Fingerhut-Sommer - Ben Aaronovitch - E-Book

Fingerhut-Sommer E-Book

Ben Aaronovitch

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8,99 €

Beschreibung

Der fünfte Band: Schwarzer Humor trifft auf schwarze Magie Obwohl sich Police Constable Peter Grant schon unwohl fühlt, wenn er Londons Skyline auch nur ein paar Kilometer weit hinter sich lässt, wird er jetzt in die tiefste Provinz geschickt: in einen kleinen Ort in Herefordshire – wo sich Fuchs, Hase und der Dorfpolizist Gute Nacht sagen. Aber es werden zwei Kinder vermisst, und ihr Verschwinden erfolgte womöglich unter magischen Umständen. Also muss Peter notgedrungen sein angestammtes Biotop verlassen. Mit der Flusstochter Beverley Brook begibt er sich mutig nach Westen, hinein ins ländliche England ...

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Seitenzahl: 451

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Ben Aaronovitch

Fingerhut-Sommer

Roman

Deutsch von Christine Blum

Deutscher Taschenbuch Verlag

 

 

 

Dieses Buch ist Sir Terry Pratchett, OBE, gewidmet, der stets wie ein Dingsbums über den felsigen Klippen unserer Fantasie aufragte, um uns sicher in den Hafen zu geleiten.

Teil eins

Im Grenzland

Einstmals, zu König Arthurs Zeiten,

Dem alle Briten Lob bereiten,

Dies Land erfüllt von Feen war.

Der Elfenkönigin lust’ge Schar

Tanzte oft auf grüner Flur.

 

    Geoffrey Chaucer, Canterbury Tales:

    Die Erzählung der Frau aus Bath

1

Gebotene Sorgfalt

Ich fuhr gerade am Hoover Centre vorbei, da hörte ich hinter mir Mr. Punch laut seine Wut hinausschreien. Vielleicht war es aber auch nur Bremsenquietschen oder entferntes Sirenengeheul. Oder ein Flugzeug im Landeanflug auf Heathrow.

Seit ich von diesem Hochhaus in Elephant and Castle gesprungen war, hatte ich ihn immer mal wieder schreien hören. Es war kein wirklicher Schrei, möchte ich dazusagen. Eher eine vage Impression, etwas, das sich durch die Stadt selbst ausdrückte. Man könnte es Supravestigium nennen, wenn Nightingale nicht so vehement dagegen wäre, dass ich mir eigene Begriffe für so was ausdenke.

Manchmal klingt es drohend, manchmal ist es eher ein dünnes verzweifeltes Stöhnen im Luftzug der fahrenden U-Bahn. Dann wieder wimmert und bettelt er im entfernten Rauschen des spätabendlichen Verkehrs. Ein launenhafter Typ, unser Mr. Punch. So unberechenbar und gefährlich wie die samstagabendlichen Feiermeuten.

Diesmal klang es bis zum Äußersten gereizt und wütend. Ich verstand allerdings nicht ganz, warum – schließlich war nicht er es, der aus London wegmusste.

Die BBC als Institution ist knapp über neunzig Jahre alt. Das bedeutet, mit dem Rundfunk ist Nightingale vertraut genug, um sich ohne weiteres ein Digitalradio ins Badezimmer zu stellen, mit dem er beim Rasieren BBC4 hört. Wahrscheinlich nimmt er an, die Sprecher säßen immer noch akkurat im Dreiteiler mit Fliege da, während sie in Today das politische Opfer des Tages sezieren. Jedenfalls bekam er das mit den verschwundenen Kindern vor mir mit – was ihn selbst am meisten erstaunte.

»Ich dachte, Sie seien ein großer Freund des allmorgendlichen Pressefunks«, sagte er beim Frühstück, nachdem ich gestanden hatte, dass mir die Nachricht neu war.

»Ich hab trainiert.« In den Wochen seit dem Einsturz von Skygarden Tower (während ich zufällig obendrauf stand) war ich einer der Hauptzeugen in drei verschiedenen Ermittlungen gewesen, zuzüglich einer internen Untersuchung des Direktorats für die Aufrechterhaltung der professionellen Standards. Den Großteil jedes Tages hatte ich damit verbracht, in verschiedenen über ganz London verteilten Polizeirevieren Rede und Antwort zu stehen – einschließlich des berüchtigten 23. Stockwerks des Empress State Building, wo das DPS die Daumenschrauben für die besonders schweren Fälle aufbewahrt. Daher hatte ich mir angewöhnt, früh aufzustehen und erst mein Zaubertraining und ein kleines Programm im Fitnessraum zu absolvieren, bevor ich mich auf die Socken machte, um fünf verschiedenen Leuten dieselbe verdammte Frage zu beantworten. Das war aber okay; seit Lesley mich in den Rücken getasert hatte, schlief ich sowieso nicht besonders gut.

Anfang August war die Flut der Befragungen langsam abgeebbt, aber die Gewohnheit – und die Schlaflosigkeit – war mir geblieben.

»Wurde unsere Hilfe angefordert?«, fragte ich.

»Was die offizielle Ermittlung betrifft: nein. Doch wenn es um Kinder geht, haben wir eine gewisse Verantwortung.«

Es wurden zwei vermisst, beides Mädchen, beide elf Jahre alt, aus verschiedenen Familien im selben Dorf in Nord-Herefordshire. Die Polizei war gestern Morgen um kurz nach neun Uhr benachrichtigt worden, und die Medien wurden aufmerksam, als abends die Handys der Mädchen bei einem Kriegerdenkmal gefunden wurden, mehr als einen Kilometer vom Wohnort der beiden entfernt. Über Nacht hatte sich die Meldung auch überregional verbreitet, und laut den Today-Nachrichten sollte am heutigen Tag eine groß angelegte Suchaktion gestartet werden.

Ich wusste, dass das Folly auf pragmatische, unausgesprochene, von niemandem gern thematisierte Weise auch auf nationaler Ebene engagiert war. Aber was das mit vermissten Kindern zu tun haben sollte, war mir schleierhaft.

»In der Vergangenheit«, erklärte Nightingale, »wurden Kinder leider gelegentlich bei bestimmten …«, er suchte nach dem richtigen Wort, »unethischen Magiepraktiken eingesetzt. Es war stets unsere Devise, ein Auge auf Fälle von vermissten Kindern zu haben und, wenn nötig, tätig zu werden, um sicherzugehen, dass nicht gewisse Individuen in der näheren Umgebung darin verwickelt waren.«

»Gewisse Individuen?«

»Wald- und Wiesenzauberer und dergleichen.«

»Wald- und Wiesenzauberer« war der Folly-Begriff für jeden Praktizierenden, der sich seine magischen Kenntnisse entweder auf eigene Faust außerhalb des Folly angeeignet oder aber sich aufs Land in den Ruhestand zurückgezogen hatte und dort das tat, was Nightingale als »sich dem rustikalen Leben hingeben« bezeichnete. Wir blickten beide zu Varvara Sidorovna Tamonina hinüber, ehemals Leutnant im 365. Sonderregiment der Roten Armee, die an einem Tisch am anderen Ende des Frühstücksraums saß, schwarzen Kaffee trank und in der Cosmopolitan blätterte. Als rotarmistische Zauberin fiel Varvara Sidorovna definitiv unter »dergleichen«. Aber da sie seit zwei Monaten in Erwartung ihres Gerichtsverfahrens unter unserer Aufsicht im Folly wohnte, war es unwahrscheinlich, dass gerade sie etwas damit zu tun hatte.

Varvara war erstaunlicherweise schon vor mir zum Frühstück erschienen und sah für jemanden, der am Vorabend zwei Flaschen Stolichnaya fast im Alleingang geleert hatte, geradezu ungehörig munter aus. Nightingale und ich hatten versucht, sie betrunken zu machen, um vielleicht mehr über den gesichtslosen Magier, der uns das Leben schwer machte, aus ihr herauszukitzeln, aber herausgekommen waren lediglich ein paar echt eklige Witze, von denen die meisten nur auf Russisch lustig zu sein schienen. Bei mir hingegen hatte der Wodka seine Wirkung ordnungsgemäß entfaltet, und ich hatte zur Abwechslung mal eine Nacht fast komplett durchgeschlafen.

»Also ein bisschen wie ViSOR?«, sagte ich.

»Ist das die Liste der Sexualstraftäter?«, fragte Nightingale, der sich klugerweise nie die Mühe machte, ein Akronym auswendig zu lernen, bevor es nicht mindestens zehn Jahre in Gebrauch war. Ich nickte, und er überdachte meine Frage, während er sich noch eine Tasse Tee einschenkte.

