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Ridley Scott, zuletzt mit "The Last Duel" und "House of Gucci" im Kino überaus präsent, gilt als einer der renommiertesten und vielfältigsten kommerziellen Filmemacher seiner Generation. "Ich mag unterschiedliche Themen, unterschiedliche Schauplätze, unterschiedliche Filme. Ich habe keinen intellektuellen Masterplan." Diese Selbsteinschätzung Ridley Scotts lässt die Vielfalt seines filmischen Schaffens erahnen. Der Engländer, der seit fast 50 Jahren zu den bedeutendsten und einflussreichsten zeitgenössischen Regisseuren gehört, hat in einer Vielzahl von Genres gearbeitet und schuf Filme, die von der Kritik teils vergöttert und teils verrissen wurden. Ähnlichen Schwankungen unterlag auch der Zuspruch des Publikums. Mit Blockbustern wie "Gladiator", "Prometheus" und "The Martian" begeisterte Scott ein Millionenpublikum, andere Filme wie "1492: Conquest of Paradise" oder jüngst "The Last Duel" waren brutale kommerzielle Flops. Er inszenierte veritable Kultfilme wie "Blade Runner" und "Thelma & Louise", aber auch kontroverse und scheinbar belanglose Filme. Bei all diesem Facettenreichtum blieb Scott stets ein Visionär, der nach technischer und ästhetischer Perfektion strebt. Der vorliegende Band eröffnet neue Einblicke in sein Werk.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2023
FILM-KONZEPTE
Begründet von Thomas Koebner
Herausgegeben von Kristina Köhler, Fabienne Liptay und Jörg Schweinitz
Heft 67 · 3/2022 Ridley Scott Herausgeber: Jörg Helbig
Print ISBN 978-3-96707-737-7 E-ISBN 978-3-96707-772-8
Umschlaggestaltung: Johannes Ayen Umschlagabbildung: Sean Young und Harrison Ford in BLADE RUNNER (1982), © Warner Bros. Entertainment GmbH.
Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich bei den Abbildungen aus den Filmen um Screenshots.
E-Book-Umsetzung: Datagroup int. SRL, Timisoara
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© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG, München 2021
Vorwort
Georg Seeßlen Re-Design. Ridley Scott und das Genre-Kino
Jörg Helbig —»Do you trust me?«. Zweifel, Vertrauensverlust und erzählerische Unzuverlässigkeit in Filmen von Ridley Scott
Rainer Winter Zum Outlaw werden. Thelma und Louise brechen aus
Andreas Rauscher Nippon Connections. Ridley Scotts filmische Japan-Referenzen
Matthias Klestil Wenn der Mars von der Erde erzählt. THE MARTIAN als Anthropozänes Kino
Simon Spiegel Der Rest ist Schweigen. Warum HANNIBAL ein schlechter Film ist
Sabrina Gärtner »I learned everything from commercials«. Ridley Scott und die Werbung
Biografie
Filmografie (Auswahl)
Autor:innen
Die sieben Besatzungsmitglieder eines Raumschiffs versammeln sich am Esstisch zu einer letzten Mahlzeit, bevor sie sich auf dem Rückflug zur Erde in ihre Schlafkammern begeben. Diese betont unspektakuläre, von alltäglicher Routine und beiläufigem Wortgeplänkel geprägte Situation vermittelt dem Kinopublikum ein Gefühl von Normalität und Sicherheit, doch als eines der Crewmitglieder plötzlich zu würgen beginnt, bricht ohne Vorwarnung die Hölle los. Was dann passiert, lässt die Raumschiffbesatzung, ebenso wie das Publikum, in Schockstarre zurück, und niemand, der die berühmte ›Chestburster‹-Szene in ALIEN gesehen hat, wird sie je wieder vergessen.
