Fintechs -  - E-Book

Fintechs E-Book

0,0

Beschreibung

Die Bankenbranche ist getrieben vom digitalen Wandel. Fintech-Unternehmen drängen mit innovativen Geschäftsideen auf den Markt, z.B.: - Alternative Bezahlverfahren - Blockchain-Technologie - Crowdfunding - Automatisierte Finanzportfolioverwaltung - Plattformen zur automatisierten Anlageberatung Das Fachbuch befasst sich mit den rechtlichen Grundlagen von Fintechs. Darüber hinaus werden angrenzende Rechtsthemen wie Datenschutz, IT, Geldwäsche, Marktmissbrauch und Aufsichtsrecht beleuchtet und die rechtliche Bewertung einzelner Fintechs erläutert.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 759

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



[9]Inhaltsverzeichnis

Hinweis zum UrheberrechtImpressumVorwortDigitalisierung im europäischen Dienstleistungssektor – die Grundlage von FintechÜberblick über die derzeit bestehende zivil- und aufsichtsrechtliche Normierung von Fintechs Europarechtliche Aspekte von Fintechs Verbot virtueller Währungen?Strafrechtliche Aspekte der Fintech Marktmissbrauchsrecht und Fintechs Steuerliche Aspekte von »Initial coin offerings«Rechtliche Aspekte von Bezahlsystemen Rechtliche Aspekte des Crowdinvesting Rechtliche Aspekte des Crowdfundings Social-Trading und Copy-TradingRobo-Advice in der Anlageberatung für PrivatkundenSteuerrechtliche Aspekte von BitcoinsKryptoassets in der kollektiven AnlageverwaltungFintechs in der Unternehmensgründung (Start-up-Unternehmen)Emission, Verwahrung und Übertragung von Wertpapieren durch Blockchain-Technologie Martin SchulteEinsatz von Insurtech in VersicherungenDas behördliche Aufsichtsverfahren und der gerichtliche RechtsschutzRegulatory SandboxStichwortverzeichnis
[1]

Hinweis zum Urheberrecht

Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft - Steuern - Recht GmbH

[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Print:

ISBN 978-3-7910-4595-5

Bestell-Nr. 10341-0001

ePub:

ISBN 978-3-7910-4596-2

Bestell-Nr. 10341-0100

ePDF:

ISBN 978-3-7910-4597-9

Bestell-Nr. 10341-0150

Dieter Krimphove (Hrsg.)

Fintechs – Rechtliche Grundlagen moderner Finanztechnologien

1. Auflage 2019

© 2019 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH

www.schaeffer-poeschel.de

[email protected]

Bildnachweis (Cover): © Lukasz Stefanski, shutterstock

Produktmanagement: Marita Mollenhauer

Lektorat: Jana Hartlaub

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.

[5]Vorwort

Warum ein Buch über Rechtsfragen der Fintechs?

Publikationen zum Thema »Fintechs« – oder über die in der Versicherungswirtschaft als Insurtechs, in der Vermögensverwaltung als Wealthtech und im Zahlungsverkehr als Paytech bezeichneten Technologien – gibt es mehr als genug. Zudem genügt auch hier – wie so oft –ein Blick ins Internet, um fündig zu werden.

Die Besonderheit und ihr Alleinstellungsmerkmal vorliegender Veröffentlichung gegenüber dem bisher bekannten Literaturangebot liegt in der Darstellung moderner Finanztechnologien, eben den Fintechs, im Zusammenhang mit deren rechtlichen Grenzen und Möglichkeiten.

Dieser inhaltliche Bezug scheint bereits in der aktuell verstärkten Auseinandersetzung mit dem Phänomen des sog. Legal Techs (Krimphove/Niehaus 2018, S. 249 ff.) vorgezeichnet; jedoch sind Legal Techs etwas anderes und von Fintechs zu unterscheidenden: Während Legal Techs bisher bekannte juristische Arbeitsschritte mit Hilfe des in den letzten 20 Jahren stark angestiegenen Potentials elektronischer Datenverarbeitung (siehe: Legal Tech Blog (2016), automatisieren und unterstützen, stellen Financial Technologies (die sog. Fintechs) computertechnisch unterstütze Finanzdienstleistungen dar, welche die Beschaffung von Kapital – im Internet – ermöglichen. Fintechs fehlt damit – per definitionem – ihre Relation zum Recht.

Dennoch stehen Fintechs – wie Algo-Trading, Amazon Pay, Auto-Trading, Bitcoins, Copy-Trading, Crowdfunding, Crowdlending, Crowdinvesting, Ether, Flash-Trading, Kryptowährung, Paydirekt, PayPal, Paytech, Peer-to-Peer-Insurance, Peer-to-Peer-Kredit, Robo-Advisory, Sozial-Trading, Wealthtech u.v.a.m. (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria: (2017)) – nicht isoliert im rechtsfreien Raum oder jenseits des juristischen, rechtspraktischen und/oder rechtspolitischen Interesses. Wie andere Phänomene zeigen Fintechs – oder wie sie im Versicherungswesen genannt werden, Insurtechs – soziale Wirkungen, die sich an den Rechtsstandards eines Wirtschafts- und Rechtssystems zu orientieren haben und an ihnen gemessen werden. Beispielsweise bringen Fintechs auf unterschiedliche Weise Nachfrager und Anbieter zusammen. Sie koordinieren deren Wirtschaftsverhalten, tragen in Sekundenbruchteilen zu diversen Vertragsschlüssen bei, transferieren Eigentum bzw. Geld und gewährleisten so nicht nur das Entstehen von vertraglichen Verpflichtungen, sondern auch die Erfüllung von Verträgen in »Echt-Zeit«. Damit werfen Fintechs Fragen nicht nur des Allgemeinen Schuldrechts, des Kauf-, Schenkungs- bzw. des Eigentumserwerbs- und Erfüllungsrechts, sondern auch des Kartell-, Gesellschafts-, aber auch des Währungs-, Wertpapier-, des Finanz- bzw. des Finanzaufsichtsrechts sowie des Rechts des Geistigen Eigentumsschutzes und des Medien- wie des Datenschutzrechtes und auch des Steuer- und Arbeitsrechts auf. Die möglichen Auswirkungen dieser neuen Finanztechnologien reichen sogar ins Staats-, Straf- und Ordnungsrecht. Da Fintechs sich der weltweit zugänglichen Internet-Technologie bedienen und eine Vielzahl von Nutzern auf nationalen wie auf grenzüber[6]schreitenden, internationalen Märkten ansprechen, berühren Fintechs nicht nur Problemstellungen nationaler Märkte nationaler Rechtordnungen, sondern ebenso die des Europarechts oder des Internationalen Privatrechts (IPR).

Dieser komplexen Vielfalt der Rechtsfragen von Fintechs widmet sich der vorliegende Band. Er unternimmt damit – erstmals im deutschen Sprachraum – die Aufgabe, das »Recht der Fintechs« praxisnah wie umfassend darzustellen, um so für den internationalen, europäischen oder nationalen Gesetzgeber, Industrie- und Arbeitnehmerverbände sowie gesellschaftliche Entscheidungsträger Anregungen zur Steuerung ihres Umgangs mit Fintechs anzubieten. Aber auch die Rechtsprechung und die Aufsichtsverwaltungen im In- und Ausland sollen einen nachhaltigen Überblick über das Phänomen »Fintechs« bzw. »Insurtechs« erhalten, um in Konfliktfällen die hier angebotenen Ergebnisse bzw. Argumentationsmuster und Zusammenhänge argumentativ nutzen zu können. Schließlich dient dieses Werk allen Studierenden und Wissenschaftlern, insbesondere wirtschaftswissenschaftlicher wie juristischer und sozialwissenschaftlicher Disziplinen, ihren aktuellen Zugang zu dem faszinierenden und neuen Forschungsgebiet »Fintech und/oder der Insurtechs« zu entdecken.

Einen für den Herausgeber weiteren und besonders drängenden Anlass, dieses Buch zu veröffentlichen, möchte ich an dieser Stelle nicht verschweigen. Dieser besteht zum einen in der derzeitigen (partiellen) Unkenntnis zahlreicher Fintech-Anbieter in die rechtliche Bedeutung von Fintechs sowie in dem entsprechenden flehenden Problembewusstsein der rechtlichen Qualität von Fintechs. Fragen bei meinen Recherchen und meiner Autorensuche bei zahlreichen Verbänden, Banken und Versicherungen wie »Was hat denn Fintech mit Recht zu tun?«, Bei uns gehen Fintechs nur über die EDV-Abteilung« oder »Fintechs waren bei uns nie Anlass für Rechts oder Compliance-Fragen« machen bemerkenswert deutlich, wie nötig das vorliegende Werk ist. Erschreckt haben mich in diesem Zusammenhang die zahlreichen Absagen potentieller Autoren der Aufsichtsorganisationen und Verbände. Obschon diese ihre Nicht-Beteiligung an diesem Werk häufig mit starker Arbeitsüberlastung begründen, haben ihre Absagen die Ursache in der Verzagtheit, Furchtsamkeit, Unsicherheit und auch dem Argwohn, sich zu einem, sich im Entstehen befindlichen Rechtsgebiet, verbindlich und belastbar zu äußern. Eine solche Kleinmütigkeit ist aus Sicht autoritär organisierter Interessensverbände und Behörden verstehbar, kommt aber deren Funktion nicht nach. Gerade staatliche Aufsichtsbehörden ignorieren die Gelegenheit, sich frühzeitig in eine Diskussion um die Regulierung und Reglementierung von Fintechs einzuschalten und/oder gar ihre Vorgehensweise transparent zu machen.

Umso erleichterter bin ich, für das vorliegende Werk Autoren geworben zu haben, die nicht nur sachkundig über die Rechtsaspekte einzelner Fintechs berichten, sondern die auch, entsprechend ihrer beruflichen Provenienz, den Einsatz von Fintechs in der Praxis kennen und juristisch/ökonomisch beurteilen können. Gerade diese »interdisziplinäre Dimension« eröffnet – neben der fachkundigen verlässlichen und belastbaren Information – die weitere Funktion [7]des vorliegenden Buches, Forum der Diskussion und nachhaltiger Anregungen insbesondere für Gesetzgeber, Rechtsprechung, Aufsichtsverwaltung zu sein.

In diesem Sinne, und um eine Vielgestaltigkeit der Problematik nachzuspüren, gliedert sich das Werk in mehrere Teile:

Das erste Kapitel gewährt einen Überblick über die wirtschaftliche rechtliche und soziale Bedeutung der Fintechs. Es berichtet über die Erscheinungs- und vielfältigen Einsatzformen der Fintechs ebenso wie über Ihre soziale, wirtschaftliche Wirkung im europäischen Wirtschaftsraum. Hierbei stehen auch der europarechtliche Bezug zur Bewertung der künftigen Rechtslage und die Darstellung der europäischen Rechtsetzungsinitiativen im Fokus. Eine Hauptanforderung an die Rechtsentwicklung stellt in diesem Zusammenhang die Europäisierung des Aufsichtsrechts, aber auch die Notwendigkeit der Anwendung privaten wie ausländischen Rechts dar.