»Betrachten Sie es besser als Verzeichnis gefährdeter Personen«, sagte er dann, »bezüglich derer unsere Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass sie sich nicht auf etwas einlassen, was sie später vielleicht bereuen würden.«

»Halten Sie das in diesem Fall für wahrscheinlich?«

»Nicht sehr wahrscheinlich, nein. Aber in solchen Angelegenheiten sollte man stets auf Nummer sicher gehen. Außerdem«, er lächelte, »wird es Ihnen guttun, mal ein paar Tage aus der Stadt herauszukommen.«

»Weil es nichts Aufbauenderes gibt als eine hübsche Kindesentführung.«

»Ganz recht.«

Also verbrachte ich nach dem Frühstück eine Stunde in der Tech-Gruft, meinem mit dem Zubehör des modernen Lebens ausgestatteten Domizil in der ehemaligen Remise, holte mir Hintergrundinformationen aus dem Netz und lud meinen Laptop auf. Ich hatte gerade mal wieder die obligatorische Großeinsatzschulung Stufe 1 hinter mich gebracht, deshalb warf ich neben meiner Übernachtungstasche auch die fertig gepackte Bereitschaftstasche in den Kofferraum meines Ford Asbo. Den Feuerschutzanzug würde ich vielleicht nicht brauchen, aber die klobigen Bereitschaftsstiefel hatten gegenüber meinen Straßenschuhen einige Vorteile. Ich war schon mal auf dem Land gewesen und bin durchaus fähig, aus meinen Fehlern zu lernen.

Dann ging ich ins Folly zurück. Nightingale fand ich in der Bibliothek. Er drückte mir einen mit verblichenen roten Bändern verschnürten Aktendeckel in die Hand, der etwa dreißig Blatt hauchdünnes, dicht mit der Maschine beschriebenes Papier enthielt, außerdem Fotokopien von Ausweispapieren.

»Hugh Oswald. Kämpfte bei Antwerpen und Ettersberg.«

»Er hat Ettersberg überlebt?«

Ohne mich anzusehen, sagte Nightingale: »Er hat es zurück nach England geschafft. Aber er entwickelte das, was man heutzutage wohl posttraumatische Belastungsstörung nennt. Er lebt seither von seiner Invalidenrente und ist unter die Bienenzüchter gegangen.«

»Wie gut ist er als Magier?«

»Nun, es ist sicher besser, wenn Sie gar nicht erst versuchen, das herauszufinden. Aber ich nehme an, er ist ein wenig aus der Übung.«

»Und wenn er mir verdächtig vorkommt?«

»Dann behalten Sie das für sich, ziehen sich diskret zurück und rufen mich bei der ersten Gelegenheit an.«

Ehe ich zur Hintertür hinausschleichen konnte, kam Molly aus ihrem Küchenreich geglitten und fing mich ab. Mit einem schmalen Lächeln legte sie fragend den Kopf schief.

»Ich dachte, ich hol mir auf dem Weg was«, sagte ich.

Die blasse Haut zwischen ihren dünnen schwarzen Augenbrauen runzelte sich.

»Ich wollte dir keine Umstände machen.«

Mit ihren langen Fingern streckte sie mir eine orangerote Sainsbury’s-Tüte entgegen. Ich nahm sie. Sie war erstaunlich schwer. »Was ist da drin?«

Aber Molly lächelte nur, wobei zu viele Zähne sichtbar wurden, drehte sich um und glitt davon.

Misstrauisch hob ich die Tüte an. In letzter Zeit hatte sich der Anteil an Innereien etwas reduziert, aber tendenziell waren Mollys kulinarische Kombinationen noch immer sehr exzentrisch. Ich verstaute die Tüte vorsichtig im schattigen Fußraum der Rückbank. Egal womit die Sandwiches belegt waren, zu viel Wärme tat ihnen sicher nicht gut, und ich wollte um jeden Preis vermeiden, dass sie anfingen zu riechen oder zu schimmeln oder sich spontan in eine neue Lebensform verwandelten.

Es war ein herrlicher Londoner Sommertag – der Himmel tiefblau, die Bürgersteige an der Euston Road voller Touristen, die Straßen verstopft von schwitzenden Pendlern, die aus ihren heruntergekurbelten Fenstern neidisch auf die jungen Stadtbummler in Shorts und Sommerkleidern starrten. Ich tankte bei einer Werkstatt in der Nähe der Warwick Avenue, verhedderte mich kurz in der Umleitung um Paddington Station, erreichte glücklich die A40, sagte der grandiosen Art-déco-Fassade des Hoover Building Lebewohl und nahm Kurs auf das, was der Londoner als »anderswo« bezeichnet.

Als Mr. Punch und die M25 hinter mir lagen, stellte ich im Radio BBC5 Live ein. Dort bemühte man sich redlich, aus dem Nachrichtenwert von schätzungsweise einer halben Stunde ein 24-Stunden-Info-Format zu stricken. Die Mädchen wurden immer noch vermisst, die Eltern hatten »in bewegenden Worten« um Hilfe gebeten, und Polizei und Freiwillige durchkämmten die Umgebung.

Es war erst Tag 2, aber man merkte den Radiomoderatoren bereits die unterschwellige Verzweiflung derer an, denen die Fragen an ihre Reporter vor Ort ausgehen. Noch war das Stadium Was, glauben Sie, geht wohl jetzt gerade in den beiden vor? nicht erreicht, aber lange würde es nicht mehr dauern.

Es wurden Vergleiche zu dem Fall in Soham 2002 gezogen, allerdings war niemand so taktlos, zu erwähnen, dass damals die beiden Mädchen schon tot gewesen waren, ehe die Eltern überhaupt die Polizei gerufen hatten. Es hieß, die Zeit werde knapp, und Polizei und Freiwillige durchkämmten intensiv die Umgebung. Man spekulierte, ob die Familien noch an diesem Abend persönlich vor die Medien treten würden oder erst am nächsten Tag, und weil dieses Thema so ziemlich das einzige war, von dem die Moderatoren einen Funken Ahnung hatten, füllten sie immerhin zehn Minuten mit der Erörterung möglicher Medienstrategien der Familien, bis sie durch die Nachricht unterbrochen wurden, dass ihr Reporter es tatsächlich geschafft hatte, eine Einheimische vors Mikro zu bekommen. Es handelte sich um eine Frau mit altmodischem Mittelschicht-Akzent, die zur allgemeinen Überraschung erklärte, es sei ein großer Schock, und man hätte nie gedacht, dass so etwas je in einem Ort wie Rushpool passieren könne.

Zur vollen Stunde wurde der Nachrichtenzyklus wieder von vorn abgespult, und ich erfuhr, dass das kleine Dörfchen Rushpool im verschlafenen Herefordshire derzeit Schauplatz einer großangelegten polizeilichen Suchaktion nach zwei elfjährigen Mädchen war, den Freundinnen Nicole Lacey und Hannah Marstowe, die nun schon seit über achtundvierzig Stunden vermisst wurden. Die Dorfbewohner standen unter Schock, und die Zeit wurde knapp.

Ich schaltete das Radio aus.

Nightingale hatte mir empfohlen, bei Oxford rauszufahren und den Weg über Chipping Norton und Worcester zu nehmen, aber das Navi (eingestellt auf »schnellste Route«) schickte mich in einem großen Bogen über Bromsgrove bis zur Ausfahrt Droitwich. Danach kurvte ich auf einer Reihe schmaler Landstraßen durch langgestreckte Täler und über bucklige Brücken aus grauem Stein. Jenseits des Flüsschens Teme gab es dann nur noch verschlungene, einspurige Sträßchen, die durch ein derart fotogenes ländliches Idyll führten, dass ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn mir hinter der nächsten Kurve Bilbo Beutlin persönlich entgegengekommen wäre, immer vorausgesetzt, der hatte sich inzwischen einen Nissan Micra angeschafft.

Die meisten dieser schmalen Straßen waren von Hecken gesäumt, die größer waren als ich und so dick, dass sie gelegentlich die Seite des Autos streiften. Hier konnte man vermutlich einen halben Meter neben einem vermissten Kind vorbeifahren, ohne es auch nur zu ahnen – vor allem wenn das Kind sehr still und ruhig dalag.

Das Navi leitete mich über eine Serpentinenstraße auf einen bewaldeten Hügelrücken und dann eine steile Anhöhe mit dem nichts Gutes verheißenden Namen Kill Horse Lane hinauf. Auf der Kuppe musste ich auf einen unbefestigten Weg abbiegen, der mich noch weiter in die Höhe führte und dabei an der Autounterseite herumknusperte. Ich fuhr um eine Kurve, und vor mir erhob sich ein runder Turm – drei Stockwerke hoch mit einem ovalen Kuppeldach, das ihm ein seltsam barockes Aussehen verlieh. Das Navi informierte mich, dass ich mein Ziel erreicht hätte, also stieg ich aus und sah mir das Ganze näher an.

Es war warm und still, und in der Luft hing ein leicht kreidiger Geruch. Schon jetzt am späten Vormittag war es so heiß, dass Hitzeflimmern über dem staubigen weißen Weg aufstieg. In den Bäumen hörte man Vögel zwitschern und hinter einem Gartenzaun ertönte ein rhythmisch wiederkehrendes Krachen. Ich krempelte mir die Ärmel hoch und ging nachschauen, was das war.