Ridley Scotts Talent, ikonische Bilder und visuell überwältigende Szenen zu gestalten, haben dem Regisseur den Ruf als »one of the greatest visualists in the history of the medium«1 eingebracht. Ausgestattet mit einer schon früh attestierten zeichnerischen Begabung und beeinflusst von bildgewaltigen Regisseuren wie David Lean, Akira Kurosawa und Stanley Kubrick, inszenierte er bisher knapp 30 Spielfilme, die durch die Wucht und Ästhetik ihrer Bilder nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Diese ausdrucksstarke Visualität gehört zu den wenigen Konstanten in Scotts filmischem Schaffen.
Als weitere Konstante lässt sich von seinem ersten Spielfilm, THE DUELLISTS, bis zu seinem kürzlich fertiggestellten Geschichtsepos über Napoleon Bonaparte eine Vorliebe für historische Sujets und insbesondere für Motive des Kriegs- und Militärwesens ausmachen. In diesen Kontexten, ebenso wie in Scotts futuristischen und zeitgenössischen Settings, stehen immer wieder männliche Individuen vor existenziellen Bewährungsproben und nahezu übermenschlichen Herausforderungen, paradigmatisch ablesbar an Figuren wie Mark Watney in THE MARTIAN, Maximus in GLADIATOR oder auch Rick Deckard in BLADE RUNNER.
Ein Gegengewicht zu den betont virilen Protagonisten bilden die vielen starken Frauenfiguren, die in Scotts Filmen auftreten, allen voran Sigourney Weaver in ihrer bahnbrechenden Heldinnenrolle als Ellen Ripley in ALIEN. Diese Reihe setzt sich fort von den einflussreichen Kultfiguren Thelma und Louise, verkörpert von Susan Sarandon and Geena Davis, über Jordan O’Neill (Demi Moore) in G.I. JANE, Marion Loxley (Cate Blanchett) in ROBIN HOOD, Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) in PROMETHEUS, Melissa Lewis (Jessica Chastain) in THE MARTIAN und jüngst zu Marguerite de Carrouges (Jodie Comer) in THE LAST DUEL und Patrizia Reggiani (Lady Gaga) in HOUSE OF GUCCI.
An der Frage, ob Ridley Scott darüber hinaus eine individuelle Handschrift besitzt, die auf unverkennbaren thematischen und stilistischen Konstanten basiert, scheiden sich hingegen die Geister, denn vielen gilt sein filmisches Œuvre als ausgesprochen heterogen. Scott arbeitete in unterschiedlichsten Genres und schuf Science-Fiction, Thriller, Romanzen, historische Epen, Fantasy, Road Movies, Horror-, Agenten- und Kostümfilme, Kriegsfilme und Komödien. Ebenso wechselhaft waren Erfolg und Resonanz seiner Filme – von Blockbustern wie GLADIATOR und THE MARTIAN über ›slow burner‹ wie BLADE RUNNER reicht die Palette bis zu demütigenden Flops wie 1492: CONQUEST OF PARADISE und THE LAST DUEL. Auch hinsichtlich Qualität, Einfluss und Nachhaltigkeit bieten seine Filme ein widersprüchliches Bild. Einerseits ist Scott scheinbar mühelos imstande, zeitlose Filmklassiker und veritable Kultfilme zu erschaffen. So hat er beispielsweise mit ALIEN und BLADE RUNNER das Science-Fiction-Genre im Handstreich revolutioniert. Auf der anderen Seite inszenierte Scott auch Filme, die – zu Recht oder zu Unrecht – nur geringe Beachtung fanden und aus heutiger Sicht stark gealtert wirken.
Obwohl er kürzlich bereits sein 85. Lebensjahr vollendet hat, ist Sir Ridley Scott nach wie vor ein Workaholic. Neben seinen Spielfilmen inszenierte er auch unzählige Werbespots, Musikvideos und Episoden für Fernsehserien. Darüber hinaus führt ihn die Internet Movie Database mit 156 Credits als Produzent (Stand: Februar 2023). Angesichts des schieren Umfangs und der erwähnten Heterogenität erhebt der vorliegende Band nicht den Anspruch, einen repräsentativen oder gar umfassenden Überblick über Ridley Scotts Filmschaffen zu bieten. Sein Anliegen ist es vielmehr, dem Heterogenen Rechnung zu tragen, indem Aspekte beleuchtet werden, die bislang weniger im Fokus der Forschung standen.
