Scorpion - Avina St. Graves - E-Book

Scorpion E-Book

Avina St. Graves

0,0
10,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Drei Tage reichten aus, um alle, die ich liebte, sterben zu sehen. Der Fall in Ungnade tat weh. Aber der Tod hat die Macht, jeden zu verändern. Vom Abstieg aus der Spezialeinheit in schmutzige Kampfgruben bis hin zum Leibwächter des Mannes, dessen Herz ich gebrochen habe, hätte ich nie gedacht, dass ich jemals aufhören würde zu ertrinken. Eine Nacht reichte aus, um alles zu verändern. Ein Schuss genügte. Mein Name ist Zalak Bhatia. Sie nennen mich Scorpion.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Scorpion
Impressum
Anmerkung der Autorin
Hinweis

Avina St. Graves

Scorpion

Übersetzt von Katherina Kisner

Impressum

Scorpion

SCORPION

Copyright © 2024 by Avina St. Graves

First published by Avina St. Graves

Translation rights arranged by The Sandra Dijkstra Literary Agency

All Rights Reserved

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel

»Scorpion«.

Translation Copyright © 2025 by VAJONA Verlag GmbH

Druck und Verarbeitung:

FINIDR, s.r.o.

Lípová 1965  

737 01 Český Těšín

Czech republic

Übersetzung: Katherina Kisner

Korrektur: Anne Masur und Lara Gathmann

Umschlaggestaltung: Stefanie Saw

Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH

An all die Frauen, die eine Waffe als potenzielles Sexspielzeug sehen: Mädels, warum sich zügeln? Es ist an der Zeit, sich mit einem Gewehr zu vergnügen.

Anmerkung der Autorin

Ich bin an der Highschool in Physik durchgefallen, habe in Mathe nur knapp bestanden, war dafür aber in Projektarbeit phänomenal. Dieses Buch ist das Ergebnis »dieser Meilensteine«.

Sämtliche Informationen über Sniper, die ich in diesem Buch verwendet habe, entstammen der Kriegspropaganda, widersprüchlichen Regierungsinformationen, Mission Impossible, einem Kerl, den ich kenne, und einem Haufen Typen auf Reddit, die in Diskussionen die Rolle des Advocatus Diaboli übernehmen.

Tu dir keinen Zwang an, wenn du die Fakten aus diesem Buch auf Partys zitieren willst. Nur Menschen, die die nationale Sicherheit gefährden könnten, sollten deine Thesen richtigstellen können.

Oder aber solche, die zu viel Zeit im Darknet verbringen.

Weiterhin wäre wichtig zu erwähnen, dass dieser Roman Teil einer zusammenhängenden Reihe ist, die sich um etwas dreht, das du demnächst als Hell Fire Night kennenlernen wirst. Was bedeutet, dass du in diesem Buch möglicherweise auf Charaktere oder Szenen triffst, die in anderen Bänden dieser Reihe vorkommen.

Wenn du ein Buch mit komplexen Charakteren, einem detaillierten Weltenaufbau und einer starken Handlung lesen möchtest, solltest du lieber zu einem anderen Buch greifen. Um diese Novelle-die-keine-ist in den richtigen Kontext zu rücken: Diese Geschichte ist etwa halb so lang wie einer meiner Romane in voller Länge. Scorpion ist nicht kurz genug, um als Novelle durchzugehen, kratzt allerdings gerade mal so an der Grenze zum Roman.

In Sachen Aussprache: Mathijs ist Niederländer. Sein Name wird wie »Ma-tays« ausgesprochen, ähnlich wie Mathias, aber mit einem »ae«-Laut am Ende. Zalak ist ein indischer Name und wird wie »Zuh-lack« ausgesprochen.

PS: Wenn du nicht die Person bist, mit der ich ein Haus, ein Bett und zahlreiche Tiere teile, brauchst du das Nachfolgende nicht zu lesen.

An meinen Partner: Beinahe hätte ich die Figur, die ich nach deinem Vorbild geschaffen habe, sterben lassen. Ich freue mich, dir mitteilen zu können, dass du ein weiteres Buch überlebt hast.

Sieh es nicht als Einladung, mich herauszufordern. Ich werde dieses Buch überarbeiten, um das zu ändern. Du tätest gut daran, meinen Grad an Boshaftigkeit nicht zu hinterfragen.

Hinweis

Sex, fragwürdiger Gebrauch von Waffen (ja, es gibt eine Pewpew Szene), Messerspiele (nicht-penetrierend), lasche Waffensicherheitspraktiken, Alkoholmissbrauch, Tod von Freunden, Familienmitgliedern und vielen anderen Menschen, Traumata, PTBS, Fluchen, psychische Erkrankungen, detailliert dargestellte Suizidversuche, Selbstverletzung, Nutzung scharfer Gegenstände, elterlicher Missbrauch, finanzieller Missbrauch und Manipulation, explizite Gewalt, Kindheitstraumata, Blut, Splatter-Elemente und Mord.

Mathijs: 18 Jahre alt; Zalak: 17 Jahre alt

Jedes Mal, wenn ich glauben will, ich sei glücklich, ruft meine Mutter an.

Noch habe ich von ihr nichts gehört, aber ich weiß, dass sie sich melden wird. Freiheit fühlt sich für mich niemals wirklich frei an, weil Mom sich wie ein Tumor in meinem Hirn eingenistet hat.

Mathijs’ Stimme knistert durch das Headset, während er den Song unserer Lieblingsband laut mitsingt und im Takt auf den zyklischen Steuerhebel trommelt. Trotz seiner Begeisterung behält er die Füße weiterhin auf den Pedalen. Dennoch fühlt es sich so an, als würden wir jede Sekunde vom Himmel fallen.

Tod durch Helikopterunfall steht nicht wirklich auf meiner Wunschliste.