Hinter dem Zaun fiel das Gelände in eine Senke ab. Hier stand ein zweistöckiges Backsteincottage inmitten eines zerzausten Patchworks aus Gemüsebeeten, Mini-Gewächshäusern und etwas, das offensichtlich ein Hühnerauslauf war, über den man zum Schutz gegen Raubtiere Maschendraht gespannt hatte. Obwohl das Haus relativ neu wirkte, kamen mir Dach und Fenster etwas windschief vor. Eine Tür an der Seite stand offen und gab den Blick auf einen Flur voller schlammverkrusteter schwarzer Gummistiefel, Regenjacken und ähnlicher Outdoor-Utensilien frei. Es wirkte unordentlich, aber nicht vernachlässigt.

Auf der freien Fläche vor dem Cottage sahen zwei Männer einem dritten dabei zu, wie er Holz hackte. Alle drei trugen unten Khaki-Shorts und oben nichts. Einer von ihnen, älter als die anderen und mit einem grünen Armee-Tropenhut auf dem Kopf, entdeckte mich und sagte etwas. Die anderen drehten sich um und schauten in meine Richtung, wobei sie die Augen gegen die Sonne abschirmten. Der Ältere winkte mir zu und kam mir den Hang herauf entgegen.

»Guten Morgen«, sagte er. Er hatte einen australischen Akzent und war älter, als ich zunächst gedacht hatte, deutlich über sechzig oder vielleicht sogar siebzig, aber schlank, die Haut wie faltiges Leder. Ich fragte mich, ob das mein Kandidat war.

»Ich suche Hugh Oswald.«

»Da sind Sie am falschen Haus.« Der Mann nickte zu dem seltsamen Turm hin. »Der wohnt in dem Ding dort.«

Einer der jüngeren Männer kam zu uns heraufgeschlendert. Aus seinen Shorts ringelten sich Tattoos über seinen gesamten Oberkörper, seine Schultern und Arme. Ein solches Muster hatte ich noch nie gesehen – verschlungene Ranken, Blätter und Blüten, alles mit absoluter Präzision gestochen wie die Illustrationen in den Botanikbüchern aus dem 19. Jahrhundert, die mir in der Bibliothek des Folly begegnet waren. Sie waren so neu, dass die Rot-, Blau- und Grüntöne noch leuchtend und scharf umrissen waren. Als er uns erreichte, nickte er. »Alles klar?« Kein Aussie – er sprach ländliches Englisch, wenn auch keinen mir bekannten Dialekt.

Unten beim Cottage hob der dritte Mann die Axt und fing wieder an, auf das Holz einzuhacken.

»Er will zu Oswald«, sagte der Ältere.

»Oh. Aha.«

Sie hatten die gleichen Augen, ein blasses, ausgewaschenes Blau wie ausgebleichtes Denim, und die Form ihrer Kiefer- und Wangenknochen ähnelte sich ebenfalls. Zweifellos nahe Verwandte – ich tippte auf Vater und Sohn.

»Sie sehen aus, als wär Ihnen heiß«, sagte der Ältere. »Können wir Ihnen ein Glas Wasser anbieten?«

Ich lehnte höflich ab. »Wissen Sie, ob er zu Hause ist?«

Der Ältere und der Jüngere wechselten einen Blick. Unten am Hang schwang der dritte Mann die Axt – krack, splitterte das nächste Stück.

»Ich denke schon«, sagte der Ältere. »Zu der Jahreszeit.«

»Dann mach ich mich lieber auf den Weg«, sagte ich.

»Schauen Sie doch auf dem Rückweg vorbei, wenn Sie Lust haben. Wir kriegen hier oben nicht viel Besuch.«

Ich lächelte, nickte und ging.

Der Turm hatte oben auf der Kuppel sogar eine Aussichtsplattform mit Geländer. Die Behausung eines exzentrischen Professors wie aus einem edwardianischen Kinderbuch – C.S. Lewis wäre begeistert gewesen.

Über der Eingangstür wölbte sich ein kupfernes Vordach, das angenehmen Schatten spendete. Ich wollte gerade auf die enttäuschend gewöhnliche elektrische Klingel neben dem unbeschrifteten Namensschild drücken, da hörte ich den Schwarm. Ich blickte zurück. Da war er: eine Wolke gelber Bienen unter einem der Bäume am Wegrand. So durchdringend ihr Summen war, sie hielten sich strikt an ein und derselben Stelle auf – wie um sie zu markieren.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte plötzlich jemand hinter mir.

Ich drehte mich um. In der Tür stand eine weiße Frau Anfang dreißig – sie musste mich durchs Fenster gesehen haben. Sie war klein, trug eine schwarze Radlershorts und ein dazu passendes gelb-schwarzes Top aus Lycra. Sie hatte eine kurze, peroxidbleiche Wuschelfrisur, ihre Augen waren dunkel, fast schwarz, ihr Mund ungewöhnlich klein und wie eine Rosenknospe geformt. Als sie lächelte, kamen winzige weiße Zähne zum Vorschein.

Ich stellte mich vor und zeigte ihr meinen Dienstausweis. »Ich möchte zu Hugh Oswald.«

»Ach. Ein Polizist aus London«, sagte sie.

Ich war beeindruckt. Die meisten Leute bemerken kaum, ob dein Foto zu deinem Gesicht passt, geschweige denn die Unterschiede im Polizeiwappen.

»Und wer sind Sie?«, erkundigte ich mich.

Sie stellte sich etwas breitbeiniger hin. »Seine Enkelin.«

»Wie heißen Sie?«

An diesem Punkt nennt ein professioneller Gangster, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, einen falschen Namen. Ein krimineller Amateur wird entweder kurz zögern und dann lügen oder schlicht erklären, ich hätte kein Recht zu fragen. Und der gewöhnliche Durchschnittsbürger wird vermutlich wahrheitsgemäß antworten – ausgenommen Leute mit Schuldkomplex, Gewohnheitsanarchisten und rettungslose Snobs. Ich konnte erkennen, dass sie ernsthaft überlegte, mich rauszuschmeißen, aber dann siegte der gesunde Menschenverstand.

»Mellissa. Mellissa Oswald.«

»Ist Mr. Oswald da?«, fragte ich.

»Er ruht sich aus.« Sie machte keine Anstalten, mich reinzulassen.

»Trotzdem muss ich mit ihm sprechen.«

»Haben Sie einen Durchsuchungsbeschluss?«

»Ich brauche keinen. Ihr Großvater hat einen Eid geschworen.«

Sie starrte mich verblüfft an, dann verzog sich ihr winziger Mund zu einem erstaunlich breiten Grinsen. »Du lieber Gott. Sie sind einer von denen?«

»Darf ich reinkommen?«, fragte ich.

»Ja, ja. Ach du Scheiße, das Folly.«

Sie schüttelte immer noch den Kopf, während sie mich durch einen steingefliesten Eingangsflur, der nach dem glühenden Sonnenschein draußen dämmrig und kühl war, in ein halb ovales, nach Blütenpotpourri und warmem Staub riechendes Wohnzimmer und durch eine Glastür wieder nach draußen führte.

Das Wohnzimmer ging auf einen terrassenförmig angelegten Garten hinaus, der unten von Wald begrenzt wurde. Er wirkte zwanglos bis verwildert. Beete gab es nicht, nur verstreute Nester gelb und lila blühender Blumen und Büsche.

Mellissa führte mich eine Treppe hinunter auf die nächstniedrige Terrasse. Hier stand ein weiß emaillierter schmiedeeiserner Gartentisch mit passenden Stühlen, beschattet von einem im Tisch verankerten mintgrünen, schon etwas in die Jahre gekommenen Sonnenschirm. Auf einem der Stühle saß ein dünner grauhaariger Mann. Er hatte die Hände im Schoß gefaltet und starrte in den Garten hinaus.

Zaubern kann im Prinzip jeder, genau wie jeder Geige spielen kann. Alles, was man braucht, sind viel Zeit und Mühe und jemand, der es einem beibringt. Dass es solche Jemande kaum noch gibt, ist der Grund, warum heutzutage nur noch so wenige die – wie Nightingale es nennt – Lehren und Künste beherrschen. Einen Lehrer braucht man nicht nur, damit er einem hilft, Vestigia zu erkennen – was noch mal ein Thema für sich ist –, sondern weil man sich, wenn man nicht ordentlich ausgebildet wird, beim Praktizieren leicht einen Gehirnschlag oder ein tödliches Aneurysma einfängt. Falls Sie das nicht glauben, fragen Sie doch Dr. Walid, unseren Kryptopathologen und inoffiziellen leitenden medizinischen Sachverständigen, ob er Ihnen mal seine Sammlung eingelegter Gehirne zeigt.

Es ist durchaus möglich, das Zaubern genau wie das Geigespielen durch bloßes Herumprobieren zu erlernen. Während Möchtegern-Violinvirtuosen allerdings höchstens die guten Beziehungen zu ihren Nachbarn riskieren, neigen Do-it-yourself-Zauberer dazu, tot umzufallen, bevor sie irgendwas zustande bringen – seine Grenzen zu kennen ist in der Magie keine bloße Tugend, sondern überlebensnotwendig.