Kapitel zwei setzt sich mit den verfassungsrechtlichen, strafrechtlichen, marktmissbrauchsrechtlichen Aspekten des Einsatzes von Fintechs auseinander, während sich das Kapitel drei der Beleuchtung einzelner, spezieller Fintechs bzw. deren spezialrechtlicher Aspekte widmet.

Das Kapitel vier beleuchtet den Einsatz von Fintechs bzw. Insurtechs in den ausgewählten Wirtschaftszweigen der Industrie, des Handels und der Finanzdienstleistungen.

Abschließend fokussiert Kapitel fünf den Prozess der bisherigen Fintech-Aufsicht und stellt ihm ein neues aufsichtsrechtliches Verfahren gegenüber.

Dem Leser sei mit dieser Gesamtschau nicht nur eine Einführung in die komplexe Thematik der Fintechs und ihrer Rechtsaspekte, sondern auch in jene detailreiche Dokumentation des Themas in allen seinen Aspekten gewährt, deren Aussagequalität es ihm neben dem juristischen zuverlässigen Umgang mit Fintechs auch erlaubt, künftige Rechtsentwicklungen auf diesem Rechtsgebiet sicher zu prognostizieren und zuverlässig zu bearbeiten.

Münster, Juni 2019

Dieter Krimphove

[11]Digitalisierung im europäischen Dienstleistungssektor – die Grundlage von Fintech

Irene Mandl*

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Strukturelle Entwicklungen im europäischen Dienstleistungsbereich

2.1 Restrukturierung durch Digitalisierung

2.2 Auswirkungen auf die Beschäftigung

3 Blockchain – ein Anwendungsbeispiel für Fintech

3.1 Definition, Charakteristika und Entwicklungsstand

3.2 Treibende und hemmende Faktoren für die Anwendung von Blockchain

3.3 Anwendung von Blockchain im Dienstleistungsbereich

3.4 Erwartete Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt

4 Abschließende Betrachtungen

[13]1 Einleitung

Digitalisierung und technologischer Fortschritt werden generell als einer der »Megatrends« betrachtet, die die wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Entwicklung in Europa – und darüber hinaus – prägen. Wenngleich dieser Trend keine Neuheit ist, hat er in den letzten Jahren dadurch an Bedeutung gewonnen, dass technologische Innovationen vielfach umfassender eingesetzt werden können. Dadurch haben sie Auswirkungen auf die meisten Wirtschaftsbereiche, führen zu einer allgemeinen Beschleunigung des technologischen Wandels (vielfach als »digitale Revolution« bezeichnet) und erfordern eine Anpassung unserer Arbeitsweisen und Arbeitsorganisation, Lebensgewohnheiten sowie der gegenwärtigen Institutionen und Regelungen (Eurofound 2018a; 2018b).

Die technologischen Entwicklungen – nicht zuletzt die steigende Nutzung des Internet und damit verbundener Technologien – können sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft haben. Da einige dieser Innovationen allerdings jung, bislang wenig verbreitet, dabei aber »game-changing« sind (d.h. es wird erwartet, dass sie substanzielle – disruptive – Änderungen im Produktions- und Dienstleistungsprozess und/oder im »gesellschaftlichen Miteinander« mit sich bringen), ist es zum aktuellen Zeitpunkt schwierig, ihre Implikationen umfassend abzuschätzen (Eurofound 2018a). Die Entwicklung eines besseren Verständnisses für diese Technologien ist somit eine notwendige Voraussetzung für die Politik, die gegenwärtigen Strukturen und Regelwerke auf ihre Zukunftstauglichkeit zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

Dabei sollte berücksichtigt werden, dass unterschiedliche Technologien unterschiedliche Auswirkungen haben können und selbst die gleiche Technologie verschiedene Implikationen in spezifischen Wirtschaftsbereichen haben kann. Eine differenzierte Betrachtung, Analyse und Diskussion ist somit empfehlenswert. Während vielfach diskutiert wird, wie die neuen Technologien die Sachgüterproduktion beeinflussen könnte, hat der Dienstleistungsbereich in diesem Zusammenhang bislang noch wenig Aufmerksamkeit erhalten. Da davon auszugehen ist, dass sich der technologische Wandel auch auf diesen Wirtschaftsbereich auswirken wird und der Dienstleistungssektor für die europäische Wirtschaftsentwicklung von steigender Bedeutung ist, wird ein besseres Verständnis der Auswirkung der Digitalisierung auf die Erbringung von Dienstleistungen in Zukunft wesentlich dazu beitragen, ob es uns gelingt, die den Technologien inhärenten Vorteile für Wirtschaft und Gesellschaft zu realisieren (Eurofound 2018a).

Dieser Artikel zielt darauf ab, zur Schließung dieser Wissenslücke beizutragen. Um der o.a. Forderung nach spezifischer Diskussion Genüge zu tun, wird dabei auf den Fintech-Bereich fokussiert. Fintech umfasst dabei jene Technologien, die durch Nutzung elektronischer Datenverarbeitung die Beschaffung und Administration von Kapital bzw. Kapitalflüssen im virtuellen Raum ermöglichen. Während somit die Technologie im Mittelpunkt der Betrachtung steht, wird im ersten Abschnitt des Artikels eine sektorale bzw. berufsgruppenspezifische Analyse durch[14]geführt, um exemplarisch aufzuzeigen, wie Digitalisierung den strukturellen Wandel bzw. die Arbeitsinhalte bestimmter Berufsgruppen beeinflusst.

Der zweite Abschnitt des Artikels beschäftigt sich mit einer spezifischen Technologie – Blockchain – die als »game-changing« für den Fintech-Bereich angesehen werden kann. Die Analyse gibt einen kurzen Überblick über den aktuellen Stand der Entwicklung und Anwendung dieser Technologie sowie erste Indikationen der potenziellen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.

2 Strukturelle Entwicklungen im europäischen Dienstleistungsbereich

2.1 Restrukturierung durch Digitalisierung

Europa ist von einer Tertiärisierung der Wirtschaft gekennzeichnet, d.h. einer steigenden Bedeutung des Dienstleistungsbereichs und einer sinkenden Bedeutung der Sachgüterproduktion und der Landwirtschaft. Der Dienstleistungssektor ist mittlerweile für mehr als 70% der Beschäftigung sowie des Bruttonationalprodukts und der Wertschöpfung, und etwa 90% der Arbeitsplatzschaffung verantwortlich (Eurofound 2018c, 2019; Stewart et al. 2019). Innerhalb Europas ist die relative Bedeutung des Dienstleistungssektors insbesondere in Luxemburg, Zypern, Malta, Griechenland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Portugal, Dänemark und Spanien hervorzuheben (Anteil von mindestens 75% an der Wertschöpfung) (Stewart et al. 2019).

Die steigende Bedeutung des Dienstleistungssektors kann u.a. auch auf dessen wachsende Innovationsfähigkeit zurückgeführt werden. Uppenberg und Strauss (2019) nennen drei Faktoren, die für diese Entwicklung maßgeblich sind: Investitionen in Infrastruktur (Gebäude, aber auch Informations- und Kommunikationstechnologie), immaterielles Kapital (z.B. neue Organisationsstrukturen, Geschäftsmodelle und Serviceprodukte) und Innovationen im Umgang mit Kunden, Lieferanten und Konkurrenten.

Jüngste Entwicklungen in einigen Dienstleistungsbereichen (z.B. Online-Kurse im Bildungsbereich, Telemedizin oder Haushaltsroboter im Gesundheitsbereich, fahrerloser Transport) deuten darauf hin, dass die Anwendung moderner Technologien die Dienstleistungserbringung, die bislang stark humanzentriert war, in Zukunft revolutionieren könnten (Eurofound 2017).

Eurofound’s Europäischer Restrukturierungsmonitor (European Restructuring Monitor, ERM) illustriert auf Basis von großen Restrukturierungsfällen (mindestens 100 angekündigte Arbeits[15]platzverluste oder –schaffungen) innerhalb Europas, dass Digitalisierung einer der treibenden Faktoren für den strukturellen Wandel in der europäischen Wirtschaft ist (Eurofound 2019). Die meisten jener Restrukturierungsfälle, die mit Arbeitsplatzschaffung verbunden sind, weisen einen starken Bezug zu Digitalisierung auf.

Beispiele für Restrukturierung durch Digitalisierung im europäischen Dienstleistungssektor

Im Jahr 2018 kündigte Thales, eines der führenden französischen Unternehmen im Bereich sicherer Kommunikationssysteme an, weltweit 5.000 MitarbeiterInnen zu rekrutieren. Das Unternehmen sucht in erster Linie nach IngenieurInnen und ForschungsleiterInnen und plant die Expansion seines Artificial Intelligence Teams von 150 auf 180 MitarbeiterInnen. Auf Grund der steigenden Bedrohung durch Cyberattacken realisiert das Unternehmen steigende Nachfrage nach seinem Cybersecurity-Geschäftsbereich, der weltweit mit 400 Spezialisten aufgestockt werden soll.

Im Gesundheitsbereich hat das französisch-deutsche Start-up Doctolib angekündigt, mindestens 400 neue MitarbeiterInnen anzustellen. Das Unternehmen hat eine Online-Terminvereinbarungsplattform für ÄrztInnen entwickelt, die mittlerweile 20 Millionen Patientenbesuche pro Monat verzeichnet.

Im Gegensatz zu diesen positiven Beispielen hat Vodafon im September 2018 angekündigt, 1.700 Arbeitsplätze in Ägypten, Indien und Rumänien abzubauen. Dies betrifft in erster Linie Back-Office-Funktionen, die durch Roboter/Automatisierung ersetzt werden sollen.

Quelle: Eurofound 2019

Der Finanzdienstleistungssektor ist in der letzten Dekade von einer umfassenden Transformation gekennzeichnet (Eurofound 2019; Dietz et al. 2018). Während diese ursprünglich auf die globale Wirtschaftskrise zurückzuführen war, wird sie in den letzten Jahren in erster Linie durch den Druck zu Digitalisierung begründet. CBI Insights/McKinsey analytics weisen z.B. darauf hin, dass die weltweiten Fintech Investitionen von rd. $ 1,8 Milliarden im Jahr 2011 auf rd. $ 14,9 Milliarden im Jahr 2017 gestiegen sind (Galvin et al. 2018). Neue, digitale Anbieter (z.B. im Bereich der Plattformwirtschaft) betreten in zunehmendem Ausmaß den Markt, bzw. werden traditionelle Dienstleistungsangebote durch digitale ersetzt, wodurch sich die Kundenbeziehungen ändern und die Gewinnspannen sinken (Dietz et al. 2018). Die digitalen Anbieter profitieren nicht nur davon, dass sie Daten effektiv und effizient nutzen, sondern verzeichnen auch deutliche Erfolge darin, den KundInnen bessere Vorteile zu bieten (z.B. Kostenreduktion, bequemere Abwicklung) als traditionelle Organisationen. Die Restrukturierung dieses Sektors kann als »kreative Zerstörung« betrachtet werden, in der manche traditionelle Jobprofile durch neue ersetzt werden, die einen stärkeren Fokus auf digitale Kompetenzen haben.