Ich klammere mich an meinem Handy fest und sehe mich im Cockpit um, um mich zu vergewissern, dass seit Beginn seiner Show nichts schiefgelaufen ist. Sein Vater würde komplett ausrasten, wenn er wüsste, dass Mathijs sich bei jedem unserer Flüge so verhält – ich schätze, das war genau der Grund, weshalb sein Dad mir das Fliegen ebenfalls beigebracht hat.

Von oben sehen die Villen, die eigentlich gigantisch sind, wie kleine, unscheinbare Klumpen auf der Erde aus. Direkt vor uns liegt das Haus, vor dem sich die freie Asphaltfläche befindet, die sich in Mathijs’ Augen hervorragend als Hubschrauberlandeplatz eignet.

Als er an diesem Morgen angeflogen ist, um dem Weinberg seiner Familie in Paonia einen Besuch abzustatten, wäre ich fast an einem Herzinfarkt gestorben. Die meisten jungen Männer holen ihre Freundinnen mit einem Auto oder einem Motorrad ab. Verflucht, ich erinnere mich an Zeiten, als ich mich fortgeschlichen habe, sobald meine Eltern weg waren, und er auf mich gewartet hat. Dann saß ich gegen den Lenker seines Bikes gelehnt und musste jedes Mal die Augen verdrehen, wenn er mit seiner nervtötenden Hupe gespielt hat.

Nein, Mathijs Halenbeek steht über diesen Dingen. Er holt seine Freundin in einem zweihundertfünfzigtausend Dollar teuren Helikopter ab.

Seine Hand landet auf meinem Schoß und ich schlage sie weg. »Konzentrier dich«, zische ich.

Trotz meines Protests legt er seine Hand auf meinen Oberschenkel. »Hör auf, dir Sorgen zu machen.« Er unterstreicht seine Worte mit einem selbstbewussten Lächeln. »Deine Eltern sollten erst in drei Tagen aus Mumbai zurück sein. Außerdem ist Wochenende und das Personal, das uns verraten könnte, hat frei. Deine Mom wird es niemals erfahren.«

»Das weiß ich. Was ich aber nicht weiß, ist, wie weit ihre Verrücktheit reicht. Es würde mich nicht wundern, wenn sie im Haus versteckte Kameras installiert hätte. Soweit ich weiß, könnte sie ein verdammtes Aufnahmegerät in meinem Zimmer deponiert haben, um mitzukriegen, ob Gaya und ich Scheiße über sie reden.« Meine Schwester und ich sind inzwischen so paranoid, dass wir es nur in der Schule wagen, über unsere Familie zu sprechen – und selbst dann sind wir uns nicht sicher, ob Mom es irgendwie geschafft hat, uns zu verwanzen.

Außerdem stellt sich unser Bruder immer deutlicher als ein gottverdammter Verräter heraus. Gaya leidet an dem »Jüngste-Tochter-Syndrom« und ist eindeutig Papas Liebling, während Mom eine nicht diagnostizierte BPD hat und eine Boy Mom verkörpert. Für mich bleibt nur das gefürchtete Mittelkind-Syndrom übrig, mit dem ich verflucht wurde.

»Wenn sie erfährt, dass ich mit dir zusammen bin, wird sie mich umbringen – und das ist keine Untertreibung.« Ich fahre mir mit der Hand über das Gesicht und verziehe es bei dem Geruch nach Pferdemist, Weinreben und Schießpulver. Mom würde der Schlag treffen, wenn sie wüsste, dass ich den ganzen Tag mit Büchsenschießen auf dem Rücken eines Pferdes und in Begleitung eines jungen Mannes verbracht habe.

»Weißt du noch, als sie einen Löffel aus Metall im Topf versteckt und mir die Schuld dafür gegeben hat, dass die Mikrowelle explodiert ist, weil ich zuerst hätte ›nachsehen sollen‹? Sie hat erwartet, dass ich überprüfe, ob sich Besteck in dem Curry befindet.« Ich werfe frustriert die Hände in die Luft. »Diese Frau versucht, mich umzubringen, Mathijs.«

Bald sind wir an meinem Elternhaus angekommen und damit bei der Frau, die mich geboren hat.

»Deine Mutter wird dich nicht umbringen.« Er tätschelt meinen Oberschenkel und dreht den Steuerknüppel leicht herum. »Sie könnte dich in einer Zelle einsperren, aber sie wird dich nicht umbringen.«

Ich verpasse ihm einen leichten Schlag auf die Brust. »Das ist nicht hilfreich.« Ein Blick auf meine Uhr lässt mich den Kopf schütteln. »Es ist fast fünf. Die Seele meiner Mutter sollte jetzt gerade aus der Hölle und zurück in ihren Körper kriechen, um mich anzurufen. Ich habe in den letzten sechsundzwanzig Stunden nichts von ihr gehört. Sechsundzwanzig Stunden.« Ich wedle mit dem Handy vor seiner Nase herum. Das ist vermutlich ihr neuer Rekord. »Ich bin versucht, mein Handy checken zu lassen, ob es nicht doch kaputt ist. Das ist die einzige plausible Erklärung.«

»Vielleicht, aber auch nur vielleicht, lockert sie etwas die Zügel, um dir mehr Freiraum zu geben.«

Ich sehe ihn kurz an, bevor ich in ein lautes Lachen ausbreche. »Diese Frau klebt seit dem Moment an meinem Hintern, als sie mich aus ihrem Bauch herausgepresst hat und alle realisiert haben, dass der Doktor beim Ultraschall falschgelegen hat und ich doch ein Mädchen bin.«

Eine Frau zu sein, hat in der westlichen Gesellschaft eine vollkommen andere Bedeutung. Es spielt keine Rolle, dass ich auf amerikanischem Boden zur Welt gekommen bin; wenn es nach Mom geht, sind wir immer noch in Indien und meine Lebensträume sind eine persönliche Beleidigung für sie.

Die Kopfhörer geben ein Knistern von sich, als Mathijs der Verkehrsüberwachung eine Reihe von Informationen mitteilt, während wir uns meinem Haus nähern.