Als Mellissa ihren Granddad beim Namen rief, wurde mir bewusst, dass das hier nach Nightingale erst der zweite amtlich zugelassene Zauberer war, den ich traf.

»Jemand von der Polizei will mit dir reden«, sagte sie.

»Von der Polizei?«, fragte Oswald zurück, ohne den Blick von der Landschaft zu nehmen. »Warum denn das, um Himmels willen?«

»Er ist extra aus London gekommen.« Die Betonung lag auf dem extra.

»London?« Hugh drehte sich halb um und richtete den Blick auf mich. »Aus dem Folly?«

»Ja, Sir«, sagte ich.

Er kämpfte sich auf die Füße. Vermutlich war er schon immer zierlich gewesen, aber das Alter hatte ihn richtiggehend ausgezehrt. Sein kariertes Hemd und die langen Hosen konnten nicht verbergen, wie dürr seine Arme und Beine waren. Sein Gesicht war schmal, um den Mund herum etwas verkniffen, seine Augen dunkelblau und eingesunken.

Er hielt mir die Hand hin. »Hugh Oswald.«

»PC Peter Grant.«

Sein Griff war fest, aber seine Hand zitterte. Als ich mich setzte, sank er schwer atmend wieder in seinen Stuhl zurück. Sichtlich besorgt blieb Mellissa in seiner Nähe stehen.

»Soso, Nightingales Sperling«, sagte er. »Den ganzen Weg von London hergeflogen.«

»Sperling?«, fragte ich.

»Sie sind sein neuer Lehrling?«, fragte er zurück. »Der erste seit …«, sein Blick irrte über den Garten, als versteckte sich dort irgendwo ein Stichwort. »Vierzig, fünfzig Jahren.«

»Länger«, erwiderte ich. Ich war der erste offizielle Zauberlehrling hierzulande seit dem Zweiten Weltkrieg. Inoffizielle hatte es einige gegeben – einer von ihnen hatte erst kürzlich versucht, mich umzubringen.

»Na, dann helfe Ihnen Gott.« Er wandte sich an seine Enkelin. »Bringst du uns etwas Tee? Und …«, er runzelte die Stirn, »ein paar von diesen Brötchendingern mit den löchrigen Oberseiten, du weißt schon.« Er winkte sie fort.

Ich sah ihr nach, wie sie zum Turm ging. Ihre Taille war beunruhigend schmal und die Kurve ihrer Hüften fast comicmäßig erotisch.

»Pikelets«, sagte Hugh völlig unerwartet. »So heißen sie. Oder Crumpets? Egal. Mellissa wird uns aufklären können.«

Ich nickte weise und wartete.

»Wie geht es Thomas?«, fragte er. »Habe gehört, er hat sich schon wieder anschießen lassen.«

Ich war mir nicht sicher, wie viel Nightingale Hugh von dem wissen lassen wollte, was wir bei der Polizei »dienstinterne Angelegenheiten« nennen, also das, wovon die Öffentlichkeit besser nichts mitkriegt. Aber es interessierte mich, wie Hugh davon erfahren hatte. Dieser spezielle Zwischenfall war nie in die Medien gelangt – da war ich ganz sicher.

»Wie haben Sie davon erfahren?« Das ist das Schöne, wenn man bei der Polizei ist – man wird nicht dafür bezahlt, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Hugh schenkte mir ein karges Lächeln. »Oh, noch gibt es genug von uns, um ein funktionierendes Buschtelefon aufrechtzuerhalten. Auch wenn der Busch langsam ausdünnt. Und da Thomas der Einzige von uns ist, der irgendwas Erwähnenswertes tut, dreht sich unser Klatsch hauptsächlich um ihn.«

Ich nahm mir dringend vor, Nightingale die komplette Liste der Zauberrentner zu entlocken und sie in eine anständige Datenbank einzugeben. Hughs »Buschtelefon« konnte möglicherweise als wichtige Informationsquelle dienen. Wäre ich ungefähr vier Ränge höher in der Hierarchie gewesen, dann hätte ich dies als Gelegenheit betrachtet, durch intensivierte Einbeziehung interessierter Individuen zusätzliche Informations-Aktivposten zu schaffen. Aber da ich bloß Constable bin, ließ ich es sein.

Der Tee kam in einer gedrungenen Teekanne unter einem gehäkelten rot-grünen Teewärmer in Gestalt eines Hahns; dazu brachte Mellissa etwas, was ich definitiv als Crumpets bezeichnen würde. Ihr Großvater und ich bekamen die zarten Porzellantassen mit Weidenmuster, sie nahm den Becher mit der Aufschrift »I’m Proud of The BBC«.

»Nehmen Sie sich Zucker«, sagte sie, ließ sich auf einen der Stühle nieder und begann die Crumpets mit Honig aus einem kleinen runden Topf zu bestreichen. Eins stellte sie ihrem Großvater hin.

»Bedienen Sie sich. Kommt von unseren eigenen Bienen.«

Ich hatte die Teetasse schon halb an den Lippen, da zögerte ich, stellte sie wieder auf den Untersetzer und sah Hugh an. Einen Moment lang war er verwirrt, dann lächelte er.

»Aber natürlich. Wo sind meine Manieren. Bitte fühlen Sie sich frei, zu essen und zu trinken, ohne Verpflichtungen und so weiter und so fort.«

»Danke.« Ich hob die Teetasse wieder.

»Ihr macht das wirklich?«, fragte Mellissa ihn. »Ich dachte, das hättest du dir alles ausgedacht.« Sie wandte sich an mich. »Was glauben Sie denn, was Ihnen sonst passieren könnte?«

»Keine Ahnung. Aber ich bin nicht scharf darauf, es rauszufinden.«

Ich nippte an meinem Tee. Gott sei Dank, er war ordentlich stark. Nichts gegen zarte Aromen, aber wenn man so eine Fahrt hinter sich hat, braucht man etwas mit ein bisschen mehr Biss als Earl Grey.

»Erzählen Sie doch, Peter«, sagte Hugh. »Was führt den Sperling so weit von der Esse fort?«

Ich fragte mich, seit wann ich eigentlich der »Sperling« war und warum alle, die in der magischen Gesellschaft etwas zählten, ein Problem mit normalen Eigennamen hatten.

»Hören Sie Nachrichten?«, fragte ich.

»Ah. Die vermissten Mädchen.«

»Was hat das mit uns zu tun?«, wollte Mellissa wissen.

Ich seufzte. Unser Job wäre so viel einfacher, wenn die Leute nicht immer irgendwelche besorgten Verwandten hätten. Die Mordrate zum Beispiel wäre deutlich niedriger.

»Ist nur eine Routineüberprüfung.«

»Bei Granddad?« Sie wurde sichtlich wütend. »Wie bitte?«

Hugh lächelte ihr zu. »Eigentlich ist es ganz schmeichelhaft, dass man mich allen Ernstes für stark genug hält, um eine potenzielle Bedrohung darzustellen.«

»Aber vermisste Kinder?« Mellissa funkelte mich an.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ist wirklich bloß Routine.« Genau wie man routinemäßig alle, die dem Opfer nahestehen, auf die Verdächtigenliste setzt oder hellhörig wird, wenn Verwandte bei einer reinen Routinebefragung allzu sehr in die Defensive gehen. Ist das fair? Nein. Gerechtfertigt? Wer weiß. Ist es die Art und Weise, wie Polizisten denken? Blöde Frage.

Lesley fand immer, ich wäre nicht misstrauisch genug, um gut in unserem Job zu sein, und als ultimativen Beweis hatte sie mich in den Rücken getasert. Also bin ich seither misstrauisch – selbst beim Tee mit netten tattrigen Senioren. Allerdings kann man es mit der professionellen Paranoia auch zu weit treiben; ein Crumpet nahm ich mir also schon.

»Haben Sie in der letzten Woche irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt?«, fragte ich.

»Nicht dass ich wüsste, aber ich bin nicht mehr so aufmerksam wie einst. Oder sagen wir besser, nicht mehr so zuverlässig aufmerksam wie in meinen besten Jahren.« Hugh sah seine Enkelin an. »Was ist mit dir, Liebes?«

»Es war ungewöhnlich heiß«, sagte sie. »Aber das liegt vielleicht nur am Klimawandel.«

Hugh lächelte matt. »Ich fürchte, das ist alles.« Er fragte Mellissa, ob er ein zweites Crumpet haben könne.

»Natürlich.« Sie reichte ihm eins. Hugh griff mit zitternder Hand danach und bekam es nach ein paar Fehlversuchen mit einem triumphierenden Ächzen zu fassen. Mellissa sah besorgt zu, wie er es an den Mund führte, einen großen Bissen nahm und mit offensichtlichem Genuss kaute.

Mir wurde bewusst, dass ich ihn anstarrte. Ich konzentrierte mich hastig auf meine Teetasse und trank noch einen Schluck.

