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Welcher Junge schwärmt nicht davon einmal Feuerwehrmann zu werden und mit Lösch -fahrzeugen, Blaulicht und Martinshorn in Not geratenen Menschen zur Hilfe zu eilen. Später gesellt sich zu diesem Wunsch der redliche Gedanke an Kameradschaft und einer eingeschworenen Gemeinschaft dazu. Soweit so gut. Doch da gibt es auch noch den ein oder anderen lebensfremden Träumer, der bei dem Begriff „Feuerwehr“ mehr an eine flotte Skatrunde, an reichlich Bier, viele Stunden vor dem Fernseh-gerät, noch mehr Stunden im warmen Bett, an einen „sicheren“ Arbeitsplatz und ein fürstliches Gehalt denkt. „Träumt weiter Ihr Wolkenschieber!“ Feuerwehrmann ist in der täglichen Realität ein besonders schwerer, gefährlicher und verant-wortungsvoller Beruf. Jedes Jahr werden durch die Feuerwehren viele tausend Menschenleben gerettet und immens hohe Sachwerte vor der Vernichtung bewahrt. Ohne die, zum alltäglichen Leben eines Feuer-wehrmannes gehörenden, risikovollen und oft auch bedrückenden Einsätze hintenanstellen zu wollen, wird in diesem Buch jedoch ausnahms-weise von den heiteren Seiten dieses ansonsten sehr ernsten Berufes berichtet. (Wahre Ereignisse – mit Lachgarantie - frei erzählt.)
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2013
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OTTO WITTE
Feuerwehrleute
AMÜSANTE GESCHICHTEN AUS EINEM
ERNSTEN BERUF
Books on Demand
IN DANKBARER ERINNERUNG AN MEINEN FREUND UND KOLLEGEN GERHARD WENZ
Vorwort
Die Feuerwehr sucht harte Männer
Dann geh – und mach es ebenso
Husten Sie mal
Schütze Arsch mit dem Ölkännchen
Alte Bekannte
Astrein eingeführt
Klabusterpaul
Der Spezialauftrag
Operation Leberwurst
Wir sind doch hier nicht bei der Heilsarmee
Der belgische Riese
Aufsitzens-Absitzen
Koks und Acetylen
Feuertaufe
Dankbarkeit
Heimo wird befördert
Gastspiel auf der Schlappenwache
Wasserspiele
Rache ist (nicht immer) süß
Brandmeister Klack-Klack
Karate Kid
Papa Kimpel und andere Koryphäen
Bomben im Monte Carlo
Weihnachten auf der Feuerwache 2
Herzlich willkommen ihr drei Pfeifen
Alte Wache „Adieu“
Ein toupierter Pudel und ein hinkender Schwan
Tagesform ist entscheidend
Zirkus Flatter oder „In dubio pro reo“
Ornitho(logisches)
Hauptbrandmeister Schröder
Der (alte)Neue
Herrliche Zeiten im Taunus
Jeder Mann eine Glanznummer
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut
Die Schneehühner kommen
Voranzeige
„Es gibt in Deutschland mehr als 1 Million Feuerwehrleute“
Jahr für Jahr verlassen viele Hundert Männer und Frauen die Landesfeuerwehrschulen, um nach einer umfangreichen und anspruchsvollen Ausbildung, als Beamte von Berufsfeuerwehren, als Mitglieder von "Freiwilligen Feuerwehren" oder als Angehörige von Werksfeuerwehren, ihre schwere, und oft auch lebensgefährliche Tätigkeit im Dienst der Allgemeinheit aufzunehmen.
Durch die Feuerwehren werden jedes Jahr viele Tausend Leben gerettet und beträchtlich hohe Sachwerte vor der Vernichtung bewahrt.
Hierüber wird bisweilen gut - gelegentlich auch sehr bescheiden – geschrieben und informiert.
Doch genausowenig, wie ein Kriminalbeamter, mit ständig gezogenem Revolver hinter seinem Schreibtisch sitzt, und fieberhaft auf den nächsten Mörder wartet, genausowenig lauert ein Feuerwehrmann ruhelos und ungeduldig auf die nächste Brandkatastrophe, Überschwemmung, Gasexplosion oder ein anderes Großschadensereignis.
Neben dem Erleben von Not, Elend, Gefahr und persönlichem Wagnis, gibt es im Berufsleben eines Feuerwehrmannes/Frau natürlich auch wundervolle alltägliche, beschauliche und oft komische Episoden und Geschichten, die sich lohnen, niedergeschrieben zu werden. Ich selbst war fast vierzig Jahre Beamter einer Berufsfeuerwehr und habe in dieser Zeit viele schwere Einsätze - aber auch Unmengen übermütiger und ulkiger Begebenheiten erlebt - oder von solchen gehört.
Ohne die zum täglichen Leben eines Feuerwehrmannes gehörenden, risikovollen und schrecklichen Einsätze hintenanstellen zu wollen, möchte ich in diesem Buch überwiegend von den zuweil, besinnlich, heiteren oder manchmal auch skurrilen Seiten dieses Berufes berichten.
Zum Schutz handelnder Personen habe ich einzelne Namen, Titel und Zeiträume sowie diverse Ortsangaben entsprechend verändert.
Von einigen schriftstellerischen Freiheiten abgesehen, haben sich alle geschilderten Ereignisse so - oder zumindest so ähnlich - tatsächlich zugetragen.
Erzählt werden die Geschichten von der fiktiven Person
„Otto Steinmann“. Es handelt sich meist um amüsante Erlebnisse von Männern, die (erfahrungsgemäß) genau wissen, wo Spaß aufhört und der Ernst anfängt.
Eventuell auftretende Übereinstimmungen mit autobiografischen Erlebnissen des Verfassers, sind beabsichtigt.
Sollte sich der eine oder andere Feuerwehrangehörige oder Betroffene möglicherweise doch wiedererkennen, bitte ich schon jetzt um Nachsicht.
Otto Witte
Meine wahre berufliche Glückssträhne begann damit, dass mein Vater an einem Tag des Spätsommers 1962 mit meiner Mutter einkaufen ging, aber keine besondere Regung verspürte, mit einem Einkaufswagen durch die Gänge des neu eröffneten Supermarktes zu kutschieren, um dort die Preise von Pumpernickel und sauren Heringen gegenüber denen des Tante Emma Ladens in der Johannisbergerstraße zu vergleichen.
Stattdessen kaufte er sich am Kiosk eine Tageszeitung, setzte sich auf eine Bank, und vertiefte sich in die neuesten Nachrichten aus Stadt und Land.
Nachdem er selbst die kleinsten Reportagen über diverse Geflügelzuchtvereine, Schützenklubs und Parteien gelesen hatte, und meine Mutter immer noch nicht aus dem Supermarkt aufgetaucht war, nahm er sich, vermutlich aus reiner Langweile, nun die Stellenanzeigen vor.
Bevor er die Zeitung in dem neben der Bank angebrachten Papierkorb versenkte, trennte er bedächtig die Seite mit den Stellenanzeigen heraus, faltete diese sorgfältig zusammen, und steckte sie in die Innentasche seiner Anzugsjacke.
Als meine Mutter - bepackt mit zwei schweren Einkaufstaschen – endlich wieder auf der Bildfläche erschien, nahm ihr mein Vater wortlos die Taschen ab, und ging nachdenklich die kurze Strecke zu unserer Wohnung zurück.
Da Samstag war, die Sonne schien und es herrlich warm war, lag ich nur mit Badeshorts bekleidet, faul auf dem Balkon unserer Wohnung, und schmökerte in Giovannino Guareschis „Don Camillo und Peppone“. Ich stellte mir gerade lebhaft vor, wie der „Genosse „Smilzo“ nach der Methode „a la Togliatti“ sein Fahrrad abbremste, und wie immer, langewegs im Staub der Bassa landete, als mein Vater in der Balkontür stand und sagte: „Otto komm doch mal ins Wohnzimmer, ich möchte etwas mit dir besprechen.“
Ohne viel Elan erhob ich mich aus dem Liegestuhl und folgte meinem Vater mit ergebenen, nach oben verdrehten Augen, ins Allerheiligste.