[16]Restrukturierung der Lloyds Bankengruppe im Vereinigten Königreich

Die britische Bankengruppe Lloyds kündigte im Jahr 2018 die Freisetzung von über 6.000 MitarbeiterInnen an, während gleichzeitig rd. 8.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. Das Unternehmen plant Investitionen im Ausmaß von mehr als EUR 3 Milliarden in Technologien und MitarbeiterInnen, um seine digitalen Dienstleistungen zu verbessern. Diese Tendenz kann generell bei den weltweit größten Bankunternehmen beobachtet werden, die von steigenden Online-Geschäften und sinkendem »physischen« Kundenverkehr gekennzeichnet sind. Zwischen 2008 und 2017 sank die Zahl der Bankfilialen innerhalb der EU um rd. ein Viertel, von rd. 237.000 auf 183.000. Etwa 60% der KundInnen von Lloyds nutzen manchmal oder ausschließlich online Bankdienste. Lloyds hat viele seiner Filialen »geschrumpft«. In einigen sind nun noch zwei MitarbeiterInnen tätig, die – ausgestattet mit mobilen Tablets – den KundInnen bei ihren Transaktionen helfen.

Lloyds beabsichtigt, 75% der neuen Positionen mit bestehendem Personal zu besetzen, die dafür umfassende Weiterbildungsmaßnahmen durchlaufen sollen. SpezialistInnen, wie DatenwissenschaftlerInnen oder SoftwareingenieurInnen, sollen extern rekrutiert werden.

Quelle: Eurofound 2019; Tzortzakis 2018

Neben dem Finanzbereich ist auch der Handel von spezifischer Bedeutung bei der Diskussion von Fintech. Ähnlich wie bei den Finanzdienstleistungen zeigt sich ein deutlicher Trend zum Online Handel. In 2018 haben fast 268 Millionen europäischer KonsumentInnen Online-Käufe im Ausmaß von EUR 198 Milliarden getätigt (PostNord 2018). Dies entspricht einer Steigerung um 9,4% gegenüber 2017. Große und globale Anbieter, wie Amazon, diversifizieren zunehmend, und dies nicht nur, was ihr Handelsportfolio betrifft, sondern auch in andere Wirtschaftsbereiche (z.B. Medien und Unterhaltung, Web Services wie Cloud Computing, Logistik oder Finanzdienstleistungen) (Eurofound 2019). Dies könnte umfassende Auswirkungen auf die traditionellen Anbieter in diesen Sektoren haben. So zeigt sich z.B., dass im Jahr 2018 alleine im Vereinigten Königreich mehr als 1.200 Einzelhandelsfilialen geschlossen wurden, darunter auch von großen und etablierten Anbietern wie Debenhams, Poundworld oder House of Frasers.

Amazon’s Expansion in Europa

Der europäische Markt stellt einen bedeutenden Geschäftsbereich für das Online-Handelsunternehmen Amazon dar. Seit 2010 hat Amazon etwa EUR 24 Milliarden in Infrastruktur, Grundstücke, Dienstleistungen und Arbeitsplätze in der EU investiert. Im selben Zeitraum erfasste der Europäische Restrukturierungsmonitor rd. 60 mit Amazon verbundene Restrukturierungsfälle in Europa. Alle betrafen Expansionspläne, die in ihrer Gesamtheit Ankündigungen von etwa 64.000 Arbeitsplätzen ausmachten. Im Jahr 2018 schuf Ama[17]zon rd. 18.000 neue Jobs in Europa, in erster Linie in Österreich, Tschechien, Frankreich, Deutschland, Irland, Italien, Polen und dem Vereinigten Königreich. Die meisten der neuen Arbeitsplätze betreffen unbefristete Vollzeitsarbeitsverträge in den verschiedensten Rollen (z.B. Software- und NetzwerkingenieurInnen, DatenspezialistInnen, Personalabteilung, FinanzspezialistInnen, FahrerInnen).

Seitens der Gewerkschaften und der Politik werden allerdings Bedenken bezüglich der Arbeitsbedingungen im Unternehmen geäußert, die im November 2018 auch in Streiks in einigen europäischen Ländern resultierten. Amazon-MitarbeiterInnen forderten dabei bessere Arbeitsbedingungen und Gehälter, in Anbetracht der Ablehnung des Unternehmens, diese mit der Belegschaft zu verhandeln.

Interessanterweise wird die schnelle Expansion von Amazon von umfassenden Investitionen in Roboter, die menschliche Arbeitskräfte ersetzen, begleitet. Im Januar 2019 wurde z.B. eine Vereinbarung mit einem Roboterproduzenten getroffen, der Amazon mit selbstfahrenden Gabelstaplern beliefern soll. Per Februar 2019 setzt Amazon mehr als 100.000 Roboter in seinen Zentren in aller Welt ein – ein Prozess, der zu Kostenreduktion und schnelleren Lieferzeiten führte.

Quelle: Eurofound 2019

2.2 Auswirkungen auf die Beschäftigung

Der langfristige (Beschäftigungs-)Trend in Richtung Dienstleistungssektor hat sich während/nach der großen Rezession tendenziell beschleunigt. Dies ist insbesondere damit zu begründen, dass der Großteil der durch die Wirtschaftskrise verursachten Arbeitsplatzverluste den produzierenden Bereich und das Bauwesen betraf. Der Dienstleistungssektor in der EU wies zwischen 2008 und 2013 ein jährliches Beschäftigungswachstum von 0,25% auf, und wächst seitdem um durchschnittlich 1,6% jährlich (Eurofound 2017).

Während einige Dienstleistungsbereiche, wie etwa das Gesundheitswesen, der öffentliche Bildungsbereich, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen auch während der Rezession signifikantes Beschäftigungswachstum verzeichneten, blieb das Beschäftigungsniveau im Handel und in den Finanzdienstleistungen zwischen 2008 und 2017 annähernd konstant. Die größere Beschäftigungsstabilität im Dienstleistungsbereich (im Vergleich zur Sachgüterproduktion oder der Landwirtschaft) wird weitgehend mit der größeren Bedeutung des menschlichen Faktors in der Leistungserbringung erklärt, der geringere Produktivitätssteigerungsmöglichkeiten durch technologische Automatisierung erlaubt (Eurofound 2017).

Im Allgemeinen sind die wachsenden Sektoren von höher qualifizierten Beschäftigungsprofilen gekennzeichnet (Eurofound 2018c). Dies zeigt sich auch bei der Betrachtung einzelner Berufe. [18]Während z.B. zwischen 2011 und 2016 ein durchschnittlicher jährlicher Rückgang der Beschäftigung von KundenberaterInnen im Finanzdienstleistungssektor oder des Verkaufspersonals im Großhandel zu verzeichnen ist, kam es zu einem deutlichen Anstieg der Beschäftigung von Verwaltungspersonal im Finanzdienstleistungssektor oder von IKT-Personal. Diese Entwicklung kann u.a. darauf zurückgeführt werden, dass auch im Dienstleistungsbereich zunehmend Möglichkeiten gefunden werden, Routinetätigkeiten zu automatisieren und die menschliche Arbeitsleistung durch Technologien zu ersetzen.

Abb. 1: Beschäftigung (in Mio, 2016) und durchschnittliche jährliche Beschäftigungsentwicklung (2011-2016) in ausgewählten Berufen, EU (Quelle: EU-LFS, SES; Daten übernommen von Eurofound 2017)

Zwischen 1995 und 2015 zeigt sich europaweit ein genereller Trend der stärkeren Computernutzung in der Arbeitswelt, Routinetätigkeiten stiegen und Aufgaben, die physische Kraftanstrengung erfordern, sanken (Bisello et al. 2019). Während die Computernutzung um rd. 64% stieg, erhöhten sich die spezifischen Computerberufe lediglich um 6%. Dies deutet darauf hin, dass Computer nun in nahezu allen Berufen vermehrt genutzt werden. Hinsichtlich der Routinetätigkeiten findet sich ein Rückgang an Beschäftigung in Berufen, die ein hohes Niveau an Routine beinhalten (da diese leichter automatisiert werden können). Gleichzeitig führt die Digitalisierung aber zu einer Steigerung an Routinetätigkeiten in allen anderen Berufen (da z.B. Tätigkeiten durch die modernen Technologien stärker standardisiert werden können). Das resultiert paradoxerweise in einer Situation, in der Jobs mit einer höheren Computernutzung dazu tendieren, weniger repetitiv zu sein als Jobs mit einer geringeren Computernutzung; aber innerhalb jedes Jobs verzeichnen Beschäftigte, die den Computer mehr nutzen, mehr repetitive Aufgaben als ihre KollegInnen mit weniger Computernutzung.

Bei einer sektoralen Betrachtung zeigen Finanzdienstleistungen, der Immobiliensektor und Unternehmensdienstleistungen sowie die öffentliche Verwaltung die deutlichsten Entwicklun[19]gen (Bisello et al. 2019). Die externe soziale Interaktion (z.B. mit KundInnen oder Geschäftspartnern) sank in diesen Bereichen zwischen 20% und fast 30%. In den Finanzdienstleistungen kommt die zunehmende Standardisierung der Arbeitsaufgaben am deutlichsten zum Tragen (+41% in den betrachteten 20 Jahren), während die relative Zunahme der Computernutzung hier vergleichsweise gering ist – was darauf zurückzuführen ist, dass die Computernutzung in diesem Sektor zu jedem Zeitpunkt sehr hoch ist.

Abb. 2: Veränderung ausgewählter Aufgaben in ausgewählten Sektoren, EU-15, 1995-2015 (Quelle: Bisello et al. 2019, basierend auf Daten der European Working Conditions Survey und des European Jobs Monitor)

Wie bereits weiter oben angedeutet, prägt die Digitalisierung auch die einzelnen Berufsbilder. Online und mobile Bankgeschäfte stellen andere Ansprüche an das Personal im Finanzsektor, ebenso wie die Tatsache, dass Informationen digital verwaltet und Prozesse zunehmend automatisiert oder mit Hilfe von Algorithmen abgewickelt werden (Nature 2015; Brynjolfsson et al. 2017). Dadurch kommt es beim Verwaltungspersonal im Finanzdienstleistungssektor zu einer deutlichen Abnahme der externen sozialen Interaktion (-22% zwischen 1995 und 2015), während wiederholende und standardisierte Aufgaben steigen (+28% bzw. +34%) (Bisello et al. 2019). Diese Berufsgruppe war bereits 1995 durch eine starke Computernutzung gekennzeichnet, die bis 2015 weiter stieg. Auch beim technischen Personal im Finanzsektor kam es zwischen 1995 und 2015 zu einem Rückgang der externen sozialen Interaktion (-15%) und einer noch deutlicheren Zunahme der Standardisierung (+63%). Auch wiederholende Tätigkeiten sind häufiger als vor 20 Jahren, jedoch in geringerem Ausmaß als die Standardisierung. Für ManagerInnen im Groß- und Einzelhandel sank die soziale Interaktion um rd. 7%, während die Computernutzung um 87% stieg. Insbesondere der Großhandel entwickelt sich zunehmend in [20]Richtung technologie-intensiver Geschäftspraktiken. ManagerInnen benötigen fortgeschrittene IKT-Fähigkeiten, um die digitalen Systeme nutzen und überwachen zu können, die die verschiedenen Geschäftsbereiche miteinander verbinden, und um die neuen Kommunikations- und Koordinationspraktiken (Websites, soziale Medien, aber auch z.B. Online-Zahlungssysteme) mit KundInnen, Geschäftspartnern und MitarbeiterInnen zu meistern (Forfás 2010; Cedefop 2016).