»Ha«, sagte Hugh, als er mit Kauen fertig war. »War doch gar nicht so schwer.«

Und dann schlief er ein – seine Augen schlossen sich, und sein Kinn sank auf die Brust. Es geschah so schnell, dass ich aufspringen wollte, aber Mellissa winkte mich in meinen Stuhl zurück. »Sie haben ihn völlig geschafft.« Trotz der Hitze zog sie hinter dem Rücken ihres Großvaters eine Wolldecke hervor und hüllte ihn bis zum Kinn darin ein. »Selbst Ihnen dürfte jetzt klar sein, dass er nichts mit dem Verschwinden der Kinder zu tun haben kann.«

Ich stand auf. »Haben Sie etwas damit zu tun?«

Sie warf mir einen bösen Blick zu – und da durchzuckte es mich. Scharf und unverkennbar. Das Klick-klick von Beinen und Beißwerkzeugen, das Aufblitzen von Flügeln und der heiße kollektive Atem des Stocks.

»Was sollte ich mit zwei kleinen Mädchen anfangen?«, fragte sie.

»Was weiß ich. Sie beim nächsten Vollmond opfern?«

Mellissa legte den Kopf schief. »Finden Sie das etwa witzig?«

Jeder kann zaubern lernen, dachte ich, aber nicht jeder ist magisch. Es gibt Leute, die so sehr von, nennen wir es mal rein hypothetisch Magie, durchdrungen sind, dass man sie nicht mehr ganz als Menschen bezeichnen kann, nicht mal im Sinne der Menschenrechte. Nightingale nennt sie Fae, aber das ist so eine Allerweltsbezeichnung wie das Wort »Barbaren« bei den Griechen oder »Europa« in der Daily Mail. In der Bibliothek des Folly hatte ich mindestens drei verschiedene Klassifizierungssysteme gefunden, die alle elaborierte lateinische Bezeichnungen und, so vermutete ich, ungefähr die gleiche wissenschaftliche Belastbarkeit besaßen wie etwa die Phrenologie. Mit Konzepten wie der Einteilung in Arten sollte man beim Menschen vorsichtig sein, sonst landet man im Handumdrehen bei Zwangssterilisation, Bergen-Belsen und dem atlantischen Sklavenhandel.

»Nö«, sagte ich. »Das Witzigsein hab ich aufgegeben.«

»Wollen Sie nicht vielleicht unser Haus durchsuchen, nur um sicherzugehen?«

»Ja, danke, gern«, erwiderte ich – zum Beweis, dass Sarkasmus leicht ins Auge gehen kann.

Mellissa trat einen Schritt zurück und starrte mich an. »Was? Das habe ich nicht ernst gemeint.«

Ich schon. Die erste Regel bei der Polizeiarbeit ist: Verlass dich nie einfach auf das, was dir irgendwer sagt. Überzeuge dich selbst. Vermisste Kinder wurden schon unter ihren Betten oder im Gartenschuppen gefunden, nachdem die Eltern Stein und Bein geschworen hatten, sie hätten in jedem Winkel gesucht, und warum verschwendeten wir hier Zeit, statt endlich die Großfahndung einzuleiten. Und mein Gott, es ist ein Skandal, dass man anständige Bürger wie Kriminelle behandelt, und wir sind hier doch die Opfer, und nein, da drin ist garantiert nichts. Nur die Gefriertruhe, da brauchen Sie wirklich nicht reinzuschauen, wie sollte sie denn in die Gefriertruhe … Sie haben überhaupt kein Recht … oh Gott, es tut mir so leid, sie ist hingefallen, ich wollte ihr doch nicht weh tun, sie ist einfach hingefallen, und ich kriegte Panik.

»Ich bin gern gründlich«, sagte ich.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie da irgendwelche Rechte verletzen.«

»Nein«, widersprach ich mit der absoluten Sicherheit dessen, der sich vor dem Losfahren noch einen Moment Zeit genommen hat, die entsprechenden Paragraphen nachzuschlagen. »Ihr Großvater hat einen Eid geleistet und einen Vertrag unterzeichnet, nach dem befugte Personen, also zum Beispiel ich, auf Wunsch Zutritt zu seinem Heim haben.«

»Aber er ist doch längst im Ruhestand?«

»Nicht, was den Vertrag angeht.« Darin hieß es wortwörtlich: bis der Tod Euch von diesem Eid entbinde. Tja, das Folly – vom guten altmodischen Schlag. Was mitunter äußerst nützlich für die moderne Polizeiarbeit war.

»Führen Sie mich doch herum«, sagte ich. Dann weiß ich wenigstens, dass Sie sich nicht davonschleichen und den Häcksler hinter dem Haus mit Leichenteilen füttern.

Mumintal Nummer 1 sah zwar aus wie eine steingewordene viktorianische Schrulle, entpuppte sich aber als die rarste aller architektonischen Spezies: ein modernes Bauwerk im klassischen Gewand. Es war eine Schöpfung des berühmten Raymond Erith, der weniger den Geist der Aufklärung beschworen als deren Baupläne geklaut hatte. Offenbar hatte er es 1968 für Hugh Oswald entworfen, der ein enger Freund der Familie war.

Es war zugleich schön und traurig. Wir fingen mit den beiden kleinen Seitenflügeln an, von denen einer nachträglich einen Anbau mit einer normal großen Küche bekommen hatte – Erith mochte ein progressiver Klassizist gewesen sein, aber die Architektenkrankheit seiner Zeitgenossen hatte auch ihn geplagt, diese Unfähigkeit zu begreifen, dass es vielleicht praktisch wäre, wenn man die Herdklappe öffnen könnte, ohne dazu die Küche verlassen zu müssen. Das schlichte Messingbett in dem ebenfalls im Anbau befindlichen Schlafzimmer besaß ein Geländer, der Teppichboden war dick und flauschig, und alle scharfen Kanten der antiken Eichenkommode und des Schranks waren mit Plastikschützern versehen. Es roch nach sauberer Bettwäsche, Blütenpotpourri und Desinfektionsmittel.

»Großvater ist vor ein paar Jahren hier heruntergezogen«, erklärte Mellissa und führte mich in das brandneue Badezimmer nebenan mit Handgriffen und behindertengerechter Sitzbadewanne mit leicht zu bedienendem Mischhebel. Als ich noch einmal ins Schlafzimmer zurückging und unters Bett schaute, schnaubte sie leicht, aber das Lachen verging ihr, als sie feststellte, dass ich tatsächlich auch Besenschrank und Brennholzverschlag überprüfen wollte.

Eine hölzerne Wendeltreppe führte in den ersten Stock in das, was zweifellos Hughs Studierzimmer gewesen war, bevor er sich nach unten verlagert hatte. Ich hatte mit schweren Eichenbücherschränken gerechnet, aber stattdessen war die Hälfte des runden Raums mit schlichten Wandbrettern aus Kiefer gesäumt. Viele der Bücher kannte ich aus der Allgemeinen Bibliothek des Folly, einschließlich eines schon fast auseinanderfallenden Exemplars der Histoire insolite et secrète des ponts de Paris von Barbey d’Aurevilly. Es waren viel zu viele Bücher, als dass sie in den Regalen Platz gehabt hätten. Sie stapelten sich auch auf dem antiken Klapptisch, der wohl früher als Schreibtisch gedient hatte, dem abgenutzten Ledersofa und jedem freien Fleck am Boden. Im wesentlichen waren es Werke über die Geschichte der Gegend, Imkereihandbücher und moderne Belletristik. Mir bekannte Bücher über Magie sah ich nicht, und überhaupt nichts Lateinisches außer uralten gebundenen Ausgaben von Vergil, Tacitus und Plinius. Den Tacitus erkannte ich. Die gleiche Ausgabe hatte Nightingale mir zur Lektüre gegeben.

Vermisste Kinder waren ebenfalls nirgends zu entdecken, also bat ich Mellissa, mir ihr Schlafzimmer zu zeigen, das die gesamte oberste Etage einnahm. Es enthielt einen viktorianischen Frisiertisch, ein Bett von Habitat und Schränke und Kommoden aus laminierter Spanplatte und war ganz erstaunlich unordentlich – jede einzelne Schublade stand offen, und aus jeder hingen mindestens zwei Kleidungsstücke heraus. Allein die überall herumliegenden Schlüpfer hätten meine Mum zum Durchdrehen gebracht; für den Berg Schuhe neben dem Bett hätte sie allerdings ein gewisses Verständnis gehabt.

»Wenn ich gewusst hätte, dass die Polizei kommt«, sagte Mellissa spitz, »hätte ich ein bisschen aufgeräumt.«

Obwohl die Fenster alle offen standen, war es so heiß, dass mir der Schweiß den Rücken hinunterlief. Und es lag ein schwerer, süßlicher Geruch in der Luft, nicht eklig, nicht nach Verwesung, aber furchtbar aufdringlich. An einer Wand war eine Leiter verankert, die zu einer Luke in der Decke führte. Mellissa bemerkte meinen Blick und lächelte. »Wollen Sie auch im Speicher herumschnüffeln?«

Ich wollte gerade erwidern: »Natürlich«, da fiel mir auf, dass das tiefe Summen, das im restlichen Haus kaum die Hörschwelle überschritt, hier lauter war und – natürlich – aus dem Speicher kam.

