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Kohen Osman ist ein Pyromane, der immer wieder versucht, mir die Show zu stehlen – was … nun ja, Diebstahl ist. Der Unterschied ist allerdings, dass er glaubt, mit allem durchzukommen, weil er ein verwöhnter Bengel ist und nicht aus einer Junkie-Familie stammt. Ich dachte, das Leben in der Besserungsanstalt wäre besser, wenn weder Kohen noch meine Familie in der Nähe wären. Doch meine Freiheit ist nur von kurzer Dauer. Eines Tages wird er für alles brennen, was er getan hat. Das werden sie alle. Und ich werde diejenige sein, die das Streichholz entzündet.
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Seitenzahl: 639
Veröffentlichungsjahr: 2025
Avina St. Graves
Fiery Little Thing
Übersetzt von Michelle Markau
Fiery Little Thing
FIERY LITTLE THING
Copyright © 2024 by Avina St. Graves
First published by Avina St. Graves
Translation rights arranged by The Sandra Dijkstra Literary Agency
All Rights Reserved
Translation Copyright © 2025 by VAJONA Verlag GmbH
Übersetzung: Michelle Markau
Korrektur: Alexandra Gentara und Patricia Buchwald
Umschlaggestaltung: Stefanie Saw
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH
Für das Mädchen, das einen Mann will, der sie sanft behandelt, die Welt für sie anzündet
und sie wie eine Schlampe fickt.
Dieser Pyromane ist außergewöhnlich multitaskingfähig.
Erniedrigung, Sex, fragwürdiger Gebrauch von medizinischer Ausrüstung, BDSM, Zangen und Seilspiele, Orgasmusverweigerung, Dub-Con, medizinisches Latex, consent nonconsent, Beißen, Breeding-Kink, Atemspiele, Blutspiele, Pyrophilie, Pyromanie, Kleptomanie, Trichophagie, Drogenmissbrauch und -abhängigkeit, Verweis auf Überdosis, Alkohol- und Drogenkonsum, Drogenmissbrauch, Tod der Großeltern, Mobbing, Trauma, Tod, Erwähnung von Selbstmord, Obszönitäten, psychische Gesundheitsprobleme, elterliche Vernachlässigung, Verweis auf emotionale Vernachlässigung und Missbrauch von Kindern (Off-Screen), finanzieller Missbrauch, finanzielle Manipulation, Verweis auf das Sezieren von Tieren(Off-Screen), Polizei, Einweisung in eine Anstalt, medizinische Folter, nicht-sexuelles Würgen durch den MMC, die FMC hat Sex mit einer anderen Person als dem MMC (während sie nicht zusammen sind), Misshandlung durch den MMC, grafische Gewalt, häusliche Gewalt, Kindheitstrauma, toxische Charaktere, Brandstiftung, versuchte sexuelle Nötigung, Beschuldigung des Opfers, Hydrotherapie, Elektrokonvulsionstherapie, Blut, Blutvergießen, Mord.
Bitte lies dies mit Bedacht. Deine geistige Gesundheit ist wichtig.
Einfacher kann man es nicht ausdrücken: Kohen ist ein Arsch. Ein riesiger Schlappschwanz (er hat auch einen großen – aber das ist nicht der Punkt). Er wird handgreiflich und sagt Sachen, bei denen man ihm die Zähne ausschlagen möchte. Doch dann tut er wieder fragwürdig niedliche Dinge, sodass wir mit den Wimpern klimpern und ihn missverstanden nennen. #icanfixhim
Du wirst auch Blaze schlagen wollen. Aber wie Lady Gaga bereits sagte: »I don´t believe in the glorification of murder. I do believe in the empowerment of women.«
Das führt mich zum nächsten Punkt: Dieses Buch ist ein düsterer Liebesroman, der Themen berührt, die für manche Menschen schwer zu lesen sind. Die vollständige Liste der Triggerwarnungen findest du auf der folgenden Seite. Bitte lies verantwortungsbewusst.
Dieses Buch spielt in einer fiktiven Besserungsanstalt, die von Avina St. Graves erfunden wurde. Das bedeutet, dass der Schauplatz frei gewählt wurde und keineswegs dem entspricht, was in realen und modernen Besserungsanstalten geschieht.
PS: Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Das bedeutet nicht, dass ich die Handlungen der Figuren gutheiße.
»My Medicine« – The Pretty Reckless
»Habits (Stay High)« – Tove Lo
»Girl With One Eye« – Florence + The Machine
»Kill Of The Night« – Gin Wigmore
»Kleptomaniac« – DEZI
»High Enough« – K.Flay
»Play With Fire« – Sam Tinnesz, Yacht Money
»Arsonist’s Lullabye« – Hozier
»Control« – Halsey
»Bang Bang!« – Nessa Barrett
»Crazy Girls« – TOOPOOR
»Demons« – Hayley Kiyoko
»Decode« – Paramore
»Gasoline« – Halsey
»High School Sweethearts« – Melanie Martinez
»Ptolemaea« – Ethel Cain
»Desire« – MEG MYERS
»Flawless« – The Neighbourhood
»Okay« – Chase Atlantic
»Sippy Cup« – Melanie Martinez
»House Of Balloons / Glass Table Girls« – The Weeknd
»Hayloft II (SMASHUP)« – Mother Mother
»as good a reason« – Paris Paloma
Das wird ihr gefallen. Ich weiß es einfach.
Blaze benutzt immer ihre schwachen kleinen Arme, um die anderen Jungen auf dem Spielplatz zu schlagen, aber sie richtet nie viel Schaden an, weil sie nur aus Haut und Knochen besteht. Ich habe Angst, dass sie sich etwas brechen könnte, wenn sie weiterhin Leute angreift und auf Bäume klettert, wenn sie denkt, dass niemand zuschaut.
Deshalb ist dies das perfekte Geschenk für sie. Ich habe die ganze Woche darüber nachgedacht, was ich ihr schenken könnte, nachdem sie sich bei einer Schlägerei mit einem Kind, das drei Klassen höher war, blaue Flecken zugezogen hatte.
Meine Haut wird kälter und kribbelt, je näher ich ihrem Haus komme. Ich wusste gar nicht, dass sie so nah bei mir wohnt. Hoffentlich ist sie zu Hause – ich meine, ich hoffe zumindest, dass sie hier wohnt. Letzte Woche habe ich sie eine lange Kiesauffahrt hinuntergehen sehen und vermutet, dass sie zu ihrem Haus führt.
Mom ist so schnell gefahren, dass ich die Hausnummer übersehen habe, aber ich habe sie gesehen. Ich werde sie immer sehen, selbst aus der Entfernung von mehreren Kilometern. Sie ist so hübsch mit ihren roten Haaren und ihren kleinen Fäusten. Aber es ist ärgerlich. Sie hat immer noch nicht begriffen, dass ihr Daumen über denFingern liegen muss. Nicht darunter. Vielleicht kann ich ihr heute Abend beibringen, wie man einen richtigen Schlag ausführt.
Mom und Dad sind um fünf Uhr losgefahren, um mit meinem Bruder Kiervan zu Abend zu essen und einen Film zu sehen, und sie werden stundenlang weg sein, sodass ich viel Zeit mit Blaze verbringen kann. Sie würden nicht mit Kiervan ins Kino gehen, wenn sie gesehen hätten, was er letzte Woche mit der toten Maus gemacht hat. Aber wenn sie herausfinden, was ich jetzt tue, bekomme ich lebenslang Hausarrest. Dann wird Kiervan lachen und mir noch mehr Dinge vorwerfen, damit unsere Eltern ihm den Kopf tätscheln können, während sie mich in meinem Zimmer einsperren.
Ich kaue auf meiner Wange und beobachte die Sonne, die viel zu schnell untergeht. Dann schaue ich in beide Richtungen, bevor ich über die Straße sprinte und den Rucksack vorsichtig an meine Brust drücke, damit ich ihr Geschenk nicht fallen lasse und es kaputt geht, bevor ich es ihr geben kann.
Als ich ihr das letzte Mal ein Geschenk gemacht habe, hat sie das Mäppchen mit zitternden Händen genommen. Sie hat sich nicht bedankt oder so, aber sie hat mich auch nicht mit ihren toten Augen angeschaut, was super cool war.
Diesmal bin ich mir sicher, dasssie mich anlächeln wird. Und sobald ich weiß, wie ich sie zum Lächeln bringen kann, werde ich sie dazu bringen, es immer wieder zu tun, bis sie mich satt hat.
Sie sollte niemanden außer mir anlächeln.
Meine Brust fühlt sich ganz komisch an, als ich am Kragen meines Sweatshirts ziehe. Das war so eine dumme Idee. Gestern mussten wir keine Uniform tragen, und Blaze kam mit einem roten Oberteil zur Schule. Dieser Kapuzenpulli ist das einzige rote Teil, das ich besitze, und ich passe nicht einmal mehr hinein; er ist zu eng.
Es ist zu spät. Ich bin jetzt hier – glaube ich.
Die Bäume, die ihr Haus umgeben, wirken aus der Nähe größer. Sie sind nicht so schön und sauber geschnitten wie dort, wo ich wohne. Meine Familie würde auf keinen Fall zulassen, dass so viele Blätter auf unserer Einfahrt verstreut werden. Blaze sollte sich wirklich einen besseren Gärtner suchen.