3 Blockchain – ein Anwendungsbeispiel für Fintech

3.1 Definition, Charakteristika und Entwicklungsstand

Blockchain beruht auf sogenannten »distributed ledger technologies (DLT)«, in denen Computersysteme, die Transaktionen aufzeichnen und nachverfolgen, kryptographisch authentifizierte Informationen in Maschinennetzwerken lagern (Stewart et al. 2019). Die Daten werden in Paketen (einer »Kette von Blöcken«) hinzugefügt, sodass alle »Knoten« (die teilnehmenden Computersysteme) die selben Daten teilen. Änderungen im Computersystem bzw. den Informationen werden allen Nutzern simultan zugänglich und die Liste von Datensätzen kann kontinuierlich erweitert werden. Alle Knoten müssen den Inhalten der Datensätze zustimmen, wodurch jeder Datenblock ohne die Zustimmung der Mehrheit der Knoten nicht geändert werden kann.

Blockchain verzichtet auf einen zentralen Administrator. So, wie das Internet den Austausch von Informationen ohne spezifische Intermediäre ermöglichte, wird durch Blockchain der Austausch von (Geld-)Werten ohne Intermediäre möglich (Iansiti/Lakhani 2017; Tapscott/Tapscott 2016).

Die Interaktion mit der Blockchain kann allen Nutzern ermöglicht werden. Dies ist dann der Fall, wenn die Aktivitäten eine große Zahl an unbekannten Beteiligten erfordern, die Notwendigkeit frühere Transaktionen zu revidieren nicht besteht und die Transparenzansprüche an die Daten in gewissem Ausmaß limitiert sind. Die Interaktion kann aber auch auf eine bestimmte Gruppe der Knoten beschränkt werden. Diese empfiehlt sich, wenn der Bedarf besteht, Daten zu bearbeiten oder zu löschen, die Möglichkeit dies zu tun auf bestimmte (bekannte) Nutzer beschränkt werden soll und Anonymität bzw. Vertraulichkeit der Transaktionen gewährleistet werden muss (Desphande et al. 2017).

Seit etwa Mitte der 1990er Jahre zeigt sich weltweit eine jährlich steigende Anzahl an Patentanmeldungen für Blockchain-Technologien, die seit 2015 deutlich an Dynamik gewonnen hat [21](Stewart et al. 2019). Der Großteil der Patente entfällt auf die USA und China, gefolgt von Südkorea, dem Vereinigten Königreich und Japan. Während somit einzelne EU-Mitgliedstaaten kaum unter den Top-Patentstaaten vertreten sind, nimmt die EU insgesamt nach den USA den 2. Rang bezüglich der Patentzahl ein (Tools for Innovation Monitoring 2018). Insbesondere Deutschland, Frankreich und Spanien weisen auch einen bedeutenden Anteil an Patentaktivitäten auf. McKinsey (2019) weist darauf hin, dass die frühen Blockchain-Entwicklungen (2012-2015) insbesondere vom Finanzdienstleistungssektor getrieben wurden, während mittlerweile z.B. auch der öffentliche Sektor oder die Sachgüterproduktion Anwendungsmöglichkeiten untersuchen.

Hileman und Rauchs (2017) identifizierten in 2017 115 Blockchain Start-ups mit geschätzten 2.000 Beschäftigten. Die Hälfte davon war in Nordamerika angesiedelt, etwas mehr als ein Viertel in Europa und etwa ein Fünftel in Asien.

Goepfert und Shirer (2018) schätzen, dass sich die Ausgaben für Blockchain-Lösungen im Jahr 2022 auf rd. EUR 10,3 Milliarden belaufen werden, wobei Europa der zweitgrößte Investor sein wird. In einer Umfrage von Deloitte (2018) gaben 43% der Befragten an, dass Investitionen in Blockchain von »kritischer Bedeutung« für ihre Organisation und unter den Top 5 der strategischen Prioritäten sind.

Eine Umfrage des World Economic Forum (2018) unter multinationalen Unternehmen und Unternehmen, die auf lokaler Ebene signifikant zur Wirtschaft und Beschäftigung beitragen, ergab, dass 45% der teilnehmenden Unternehmen Blockchain vermutlich zwischen 2018 und 2022 anwenden werden. Dieser Anteil ist deutlich höher in den Finanzdienstleistungen (73%), dem Gesundheitswesen (67%) und dem IKT-Sektor (67%).

3.2 Treibende und hemmende Faktoren für die Anwendung von Blockchain

Einer der bedeutendsten Anreize, Blockchain anzuwenden ist – wie für viele andere Aspekte der Automatisierung der Organisationsprozesse – das Potenzial, die Produktivität und den Gewinn durch Effizienzsteigerung und Kostenreduktion zu erhöhen (Stewart et al. 2019).

Blockchain bietet auch die Möglichkeit, neue kollaborative Geschäftsmodelle zu etablieren und zu nutzen, wodurch z.B. kleine und mittlere Unternehmen ihre mit geistigem Eigentum verbundenen Transaktionen besser managen, ihren Zugang zu Finanzierung verbessern und ihre Kosten für Sendungsnachverfolgung oder Zahlungsströme reduzieren können (de la Rosa et al. 2016; Batsaikhan 2017).

Eine wichtige Voraussetzung für die weitere Verbreitung von Blockchain stellen die technologischen Entwicklungen sowie das damit verbundene Verständnis für und Vertrauen der Nutzer in Blockchain dar (Stewart et al. 2019). Die Entwicklung von unternehmensorientierten Anwen[22]dungen auf Basis bestehender Plattformen kann dazu beitragen, Blockchain auch in Reichweite von Unternehmen zu bringen, denen es an interner Forschungs- und Entwicklungskapazität fehlt. Dies ermöglicht es dann auch, auf die Entwicklung von Fähigkeiten zu fokussieren, die zu einer fortgeschrittenen Anwendung von Blockchain führen können (Iansiti/Lakhani 2017).

Hinsichtlich der Hemmnisse für die Anwendung von Blockchain gaben in einer weltweiten Umfrage unter GeschäftsführerInnen von Unternehmen fast 40% der Befragten rechtliche Aspekte an (Deloitte, 2018). Dies betrifft sowohl das Systemdesign (z.B. wie Daten in der Blockchain gespeichert werden) als auch konkrete Anwendungen (z.B. den rechtlichen Status von »smart contracts«) (Stewart et al. 2019).

Rechtliche Unsicherheit als Hemmnis für die Anwendung von Blockchain

In einer weltweiten Umfrage aus dem Jahr 2017 führten die Befragten der Blockchain Industrie das unklare rechtliche und regulative Umfeld als wichtiges Hemmnis für die Weiterentwicklung des Sektors an (Hileman/Rauchs 2017). Vor diesem Hintergrund werden Forderungen nach »rechtlichen Sandboxen« laut – speziellen Vereinbarungen, die das Testen der Technologien unter bestimmten Voraussetzungen ohne rechtliche Risiken ermöglichen (Maupin 2017; Nasciemento et al. 2018). Lyons (2018) weist darauf hin, dass die Erfahrungen der EU mit der Entwicklung komplexer, grenzüberschreitender Regelungen ein Vorteil für die künftige Regelung von Blockchain sein könnte. Dies umso mehr, da Blockchain – als transnationale und multisektorale Technologie – nicht in Silos (z.B. für einzelne Länder) geregelt werden sollte (Maupin 2017). Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die Entwicklung adäquater Regelungen eine Herausforderung für die gesetzgebenden Organe sein kann, die ihre rechtliche Expertise mit dem technischen Verständnis für Blockchain verbinden und sektorspezifische Aspekte (wie die Praxis von Datensharing und Konfliktresolution) berücksichtigen müssen (Grech/Camilleri 2017).

Das Ersetzen oder Anpassen bestehender Systeme, mögliche Sicherheitsrisiken und unsichere Renditen werden von jeweils etwa einem Drittel als Hemmnis angeführt, und der Mangel an internen Fähigkeiten von mehr als einem Viertel.

Sicherheitsrisiken von Blockchain

Das Fehlen einer zentralen Administration, der gemeinsame Zugriff auf Daten und die kryptographische Lagerung von Daten reduzieren das Sicherheitsrisiko von Blockchain-Anwendungen (Henry et al. 2018). Gleichzeitig stellt der dezentralisierte Ansatz und die inhärente Anonymität eine gewisse Herausforderung dar (Meiklejohn 2018).

Ethereum, eine der bekanntesten Blockchain-basierten Plattformen war von einigen Cyberattacken betroffen, die zu bedeutenden Verlusten für die Nutzer der Plattform führten (Atzei et al. 2017).

[23]In Ermangelung eines rechtlichen Rahmens zur Überwachung von smart contracts gibt es bislang wenige konkrete Anwendungsfälle von Blockchain auf dem Arbeitsmarkt und Einschätzungen bezüglich der (Daten-)Sicherheit der Beschäftigten. In diesem Zusammenhang könnte sich die Datenschutzgrundverordnung der EU als kritisches rechtliches Rahmenwerk zum Schutz persönlicher Daten erweisen.

Auch das gegenwärtige Fehlen technischer Standardisierung kann die weitere Implementierung einschränken, da es dazu führen kann, dass sich »Blockchain Silos« entwickeln, die nicht miteinander interagieren können (z.B. um effektiven Datentransfer zu gewährleisten) (Hofmann et al. 2017; Hileman/Rauchs 2017; McKinsey 2019).

In ähnlicher Weise kann die Notwendigkeit der Nutzer, sich auf die Inhalte, Prozesse und Nutzungsbedingungen zu einigen, eine Herausforderung sein (Stewart et al. 2019).

Abschließend seien auch technische Aspekte, wie etwa der hohe Energiebedarf einiger Blockchain-Designs, als möglicher Hemmfaktor genannt (Stewart et al. 2019).

Abb. 3: Hemmnisse für die Implementierung von Blockchain aus Sicht von Geschäftsführern weltweit, 2018 (Quelle: Deloitte 2018)

3.3 Anwendung von Blockchain im Dienstleistungsbereich

3.3.1 Übersicht

Die Blockchain-Technologie befindet sich noch im Entwicklungsstadium. Die gegenwärtig bekannten Anwendungsfälle haben eher den Charakter von Experimenten oder Pilotprojekten, als dass sie umfassendere praxisrelevante Applikationen mit einer kritischen Masse an Ergebnissen darstellen (McKinsey 2019; Sukumar et al. 2018). Nichtsdestotrotz wird Blockchain [24](neben künstlicher Intelligenz, cloud computing und Automatisierung) als eines von vier Themen identifiziert, dass die Wertschöpfungskette von Kapitalmärkten prägt (Sukumar et al. 2018).

