»Und habt ihr euch nun geküsst oder nicht?«, fragte Lomir neugierig.

»So oder so geht es dich nichts an«, sagte Fenrir.

»Aber es interessiert mich«, sagte Lomir grinsend.

»Nein«, sagte Krona. »Klares, unmissverständliches Nein. Geht das in deinen lüsternen Schädel rein?«

»Schade«, sagte Lomir. »Ihr würdet ein hübsches Paar abgeben.«

»Ein Wort noch, und ich mache Nardons Drohung wahr«, sagte Krona.

»Ist ja gut«, seufzte Lomir. »Ich bin eben immer auf der Suche nach ein bisschen Romantik im Alltag.«

»Eimer, bitte«, stöhnte Nardon.

»Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen«, sagte Fenrir. »Weckt mich ruhig, wenn ihr mich braucht.«

»Ich löse dich ab, wenn du möchtest«, bot Krona Lomir an, als Nardon wieder aus dem Eimer aufgetaucht war. »Ich kann sowieso nicht schlafen.«

»Das wäre mir recht«, sagte Lomir mit einem Blick hinunter auf seinen gebeutelten Freund.

»Geh nur«, sagte Nardon matt. »Ich bin sicher, mit Krona habe ich eine Expertin an meiner Seite.«

»Allerdings«, sagte sie. »Man überlebt es, auch wenn es sich nicht so anfühlt.«

Lomir verabschiedete sich zum Schlafen, und Krona bezog neben Nardon auf einer Seilrolle Posten. Irgendwann war auch Nardon eingeschlafen, und als ein fahler, heller Streifen über dem Horizont den Morgen ankündigte, hatte Krona eine Entscheidung getroffen.

Sie kreuzten eine Weile vor der Küste Lichtenaus, bevor sie in einer einsamen Bucht vor Anker gingen. Es war Vormittag. Lomir, Pintel und Lianna fanden sich an Deck ein, wo Fenrir, der mit dem ersten Sonnenstrahl erwacht war, bereits unruhig seine Runden drehte. Nardon schlief noch zwischen seinen Seilrollen, und Thork, dessen Gesicht eine Spur grauer und erschöpfter wirkte als am Vortag, stand an der Reling und sah hinüber zum Strand, als könne er ihn allein mit der Kraft seiner Gedanken heranholen.

»Und?«, sagte Krona und stellte sich neben ihn. »Wie geht’s?«

»Ich bin kein Seefahrer«, sagte Thork. »Zwerge gehören nicht aufs Wasser.«

»Seekrank?«

»Nicht direkt.«

»Du wirst dich schon gewöhnen. Es sind zehn Tage bis Zentallo. Dusolltestdich gewöhnen.«

»Vielleicht.« Er starrte misstrauisch hinunter aufs Wasser. »Gròr hat seltsame Prüfungen für mich vorgesehen. Erst Pferde und jetzt das.«

»Alle mal herhören, werte Gäste«, schallte Goldhands Stimme über das Deck. Er stand erhöht auf einem Querbalken, seine verblichene Schärpe flatterte im Wind. »Wir nehmen hier unsere restliche Ladung an Bord. Dies wird im Laufe des Tages geschehen. Heute Abend, sobald es völlig dunkel ist, nehmen wir Kurs auf Zentallo. Ihr könnt den Tag an Land verbringen, aber wer sich nicht rechtzeitig wieder hier einfindet, wird zurückgelassen. Wir warten auf niemanden, verstanden?«

»Klar und deutlich«, bestätigte Lomir. »Wir werden da sein.«

Nardon schien nur sehr widerwillig die dunkle Zuflucht des Tiefschlafes zu verlassen, ließ sich aber mit der Aussicht auf einen Tag an Land rasch trösten. Er brachte die schaukelnde Fahrt in dem Beiboot mit heroischer Todesverachtung hinter sich, stolperte auf den Strand wie ein der Verdammnis Entkommener und ging in die Knie.

»Warum schaukelt es immer noch?«, fragte er hilflos. »Ich bin doch jetzt an Land, oder?«

»Mach ein paar Schritte«, riet Lomir ihm. »Das Schaukeln vergeht.«

»Verrückte Welt«, murmelte Nardon und zog sich an seinem Freund in die Höhe.

»Momentchen«, sagte Krona laut. »Kommt mal alle hier rüber, bevor ihr euch über den Strand verteilt. Ich habe etwas mit euch zu besprechen.«

Sie wartete, bis die Gefährten sich um sie versammelt hatten, und holte tief Luft. Ein seltsames Gefühl schnürte ihr die Kehle zu.

»Ich …«, begann sie, brach ab und räusperte sich, was nicht half. »Ich hab hier was zu erledigen«, sagte sie heiser.

»Oh nein«, sagte Pintel. »Nicht schon wieder. Als du zuletzt etwas zu erledigen hattest, warst du hinterher drei Tage krank.«

»Verkatert«, korrigierte Lomir. »Ein Kater ist keine Krankheit, genau genommen.«

»Das eine wie das andere hielte ich für ungünstig«, sagte Pintel. »Ich fühle mich nicht sehr wohl unter diesen Piraten, und ich will nicht, dass meine Beschützerin ihr Schwert nicht heben kann.«

»Ich habe nicht vor, mich zu betrinken«, sagte Krona.

»Aber du neigst dazu«, warf Lomir ein.

»Das steht jetzt nicht zur Diskussion«, sagte Fenrir. »Lasst sie sprechen.«

Krona warf Fenrir einen dankbaren Blick zu und versuchte, den roten Faden ihrer sorgfältig zurecht gelegten Rede wiederzufinden, doch der blieb verschwunden.

»Also«, sagte sie. »Ich kenne hier ein paar Leute von früher. Ehrenfeld hat eine Garnison, falls ihr das nicht wisst, und dort habe ich viele Jahre gedient. Und jetzt … denke ich … ich muss … also, wo ich doch schon mal hier bin …«Verdammt. Ich krieg’s nicht hin.

»Du möchtest dort herausfinden, ob sie dich wirklich unehrenhaft entlassen haben, nach dieser Gefängnis-Sache«, half Pintel aus.

»Das haben sie«, sagte Lomir. »Jede Wette. Den Weg kann sie sich sparen. Die Mühlen der Bürokratie arbeiten langsam, aber unerbittlich.«

»Ja«, sagte Krona und klammerte sich an den rettenden Einfall. »Trotzdem. Ich muss in diese Garnison rein, und das schaffe ich nicht alleine.«

»Du brauchst unsere Hilfe«, sagte Lomir.

»Ja«, sagte Krona.