Musik pulsiert durch die Luft, ein leises Vibrieren, das lauter und deutlicher wird, je näher ich komme. Dann hört sie auf, nur um von jemandem abgelöst zu werden, der aus den Lautsprechern dröhnt, dass gerade ein paar Reifen verkauft werden. Erlauben Blazes Eltern ihr, so laut Radio zu hören? Das könnte der Grund sein, warum sie immer schreit.
Ich runzle meine Stirn, als ein Gebäude in Sicht kommt, und ich bleibe mitten im Schritt stehen.
Das kann nicht richtig sein. Das kann nicht der Ort sein, an dem Blaze lebt.
Aber ich schwöre, dassdas dieselbe Einfahrt ist, die ich sie habe hinaufgehen sehen.
Das Haus sieht aus wie aus einem Gruselfilm. Die Farbe ist an den Rändern abgeplatzt und Bretter sind auf den Boden gefallen. Der Boden ist mit leeren Verpackungen und Glasflaschen übersät. Ranken wachsen an der Seite des Hauses hoch, und eines der Fenster im unteren Stockwerk hat einen großen Riss. Das Holz, das das Terrassendach hält, ist gesplittert und ragt schräg aus dem Haus heraus, als würde es jeden Moment brechen. Es gibt sogar ein kleines Feuer in der Mitte des Rasens. Was ist das überhaupt für ein Ort?
Mit zusammengekniffenen Augen sehe ich die rothaarige Puppe, die sie letztes Jahr mit in die Schule gebracht hat, auf der Fensterbank sitzen. Vielleicht ist das hier eine Art Poolhaus oder so.
Ein Mann stolpert aus der Haustür, die aus den Angeln gehoben ist. Er macht zwei Schritte, dann stürzt er die Treppe hinunter und fällt mit dem Gesicht voran auf den Rasen. Ein Stöhnen entweicht seinen Lippen, aber er steht nicht wieder auf. Mit dem Rucksack in der Hand gehe ich näher an das Haus heran und achte auf jedes Zeichen von Bewegung zwischen den umliegenden Bäumen. Es ist schwer zu sagen, wie viele Leute drinnen sind, weil alle Vorhänge geschlossen sind, aber ich kann die Erwachsenen reden und lachen hören.
Ich bemerke das Zerbersten von Glas und erstarre. Dann schüttle ich den Kopf und schleiche näher heran. Werden mich ihre Eltern rauswerfen? Sie könnten eine Dinnerparty geben und wollen vielleicht keine Gäste. Mom erlaubt Kiervan auch nicht, seine Freunde einzuladen, wenn sie eine Party feiern. Blazes Mutter möchte das vielleicht auch nicht.
Ein Ast knackt zu meiner Linken und ich richte meine Aufmerksamkeit auf das Geräusch, wobei ich etwas Rotes entdecke. Ich atme tief ein, während mir das Blut in den Ohren rauscht. Ich wusste, dass sie nicht im Haus sein würde, wenn so viele Leute da sind.
»Blaze!«, rufe ich leise.
Ich springe vom Hauptweg und wische meine verschwitzten Hände an meinen Jeans ab. Ich muss meine Beine anheben, um über das Gras in den Teil des Waldes zu gelangen, in dem es nur Unkraut, Bäume und Schlamm gibt.
Erneut rufe ich ihren Namen und ziehe das Geschenk vorsichtig aus meinem Rucksack. Ich musste es die ganze Woche vor jedem in meinem Haus verstecken.
Meine klammen Finger ziehen sich darum zusammen. Was, wenn es Blaze nicht gefällt?
Nein – es wird ihr ganz sicher gefallen. Ich habe so viele Nächte unter meiner Decke verbracht, mit einer Taschenlampe, um etwas ganz Besonderes für sie zu machen. Es wird ihr Lieblingsstück sein. Für immer. Vielleicht will sie sogar noch eins. Vielleicht ein größeres – eines, das nicht einfach nur braun ist, sondern große rote und schwarze Streifen hat.
»Was machst du hier?« Blazes Stimme dringt durch die Stille und kitzelt meine Ohren.
Sie redet nicht viel, aber ihre Stimme ist mein Lieblingsklang.
Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, als ich mich umdrehe und sie ansehe, aber es kommt nichts heraus. Sie wird blass, während ihre hellblauen Augen von mir zu meiner Hand und dann wieder zu mir wandern. Ich grabe meine Nägel in meine Handfläche.
Ich glaube nicht, dass es ihr gefällt.
Es ist, als würde man einen Actionfilm sehen. Einen, in dem sie sich verwandelt, von sanften, großen Augen zu einer Bösewichtin, die mich mit ihrem Blick aufschneiden könnte.
»Ich hab was für dich.« Ich knirsche mit den Zähnen. Warum muss sie mich immer wieder anschauen?
Einen Moment lang fummle ich an dem Geschenk herum und kaue dabei auf meiner Wange. Es wird ihr gefallen – es muss ihr gefallen. Wenn sie es erst mal in den Händen hält, wird sie es nicht mehr loslassen wollen. Sie muss einfach – Komm schon, Kohen. Ich muss schnell sein, bevor sie zurück ins Haus rennt. Oder schlimmer – sie erzählt es ihren Eltern, und die erzählen es meinen Eltern, und ich darf sie nie wiedersehen. Ich habe meine Eltern sagen hören, wie sehr sie ihre Eltern hassen, obwohl sie immer wieder die Villen ihres Großvaters erwähnen. Wenn ihre Eltern mich rausschmeißen, wie soll ich ihr dann das hier geben, damit sie sich nicht weiter die Arme verletzt?
Ihre großen Augen bleiben auf mich gerichtet. Meine Brust weitet sich, und alle meine Sorgen schmelzen dahin. Siehst du, es gefällt ihr. Anstatt nach vorn zu kommen, geht sie einen Schritt zurück. Dann noch einen. Und noch einen. Sie wirft einen kurzen Blick auf den Baseballschläger in meiner Hand und sprintet auf das Haus zu.
»Blaze!« Meine Turnschuhe stampfen auf den Waldboden, während ich zwischen Felsen hindurchschlüpfe und über freiliegende Baumwurzeln springe. Ich muss meinen Rucksack festhalten und den Schläger in die Luft heben, damit er nicht auf dem Boden aufschlägt und die eingravierten Worte zerstört.
Sie stolpert fast über ihre Füße, als sie zu mir zurückschaut, doch sie fängt sich zu schnell wieder, sodass ich sie nicht einholen kann. »Lass mich in Ruhe!« Ihre schrille Stimme hallt von der gedämpften Musik wider.
»Halt!« Blaze durchbricht die Baumgrenze und betritt den Hof, wo die Feuerstelle erloschen ist. Ich treibe mich noch mehr an und laufe schneller als je zuvor. »Komm zurück!«
Ich renne weiter und beobachte, wie sie über den schlafenden Mann im Gras springt, die Treppe hinaufklettert und schnell in ihrem Haus verschwindet. »Nein! Komm wieder her!«
Kurz vor dem letzten Baum bleibe ich stehen – bevor ich dem Haus und dem Mann zu nahe komme –, beuge mich vor, atme tief ein und suche jedes Fenster nach Spuren von ihr ab. Dann stolpere ich zurück zur Baumgrenze und verstecke mich hinter den dicken Stämmen, falls sie mich verrät. Als nach gefühlten Stunden – wahrscheinlich sind es nur ein paar Minuten – niemand herauskommt, sprinte ich von Baum zu Baum um ihr Haus herum. Es spielt keine Rolle, wie oft ich das Haus umrunde, ich kann nicht einmal den kleinsten Blick auf rotes Haar erhaschen.
Sie hasst mein Geschenk.
Sie hasst mich.
Dumm. Dumm. Dumm.
Kiervan hätte gewusst, was zu tun war. Er hätte das richtige Geschenk ausgesucht, und sie wäre nicht vor ihm weggelaufen.
Jedes Mal, wenn ich Schritte höre, halte ich den Atem an und hoffe, dass sie es ist. Doch sie ist es nicht. Sie ist es nie.
Die Leute gehen ein und aus, können kaum noch gehen, lachen oder grunzen, selbst wenn sie die Einzigen hier draußen sind. Eine Person kommt heraus, um Dinge ins Feuer zu werfen, dann humpelt sie wieder hinein.
Als ich mein Versteck hinter den Bäumen verlasse, ist der Himmel dunkelblau. Das einzige Licht, das draußen noch zu sehen ist, stammt vom Mond, der hinter einer Wolkendecke verborgen ist, und vom Feuer, das langsam erlischt.
Der Schläger zittert in meiner Hand, als ich ein letztes Mal mit den Fingern über die Worte fahre, bevor ich ihn ins Feuer werfe. Es sind nur elf Buchstaben, aber ich habe mir die Zeit genommen, jeden einzelnen richtig abzumessen, damit sie sich über den gesamten Schläger erstrecken.
BLAZE & KOHEN
Gegenwart
»Arschloch.«
Sowohl ein Substantiv als auch ein inoffizielles Adjektiv – ein so vielseitiges Wort. Genau wie Fotze. Zum Beispiel ist Kohen Osman eine psychopathische Fotze.