Die bekannteste gegenwärtige Anwendung von Blockchain sind Kryptowährungen wie Bitcoin (Deshpande et al. 2017; Nakamoto 2008). Hier wird die Blockchain-Technologie dazu verwendet, den tatsächlichen Eigentümer einer bestimmten Werteinheit zu verifizieren. Wird eine Transaktion initiiert, indem der Bitcoin-Eigentümer kommuniziert, das Eigentum an einen anderen Nutzer übertragen zu wollen, untersucht das Netzwerk die verfügbaren Datensätze (d.s. vergangene Transaktionen) um sicherzustellen, dass der Initiator auch tatsächlich der Eigentümer ist. Dadurch können physische Währungseinheiten (wie Bargeld), aber auch zentrale Stellen, die Eigentümerrechte bestätigen (wie Banken), durch die neuen Technologien ersetzt werden (Stewart et al. 2019).

In den letzten Jahren hat Blockchain aber auch zunehmend Aufmerksamkeit für seine potenzielle Anwendung in anderen Geschäftsbereichen erhalten, in denen eine sichere und vertrauenswürdige Datenbank, die zwischen verschiedenen Parteien geteilt – und von keiner autonom kontrolliert – werden kann, vorteilhaft sein kann. Da der Dienstleistungssektor stark vom Austausch von Informationen und Wissen, Datenverarbeitung und – in zunehmendem Ausmaß – von digitaler Kommunikation und digitalen Transaktionen abhängt, findet sich die Mehrheit der gegenwärtigen Anwendungsfälle von Blockchain in diesem Wirtschaftsbereich (Stewart et al. 2019). Während die möglichen Vorteile von Blockchain grundsätzlich nicht sektorspezifisch sind, zeigt sich für bestimmte Sektoren besonderer Mehrwert verschiedener Anwendungen, z.B. in Zusammenhang mit dem Austausch von Kapitalanlagen und Kryptowährungen, Lagerung von Daten, Datensharing und Internet of Things, Validierung der Identität von Individuen und Organisationen, Validierung von Dokumenten und Zertifikaten (Stewart et al. 2019; Tapscott/Tapscott 2016; Nascimento et al. 2018; Grech/Camilleri 2017; Smith et al. 2016).

Hileman und Rauchs (2017) weisen darauf hin, dass weltweit die mit Abstand meisten Anwendungsfälle von Blockchain (identifiziert in öffentlichen Diskussionen, Pressemitteilungen und Berichten; insgesamt 132 Fälle) im Bereich Banken und Finanzierung zu finden sind, gefolgt von Regierungen/öffentlichen Gütern und Versicherungen. In ihrer Diskussion über »open banking – wobei Bankdaten zwischen zwei oder mehr unabhängigen Parteien geteilt werden, um dem Markt bessere Leistungsangebote zu bieten (somit ein potenzieller Anwendungsfall von Blockchain) – weisen Brodsky et al (2018) allerdings darauf hin, dass der Fortschritt in Bezug auf die geteilte Nutzung von Daten zwischen Weltregionen variiert, in Abhängigkeit der Marktstrukturen, rechtlichen Rahmenbedingungen und Konsumentenpräferenzen.

[25]

Abb. 4: Weltweite Anwendungsfälle von Blockchain, Anteil in %, identifiziert in öffentlicher Diskussion, Pressemitteilungen und Berichten (Quelle: Hileman und Rauchs, 2017)

In ähnlicher Weise führen mehr als 70% von Blockchain-Anbietern in einer Befragung an, Banken als Kunden zu haben (Hilemand/Rauchs 2017). Rund die Hälfte haben Fintech-Unternehmen und Versicherungen als Kunden.

Abb. 5: Anteil von Blockchain-Anbietern mit Kunden in unterschiedlichen Sektoren (Quelle: Hileman/Rauchs 2017 (Befragung von 44 Unternehmen, Mehrfachantworten möglich))

3.3.2 Finanzdienstleistungen

Für den Finanzdienstleistungssektor, für den die Organisation des Austausches von Geldwerten das »Basisprodukt« darstellt, hat Blockchain als Instrument zur »Lagerung« und dem Aus[26]tausch dieser Werte deutliches Potenzial (Stewart et al. 2019). Blockchain wird insbesondere als Instrument zur koordinierten Buchführung zwischen Organisationen diskutiert. Die geteilten Daten bezüglich Eigentumsverhältnissen vermeiden, dass die beteiligten Organisationen ihre Aufzeichnungen separat aktualisieren und rechtlich benötigte Unterlagen ausfertigen müssen, um dem rechtlichen Transfer von Vermögensgegenständen zu entsprechen, was auf dem traditionellen Weg mehrere Tage dauern kann (Iansiti/Lakhani 2017; Barclays 2016). Blockchain kann auch zu einer effizienteren Aufbereitung von Daten, die an Aufsichtsbehörden übermittelt werden müssen, beitragen, Transaktionsrisiken durch unmittelbare Abwicklung reduzieren, ein 24-Stunden-Geschäft ermöglichen und die operationalen Kosten durch die Automatisierung von Back-Office Prozessen senken (ESMA 2017).

Im Finanzdienstleistungsbereich (z.B. im Bank- und Versicherungswesen oder bei Kreditkartenanbietern, aber z.B. auch Börsen, Fonds oder im Bereich Crowdfunding) kann Blockchain u.a. folgende Funktionen erfüllen (Tapscott/Tapscott 2016):

Authentifizierung von Identitäten und Geldwerten bei der GeschäftsabwicklungTransfer von Zahlungen bzw. Austausch von GeldwertenAufbewahrung/Lagerung von Geldwerten (inkl. Währungen)Verleihung von Geldwerten bzw. Bereitstellung von Investitionen an andere NutzerVersicherung von Werten und Risikomanagement

Nasdaq’s Pilotprojekt als Anwendungsbeispiel von Blockchain

Nasdaq ist ein weltweites Finanzdienstleistungsunternehmen, das u.a. den Handel, die Listung und den Informationsaustausch über Unternehmenswerte unterstützt. Im Rahmen seiner allgemeinen Technologie-, Forschungs- und Entwicklungsstrategie hat Nasdaq einige Blockchain-Pilotprojekte initiiert. Eines davon ist Linq, das private Wertpapiertransaktionen zwischen Privatkunden verbessern soll, indem z.B. auf papierbasierte Zertifikate verzichtet oder ein Prototyp für eine e-Voting Lösung zur Ermöglichung von Abstimmungen unter den Anteilseignern entwickelt werden soll (Nasdaq 2018). Durch letzteres soll die Komplexität (z.B. in Zusammenhang mit der Übertragung von Stimmrechten) und die Transparenz des Abstimmungsprozesses und dessen Resultate verbessert werden.

Die Informationen über die Eigentumsverhältnisse, Transaktionen und Kontodetails können nur von Nutzern eingesehen werden, die über korrekte Identifikationsinformationen verfügen. Organisationen können Stimmrechte an individuelle Nutzer vergeben, die entweder selbst abstimmen oder ihre Rechte an andere Nutzer übertragen können. Dadurch wird die Kette an übertragenen Stimmrechten transparenter, Einzelinvestoren (die andernfalls keinen Zugang zu Abstimmungen in traditionellen Jahresversammlungen hätten) können besser einbezogen werden und Abstimmungsergebnisse sind schneller verfügbar (Nasdaq 2017).

[27]Die konkrete Implementierung hängt im Einzelfall von den (nationalen) rechtlichen Rahmenbedingungen ab, z.B. in Bezug darauf, welche Informationen wem (inkl. relevanten Behörden) zugänglich gemacht werden oder wie die Nutzeridentifikation gehandhabt wird. Laut Expertenmeinung kann die durch die EU bewirkte Harmonisierung von rechtlichen Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass sich derartige Technologien weiter verbreiten (Stewart et al. 2019).

Aufgrund der strikten rechtlichen Rahmenbedingungen und der großen Anzahl an Transaktionen kann davon ausgegangen werden, dass die Anwendung von Blockchain im Finanzdienstleistungssektor vor spezifischen Herausforderungen steht (ESMA 2017). Der Sektor arbeitet z.B. mit international etablierten Standards und Protokollen zur Nachverfolgung und Überprüfung von Finanztransaktionen, die auf einem System von Intermediären beruhen, die Betrug und Geldwäsche aufdecken und die Einhaltung von Gesetzen und anderen Regelungen sicherstellen sollen (Stewart et al. 2019). Da eines der Hauptcharakteristika von Blockchain ist, die Rolle von Intermediären zu reduzieren, müssen mittelfristig Lösungen erarbeitet werden, um die neuen Systeme mit den bestehenden in Einklang zu bringen (Deshpande et al. 2017).

Auch das gegenwärtige Fehlen eines Konsensmechanismus, der die Abwicklung eines großen Transaktionsvolumens ermöglicht, kann als Hemmnis für die weitgehende Anwendung von Blockchain im Finanzdienstleistungssektor angesehen werden, insbesondere was die globalen Finanzinstitutionen betrifft (Stewart et al. 2019).

Des Weiteren stellen die Notwendigkeit der Interaktion zwischen verschiedenen Systemen und der hohe Energieverbrauch eine Herausforderung dar (Atos 2018). Die niederländische Zentralbank hat etwa auf Basis eines dreijährigen Pilotprojektes reüssiert, dass keiner der fünf getesteten Prototypen einer digitalen Währung den Bedarf nach einem sicheren System bei gleichzeitiger Kosten- und Energieeffizienz erfüllt (Nederlandsche Bank 2018).

3.3.3 Logistik und Handel

Eine weitere, an Verbreitung gewinnende Anwendung von Blockchain ist die Aufzeichnung und Nachverfolgung von Eigentumsrechten entlang der Wertschöpfungskette, was von gewisser Bedeutung für Logistik und Handel ist. Durch die durch Blockchain gewonnene Transparenz kann die Technologie die Diebstahls- bzw. Betrugsanfälligkeit reduzieren und die Effizienz der Wertschöpfungskette erhöhen (Stewart et al. 2019). Das britische Unternehmen Everledger nutzt Blockchain z.B. um das Eigentum und Identifikationsmerkmale von Luxusgütern aufzuzeichnen (Everledger o.D.). Anwendung findet die Technologie dabei insbesondere für Diamanten, deren Markt durch das Potenzial, dass Diamanten mit gefälschten Eigentums- und Herkunftszertifikaten in Umlauf gebracht werden, anfällig ist.

[28]Dabei muss darauf hingewiesen werden, dass der Nutzen der Technologie naturgemäß stark von der Qualität der involvierten Information abhängt. Können die Eigentumsverhältnisse nicht klar umschrieben oder die Produkte so verändert werden, dass eine Identifikation in der Praxis unmöglich ist (z.B. indem die o.a. Diamanten umgeschliffen werden), sind den potenziellen Vorteilen von Blockchain deutliche Grenzen gesetzt (Stewart et al. 2019).