„Was gibt’s den so unaufschiebbares“ fragte ich nun doch etwas neugierig geworden.
Mit eleusinischer Miene, griff mein Vater in die Innentasche seiner Jacke, zog die aus der Tageszeitung herausgerissene und zusammengefaltete Stellenanzeige heraus, legte sie vor mir auf den Tisch und sah mich fragend an. „Und was hältst du davon? Wäre das nichts für dich?“
Auf einer halbseitigen Anzeige war ein grimmig dreinblickender Feuerwehrmann in einer recht martialisch aussehenden Bekleidung, mit Beil und Helm, neben einem Löschfahrzeug abgebildet.
Ziemlich konsterniert las ich die Anzeige durch.
„Die Berufsfeuerwehr sucht bei guter tariflicher Besoldung und besten Aufstiegschancen, harte Männer für den mittleren feuerwehrtechnischen Dienst.“
Kleingeschrieben war dann noch einiges, über die notwendigen Voraussetzungen, über die ein Bewerber verfügen sollte, zu lesen.
„Erfolgreicher Schulabschluss, Gesellenbrief eines handwerklichen Berufes, untadeliges polizeiliches Führungszeugnis, sportliche Fitness, umfassende Allgemeinbildung, gute Kenntnisse in Mathematik und Deutsch, schnelle Aufffassungsgabe, technisches Verständnis, Bereitschaft zur Teamarbeit und, und, und…. „Bewerbungen bitte mit Zeugnissen, Lebenslauf und Lichtbild an das Personalamt der Stadtverwaltung.“
„Was soll ich denn bei der Feuerwehr?“ fragte völlig verblüfft. „Da fragst du noch“ grunzte mein Vater. „Du hast den Schulabschluss, du hast einen akzeptablen Gesellenbrief als Kraftfahrzeugmechaniker und auch sonst…. Na ja in Mathematik und Sport müsstest du noch ein bisschen nachlegen aber überleg doch einmal – du wärst schließlich Beamter. „Außerdem“ - grinste mein Vater schelmig – „du hast geradezu eine traditionelle Verpflichtung zur Feuerwehr zugehen.
Der eine Opa von dir war bereits Feuerwehrmann, und dein anderer Opa hat im September 1954, als amtierender Landtagspräsident, die 50 jährige Jubiläumsfeier unserer Berufsfeuerwehr eröffnet.“
„Wenn der oberste „Pompier“ von dieser ungeheuer bedeutsamen Feuerwehrtradition in unserer Familie hört, stellt der mich bestimmt postwendend und ohne Eignungsprüfung als Branddirektor ein“ wieherte ich halbherzig zurück.
Doch in der Tat, ich hatte nach der Schule bei einer „silberbesternten“ Automobilvertretung das Handwerk des Kraftfahrzeugmechanikers erlernt, und obwohl dies nicht unbedingt mein Traumberuf war, die Gesellenprüfung recht ordentlich hingelegt.
Auf Anraten meines, von mir sehr geschätzten Berufsschullehrers Oberstudienrat „Eduard Perle“ hatte ich zusätzlich zu meiner Kfz-Lehre, in der Abendschule – ebenfalls relativ annehmbar – noch das technische Zeichnen für den allgemeinen Maschinenbau erlernt.
Trotzdem noch immer äußerst skeptisch stellte ich mich nun in meiner gesamten Herrlichkeit vor meinem Vater in Pose und grunzte: „Papa die suchen harte Männer. Siehst du hier irgendwo einen harten Mann? Ich wiege gerade mal knappe sechzig Kilo, bin Einmeterfünfundachtzig groß und habe ein paar Waden, wie ein notleidender englischer Lord. Die lachen sich doch halb tot, wenn ich dort auflaufe.“
Mein Vater lies sich von meinen Einwendungen jedoch nicht im Geringsten beeindrucken. „Bei der Musterung zur Wehrtauglichkeit warst du genauso rappeldürr, und der Adenauer will dich trotzdem zu den Landesverteidigern einziehen. Außerdem kann dich Mama ja bis zum Einstellungstermin noch mit Hühnerkraftfutter und fettarmer Tütchensuppe auf Vordermann bringen.“ Dann grinste er spitzbübisch „Im Zweifelsfall kann dich die Feuerwehr ja ausschließlich für Fehlalarme in Bereitschaft halten.“
„Sehr witzig“ murmelte ich, versprach aber, mir die Angelegenheit bis Montag zu überlegen.
Die Sache mit der Feuerwehr ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte sprichwörtlich Feuer gefangen.
Auf der einen Seite hatte ich eine Heidenangst vor der bestimmt nicht einfachen Einstellungsprüfung, und in Maßen auch vor dem sicherlich oft sehr riskanten Beruf eines Feuerwehrmannes. Auf der anderen Seite war da der jetzige - von mir eigentlich ungeliebte - Broterwerb als Autoschlosser und das angespannte sehr knorriges Verhältnis zu meinem Werkstatt – und ehemaligen Lehrlingsmeister „Georg Kummer“.Dann wiederum reizte mich der komplette Neuanfang in einem interessanten und verantwortungsvollen Beruf.
Ich wurde in meiner Entscheidungsfindung ständig hin - und hergerissen.
Nach einer unruhigen und traumreich verbrachten Nacht eröffnete ich zur Freude meinen Eltern am Frühstückstisch sehr markig: „Also Kameraden, damit die Bürger unserer Metropole nachts wieder ruhig schlummern können, habe ich mich entschlossen „Feuerwehrmann“ zu werden.“
„Na dann – Wasser marsch“ jubelte mein Vater und köpfte mit Enthusiasmus sein Frühstücksei.
Noch am gleichen Tag setzte ich mich hin und schrieb die Bewerbung, setzte einen Lebenslauf auf, suchte alle notwendigen Zeugnisse zusammen und legte diesen Unterlagen ein übrig gebliebenes Passfoto von meiner Bundeswehrmusterung dazu. Gleich am Montag wollte mein Vater die Bewerbung mit der Dienstpost an das Personalamt weitergeben.
Vorerst ging mein Tagesablauf jedoch wie gewohnt weiter.
Um 5:30 Uhr aufstehen, schnelles Frühstück, Abfahrt um 6:45 Uhr, gegen sieben Uhr setzte mich mein Vater auf dem Weg zu seiner Dienststelle vor der Werkstatt ab. Um 7:30 Uhr begann der Werkstattbetrieb, kurz nach 17:00 Uhr war ich wieder zu Hause. Tag für Tag das gleiche.
Irgendwie fand ich das furchtbar freudlos und stumpfsinnig und begriff plötzlich, was mein Vater meinte, wenn er von der alltäglichen Tretmühle sprach.
Obwohl ich zwischenzeitlich einen festen Arbeitsbereich in der Kundendienstabteilung zugeteilt bekommen hatte, die Arbeitskollegen überwiegend angenehm waren, und auch der dort zuständige „Meister Linse“ ein freundlicher und verständnisvoller Mann war, wuchs mein Verlangen nach einem Berufswechsel von Tag zu Tag mehr.
Lehrlingsmeister „Georg Kummer“, mit dem ich vom ersten Tag an auf Kriegsfuß stand, und der mir nicht nur wegen seines Namens, durch ständige Schikanen und Frotzeleien das Leben regelrecht versäuerte, war letztendlich an meinem gefassten Entschluss, die Firma zu verlassen, nicht ganz unschuldig.
So war das eben – ein Gallenröhrling in einem ansonsten leckeren Pilzgericht, kann das beste Menü verderben.
Dann war es endlich soweit. Im Briefkasten lag ein Briefkuvert mit dem aufgestempelten Absender: „Personalamt der Landeshauptstadt“.