»Weißt du …« Mathijs’ volle Lippen verziehen sich zu einem Grinsen, während er den Helikopter langsam zu Boden manövriert. »Ich könnte dir einen Antrag machen. Dann werden sie mich nicht mehr so einfach los, Zal.«

»Selbst dann hättest du für meine Eltern immer noch die falsche Herkunft.«

Auch er ist sich dessen bewusst.

Platinblondes Haar, grüne Augen und eine blasse Haut? Nicht einmal auf einem anderen Planeten würden meine Eltern jemanden wie ihn als Schwiegersohn für eine ihrer Töchter akzeptieren. Die Tatsache, dass es sich seine Familie leisten kann, ihren Sohn mit einer Viertelmillion Dollar zu seinem sechzehnten Geburtstag zu überraschen, ist für sie irrelevant.

Wenn sie wüssten, in was seine Familie verwickelt ist … Ich würde ihnen zutrauen, Gaya und mich nach Indien zurückzuschicken.

»Du weißt doch, dass ich damit warten will, bis ich das College abgeschlossen habe. Es wäre das größte ›Leck mich‹ an sie, wenn ich am Ende einen Collegeabschluss und einen Mann habe.«

Moms Optionen für uns bestehen aus Ärztin, Anwältin, Ingenieurin oder Hausfrau. Am liebsten Letzteres. Mein Bruder, Gadin, darf allerdings alles werden, was er werden will. Er könnte sagen, dass er eine Prinzessin sein will, und Mom würde sich krumm ackern, um das perfekte Kleid für ihn zu nähen.

Mathijs’ Hand gleitet von meinem Schoß herunter und ich vermisse sofort seine Berührung. Schuldgefühle nagen an meinem Innern, als ich ihm einen Blick zuwerfe und mich frage, ob es Frust ist, der in ihm tobt. Er hasst den Umstand, dass wir unsere Beziehung geheim halten müssen, weil meine Eltern es erfahren und mich ins Internat abschieben könnten.

»Du könntest einfach ›Leck mich‹ sagen und sofort ausziehen«, schlägt er vor, als wäre es die einfachste Lösung der Welt. So verständnisvoll und solidarisch er sich wegen meiner familiären Probleme gibt, so wenig wird er es wirklich verstehen, weil er seine Eltern liebt und auch sie ihn aufrichtig lieben. »Du weißt, dass es meine Mom mit Freudentränen akzeptieren würde, wenn du noch vor dem College bei uns einziehen würdest.«

Genauso wenig würde er die Probleme, die sein Vorschlag mit sich bringt, verstehen. Auszuziehen würde bedeuten, mich von meinen Eltern und ihrem Bankkonto zu verabschieden. Ich bin nicht klug genug, um ein Stipendium zu erhalten, und musste noch nie arbeiten. Mit meinen Ersparnissen würde ich nicht weit kommen.

Mathijs könnte meine Studiengebühr viermal aufbringen, ohne dass es sein Konto wirklich schmälert. Aber irgendein Teil von mir will meiner Mutter beweisen, dass ich keinen Mann zum Überleben brauche.

Meine Eltern sind meine Essensmarke. Außerdem haben sie Beziehungen, die ich brauche, wenn ich eine erfolgreiche Karriere haben will. Wenn ich nicht so abhängig von ihnen wäre, hätte ich meine Beziehung mit Mathijs schon mit vierzehn offenbart.

»Letztlich werden sie sich damit abfinden müssen«, antworte ich mit einem Seufzen und überprüfe noch einmal mein Handy.

Ich zucke zusammen, als die Landekufen auf dem Boden aufsetzen und dabei nur knapp den vergoldeten Springbrunnen vor der Villa meiner Eltern im Mid-Century-Modern-Stil verfehlen.

Mein Herz gerät ins Stolpern, als wir landen und ich bemerke, dass alle Lichter im Haus brennen. Schmeißt Gaya wieder eine Party? Bei ihrem letzten Mal hat Mom sie so fest mit dem Hausschuh geschlagen, dass man den Schuhabdruck noch tagelang auf ihrer Haut sehen konnte.

Das Gleiche galt für mich, weil ich sie nicht davon abgehalten hatte.

»Wessen Auto ist das?« Mathijs nickt auf einen Maserati, der neben dem Haus parkt, während er den Motor und die Rotoren abstellt.

Ich glaube kaum, dass Gayas Freundinnen sich so ein Auto leisten können. Die meisten von ihnen sind nicht einmal alt genug, um einen Führerschein zu besitzen. Vielleicht hat eine von ihnen einen älteren Freund?

Mathijs schüttelt den Kopf, als sich die Vorhänge bewegen. »Deine Schwester handelt sich gerade Ärger ein.«

Ich gebe einen unverbindlichen Laut von mir, während ich die Tür aufschiebe und auf den Boden springe. Mathijs ist sofort bei mir, schlägt die Tür hinter mir zu und verschränkt unsere Finger ineinander. Er drückt sie aufmunternd, was meine Nerven kein bisschen beruhigt.

»Ich könnte heute über Nacht bleiben und dir bei was auch immer Gaya mit ihren Freundinnen angestellt hat, helfen?«, bietet er an, zwinkert mir zu und stupst mich von der Seite leicht an. »Ich werde dein Leibwächter sein, Baby, und dich vor den betrunkenen Teenagern beschützen.«

Ich nicke, aber irgendetwas an der Situation fühlt sich falsch an. Ich höre keine Musik oder schrilles Gekicher. Es ist so still.

Mein Handy vibriert und signalisiert die Ankunft einer Nachricht. Gaya hat mir geschrieben.

Gaya: Mach dich auf was gefasst. Sag deinem Typen, er soll wegrennen, solange er noch kann.

Die Luft bleibt mir im Halse stecken, als die nächste Nachricht eintrudelt.

Gaya: Sie sind zurück.