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Während dieses Vorwort geschrieben wurde, geriet eine neue technologische Entwicklung in die Schlagzeilen, der vorausgesagt wird, dass sie die Zukunft der Kommunikation revolutionieren wird. Die Rede ist von ChatGPT, einer von dem US-amerikanischen Unternehmen OpenAI entwickelten Künstlichen Intelligenz. Menschen können mit dieser KI Konversation betreiben oder ihr Fragen stellen, auf die ChatGPT mit selbstständig verfassten Texten antwortet, die sich kaum von Texten unterscheiden sollen, die von Menschenhand verfasst wurden.
Wenn es Sinn macht, eine Künstliche Intelligenz im Vorwort zu einem Band über einen Filmregisseur zu Wort kommen zu lassen, dann unbedingt im Fall von Ridley Scott. Wenngleich dessen Replikanten in BLADE RUNNER aus heutiger Sicht noch immer eine ferne Zukunftsvision sind, ist ChatGPT doch bereits Realität und möglicherweise ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu komplexen anthropomorphen KIs.
Am 13.2.2023 forderte ich die KI daher zu Folgendem auf: »Write an essay about the films of Ridley Scott.« Der Text, den ChatGPT daraufhin in weniger als zwei Minuten generierte, wird anschließend unverändert und kommentarlos wiedergegeben. Alle Leserinnen und Leser können sich somit ihr eigenes Urteil bilden.
»Ridley Scott is one of the most acclaimed and influential filmmakers of the modern era. Over the course of his career, Scott has directed a wide range of films, from science fiction to historical drama, that have captivated audiences and left an indelible mark on the film industry. In this essay, we will explore some of Scott’s most notable films and examine his unique style and approach to filmmaking.
One of Scott’s most famous and enduring films is ALIEN, released in 1979. This science fiction horror film tells the story of a group of astronauts who encounter a deadly extraterrestrial creature while on a mission to explore a mysterious planet. ALIEN was a breakthrough film for Scott, both commercially and creatively, and it remains one of the greatest science fiction films of all time. The film’s haunting atmosphere, innovative creature design, and tense action sequences have earned it a loyal following, and it has inspired numerous sequels and spin-off films.
Another of Scott’s most celebrated films is BLADE RUNNER, released in 1982. Based on Philip K. Dick’s novel Do Androids Dream of Electric Sheep?BLADE RUNNER is a dystopian science fiction film set in a bleak, futuristic Los Angeles. The film explores themes of humanity, identity, and the nature of consciousness, and its visually stunning depiction of a dark, neon-lit future has made it one of the most iconic science fiction films of all time. BLADE RUNNER has since been re-released in several different versions, each with its own unique edit and added footage, and it remains a benchmark for science fiction filmmaking.
In addition to science fiction, Scott has also made his mark in the realm of historical drama. GLADIATOR, released in 2000, is a sweeping epic set in ancient Rome that tells the story of a general-turned-gladiator who seeks revenge against the emperor who murdered his family. The film was a critical and commercial success, winning five Academy Awards, including Best Picture. With its epic battle scenes, powerful performances, and stunning visual effects, GLADIATOR established Scott as a master of the historical epic.
Scott has also tackled a variety of other genres over the course of his career, from war films to crime dramas. One of his most recent films, THE MARTIAN, released in 2015, is a sci-fi adventure about an astronaut who is stranded on Mars and must use his wits and scientific know-how to survive and find his way back to Earth. The film was a commercial and critical hit, earning seven Academy Award nominations, including Best Picture.