Ich sagte, ja, wenn es keine Umstände mache, würde ich mich dort gern umschauen. Sie drückte mir einen breitkrempigen Hut mit Schleier in die Hand – ein Imkerhut.

»Das ist nicht Ihr Ernst«, sagte ich, aber sie machte klar, dass es das sehr wohl war. Also setzte ich den Hut auf und ließ sie die Bänder unter meinem Kinn befestigen. Sie kramte eine Weile in den Schubladen des Frisiertischs, fand schließlich eine schwere Taschenlampe und schaltete sie zur Probe ein. Im hellen Tageslicht war schwer zu sagen, ob die altmodische Glühlampe aufflammte oder nicht.

Als ich die Leiter erklomm, wehte mich aus der Luke eine Woge stickiger Hitze an. Ich hielt einen Moment inne und lauschte dem nun noch lauteren Summen, aber es schwoll weder bedrohlich an noch änderte sich unheilvoll die Tonhöhe. Es blieb völlig unverändert. Ich fragte Mellissa, woher es kam.

»Drohnen«, sagte sie. »Die haben im Grunde zwei Aufgaben: die Königin poppen und den Stock auf konstanter Temperatur halten. Bewegen Sie sich ganz langsam, dann passiert Ihnen nichts.«

Ich kletterte hinauf in den dämmrigen Backofen. Gelegentlich flitzte eine Biene durch den Strahl der Taschenlampe, aber bei weitem nicht die Scharen, die ich befürchtet hatte. Ich richtete die Lampe aufs andere Ende des Speichers – und erblickte den Bienenstock. Er war gigantisch, ein Gebilde aus schlanken Säulen und kunstvoll geformten Simsen, das den halben Raum einnahm. Ein Wunder der Natur – und abgrundtief gruselig. Also, ich persönlich blieb genau so lange da, wie ich brauchte, um mich zu vergewissern, dass keine Kolonisten – oder Kinder – in die Wände eingesponnen waren, dann trat ich den geordneten Rückzug an.

Mit selbstzufriedener Miene begleitete Mellissa mich die Treppe hinunter bis nach draußen, weniger aus Höflichkeit als um sicherzugehen, dass ich auch tatsächlich verschwand. Als ich mein Auto erreichte, sah ich, dass die Bienenwolke an dem Baum sich unter einem der Hauptäste zu einer festen Masse zusammengezogen hatte. Erstaunlicherweise war sie mehr oder weniger eiförmig und schien an einem einzigen dünnen Faden von dem Ast zu hängen – genau wie die Bienenschwärme in Comics, die regelmäßig irgendwelchen bedauernswerten Tölpeln auf den Kopf fallen.

Ich fragte Mellissa, ob der Schwarm auf Dauer in den Baum umgezogen war.

Sie schnaubte. »Ach, die Königin muss nur mal wieder die Muskeln spielen lassen. Aber die kommt schon zurück, sie weiß ja, was gut für sie ist.«

»Wissen Sie etwas über die verschwundenen Mädchen?«

Ich glaubte vom Haus her eine Art dumpfes Pulsieren zu vernehmen – einen tiefen Summton, der anschwoll und wieder mit dem akustischen Hintergrund verschmolz.

»Nein, es sei denn, sie hätten hier mal Honig gekauft.«

»Behalten Sie den Honig nicht für sich?«

In der Nachmittagssonne glänzte der feine blonde Haarflaum auf ihren Armen und Schultern. »Unsinn. Wer braucht schon so viel Honig?«

Ich fuhr nicht sofort los. Stattdessen lehnte ich mich an den Kofferraum des Asbo, der im Schatten stand, und machte mir Notizen. Es ist immer gut, das sofort nach einer Befragung zu tun – erstens ist dann die Erinnerung noch frisch, zweitens ist es schon vorgekommen, dass die in Panik geratenen Verdächtigen in der Annahme, du seist längst weg, nach einiger Zeit verstohlen aus dem Haus geschlichen kamen, um belastendes Zeug zu entsorgen. Einschließlich (in einem berühmten Fall) einiger Leichenteile. Aber zuallererst sah ich nach, welche Frequenz der Polizeifunk West Mercia hatte, und stellte mein Airwave darauf ein, um nebenher die Operation verfolgen zu können.

Da viele Journalisten Zugang zu einem Airwave oder zu jemandem haben, der eines besitzt, kann bei brisanten Ermittlungen das Cop-Kauderwelsch ziemlich extrem werden. Niemand ist erpicht darauf, an einem Saure-Gurken-Tag in der Zeitung lesen zu müssen, was für einen taktlosen Humor er per Funk an den Tag gelegt hat – so was ist Gift für die Karriere. Während ich meine Notizen vervollständigte, konnte ich heraushören, wie die Situation sich zunehmend verschärfte. Zwar meldet sich die höchste Führungsebene nicht per Airwave zu Wort, aber inzwischen wurde schon Hilfe über das Police National Information Coordination Centre, kurz PNICC, angefordert – das gemeinhin »Panik« ausgesprochen wurde, insbesondere wenn man das Stadium erreicht hatte, in dem man es rufen musste.

Es war nicht mein Fall, und wenn ich mich noch ein klein bisschen weiter von meinem gewohnten Terrain entfernen musste, würde ich nicht mal mehr verstehen, was die Leute redeten, weil es Walisisch oder so was war. Wenn die Polizei von West Mercia meine Unterstützung brauchte, würde sie mir das schon durchs PNICC mitteilen – wobei, ich wusste nicht mal genau, was für eine Art Hilfe ich hätte sein können.

Aber man kann ja nicht einfach abhauen. Nicht wenn es um Kinder geht.

Ich rief Nightingale an und erklärte ihm, was ich vorhatte. Er hielt es für eine »famose Idee« und erklärte sich bereit, die nötigen Arrangements zu treffen.

Dann stieg ich in meinen Schmelzofen von Auto und stellte das Navi auf die Polizeistation Leominster ein.

Ganz kurz schien mir, als trüge der Wind über die Hügel einen Wutschrei zu mir heran, aber wahrscheinlich war es irgendwas Ländliches, ein Vogelträllern zum Beispiel.

Ja, sagte ich mir. Definitiv ein Vogel, was sonst.

2

Gegenseitige Unterstützung

Große Städte sind in der Regel an den Rändern dünn besiedelt. Nähert man sich von außen, kommen zunächst Einfamilienhäuser, dann Doppel- und Reihenhäuser, dann wachsen die Reihenhäuser ein paar Stockwerke in die Höhe, bis man schließlich den historischen Stadtkern erreicht – oder das, was Bomben und die Stadtplaner der Nachkriegszeit davon übrig gelassen haben. Ländliche Kleinstädte dagegen fangen so plötzlich an, dass man im einen Moment durch weite Felder fährt und im nächsten eine Ansammlung renovierter Stadtvillen der frühen Moderne vor sich hat. Und dann, ehe man überhaupt die Chance hat, herauszufinden, ob das da wirklich ein echtes Fachwerkhaus aus der Tudorzeit ist oder ein Produkt spätviktorianischer Nostalgie, ist man schon wieder zum anderen Ende aus dem Ort heraus, den hässlichen Backsteinklotz eines Einkaufszentrums im Rückspiegel.

Leominster (»Lemster« ausgesprochen, falls Sie das noch nicht wussten) war ein bisschen interessanter. Und ich hätte mir wahrscheinlich einen Moment Zeit genommen, den dortigen Marktplatz zu besichtigen, hätte das Navi mich nicht schwupps auf die Umgehungsstraße bugsiert, die genau das hielt, was der Name versprach. Erst als der Ort schon hinter mir lag, durfte ich endlich über eine Bahnbrücke einen Haken zurück schlagen und am nächsten Kreisverkehr in das verschlafene Gewerbegebiet abbiegen, in dem das Polizeirevier lag.

Ländliche Polizeistationen werden aus genau demselben Grund an den Ortsrand verlegt wie Supermärkte – wegen des großzügigen Platzangebots. Mein erstes richtiges Revier war Charing Cross gewesen, eines der größten Innenstadtreviere der Metropolitan Police. Dort kriegten wir mit Müh und Not unsere Einsatzwagen, Transporter, Zivilwagen und sonstigen Nutzfahrzeuge in die Tiefgarage, und jeder unter Polizeipräsidentenrang konnte von einem eigenen Stellplatz nur träumen. Leominster hingegen besaß zwei gesonderte Parkplätze, einen für Mitarbeiter und einen für Besucher. Und, wie ich später herausfand, sogar einen Hubschrauberlandeplatz. Das Gebäude selbst war ein dreistöckiges Ding aus rotem Backstein mit einem extravagant geschwungenen Ende. Dadurch wirkte es von der Seite wie ein lustiges Boot aus einem Kinderbuch, das es geschafft hat, kilometerweit vom Meer entfernt auf Grund zu laufen. Der Besucherparkplatz war vollgestopft mit mittelgroßen Kombis, Übertragungsvans und einem Haufen weißer Leute, die ziellos durcheinanderwimmelten – die berüchtigte Pressemeute. Ich warf nur einen Blick auf sie und fuhr um den Block zum Mitarbeiterparkplatz. Der Zaun drumherum war meiner Meinung nach lächerlich niedrig, leicht zu übersteigen für jeden, dem der Sinn danach stand, sich mit dem Beschädigen öffentlichen Eigentums zu amüsieren – Hubschrauberlandeplatz hin oder her, ich hielt nicht gerade vor Ehrfurcht den Atem an.