»Sag das doch gleich«, sagte Lomir. »Kein Problem. Obwohl ich schwören könnte, dass sie dich entlassen haben. So leid es mir tut.«

»Trotzdem.«

»Warum gehst du nicht einfach rein, wenn du die Leute doch von früher kennst?«, fragte Pintel.

»Ich bin dort nicht gern gesehen«, sagte Krona. »Aus verschiedenen Gründen. Ich muss mir irgendwie Zutritt verschaffen.«

»Ich nehme an, du hast bereits einen Plan«, sagte Fenrir.

»Ja. Die Schwierigkeit ist, reinzukommen. Ich brauche eine Ablenkung am Tor, damit ich durchschlüpfen kann. Wenn ich einmal drin bin, kann ich mich einigermaßen ungehindert bewegen. Das Gelände ist recht weitläufig, und ich kenne den Weg der Wachen. Ich habe lange genug die Dienstpläne eingeteilt.«

»Was, wenn sie das in der Zwischenzeit geändert haben?«, fragte Pintel.

»Es ist Militär.« Krona verzog die Mundwinkel. »Ein paar Jahre reichen nicht aus, um etwas wie einen Dienstplan zu ändern.«

»Und wie willst du wieder raus kommen?«, fragte Lomir.

»Durch eine zweite Ablenkung am Tor«, sagte Krona. »Ich hatte auf ein wenig Zauberei gehofft.«

»Ich lasse mir etwas einfallen«, sagte Pintel bereitwillig.

»Ich könnte ein wenig Unterstützung brauchen, wenn ich drin bin.« Krona sah Fenrir an, der nickte.

»Und wann soll es stattfinden?«, fragte Lomir.

»Heute Abend, nach Einbruch der Dunkelheit«, sagte Krona.

»Du weißt, dass wir den Anker lichten, sobald es dunkel ist?«

»Ja. Deshalb brauche ich auch dich hier, beim Kapitän. Du musst ihn überreden, zu warten, falls wir nicht ganz pünktlich sind.«

»Und wie soll ich das machen? Du hast ihn vorhin gehört. Auf Nachzügler wird keine Rücksicht genommen.«

»Du kannst einem Wanderzirkus einen Eimer Flöhe verkaufen. Du wirst auch das schaffen.«

»Danke für das Vertrauen«, sagte Lomir zweifelnd.

»Wenn du möchtest, sichern Lianna und ich deinen Rückweg, und halten uns bereit, falls du Verstärkung brauchst«, bot Thork an.

»Ja«, sagte Krona. »Danke. Besser, man hat es, als man braucht es.«

»Dann bin ich der Einzige, der sich nicht beteiligt«, sagte Nardon mit einer Spur von Enttäuschung in der Stimme.

»Ich brauche deine Unterstützung, was den Kapitän betrifft«, sagte Lomir. »Wer weiß, vielleicht müssen wir eine Meuterei anzetteln, um Zeit zu gewinnen.«

»Das ist doch nicht dein Ernst«, sagte Nardon, und Lomir grinste.

»Überleg doch mal. Es wäre ein unschlagbarer Vorteil für mein Geschäft, wenn ich eine eigene Flotte hätte.«

»Schon gut«, sagte Krona. »Alle wissen Bescheid. Wir brechen am Nachmittag auf. Ich weiß nicht genau, wie weit wir von hier aus gehen müssen.«

Die Garnison glich einer eigenen kleinen Stadt vor den Toren Ehrenfelds. Hohe, weiß gekalkte Mauern umgaben das eigentliche Gelände, doch war man offenbar mit steigender Truppenstärke auch auf die umliegenden Felder ausgewichen, wo in Zeltstädten das Gras zu Schlamm zertrampelt wurde. Über den Toren wehte das rot-weiße Drachenzahnbanner im Wind. Die Sonne war bereits untergegangen, das Licht schwand rasch.

»Sie scheinen nichts zu befürchten«, sagte Fenrir und spähte mit zusammengekniffenen Augen hinüber. Die Gefährten hatten sich vom Waldrand genähert und am Rand der breiten, belebten Königsstraße im Schutz einiger alter Obstbäume Posten bezogen. »Es sind nur zwei Wachen am Tor, und ich sehe nicht mehr als zwei Mauerwachen auf den Zinnen.«

»Wozu auch mehr«, sagte Krona. »Ihre größte Sorge ist, dass Schnaps hineingeschmuggelt wird. Es ist eine Garnison, kein Gefängnis.«

»Wir machen es wie folgt«, sagte Pintel. »Wir gehen alle zusammen hin, und ich fange ein Gespräch mit den Torwachen an. Nein, noch besser: Lianna fängt ein Gespräch mit den Torwachen an. Du kannst sicher ihre Aufmerksamkeit für einen Augenblick oder länger auf dir halten, oder nicht?«

»Natürlich«, sagte Lianna.

»Natürlich«, sagte Pintel mit einem kleinen sehnsüchtigen Seufzer. »Wo war ich? Ach ja. Ich bereite einstweilen meinen Vergessenszauber vor, und Krona und Fenrir schlüpfen durchs Tor. Denkt daran, dass der Zauber nur kleine Dinge auslöscht, die man ohnehin schnell vergessen hätte: Krona, man sollte dich also besser nicht erkennen. Das ist mein Teil des Plans.«

»Vielleicht solltest du mit reinkommen und am Tor warten«, sagte Krona. »Es gibt dort genug Möglichkeiten, sich zu verstecken. Schließlich können wir dir schlecht von innen Bescheid geben, wann wir die zweite Ablenkung brauchen, wenn du draußen stehst.«

»Da ist was dran«, sagte Pintel. »Also gut.«

»Gut«, sagte Krona. »Dann lasst uns gehen.«

Wirklich? Da hinein? Wie, zum Teufel, kommst du nur auf diese beschissene Idee? Alles wieder aufreißen, wieder ganz von vorne anfangen? Warum konntest du nicht stillhalten, den Kopf einziehen und es vorbei gehen lassen? Einfach am Strand bleiben und den Tag versaufen, Hauptmann Karagin, yo-ho-ho, und ein Fass voll Rum …

»Worauf wartest du?«, sagte Fenrir hinter ihr und schob sie sanft, aber energisch vorwärts.

»Nichts«, sagte sie. »Man wird doch mal durchatmen dürfen.«

»Durchatmen darfst du hinterher, wenn wir wieder auf unserem Schiff sind«, sagte Fenrir. »Und jetzt zieh deine Kapuze über und halte dich hinter mir im Schatten.«

Sie näherten sich auf der breiten, gut befestigten Straße dem Tor, an dem mittlerweile die Fackeln entzündet worden waren. Es stand offen, und sie konnten sehen, dass die Straße sich auf der anderen Seite zwischen den schmucklosen Fassaden flacher Gebäude fortsetzte.