Ungestüm riss ich das Kuvert auf, und las, dass ich mich in drei Wochen zur Ablegung einer theoretischen und praktischen Eignungsprüfung in den Räumen der Hauptfeuerwache Altgasse 6 einfinden sollte. Für den praktischen und sportlichen Teil wäre es erforderlich, Arbeitsanzug, Turnschuhe, Sporthosen und Badehosen mitzubringen.
Jetzt wo sich die ganze Sache konkret entwickelte, wurde mir trotz meines Enthusiasmus über die nun endlich vorliegende Einladung, am hinteren Ende meines Verdauungstraktes recht mulmig zumute. Wie mein Onkel Paul sich auf gut deutsch ausdrücken würde: „Mir ging der Arsch auf Grundeis.“
*
Ich hatte mir 20 Tage von meinem Jahresurlaub genommen, um mich sorgfältig und ohne Zeitdruck auf die anstehende Prüfung vorbereiten zu können.
Für die nächsten vierzehn Tage waren Fernsehen, Kino und alle anderen Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel meine regelmäßigen sonntäglichen Stippvisiten, bei der Jazz Band „The Backtime Blowers“ erst einmal gestrichen.
Auf dem Sportplatz „Großfeld“ übte ich täglich, den Hundertmeterlauf, Kugelstoßen, Weit- und Hochsprung, drehte auf der ovalen Aschenbahn, wie ein Bekloppter eine Runde nach der anderen, und fuhr jeden dritten Tag ins Stadtwerke - Hallenbad und übte mich in Ausdauer beim Schwimmen und Tauchen. Der dortige Bademeister Hans Germus - wegen seiner beachtlich athletischen Figur auch „Stadtwerke Tarzan“ genannt - gab mir immer wieder nützliche Anleitungen bezüglich meiner, doch etwas unausgereiften Schwimm – und Tauchtechnik.
Ansonsten stand Mathematik und Deutsch auf dem täglichen Übungsprogramm. Besonders die verteufelten Textaufgaben machten mir immer wieder schwer zu schaffen.
Als mein Vater mich dann noch veräppelte, und mir die Aufgabe stellte: „Eine Diesellok verbraucht von X bis nach Y vier Tonnen Koks, was kosten dann in Mainz vier Zentner Handkäse?“ blieb mir das Lachen sprichwörtlich im Hals stecken.
„Mach doch den Bub nicht zappeliger als er schon ist“ meckerte meine Mutter und schob dann nach: „Apropos Handkäse, im Konsum ist der Schichtkäse momentan um 20% heruntergesetzt. Otto spring doch mal hin und besorge mir davon sechs Packungen und vergiss nicht wieder, dir die Rabattmarken ins Heftchen kleben zu lassen.“ Genervt sagte ich „Ja- ha“ und spurtete kurz vor Ladenschluss noch zum Konsum.
Auf dem Rückweg versuchte ich im Kopf auszurechnen, wie viel Haushaltsgeld meine Mutter gespart hätte, wenn sie bei 20% Rabatt statt sechs Packungen Schichtkäse – siebenhundertfünfzig Rationen ergattert hätte.
Als ich meinem Vater das Resultat meiner Haushaltskonsolidierung erklärte, rechnete er nach, nickte dann beeindruckt, meinte aber grinsend: „Du Held, kannst du mir mal erzählen, was wir mit siebenhundertfünfzig Packungen Schichtkäse anfangen sollen?“
Obwohl ich erst um 7:30 Uhr zur Eignungsprüfung erscheinen sollte, stand ich bereits eine dreiviertel Stunde früher vor dem roten Backsteingebäude „Altgasse 6“ in dem die Feuerwehr untergebracht war.
Ich legte meine Hände links und rechts neben die Augen und versuchte, durch die schmalen Scheiben der drei großen halbrunden Tore, einen Blick in die Fahrzeughalle zu werfen.
Trotz der noch gegenwärtig frühmorgendlichen Dämmerung konnte ich, dank der eingeschalteten Orientierungslampen, die drei bulligen, rotweiß lackierten Feuerwehrfahrzeuge recht gut erkennen. Links und rechts standen zwei Magirusfahrzeuge und in der Mitte stand die große Metz/ Mercedes Drehleiter, die für mich prompt den wesenhaften Inbegriff eines Feuerwehrfahrzeuges darstellte.
Ich trat wieder auf den Gehsteig zurück und besah mir das Gebäude, das wenn alles gut ging, demnächst mein neuer Arbeitsplatz sein würde.
Neben der Fahrzeughalle befand sich der Haupteingang zum Gebäude, angrenzend führten zwei weitere Tore in den Innenhof der Feuerwache. Hinter drei weiteren zur Altgasse führenden Toren, waren hintereinander in Doppelreihe noch eine Anzahl andere Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr abgestellt.
„Ganz schön eng der Laden“ dachte ich für mich und besah mir die über dem Hoftor in die Mauerzinnen eingelassenen Mosaiken. Das Stadtwappen erkannte ich sofort. Die vier anderen, aus farbigem Glas gefertigten Mosaiken, entschlüsselte ich nach einigem Überlegen als die vier Elemente „Feuer, Wasser, Erde und Luft.“
Von meiner Oma hatte ich erfahren, dass die Feuerwache irgendwann zwischen 1893 und 1901 geplant, gebaut und bezogen wurde. Direkt neben der Hauptfeuerwache war damals, in einem separaten Gebäude, noch das Akzise - und Leihamt (Amt für Zoll Verbrauchssteuern) untergebracht und war durch das überbaute und mit Zinnen bewehrte Hoftor mit dem Trakt der Feuerwache verbunden…..
Eine Lautsprecherstimme riss mich augenblicklich aus meinen Gedanken.
Dann folgte ein schrilles, sich immer wiederholendes, rhythmisches Klingelsignal, Füßegetrappel, Türenschlagen und schon bullerten die Dieselmotoren der Feuerwehrfahrzeuge los und irgendeine Stimme brüllte nach der Anfahrtsdepesche. Bereits wenige Sekunden später schnellten die drei Hallentore auf, und knallten mit Getöse gegen die gemauerten Torpfosten.
Zwei Männer sprangen mit erhobenen Polizeikellen auf die Straße und stoppten den Verkehr in beide Richtungen der Altgasse. Langsam schob sich die Motorhaube des ersten Feuerwehrfahrzeugs auf die Straße, um dann mit steigender Geschwindigkeit in Richtung Friedrichstraße abzubiegen. Der nach vorn weit überstehende Leitersatz der Drehleiter rasierte haarscharf an dem gegenüber der Ausfahrt angebrachten Reklameschild einer Kohlenhandlung vorbei und folgte dann zügig dem ersten Fahrzeug.
Als das dritte Fahrzeug an mir vorbei fuhr, sah ich für einen Augenblick die angespannten Gesichter der darin sitzenden Feuerwehrleute. Einer von ihnen nestelte an der Bebänderung seines Helmes, der Fahrzeugführer hatte den Hörer des Funkgerätes am Ohr und sprach irgendetwas in das Mikrofon und ein anderer wiederum rüstete sich mit einer am Fensterholm hängenden Handlampe aus.
In den Schaufenstern der gegenüberliegenden Kaufläden spiegelten sich schemenhaft die blitzenden Blaulichter wieder, und die eingeschalteten Martinshörner und Glocken der ausrückenden Fahrzeuge verstärkten sich an den Wänden der dicht beieinanderstehenden Häuser, zu einem durch Mark und Bein gehenden, ohrenbetäubenden Getöse.