Ich fuhr vor das automatische Tor, beugte mich aus dem Fenster und drückte den Knopf der Sprechanlage auf dem Pfosten davor. Als am anderen Ende eine kratzige Stimme ertönte, nannte ich meinen Namen und hielt meinen Dienstausweis vor das Knopfauge der Kamera. Die Sprechanlage quäkte zustimmend, und das Tor rasselte auf. Für einen Polizeiparkplatz mangelte es ziemlich an Polizeifahrzeugen; nur zwei zivile Vauxhalls und ein etwas mitgenommener Rover 800 standen herum. Die Suche nach den Mädchen beanspruchte offenbar alle Kapazitäten.

Ich parkte ein Stück von der Einfahrt entfernt, damit der Asbo nicht von einem zurückkehrenden Van oder Häftlingstransporter in Mitleidenschaft gezogen wurde. Man sollte nie die Fähigkeit eines Polizeifahrers nach einer Zwölf-Stunden-Schicht unterschätzen, sich bei Abständen und Ecken zu verkalkulieren.

An der Hintertür erwartete mich ein junger Mann. Er war blond, hatte ein breites offenes Gesicht und blaue Augen. Sein Anzug sah maßgeschneidert aus – aber ganz sicher war ich nicht, denn er schien ihn in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht abgelegt zu haben. Er nahm gerade einen Schluck aus einer Flasche Evian, setzte sie aber ab, als ich mich näherte, reichte mir freundlich die Hand und stellte sich als DC Dominic Croft vor.

»Sie werden schon erwartet«, sagte er, aber nicht, von wem oder zu was.

Es war die sauberste Polizeistation, die ich je betreten hatte – es herrschte nicht einmal die charakteristische Geruchspatina von vielen Körpern, die lange Schichten in schwere Klamotten gezwängt absolvieren, wie man sie bei einer in Betrieb befindlichen Polizeistation erwartet – Eau de Stichschutzweste nannte Lesley das. Aber die Wände waren in genau dem gleichen Ton gehalten wie in Belgravia und einem halben Dutzend anderer mir bekannter Londoner Reviere. Wer diese spezielle Schattierung von Blassblau verkaufte, musste sich daran eine goldene Nase verdienen.

»Normalerweise ist hier fast gar nichts los«, erklärte Dominic. »Da ist nur die Sicherheitswacht hier stationiert.«

Er führte mich nach oben in die Büroetage. Hier war die schwächliche Klimaanlage mit der massiven Polizeipräsenz völlig überfordert. Als wir die Einsatzzentrale betraten, sahen ein paar Detectives auf, nickten Dominic zu und musterten mich kurz misstrauisch, ehe sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandten. Alle hier drin waren weiß, genau wie das Pressevolk draußen. Ich hatte den leisen Verdacht, dass mir mein Interkulturelles Training bei diesem Fall nicht viel nützen würde.

Eine Einsatzzentrale während einer großen Ermittlung ist selten ein Hort der Glückseligkeit, aber hier drin herrschte brütender Ingrimm, die Gesichter der Beamten waren verschwitzt und konzentriert. Vermisste Kinder gehören zu den schrecklichsten Fällen. Ich meine, natürlich ist auch Mord schrecklich, aber da hat das Opfer das Schlimmste bereits hinter sich – toter kann es nicht werden. Bei vermissten Kindern hingegen gibt es buchstäblich eine Deadline, und am quälendsten ist, dass niemand eine Ahnung hat, wann sie ablaufen wird – das weiß man dann erst, wenn es zu spät ist.

Dominic klopfte an eine Tür, die ein Metallschild mit der Aufschrift LERNBEREICH trug, öffnete sie, ohne eine Antwort abzuwarten, und trat hindurch. Ich folgte ihm in einen langen, schmalen Raum von der Sorte, die hauptsächlich deshalb existiert, weil der Architekt noch ein paar Quadratmeter Fläche übrig hatte und nicht wusste, wohin damit. Ein kleines Fenster stand den winzigen Spalt offen, den die Sicherheitsvorschriften zuließen, und ein Tischventilator rührte in der stickigen Luft. Eine Wand wurde von einem langen Schreibtisch eingenommen, und daran lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen ein athletischer weißer Mann in Inspector-Uniform. Dominic stellte ihn mir als Inspector Charles – definitiv nicht Charlie – Edmondson vor, den Gebietsleiter für Nord-Herefordshire. Das bedeutete, das hier war sein Territorium, und er wirkte nicht begeistert von meiner Anwesenheit darin. Auf dem bequemeren der beiden vorhandenen Stühle saß ein kleiner vierschrötiger Mann mit unverhältnismäßig langem, spitzem Gesicht – es sah aus, als hätte er es von jemandem geborgt, der deutlich größer und dünner war, und sich dann geweigert, es zurückzugeben. Das war Detective Chief Inspector David Windrow, der leitende Ermittler der gesamten Operation Manticore, sprich, der Suche nach Hannah Marstowe und Nicole Lacey. Er bedeutete mir, Platz zu nehmen. Ich gehorchte und setzte den ernsten und leicht unbedarften Gesichtsausdruck auf, der von einem schlichten Constable in einer solchen Situation erwartet wird.

»Sie waren«, sagte Windrow, »also in dienstlichen Angelegenheiten hier unterwegs.«

»Gebotene Sorgfalt, Sir.«

»Ja. Ich habe mit Ihrem Inspector gesprochen. Er sagte, es habe sich um eine Routineüberprüfung gehandelt.«

»Ja, Sir.«

»Und dass Sie sich bereiterklärt haben, vorerst hierzubleiben und mit anzupacken.«

»Ja, Sir.«

»Und zwar ohne Bezug auf irgendetwas …« Er zögerte. »Falcon-artiges.«

Bei der Polizei führen Funkkennungen ein wahlloses Eigenleben als Substantive, Adjektive und bei besonderen Anlässen auch als Kraftausdruck. Trojan ist die Schusswaffenkommission, Ranger die Diplomatische und Personenschutzpolizei, und Falcon ist das, was ein gewisser mir bekannter DCI als »abstrusen Scheiß« bezeichnet. Die Funkkennung »Falcon« ist seit den siebziger Jahren in Gebrauch, taucht aber erst in den letzten zwei Jahren häufiger im Funkverkehr auf. Je nachdem, in welcher Kantine man zu Mittag isst, kündet dies vom heraufziehenden Zeitalter des Wassermanns, vom Ende der Welt oder davon, dass dem Folly seit neuestem zumindest ein Beamter angehört, der weiß, wie man mit einem Airwave umgeht.

Inspector Edmondson entschränkte seine Arme und seufzte. »Sie haben keine weiteren Falcon-Ermittlungen vor?«

»Nein, Sir. Ich möchte nur generell meine Hilfe anbieten.«

»Haben Sie«, fragte Windrow, »Erfahrung in irgendwas außer dem Offensichtlichen?«

»Die übliche Polizeiarbeit, Großeinsatztraining, ein bisschen Verhörpraxis, und ich habe eine Taser-Zulassung.«

»Was ist mit Angehörigenbetreuung?«

»Ich war schon dabei.«

»Glauben Sie, Sie könnten einen erfahrenen AB-Officer unterstützen?«

Ich sagte, das könne ich sicher. Windrow und Edmondson wechselten einen Blick. Edmondson sah nicht sehr erfreut aus, aber dann nickte er. Beide wandten sich mir zu. »Gut, Peter«, sagte Windrow. »Dann agieren Sie ab sofort als zweiter AB-Officer bei einer der Familien, den Marstowes. So können wir Richard, der das momentan macht, wieder der Suche zuteilen.«

»Er ist Fahndungsspezialist«, warf Edmondson zur Erklärung ein.

»Wenn es was nützt«, sagte ich.

»Wir versuchen momentan, die Leute wenn möglich mehrfach einzusetzen«, erklärte Windrow. »Wir pfeifen aus dem letzten Loch.«

Nur gut, dass die Schafe hier so gesetzestreu sind, dachte ich, sprach es aber nicht aus. Schließlich hatte ich ja mein Interkulturelles Training absolviert.

»Wahrscheinlich müssen wir Ihnen das nicht sagen, aber halten Sie sich von den Medien fern«, sagte Edmondson. »Das geht alles über unseren Pressebeauftragten.«

»Wenn jemand von der Bande Sie anspricht, verweisen Sie ihn auf den, kapiert?«, fügte Windrow hinzu.