»Guten Abend«, sagte Lianna und trat auf die Torwachen zu. »Ihr könnt uns vielleicht einige Auskünfte geben, wollt Ihr so freundlich sein?« Ihr Tonfall war schmeichelnd, und sie wiegte sich ein klein wenig in den Hüften und drehte das Ende ihres Zopfes um den Finger.

»Aber gerne, meine Dame«, sagte der eine, ein junger, spitznasiger Soldat, während sein Kollege einen roten Kopf bekam und dämlich zu grinsen begann. Pintel, der hinter Lianna stand, murmelte einige Worte und blies ein wenig Sand von seiner Handfläche. Fenrir stieß Krona vorwärts, sie stolperte, und er packte sie am Arm und zog sie voran. Ohne dass jemand auf sie achtete, passierten sie das Tor und suchten auf der anderen Seite Deckung zwischen der Mauer und einigen Büschen. Pintel, dem ein unauffälliger Weg durchs Tor von den Wachen, die sich in die Brust warfen, versperrt war, sah ihnen nach und hob etwas hilflos die Hände.

»Aua«, sagte Krona unfreundlich.

»Die Mauerwachen.« Fenrir wies mit dem Kinn nach oben. »Sie hatten sich gerade abgewandt. Es war eine gute Gelegenheit. Wohin nun?«

Krona versuchte, ruhig zu atmen, aber die Luft schien dünn geworden. Sie fühlte sich elend und verängstigt.

»Wir können hier an der Mauer entlang gehen«, sagte sie. »Nur die Straßen sind beleuchtet, und die Eingänge. Hier hinten liegen Materiallager und Stallungen. Eine ruhige Ecke, vor allem zur Abendessenszeit.« Obwohl sie übergroße Anstrengung darauf verwendete, entschlossen und ruhig zu klingen, gelang es ihr nicht. »Es tut mir leid«, sagte sie und schlug die Hand vor den Mund. »Ich … oh, alle verdammten Götter. Was für eine Scheiß-Idee. Ich krieg’s nicht hin.«

»Willst du abbrechen?«, fragte Fenrir.

»Nein«, sagte sie erstickt hinter ihrer Hand.

»Du solltest nicht so viel Kraft darauf verschwenden, Haltung zu bewahren. Niemand sieht dich. Es ist völlig unnötig.«

»Du siehst mich.«

»Mir musst du aber nichts beweisen.«

Krona atmete tief und zitternd. Die Luft kam zurück, sie roch feucht und nach Erde und nassem Lederzeug. Sie nahm die Hand vom Gesicht.

»Gehen wir«, sagte sie.

Leise und so unauffällig wie möglich bewegten sie sich an der Mauer entlang. Gestrüpp wucherte hier und füllte den Zwischenraum zu den rückwärtigen Wänden der Gebäude, doch ein Trampelpfad erleichterte das Fortkommen.

»Es ist eine Abkürzung für bestimmte Wege«, sagte Krona heiser. »Und ein ruhiges Eck, wenn man mal eines sucht. Ich …wirwaren oft hier. Es sind Heckenrosen. Sehr hübsch im Sommer.«

Gestrüpp und Trampelpfad endeten an einem schmalen Grasstreifen, der mit Gattern unterteilt war. Ein Stück abseits dampfte ein Misthaufen. Sie kletterten über die Gatter und beeilten sich, das gut einsehbare Stück hinter sich zu bringen. Dann tauchten sie in den Schatten einer Scheune. Das Gebüsch setzte sich hier nicht weiter fort, und sie gingen rasch an der feuchten Mauer entlang und passierten ein weiteres Gebäude, aus dem Licht und eine Vielzahl von Stimmen drang.

»Die Messe«, sagte Krona, und ihre Stimme klang nach Tränen, obwohl ihre Augen trocken blieben. »Götter! Wie oft bin ich da drin gesessen, mit meinen Soldaten … Das Essen war furchtbar, aber ich hab mich dort immer wohler gefühlt als am Offizierstisch. Was waren das für Abende …«

»Wo willst du hin?«, fragte Fenrir alarmiert und packte Krona am Ärmel.

»Nur mal durchs Fenster gucken«, sagte sie und versuchte, sich loszumachen.

»Nichts da«, sagte er und drückte sie, die sich wehrte, kurzerhand gegen die Mauer. »Jetzt nicht sentimental werden, Hauptmann. Ich habe keine Lust, mich hier erwischen zu lassen, nur weil du den vergangenen Zeiten nachtrauerst.«

»Neidhard?«, kam eine Stimme von hinten. »Bist du das?«

Krona und Fenrir erstarrten. In dem Licht, das aus der Messe drang, erschien ein Soldat, etwa einen Steinwurf entfernt. Seine Uniformjacke stand offen, und er sah nach hinten zur Mauer, bevor er achselzuckend seine Hose aufknöpfte und sich ins Gras erleichterte.

Fenrir löste seinen Griff erst, als der Soldat wieder nach drinnen verschwunden war. Er sagte nichts, aber sein Blick sprach Bände.

»Ist ja gut«, flüsterte Krona. »Schau mich nicht so an, ja?«

»Gehen wir«, sagte er und schob sie vorwärts.

Sie durchquerten das rückwärtige Ende eines Gemüsegartens, duckten sich unter den Mauerwachen weg, passierten die Rückseite einiger Wirtschaftsgebäude und standen dann vor einem niedrigen Zaun, hinter dem in Reih und Glied flache Steinhügel errichtet waren. Etwas Kaltes fasste nach Krona, und sie blieb am Zaun stehen.

»Da sind wir«, sagte sie heiser.

»Gut«, sagte Fenrir und stieg über den Zaun. »Welches ist es?«

»Ich weiß nicht«, sagte sie und kletterte ihm unbeholfen hinterher. »Ich erinnere mich nicht.«

Ich erinnere mich. Ein schwarzes Loch, in das sie eine Kiste hinunterlassen, in der er angeblich drin liegt. Das, was für mich eine Welt bedeutet, soll tatsächlich in eine Holzkiste passen? Sein Lachen, seine Heiterkeit. Seine Art, mir die Haare hinters Ohr zu streichen. Sein Blick, der mir das Gefühl gibt, besonders zu sein. Ich, ausgerechnet, wo er sie doch alle hätte haben können.

Da sind Blumen in meinen Händen, ich soll sie in die Grube werfen. Die Sonne scheint, die Zweige eines Baumes werfen tanzende Schatten. Ich kann mich nicht bewegen, mein Körper ist so tot wie der, der in der Kiste liegt.