Aus dem in unmittelbarer Nähe befindlichen 1.Polizeirevier war zwischenzeitlich ein Polizeibeamter herausgespurtet, hielt den Verkehr in der Friedrichstraße auf, und winkte mit
schwungvollen parallelen Armbewegungen, die jetzt andonnernden Feuerwehrfahrzeuge aus der Altgasse heraus. Schon war „Lützows wilde verwegene Jagd“ in der Friedrichsraße verschwunden. Von Weitem hörte ich nur noch die nun leiser werdenden Martinshörner und das durchdringende Gerassel der zusätzlich eingeschalteten Signalglocken. Die Tore der Fahrzeughalle waren bereits wieder geschlossen und es herrschte wieder Ruhe - gerade so, als ob nichts geschehen wäre. Das ganze Spektakel hatte nicht länger als zwei – höchstens jedoch drei Minuten gedauert. Das sollte also mein neuer Beruf werden. Plötzlich hatte ich doch ein bisschen Muffe davor.
Zwischenzeitlich trudelten immer mehr Prüfungsaspiranten vor dem Haupteingang ein – deutlich zu erkennen an den mitgeführten Sporttaschen und der nervösen, abwartenden Haltung.
Ich besah mir argwöhnisch und möglichst unauffällig meine zwölf Mitbewerber. Da waren richtige Hagestolze mit ausgeprägten athletischen Figuren dabei, denen ich mit meinen mickerigen sechzig Kilo, sicher nicht einmal halbwegs das Wasser reichen konnte. Ob ich da überhaupt noch eine Chance hatte? Ich war mir meiner Sache gar nicht mehr so sicher. Dann dachte ich wieder daran, was mein Vater mir an diesem Morgen mit auf den Weg gegeben hatte. „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Bub, du hast dich für diese Prüfung gut vorbereitet. Lass dich also von nichts und niemanden ins Bockshorn jagen. Stell dir die Männer der Prüfungskommission einfach in ausgebeulten langen, grauen Unterhosen vor, – du wirst sehen, wie schnell du dann deine Nervosität verlierst.“
Zwischenzeitlich war ich mit dem einen oder anderen Mitbewerber ins Gespräch gekommen. Dabei wurden erst einmal sehr zurückhaltend gegenseitig Namen ausgetauscht, Berufe erfragt und nach den Gründen der Bewerbung geforscht. Da war so ziemlich alles vertreten:
Maler, Uhrmacher, Friseur, Schuhmacher, Schreiner, Maschinenschlosser, Bauschlosser, Bäcker, Technische Zeichner, Lockführer, Berufskraftfahrer und Kraftfahrzeugmechaniker. Selbst ein, auf Sardinien stationierter Stabsunteroffizier der Luftwaffe und ein Polizeibeamter waren dabei.
Einige der Mitprüflinge waren mir vom ersten Augenblick an sympathisch – andere wiederum weniger.
Einer von den „Netten“ war „Gottfried Seifersdorf“.
Gottfried ein kleiner, stämmiger, schwarzhaariger Bursche, etwa in meinem Alter, war ständig am lachen und am Possen reißen. Vielleicht war es auch nur Galgenhumor.
Als ich ihn fragte: „Was warst du denn, bevor du dich entschlossen hast Feuerwehrmann zu werden?“ antwortete er grinsend: „Da war ich noch normal.“
Pünktlich um 7:30 Uhr kam ein Feuerwehrmann in blauem Dienstanzug mit drei silberner Streifen auf dem Jackenärmel, einer silbernen Kordel an der schräg sitzenden Schirmmütze und einem sehr wichtigen Gesicht vor die Tür und donnerte: „Mein Name ist Brust - Brandmeister Brust.“ Dabei rollte er das r in den Worten Brandmeister und Brust besonders kräftig. „So jetzt kennt Ihr mich und diejenigen, die ihre heutige Einstellungsprüfung bestehen, werden mich später dann erst richtig kennenlernen.“ Dann forderte er uns in einem markigen Befehlston auf: „So Ihr schlappen Komiker, folgt mir jetzt mal unauffällig in den Lehrsaal - und zwar in alphabetischer Reihenfolge, nach Körpergröße und mit kurzen schnellen Schritten.“ „Mahlzeit“ dachte ich, das kann ja heiter werden.
Nachdem ich mir diesen großen beleibten Mann - mit der rot durchäderten Knollennase - in langen grauen und an den Knien ausgebeulten Unterhosen vorstellte, musste ich zwar innerlich feixen, aber mein Bammel vor der Prüfung war immer noch mehr als präsent. Als wir dann gemeinsam, im Gänsemarsch hinter dem Brandmeister, den gepflasterten Innenhof durchquerten, wurde ich augenblicklich an eine Szene aus dem Spielfilm „Schinderhannes“ mit Curd Jürgens erinnert, als dieser im scharlachroten Büßergewand - gemeinsam mit seinen verurteilten Spiesgesellen - in Mainz zur Hinrichtungsstätte geführt wurde.
Bei diesem Hirngespinst verspürte ich unwillkürlich ein fieses eingeengtes Gefühl im Bereich meines bereits durch meine Krawatte zugeschnürten Halses.
Im Lehrsaal angekommen, wurden wir nun von Brandmeister Brust mit den „feinfühligen“ Worten: „Hier sind die dreizehn morschen Pfeifen“ an die bereits anwesende vierköpfige Prüfungskommission übergeben.
Einer der Prüfer schüttelte verärgert den Kopf und knurrte: „Hermann du bist ja heute wieder mal besonders einfühlsam.“
Brandmeister Hermann Brust grinste mit weit nach unten gezogenen Mundwinkeln, ohne dass dabei nur die Spur eines Lächelns seine Augen erreichte. „Gerd du weist doch, in Fachkreisen nennt man mich auch Hermann das Sensibelchen.“
Als Brandmeister Brust mit abgespreizten Armen und vorgestrecktem Bauch aus dem Lehrsaal watschelte, brummte der verärgerte Prüfer leise vor sich hin: „Hermann, du bist und bleibst ein blasiertes und ungehobeltes Arschloch.“
Da ich direkt in der Nähe stand, hatte ich die zweifellos nicht für meine Ohren bestimmten Worte dennoch deutlich verstanden.
Bei mir drängte sich der leise Verdacht auf: „Die Zwei können sich anscheinend nicht besonders gut leiden.“ Und Gottfried feixte: „Ich dachte immer, Beamte würden sich vornehmer ausdrücken. Hoffentlich ist das nicht die allgemeine Umgangssprache in diesem idealistischen Laden“ „Nein, sicher nicht“ tuschelte ich zurück, „Wahrscheinlich hat diese aufgeblähte Brust, vom letzten Einsatz noch ein paar Liter Löschwasser im Ohr.“
Als nun eine goldbetresste Autorität in schneidiger Haltung und Schweißperlen auf der Oberlippe in der Tür erschien, wurde es augenblicklich ruhig im Saal. „Oh je, auch noch ein Goldfasan“ grunzte Gottfried - jetzt doch etwas kleinlaut. Der Goldfasan, der die Einstellungsprüfung leiten sollte, wurde uns nun, - von dem ebenfalls anwesenden Personalratsvorsitzenden – als der stellvertretende Amtsleiter der Feuerwehr - Brandoberinspektor „Abietat“ vorgestellt.
Nun wurden wir sehr höflich aber bestimmt aufgefordert unsere bereits festgelegten Sitzplätze einzunehmen.
Nach der offiziellen Begrüßung durch den Prüfungsvorsitzenden wurden uns schließlich und endlich, auch die anderen Mitglieder der Prüfungskommission, mit Namen und Dienstgrad, bekannt gemacht.
Danach erfolgte ein ausführlicher Check von persönlichen Daten, und Brandoberinspektor Abietat ermahnte uns noch eindringlich, beim Lösen der Prüfungsaufgaben keine Rechenschieber, Spickzettel, Formelsammlungen oder ähnliche Hilfsmittel zu verwenden. “Bei Zuwiderhandlung ist für den Flagranten die Prüfung dann postwendend und ohne Gnade beendet.“
Um ein Abschreiben zu vermeiden, wurden zwischen jedem Prüfling immer zwei Plätze freigehalten.