In conclusion, Ridley Scott is a filmmaker of immense talent and versatility. His films have captivated audiences for decades and his unique style and approach to filmmaking have earned him a place among the great directors of our time. Whether he is exploring science fiction worlds, historical epics, or other genres, Scott’s films are always visually stunning, thought-provoking, and unforgettable.«
Jörg Helbig
April 2023
1 Zit. nach Presseheft »Die Akte Jane« (Buena Vista) 1998, S. 21.
Georg Seeßlen
Ridley Scott und das Genre-Kino
Ein Genre ist etwas anderes als eine Gattung; man kann es immer nur als work in progress sehen, als ein Spiel von Konstanten und Variablen, die immer wieder auch einmal ihre Rollen tauschen können. Jeder neue Film erfüllt die Vorgaben, ist Aktualisierung und Variation und kann zugleich die Möglichkeiten des Genres erweitern oder umgekehrt neue Konventionen erzeugen. Das Genre ist keine Vorschrift, sondern eine Verabredung, und je mehr es sich semantisch zu verdichten in der Lage ist, desto mehr wird es gar zu einer Sprache zwischen Produktion und Konsum, oder zwischen Traumfabrik und kollektiver Mythologie. Das Genre ist also zugleich weniger und mehr als eine Gattung.
Wie aber kann man ein Genre beschreiben? Es ist ein (lebendiges) System der Narration, dessen Elemente und ihre Verknüpfungen in einer Genre-Geschichte stehen. Einen Western, zum Beispiel, ›versteht‹ man mehr in Bezug auf andere Western als in Bezug auf eine historische Realität (weshalb es auch ›Western‹ gibt, die mit dieser historischen Wirklichkeit gar nichts zu tun haben). Vielleicht kommt man dem Begriff also näher, indem man die Narration auf ihre Syntagmen und ihre Paradigmen zurückführt, auf die Figuren, die Plots, die Schauplätze, die historisch-mythischen Bezüge, die Ikonografien und Techniken, die Stimmungen und wie sie erzeugt werden (Schnittrhythmen, Musik, Farbe und Licht und vieles mehr) und, gewiss, auch ihre moralischen Codes. Kurzum: Das Genre ist für seine Produzenten ein Baukasten, bei dem sich sowohl die Bausteine als auch die Bauten ändern können, die man daraus fertigt, solange das eine wie das andere in einer Beziehung von Wiedererkennen, Referenz und Ähnlichkeit steht. Es kommt daher für die Kunst eines Genres nicht so sehr auf die Funktion dieser Elemente selber an, sondern darauf, was Script, Regie, Kamera, Schauspiel, Design usw. daraus machen.
So also hat das Genre zunächst verschiedene Schlüssel-Charaktere: den einsamen Westerner, den Swashbuckler im Piraten- und Abenteuerfilm, den Screwball-Typen in der romantischen Komödie, das große Kind im Slapstick, den Explorer im Kolonial- oder auch Science-Fiction-Film, den jungen Kobold auf der Heldenreise in der Fantasy, den Künstler-Mörder im Psychothriller, dazu eine Reihe wiederkehrender Nebenfiguren und Sidekicks. Wir werden allen diesen Figuren im Kino-Universum des Ridley Scott begegnen – und auch wieder nicht. Übrigens: Ausgerechnet am kultivierten Kannibalen HANNIBAL (2001) hat er erklärt, welche Züge an Kino-Figuren ihn am meisten faszinieren: »der einsame Wolf ohne soziale Bindungen«. Es gibt eine Ikonografie des Genres, wiederkehrende Objekte, Kostüme, Gestalten, Architekturen, Landschaften, Symbole, Erscheinungen, Techniken und kulturelle Leitfossilien ... Es ist das, worin sich Ridley Scott, einstiger Kunst- und Design-Student, so lebhaft austoben kann, dass wir oft in Bildwelten so sehr wie in Erzählungen zu Hause sind. Dass das Design dem Plot und/oder dem Charakter dient (als Paradigma) ist nun nicht mehr oberstes Gebot – eine erste semantische Post-Genre-Theorie könnte also lauten: Die Ordnung von Syntagma (narrativ-diskursiv) und Paradigma (beschreibend-untermalend) ist nicht mehr obligatorisch. Oder: Das Design bestimmt das Bewusstsein (des Films). Und Ridley Scott ist ein Meister darin, die semantische Ordnung des Genre-Films in eine Ordnung zu übertragen, die vom Design bestimmt wird. Es geht nicht mehr um Helden in einer (Zeichen-)Welt, die mal beiläufig und mal erhaben erscheinen kann, sondern um ein dynamisches Weltenbauen für einen Protagonisten oder eine Protagonistin in sehr spezieller Mission.