»Da war ein Baum«, sagte sie mühsam. »Unter einem Baum, oder so.«

»Dann komm. Lass uns suchen.«

Sie sah nichts, sie stolperte voran, ihre Zähne schlugen aufeinander, und es nützte nichts, dass sie ihren Mantel immer fester um sich zog. Fenrir führte sie, und sie überließ sich seinem Griff, vorbei an flachen Steinhügeln mit der immer gleichen rechteckigen Steinplatte obenauf, ein Name, ein Geburts- und ein Sterbedatum. Dann streifte sie einen rauen Baumstamm, und einige Schritte weiter blieb Fenrir stehen und bückte sich.

»Hier ist es«, sagte er, nachdem er mit der flachen Hand eine Schicht von altem Laub von der Steinplatte gewischt hatte. »Mattis Karagin. Grünmond zwölfneunundvierzig bis Reifemond zwölfdreiundachtzig. Er ist nicht alt geworden.«

Sie ging neben dem Hügel in die Knie. Mit dem Ärmel wischte sie die Platte sauber und starrte auf die eingemeißelten Buchstaben hinunter.

»Er war jünger als ich, falls du gerade rechnest«, sagte sie. »Zehn oder elf Jahre. Viele fanden es seltsam, dass er sich keine jüngere Frau genommen hat. Eine, die ihm noch Kinder zur Welt bringen konnte.«

Fenrir sagte nichts. Er war einen Schritt zur Seite gegangen, sein Blick ging in die Ferne.

Sie legte die Hand auf die Steinplatte, die kalt und feucht war unter ihren Fingern. Sie versuchte, etwas zu empfinden, doch ihre Gefühle lagen mit einem Mal unter der schweren Steinplatte begraben.

»Es ist so unfassbar«, sagte sie leise. »Dass er einfach so weg ist. So unwirklich. Genauso könnte ich mich fragen, ob er überhaupt je existiert hat.«

»Das ist die Natur des Todes«, sagte Fenrir. »Dafür, dass du eine Soldatin bist, scheinst du erstaunlich wenig darüber nachgedacht zu haben.«

»Gerade weil ich eine bin. Soldaten denken nicht über den Tod nach. Es gäbe keine Soldaten, wenn sie es täten.«

Sie sah hinunter auf die Steinplatte, auf die Buchstaben, die seinen Namen bildeten.

»Ich habe noch etwas anderes zu erledigen«, sagte sie.

»Ja«, sagte er. »Das dachte ich mir.«

Mühsam kam sie auf die Füße und machte ein paar unsichere Schritte. Die Kälte in ihrem Inneren lähmte sie.

»Es wird ein bisschen riskanter jetzt«, sagte sie. »Wir müssen zu den Offiziersquartieren.«

Sie verließen den Soldatenfriedhof und bewegten sich vorsichtig im Schatten zweier Gebäude auf die Hauptstraße zu. Sie hielten sich rechts und rannten einige Steinwürfe weit, um ein Stück Gelände möglichst schnell zu überwinden, das keine Deckung bot.

»Dort drüben«, sagte Krona leise und zeigte auf ein Gebäude auf der anderen Straßenseite, vor dem zwei Soldaten Posten standen.

»Es wird schwierig, beide gleichzeitig auszuschalten«, sagte Fenrir. »Wollen wir nicht Pintel holen, für eine Ablenkung?«

»Nein. Er würde eine Erklärung haben wollen, und er würde es nicht verstehen.«

»Dann teilen wir uns, gehen von hinten an die beiden ran und überwältigen sie möglichst gleichzeitig. Hauptsache, keiner schlägt Alarm. Ich nehme den Linken.«

»Kein Blutvergießen, wenn’s geht«, bat Krona. »Er hätte es nicht verdient, wegen so einer Sache.«

Fenrir nickte, zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und ging lautlos davon.

Kurz darauf brach der linke Soldat mit einem dumpfen Aufstöhnen zusammen. Der rechte fuhr erschreckt herum, doch eine Hand über seinem Mund erstickte seinen Alarmschrei, dann knallte etwas Hartes gegen seinen Kopf und schickte ihn in die Dunkelheit.

Krona und Fenrir trafen sich unter der Tür, die sich lautlos öffnen ließ. Dahinter lag ein hell erleuchteter Flur. Mehrere Türen führten in angrenzende Räume, Stimmen und Gelächter kamen von dort, und eine Treppe ging hinauf in den ersten Stock.

»Unter die Treppe«, flüsterte Krona und wies mit dem Kopf in das dunkle, staubige Eck, während sie schon den einen Soldaten unter den Armen packte. In aller Eile schleppten sie die beiden leblosen Männer in das dunkle Eck und schoben sie dicht an die Wand, dann hielten sie keuchend inne.

»Wohin?«, flüsterte Fenrir dicht an ihrem Ohr, während eine Tür klappte und ein kleiner Trupp sich lautstark unterhaltender Soldaten von einem Raum in einen anderen wechselte. Krona zeigte nach oben.

»Wenn er seine Gewohnheit nicht geändert hat, isst er nicht mit der Mannschaft, sondern alleine in seinem Quartier«, flüsterte sie. »Das ist eine gute Gelegenheit.«

»Du weißt, dass wir mehr als nur ein wenig Glück brauchen, um hier ungesehen wieder raus zu kommen«, flüsterte Fenrir, und Krona nickte.

Sie warteten einen ruhigen Moment ab, dann tauchten sie aus dem Schatten unter der Treppe auf und hasteten in aller Eile die Treppe hinauf. Ein weiterer Gang lag vor ihnen, und dann ging eine Tür zur Rechten auf und jemand trat ihnen direkt in den Weg.

Hände fuhren zu den Schwertgriffen, und der Soldat öffnete seinen Mund zu einem überraschten Schrei, doch dann hielt er inne.

»Krona«, sagte er fassungslos. »Bist du das?«

»Cladis«, sagte Krona und versuchte, den Schub plötzlicher Kampfanspannung zu drosseln, der ihr den Herzschlag hinauf in den Hals katapultiert hatte.

»Alle gütigen Götter«, sagte der Soldat, der Krona immer noch anstarrte wie eine Erscheinung. »Krona! Das kann ja wohl nicht wahr sein!« Er fasste sie bei den Schultern, als wolle er prüfen, ob sie wirklich vor ihm stünde, dann zog er sie in eine enge, brüderliche Umarmung. Sie roch die Mischung aus Tabak, Waffenfett und Rauch und kämpfte hart mit den Tränen, während sein struppiger blonder Bart ihre Wange kratzte.