Ich dachte nur: „Mein lieber Scholli, die sind hier aber kleinlich.“
*
Nach dem Aufsatz „Die Aufgaben der Stadtverwaltung“ dem schriftlichen Nacherzählen eines zuvor vorgelesenen Zeitungsartikels über einen Großbrand in Fulda, einem kurzen Diktat und dem Lösen von zwanzig einfachen bis schweren Aufgaben aus Mathematik und Geometrie war, nach genau zwei Stunden, der theoretische Teil der Prüfung beendet.
An den sorgenvollen blasswangigen Gesichtern einiger meiner Mitbewerber konnte ich deutlich erkennen, dass sie mit ihrer abgegebenen Leistung nicht unbedingt glücklich waren.
Höchstwahrscheinlich dachten die anderen das gleiche von mir. Obgleich ich mit den gestellten Aufgaben ganz gut zurande gekommen war - wie ein strahlender Sieger sah ich zweifellos aber auch nicht aus.
Vor dem Lehrsaal wurden wir nun - je nach erlerntem Beruf - auf die einzelnen Werkstätten verteilt. Hier sollten wir nun unsere berufsspezifischen Kenntnisse unter Beweis stellen. Da bei den Bewerbern auch ein Bäcker dabei war, fragte ich mich, in was und vor allem wo sie die diesen „Teigkünstler“ prüfen wollten. Gottfried meinte grinsend: „Vielleicht muss der ja in der Mannschaftsküche Sauerteig ansetzen, oder für eine fröhliche Kaffeerunde mit dem ollen Brust, einen Frankfurter Kranz backen.“
Ich für meinen Teil trottete nervös, mit drei meiner Mitstreiter, hinter einem „Oberfeuerwehrmann Tresse“ in die kleine, direkt neben Lehrsaal gelegene Werkstatt.
Oberfeuerwehrmann Tresse ein liebenswürdiger und äußerst humorvoller Berliner, nahm uns mit ermutigenden Worten, die in unsere Gesichter geschriebene Mutlosigkeit: „Meine Herrn, nur keene Bange. Det schaffen se mit links. Ik habe det ja schließlich ooch jeschafft.“
In der Werkstatt angekommen, stieg ich erst einmal hinter Herrn Tresse in die einzig dort vorhandene Montagegrube, und musste dort, anhand eines über mir stehenden Löschfahrzeuges, die Wirkungsweise einer Druckluftbremse erklären. Als ich dann noch den Unterschied zwischen Fremd – und Eigenzündung bei Benzin und Dieselmotoren definiert hatte, meinte Herr Tresse lachend: „Na siehste Männeken et jeht doch. Jetzt entlüftest de noch eene Einspritzpumpe und schweißt noch zwee Bleche zusammen, dann iss allet knorke“
Die Entlüftung der Einspritzpumpe ging trotz meiner zittrigen Hände völlig unproblematisch über die Bühne, wogegen bei dem Zusammenschweißen der zwei kleinen Bleche, dann doch solide Schwierigkeiten auftraten.
Bereits beim Anzünden des Brenners ging alles daneben.
Erst hatte ich zu viel Acetylen aufgedreht und die Flamme rußte wie wahnsinnig, dann steuerte ich zu viel Sauerstoff dazu, und die Schweißflamme erlosch mit einem lauten Knall.
Als ich nach mehreren fruchtlosen Versuchen endlich die richtige Mischung aus Acetylen und Sauerstoff gefunden hatte, machte ich mich - unter den zwischenzeitlich sehr skeptischen Blicken von Herrn Tresse - an das Zusammenschweißen der zwei vermaledeiten Blechstreifen.
Mit einem lauten Zischen und unter gewaltigem Funkenregen hatte ich das erste Loch in die Bleche gebrannt, dann folgten das zweite und danach das dritte Loch. Immer nervöser werdend bekam ich jetzt überhaupt nichts mehr auf die Reihe – von wegen „dann ist allet knorke.“
Oberfeuerwehrmann Tresse nahm mir behutsam den Schweißbrenner aus der datterischen Hand. „Männeken, häkelste en Topflappen oder willste schweißen?“ fragte er mich grinsend.
Dann warf er die zwei mühsam zusammengeknorzten und durchlöcherten Bleche in den Mülleimer, griff sich zwei neue Metallstreifen und schweißte diese in wenigen Minuten fachgerecht zusammen.
Danach klopfte er die Schlacke ab, kühlte das Werkstück unter dem Wasserhahn ab, und sagte mit einem Augenzwinkern: „Na Junge, wat saachste nu? Det is nu ne astreine Raupe. Haste doch prima jemacht. Da jibt dir der olle Tresse doch ne glatte zwee druff.“
Ich bekam vor lauter Freude über die großmütige Hilfe - aber natürlich auch wegen meiner ärgerlichen Pfuscherei eine feuerrote Birne und konnte nur noch ein leises „Vielen Dank“ nuscheln.
Diesen großherzigen, freundlichen Mann hatte ich ab diesem Tag ins Herz geschlossen und würde ihn wohl nie mehr vergessen.
In der hinteren Ecke der Werkstatt war Gottfried Seifersdorf dabei, wie ein Hufschmied, auf einem in der Schmiedeesse glühend gemachten Rundeisen herumzuhämmern, um daraus einen halbwegs brauchbaren Kreuzmeißel herzustellen. Ich wartete bis Gottfried den geschmiedeten Meisel kunstgerecht gehärtet, die Anlauffarben erklärt und sein Werk akkurat angeschliffen hatte, und ging dann mit ihm, zu den bereits im Hof wartenden übrigen Mitbewerbern zurück. Jeder gab nun zum Besten, welche handwerklichen Prüfungen ihnen in der letzten dreiviertel Stunde abverlangt wurde.
Gottfried, der von Beruf Maschinenschlosser war, feixte: „Was ein Glück, dass die hier keine Gäule mehr haben, sonst hätten die mich am Ende noch so einen lahmen Feuerwehrzossen beschlagen lassen."
Zurück im Lehrsaal, mussten wir unsere mitgebrachten Arbeitsanzüge anziehen. Diejenigen die nichts Entsprechendes dabei hatten, bekamen hurtig feuerwehreigene – lindgrüne, viel zu kurze - Overalls angepasst.
Danach wurden wir mit schwarzen Feuerwehrhelmen und den sogenannten Hakengurten ausgerüstet und marschierten nun wieder gemeinsam in den Übungshof.
Vor dem, im rückwärtigen Bereich des Hofes befindlichen Übungsturm, war zwischenzeitlich die Drehleiter des zweiten Zuges in Stellung gebracht worden. Als ich ehrfürchtig zur Spitze des Leitersatzes hochsah, wurde mir wieder einmal blümerant zumute.
Aus dem Fenster des dritten Stockes warf ein Feuerwehrmann eine Sicherungsleine nach unten, die dann auch sogleich dem ersten Aspiranten um Nacken und Brustkorb geschlungen und mit einem sogenannten Ankerstich verknotet wurde. Dann erfolgte noch eine kurze Unterweisung, wie man die Leiter hochsteigen sollte – Flott, zügig, die Hände stets in Augenhöhe und immer an den Sprossen, nie an den Holmen.
Das Ganze hatte den Sinn, zu überprüfen, wie sicher und schwindelfrei der Bewerber über eine Leiter – und überhaupt - größere Höhen überwinden und in diesen luftigen Gefilden gegebenenfalls auch arbeiten konnte.
Einer nach dem anderen stieg nun mehr oder weniger gekonnt die Drehleiter hoch.
Als man dann mir die Sicherungsleine umlegte, dachte ich wieder einmal an das Lied, das ich bei den Naturfreunden so oft gesungen hatte: „Lebt wohl denn Kameraden….“
Ob die mit den in der Stellenausschreibung angepriesenen „Besten Aufstiegschancen“ wohl diese Leiterübung gemeint hatten?