Das sind die beiden Worte, die mir sofort in den Sinn kommen, wenn ich ihn an den Baum gelehnt sehe, wie er mit einem Springmesser etwas in sein Feuerzeug ritzt.
Kohen Osman sieht nicht unbedingt wie ein Arschloch aus, aber er ist das größte Arschloch in dieser Stadt.
»Klepto.« Die besagte größte Plage meines Lebens stößt sich vom Baum ab, steckt sein Springmesser in seine Uniform und nimmt den gesamten Fußweg mit seiner unerwünschten Anwesenheit ein.
»Verpiss dich, Pyro.«
Mein Kopf hämmert, und ich bin zwei Minuten davon entfernt, meine Zähne zu Staub zu zermalmen. Seine Gesellschaft macht meinen Kater noch schlimmer.
Kohen hängt immer an der Ecke der Schule ab und lehnt an einem Baum in einer Straße, die ich nehmen muss. Die einzige andere Möglichkeit wäre, meinen fünfundvierzigminütigen Heimweg um zehn Minuten zu verlängern. Aber ich setze mich lieber mit dieser menschlichen Verkörperung von Herpes auseinandersetze, als zehn weitere Minuten bei diesem eisigen Wetter zu ertragen.
Also gehe ich weiter. Ohne auf das Arschloch an meiner Seite zu achten, überprüfe ich schnell mein Handy. Mal sehen, ob mein Grandpa beschlossen hat, Geld für die Reparatur meines Schlafzimmerfensters zu überweisen, nachdem einer von Dads Freunden vor zwei Nächten einen Stein dagegen geworfen hat.
Nichts.
Super. Mein T-Shirt, das ich an den Fensterrahmen geklebt habe, hält die Kälte des Winters nicht wirklich ab.
Während ich Halbmonde in meine Handfläche grabe, starre ich Kohen an. Jeden Tag nehme ich fälschlicherweise an, dass er mich allein lassen wird, wenn ich Kopfhörer drin habe oder ein Messer bei mir trage, das ich ihm bereitwillig entgegenstrecken würde.
Aber nein.
Egal, ob er riskiert, sich mit einer Tätowierung Hepatitis B zu holen oder etwas in Brand steckt, jeden Tag treffen seine ekelhaft hübschen Augen in der Farbe von goldenem Moos auf meine, und jeden verdammten Tag öffnet er seinen ebenso ekelhaft hübschen Mund, um mir die Stimmung zu vermiesen.
Er geht neben mir her, dreht das Feuerzeug zwischen seinen Fingern und schnippt dann am Funkenrad. Es ist brandneu, mit einer schillernden goldenen Oberfläche und einem Totenkopf, den er persönlich eingraviert hat.
Es würde großartig aussehen in meinem Regal.
Gib mir noch eine Woche, dann stecke ich das wahrscheinlich auch ein. Gott weiß, wie viel von seinem Scheiß ich nach dreizehn Jahren, in denen ich seine unerträgliche Anwesenheit über mich habe ergehen lassen müssen, gestohlen habe.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass er weiß, dass ich diejenige bin, die ihn ständig bestiehlt. Eines Tages wird er versuchen, mich bei lebendigem Leibe zu verbrennen für all den Scheiß, den ich getan habe. Ich weiß es einfach.
Der Pyromane löscht die Flamme und zündet sie dann wieder an, immer und immer und immer wieder. Er steckt das Feuerzeug weg, bevor ich die Chance habe, es ihm zu entreißen.
Wir sehen beide deplatziert aus, als wir durch diesen Teil der Stadt gehen – er mit seinen Tätowierungen und Feuerfingern, ich mit meinem Ruf. Die meisten Studenten, die in St. Augustine studieren und wohnen, leben jenseits der Vorstädte mit weißen Lattenzäunen und gemütlich aussehenden Häusern, in denen Kinder auf dem Rasen spielen. Hier regieren die oberen zehn Prozent.
Jedes Haus, an dem wir vorbeikommen, geht in die Millionen, übertrifft den Begriff Haus und fällt bequem in die Kategorie der Villen. Einige sind hinter hohen Bäumen oder langen, gewundenen Zufahrten versteckt. Andere sind offen für alle zu bestaunen.
Auf einigen Grundstücken stehen die Worte Herrenhaus oder Anwesen auf großen Holzschildern an der Einfahrt zu ihrem Haus. Vielleicht werde ich Grandpa bitten, mir Geld zu schicken, damit wir ein Schild mit der Aufschrift Crack House bei uns anbringen können. Ich lasse sie das Schild sogar anstelle meines Fensters anbringen, damit ich mir keine Sorgen mehr über Schnee in meinem Zimmer oder noch schlimmer jemanden, der hindurchklettert, machen muss.
Ein Auto hält vor einem der Häuser, und eine Dame in Louboutins und Burberry-Mantel steigt vom Rücksitz eines Maserati aus und schiebt sich ihre Fendi-Brille auf die Nase, während das Auto wegfährt. Sie nimmt die Welt um sich herum gar nicht wahr, während sie ihre offene Einkaufstasche in der Ellenbeuge zurechtrückt.
Und ganz plötzlich ist mir nicht mehr unwohl zumute.
Kohen schüttelt den Kopf und verlangsamt seinen Gang, weil er weiß, was jetzt kommt. Er krempelt die Ärmel seines weißen Shirts bis zu den Ellbogen hoch, sodass ich einen ungehinderten – und unerwünschten – Blick auf die Muskeln an seinen Unterarmen habe, die sich gegen die Tätowierungen abzeichnen. Aber das reicht nicht aus, um mich von der Tatsache abzulenken, dass wir nur ein paar Meter von der Wundertüte in Tausend-Dollar-Schuhen entfernt sind.
Als ich gestern Nicholas’ Laptoptasche gestohlen habe, war ich nicht annähernd so aufgeregt wie jetzt. Eine Fremde. Es ist ein Drang, der tiefer geht, als an den Metallcontainer hinter meinem Bettgestell zu gelangen. Ein Juckreiz, der gekratzt werden muss, sonst sterbe ich. Und warum sterben, wenn diese Frau es mir so verdammt leicht macht?
Das Blut rauscht in meinen Ohren, als ich mich ihr nähere und meine Schritte gleichmäßig und ruhig halte. Sie klingelt immer wieder an dem Tor, das sich nicht öffnet, während meine Augen auf die unglaubliche große Tasche gerichtet sind, die an ihrem Arm hängt. Dann sehe ich die Ecke einer Brieftasche, und aus dem Jucken wird ein echtes Bedürfnis.
Jackpot.
Ich liebe reiche Frauen, sie können so herrlich unaufmerksam sein.
Meine Schulter stößt mit ihrer zusammen, als ich vorbeigehe, und ich ziehe mich schnell zurück, wobei sich mein Magen unglücklich dreht.
»Tut mir leid«, murmle ich und hebe eine Hand, als die Frau ihre Aufmerksamkeit lange genug von dem Tor abwendet, um höhnisch zu grinsen.
Sie dreht sich wortlos um und ist zu sehr mit der Klingel beschäftigt, um die brieftaschengroße Ausbuchtung in meiner Tasche zu bemerken. Ich gehe in gleichmäßigem Tempo weiter und streiche mir unschuldig eine kupferfarbene Haarsträhne hinters Ohr, während Kohen etwas vor sich hin murmelt.
»Willst du eine weitere Nacht allein in deinem beschissenen Haus verbringen?« Kohen würdigt mich keines Blickes und spricht die Worte aus, als würden sie wie Galle schmecken, die er schlucken musste.
Na super, heute ist er anscheinend gesprächig.
»Ich wollte eigentlich deinen Vater einladen«, schnauze ich und ermahne mich dann, mein Temperament zu zügeln. Meine Zähne klappern, während ich meinen Blazer enger um mich ziehe, obwohl es ein rekordverdächtig warmer Tag für den Winter ist. Ich brauche noch einen Schluck, damit die ganze Scheiße erträglicher wird. Wenn ich gar nicht erst aufhöre, zu trinken, kann ich auch keinen Kater bekommen.
Der gesamte Osman-Clan ist mit einem himmlischen Aussehen gesegnet, das alle anderen Sterblichen erbärmlich aussehen lässt – sogar die Mutter sieht heiß aus. Die Familie hat warme, tiefbraune Haut, die in der Sonne geradezu glänzt, weil sie wahrscheinlich Gold zum Frühstück essen. Kohen ist der Einzige, der sein schwarzes Haar an den Seiten kurz und oben mit weichen Locken trägt, und genau wie Kiervan hat er umwerfend breite Schultern, trainierte Beine, eine dicke Brieftasche und die Art von Lächeln, die jeden im Elternbeirat dazu bringt, seine Ersparnisse für einen Anteil an seinem Pharmaunternehmen herzugeben.
Sie – Kohen nicht miteinbezogen – haben Charisma, das selbst die kältesten Herzen auftauen lässt. Ich war bereit, alles zu riskieren, als ich mich vor ein paar Jahren mit Kiervan für ein lächerliches Wohltätigkeitsprojekt anfreundete. Und um ehrlich zu sein, war ich in den drei Stunden, in denen er mir das Höschen praktisch herunterredete, plötzlich ein ehrfürchtiger Menschenfreund.