Das Blut rauscht mir in den Ohren.

Ich wirble zu Mathijs herum und entreiße ihm meine Hand, in der Hoffnung, dass sie durch irgendeine göttliche Fügung die Landung eines Helikopters in ihrer Einfahrt überhört haben mögen. »Du musst verschwinden«, zische ich.

Seine Gesichtszüge entgleiten, als er erstarrt und sich umschaut, bevor sich sein Blick auf die breite Kluft zwischen uns senkt, die ich geschaffen habe. »Was ist denn los?«

Meine Kehle ist wie zugeschnürt, als ich zurücktaumle. Wenn meine Schwester recht hat, muss ich versuchen, das hier irgendwie zu retten. Vielleicht hat Mom nicht gesehen, dass wir Händchen gehalten haben. Vielleicht ist sie gerade nach Hause zurückgekommen und stand unter der Dusche, sodass sie den Tumult nicht mitbekommen hat? »Gaya schreibt, sie sind …«

»Zalak.«

Ich erstarre.

Scheiße. Scheiße. Scheiße.

Die Knöchel an meinen Händen treten weiß hervor, als ich zu ihrer Stimme herumfahre.

Mom steht in der Eingangstür und mustert mich mit einer unnatürlichen Ruhe von Kopf bis Fuß. Ihr Blick brennt sich durch jede Mauer, die ich um mich herum errichtet haben könnte. Als sie die schlammbespritzte Jeans und das Fell, das mein zerrissenes Shirt bedeckt, bemerkt, steht ihr die Verachtung so klar wie eine sternenlose Nacht ins Gesicht geschrieben. Mathijs sieht genauso aus wie ich.

Der giftige Ausdruck, mit dem sie ihn bedenkt, könnte einen Mann mit weniger Rückgrat umbringen. Aber er weicht nicht zurück. Nein. Er tut genau das Gegenteil. Er stellt sich neben mich, zu nah, als dass uns jemand für einfach nur Freunde halten könnte.

Papa erscheint im Türrahmen, hält das Handy an sein Ohr und sagt etwas, das ich nicht verstehen kann. Er winkt in Richtung des Helikopters und schüttelt den Kopf.

»Bitte geh«, flüstere ich. Ich hoffe, Mathijs nimmt meine Verzweiflung wahr.

»Ins Haus. Sofort«, presst Mom mühsam hervor.

Ich trete einen Schritt vor, aber mein Freund hält mich mit der Hand an meinem Arm zurück.

»Geh, Mathijs.« Er lässt es nicht zu, dass ich seine Hand abschüttle, also versuche ich es noch mal und sehe dabei verzweifelt zu meinen Eltern. »Du machst es nur noch schlimmer.«

Er ignoriert mein Flehen und erwidert meinen Blick mit der gleichen Verzweiflung, die ich empfinde. »Zal –«

»Verschwinde von hier.«

»Ich lasse dich damit nicht allein. Wir werden es ihr gemeinsam sagen.« Er versucht, unsere Finger zu verschränken, aber ich winde mich aus seiner Reichweite. Wenn ich ihn dazu bringen kann, zu gehen, wird Moms Wut vielleicht nicht ganz so schlimm sein. Ich werde die Situation retten können.

»Das ist mein Problem. Ich muss es allein lösen.«

Aber als sich Moms und mein Blick kreuzen, realisiere ich, dass es keine Lösung gibt. Sie hat mich streng genug erzogen, als dass ich hoffen könnte, sie könnte sich ändern. Die einzige Wahrheit, die sie in ihrem Leben glauben wird, ist diejenige, die sie sich selbst erzählt.

Mathijs schaut fluchend auf sein Handy. »Fuck, das ist mein Vater.« Er drückt den Anruf weg, dreht sich zu mir um und versucht, den Abstand zwischen uns zu schließen, während ich nicht mehr tun kann, als vor ihm zurückzuweichen. »Ich gehe nirgendwo hin. Ich habe dir versprochen, dich niemals im Stich zu lassen. Das hier schließt dieses Versprechen ein.«

»Zalak«, ertönt die warnende Stimme meines Vaters, was mich zusammenzucken lässt.

Bei meiner Reaktion verengt Mathijs die Augen. »Zal –«

»Nein, Mathijs.« Panik kriecht meine Kehle hinauf. Was, wenn Mom den Zugang zu meinem Konto sperrt? Ich habe bei allem auf meine Eltern vertraut und sie wären in der Lage, mir alles zu nehmen. Was, wenn sie mich in meinem Zimmer einsperren oder es an Gaya rauslassen? Was, wenn sie sich Zugang zu meinem Laptop verschafft und meine bestätigte Anmeldung für das College zurückzieht?

Ich muss etwas tun. Irgendetwas.

Ich werde mich mit Mathijs weiterhin heimlich treffen und Mom erzählen, was immer sie hören will. Ich muss wieder alles in Ordnung bringen.

Ich spüre die Präsenz meiner Eltern in meinem Rücken, während sie – Sekunde für Sekunde ungeduldiger – an der Tür auf mich warten.

»Geh einfach!«, krächze ich. Tränen brennen in meinen Augen und meine Lunge schreit lauter als das Rasen meines Herzens. Je mehr er sagt, desto schlimmer wird die Sache für mich werden. »Bitte.«

Sein Handy leuchtet wieder auf, erneut ruft sein Vater an, doch er ignoriert den Anruf und ergreift meinen Arm. »Nur, wenn du versprichst, mich nachher anzurufen.«

»Mal sehen.«

Mein Magen krampft sich zusammen, als ich den Schmerz in seinen Augen erkenne. »Zal –«

»Geh.«

Durch meine verschwommene Sicht kann ich sein Gesicht kaum erkennen. Ich blinzle meine Tränen weg, so schnell ich kann, denn meine Mutter stürzt sich auf jede Art von Schwäche, um sie als Waffe gegen mich einzusetzen und mir zu sagen, welch große Enttäuschung ich doch für die Familie bin.