Ich war mir diesbezüglich nicht mehr so ganz sicher.
Mit reichlich weichen Knien fing ich an die Leiter hochzuklettern.
Erstaunlicherweise wurde ich mit jedem geschafften Meter sicherer und beherzter. Nachdem ich die Leiterspitze verhältnismäßig schnell erreicht hatte, sah ich vorsichtig nach unten, und meinte bei dem Anblick zu dem Feuerwehrmann an der Sicherungsleine: „Ganz schön viel frische Luft unterm Hintern“ Der grinste nur und sagte: „Ruhe dich erst mal zwei Minuten aus, atme richtig durch und krabbele dann wieder runter. Ist alles halb so schlimm.“
Bevor ich mich an den Abstieg machte, riskierte ich Nochmals einen Blick in den tief unter mir liegenden Hof.
Zu der Prüfungskommission hatte sich nun auch noch der mir bereits bekannte „Brandmeister Hermann Brust“ gesellt. Der hatte die Arme in die Seiten gestemmt, und plärrte zu mir hoch: „Steinmann du hängst ja an der Leiter wie ein Lappen Rotz an der Hauswand.“
Ich war mir sicher, sollte ich die Aufnahmeprüfung schaffen, und demnächst wirklich bei der Feuerwehr anfangen - mit „Hermann dem Sensibelchen“ würde ich noch viel Spaß haben.
Eine viertel Stunde später hatte man jedem von uns einen schweren eigenartigen Blechtornister auf den Rücken geschnallt.
Wie uns einer der Prüfer mitteilte, handelte es sich hierbei um ein Sauerstoffschutzgerät, das den Träger für eine gewisse Zeit von der Außenluft unabhängig machte.
Nachdem dann alle noch mit Atemschutzmasken – die ich bisher nur unter dem Begriff Gasmasken kannte – ausgerüstet waren, musste jeder der Prüflinge, fünfzehn höllisch schwere Waschbetonplatten, die er mit ausgestreckten Armen über den Kopf stemmen musste – quer über den Hof tragen. Als die Ersten mit Helm und Gasmaske - japsend und keuchend die Betonplatten über ihren Köpfen balancierend - über den Hof stolperten, sah das schon fast gespenstig aus, und erinnerte mich mit Erschrecken an einen entsetzlichen Film über den 1.Weltkrieg, den ich in meiner Schulzeit gesehen hatte, „Die Hölle von Verdun“. Bevor ich jedoch weiter überlegen konnte, war ich bereits an der Reihe.
Ich stemmte die erste Betonplatte hoch, und hastete zum anderen Ende des Hofes, nahm dort die zweite Platte auf und eilte so flott wie möglich wieder zurück. Durch die zwei kleinen kreisrunden Sichtscheiben der Atemschutzmaske war der Blickwinkel stark eingeengt, und darüber hinaus liefen die elenden Scheiben infolge von immer heftiger werdendem Schwitzen langsam aber sicher milchig und nebelhaft an. Da half auch die angeblich sehr wirkungsvolle geleeartige Klarscheibe nicht viel.
Wie ein Blinder stolperte ich über das Kopfsteinpflaster des Übungshofes und ersehnte inständig, dass diese kräftezehrende Tortour schnell vorüberginge.
Nach dem siebten Durchlauf verließ mich langsam aber sicher meine Ausdauer. Die ausgestreckten Arme knickten unter den fortgesetzt schwerer werdenden Betonplatten immer weiter zu einem rechten Winkel ein, wobei ich zum Schluss, die letzen zwei Platten auf den Helm auflegte, und völlig entkräftet zurück zum Ausgangspunkt torkelte.
Wie aus der Badewanne gezogen streifte ich die Atemschutzmaske ab, löste mich schwankend von dem Sauerstoffschutzgerät, und lehnte mich heftig atmend und völlig erschöpft an die rote Backsteinwand der Fahrzeughalle.
Als ob ich es geahnt hätte - da war er wieder – „Hermann Brust“
Mit spöttischem Gesicht, beider Hände in den Hosentaschen vergraben, blökte er mich an: „Na Steinmann du morsche
Bohnenstange – das ist was anderes, wie zentnerschwere
Weiber stemmen.“
Ich sah diesen Kotzbrocken nur stumm an, und urteilte in Gedanken: „Du schaffst mich nicht“ - dabei dachte ich sehr intensiv an Götz von Berlichingen.
Der Personalratsvorsitzende scheuchte das nervige Lästermaul mit deutlichen Worten vom Hof: „Hermann lass die jungen Leute endlich in Frieden und mach dich ganz schnell von der Scholle - sonst bekommst du mächtigen Ärger mit mir.“ Brandmeister Brust machte noch eine verächtliche Geste und verdrückte sich dann aber doch sehr übereilt von der Bildfläche.
Jetzt war zur Freude aller, erst einmal eine Stunde Mittagspause zur freien Verfügung angesetzt.
Danach sollte es, hinsichtlich des sportlichen Teils der Eignungsprüfung, zum Sportplatz gehen, um anschließend noch das Hallenbad zur Schwimmabnahme aufzusuchen.
Nachdem wir uns im Lehrsaal den Schweiß vom Körper geruppelt und uns wieder in die Zivilkleidung gezwängt hatten,
löste sich die Prüfungsgruppe erst einmal auf.
Ich trabte mit Gottfried Seifersdorf, Wolfgang Hohn und Albert Bürgle – einem Bauschlosser aus der Nähe von Wetzlar – in die Bahnhofstraße, um dort in einem Schnellimbiss eine Bratwurst zu vertilgen.
Albert Bürgle hatte uns generös zu diesem fulminanten Mittagsmahl eingeladen. „Haut nur richtig rein – auf eine Mark mehr oder weniger kommt es mir heute nicht an“
Während wir an unserem bescheidenen Mittagessen herumkauten, erzählte uns Albert Bürgle, dass er in seiner Heimatgemeinde schon seit einigen Jahren Mitglied der "Freiwilligen Feuerwehr" wäre, und daher die heutige Prüfung für ihn natürlich nur so eine Art Heimspiel darstelle.
Dann schwadronierte er noch mit haarsträubenden Geschichten von gefährlichen Einsätzen, die er bereits einige hundertmal, hautnah miterlebt hätte. Gottfried raunte mir feixend zu: „Das ist ja ein ganz virgilantes Kerlchen“.
Albert war ein großer kräftiger Bursche, mit einem ziegelrotem Gesicht und radikal kurz geschorenen Haaren. Wenn Albert lachte – und er lachte ständig - entblößte er dabei eine Reihe riesiger, blendend weißer Zähne.
Albert war zwar ein außerordentlich netter, aber gleichfalls auch ausnehmend erstaunlicher Artgenosse.
In der Zeit, in der Gottfried, Wolfgang und ich noch immer an unserer etwas verbrannten Bratwurst herumknabberten, hatte Albert bereits drei dieser Hungerstiller, zwei große Portionen Schaschlik, eine Frikadelle und vier der weichen, gummiartigen Brötchen hinuntergeschlungen.
Als er das Ganze noch mit einem großen Glas Bier nachspülte, kannte unsere Fassungslosigkeit keine Grenzen mehr.
„Der Kerl ist ja Innen noch größer als Außen“ kommentierte Gottfried grinsend und nuckelte an seiner Colaflasche.
Doch die größte Überraschung kam noch – und zwar beim bezahlen der Zeche. Albert hatte nämlich keine müde Mark in der Tasche.
Wie selbstverständlich schmarotzte er von uns, eine vorübergehende Vorfinanzierung dieser – wie er meinte - doch sehr unerhebliche Verbindlichkeit. Spätestens wenn wir in ein paar Monaten, gemeinsam unseren Dienst bei Feuerwehr antreten würden, würde er diese Kleinigkeit mit links bereinigen.