Kiervan ist all das, was Kohen nicht ist: Jemand, der mir nicht auf den Sack geht. Dieser spezielle Osman wacht jeden Tag auf und lässt meine Fantasie mit all den Möglichkeiten, wie ich ihn mit einem Stift töten könnte, spielen.
»Ich stehe auf Ältere«, füge ich hinzu, weil ihn die Erwähnung seines geliebten Vaters immer ankotzt. Die dunkle Wolke neben mir verfinstert sich weiter, aber das ist mir scheißegal. Niemand zwingt Kohen, mit mir zu reden. Er ist sowieso jemand, den man lieber nur aus der Ferne sehen möchte.
Kohen schaut finster drein, dann verzieht er sein Gesicht zu einem ärgerlich nonchalanten Blick. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass er mich am liebsten erwürgen würde. »Komisch, gestern Abend hat deine Mutter das Gegenteil zu mir gesagt.«
Kohens Vater würde sich nie dazu herablassen, den Schmutz an seinen Schuhen zu betrachten, vor allem nicht meine spezielle Art von Schmutz. Andererseits würde meine Mutter alles besteigen, was ihr in die Quere kommt, solange sie am Ende einen Schuss bekommen kann.
Ich schnippe mit den Fingern und zeige auf ihn. »Du bistalso derjenige, von dem sie HIV bekommen hat? Jetzt ergibt alles einen Sinn. Dein Vater wird sich freuen, dass du Manieren hast, wenn du so viel teilst.«
Es wird immer schwieriger, meinen Blick aufrechtzuerhalten, wenn mein Magen sich anfühlt, als würde er sich selbst auswringen. Ich sehe, wie sich die Muskeln in seinem perfekt geformten Kiefer anspannen. Wie kann er es wagen, so attraktiv zu sein? Mehr als attraktiv. Er ist ein Adonis – der schönste Mann, den ich je gesehen habe, mit haselnussbraunen Augen von seiner Mutter und einem herablassenden Blick, den er von seinem türkischen Vater geerbt hat.
Nicht, dass ich es Kohen jemals erzählen würde, aber dieser Pyromane ist auch schon viele Male in meinen Träumen vorgekommen.
Zu schade, dass ich mich am liebsten auf ihn setzen würde.
Um ihn auf jede erdenkliche Weise kommen zu lassen.
»Das nennt man Multitasking. Ich enttäusche meine Familie und ruiniere gleichzeitig deine.« Kohens Stimme durchdringt die momentane Genugtuung über das Kratzen des Juckreizes, bevor mir kalter Schweiß über die Stirn läuft.
»Bei so einem Gehirn ist es ein Wunder, dass sie dich ein Jahr zurückgestuft haben.« Das war eine riesengroße Enttäuschung. So wie die Sehnen an seinem Hals zucken, weiß er das sicher auch. »Ich schätze, Daddy konnte sich gute Noten nicht kaufen.«
Am Ende des letzten Schuljahres dachte ich, dass ich den Mistkerl endlich loswerden würde, aber er fiel durch alle Prüfungen und tauchte im folgenden Semester in meiner Klasse auf. Ich konnte ihn kaum ertragen, als wir in verschiedenen Klassen waren; der gemeinsame Unterricht ist ein Beweis für meine Geduld.
Das Einzige, was Kohen und ich noch gemeinsam haben, ist, dass wir wegen des Geldes und des Namens unserer Familien noch auf der St. Augustine High sind. Allerdings haben unsere Familien unterschiedliche Vorstellungen, wenn es um ihren Ruf geht. Seine Eltern bauen ihr Vermögen auf, meine schnupfen, rauchen, spritzen oder verprassen es.
Kohen hebt angespannt eine Schulter und lässt sie wieder sinken, obwohl ich merke, dass er nicht gerade erfreut darüber ist, ein Neunzehnjähriger zu sein, der immer noch jeden Morgen eine Uniform anziehen und so tun muss, als würde er in der Morgenversammlung Hymnen singen.
Seine Mundwinkel kräuseln sich. »Wenigstens habe ich meinen Vater diesen Monat gesehen, Klepto.«
Gut gespielt, Schwachkopf.
Ich taumle beim Gehen, als sich mein Magen dreht und das bisschen Wasser, das ich heute getrunken habe, sich wieder einen Weg nach oben bahnt. Ich muss Kohen loswerden. Schnell.
Ich schlucke die Spucke herunter, die sich in meinem Mund bildet, und schaue geradeaus. »Wie geht es übrigens Kiervan? Ist er immer noch auf dem besten Weg, summa cum laude zu bekommen?«
Kohens Verärgerung schwingt in Wellen von ihm ab.
Er öffnet den Mund, aber ich unterbreche ihn mit einem raschen: »Ist mir egal«, und einer Handbewegung.
Ich ziehe meine Kopfhörer aus der Tasche, drücke auf Play und drehe die Lautstärke der Musik auf, um das Geräusch des durch meine Ohren rauschenden Blutes zu übertönen. Er reißt mir einen Kopfhörer aus dem Ohr, woraufhin ich ihm aus reinem Reflex auf den Arm schlage und den Kopfhörer zurückhole.
Der Abstand zwischen uns verringert sich, und ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass er näher gekommen ist, oder ob ich von einer weiteren Welle des Schwindels getroffen werde. Wie auch immer, ich stolpere zurück, nur um von dem festen Griff um meinen Bizeps näher gezogen zu werden.
»Warum zum Teufel musst du immer so eine unerträgliche Zicke sein?« Seine Stimme klingt rau, nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt.
Die Lethargie greift mit ihren scharfen Zähnen in meine Muskeln und schwächt meinen Versuch, ihn zurückzustoßen. »Vielleicht, weil du ein nerviges Stück Scheiße bist.«
Man sagt, dass der Teufel aus der Nähe hässlich aussieht. Ich wünschte, ich könnte das auch sagen. Irgendwo hinter meiner Erschöpfung drängt sich mir der ekelhafte Gedanke auf, dass Kohen unter mir umwerfend aussehen würde.
Er wirbelt uns herum. Die Luft entweicht meiner Lunge, als er mich gegen den Holzzaun drückt. Bevor ich mich aufrichten kann, krümmen sich seine Finger um meinen Nacken, und sein Daumen drückt auf meinen Puls, mit gerade genug Druck, um mich festzuhalten. »Ich habe dir nichts getan, und alles, was du tust, ist –«
Ich schnaube. »Hörst du dir überhaupt selbst zu?« Meine Stimme wird zu laut für meine Ohren, und mein Magen dreht sich etwas schneller, als mein Herz rast. »Du bist so verdammt wahnhaft.«
Mein Körper kämpft darum, zu entkommen. Alle Schubsereien, Schläge und Kniestöße helfen nicht, verstärken nur den Hass, der aus seinen haselnussbraunen Augen auf mich herabblickt.
Sein Körper presst sich gegen mich und zwingt mich, mich so weit wie möglich an den Zaun zu drücken, sodass ich jede feste Erhebung seines Körpers, die mich berührt, genau wahrnehme – ein kräftiger Oberschenkel, der sich zwischen meine klemmt, gemeißelte Bauchmuskeln, die gegen meine Brust streichen, starke Finger, die sich um meine Kehle legen. Wenn mir nicht schon vor einer Minute schwindelig geworden wäre, würde ich es spätestens jetzt erleben.
Haselnussbraune Augen brennen sich in mich hinein, nehmen jeden Zentimeter meiner Seele auseinander, als wollte er herausfinden, warum ich alles falsch verstehe.
»Typisch Blaze.« Er spuckt meinen Namen auf dieselbe Weise aus wie meine Großeltern. »Du spielst immer das Opfer, dabei ist das alles deine Schuld.«
»Du hast mit dem ganzen Scheiß angefangen – verdammt noch mal, du hast mir in der zweiten Klasse die Haare angezündet!«, schreie ich. »Du hast meine Tasche geklaut. Hast mich in ein Schwimmbecken gestoßen. Hast meine Klamotten aus meinem Spind in der Turnhalle geklaut. Bist mitten in der Nacht bei mir zu Hause aufgetaucht – inmeinem Zimmer. Und das ist noch nicht einmal die Hälfte.«
Ich erzählte es dem Lehrer, der Polizei und weinte mich bei meinem Großvater aus, weil ich dachte, er würde mehr tun, als mir nur Geld in den Weg zu werfen, um mich zum Schweigen zu bringen. Aber jede Woche kam Kohen trotzdem auf die eine oder andere Weise zu mir. Er ist die einzige konstante Präsenz, die ich in meinem ganzen Leben hatte, und er sieht mich an, als könnte er es kaum erwarten, mein Licht auszulöschen.
Seine Augen sind stahlhart, und die folgenden Worte schneiden tiefer, als ein Messer es je könnte. »Du siehst gerade genau wie deine Mutter aus.«
Meine Handfläche klatscht gegen seine Wange. Er gibt keinen Laut von sich und zuckt auch nicht zusammen.
Er tut etwas viel Schlimmeres: Er lächelt.
Es ist ein Lächeln mit Zähnen und einem verrückten Glitzern in den Augen, das dazu passt. Sein Duft umweht mich, Patschuli und Minze, wie die Kerze neben meinem Bett, als er seine Lippen an mein Ohr senkt.