Es gibt im Genre schließlich einen Kanon von Grund-Plots in endlosen Kombinationen und Variationen, es gibt die typischen Orte, vielleicht auch ein typisches Raum-Gefühl in einem Genre, es gibt allerdings, und da wird es spannend, für jedes Genre auch einen mythischen Kern oder, anders gesagt, eine Verbindung zwischen individueller Story und einem ›Weltbild‹ (also zum Beispiel das Werden einer Nation durch die Bewegung des Helden nach Westen, der zugleich vor der Zivilisation flüchtet und ihr Vorkämpfer wird, die Backstage-Geschichte des Musical, in der sich Leben und Performance treffen usw.). Schließlich gibt es auch spezifische Verbindungen ästhetisch-technischer Elemente mit Genre-Dramaturgien (das Western-Eighteen als kameratechnisch erzeugtes Bewegungsbild für Verfolgungsjagden zu Pferde, das Technicolor-Musical, den Film noir mit seinen vielen Schatten aus Schwarz im high key). Alle diese Elemente sind im Fluss, und es gibt daher drei Möglichkeiten der Veränderung, nämlich die Veränderung im Fließen selbst, die Veränderung einiger Elemente bei gleichzeitiger Beibehaltung der anderen, und schließlich gibt es a) eine subversive Übernahme (ein Genre-Film, der eigentlich etwas anderes ausdrückt, wie ein Western, in dem ein Kommentar zum Vietnam-Krieg verborgen ist, oder ein historischer Held, der zum Muster für aktuelle politische Leitbilder wird), b) eine subversive Tiefe (das heißt die mythische Grundkonstellation, oder der moralische Kern, oder: das ›Weltbild‹ selber wird in Frage gestellt – wir sprechen ja von regelrechten Anti-Western oder Anti-Melodramen) oder c) eine Umwertung und Umbesetzung (etwa im Namen der Diversität: People of Color, Senioren und Frauen übernehmen Rollen, die im traditionellen Genre nur ein junger, weißer Mann innehaben konnte). Es gibt ›revisionistische‹ Exemplare eines Genres (sagen wir: ein Western, der die vorher verdrängte Rolle schwarzer Cowboys beleuchtet), es gibt Meta-Genrefilme (Shakespeares Der Sturm als Matrix eines Science-Fiction-Films wie FORBIDDEN PLANET) und natürlich Parodien (Filme, die ihr Vergnügen aus eben den Bausteinen und Bauplänen gewinnen, aus denen das Genre errichtet wird). Was aus allen diesen teils ›progressiven‹, teils ›manieristischen‹ Veränderungen entsteht, ist eine Bewegung vorwärts: Das Genre wächst buchstäblich über sich selbst hinaus. Die Gegenbewegungen zu diesen Auflösungen der Genres in der cineastischen Postmoderne sind klar: Eine restaurative, konservative oder auch ›museale‹ Haltung, eine nostalgische Rückkehr in ›bessere Zeiten‹ und schließlich eine Rekonstruktion. Ridley Scott ist weder ein Nostalgiker noch ein Restaurateur des Genre-Kinos, sondern ein Rekonstrukteur. Eine Voraussetzung für diese Haltung ist, dass man die Erzählungen des Genres zu 100 Prozent ernst nimmt. Diese Haltung ist einigermaßen solitär.
Ein Genre-Film wird in aller Regel eher dem Unterhaltungskino und der Traumfabrik zugeordnet, da er auf Erwartungen und Gewohnheiten des Publikums spekuliert und seine Vermarktungswege hat. Ein Autorenfilm wird als Gegensatz eher dem ›Arthouse‹-Segment zugeordnet, er ist nicht an Vorgaben gebunden, bedient sich stattdessen aber durchaus bei literarischen und malerischen Vorbildern. Der Regisseur kann weitgehend in seinem Genre aufgehen (»My name is John Ford, I make Westerns.«) oder sogar in ihm verschwinden (nur Aficionados merken sich bei B-Filmen die Namen der Leute hinter der Kamera), der Autor dagegen (und natürlich die Autorin) müssen die Verantwortung für das Werk ganz und gar auf die eigene künstlerische Person beziehen. Der Autor spricht im eigenen Namen, der Genre-Regisseur im Namen einer ästhetischen und inhaltlichen Struktur.