Wolfgang maulte stinksauer: „Du hast wohl den Arsch offen. Erst lädst du uns ein, dann schlägst du dir wie ein Gaskranker die Plauze voll und jetzt sollen wir das Ganze auch noch bezahlen.“
Albert bleckte lachend seine Zähne und meinte: „Ich bin eben kurzfristig gerade mal in einem kleinen fiskalischen Engpass. Es sind doch nur ein paar Märker. Stellt euch doch wegen so einer Bagatelle nicht so knauserig an.“
Notgedrungen - aber auch wegen des, bereits jetzt schon existenten Kameradschaftsgefühls - kratzten wir nun unsere paar Kröten zusammen und lösten den „generösen“ Albert – der daraufhin noch schnell ein kleines Bier auf unsere Kosten bestellte – murrend aus seiner monetären Verlegenheit aus.
Bereits auf dem Rückweg zur Altgasse, klopfte der bargeldlose Vielfraß schon wieder große Sprüche und teilte uns großspurig mit, dass er sich in den nächsten Tagen einen standesgemäßen Flitzer - vermutlich einen flotten Daimler oder einen Ford Mustang - anschaffen würde.
„Du verfressener Brotbeutel, kaufe dir lieber eine flotte, attraktive Bratwurstbude, da verdienst du - insbesondere an dir selbst - nämlich das meiste Geld“ knurrte ich, und dachte dabei bekümmert an mein jetzt nahezu leeres Portemonnaie.
Zurück auf der Feuerwache wurden wir nun in zwei bereitstehende Feuerwehrfahrzeuge verfrachtet und quer durch die Stadt zum Sportplatz kutschiert.
Sehr komfortabel waren diese Fahrzeuge nicht gerade ausgestattet.
Dicht an dicht saßen wir auf den harten Holzsitzen der Mannschaftskabine. Die Knie des Gegenübers waren gegen die eigenen Beine gepresst, im Rücken drückten die an der Wand aufgehängten Fangleinenbeutel, und in jeder scharfen Kurve wurde man unsanft hin und her geschubst. Trotz alledem fühlte ich mich irgendwie wohl in diesem engen, roten Fahrzeug. Als ich aus dem Seitenfenster sah, und bemerkte das viele Passanten interessiert oder neugierig zu uns hoch blickten, fühlte ich sogar etwas wie ungeduldigen Stolz in mir aufsteigen. Vielleicht schaffte ich es ja, bald richtig dazuzugehören. Doch noch musste ich bis dahin ein paar Hürden überwinden.
*
Rektor Gabler - seines Zeichens hauptberuflich Schulleiter und Sportlehrer der Waldbergschule - stand mit der Stoppuhr am Rande der Aschenbahn und wartete auf den Start des 100-Meter-Laufs.
In Ermangelung einer Starterpistole hatte man auf der Feuerwache zwei schmale Bretter mit einem Lederscharnier versehen, die sich der Starter, jetzt weit auseinandergeklappt über den Kopf hielt.
Mit einem lauten Knall schlug er nun die zwei Bretter zusammen, und die ersten Läufer spurteten wie angestochen über die Bahn.
Mein wochenlanges Training hatte sich ausgezahlt. Vom Laufen über Kugelstoßen, Weit und Hochsprung - in allen geforderten Disziplinen lag ich meist im mittleren Feld.
Alles ging gut – bis Albert Bürgle zum zweiten Versuch im Weitsprung antrat. Albert setzte mit einem gewaltigen Anlauf seinen massigen Körper in Bewegung und eierte auf die Absprungskante zu. Kurz vor dem geplanten Absprung kam er ins Schlingern, stolperte, schoss kopfüber in Richtung Sandkuhle, und landete dort mit Karacho und unter lautem Aufstöhnen, direkt auf seinem Bauch.
Als Albert sich verdutzt aufsetzte, sahen wir dann die Bescherung.
Vor Albert lagen die, gerade erst vor kurzen von ihm vertilgten, und von uns bezahlten Gourmetdelikatessen aus dem Schnellimbiss, gut verteilt im Sand. Albert grinste schon wieder breit und meint treffend: „Da ruhen sie in Mutters Erde – die teuer bezahlten Leckerbissen“.
Gottfried sah mich entgeistert an, und brummte lakonisch: „Diese Investition haben wir sprichwörtlich in den Sand gesetzt“
Nachdem Albert, mit Schaufel und Rechen, die Bratwurst, Bier - und Schaschlikreste fein säuberlich aus der Sandgrube entfernt hatte, durfte er einen dritten Versuch starten, und sprang hierbei doch tatsächlich die größte Weite von allen. „Kein Wunder“ meinte ich grinsend „der war beim dritten Sprung ja auch mindestens drei Kilo leichter.“
Wenn wir gedacht hatten, das wäre der absolute Knalleffekt mit Albert gewesen, hatten wir uns gründlich getäuscht.
Im Hallenbad setzte unser Vielfraß aus Nordhessen noch einen herrlichen Höhepunkt.
Nach einem eleganten Kopfsprung vom Dreimeterbrett tauchte Albert aus den Fluten auf, und schwamm nun zügig seine vorgeschriebenen Bahnen. Zur Freude aller Zuschauer war ihm jedoch entgangen, dass er beim Sprung, seine etwas schlabberige Badehose verloren hatte, und sein weißer Hintern - besonders bei seinen eleganten Wenderollen - aus der Wasseroberfläche heraus leuchtete.
Bademeister Germus spurtete in seine Glaskabine, riss das Mikrofon der Lautsprecheranlage von der Halterung, und machte eine Durchsage: „Meine Damen und Herren, nach langen Bemühungen ist es uns endlich gelungen, den berühmtesten Wal der Weltgeschichte in unser Becken zu holen. Auf der mittleren Bahn können Sie ihn bewundern. Ich bitte um einen kräftigen Applaus für Moby Dick den weißen Wal.“
Brandmeister Moritz, der die Schwimmprüfung abnahm, lag am Beckenrand und hielt sich den Bauch vor Lachen.
Albert, der noch immer nicht gerafft hatte, dass er gemeint war, zog mit nacktem Hintern, gemütlich seine Bahn, und freute sich über den Beifall, den die Prüfungskommission sowie die reichlich anwesenden Badegäste, ihm entgegenbrachten. Als er nach der dritten Runde dann endlich sein Malheur bemerkte, tauchte er hurtig nach seiner am Boden des Bassins liegender Badehose, strampelte sich hektisch wieder in diese hinein, und entstieg nun wie „Aphrodite die Schaumgeborene“ breit lachend den Fluten des Hallenbades.
Bademeister Germus japste lachend: „Junger Mann, Sie passen zur Feuerwehr, wie ein Arsch auf den Eimer.“
*
Es wurde bereits dunkel, und ich saß immer noch im Mannschaftsraum der Feuerwache und wartete auf meinen Aufruf zum abschließenden persönlichen Gespräch mit dem Amtsleiter der Berufsfeuerwehr „Herrn Oberbrandrat Dipl. Chemiker Kurt Börner.“
Da die Reihenfolge alphabetisch erfolgte, war ich mit dem Buchstaben S, wieder einmal der letzte unserer Prüfungsgruppe, der zu dieser, jetzt alles entscheidenden Gesprächsrunde gerufen werden sollte.
Zwischenzeitlich hatten sich die Feuerwehrmänner, die tagsüber in den Werkstätten und Büros arbeiteten im Mannschaftsraum versammelt, um dort ihr Abendessen einzunehmen, oder gesellig zusammenzusitzen um nun ihre beginnende Bereitschaftszeit bis zum nächsten Morgen über die Runden zu bringen.
Wie ich feststellte, gab es hier eine regerechte Sitzordnung.
In der Mitte des Raumes stand ein großer runder Tisch, an dem nur die Oberfeuerwehrmänner saßen. Die anderen hatten an den übrigen Tischen – aber anscheinend ebenfalls nach geordnetem Muster – Platz genommen.