»Bitte«, flüstere ich.

Mathijs gibt mich frei. Aus irgendeinem Grund fühlt sich das an, als würde ein Teil meines gebrochenen Herzens absplittern und zu Staub zerfallen. Eine offene Wunde, in der meine Mutter herumstochern kann. Er geht nicht weg. Stattdessen sieht er mir hinterher, als ich mich von ihm entferne.

Ich habe ihm den Rücken zugekehrt. Mit schweren Schritten und einer wunden Seele trotte ich davon. Es fühlt sich wie ein Abschied an.

Der Weg zur Haustür scheint kilometerlang zu sein. Die Sichelmonde, die meine Fingernägel in meine Handflächen ritzen, tragen nicht dazu bei, mich zu erden. Es fühlt sich an, als ginge ich meinem Tod entgegen.

Weder meine Mutter noch mein Vater sagen ein Wort, als ich eintrete und meine Stiefel auf dem Fliesenboden widerhallen. Zitternd mühe ich mich unter ihren brennenden Blicken ab, die Schuhe abzustreifen. Es gibt nichts, das schlimmer wäre als ihr Schweigen. Es bedeutet, dass meine Mutter vor Wut kocht. Dass sie nach einem Weg sucht, mich für das Verbrechen, mir fernab ihres Kontrollzwangs ein Leben aufzubauen, leiden zu lassen.

»Rücken grade«, flüstert Mom auf Hindi und stößt mir in den Rücken. »Begrüße sie und sag ihnen, dass du gleich zurückkommen wirst.«

»Wem?« Meine Stimme klingt heiser. Die blütenweißen Wände kommen näher.

Sie antwortet nicht und lässt uns von Papa durch die Eingangshalle ins Wohnzimmer führen. Ich schleppe mich wie betäubt hinter ihm her, mit Mom dicht auf den Fersen, während ihre langen Fingernägel durch den dünnen Stoff meines Shirts an meinen Rippen kratzen.

Mit einem gezwungenen Lächeln dreht Papa sich zum Wohnzimmer um und streckt mir seine Hand entgegen.

»Ich bitte um Verzeihung. Darf ich vorstellen? Das ist unsere Tochter Zalak.«

Ich zögere, bevor ich seine Hand ergreife, und Mom wertet es als Zeichen, mich nach vorn zu schieben. Ich stolpere fast, als ich an Papas Seite ankomme, nur um festzustellen, dass neben meinem Bruder noch drei weitere Personen aufgestanden sind.

Es tut mir förmlich weh, meine Lippen zu einem Lächeln zu formen, aber ich tue es trotzdem, weil Moms Strafe umso schlimmer ausfallen wird, wenn ich nicht so tue, als sei alles in Ordnung. Der Mann, der so aussieht, als wäre er im gleichen Alter wie mein Vater, tritt als Erster vor und reicht mir zur Begrüßung die Hand.

»Madhav«, sagt er. Als ich ihm die Hand schüttle, bemerkt er: »Fester Händedruck.«

Ich lächle freundlich, um das herablassende Kompliment zu überspielen, und schüttle die Hand des anderen. Er ist jünger. Es sieht fast so aus, als wäre er eine exakte Kopie des Älteren, nur mit dem Unterschied, dass etwa zwanzig Jahre zwischen ihnen liegen.

»Vatsa«, sagt er.

Die Frau, die ich für seine Mutter halte, faltet die Hände und nickt. Ich erwidere die Geste.

Der jüngere Mann mustert mich ungeniert von Kopf bis Fuß und legt dann den Kopf schief, als könne er sich nicht entscheiden, ob das, was er da sieht, seine Zustimmung findet oder nicht.

Hastig deute ich auf meine Kleidung, um dem abschätzigen Urteil der Familie zuvorzukommen. »Verzeihung. Ich war im Garten«, lüge ich. »Ich mache mich nur schnell frisch.«

Eilig verlasse ich das Zimmer und halte den Atem an, um zu lauschen, ob Mom mir folgt oder sich die Schelte für den Moment aufhebt, wenn die Gäste gegangen sind. Das herannahende Geräusch von Schritten löst eine neue Welle der Angst in mir aus. Ich kann einfach nicht gewinnen.

»Küche.« Moms Stimme hallt durch den Flur.

Es bringt nichts, dagegen anzukämpfen. Je eher ich tue, was sie sagt, desto eher habe ich es hinter mir. Ich kann nicht verhindern, dass sich meine Haut kalt und feucht anfühlt, während meine Wangen glühen und Tränen in meinen Augen brennen, die fließen werden, sobald ich allein in meinem Zimmer bin.

Unsere Schritte hallen auf dem Fliesenboden wider und ein kalter Schweißfilm überzieht meine Haut. Ich stelle mich hinter die Kücheninsel, damit Mom nicht sieht, wie ich die Hände ringe.

Sie öffnet die Schublade, die ihr am nächsten ist, zieht einen Brief heraus und legt ihn auf die Arbeitsfläche zwischen uns.

Ich beuge mich vor, um ihn zu lesen, und alles in mir gefriert zu Eis.

»Wo hast du das gefunden?« Meine Lunge zieht sich zusammen, als ich auf die Studienplatzzusage schaue, von der ich ihr nie erzählt habe. »Hast du mein Zimmer durchsucht?«

Fuck.

Fuck.

»Du warst nicht zu Hause«, sagt Mom.

Natürlich hat sie das getan.

Natürlich hat sie das verdammt noch mal getan. Warum überrascht mich das nicht? Ich bin selbstgefällig geworden. Es ist ein Jahr her, dass sie in meinem Handy herumgeschnüffelt hat; keine Ahnung, warum ich dachte, sie würde meine Privatsphäre respektieren.

Ich kann nicht länger auf so dünnem Eis leben.