Der Unterschied zwischen Genre- und Autorenfilm hat manchmal freilich auch etwas Willkürliches, und der Bereich, in dem von beidem etwas in ein Projekt einfließt, ist gewiss größer als die Sphären der ›reinen‹ Genre-Zuschreibungen. Es gibt genügend Autorenschaft im Genre und genügend Genrebezüge im Autorenfilm, um die Trennung vor allem politisch-ökonomisch und weniger ästhetisch-narrativ zu verstehen. Und doch haben wir, manchmal in einer einzelnen Person, in einer einzigen Produktion, ja in einer einzelnen Regie-Entscheidung das Spiel zweier cineastischer Codes vor uns. Nicht so sehr zwei voneinander geschiedene Welten als vielmehr zwei Impulse, die einander hier verstärken und sich dort gegenseitig in die Quere kommen können. Daher bleibt die Frage durchaus spannend, was ein Autor oder eine Autorin mit einem Genre macht, oder was ein Genre mit einer Autorin oder einem Autor macht. Ridley Scott zum Beispiel.
Für eine Anzahl von Regisseurinnen und Regisseuren der Generation von Ridley Scott gilt wohl, dass sie das Ihre dazu getan haben, den Widerspruch zwischen Genre und Auteur, vorgegebener Formel und künstlerischer Freiheit für sich aufzulösen. Sie verwirklichen sich in verschiedenen Genres, und sie retten die Idee des Autors für einen größeren Markt. Denn ein Ridley-Scott-Film, das ist ein Science-Fiction-Film, ein historischer Abenteuerfilm, ein Thriller, ein Militär- oder Kriegsfilm, eine Komödie, eine Fantasy ..., aber es ist eben stets definitiv auch ein Ridley-Scott-Film. Im Guten wie manchmal auch im weniger Guten. Denn niemand sagt, dass die Begegnung von Autor und Genre immer glücklich verlaufen muss.
In der Zeit seit den späten 1970er Jahren geschah in der Genregeschichte allerhand. Zum einen war es die Zeit schöner ›Abgesänge‹, elegischer Reminiszenzen mit älter gewordenen Helden, die ihre letzten Kämpfe führen und sich von ihren Träumen verabschieden. Das gilt vor allem für den Western, der in seine Spätphase eintrat und sich dabei nicht nur von seinen Mythen der Landnahme und Zivilisierung verabschiedete, sondern auch Gegenpositionen entwarf: der Genozid, der Rassismus, der beginnende Kapitalismus, die Wunden des Bürgerkriegs, die Unterdrückung der Frauen. Spät-Variationen gab es auch in anderen Genres wie dem historischen Abenteuerfilm (Richard Lesters melancholischer ROBIN HOOD mit Sean Connery und Audrey Hepburn etwa) oder bei der Figur des Private Eye (etwa der Chandler-Art, der so unterschiedliche Schauspieler wie Elliot Gould und Robert Mitchum Schwanengesänge lieferten). Ein Regisseur wie Robert Altman schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, diverse Genres mit dem Blick kritischer Revision zu betrachen, und New Hollywood lebte nicht zuletzt von Filmen, die keine Genrefilme mehr und viel mehr als Genrefilme sein wollten.
Eine zweite Tendenz war die Selbstreflexion und postmoderne Mehrfach-Codierung, also Genre-Filme, die eigentlich das Genre selbst zum Inhalt haben, voller Zitate und Variationen. Diese Art erhielt das Attribut des ›Postmodernen‹ und hob alle Differenz zwischen Kunst, Genre und Trash auf. Selbst beargwöhnte Genres wie der Horror konnten wegen ihrer Rauheit (bei den ›Fauves‹ wie Romero, Hooper oder Craven) oder ihrer Subtilität (wie bei dem Body Horror des David Cronenberg) in das Arthouse-Segment überspringen.