Ich versuchte durch eifriges Nicken auszudrücken, dass meine polizeiliche Erfahrung selbstverständlich auch das Abblitzenlassen aufdringlicher Pressehyänen mit einschloss. Wir klärten noch ein paar Formalitäten, dann wurde ich in die Obhut von DS Dominic Croft entlassen, der mich nach Rushpool bringen sollte.

Da Dominic ein Mensch und kein Navi war, leitete er mich durchs Ortszentrum, das eines jener vollkommen überflüssigen Einbahnstraßensysteme sein Eigen nannte, wie sie bei einer bestimmten Generation von Stadtplanern so beliebt waren. Die Stadt bestand vornehmlich aus viktorianischen und Regency-Stadthäusern, die sich an den schmalen Bürgersteigen drängten, gelegentlich unterbrochen durch eine Fachwerk-Kuriosität aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Es gelang Dominic, die unvermeidliche Frage zurückzuhalten, bis wir draußen auf dem freien Land waren.

»Also gibt es wirklich Magie und Geister?«

Inzwischen hatte ich darauf eine Routineantwort parat. »Es gibt Dinge, die die Grenzen der normalen Polizeiarbeit überschreiten.« Nach meiner Erfahrung gibt es zwei Sorten Polizisten. Diejenigen, die lieber gar nicht mehr wissen wollen, und die anderen. Leider ist »sich mit Dingen befassen, von denen man lieber gar nichts wissen will« praktisch die Definition von Polizeiarbeit.

»Also: ja«, sagte Dominic.

»Natürlich gibt’s abstrusen Scheiß«, bestätigte ich. »Und wir sind die, die sich darum kümmern, aber meistens findet sich dafür eine völlig rationale Erklärung.« Nämlich in der Regel schlicht die, dass ein Magier dahintersteckte.

»Und Außerirdische?«, fragte er.

Gepriesen seien die Außerirdischen, dachte ich, die das Ganze seit 1947 noch verworrener machen. Einmal hatte ich Nightingale danach gefragt. Er hatte geantwortet: »Noch nicht.« Ich vermutete, dass, sollten jemals welche auftauchen, sie in unseren Zuständigkeitsbereich fallen würden. Weil wir ja bisher so unausgelastet sind.

»Nicht das ich wüsste.«

»Sie schließen es also nicht aus?«

Wir hatten beide die Fenster ganz heruntergedreht, um so viel Fahrtwind wie möglich abzubekommen.

»Glauben Sie denn an Außerirdische?«, fragte ich zurück.

»Warum nicht? Sie nicht?«

»Das Universum ist groß. Ganz leer wird es wohl kaum sein, oder?«

»Also glauben Sie an Außerirdische«, schloss er.

»Schon. Aber nicht daran, dass sie uns besuchen kommen.«

»Nein? Warum nicht?«

»Warum sollten sie sich die Mühe machen?«

Wir fuhren durch ein langgestrecktes Dorf, das Dominic als Luston identifizierte. Dahinter verengte sich die Straße, und dichte grüne Hecken versperrten zu beiden Seiten die Sicht.

»Glauben Sie, sie wurden gekidnappt? Wegen Lösegeld?«, sagte ich schnell, bevor er mir noch mehr unangenehme Fragen stellen konnte.

»Aus zwei verschiedenen Familien? Unwahrscheinlich. Eher hat man sie fortgelockt.«

»Internetanmache?«

»Auf ihren Computern ist nichts. Zumindest weiß ich nichts davon.«

»Also jemand, den sie kannten? Oder den sie hier kennengelernt haben?«

»Ist zu hoffen.«

Denn wenn es jemand aus der Nähe ist, besteht meistens irgendeine Verbindung. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die von der Ermittlung ans Tageslicht gebracht wird. Im Soham-Fall stand Ian Huntley, der Mörder, von dem Moment an im Visier der Ermittler, als er zugab, dass er die Opfer als Letzter lebend gesehen hatte. Ohne eine greifbare Verbindung lief es im Wesentlichen auf die Hoffnung hinaus, dass die Mädchen von irgendwem gesehen wurden oder von allein wieder nach Hause kamen. Oder dass sie im Rahmen der sich stetig erweiternden Suchaktion gefunden wurden – aber daran wollte man lieber nicht denken.

Dominic fragte, wo ich übernachten würde, und ich fragte zurück, was es im Dorf für Möglichkeiten gäbe.

»Heute? Gar keine. Alles voll mit Journalisten.«

»Mist. Haben Sie eine Idee?«

»Sie können im Kuhstall meiner Mum wohnen.«

»Im Kuhstall?«

»Keine Sorge. Es sind keine Kühe drin.«

Ich hätte das gern noch etwas genauer geklärt, aber als ich um die nächste Ecke bog, musste ich abrupt bremsen, weil ein weißer Übertragungsvan direkt vor mir versuchte, sich in die Parklücke zwischen einem Range Rover und einem schmuddelig wirkenden rotbraunen Polo zu zwängen. Ich schob mich langsam zu der Y-Kreuzung voran, die den Ortskern bildete. Allerdings waren die Häuser vor lauter Pressewagen kaum zu sehen.

»Sperrt die Schafe ein, der Zirkus kommt«, murmelte Dominic und wies mich an, nach links in ein Sträßchen hangaufwärts abzubiegen. »Da ist übrigens die Kirche. Das Pfarrhaus ist das hier links, und der Pub dort hinten, wo wir herkommen.«

Im Dorf lag zwar kein Müll auf den Straßen, aber etwas ungepflegt wirkte es trotzdem – langes gelbes Gras entlang der Gartenzäune, Büsche, deren Zweige über die Straße ragten, von weiß blühendem Unkraut überwucherte Straßenböschungen. Die dichten Kronen der Bäume vor der Kirche bildeten ein Dach über der Straße, darunter war die Luft unerträglich stickig und es roch nach überhitzten Autos. Wir schlängelten uns zwischen noch mehr Pressewagen durch. Ich erkundigte mich, wo eigentlich die Presse selbst steckte.

»Wenn ich die Erfahrungen der letzten Tage zugrundelege, sitzen die leitenden Reporter im Pub, die Fotografen lauern vor den Häusern der Familien, und die Nachwuchsreporter ziehen durchs Dorf und versuchen die Einwohner zu irgendwelchen verwendbaren Äußerungen zu bewegen.«

»Und wo parken wir?«

»Bei meiner Mum. Von dort aus können wir laufen.«

Dominics Mum wohnte am nördlichen Dorfende im hintersten einer Reihe ehemaliger Sozialwohnhäuser aus Backstein, die inzwischen alle in Privatbesitz waren. Ihr Haus war der einzige Bungalow und lag ein Stück zurückgesetzt; davor befanden sich die gekieste Einfahrt und ein Vorgartenrasen, der dringend gemäht werden musste. Nach Dominics Anweisungen parkte ich neben der Hintertür und nahm auch gleich meine Sachen mit.

»Die laden wir im Kuhstall ab und gehen dann rüber zum Gemeindesaal«, sagte er.

Der Kuhstall war ein solider rechteckiger Flachdachbau aus sandfarbenem Backstein. Er stand ganz hinten in dem großen, verwilderten Garten, an den sich hinter einem Stacheldrahtzaun eine seltsam bucklige Wiesenfläche anschloss, die ansonsten von einer alten Steinmauer umgrenzt wurde. Das Gebäude wirkte eher wie eine größere Garage als wie ein Kuhstall. Die Rückseite hatte eine breite Glasfront aufs Feld hinaus. Dominic öffnete die Terrassentür, und wir betraten einen möblierten Raum mit Bett, Schreibtisch, Flachbildfernseher und einer abgetrennten Ecke, in der sich vermutlich Dusche und WC befanden.

»Eure Kühe haben’s aber gut«, sagte ich.

»Dafür sind wir bekannt«, sagte Dominic.

Hier drin war es auch nicht weniger heiß als in einem verschlossenen Auto, also warf ich schnell meine Sachen aufs Bett und floh wieder nach draußen. Dominic schloss ab und gab mir den Schlüssel, aber statt zur Einfahrt wandte er sich zum Zaun, wo ein paar graue Plastikkisten und ein Traktorreifen zu einem wackeligen Überstieg aufgeschichtet waren. »Meine Mum war der festen Überzeugung, für landwirtschaftliche Gebäude bräuchte man keine Baugenehmigung«, sagte er, während er den Zaun mit geübter Leichtigkeit überkletterte. »Sie wollte es als Bed and Breakfast vermieten.«

Ich folgte ihm mit Vorsicht. Ich wollte nicht schon zu meiner ersten Einsatzbesprechung mit zerrissener Jeans erscheinen. »Und, stimmt das mit der Baugenehmigung?«

»Man sollte dazu wohl auch Landwirt sein«, sagte Dominic. »Sie sind der erste Gast.«

Ich folgte Dominic die Steinmauer am Rand der Weide entlang. Dahinter musste sich die heckengesäumte Landstraße befinden. Man hörte die Autos, aber zu sehen waren sie überhaupt nicht. Meine erste Ahnung bestätigte sich: In einer solchen Landschaft nach vermissten Kindern zu suchen musste ein Albtraum sein.