»Was machst du hier?«, fragte er. »Wir haben gehört, was du auf den Südlichen Inseln vollbracht hast. Dann hieß es erst, du wärest beurlaubt, und später, man hätte dich unehrenhaft entlassen … und nun kommst du einfach so hier hereinspaziert?«

»Nicht einfach so«, sagte sie. »Wir haben erheblichen Aufwand betrieben, um ungesehen zu bleiben.«

»Und wir wollen, dass es so bleibt, also keine Zeit jetzt, um zu plaudern«, sagte Fenrir, und seine Anspannung war unüberhörbar.

»Ja«, sagte Krona und machte sich los. »Richtig.«

»Was habt ihr vor?«, fragte Cladis.

»Besser, du weißt es nicht, alter Freund. Du wirst es früh genug erfahren. Und besser wäre auch, du hättest uns nie hier gesehen.«

»In Ordnung«, sagte Cladis, seine Stimme klang fragend.

»Wo ist er?«, fragte sie. »Leuthold von Leiningen. Hat er sein Quartier noch hier oben?«

»Er hat Rudolfs altes Quartier«, sagte Cladis. »Rudolf ist im Ruhestand, seit einem Jahr etwa, und Leiningen ist sein Nachfolger. Götter, ich wünschte wirklich, du wärest damals hier geblieben. Es ist dein Posten, den er da hat.«

»Es wäre nie meiner geworden. Das Militär ist immer noch ein Männerverein.«

»Wir gehen«, sagte Fenrir. »Jetzt.«

»Mach’s gut, alter Freund«, sagte Krona. »Und viel Glück für dich.«

»Und für dich«, sagte Cladis, der in der Tür stehen blieb und, noch immer wie vom Blitz getroffen, Krona und ihrem dunklen Begleiter hinterher sah.

Sie rannten den Gang entlang, bogen um eine Ecke und hielten an der letzten Tür.

»Warte hier«, sagte Krona. »Ich bin gleich zurück.«

Sie klopfte an die Tür und trat ein, ohne eine Aufforderung abzuwarten.

»Hallo, Leuthold«, sagte sie zu dem kleinen, untersetzten Mann, der von einem reich gedeckten Tisch aufsprang und dabei einen silbernen Pokal umstieß, aus dem sich Wein wie dunkles Blut über das Tischtuch ergoss. »Ich sehe, ich komme gerade recht zum Abendessen.«

»Was willst du«, schnappte er, dem hörbar die Luft wegblieb.

»Wie schön, dass du mich gleich erkennst«, sagte Krona sanft und schloss die Tür hinter sich, »wo wir uns doch ein paar Jahre nicht gesehen haben. Aber es gibt Menschen, die man einfach nicht vergisst, nicht wahr?«

»Was willst du«, wiederholte er seine Frage. »Ich rufe die Wachen! Du hast kein Recht, hier zu sein!«

»Ich habe jedes Recht«, sagte sie. »Was gibt’s denn heute? Aha, ich sehe, das muss wohl ein Fasan gewesen sein. Edel, edel, Herr Kommandant.«

»Wachen!«, rief er und versuchte, zur Tür zu kommen, doch sie vertrat ihm mit einigen raschen Schritten den Weg.

»Ich täte das nicht, an deiner Stelle. Ich weiß, was du getan hast. Mattis war nicht der Einzige, der es wusste. Und ehe ich ging, um dir diesen kleinen Besuch abzustatten, habe ich es einer Person meines Vertrauens erzählt. Wenn ich nicht bis zum Morgengrauen am Treffpunkt bin, wird sie sich mit diesem Wissen an deine Vorgesetzten wenden.«

»Und was willst du nun?«, fragte er, während Schweißperlen sich auf seiner Stirn bildeten.

»Mit dir reden.« Sie fühlte sich ruhig, die Kälte wich aus ihr, ihr Verstand war scharf und klar, sie spürte, wie das Blut durch ihren Körper zirkulierte, spürte jeden Atemzug. Sie ging zum Tisch, hob den Pokal auf und füllte ihn bis zum Rand.

»Auf dein Wohl«, sagte sie und trank den Pokal in einem Zug leer. Kühl rann der Wein ihr aus den Mundwinkeln und versickerte in ihrem Mantelkragen.

»Worüber willst du reden?«, fragte Leuthold, der es offensichtlich nicht wagte, sich vom Fleck zu rühren.

»Ist das so schwer zu erraten?«, sagte sie und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. »Immerhin hast du mein ganzes Leben umgeschmissen. Kein Tag ist vergangen in den letzten drei Jahren, an dem ich nicht an dich gedacht habe. Macht dir der Gedanke Angst?« Sie lächelte.

»Es war ein Unfall«, sagte Leuthold, seine Stimme hob sich ein wenig. »Du weißt es. Ich habe es dir oft genug gesagt. Ein Zweikampf auf die Ehre. Was kann ich dafür, wenn einer deiner Rekruten die Waffen nicht ordentlich aufräumt.«

»Schieb es nicht auf meine Rekruten. Ich habe meinen Laden immer sauber gehalten. Da war alles an seinem Platz, und das weißt du. Ich hab’s immer genau genommen mit den Grundlagen.«

Sie öffnete ihren Mantel, schlug ihn beiseite und legte die Hand um ihren Schwertgriff. Leuthold schnappte nach Luft und sah hektisch zwischen ihr und der Tür hin und her.

»Du willst mich doch nicht etwa fordern?«

»Nein. Ganz bestimmt nicht. Ich will, dass du es zugibst. Ich will es hören, aus deinem Mund. Sag mir, dass du ihn umgebracht hast.«

»Nein.«

»Komm schon. Ich weiß ohnehin genug über dich, um deine Karriere zu zerstören, wenn ich es will. Auf einen Mord mehr oder weniger kommt es da wirklich nicht an.«

»Du kommst hier nicht lebend raus, wenn du mir was tust«, sagte er und starrte auf ihr Schwert.

»Das wär’s mir möglicherweise sogar wert«, sagte sie. »Ich habe ohnehin einen Großteil der letzten Jahre damit verbracht, mir einen schönen Weg zum Sterben zu suchen. Aber dann dachte ich immer an dich, und das hat mich am Leben gehalten.«

Mit einem Satz war er bei der Tür, riss sie auf und hätte sich beinahe selbst in eine kalt schimmernde Klinge gestürzt. Fenrirs Gestalt füllte den Türrahmen, das Schwert vor sich, er drängte Leuthold in den Raum zurück, schloss dann die Tür hinter sich und blieb stehen.

»Du hast dir Verstärkung mitgebracht«, sagte Leuthold, und der Schweiß lief ihm mittlerweile in Bächen an den Schläfen hinunter. »Das ist nicht ehrenhaft.«

»Ich sollte dir die Zunge rausschneiden, nur damit du dieses Wort nicht mehr in den Mund nimmst«, sagte Krona. »Aber dann könntest du mir ja nicht mehr sagen, was ich hören will. Nun komm schon. Es wird dich erleichtern.«

»Du wirst mich töten, wenn ich’s getan habe«, sagte er, kreidebleich.