Als dritte Tendenz lassen sich abenteuerliche Crossovers und Meta-Genres ansehen vom Western im Weltall (OUTLAND, 1981) bis zum großen kosmischen Märchen STAR WARS (1977). Das Blockbuster-Kino der 1980er Jahre war zu einem großen Teil ein Meta-Genre-Kino, in dem an die Stelle der Genre-Vorgaben oft ›Formeln‹ und Serien traten, die ihre jeweils eigenen Ikonografien und Narrationen entwickelten. Man sprach von einem cineastischen Recycling, in dem Remakes, Sequels, Prequels und Spin-Offs die Codes der Genres ersetzten oder überlagerten.
Und eine vierte Tendenz stammt (nicht nur) aus Frankreich, als ›cinéma du look‹, in dem das Genre vor allem die Basis für ein Design-Feuerwerk bietet und viele Elemente grafischer Kunst (nicht zuletzt der Comics) in die visuelle Gestaltung einfließen. Die Kritik bemängelte gelegentlich, das Design werde nun offenbar wichtiger als Inhalt und Dramaturgie. Der große Meister der Design-Belebungen von Genres ist Luc Besson, der für eine weitere Tendenz steht, Bandes dessinées, Comics auch als inhaltliche Vorlage zu verwenden. Die neuen digitalen Verfahren machten möglich, was vorher Unsummen verschlang (Massenszenen) oder leicht lächerlich wirkte (Drachen und Monster). Wie das Design wurden auch die Special Effects zur Hauptattraktion. So wurde schließlich der Superhelden-Film, einst ein Nischenprodukt für Kiddy-Matinees, zum erfolgreichsten Genre (oder ›Genre‹) unserer Tage, das sich aus allen diesen Tendenzen immer neu zusammensetzt und weiter zerfällt. Nebenbei: Kann man sich einen Ridley-Scott-Superhelden-Film vorstellen? Schwerlich. Aber ein Sprichwort seiner Heimat sagt: Never say never.
Das Bemerkenswerte erscheint nun, dass Scott allen diesen ›manieristischen‹ Tendenzen der späteren Genre-Geschichte widersteht. Er nutzt das Genre weniger als Spielmaterial, als dass er zu einem Kern davon vordringen oder zurückkehren will. Scott nimmt die Geschichten, die es im Genre zu erzählen gilt, vollkommen ernst, auch und gerade, weil er den klassischen Helden durch Menschen ›aus Fleisch und Blut‹, Menschen mit Schwächen und Zweifeln ersetzt. Das Genre wird wieder geerdet, insofern Scott sich keine Ausflüge in Beliebigkeit oder surreale Abschweifungen erlaubt. So wesentlich Design und Spezialeffekt auch bei ihm sind, so wenig werden sie zum Selbstzweck. Bei ihm wirkt nichts ›verspielt‹, nicht einmal in einer Komödie. Alles muss Hand und Fuß haben, einer strikten Logik der Wahrscheinlichkeit und der Vorstellbarkeit folgen. Erst dies befähigt einen Film, insbesondere seine Science-Fiction- und seine historischen Abenteuerfilme, der klassischen Mythologie und Ikonografie zu entkommen, ohne einen blanken Historismus oder eine ästhetische Selbstbespiegelung zu betreiben.
Scott bekennt sich immer wieder zum filmischen Realismus. Das freilich bezieht sich zunächst einmal auf eine physikalische Dimension. Dieser Regisseur nimmt Raum und Zeit ernst, und vor allem das, was sie mit Menschen und Objekten machen. Was für ein Raumschiff gilt, das gilt für Automobile in den Thrillern oder die Rüstungen in den Historienfilmen: Es gibt Gebrauchsspuren, es gibt Defekte, die Oberflächen sind ramponiert, und der Schmutz der Welt hat sich in ihnen abgelagert. Aber dasselbe gilt auch für Personen. Scotts Helden ›strahlen‹ nicht. Sie sind ramponiert und tragen schwer an Lasten, die ihnen aufgebürdet wurden, sehr häufig leiden sie gar unter der Last des eigenen Körpers. Wir haben es mit Menschen zu tun, die anders als der klassische Held des Genres (der noch stets seine Herkunft aus Märchen und Mythos mit sich trägt) gar nicht geschaffen scheinen für ihre Aufgaben. Kurzum: Die physische Realität ist etwas, das bei Ridley Scott in die Fantasiewelt der Genres einbricht, und das gilt sogar für seinen Fantasy-Film LEGEND (1985): In kaum einem Film dieses ›unbegrenzten‹ Genres sind die Figuren so sehr an physikalische Realität gebunden wie in diesem, Magie hin oder her.