3.4 Erwartete Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt

3.4.1 Geschäftsmodelle

Die Möglichkeiten, die Blockchain in Zusammenhang mit der Automatisierung zentraler Funktionen und dem Austausch von Informationen und (Geld-)Werten ohne die Einbeziehung von Intermediären bietet, kann zu einem verstärkten Ausmaß an direkter Kooperation zwischen Organisationen, auch über nationalen Grenzen hinaus, führen (Stewart et al. 2019). Tapscott und Tapscott (2016) identifizieren die folgenden »vernetzten Geschäftsmodelle«, die durch Blockchain ermöglicht werden könnten:

Produktionsgemeinschaften, in denen eine große Zahl an Individuen zur Erstellung eines Produkts beitragen und für ihren Beitrag ohne einen zentralen Koordinator entlohnt werden (z.B. Softwareentwicklung);Plattformen zur besseren Nachverfolgung von geistigem Eigentum;Genossenschaften in der Plattformwirtschaft, die den Peer-to-peer-Austausch von Dienstleistungen und Produkten ermöglichen (z.B. kurzfristige Vermietung);Geschäftsmodelle, in denen Individuen zusätzliche Kapazitäten ohne einen zentralen Koordinator handeln können (z.B. Wi-Fi-, Strom- oder Rechnervolumen);Unternehmensplattformen, auf denen Organisationen und KonsumentInnen neue Applikationen entwickeln können;Produktionsmodelle, in denen Prozesse auf verschiedene Individuen aufgeteilt werden (z.B. durch 3D Druck unterstützt).

Während verstärkte Kooperation grundsätzlich positiv zu bewerten ist, kann sie auch zur Erhöhung von Markteintrittsbarrieren für neue Organisationen führen, die in die bestehenden Systeme nicht eingebunden sind, wodurch es zu Wettbewerbsverzerrungen (Kartellbildung) kommen kann (Hanson et al. 2017).

Trotz des der Blockchain-Technologie inhärenten Potenzials, Intermediäre zu ersetzen, kann davon ausgegangen werden, dass dies in der unmittelbaren Zukunft nicht in großem Ausmaß geschehen wird, da diese Organisationen komplexe Dienstleistungen anbieten, die ein hohes Maß an Fähigkeiten und Fertigkeiten erfordern, die (noch) nicht automatisiert werden können (Stewart et al. 2019).

[29]Gleichzeitig wird erwartet, dass neue Geschäftsmodelle entstehen, die Dienstleistungen in Zusammenhang mit der Implementierung von Blockchain (z.B. Datenvalidierungsdienste) anbieten (Stewart et al. 2019).

Des Weiteren kann es innerhalb der Organisationen zu Veränderungen der Strukturen und Abläufe kommen, ausgelöst durch die Automatisierung von Prozessen und Aufgaben, neuen Anforderungen an das Datenmanagement oder die Finanzverwaltung (Stewart et al. 2019).

3.4.2 »Smart contracts«

»Smart contracts« sind selbstausführende Codes, die – sofern bestätigt wird, dass bestimmte Kriterien erfüllt sind – automatisch die in der Blockchain enthaltenen Informationen ändern können (Fawcett et al. 2018). Sie ermöglichen komplexere Transaktionen im Blockchain-Ökosystem, wodurch mehr Aktionen, die gegenwärtig menschlichen Input erfordern, automatisiert (und somit mit geringeren Transaktionskosten durchgeführt) werden können (Fawcett et al. 2018; Nascimento et al. 2018; Davidson et al. 2018).

Die amerikanische Smart Contracts Alliance in Kooperation mit Deloitte (2016) identifizierte die folgenden möglichen Anwendungsfälle für smart contracts:

Digitale Validierung von Identitäten, inkl. bei voll automatisierten Transaktionen;automatische Freigabe von Datensätzen nach einem bestimmten Zeitraum oder auf Anfrage;automatische Zahlung von Dividenden oder Prämien für geistiges Eigentum;automatische finanzielle Berichterstattung durch digitale Buchhaltungssysteme;automatischer Transfer von Eigentumsurkunden, z.B. nach Zahlung von Hypothekenraten;automatische Abwicklung von Versicherungsansprüchen durch Systeme, die durch Internet of Things unterstützt werden.

Fawcett et al. (2018) führen jedoch an, dass die Verbreitung von smart contracts vor bestimmten Herausforderungen steht: Die Notwendigkeit der Datenvalidierung in einem komplexen Umfeld, das Erfordernis eines fehlerfreien und transparenten Codes, der eine rechtliche Vereinbarung ersetzen kann sowie der unklare rechtliche Status derartiger Verträge und die damit verbundenen eingeschränkten Möglichkeiten, im Fall von Konflikten Ansprüche zu erheben.

3.4.3 Produkt- und Serviceangebot

Die Blockchain-Technologie kann einerseits zu neuen direkten Produkten im Dienstleistungssektor führen (z.B. Kryptowährungen, Blockchain-basierte apps) und auf indirekte Art weitere technologische Entwicklungen fördern (z.B. in Zusammenhang mit Internet of Things) (Stewart et al. 2019).

[30]Gleichzeitig können durch Blockchain gewisse etablierte Leistungsangebote ersetzt werden, insbesondere im Bereich der Validierung oder Zertifizierung (Grech/Camilleri 2017).

3.4.4 Beschäftigung und Arbeitsbedingungen

Im Gegensatz zu anderen Aspekten der Digitalisierung gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum Hinweise, dass Blockchain weitergreifende Implikationen in Bezug auf die Zerstörung oder Schaffung von Arbeitsplätzen haben könnte (Stewart et al. 2019). Durch das Potenzial von Blockchain, Intermediäre zu ersetzen, kann es in diesem Bereich zu Arbeitsplatzverlusten bzw. der Notwendigkeit der Neuausrichtung der betroffenen Berufsgruppen in Bezug auf ihre Rollen bzw. Aufgabeninhalte kommen. Gleichzeitig ist durch das Entstehen neuer Geschäftsmodelle (siehe oben) mit Arbeitsplatzschaffung und neuen Berufsbildern (z.B. Blockchain-IngenieurInnen und DatenanalystInnen, aber auch z.B. spezialisierte Rechtsberatung) zu rechnen (Hileman/Rauchs 2017). Aufgrund der Komplexität der Materie kann davon ausgegangen werden, dass die neuen Arbeitsplätze bzw. Berufsbilder im Bereich der Hochqualifizierten angesiedelt sein werden (Maupin 2017). Fähigkeiten in den Bereichen Wissenschaft, Technologie, Ingenieurswesen und Mathematik dürften an Bedeutung gewinnen.

Eine weitere Verbreitung von Blockchain dürfte auch die Inhalte bestehender Berufsbilder, und somit die Qualifikationsanforderungen an das Personal, beeinflussen. Generell dürften die Ansprüche an digitale Fähigkeiten, und im Speziellen in Bezug auf die Anwendung von Blockchain, steigen (Stewart et al. 2019). Iansiti und Lakhani (2017) führen z.B. an, dass das technische Verständnis von juristischem Personal in Zukunft ausgeprägter sein muss, um z.B. Aspekte in Zusammenhang mit smart contracts besser verstehen und deren Legitimität besser analysieren zu können.

Da die Weiterentwicklung von Blockchain und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Wirtschaft und Beschäftigung langfristige Trends sind, ist kurzfristig nicht mit umfassenden Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen im Dienstleistungssektor zu rechnen (Stewart et al. 2019).

Mittel- bis langfristig könnte Blockchain jedoch zu einer Steigerung der Plattformarbeit bzw. von Freelancing beitragen, mit den allgemein damit verbundenen Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der betroffenen Beschäftigten. Die durch Blockchain weiter vereinfachte Möglichkeit der geographisch verteilten Arbeit (inkl. Telearbeit) stellt eine weitere Herausforderung für die Organisation und Vertretung von ArbeitnehmerInnen durch traditionelle Gewerkschaften dar (Stewart et al. 2019).

[31]4 Abschließende Betrachtungen

Der Dienstleistungssektor ist für die europäische Wirtschaft und den Arbeitsmarkt seit Jahrzehnten von steigender Bedeutung. Wie andere Wirtschaftsbereiche auch, ist der zunehmend von Restrukturierung durch Digitalisierung gekennzeichnet. Neue Technologien führen dazu, dass manche Geschäftsmodelle, Geschäftsbereiche und Berufsbilder an Bedeutung verlieren, während andere zunehmend wichtiger werden. Im Allgemeinen kann z.B. davon ausgegangen werden, dass finanzielle Transaktionen in Zukunft vermehrt digitalisiert, automatisiert und datenbasierend ablaufen (Brodsky et al. 2018). Dadurch kommt es auch zu Veränderungen innerhalb von Berufen bzw. Rollenbildern, die Auswirkungen auf die Aufgabeninhalte und somit Anforderungen an die Beschäftigten haben.

Während manche der Innovationen zu laufenden und dadurch vergleichsweise kleinen Veränderungen führen, entstehen auch sogenannte »Game-changing«-Technologien, die einen disruptiven Effekt auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt erwarten lassen. Eine dieser Technologien, die in Zusammenhang mit Fintech von Bedeutung ist, ist Blockchain. Diese Technologie befindet sich noch im Entwicklungsstadium, mit stark limitierter operativer Anwendung in Europa. Die bislang bekannten Anwendungsfälle finden sich insbesondere im Finanzdienstleistungssektor und im Bereich Logistik und Handel. Aufgrund der für die Wirtschaft aber durchaus interessanten inhärenten Potenziale dieser Technologie kann davon ausgegangen werden, dass sie in den nächsten Jahrzehnten stärkere Verbreitung findet.

Dafür ist es aber nötig, die mit der Anwendung von Blockchain verbundenen Herausforderungen zu verstehen und zu adressieren. Rechtliche Aspekte (inkl. der Frage nach dem Eigentum an persönlichen Daten und den Rechten und Kontrollmöglichkeiten von Individuen bezüglich deren Verwendung (Brodsky et al. 2018)) stehen hierbei an erster Stelle, gefolgt von Aspekten in Zusammenhang mit der praktischen Implementierung und wirtschaftlichen bzw. finanziellen Überlegungen.

Literaturverzeichnis

Atos (2018), Digital Vision for Financial Services, Atos, verfügbar unter at https://atos.net/wp-content/uploads/2018/04/digital-vision-financial-services-opinion-paper-final-1.pdf .

Atzei, N./Bartoletti, M./Cimoli, T. (2017), A survey of attacks on ethereum smart contracts (sok), Principles of Security and Trust, Springer, S. 164–186.

Barclays (2016), Cash cows - How Blockchain is transforming trade finance, 1 November, verfügbar unter https://www.home.barclays/news/2016/11/how-blockchain-is-transforming-trade-finance.html.

[32]Batsaikhan, U. (2017), Cryptoeconomics – the Opportunities and Challenges of Blockchain, Policy Briefs No. 21169, Bruegel, verfügbar unter https://ideas.repec.org/p/bre/polbrf/21169.html.