»Hat sich das gut angefühlt?«
Mein Blick fällt auf den handförmigen Abdruck auf seiner Wange, und mein Kopf reagiert nicht schnell genug, um mich davon abzuhalten, ihn noch einmal zu ohrfeigen, damit er rot wird. »Besser.«
Seine Nasenflügel blähen sich, aber er bewegt sich nicht weg. Er sieht fast … erfreut aus. Also wiederhole ich es, schlage auf seine Wange und seine Arme. Als ich meine Finger um seine Kehle schlinge, werden seine Augen nur noch strahlender, und als ich meinen Körper gegen seinen presse, wird sein bösartiges Grinsen noch breiter. Doch das alles führt dazu, dass sich mein Körper schlechter anfühlt.
Ich keuche immer noch in den Raum zwischen uns. Ich muss einfach nur nach Hause und zu meinem Vorrat kommen, dann wird alles gut. »Lass mich los, du Freak.«
Sein Atem umspielt meine Wange; die Kurve seiner Lippen senkt sich langsam, als wäre ihm gerade erst klargeworden, was ich getan habe. »Eines Tages wirst du aufhören, mich zu bekämpfen.«
»Ist das eine Drohung?«, frage ich mit zusammengebissenen Zähnen.
»Immer.«
»Du kannst bei dem Versuch gerne sterben.«
Er beugt sich hinunter, bis seine Lippen an meinem Ohr sind, und drückt fester um meinen Hals. »Oh, Blaze«, sagt er spöttisch. »Ich weiß bereits, dass du schön brennst. Und wenn ich es nicht bin, dann tust du es dir selbst an. Aber dein Tod gehört mir, Diebin.«
Ich atme scharf ein, als er sich zurückzieht, und meine Beine geben unter mir nach.
Scheiße, Scheiße, Scheiße.
Ich hätte gestern Abend nicht so viel trinken sollen.
Der weiße Holzzaun kratzt an meinem Rücken, als ich leise atmend zu Boden sinke. Ich glaube nicht, dass er außer Hörweite ist, als mein Magen beschließt, aufzugeben. Ein Kribbeln macht sich in meiner Handfläche bemerkbar, als ich über dem Gras knie. Flüssige Säure brennt in meiner Kehle, bevor sie sich auf den Boden ergießt.
Ich bleibe sitzen, ziehe meinen zu engen Blazer um den Oberkörper und gönne mir eine Minute, bevor ich den restlichen dreißigminütigen Spaziergang fortsetze. Mein Herz stottert, während meine Hände auf der Suche nach der Brieftasche der Dame in meinen Taschen wühlen und jedes Mal leer hervorkommen.
»Scheißkerl«, schimpfe ich.
Wie ich schon sagte, Kohen ist ein Arschloch.
Sie war zu Hause.
Natürlich hat sich meine Mutter ausgerechnet den heutigen Tag ausgesucht, um aufzutauchen. Ab und zu kommt sie zurück, um sich etwas zu essen zu holen, einen Entzug auszuschwitzen, bevor sie eine weitere Line schnupft, oder um mein Zeug zu klauen. Der Anblick der offenen Schränke ist Ablenkung genug, um mich den menschlichen Schandfleck vergessen zu lassen, der mich verhöhnt.
Allerdings muss ich ihr zugestehen, dass sie spät dran ist. Großvaters Lebensmittellieferung kam vor drei Tagen, und eine weitere Kiste wird erst morgen eintreffen – oder in drei Tagen, wenn er besonders rachsüchtig ist.
Jetzt sind nur noch zerbrochene Pasta und eine abgelaufene Packung Instantnudeln übrig. Knurrend knalle ich den geplünderten Schrank zu. Das Geräusch hallt durch das leere Haus, und ich versuche, nicht daran zu denken, was für ein Chaos sie noch hinterlassen haben könnte. Das ist der Grund, warum ich meine verdammte Tür abschließen muss.
Ich schnappe mir den Mülleimer und fege Moms leere Verpackungen und Krümel von der Theke hinein. Ich habe nur noch dreizehn Dollar, die müssen bis zur nächsten Lieferung reichen. Mein Magen dreht sich um, und ich massiere mir die Schläfen, als ob ich dadurch diese Scheißshow vergessen könnte. Wenn ich etwas essen will, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu kochen.
Dann ist es verdammt gut, dass ich keinen Appetit habe.
Ich werde Kohen umbringen, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Was auch immer ich in der Brieftasche der Dame gefunden hätte, hätte mich für die Woche versorgen können, sodass ich nicht auf das Wohlwollen meines Großvaters Jonathan Whitlock Sr. angewiesen wäre, um mir meine fünfzig Dollar »Notgeld« zu schicken.
Ich kann dem alten Mann nicht verübeln, dass er ein intelligenter Geschäftsmann ist. Wer sonst käme auf die Idee, seine süchtige Tochter ans andere Ende des Landes zu schicken, um seine größte Schande zu verbergen? Ein Dach über dem Kopf für sie und ihre abgefuckten Sprösslinge sichern, ihre Versicherung bezahlen, ihnen ein- oder zweimal pro Woche Essen schicken, dem Verantwortlichen – irgendwie bin ich das – etwas Geld für Notfälle geben, sie auf eine schicke Schule schicken, sie mit Waffengewalt bei der Stange halten, und niemand wird es merken.
Und natürlich hat Kohen es herausgefunden und hält es mir seitdem vor.
Er hat herausgefunden, dass Grandpa, wenn ich die Schule schwänze, »versehentlich« eine Lebensmittellieferung verpasst und »vergisst«, mir mein Taschengeld zu schicken. Wenn die Schule wegen meines Verhaltens anruft, halbiert er die Menge der Lebensmittel, die er uns schickt, also ist das ein weiteres Taschengeld, das ich nicht sehen werde. Alles Geld, das ich jetzt bekomme, wird direkt in die Reparatur des zerbrochenen Fensters gesteckt, und es wird nichts übrig bleiben, um damit Lebensmittel zu kaufen, wenn er beschließt, keine zu schicken.
Sicher, unser Haus ist nach der Renovierung von außen ganz nett. Es gehört zur unteren Mittelschicht und ist geeignet, als akzeptabler Wohnsitz für eine Whitlock durchzugehen. Es ist abgelegen genug, damit sich die Nachbarn nicht über die Frau beschweren, die mit ihrer aktuellen Eroberung die Hauptstraße entlangläuft. Dicke Vorhänge sorgen dafür, dass die Flecken und ein siebzehn Zentimeter langer Riss auf der dreisitzigen Couch vor neugierigen Blicken verborgen bleiben. Niemand wird den Couchtisch bemerken, der unsicher auf einer Müslischachtel balanciert; der runde Esstisch mit nur einem Stuhl, der gerade noch mit Klebeband zusammengehalten wird; oder das getrocknete Blut in den Fugen des Fliesenbodens und der zerbrochene Spiegel im Badezimmer im Erdgeschoss - Beweise für einen Vorfall, bei dem einer von Vaters Freunden versucht hat, ihn umzubringen.
Ich habe es so verdammt satt, hier und unter der Fuchtel meines Großvaters zu leben. Ich habe es satt, dafür zu beten, dass Mom nicht nach Hause kommt und dass Dad nicht anklopft, um sich Bargeld oder ein paar Gramm von allem, was ich habe, zu holen. Und scheiß auf Jonathan Whitlock Sr. dafür, dass er mich an diesem gottverlassenen Ort mit diesen furchtbaren Leuten zurückgelassen hat.
Ich schleppe meine Füße aus der Küche und die Treppe hinauf. Ich höre mein Bett nach mir rufen. Jede Zelle in meinem Körper schreit nach Schlaf, Nahrung und mehr von dem, was Tony mir gestern gegeben hat – in keiner bestimmten Reihenfolge. Aber das Letzte, was ich tun will, ist schlafen, solange Mom sich noch daran erinnert, dass sie ein Haus hat, in das sie und ihre Freunde zurückkommen können.
Der schmutzige Holzboden knarrt unter meinem Gewicht, während ich die Wände als Stütze benutze, damit ich die Stufen nicht hinunterstürze. Linker Fuß, rechter Fuß. Linker Fuß, rechts. Links, rechts.
Erst als ich die Tür zu meinem Schlafzimmer erreiche, sehe ich von meinen Füßen auf, und mein Magen sinkt auf den Boden.
Sie steht offen.
Der Griff ist kaputt.
Oh, Scheiße. Scheiße, Scheiße, Scheiße.
Ich stürme in den Raum und mache eine Bestandsaufnahme. Das Herz klopft mir bis in den Hals. Alles sieht unangetastet aus – zumindest glaube ich, dass es das ist. Aber es ist schwer zu sagen. Meine Sammlung von gestohlenen Gegenständen, die in die Hunderte geht, bedeckt jeden Zentimeter einer flachen Oberfläche – Uhren, Federtaschen, Brillen, Bücher, Schmuck, Haarspangen, Cremes, ein paar Fingerhüte. Ich wende mich dem Regal neben meinem Bett zu, auf dem alles liegt, was ich Kohen jemals weggenommen habe.