So hätte sie es nicht herausfinden dürfen – es ist schlimm genug, dass ich wegziehen will, um in einem anderen Bundesstaat zu studieren. Dass ich Politikwissenschaften studieren werde … wollte ich ihr nächste Woche sagen, sobald ich erfahren hätte, ob ich das Stipendium bekomme.

»Das heißt aber nicht, dass du in meinem Zimmer herumschnüffeln darfst!«

Meine Mutter lässt die Hand auf den Tisch krachen und deutet dann auf mich. »Schrei mich nicht an. Du hast Glück, dass ich dich als Kind nicht abgeschoben habe.« Ich unterdrücke ein Schluchzen. Es ist nicht das erste Mal, dass sie das sagt, und ich bezweifle, dass es das letzte Mal sein wird. Was es nicht weniger schmerzhaft macht. »Ich wünschte, ich hätte es getan, denn nun beschämst du unsere Familie mit deiner Hurerei.«

»Ich bin keine –«

»Du wagst es, mir zu widersprechen?« Ihre Stimme ist nur ein Dezibel von einem Schrei entfernt. »Alles, was du tust, ist mich zu verletzen. Ich habe dich großgezogen, dich ernährt, dir ein Dach über dem Kopf gegeben. Denkst du, ich hätte es tun müssen? Denkst du, ich müsste mit einer undankbaren Tochter unter einem Dach leben, die lügt, sobald sie den Mund aufmacht?«

»Mom, bitte«, flehe ich sie an. Ich wünschte, sie könnte wenigstens für zwei Minuten vernünftig sein und mir zuhören. »Ich wollte dir von Mathijs erzählen, aber du bist so uneinsichtig.«

»Und was ist damit?« Mom reißt das Blatt Papier vom Tisch und wedelt damit herum, bis es zerknittert. »Politikwissenschaften?«

»Ich will Journalistin werden«, sage ich kleinlaut.

»Niemand mag rechthaberische Frauen.« Sie schnaubt, als wäre meine bloße Existenz beleidigender als meine Antwort. »Wie willst du denn so einen guten Ehemann finden?«

»Mathijs steht seit Jahren hinter mir. Er will, dass ich das tue, was mich glücklich macht –«

»Jemand wie er würde dich niemals wirklich wollen.«

»Er liebt mich«, beharre ich. Ihre Worte verletzen mich so sehr, wie sie sollen. Er liebt mich wirklich, aber wie lange wird er seine Liebe aufrechterhalten, bis er es satt hat, darauf zu warten, dass ich zu mir selbst finde? Mich aus der Umklammerung meiner Eltern befreie.

»Er wird erwachsen werden. Jungs in seinem jungen Alter sind noch ziemlich unreif. Sie haben keine Ahnung, was gut für sie ist oder was sie wollen. Sobald er zur Vernunft kommt, wird er merken, dass du nicht die Richtige für ihn bist.« Sie schüttelt den Kopf. »Ich habe dir immer misstraut, weil du nicht Nein sagen kannst. Meine Sorgen waren berechtigt. Er übt einen schlechten Einfluss auf dich aus. Er treibt sich herum. Lügt wie gedruckt. Springt von Bett zu Bett. Beschmutzt unseren Namen. Und das hier?«

Sie reißt den Brief in zwei Teile. Dann zerreißt sie ihn noch einmal und noch einmal, bis nur noch winzige Papierschnipsel übrig sind, die sie zu Boden segeln lässt. Jedes Stück Papier, das den Boden berührt, fühlt sich an, als würde mir ein weiterer Teil meiner Zukunft entrissen werden.

Das College.

Die Karriere meiner Wahl.

Mathijs.

Meine Freiheit.

»Ich tue dir einen Gefallen.« Mom grinst spöttisch über den zerrissenen Brief. »Damit hättest du es ohnehin nie weit gebracht.«

Ich muss mich zusammenreißen, um nicht auf die Knie zu sinken und den Brief aus seinen Einzelteilen wieder zusammenzusetzen. »Warum hasst du mich so sehr?«

»Beti«, sagt Papa warnend. Tochter.

Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf ihn, unsicher, wann er die Küche betreten hat. Manchmal weckt seine Anwesenheit in mir die Hoffnung, dass wenigstens noch jemand auf meiner Seite steht. Aber ein Blick auf ihn genügt, um zu begreifen, dass ich allein damit fertig werden muss.

»Du wagst es, mich unter meinem Dach so zu beleidigen?«, zischt Mom.

Gaya erscheint im Türrahmen und ihre großen Augen wandern zwischen Mom und mir hin und her. Sie hat geduscht und sieht frisch aus, als hätte Mom sie auch gerade erst darüber informiert, dass wir Gäste haben. Ich versteife mich, als ihre feste Freundin Amy hinter ihr auftaucht und sie am Ellenbogen packt, als hätte sie auch nur den Hauch einer Chance, Gaya aufzuhalten, wenn sie erst einmal loslegt.

Mom hat nicht mitbekommen, dass sie da sind, und fährt mit ihrer Leier fort. »Wenn ich dich hassen würde, hätte ich dich nach Mumbai geschickt, um dein Gesicht nie wieder sehen zu müssen. Ich habe mein Glück für dich geopfert. Es hat mich Jahre gekostet, einen passenden Partner für dich zu finden, und alles, was du dazu beigetragen hast, war, unsere Familie zu verachten und die seine.«

Ich blinzle. »Seine Familie?«

Wer –

»Der Mann im Wohnzimmer.«

Nein. Nein. »Unsere Familien sind sich einig, dass es eine passende Verbindung ist«, sagt Papa, und seine Worte zwingen mich dazu, mich an der Arbeitsplatte festzukrallen, um meine Beine vor dem Nachgeben zu bewahren.

Nein, nein, nein. Ich weiß nichts über ihn. Was, wenn er mir das Studium verbietet? Was, wenn seine Mutter so ist wie meine? Mein ganzes Leben hat sie mich darauf vorbereitet, für jemand anderen die perfekte Partnerin zu sein. Dabei will ich einfach nur ich selbst sein. Meine eigenen Entscheidungen treffen. Den Weg einschlagen, den ich selbst für mich gewählt habe.