Bisello, M./Peruffo, E./Fernández-Macías, E./Rinaldi, R. (2019), How computerisation is transforming jobs - Evidence from the European Working Conditions Survey, Eurofound/JRC, Dublin/Seville.

Brodsky, L./Ip, C./Lundberg, T. (2018), Open banking’s next wave: Perspectives from three fintech CEOs, McKinsey, verfügbar unter https://www.mckinsey.com/industries/financial-services/our-insights/open-bankings-next-wave-perspectives-from-three-fintech-ceos.

Brynjolfsson, E./McAfee, A. (2011), The second Machine age, W. W. Norton & Company, New York.

Cedefop (2016), Hospitality & retail managers: skills opportunities and challenges, Skills Panorama, verfügbar unter https://skillspanorama.cedefop.europa.eu/en/analytical_highlights/hospitality-retail-managers-skills-opportunities-and-challenges.

Davidson, S./De Filippi, P./Potts, J. (2018), Blockchains and the economic institutions of capitalism’, Journal of Institutional Economics, 1–20.

de la Rosa, J.L./Gibovic, D./Torres, V./Maicher, L./Miralles, F./El-Fakdi, A./Bikfalvi, A. (2016), On Intellectual Property in Online Open Innovation for SME by means of Blockchain and Smart Contracts, Proceedings of the 3rd Annual World Open Innovation Conference WOIC, Barcelona, Spain, S. 15–16.

Deloitte (2018), 2018 global blockchain survey: Breaking blockchain open, verfügbar unter https://www2.deloitte.com/us/en/pages/consulting/articles/innovation-blockchain-survey.html?id=us:2sm:3tw:4gblock18::6cons:20180827010700:&linkId=55968490.

Deshpande, A./Stewart, K./Lepetit, L./Gunashekar, S. (2017), Distributed ledger technologies/blockchain: Challenges, opportunities and the prospects for standards, British Standards Institution, London, verfügbar unter https://www.bsigroup.com/LocalFiles/zh-tw/InfoSec-newsletter/No201706/download/BSI_Blockchain_DLT_Web.pdf.

Dietz, M./Lemerle, M./Mehta, A./Sengupta, J./Zhou, N. (2018), Remaking the bank for an ecosystem world, McKinsey, verfügbar unterhttps://www.mckinsey.com/industries/financial-services/our-insights/remaking-the-bank-for-an-ecosystem-world.

ESMA (European Securities and Markets Authority) (2017), Report: The distributed ledger technology applied to securities markets, Publications Office of the European Union, Luxemburg, verfügbar unter https://www.esma.europa.eu/system/files_force/library/dlt_report_-_esma50-1121423017285.pdf.

Eurofound (2017), Occupational change and wage inequality: European Jobs Monitor 2017, Publications Office of the European Union, Luxemburg.

Eurofound (2018a), Programming document 2017-2020, Work programme 2019, Dublin.

Eurofound (2018b), Automation, digitisation and platforms: Implications for work and employment, Publications Officeof the European Union, Luxemburg.

Eurofound (2018c), ERM report 2018: Impact of restructuring on working conditions, Publications Office of the European Union, Luxemburg.

Eurofound (2019), Restructuring trends: 2018 in review, Publications Office of the European Union, Luxemburg.

Everledger (n.d.), Welcome to the digital vault of the future, verfügbar unter https://www.everledger.io/.

[33]Fawcett, J./Keller, J.R./Maddison, J. (2018), How can smart contracts be useful for business? Open Data Institute, London, verfügbar unter https://theodi.org/article/how-can-smart-contracts-be-useful-for-businesses-report/.

Forfás (2010), Future Skills Needs of the Wholesale and Retail Sector.

Galvin, J./Han, F./Hynes, S./Qu, J./Rajgopal, K./Shek, A. (2018), Synergy and disruption: Ten trends shaping fintech, McKinsey.

Grech, A./Camilleri, A.F. (2017), Blockchain in education, Joint Research Centre Science for Policy, Publications Office of the European Union, Luxemburg, verfügbar unter http://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/bitstream/JRC108255/jrc108255_blockchain_in_education(1).pdf.

Goepfert, J./Shirer, M. (2018), Worldwide Spending on Blockchain Forecast to Reach $11.7 Billion in 2022, According to New IDC Spending Guide, IDC: The Premier Global Market Intelligence Company, 19 July, verfügbar unter https://www.idc.com/getdoc.jsp?containerId=prUS44150518.

Hanson R.T./Reeson A./Staples M. (2017), Distributed ledgers: Scenarios for the Australian economy over the coming decades. Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation, Canberra, verfügbar unter https://publications.csiro.au/rpr/download?pid=csiro:EP175257&dsid=DS3.

Henry, R./Herzberg, A./Kate, A. (2018), Blockchain Access Privacy: Challenges and Directions, IEEE Security Privacy, Vol. 16 No. 4, S. 38–45.

Hileman, G./Rauchs, M. (2017), 2017 Global Blockchain Benchmarking Study. SSRN Scholarly Paper No. ID 3040224, verfügbar unter https://papers.ssrn.com/abstract=3040224.

Hofmann, F./Wurster, S./Ron, E./Böhmecke-Schwafert, M. (2017), The immutability concept of blockchains and benefits of early standardization, conference paper, 2017 ITU Kaleidoscope Academic Conference, 27–29 November, Nanjing, China, verfügbar unter http://www.inno.tu-berlin.de/fileadmin/a38335100/PDF_Dateien/Publikationen/T-PROC-KALEI-2017-PDF-E-Hofmann.pdf.

Iansiti, M./Lakhani, K. R. (2017), The truth about blockchain, Harvard Business Review, Vol. 95, No. 1, S. 118–127.

Lyons, T. (2018), Blockchain Innovation in Europe. European Union Blockchain Observatory and Forum, verfügbar unter https://www.eublockchainforum.eu/sites/default/files/reports/20180727_report_innovation_in_europe_light.pdf.

Maupin, J.A. (2017), Mapping the global legal landscape of blockchain and other distributed ledger technologies. SSRN Scholarly Paper No. ID 2930077, verfügbar unter https://ssrn.com/abstract=2930077.

McKinsey (2019), Blockchain’s Occam problem, verfügbar unter https://www.mckinsey.com/industries/financial-services/our-insights/blockchains-occam-problem?cid=other-eml-ttn-mip-mck&hlkid=14cb8b71f64e49c5aed6b0f834a4e34f&hctky=2862566&hdpid=0eb31b75-7bc6-4fde-b8aa-5a0f649b16ad.

Meiklejohn, S. (2018), Top Ten Obstacles along Distributed Ledgers Path to Adoption, IEEE Security Privacy, Vol. 16 No. 4, S. 13–19.

Nakamoto, S. (2008), Bitcoin: A peer-to-peer electronic cash system, verfügbar unter https://bitcoin.org/bitcoin.pdf.

Nascimento, S., Pólvora, A. und Sousa Lorenco, J. (2018), Blockchain4EU: Blockchain for industrial transformations, Publications Office of the European Union, Luxemburg.

[34]Nasdaq (2017), Nasdaq to deliver blockchain e-voting solution to Strate, Pressemitteilung, 22 November, verfügbar unter http://ir.nasdaq.com/news-releases/news-release-details/nasdaq-deliver-blockchain-e-voting-solution-strate.

Nasdaq (2018), Nasdaq blockchain strategy: Moving beyond the POC, Nasdaq, New York, verfügbar unter https://business.nasdaq.com/media/Blockchain%20Mutual%20Fund%20Strategy%20SEB%20and%20Nasdaq%202018_tcm5044-61791.pdf.

Nature (2015), Physics in finance: Trading at the speed of light, 11 February 2015.

Nederlandsche Bank (2018), DNBulletin: DNB experiments with blockchain technology, DNBulletin, 7 June, verfügbar unter https://www.dnb.nl/en/news/news-and-archive/DNBulletin2018/dnb376502.jsp#.

PatSeer Pro (2017), Patent landscape report blockchain, Patent Analysis Reports and Techniques, verfügbar unter http://patentanalysis.org/patent-landscape-report-blockchain-patseer-pro/.

PostNord (2018), E-Commerce in Europe.

Smart Contracts Alliance in collaboration with Deloitte (2016), Smart contracts: 12 Use cases for Business & beyond, Chamber of Digital Commerce, Washington, verfügbar unter https://digitalchamber.org/wp-content/uploads/2018/02/Smart-Contracts-12-Use-Cases-for-Business-and-Beyond_Chamber-of-Digital-Commerce.pdf.

Smith, J./Tennison, J./Wells, P./Fawcett, J./Harrison, S. (2016), Applying blockchain technology in global data infrastructure, Open Data Institute, London, verf ügbar unterhttps://theodi.org/article/applying-blockchain-technology-in-global-data-infrastructure/.

Stewart, K./Deshpande, A./Hoorens, S./Gunashekar, S. (2019), Digital Age: Blockchain: Implications of game-changing technologies in services, Dublin, Eurofound.

Sukumar, N./Cleary, S./Voelkel, M./Röhring, M./Rouhana, R./Schaette, C. (2018), Fintech decoded. Capturing the opportunity in capital markets infrastructure, McKinsey/World Federation of Exchanges.

Tapscott, D./Tapscott, A. (2016), Blockchain revolution: How the technology behind bitcoin is changing money, business and the world, Penguin Group.

Tools for Innovation Monitoring (2018), Blockchain: Document type distribution, verfügbar unter http://www.timanalytics.eu/TimTechPublic/main.jsp?analyzer=info&dataset=1868.

Tzortyakis, I. (2018), Lloyds bank’s digital transformation, verfügbar unter https://www.eurofound.europa.eu/publications/article/2018/lloyds-banks-digital-transformation.

Uppenberg, K./Strauss, H. (2010), Innovation and productivity growth in the EU services sector, European Investment Bank, Kirchberg, verfügbar unter http://www.eib.org/attachments/efs/efs_innovation_and_productivity_en.pdf.

WEF (World Economic Forum) (2018), The Future of Jobs Report 2018, verfügbar unter http://www3.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs_2018.pdf.