Es sieht alles gut aus. Mom wäre nicht hierhergekommen, wenn sie nicht etwas gewollt hätte. Das letzte Mal, als sie hier war, hat sie meine wärmste Jacke und meine besten Stiefel mitgenommen. Davor hat sie ein paar Schmuckstücke geklaut, um sie zu verpfänden. Beim vorletzten Mal fand sie meinen Vorrat an –
Ich setze mich in Bewegung und gehe neben dem Bett auf die Knie, um hinter den Rahmen zu greifen. Aber ich brauche meine Finger nicht zu quetschen, um ihn zu erreichen, denn der Metallbehälter liegt auf dem Boden. Geöffnet.
Leer.
Verdammt. Leer.
Ich hebe den Behälter ruckartig vom Boden auf und schleudere ihn quer durch den Raum. Er schlägt mit einem heftigen Aufprall an der Flurwand auf, und das Geräusch hallt durch den eiskalten Raum. Die Brise von draußen dringt durch mein T-Shirt, welches das Fenster verdeckt, und zwingt mich zu einem Schauer, während mir die Tränen in die Augen schießen.
»Diese Schlampe!« Ich reiße meine Lampe von der Wand und schleudere sie zu dem leeren Behälter.
Das hätte einen Monat reichen sollen. Einen ganzen verdammten Monat.
Es hätte länger gedauert, wenn ich mich gestern Abend nicht mit Tony übernommen hätte. Letzten Monat hat er mir ein paar Gramm abgeknöpft, damit ich etwas Geld verdienen kann. Ist ihr klar, wie viele Brieftaschen ich geklaut und wie viel Zeug ich verpfändet habe, nur um das alles zu bekommen?
Scheiß auf sie.
Scheiß auf Kohen.
Mein Blick fällt auf das schwarze T-Shirt, das über mein zerbrochenes Fenster geklebt ist.
Und scheiß auf Dad.
Ich falle auf meine Knie und schlage auf den Boden. Scheiße!
Ich kann nicht hier bleiben und auf den Morgen warten, wenn es nachts nichts zu tun gibt. Dad hat den letzten Fernseher gestohlen, den wir hatten, und eines von Moms Dates für die Nacht hat den WLAN-Router zerstört. Ich kann mir nicht mal einen verdammten Laptop leisten. Ich weiß auch nicht, was ich tun soll, wenn Mom heute Abend zurückkommt. Schreien? Brüllen? Sie schütteln, bis sie mir zurückgibt, was sie mir genommen hat?
Ich habe bereits gestern Abend in Tonys Haus zu viel getrunken, und es ist erst Mittwoch.
Scheiß drauf. Ich habe nichts Besseres zu tun, und ich muss diesen Scheißtag vergessen. Ich schnappe mir mein Handy vom Boden und rufe die einzige Person an, die ich diesen Monat kontaktiert habe.
Tony hebt nach dem dritten Klingeln ab. Wie erbärmlich ist es, dass mein Drogendealer die einzige Person ist, die mich nicht im Stich gelassen hat?
»Ich brauche einen Schuss. Und schulde dir was dafür.«
»Schluck. Schluck. Schluck. Schluck.«
Die kalte Flüssigkeit rinnt mühelos meine Kehle hinunter. Ich habe keine Ahnung, wer da ruft und wer nicht.
Ich weiß nicht einmal, wie dieser Drink in meine Hand gekommen ist, aber ich weiß, dass ich Tony wirklich etwas schulde.
Und Duke.
Wer auch immer Duke ist.
Oh, er ist derjenige, der ruft. Warte … Dieser Duke. Ich glaube, er sitzt in Geschichte hinter mir. Er hat einen lustigen Spitznamen … Wie war der noch gleich?
Etwas spannt sich um meinen Oberschenkel, während ich mich auf den harten Stuhl zurückfallen lasse, um den Drink mit Erdbeergeschmack hinunterzuschlucken … Wodka? Gin? Keine Ahnung.
Wen interessiert das? Das hier ist der größte Spaß, den ich seit … Ewigkeiten hatte.
Nasser Schweiß glitzert auf meinem Körper und klebt meine Uniform an die Haut, während mein Puls härter als der Bass hämmert. Meine Nase zuckt mit einem tauben Kribbeln. Ich hätte gerade nichts gegen eine weitere Line.
Oder zwei.
Ich reiße meine Augen auf, als leise Gespräche um mich herum ertönen. Alle sehen verschwommen und doch völlig klar aus. Bis auf Duke kenne ich hier niemanden, außer vielleicht das Mädchen in den grünen zerrissenen Jeans, das den Leuten ihr Handy ins Gesicht drückt. Ich glaube, sie ist auch in meinem Geschichtskurs.
War ich schon einmal hier? Kann sein. Es sieht aus wie das Wohnzimmer jeder anderen College-Wohnung, in der ich je war. Bierflaschendeckel liegen auf dem Boden, Drinks stehen auf jeder ebenen Fläche, und an der Wand hängen irgendwelche Sportartikel.
Vibrationen treffen auf meinen Rücken, gefolgt von schallendem Gelächter. Ich blinzle einmal, wende meinen Blick zu der Hand, die meinen Oberschenkel hinaufgleitet, dann zu einem warmen Stuhl – einer Brust?
Duke’s Brust. Wann bin ich auf seinem Schoß gelandet? Moment – ist heute nicht Schulabend? Wie viele Stunden, bis ich los muss?
Gott, wie viel habe ich –
»Komm schon, Baby«, säuselt er gegen meine Haut.
Ich spüre kaum, wie seine Nasenspitze meinen Hals hinunterwandert oder wie er die Kontrolle über meine Hüfte übernimmt, um mich an seinem langsam härter werdenden Schwanz zu reiben. Ich drehe meinen Kopf zu ihm und kann das Lachen, das aus meiner Brust heraussprudelt, nicht unterdrücken. Hatte ich nicht gedacht, dass sein Deo stinkt, als ich hier ankam?
Jetzt riecht er nicht mehr so schlimm. Eigentlich riecht er nach gar nichts.
Nachdem ich Tony angerufen hatte, holte er mich ab und fuhr uns zu dieser Party. Dann gab er mir ein paar Lines aufs Haus und schob mir anschließend eine Kiste mit Getränken von jemand anderem ins Gesicht. Das Nächste, was ich wusste, war, dass Duke mein bester Freund war, weil er eine Tüte mit Pillen hatte, auf der mein Name stand.
Seine blauen Augen blitzen zu meinen auf, seine Lippen verziehen sich zu einem aufgeregten Grinsen, das leicht vergilbte, schiefe Zähne zeigt. Er sieht falsch aus. Seine Augen sollten haselnussbraun sein, nicht blau. Und er ist so dünn und hat nicht ein Gramm Muskeln an sich.
Ich zucke zusammen, als seine Zähne über mein Kinn kratzen. »Du schuldest mir etwas Spaß, Blaze.«
Ich ziehe die Brauen zusammen. Ich bin ihm nichts schuldig, aber ich hätte nichts gegen etwas Spaß. Es ist Monate her, dass ich Sex hatte. Vielleicht auch länger. Ich kann mich nicht erinnern. Ich mag niemanden in Tonys Clique – und man sollte nie mit der Crew vögeln –, aber wir sind in der Wohnung eines College-Studenten, also wen kümmert’s?
Mich bestimmt nicht. Nicht nach der Scheiße, die Mom abgezogen hat, und all dem Scheiß, mit dem ich zurechtkommen muss, bis ich meinen Abschluss habe – und Kohen Fucking Osman. Wie kann er es wagen, mir die Brieftasche zu stehlen?
»Das wollte ich schon immer mal ausprobieren –«
»Hör auf zu reden. Du bist nicht heiß genug, um auch noch deinen Mund zu öffnen.« Ich knalle meine Lippen auf seine und bringe ihn zum Schweigen. Wenigstens für ein paar Sekunden.
Duke gluckst und bewegt sich außer Takt mit meinen Lippen. Ich schließe die Augen, goldene Augen und schwarzes Haar blitzen auf, und ich drücke meinen Hintern gegen seinen Unterleib. Kühle Luft küsst meine Beine, als er den Rock meiner Uniform hochzieht, seine Finger in mein nacktes Fleisch versenkt und es unangenehm knetet. Mein Kopf schwirrt, als er mit der anderen Hand in mein Haar greift und den Kuss vertieft.
»Du wirst mögen, was ich zu bieten habe«, murmelt er gegen meine Lippen und zieht sich weit genug zurück, um zwei Pillen aus einer Tüte zu holen. Eine landet auf meiner Zunge, die andere auf seiner.
Ich kichere in mich hinein, denn ich bin bestimmt nicht wegen seiner Persönlichkeit auf seinem Schoß gelandet. Das ist, was ich brauche. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und es ist mir scheißegal, ob er mir gerade Zyankali angeboten hat. Ich verpasse nichts, wenn ich sterbe.
Mein Gleichgewicht gerät ins Wanken, als Duke mich wieder an seine Lippen zieht. Entweder ist er ein schrecklicher Küsser, oder es ist meine Schuld, dass gerade so viele Zähne im Spiel sind. Ich wette, dass Kohens Küsse mit all der Wut und seinen dicken, küssbaren Lippen ganz weich und gleichzeitig hart sein würden.
Duke küsst mich immer wieder. Und küsst mich. Und küsst mich. Es ist ein schwindelerregender Kreislauf, der sich kippt und dreht.