»Nein, du kannst sie doch nicht zwingen, jemanden zu heiraten«, argumentiert Gaya. Ich werfe ihr einen Blick zu, um sie zum Schweigen zu bringen, aber sie ignoriert mich und hebt ihr Kinn. Es ist meine Aufgabe, sie zu verteidigen, nicht umgekehrt.

»Aber vielleicht hast du längst alles zerstört.« Mom funkelt mich finster an.

»Du machst dich lächerlich.«

»Gaya«, sage ich warnend, weiß aber, dass es zwecklos ist. Normalerweise ist Papa auf ihrer Seite, sodass sie mit fast allem durchkommt … mit Ausnahme der Tatsache, dass sie sich für andere Frauen interessiert.

»Wie alt ist er? Mitte dreißig?«, fragt sie und rückt näher an Mom heran, als würde das helfen, ihre Botschaft besser zu vermitteln. »Er kriegt schon graue Haare. Bist du verrückt?«

Ich presse mir die Hand auf den Mund, als ein Klatschen durch den Raum hallt. Die Wucht von Moms Schlag schleudert Gayas Körper zur Seite, dann wirbelt sie zu mir herum, doch bevor ich meine Schwester erreichen kann, hebt sie ihre Hand wie eine stumme Drohung, auch mich zu schlagen, wenn ich mich einmische.

»Du gehst jetzt nach oben, duschst dich, ziehst etwas Schönes an und siehst diesen Jungen nie wieder. Du wirst deinen zukünftigen Mann begrüßen, und sobald er gegangen ist, wirst du deine Bewerbungen fürs College zurückziehen und eine gute Ehefrau sein.«

Tränen laufen mir über die Wangen. »Und wenn ich nichts davon tue?«

»Dann wirst du keine Familie mehr haben.«

Zehn Jahre später

Es wäre möglich, dass ich heute Abend einen Mann umbringe.

Schon früher bin ich im Ring gefallen. Habe mir Knochen gebrochen und mein Blut auf dem Betonboden vergossen, aber noch nie habe ich meinen letzten Atemzug vor denjenigen getan, die auf meinen Untergang gesetzt haben.

Das Gebrüll der Menge bringt die Wände zum Beben und lässt die Metallschränke klirren. Unverständliche Spottrufe, vereinzelte Jubelschreie und kollektives Keuchen erfüllen den Raum in der heruntergekommenen Halle. Jenseits der schmutzigen vier Wände, die mich umgeben, pulsiert das Leben. Aber der bröckelnde Putz und das kaputte Waschbecken hier erinnern eher an einen Ort, an den die Menschen kommen, um zu sterben.

Jedes Mal, wenn ich auf der Bank sitze und meine Hände mit Mull, Bandagen und Tape umwickele, stelle ich mir bildlich vor, wie ich mit einem einzigen Schlag das Herz eines Menschen zum Stillstand bringe. Ich stelle mir den Jubel der Menge beim Anblick des Todes und den Reichtum, den dieser nach sich zieht, vor. Ich dachte, der Zorn meiner Mutter und die Enttäuschung meines Vaters seien das Schlimmste, was ich ertragen könnte. Ich lag so falsch.

Das hier? Es gibt keine Worte, um die siebte Ebene der Hölle zu beschreiben, auf der ich mich befinde. Ich fiel nicht in Ungnade; ich wurde ihr entrissen. Vor zweieinhalb Jahren wurden mir die Flügel gestutzt und meine Rüstung zu Staub zermahlen. Alles innerhalb von drei Tagen.

Mit zu Fäusten geballten Händen fixiere ich die Holztür. Jeden Moment sollte das Klopfen ertönen. Jeden Augenblick sollte sich mein Herz daran erinnern, dass es noch schlägt, und mein Gehirn nicht länger das Vergessen suchen.

Mein Blick folgt dem Skorpion-Tattoo, das unter dem Verband auf meiner Hand verschwindet, mit Fangarmen und Scheren, die nach meinem Zeigefinger greifen. Noch immer bilden Teile davon eine dünne Kruste auf meiner Haut, die spürbar ist, obwohl schon Monate vergangen sind, seit ich es habe stechen lassen. Meine Schwester trägt eine exakte Kopie davon auf ihren Rippen.

Trug.

Die Asche im Atlantik ist alles, was von ihr noch übrig ist. Zusammen mit den Trümmern des Flugzeugs nach dem Absturz. Gaya hat endlich die Freiheit erlangt, die sie immer haben wollte.

Ich hatte sie gewarnt, dass die grobe Tätowierung neben dem Flickenteppich aus feinen Linien, den sie sich in ihren Körper geritzt hatte, bevor ich sie von unseren Eltern weggeholt hatte, lächerlich aussehen würde. Aber sie zeigte mir den Mittelfinger, nannte mich eine Idiotin, weil ich die Anspielung nicht zu schätzen wusste, und ließ es sich trotzdem stechen.

Ein Chor von Schreien und Rufen hallt durch die Lagerhalle und die Betonkorridore.

Vor Vorfreude läuft mir ein Schauer den Rücken hinunter, während ich die Schultern kreisen lasse und die Anspannung aus meinen verkrampften Muskeln löse.

Drei aufeinanderfolgende Schläge hallen durch den Raum. »Wir sind bereit.«

Drei Worte, die mir das Blut in den Kopf schießen lassen. Drei Worte, die dafür sorgen, dass ich mich wieder lebendig fühle. Das Adrenalin pumpt durch meine Adern und rauscht in meinen Ohren. Bei der Vorstellung an das bevorstehende Gefühl von Haut auf Haut prickelt meine Haut vor Hitze. Jeder holt sich seinen Kick eben auf seine Weise.