GLADIATOR (2000) handelt von einer Menge Staub, und THE MARTIAN (2015) ist nachgerade verliebt in lebensspendenden Dreck. Sand und Staub spielen ›leitmotivische‹ Rollen in 1492: CONQUEST OF PARADISE (1992) oder BLACK HAWK DOWN (2001), immer scheint es etwas zu geben, das die Menschen ›herunterzieht‹, in den Dreck drückt wie G.I.
JANE (1997) oder in den Abgrund wie THELMA & LOUISE (1991). Als wäre dies die Voraussetzung einer Wiedergeburt, förmlich durch den Dreck gezogen zu werden. Und gleichzeitig ist dies auch als eine Strafe zu verstehen; der Ridley-Scott-Held wird aus einer Schuld-Spirale geboren; wie PROMETHEUS (2012) ist er dabei, die Zivilisation in einen Aufstand gegen die Götter oder gegen die Natur, die ewig ALIEN (1979) bleiben muss, zu bringen. Ein traditioneller Genre-Held ist, ein Ridley-Scott-Held aber muss erst werden. Und eben dies ist auch eine technische Angelegenheit. Man lernt auf seine Umwelt und ihre Gefahren zu reagieren, mit den Werkzeugen, die einem zur Verfügung stehen. In vielen Scott-Helden steckt ein Robinson, einer, der auch in der größten Verlassenheit seine zivilisatorische Überlegenheit entfaltet. Einerseits also erdet Scott die Genres, in denen er arbeitet, durch einen physikalischen, technischen und anatomischen Realismus, andererseits unterlegt er ihnen aber auch eine (halb) private Zivilisations- und Menschheitsgeschichte. Scott ist nicht der Autor, der Filme macht, die eigentlich immer von ihm selbst handeln (Ridley’s pictures are not pictures of Ridley!), aber er ist auch kein Handwerker, der die Regeln des Genres befolgt. Er baut vielmehr mit den Mitteln des Genre-Kinos eine eigene Welt; seine Mitarbeiter haben diesem cineastischen Ort nur teilweise ironisch einen Namen verpasst: Ridleyville.
Eine zweite Bruchlinie nach dem Realismus ist die Einheit von Story und History. Die Heldinnen und Helden in Scotts Filmen sind weniger in Erfüllung des historischen Auftrags unterwegs als dass sie vielmehr von ihm ausgestoßen oder isoliert werden. Die Einsamkeit seiner Helden ist nicht identisch mit der Einsamkeit des autonomen Helden. Man ist sich zunächst der Interdependenz sehr bewusst, und so beginnen mehrere Ridley-Scott-Helden als Teamplayer und enden als Einzelkämpfer. Besonders dramatisch ist das natürlich bei GLADIATOR oder auch in ALIEN. Seine Helden sind Selbst-Schöpfer, die stets die ›Regeln‹ ihres Genres erst kennen lernen, und dieser Akt der Selbst-Schöpfung erscheint besonders kontrovers, wo die entsprechende Rolle weiblich besetzt wird: Für THELMA & LOUISE galt das Genre-Prädikat »Der BUTCH CASSIDY & SUNDANCE KID von heute«, den Film Review aussprach, ebenso wie das Verdikt »chauvinistischer Schweinefilm«, wie es in People hieß.1 Wie in ALIEN und dann ganz besonders in G.I. JANE oder, sanfter vielleicht, in PROMETHEUS