Aus der Ferne höre ich, wie jemand im Hintergrund über der Musik johlt. Ich glaube, ich höre auch ein Kichern. Nichts ergibt einen Sinn, denn ich blinzle und die Musik wird dumpf, und irgendwo um mich herum knallt eine Tür zu. Der Raum ist dunkel, nur das gelbe Licht einer Lampe erhellt das ungemachte Bett und die Kleidung auf dem Boden. Wir sind im Schlafzimmer von jemandem.
Er reißt mir das Uniformoberteil herunter und packt meine Brust. »Fuck, Blaze«, stöhnt ein blonder Haarschopf um meinen Nippel. »Ich wusste, die sind gut.«
Ein Wimmern entringt sich meiner Kehle, als er – Duke – meine freie Brust drückt. Meine Augenlider fühlen sich so verdammt schwer an.
Ich schnappe nach Luft, und als ich das nächste Mal blinzle, liege ich auf etwas Weichem. Gläserne blaue Augen bohren sich von oben in meine, blondes Haar wiegt sich im Takt der Erschütterungen, die durch meinen Körper gehen. Gott, ist der hässlich.
Ist es so weit gekommen in meinem Leben? Sex mit Männern, deren beste Ausleuchtung gar kein Licht ist?
Im nächsten Augenblick kommt ein ersticktes Stöhnen aus mir heraus. Meine Fäuste krallen sich ins Laken, und ich beobachte, wie die Wand durch die Kraft seiner Stöße immer näher kommt. Er ist vielleicht nicht schön anzusehen, aber sein Schwanz ist gar nicht so schlecht.
Mein Kopf schlägt gegen die Wand, aber ich spüre es kaum. Ich lache – es fühlt sich gut an. Zumindest sollte es sich gut anfühlen. Ich spüre die Dehnung und wie er gegen mich schlägt, und die Wärme meiner Haut auf dem Laken. Aber es ist ein Druck ohne Gefühl. Ich spüre nichts, und das ist verdammt phänomenal.
Ich bin frei. Mein Körper ist schwere- und gefühllos, mein Gehirn frei von allen Problemen. Nur dieser Moment. Nur Schweiß, schwere Atemzüge und das dumpfe Geräusch der Welt um mich herum.
Ich schreie um des Schreiens willen und wölbe meinen Rücken, um seinen Stößen entgegenzukommen. Ein weiteres Lachen ertönt, und es fühlt sich besser an als alles andere. Das ist der Grund, warum ich das tue, um mich genau so zu fühlen. Leise Schnarchgeräusche erfüllen die Luft irgendwo neben meinem Ohr in einem weiteren Wimpernschlag, und ein schweres Gewicht legt sich über meine Mitte. Dann stürzt alles in totale Dunkelheit.
»Scheiße«, stöhne ich und klopfe auf das Bett, um das unaufhörliche Piepen zu stoppen.
»Hör auf, mich zu schlagen«, rasselt eine andere Stimme.
Ich erstarre.
Ich reiße meine Augen auf und schließe sie sofort wieder.
Ach du Scheiße. Ich stöhne ins Kissen und taste nach meinem Handy, das irgendwo auf den Laken liegt. Der Alarm stoppt, als ich eine beliebige Taste drücke.
Zusätzlich zu dem tödlichen Kater, den ich durch den reichlichen Alkoholkonsum erlitten habe, komme ich gerade von wer-weiß-was runter. Aber vor allem wache ich neben dem auf? Töte mich jetzt. Außerdem riecht es hier drin entsetzlich. Ich dachte, der Tiefpunkt würde wenigstens besser riechen als das hier.
Ich habe schon öfter den »Walk of Shame« hinter mich gebracht, aber Scham ist kein adäquates Wort, um mit Duke Morrison zu schlafen – einem der ansässigen Drogendealer von St. Augustine –, der zu Recht den Spitznamen Shitcake trägt, nachdem, was passiert ist, als er das Essen gegessen hat, das er im Kochkurs zubereitet hat. Nichts übertrifft diese Art von Tiefpunkt.
Ich stütze mich auf meine Ellbogen.
Oh, oh.
»Wo ist dein Badezimmer?« Ich stolpere aus dem Bett und krieche zur Tür. Mein Kopf dreht sich, und mein Magen tut dasselbe doppelt so stark – Herrgott, warum ist es so hell?
»Was?« Er klingt so beschissen, wie ich mich fühle.
»Wo ist dein verdammtes Badezimmer?!« Die Galle steigt mir in die Kehle.
»Äh …«
Scheiß auf seine Reaktion. Ich reiße die Tür auf und sprinte zu der einzig offenen Tür in diesem Flur. Wenn es das Schlafzimmer von jemandem ist, tja, Pech gehabt. Alles, was ich letzte Nacht konsumiert habe, will raus – und zwar jetzt.
Ich stürze auf den Boden vor eine Toilette und werfe meinen Kopf gerade noch rechtzeitig nach vorn, damit alles herausspritzt. Die Säure brennt mir die Kehle hinauf, während ich meinen Magen in die Schüssel entleere. Ich werde nie wieder trinken.
Ein Schauer durchfährt meinen nackten Körper, als die Kälte der Fliesen bis in meine Knochen dringt. Immer wieder muss ich kotzen, bis meine Kehle geschwollen und meine Wangen tränenüberströmt sind. Ich umklammere meinen Magen, während Krämpfe von jedem Nervenende in meinem Körper ausgehen.
Irgendwo in der Ferne höre ich jemanden, der die gleiche Reaktion hat wie ich. Die Zwei-Nächte-Sauftour war nicht gerade meine beste Idee. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass es aus dem Ruder gelaufen ist, aber die letzte Nacht war genau das, was ich wollte. Ich bin hergekommen, um meine beschissene Mutter und den Diebstahl meines Lasters zu vergessen, und das habe ich getan. Wenn Duke irgendetwas hat, wird keiner von uns mit dem zweiten Teil unseres Katers fertig werden müssen. Die Nachwirkungen werden nicht einfacher, egal, wie oft ich im Laufe der Jahre an diesem Punkt gelandet bin. Ich scheine mich auch nie daran zu gewöhnen.
Als aus meinem Magen nichts mehr herauskommt, bleibe ich liegen, starre auf die Schüssel und frage mich, wie viele solcher Morgen ich noch ertragen kann, bevor ich eines Tages gar nicht mehr aufwache.
Ich greife nach der Türklinke, um mich auf meine wackeligen Füße zu ziehen, und meine Finger krallen sich um das Metall, während sich der Raum durch die Bewegung dreht. Es fühlt sich wie eine unmögliche Leistung an, aber ich schaffe es, Mundwasser zu finden, bevor ich mich wieder auf den Boden setze.
Nach einer Weile verlasse ich das Bad, meine nackten Füße schlurfen über den Teppich, während ich versuche, das Drecksloch von Zimmer zu finden, in dem ich wie lange auch immer geschlafen habe. Der Wecker unserer beiden Handys schrillt, und ich beeile mich, so gut es mein Körper zulässt, ihn auszuschalten. Warum um alles in der Welt sollte ich an einem Wochenende so früh einen Wecker stellen?
Mist, das habe ich vergessen.
»Soll ich dich zur Schule mitnehmen?« Vor mir steht die unverkennbare Verkörperung des Bedauerns, splitternackt am Fußende des Bettes, und der Drang, die Fehler der letzten Nacht zu wiederholen, überkommt mich. Ekelhaft.
Ich starre ihn an. Lieber Gott.
Hmm, mit ihm zur Schule fahren oder alleine von wer-weiß-wohin zur Schule laufen und dabei wer-weiß-was für ein Schicksal riskieren. Letzteres klingt verlockender, aber wenn ich einen Tag in der Schule schwänze, wird Grandpas Strafe viel schlimmer sein. Das bedeutet eine weitere Woche, bevor ich mein Taschengeld oder Geld für die Reparatur des Fensters bekomme, und einen zusätzlichen Tag, bevor Grandpa mir Lebensmittel schickt.
Indem er mich dazu anspornt, in der Schule zu bleiben, versucht er, den Schein zu wahren, als ob in unserem Leben alles in Butter wäre.
»Ja.« Ich bin heute ein gottverdammter Sonnenschein; warum soll nicht jeder sehen, dass Blaze Whitlock Shitcake gefickt hat? »Hast du was, das den heutigen Tag erträglich macht?«
Er schüttelt den Kopf.
Ich bezweifle, dass Duke über die Ereignisse der letzten Nacht enttäuscht ist, aber wir beide hassen uns in diesem Moment, während wir abwechselnd duschen und dann unsere kratzigen, gebrauchten Schuluniformen anziehen. Keiner von uns beiden spricht während der Fahrt oder als wir parken und getrennte Wege gehen – ich mit gesenktem Kopf und Sonnenbrille und Duke, der mich spiegelt, bis hin zu der Art, wie wir uns beide an den Bauch fassen.
Ich bin besser als meine Eltern – das bin ich. Die Drogen kontrollieren mich nicht. Ich gehe immer noch zur Schule, erscheine zu all meinen Kursen, muss nachsitzen und bestehe über siebzig Prozent meiner Arbeiten.