Der Reiz, aus Hubschraubern zu fallen, ist längst vorbei. Die Rückkehr in das Leben, das ich führte, bevor ich meine Schwester und mein Team im Stich ließ, ist nicht möglich.

Billige Kicks und Blutgeld sind meine Buße.

Ich lege meine Kette ab, drücke den Anhänger in Form einer Goldmünze an meine Lippen und versuche, mich daran zu erinnern, wann ich Gaya zum letzten Mal damit gesehen habe, aber das Bild ist ganz verblasst und trüb. Mit jedem Tag verliere ich sie mehr und mehr.

Ich stecke die Kette in meine Hosentasche und vergewissere mich, dass meine Erkennungsmarken noch da sind. Die Holzbank knarrt, als ich aufstehe. Ich muss meinen Sport-BH zurechtrücken, weil sich das Band vom vielen Tragen gelockert hat und mein Portemonnaie zu dünn ist, um mir einen neuen zu besorgen.

Am Ende des Korridors bleibe ich stehen und blicke auf die Menge, die sich um einen Punkt in der Mitte versammelt hat. Die Aufregung ist förmlich greifbar.

Die Luft ist erfüllt von dem Geruch nach Zigaretten, Pisse, Bier, ungewaschenen Körpern und ähnelt dem Gestank, der jedem Club anhaftet, in dem ich in den letzten zwei Jahren gewesen bin. So widerlich es auch sein mag, aber der üble Geruch erdet mich und sorgt dafür, dass ich jedes Detail meiner Umgebung wahrnehme: das Gewicht meiner Lederstiefel. Die Nadeln, die meinen Zopf an der Kopfhaut fixieren. Die Frau in Grau, die ahnungslosen Männern die Taschen leert. Fünf Ausgänge: der eine, in dem ich stehe, die beiden Rolltore, einer auf elf Uhr und der letzte auf drei Uhr.

Männer und Frauen aus allen Gesellschaftsschichten haben sich hier versammelt. Wall-Street-Typen, Gangmitglieder, Made Men und unscheinbare Nachbarn von nebenan.

Eine weitere Stadt. Ein weiterer Fight Club. Eine weitere Chance, den Heldentod zu sterben. Nur Mut, kein Ruhm.

»Meine Damen und Herren, als Nächstes haben wir einen Publikumsliebling.« Die Stimme des Ringrichters dröhnt durch das Megaphon, wobei sie kaum das aufgeregte Geschwätz zu übertönen vermag. Er dreht sich auf seinem Hocker, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen. »Eins siebzig groß, sechs Siege durch K. o. in Folge und Montanas neueste Kämpferin.«

Die sechs K. o.-Siege liegen Monate zurück, und ich habe seit über sieben Wochen keinen anständigen Sieg mehr errungen. Und wenn ich heute Abend nicht einen Batzen Geld in meinen Händen halte, verliere ich morgen mein Apartment. »Sie ist das pure Gift, eine echte Kämpferin und es dürstet sie nach Blut. Applaus für die Todespirscherin!«

Geschrei und Gebrüll explodieren im Raum. Ich betrachte das Tattoo auf meiner Hand. Den Todespirscher-Skorpion.

Sergeant des 75. Ranger-Regiments. Elf Bravo. Spezialeinheit.

Codename: Scorpion.

Der Lärm prasselt auf mich nieder, als ich die Tür aufstoße und in die Mitte der Halle laufe. Die Menschenmassen teilen sich wie das Meer um mich herum und stellen einen direkten Verbindungskorridor zum provisorischen Ring her. Der Rausch der Macht, der von dieser einfachen Handlung ausgeht, ist mir früher zu Kopf gestiegen. Jedoch löst die geballte Aufmerksamkeit der Menge seit einer ganzen Weile nichts weiter in mir aus, als meine Ängste zu verstärken, weil ich im Mittelpunkt des Interesses stehe.

Bündel an grünen Scheinen wechseln den Besitzer, im Tausch gegen Jetons, die schnell in den Taschen verschwinden. Der Kerl markiert jeden Schein, um zu prüfen, ob es sich um eine Blüte handelt, bevor er zur nächsten Person weitergeht, um den Vorgang zu wiederholen. Heute Abend wird jemand meinetwegen reich nach Hause gehen.

Manche Männer gaffen lüstern, andere sabbern bei der Aussicht, ihren Geldbeutel zu füllen. Und andere wiederum? Die sehen aus, als könnten sie es kaum erwarten, dass ich sterbe. Dieser Ausdruck ist mir seit dem Moment vertraut, als meine Mutter eine weitere Tochter und keinen Sohn zur Welt gebracht hat.

Als ich mich der leeren, runden Fläche in der Mitte des Raums nähere, übertönt mein rasender Puls alle Geräusche um mich herum. Purpurrote und braune Spritzer zieren den grauen Betonboden, bahnen sich ihren Weg in jede Ritze und jede Pore und hinterlassen unverwischbare Spuren eines weiteren Kämpfers.

Sobald ich die Mitte des Rings erreiche, verschränke ich die Hände hinter dem Rücken und schaue direkt zum Ringrichter. Ich wollte noch nie wissen, wer mein Gegner ist. Alles, was mich interessiert, ist die Summe, die ich verdienen kann, wenn ich den anderen zu Boden bringe. Oder unter die Erde.

Der Ringrichter leiert weiter seinen Text über meinen Gegner herunter, aber ich kann seinen Worten keinen Sinn entnehmen, bis mich der Blick aus seinen tiefbraunen Augen trifft und eine Sekunde zu lang auf mir verharrt. Meine Lunge zieht sich zusammen, und in meinen Ohren dröhnt das Geräusch einer Phantomexplosion. Ich bin wieder dort. Meine Haut kribbelt bei dem imaginären Gefühl, dass Granatsplitter mein Fleisch durchbohren, während ich zusehe, wie die Augen meines besten Freundes kalt und leer werden und er auf dem Asphalt verblutet.