Die Brandmeister, Oberbrandmeister, Hauptbrandmeister, sowie die diensthabenden Oberbeamten, saßen abgesondert vom „gemeinen Volk“ in einem separaten Raum, neben dem Lehrsaal.
Die meisten der Anwesenden duzten sich untereinander.
Aber es gab auch Ausnahmen. Interne Durchsagen erfolgten etwa so: „Oberfeuerwehrmann Schneider bitte zu Hauptbrandmeister Woge, oder aber „Feuerwehrmannanwärter
Burg umgehend zu Brandmeister Korowsky“.
Ich urteilte für mich: „Ganz schön hierarchisch dieser Laden.“
Die meisten der Feuerwehrleute, fingen ein zugeneigtes Gespräch mit mir an, wobei bei dem einen oder anderen, auch eine gehörige Portion Neugier zum Vorschein kam. „Was bist du von Beruf? Wohnst du hier in der Nähe? Wie ist die Prüfung verlaufen?“ bis hin „Was ist deine Mutter denn für eine Geborene?“
Ich gab bereitwillig Auskunft und war eigentlich recht froh über diese kurzweilige Abwechslung.
Plötzlich ertönte ein durchdringender lauter Hupton in dem Raum. Ich kannte diesen Ton aus zahlreichen U-Boot Filmen. Wenn der Kapitän Alarm zum Tauchen auslöste, klang das ähnlich wie jetzt hier.
Der Ton kam aus einer riesigen Hupe, die direkt über der Zugangstür des Mannschaftsraumes angebracht war.
Da dieser höllische Ton, früher scheinbar noch lauter war, hatte man in das Hupenhorn Watte hineingestopft, was die Lautstärke jedoch nicht merklich minderte.
Mit dem Ertönen der Alarmhupe flogen auch schon die Stühle nach hinten, und noch bevor die Stimme des Telegrafisten aus dem Lautsprecher dröhnte „Achtung Alarm für Staffel, Gerätewagen, Kranwagen und KDO – Autobahn Kilometer 35. – Verkehrsunfall mit Feuer – eingeklemmte Person“ war der Mannschaftssaal bereits wie leergefegt.
Ich stand auf, und stellte die umgestürzten Stühle wieder an ihren Platz, und dachte dabei: „Ach Gott, die armen Kerle können nicht einmal in Ruhe zu Abend essen.“
In den Fahrzeughallen sprangen bereits lärmend die Motoren an - und schon dreißig Sekunden später donnerten die alarmierten Fahrzeuge, mit eingeschalteten Blaulichtern, Martinshorn und Glockengerassel aus ihren Unterständen.
„Die roten Schutzengel waren unterwegs.“
Mir schien es, als würden die Signalhörner laut schreien: „Achtung -Weg frei - wir müssen helfen.“
Mir wurde zum ersten Mal, so richtig bewusst, was es bedeutete Feuerwehrmann zu sein.
Quer durch die Republik – von Kiefersfelden bis Hamburg, von Flensburg bis Regensburg, - überall standen rund um die Uhr Feuerwehrleute bereit, um ihren in Not und Bedrängnis geratenen Mitmenschen jederzeit, schnell und selbstlos zu helfen.
Irgendwo hatte ich kürzlich gelesen, dass die Feuerwehren in Deutschland, im Zeitraum eines Jahres, etwa zwanzigtausend Leben retten und Sachwerte in Milliardenhöhe schützen und erhalten.
Dieser Gedankenflug war im Augenblick so berührend für mich, dass ich plötzlich eine wohlige Gänsehaut bekam.
Ja, ich war mir absolut sicher, ich wollte dazugehören – dazugehören zur größten und erfolgreichsten Hilfsorganisation der Welt – der Feuerwehr.
*
Es war still geworden in dem Mannschaftsraum. Die Feuerwehrleute, die nicht mit ausgerückt waren, saßen wieder auf ihren Plätzen und unterhielten sich leise, während der ein oder andere sein Abendessen verzehrte.
Das jetzt nur noch lauwarme Essen der im Einsatz befindlichen Kollegen hatte man, wie selbstverständlich in einen, in der Küche befindlichen Wärmeofen gestellt.
Zum hundertsten Mal schweifte mein Blick über die Wände des Aufenthaltsraumes.
Die dort aufgehängten Bilder unbekannter Künstler kannte ich in zwischenzeitlich in jedem Detail. Mein Blick blieb nun an dem kleinen, an der Wand stehenden Aquarium hängen.
Ich beobachtete die fast bewegungslos im Wasser stehenden „Scalare“, verfolgte die flink zwischen den Wasserpflanzen hin und her schwimmenden Neonfische und wurde dabei immer müder.
Der anstrengende Prüfungstag forderte langsam aber sicher seinen Tribut. Außerdem machte sich bei mir ein tierischer Kohldampf bemerkbar.
Das leise gluckern der Filteranlage und das beständige Aufsteigen der kleinen Luftperlchen im grünlichen Wasser des Aquariums, gab mir endgültig den Rest. Unvermittelt war ich, trotz des unbequemen und harten Holzstuhls, fest eingeschlafen.
„Herr Steinmann – Hallo, Herr Otto Steinmann“ irgendwo im Halbdämmer nahm ich war, dass mich jemand beim Namen rief. Erschrocken fuhr ich hoch.
Vor mir stand eine ältere grauhaarige Dame, die sich mit strenger Miene als „Frau Kutter“ – ihres Zeichens Sekretärin des Amtsleiters – vorstellte, und mich aufforderte, ihr geschwind, zum persönlichen Abschlussgespräch, in das Büro von „Herrn Diplom Chemiker Börner“ zu folgen.
Brav trabte ich hinter Frau Kutter her, die hocherhobenen Hauptes, geradezu vor mir herschwebte.
Durch den unteren Schlafsaal ging es über das vordere Treppenhaus, in die geheiligten Räume der Branddirektion.
Vor einer, mit rotem Kunstleder gepolsterten, und mit glänzenden Messingnägeln dekorierten Tür, blieb Frau Kutter abrupt stehen. Hier residierte also der große Häuptling der Berufsfeuerwehr.
Bevor Frau Kutter beinah ehrfurchtvoll an den Türrahmen klopfte, gab sie mir noch den gut gemeinten Ratschlag, den Amtsleiter immer mit Dienstgrad anzureden.
Bevor ich noch eine Frage stellen konnte, ertönte aus dem Büro eine tiefe grollende Stimme: „Treten Sie ein Herr Steinmann“.
Bevor ich die Türklinke nach unten drückte, verstand ich noch Dantes Inferno „Die, die hier eintreten – lasset alle Hoffnung fahren“
Das Erste, was ich sah, war eine Symphonie in Gold und Silber, – und zwar in Form von Dienstgradabzeichen und Knöpfen auf den Uniformen der vier anwesenden Männer. Am beeindruckendsten war jedoch der Mann hinter dem riesigen Nussbaumschreibtisch.
Sein Ärmel war mit sieben goldenen Streifen dekoriert und stellte damit in meinen Gedanken, sogar Humphrey Bogart als Commander Queeg in dem Film „Die Caine war Ihr Schicksal“, bei Weitem in den Schatten. Ich selbst kam mir in meinem „Pfeffer und Salz Sonntagsanzug“ geradezu hüllenlos vor. „Nehmen Sie bitte Platz Herr Steinmann“, brummelte der Mann hinter dem Schreibtisch freundlich, und sah mich durch seine große Hornbrille erst einmal prüfend an. „Wissen Sie denn überhaupt, wer ich bin?“ fragte er mich, mit lustig blinkenden Augen. „Da Sie die meisten Streifen am Ärmel haben, vermute ich, dass Sie hier der Häuptling sind.“ An den erschrockenen und versteinerten Mienen der übrigen Gesprächsteilnehmer konnte ich entnehmen, dass ich wohl irgendetwas Falsches gesagt haben musste.