»Nein«, sagte sie. »Ich bin keine Mörderin. Ich werde durch diese Tür verschwinden, und du wirst mich nie wiedersehen.«

»Gib mir dein Ehrenwort.«

»Mein Ehrenwort.«

»Also gut«, sagte er, während sein Blick hektisch zwischen ihr und Fenrir hin und her hüpfte. »Es war … nun ja, so wie du sagst. Aber es war nicht einfach so. Es hatte eine Vorgeschichte. Dein Mann, er hatte offenbar nichts anderes im Sinn, als meine Existenz auszulöschen! Er wollte um jeden Preis verhindern, dass ich an diesen Posten komme. Er war bei mir und sagte mir, was er wusste. Er forderte meinen freiwilligen Rücktritt, er drohte, mich dem Generalsstab zu melden, wenn ich es nicht täte. Die Hälfte war gelogen, und die andere übertrieben, ich schwöre! Ich musste etwas tun. Ich konnte es nicht zulassen.«

»Warum hast du ihn nicht zu einem ehrlichen Zweikampf gefordert?«, fragte sie, umrundete den Tisch und näherte sich ihm langsam.

»Ich hätte gegen ihn nicht gut bestehen können«, sagte Leuthold leise.

»Ich weiß«, sagte Krona. »Er hat ein paar ganz miese Tricks von mir gelernt.«

Sie stellte sich vor ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Und jetzt?«, sagte er, seine Stimme zitterte. »Könnten wir uns nicht… versöhnen? Ich meine, ich habe immer große Stücke auf dich gehalten. Dein militärisches Talent. Deine Hingabe. Du hättest es weit bringen können, selbst als Frau … das könntest du heute noch. Ich bin ein einflussreicher Mann. Ich könnte deine Entlassung rückgängig machen. Wollen wir die ganze leidige Sache nicht vergessen?«

Sie kam dicht an ihn heran, so dass sie sein Zittern am ganzen Körper spürte. Ihre Linke wanderte von seiner Schulter nach hinten über seinen Rücken, sie brachte ihr Gesicht dicht vor seines, fast berührten ihre Lippen die seinen.

»Mögen die Götter dir verzeihen«, sagte sie, »denn ich werde es nicht tun.«

Er bemerkte den Dolch in ihrer Hand erst, als er durch seine Bauchdecke drang. Ein gurgelndes Geräusch kam aus seinem aufgerissenen Mund. Warmes Blut sprudelte über ihre Hände, als sie mit beiden Händen den Dolchgriff packte und die Klinge mit aller Kraft nach oben zog. Eine Blutfontäne klatschte auf den Boden, Leuthold sackte nach vorne weg und trieb durch sein eigenes Gewicht die Klinge tiefer, und sie hielt mit aller Kraft dagegen und zog nach oben, bis er zur Seite rutschte und lautlos zu Boden glitt. Das Ganze war keine laute und heftige Aktion, sondern eher leise und fast intim.stürzte. Sie machte einen Schritt nach hinten. Leuthold lag auf der Seite, das Gesicht nach unten. Dunkles Blut tränkte die sorgfältig gefegten Dielen. Bläuliches Gedärm quoll aus seinem aufgeschlitzten Bauch.

Sie sah an sich hinunter. Ihre Hände waren gänzlich mit rot glänzendem Blut überzogen, das ihr von den Fingerspitzen tropfte. Blut tränkte die Vorderseite ihres Mantels. Von plötzlichem Ekel befallen, riss sie den Mantel von ihren Schultern und schleuderte ihn von sich, suchte dann etwas, um ihre Hände zu trocknen, fand das blütenweiße Tischtuch und riss es an sich, wobei Besteck, Platten und Teller klirrend zu Boden gingen.

Plötzlich wurden ihre Knie weich. Sie sank auf den Stuhl, auf dem Leuthold gesessen hatte, das Tischtuch noch in den Händen. Eine Last schien von ihr genommen, sie fühlte sich leicht und befreit und fast übermütig. Gelächter stieg in ihr auf und brach sich Bahn, und sie saß und lachte, hilflos und überrascht, sie hörte selbst, dass es ein wenig hysterisch klang.

»Geht es dir gut?«, fragte Fenrir besorgt. Sie sah ihn an, liebte die Sorge in seiner Stimme, die Unruhe, die er ausstrahlte, »Ja«, sagte sie, »mir geht’s gut, du hast keine Ahnung, wie gut es mir geht!« Sie stand auf und ging zu ihm und schlang ihre Arme um seinen Hals, ihre Lippen legten sich auf seine, ihre Zunge verschaffte sich Einlass und machte Bekanntschaft mit seinen spitzen Eckzähnen, ehe seine Hand sich mit stählernem Griff um ihr Kinn schloss und sie von sich schob.

»Schulter«, sagte er, und seine Augen waren kalt.

»Ist gut«, sagte sie atemlos und lachte ihn an. »Entschuldige. Ich habe mich hinreißen lassen.«

»Verschwinden wir von hier«, sagte er und ließ sie los.

Er sah durch einen Türspalt nach draußen auf den Gang, während sie angestrengt versuchte, ein Kichern zu unterdrücken, dann winkte er sie hinter sich her.

Sie schafften den halben Weg zur Treppe, als sie von unten Stimmengewirr und das Schlagen von Türen hörten. Von Ferne blies eine Fanfare.

»Eindringlingsalarm«, sagte Krona, plötzlich ernüchtert. »Verdammt.«

Sie sahen sich an.

»Fenster«, sagte Fenrir. Sie machten auf dem Absatz kehrt und rannten den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Ein Blick aus dem Fenster an der Stirnseite des Ganges zeigte ihnen, dass das Gelände durch Fackelträger hell erleuchtet war. Kleine Trupps von Soldaten waren unterwegs, und sie schienen es eilig zu haben. Sie machten kehrt und rannten zurück zur Treppe, von wo Cladis ihnen entgegenkam.

»Tut, was ich euch sage«, sagte er. »Ansonsten verhaltet euch still. Ich bringe euch raus. Wo ist dein Mantel? Man wird dich erkennen«, fragte er Krona, und, ohne eine Antwort abzuwarten: »Wartet.« Er stürzte zurück in den Raum neben der Treppe und kam gleich darauf mit einem Militärmantel und dem dazu gehörigen breitkrempigen Schlapphut zurück. »Anziehen«, sagte er. »Und Hut tief ins Gesicht. Es sind noch viele von früher hier.« Krona folgte eilig seiner Anweisung, während er sein Schwert zog und zur Treppe deutete.