Zum Teufel, niemand wird durch meinen Konsum meines bevorzugten Lasters geschädigt – und wird es auch nicht werden. Ich habe keine Kinder und auch keinen Partner, dem ich treu bleiben muss. Ich kann aufhören zu trinken und Drogen zu nehmen, wann immer ich will. Es macht einfach nur Spaß – natürlich nur so lange, bis sich jeder Schritt wie ein Kampf anfühlt, bei dem ich nicht zum nächstgelegenen Mülleimer rennen und mich übergeben muss.
Ein paar Leute werfen mir einen Seitenblick zu, und noch viel mehr tuscheln, als sie mich in die Klasse gehen sehen. Ich muss wie eines von Satans Experimenten aussehen. Ich würde sie anschreien, aber ich habe Angst, dass ich ohnmächtig werde, wenn ich mehr Energie als nötig aufbringe.
Als ich das Klassenzimmer betrete, ist die Luft voller Geplapper. Ich halte die Sonnenbrille fest auf der Nase und lasse mich auf meinen Stuhl sinken, lasse den Kopf nach hinten fallen und spanne meinen Kiefer rhythmisch an. Zu sagen, dass ich mich sterbenskrank fühle, wäre eine Untertreibung. Ich muss achtundvierzig Stunden durchschlafen, und wenn mein Winterschlaf in der ersten Stunde beginnt, ist das für mich in Ordnung.
Der schrille Klang der Glocke, die den Beginn des Unterrichts ankündigt, lässt mich zusammenzucken, und ich sacke in meinem Sitz zusammen und versuche, mich hinter meinem Chemiebuch zu verstecken.
»Miss Whitlock.« Eine Frauenstimme durchbricht den Dunst. Scheiße. »Kann ich draußen mit Ihnen sprechen?«
Nein, nicht wirklich.
Ich atme tief durch und zwinge mich auf die Beine, lasse meine Sonnenbrille auf dem Tisch liegen und folge meiner Lehrerin Mrs. Yang in den Flur. Mein Magen dreht sich, als ich vorwärts gehe, und ich kämpfe gegen den Drang an, die Tische als Stütze zu benutzen. Das Letzte, was ich brauche, ist, dass sich die Schule bei Großvater beschwert, damit er einen weiteren Grund hat, mir kein Essen oder Geld zu schicken. Aber was soll’s. Lasst uns das einfach hinter uns bringen.
Als ich zwischen den Tischen hindurchschlüpfe, legt sich eine Hand auf meinen Arm und ich schleudere den Kopf herum. »Was?«, schnauze ich.
Cindy Masterton – ein übermäßig freundliches Mädchen, aus dem ich noch nicht ganz schlau geworden bin, weil ich nicht sagen kann, ob sie echt ist oder nicht – reißt ihre Hand weg und setzt ein mitleidiges Lächeln auf, das mir, ehrlich gesagt, auf die Nerven geht.
Sie weiß einen Scheiß über mich.
»Es tut mir leid, was passiert ist. Wenn ich dir irgendwie helfen kann, lass es mich bitte wissen.«
Ihre Stimme ist zuckersüß, aber nicht auf die herablassende Art, wie es alle anderen hier tun.
»Klar«, murmle ich und verziehe das Gesicht. »Danke.« Ich weiß nicht, was in aller Welt sie mir anbietet, aber ich kann genauso gut höflich bleiben, bis sie es sich mit mir verscherzt.
Die nach unten gezogenen Lippen von Mrs. Yang begrüßen mich, sobald ich nach draußen trete. Warum sehen mich alle an, als wäre ich ein Wohltätigkeitsfall? Es ist seltsam, sie so weich zu sehen, wo sie doch sonst nicht zögert, jemandem ein Lineal auf den Schreibtisch zu knallen, wenn sie ihren Willen nicht bekommt.
Sag mir nicht, dass sie gleich eine Intervention starten wird, weil sie mitbekommen hat, wie ich in letzter Zeit in der Schule auftauche. Ich bin diese Woche erst zweimal verkatert zur Schule gekommen, und letzte Woche nur einmal. Das ist kaum ein Problem.
»Hören Sie«, beginne ich und spüre, wie mir die Wut in die Kehle steigt. »Ich bin nur erkältet und –«
Sie unterbricht mich. »Wir dachten nicht, dass du heute zur Schule kommen würdest.«
Zunächst einmal: Wer ist wir?
Und zweitens, warum sollte ich heute nicht zur Schule kommen?
Wenn ich nicht da bin, rufen sie meinen Großvater an, und dann fliegen meine Einkäufe aus dem kaputten Fenster.
»Äh, okay?« Was soll ich dazu sonst sagen?
»Es ist in Ordnung, wenn Sie über das Geschehene bestürzt sind. Keiner von uns kann sich vorstellen, was Sie gerade durchmachen.« Ich schaue mich um, um zu sehen, ob Kameras auf uns gerichtet sind oder ein Haufen Polizisten bereit ist, mich wegen Drogenbesitzes festzunehmen. »Es ist nie leicht, wenn etwas so Traumatisches passiert.« Moment mal. Was? »Sehen Sie es doch mal so« – mein Blick fällt auf die Hand, die sie auf meinen Arm legt – »wenigstens ist niemand verletzt worden.«
Ist das ein kranker Scherz? Ich wusste, dass die Prominenten von St. Augustine in Mindgames geübt sind, aber jetzt lacht niemand.
Ich reiße mich aus ihrem knochigen Griff. Ich kann es kaum ertragen, dass sie ein Lineal als Waffe benutzt oder versucht, mich in der Klasse mit Fragen zu blamieren, von denen sie glaubt, ich wüsste die Antwort nicht. Das ist ein ganz anderes Niveau von Schwachsinn, das ich nicht hinnehmen will. »Wovon zum Teufel reden Sie da?«
Ihre Miene verfinstert sich bei meiner Wortwahl, bevor sich ihre Stirn verwirrt verzieht. »Ihr Haus?«
»Was ist damit?« Diese drei Worte bringen mich in Rage. Wenn das eine Falle ist, gebe ich Großvater einen weiteren Grund, mich hungern zu lassen und mir den Zugang zu Tonys Waren zu verwehren.
Sie starrt mich an, als wäre ich diejenige, die sie verarschen will. »Ihr Haus … letzte Nacht? Wissen … wissen Sie es nicht?«
Ich verschränke die Arme, auch wenn der zusätzliche Druck auf meinen Bauch nicht gerade ideal ist, und warte darauf, dass sie fortfährt.
»Blaze … Es ist niedergebrannt.«
Ich blinzle. »Was haben Sie gerade gesagt?«
Sie verlagert ihr Gewicht. »Es war in den Nachrichten«, erklärt sie. »Ihr Haus hat gestern gegen Abend Feuer gefangen, und die Feuerwehrleute konnten es nicht retten.«
Das Blut rauscht mir in den Ohren. Nein. Sie lügt. Das muss sie.
Ich drehe mich auf den Fersen um und stürme den Korridor hinunter. Mrs. Yang ruft mir hinterher, aber ich kann mich nicht dazu durchringen, zu reagieren. Mit meinem Haus ist alles in Ordnung. Es ist völlig in Ordnung. Alle meine Sachen sind völlig in Ordnung. Das ist ein Scherz. Meine Sammlung ist unangetastet, und mein Zimmer sieht genauso aus, wie ich es gestern verlassen habe.
Das Geräusch meiner Schritte hallt in den leeren Gängen von den Reihen der Metallschränke und den mit Trophäen gefüllten Glasvitrinen wider. Die Erschöpfung, die ich vorher gespürt habe, ist irgendwo unter der Decke des Adrenalins versteckt.
Wenn Mrs. Yang die Wahrheit gesagt hätte, wüsste ich das. Jemand hätte mich angerufen. Mein Telefon wäre vor verpassten Anrufen meines Großvaters explodiert, oder meine Großmutter hätte mich zum ersten Mal in meinem Leben kontaktiert. Vielleicht hätte sich sogar mein Onkel gemeldet, um zu sehen, ob der Abschaum der Familie endlich beseitigt worden wäre.
Mir stockt der Atem und ich stolpere rückwärts, bis ich mit dem Rücken gegen einen Schrank stoße. Ich knirsche mit den Zähnen, als ich das Gesicht meines Angreifers erkenne.
»Du verdammter –«
»Verdammte Schlampe.« Kohen drückt seinen Unterarm gegen meine Kehle. Der giftige Blick in seinen Augen lässt mich eine halbe Sekunde zu lange zögern, was ihm genug Zeit gibt, mehr Druck auf meine Luftröhre auszuüben. »Du verdienst alles, was noch auf dich wartet.«
Wut strömt in heftigen Wellen aus ihm heraus, und ich kann mir keinen Reim darauf machen, oder warum sie überhaupt da ist. Was, wenn er derjenige ist, der mich verarscht? Er macht sich einen großen Scherz mit mir, weil er irgendwie um die Macht weiß, die Grandpa über mich hat, und Kohen benutzt ihn, um mich zu bestrafen, weil ich die Schule geschwänzt und mich daneben benommen habe. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum er mich gestern gefragt hat, ob ich zu Hause sein würde. Was weiß ich denn schon? Ich habe die Schnauze voll von den ganzen Lügen, ich muss sie selbst sehen.