»Hinunter«, sagte er.

Sie stolperten die Treppe hinunter, mitten hinein in einen Trupp Soldaten, der am Ausrücken war.

»Alarm aufheben«, sagte Cladis. »Ich habe sie. Schnapsschmuggler, nichts weiter. Ich bringe sie hinüber in die Zelle.«

»Jawohl, Leutnant«, sagte einer der Soldaten und salutierte zackig, bevor er sich im Laufschritt aufmachte.

»Hinaus da!« Cladis schubste Krona unsanft vorwärts. Sie betraten den hell erleuchteten Vorhof und schwenkten auf die Hauptstraße ein. Kurze Zeit später hörten sie ein weiteres Trompetensignal. Sie hielten sich rechts und in Richtung Mauer.

»Was hat uns verraten?«, fragte Krona.

»Sie haben die Soldaten unter der Treppe gefunden«, sagte Cladis. »Es fiel auf, dass sie nicht mehr vor der Tür standen.«

»Völlig klar«, sagte Fenrir. »Damit war zu rechnen.«

»Hier ist der Schlüssel zur Pforte«, sagte Cladis leise, und Krona spürte, wie er ihr etwas Langes, Kühles in die Hand gab. »Du weißt, wohin du musst?«

»Ja.«

»Gut. Dann schlagt mich jetzt zusammen, und rennt.«

»Was?!«

»Macht schon. Kräftig, bitte. Es soll echt aussehen.«

»Aber ich kann doch nicht …«

»Es ist in Ordnung«, sagte er und drückte ihre Hände. »Ich bin’s euch schuldig. Dir und deinem Mann.«

Mit einem Aufstöhnen brach er zusammen.

»Ich kann«, sagte Fenrir und ließ den Stein fallen. »Wohin?«

Sie rannten, während hinter ihnen Alarmschreie ertönten. Kurz darauf war die halbe Garnison auf ihren Fersen. Sie bogen in den Schatten zwischen zwei Truppenunterkünften ein, stießen einen überraschten Soldaten grob zur Seite und kamen endlich unter der Mauer an. Noch im Rennen nahm Fenrir den Bogen vom Rücken und legte einen Pfeil auf, dann drehte er sich für einen kurzen Augenblick um und schoss. Mit schrillem Aufschrei ging ein Soldat zu Boden. Sie flohen die Mauer entlang, bis sie endlich an eine kleine, hölzerne Pforte gelangten. Mit fliegenden Fingern suchte Krona im Dunkeln das Schlüsselloch, fand es endlich, steckte den Schlüssel hinein und drehte mit beiden Händen, während ein Pfeil nach dem anderen Fenrirs Bogensehne verließ. Die Pforte sprang auf, sie stürzten hindurch und flohen hinaus in die Dunkelheit.

»Wo sind die anderen?«, keuchte Krona und stolperte über Steine und Grasbüschel. Fenrir packte sie und zog sie mit sich, und sie ließ sich führen, nachdem er offenbar besser zu sehen schien als sie. Plötzlich tauchten Gestalten in der Dunkelheit auf, eine grelle Lichtkugel entstand aus dem Nichts und wurde in Richtung der Garnison geschleudert, wo sie im Gelände vor der Mauer aufschlug. Erdbrocken und Grasbüschel flogen in alle Richtungen, und Schreie wurden laut. »Schnell«, hörten sie Pintels Stimme. »Hier geht’s lang. In den Wald, und dann schnell zum Schiff. Ihr habt euch aber einen Haufen Zeit gelassen da drin!«

Sie erreichten den rettenden Schatten der Bäume und hielten keuchend inne.

»Sie werden uns nicht weiter verfolgen, solange sie uns für Schmuggler halten«, sagte Krona und schnappte nach Luft. »Das wird sich aber ändern, sobald sie Leuthold finden. Dann sollten wir am besten schon auf dem Wasser sein.«

»Wagen wir ein bisschen Licht?«, fragte Pintel.

»Ja«, sagte Krona. »Ich renne sonst Kopf voraus gegen einen Baum.«

Pintel holte eine kleine Laterne hervor, die er am Gürtel getragen hatte, und kurz darauf bildete eine kräftig brennende Flamme eine kleine Lichtinsel.

»Sind alle da?«, fragte Krona und sah sich um. »Gut. Beeilen wir uns.«

»Ich gehe zuletzt«, sagte Fenrir. »Ich will sehen, ob wir verfolgt werden.«

»Und?«, fragte Pintel erwartungsvoll, als sie sich in Bewegung setzten. »Wart ihr erfolgreich?«

»Ja«, sagte Krona.

»Und?«

»Was und?«

»Bist du nun entlassen worden oder nicht?«

»Ich bin entlassen worden.«

»Komisch. Du wirkst so beschwingt. Ich hätte wetten können, dass nicht.«

»Es ist eine lange Geschichte«, sagte Krona. »Interessanter Zauber, übrigens, dieser Lichtball, oder was immer es war. Warum weiß ich nicht, dass du so etwas kannst?«

»Weil ich’s nicht war«, sagte Pintel bedauernd.

»Hm?«, sagte Krona, und Pintel zeigte auf Thork, der vor ihm über eine Wurzel stieg. Er schien die Unterhaltung mitgehört zu haben, denn er drehte sich um und warf Krona einen schwer zu deutenden Blick zu.

»Hochinteressant«, sagte Krona. »Sieh mal einer an. Ich glaube fast, da werden ein paar weitere Gespräche stattfinden, während dieser Überfahrt.«

Thork nickte ihr zu und wandte sich wieder nach vorne.

Sie hatten das schmale Waldstück schnell durchquert und folgten nun einem schmalen, steinigen Weg, der sie an der Küste entlang führte. In einiger Entfernung hörten sie das Meer rauschen. Die Luft war frisch und schmeckte salzig. Etwas streifte Kronas Schulter, und da war Fenrir an ihrer Seite, sie hatte ihn nicht kommen hören.

»Alles ruhig«, sagte er.

»Gut«, sagte sie.

»Übrigens«, sagte er. »Du solltest das nicht noch einmal versuchen. Ich kann wirklich gefährlich werden, wenn ich mich verfolgt fühle.«

»Du meine Güte«, sagte sie. »Jetzt stell dich nicht so an! Es ist ja nicht so, als hätte ich dich entjungfert, oder?«

Er blieb stehen und sah sie an. Sie stöhnte auf und warf die Hände in die Luft. »Du tust es schon wieder! Du stellst dich an! Kannst du nicht mal damit aufhören?«

»Es sind meine Regeln, und ich möchte, dass du sie achtest.«

»Das ist mir zu hoch.«

»Dann denk drüber nach. Wer Dienstpläne für eine Garnison aufstellen kann, wird auch das begreifen können.«

»Komm schon. Gib mir den anderen Fenrir. Den netten. Den vom Schiff.«

»Es ist immer der gleiche.«

Sie sahen sich an. Der Wind frischte auf und bauschte ihre Mäntel.

»Na ja, also gut«, sagte sie schließlich. »Ich kann’s ja mal versuchen. Vielleicht hat dieses Schulter-Ding ja auch was für sich.«

»Versprich es mir«, sagte er.

»Mein Ehrenwort«, sagte sie und grinste breit.

»Was ist?«, kam Pintels Stimme gegen den Wind. »Wartet ihr auf eine schriftliche Einladung, oder wie sieht’s aus?«

»Wir kommen«, sagte Fenrir laut und setzte sich in Bewegung.

»Findest du, ich habe etwas Verwerfliches getan?«, fragte sie, nachdem sie eine Weile schweigend gegangen waren.

»Nein«, sagte er.

»Gut. Aus irgendwelchen Gründen ist mir nämlich wichtig, was du über mich denkst.«

»Ich denke nichts Schlechtes.«

»Gut.«

Sie gingen einen steilen, sandigen Weg hinunter auf den Strand, wo Gestalten mit Laternen sich bewegten.

»Da seid ihr ja«, sagte Lomir, als sie herangekommen waren. »Ein Glück. Länger hätte ich die Abfahrt nicht hinauszögern können. Habt ihr alles, was ihr wolltet?«

»Alles erledigt«, sagte Krona.

»Sind alle da?«, rief einer von hinten. »Dann endlich rein ins Boot! Der Kapitän macht Fischfutter aus uns, wenn wir uns weiter verspäten!«

»Das soll er mal versuchen«, sagte Krona laut. »Ich habe die Verzögerung verursacht, also wenn er ein Problem damit hat, soll er direkt zu mir kommen.«

»Ich werd’s ihm ausrichten«, knurrte der Seemann und scheuchte die Gefährten in Richtung Boot.

»Wie hast du’s gemacht?«, fragte Krona Lomir, während sie auf den schmalen Bänken des Bootes zusammenrückten.

»Ich hatte einen Drei-Stufen-Plan«, erklärte Lomir. »Zuerst habe ich ihn überredet. Dann habe ich ihm Geld gegeben, und schließlich habe ich ihn erpresst. Ich konnte ihm überzeugend darlegen, dass ich im Zweifelsfall lieber in Abrantes bleibe und ihn hängen sehe, als mich von ihm nach Zentallo bringen zu lassen. Es ist derzeit ein interessantes Kopfgeld auf Schmuggler ausgesetzt. Die Stimmung ist dadurch vielleicht etwas abgekühlt, aber schließlich sind wir ja nicht zum Spaß an Bord.«

Die Wellen erfassten das Boot und hoben es an. Drei Ruderpaare wurden ausgefahren, und der dunkle Strand entfernte sich.

»Wie abgekühlt?«, fragte Krona alarmiert. »So abgekühlt, dass wir etwas zu befürchten haben?«

»Nicht, solange er noch etwas an uns verdienen will. Die Hälfte der Überfahrt bezahle ich ihm bei Ankunft, und dieses Geld trage ich natürlich nicht bei mir, sondern besorge es mir bei meinem Bruder, der dort ein angesehener Goldschmied ist.«

»Du hast einen Bruder in Zentallo?«, fragte Pintel überrascht. »Davon hast du ja noch nie …« Der Rest seines Satzes wurde von Kronas Hand erstickt, die sich ein wenig unsanft und sehr bestimmend über seinen Mund legte.

»Sehr klug«, sagte sie, während Pintel neben ihr erstickt quietschte.

»Schicker Hut, übrigens«, sagte Lomir. »Und einen neuen Mantel hast du dir auch zugelegt. Was war verkehrt mit dem alten?«

»Der alte hatte einen kleinen Unfall«, sagte Krona und nahm die Hand von Pintels Mund, der nach Luft schnappte.

»Pfui«, sagte der kleine Magier empört und spuckte in das dunkle Wasser. »Wasch dich gefälligst, ja? Was ist das überhaupt an deinen Händen?« Er nahm Kronas Rechte und betrachtete sie im schwankenden Licht der Bootslampe. Leutholds Blut bildete einen bräunlichen, verwischten Film auf ihrer Haut und zeichnete ein feines Netz aus Falten und Rillen.

»Ist das Blut?«, fragte Pintel entsetzt.

»Ja«, sagte Krona, »aber nicht meines, falls dich das beruhigt.«

»Nur unwesentlich! Was ist passiert? Ich dachte, du schleichst dich in ein Büro, liest ein paar Briefe oder gehst irgendwelche Listen durch!«

»Ich bekam die Gelegenheit, eine alte Rechnung zu begleichen.« Krona wechselte einen Blick mit Fenrir.

»Aha«, sagte Pintel und starrte in einer Mischung aus Unverständnis und Ekel auf Kronas Hand hinunter, die er noch zwischen seinen hielt. Sie entzog sich seinem Griff, lehnte sich über den Bootsrand und wusch ihre Hände in dem eiskalten Wasser.

»Und was hat das nun zu bedeuten?«, fragte Lomir. »Hast du Konsequenzen zu befürchten?«

»Das nehme ich an«, sagte Krona, richtete sich auf und schüttelte das Wasser von ihren Händen. »Ich sollte ab jetzt grundsätzlich jeden Kontakt mit Soldaten vermeiden. Cladis wird mich niemals verraten. Trotzdem bin ich die Erste, die verdächtigt wird, wenn sie die Leiche finden. Ich nehme an, sie werden ein hübsches Kopfgeld auf mich aussetzen.«

»Aber du planst doch eine Rückkehr mit uns nach Abrantes, oder?«, fragte Lomir.

»Natürlich«, sagte Krona. »Sollten sie mich erwischen, werde ich mich verantworten. Das war’s dann auch wert.«

»Sie werden dich aufhängen, wenn sie dir einen Mord nachweisen können«, sagte Lomir. »Und von einem Militärgericht kann ich dich nicht freikaufen.«

»Und wenn«, sagte sie gleichmütig. »An irgendwas muss man ja sterben.«

»Was immer du getan hast, ich hasse es«, sagte Pintel voller Inbrunst. »Ich hasse solche Gespräche. Als ob wir nicht schon genug Schwierigkeiten hätten! Ich will nicht, dass jemand aufgehängt wird, und ich will nicht mit jemandem unterwegs sein, der einen Mord begangen hat!«

»Dann steig aus«, sagte Krona ungerührt.