*Irene Mandl, EUROFOUND Head of Unit Employment

[35]Überblick über die derzeit bestehende zivil- und aufsichtsrechtliche Normierung von Fintechs

Dieter Krimphove*

Inhaltsverzeichnis

1 Standortbestimmung

1.1 Fintechs ≠ Legal Techs

1.2 Fintechs im Rechtsraum

1.3 Technisch/Wirtschaftliche Entwicklung der Fintechs

1.4 Ökonomisch/Wirtschaftliche Vor- und Nachteile von Fintechs

1.5 Regelungs- bzw. Normierungsnotwendigkeiten

1.6 Bisherige Normierungsinitiativen

2 Welches Recht für welche Fintechs

2.1 Allgemeines zur Rechtsanwendung

2.2 Resümee

3 Die Fintechs im Einzelnen

3.1 Bezahldienste

3.2 Robo-Advisory und digitale Finanzportfolioverwaltung (Auto-Trading, Algo-Trading, Flash-Trading)

3.3 Sozial-Trading und Copy-Trading

3.4 Crowdfunding, Crowdlending, Crowdinvesting (die Schwarmfinanzierung)

3.5 Virtuelle oder Kryptowährungen

3.6 Peer-to-Peer-Insurance

4 Fazit

[37]1 Standortbestimmung

Fintechs (Financial Technologies) oder die in der Versicherungswirtschaft sog. Insurtechs sind Technologien, die mit Hilfe des Internets grenzüberschreitend einer unbestimmten Anzahl von Adressaten, Interessenten und Nutzer standardisierte Finanzdienstleistungen anbieten. Die Dienstleistungen bestehen etwa in dem Zustandebringen von Verträgen, aber auch in der Erfüllung von Verträgen durch Bezahl-Systeme, in der Beratung bzw. dem Erwerb und der Veräußerung von Anlagen und vielem mehr. Fintechs, wie Insurtechs, bringen so zahllose Anbieter und Nachfrager zusammen und ermöglichen damit das Entstehen von Märkten. Sie übernehmen hierüberhinaus – wie etwa die elektronischen Bezahldienste – auch die Erfüllung bereits durch sie zustande gekommener Verträge und schaffen sogar – wir im Fall der BitCoins – eine eigene Währung.

Fintechs finden aufgrund ihrer mannigfachen Anwendungsmöglichkeiten in jedem Wirtschaftssektor wie Handel, Banken, produzierendes und Dienstleistungsgewerbe und auch in den Versicherungen (dort vornehmlich unter der Bezeichnung Insurtechs) Verwendung.

Der weite Anwendungsbereich und die große Einsatzmöglichkeit von Fintechs erklärt einerseits ihre immens große Bedeutung, aber auch die Schwierigkeit, eine abschließende Definition der Fintechs ausmachen. (Zu ersten Definitionsversuchen siehe: Schueffel 2016, S. 32 ff., 45; »Fintech ist eine neue Finanzindustrie, die Technologien zur Verbesserung von Finanz-Aktivitäten einsetzt« (Übersetzung von Verfasser)).

Der Begriff Fintech bezeichnet im Folgenden die Technologie und nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen, die Unternehmen, die Fintechs einsetzen. Im Folgenden umfasst der Begriff Fintech sowohl die in der Versicherungswirtschaft als Insurtechs, in der Vermögensverwaltung als WealthTech und im Zahlungsverkehr als PayTech bezeichneten Technologien.

1.1 Fintechs ≠ Legal Techs

Von den Fintechs zu unterscheiden sind die – unter dem Namen Legal Tech – bekannten Bestrebungen zur computergesteuerten Vereinfachung juristischer Arbeitsschritte (siehe Veith et al. 2016, S. 3 ff.). Wie die hier behandelten Fintechs unterstützten Legal Techs die Arbeitsschritte und die Funktionsweisen. Während Fintechs computertechnisch unterstützte Finanzdienstleistungen, wie die Beschaffung von Kapital auf dem Internet-Markt, ermöglichen, automatisieren Legal Techs – mit Hilfe des stark in den letzten 20 Jahren gestiegenen Potentials elektronischer Datenverarbeitung (siehe Blog, Legal Tech 2016 – juristische Arbeitsschritte). Sie erleichtern die Büroverwaltung, finden einschlägige Textpassagen in Urteilen, Entscheidungen und Fachveröffentlichungen, durchsuchen Verträge nach dort wiederkehrenden Elementen. Sie sind aber auch in der Lage, Gesichter wiederzuerkennen und/oder Verhaltens-Prognosen von Personen [38]– vermittels deren Handlungsmuster – mit mehr oder weniger großer Verlässlichkeit zu liefern. Fintech fehlt ein solcher für Legal Tech wesenhafter Bezug zum Recht.

1.2 Fintechs im Rechtsraum

Obschon Fintechs keinen unmittelbaren Bezug zu juristischen Fragestellungen aufweisen, ist die Relevanz des Rechts für sie, ihre Zurverfügungstellung und ihre Nutzung, erheblich. So koordinieren Fintechs das Verhalten von Nachfrager und Anbieter auf einem Markt. Sie greifen in das Nachfrageverhalten ein. Fintechs führen in Sekundenbruchteilen zum Abschluss diverser Vertragstypen und transferieren in Minimalzeit Anteile und Eigentum bzw. Geld. Sie kreieren sogar eigene Währungseinheiten oder bringen eine Vielzahl isolierter, unbekannter Anleger zu dem Zweck zusammen, ein Kultur- oder Wirtschaftsprojekt gemeinschaftlich zu finanzieren. Damit werfen Fintechs Fragen nicht nur des allgemeinen Schuldrechts, des Kauf-, Schenkungs-,Erfüllungsrechts, sondern auch des Gesellschafts-, Kartell- und Eigentumserwerbsrechts, aber auch des Währungs-, Wertpapier-, Finanz- bzw. des Finanzaufsichtsrechts, des Gewerblichen Rechtsschutzes und des Datenschutzrechts sowie des Steuer- und Arbeitsrechts auf.

Die möglichen Wirkungen eines rechtswidrigen Fintech-Einsatzes tangieren ebenfalls das Staats-, Straf-, und Ordnungsrecht. Aufgrund Ihres grenzüberschreitenden Einsatzes rufen Fintechs regelmäßig zudem Fragenstellungen des Internationalen Privatrechts (IPR), des Internationalen Strafrechts sowie des Europarechts auf (Einzelheiten siehe Abschnitt 1.5).

1.3 Technisch/Wirtschaftliche Entwicklung der Fintechs

Zugenommen hat die rasante Entwicklung von Fintechs mit dem kontinuierlichen Anstieg datentechnischer Möglichkeiten, insbesondere mit der des WWW und/oder des Internets (Alt/Puschmann 2016, inbes. S. 151 ff.). Dieses verknüpft eine unbestimmte Vielzahl von Interessenten und bildet so einen elektronischen »Markt«, dessen Transaktionen die Akteure, weitgehend ohne formelle Hindernisse wie Handschriftformerfordernisse oder lange Postwege, in Sekundenschnelle ausführen können (siehe Dorfleitner et al. 2019, S. 21 ff.). Derzeit treten Fintech-Anbieter bzw. die Anbieter von Fintech-Plattformen – aufgrund der Schnelligkeit, Einfachheit und vermeintlicher Kostenreduktion des Fintech-Handels – in zunehmende Konkurrenz zu herkömmlich arbeitenden Banken (Fehr 2013, S. 3 f.; Afhüppe 2017).

1.4 Ökonomisch/Wirtschaftliche Vor- und Nachteile von Fintechs

Die Vorteile der Fintechs liegen dabei auf der Hand. Die ökonomischen Vorteile der Fintechs bestehen insbesondere:

[39]In dem vereinfachten und schnellen Abschluss von Fintech-Transaktionen.Fehlende Zulassungsbeschränkung und der Wegfall von Marktzugangshindernissen – etwa der Erfüllung von (Schriftform) Formalia ermöglichen einem großen Interessentenkreis den Zugang und die Nutzung des Internetmarktes.Eigens die Vereinfachung, Beschleunigung und auch die Intensivierung der Unternehmensund Projekt-Finanzierung verbunden mit der Eröffnung weiterer Märkte geht mit der Verbesserung der Marktstruktur, speziell dem erleichterten Zugang von sog. Newcomern bzw. Start-up-Unternehmen einher.Die grenzüberschreitende Wirkung des Internets erstreckt diese weitgehend ungehinderte Marktnutzung auf grenzüberschreitende Transaktionen und verstärkt nennenswert die Europäisierung bzw. Internationalisierung der Anlage-, Beteiligungs-, Produkt- und Dienstleistungs-Märkte.Die Veröffentlichung von Fintech-Angeboten und -Nachfragen auf dem allgemein zugänglichen Internetmarkt bewirkt zudem eine weitaus höhere Markttransparenz als auf herkömmlichen, nicht elektronischen Börsenmärkten.In der hierdurch einhergehenden Erhöhung des Wettbewerbsgeschehens mag ein weiterer gesamtwirtschaftlicher Vorteil von Fintechs angesehen werden.

Andererseits stehen auch erhebliche Nachteile und Risiken den ökonomischen Vorzügen von Fintechs gegenüber:

Zu der grenzüberschreitenden Wirkung des Internets gerade in seiner Schnelligkeit liegt ein wesentlicher Risikofaktor der Fintechs: Die schnelle Abwicklung von Internettransaktionen lässt oft dem Anleger keinen ausreichenden zeitlichen Rahmen, seine Entscheidung ausreichend zu bedenken.Dies gilt insb. für das Fintech der Robo-Advisory. Diese ersetzt eine zeitaufwendige und persönliche Anlageberatung durch eine automatisierte Anlageberatung. Das für die herkömmliche, persönliche Anlageberatung gesetzlich geforderte Abwägen unterschiedlicher Alternativanlagemöglichkeiten sowie die Gelegenheit zu Rückfragen treten bei der automatisierten »Beratung« des Anlegers notwendigerweise in den Hintergrund, obschon beide o. g. Faktoren das Fachwissen und die Entscheidungsbasis des Anlegers vergrößert und seine eigene Entscheidungskompetenz stärkt.Ferner leisten anonyme Wirtschafts- bzw. Rechtsräume wie das Internet Vorschub für regelwidriges und sogar kriminelles Handeln. Denn diesen Räumen fehlt die soziale Kontrolle. Auch eine rechtliche Kontrolle ist – anders bei herkömmlichen Handelswegen – im grenzüberschreitenden, nationsüberschreitenden und Rechtssystem überschreitenden Internet, wie sich nachfolgend noch zeigen wird, nur unter erheblichen juristischen Schwierigkeiten möglich.Ein solches System schafft kaum nachhaltiges Anlegervertrauen in die Integrität und Verlässlichkeit dieses Handelssystems, so dass – eigens die stark umworbenen, wenig auf dem Gebiet der Fintechs erfahrenen Anleger (siehe insbes. Krimphove/Peitz 2019) – diese Anlageform meiden.

[40]1.5 Regelungs- bzw. Normierungsnotwendigkeiten

Den letztgenannten Nachteilen der Fintechs begegnen wirksame Rechtsetzungsinitiativen. Um sowohl den generellen wirtschaftlichen Nutzen von Fintechs zu garantieren als auch den Schutz des individuellen Anlegers, das Vertrauen potentieller Anleger und das Anlegervertrauen in die Integrität der Fintech-Märkte zu gewährleisten, sind beide entgegengesetzten Aspekte gegenüberzustellen und miteinander abzuwägen.

Zu den Kriterien einer solchen Abwägung zählen – neben den Vor- und Nachteilen der Fintechs (siehe Abschnitt 1.4) – insbesondere auch der Schutz des individuellen Anlegers vor Straftaten, wie Kapitalanlagebetrug, Insiderhandel und Marktmanipulationen, aber auch vor Verstößen gegen die Anlageberatungspflicht bzw. – wie im Fall der Kryptowährungen und BitCoins – vor dem Verfall ganzer Währungen.

1.5.1 Konditionen künftiger Fintech-Regulierungen

Im Rahmen der oben geforderten Abwägung ist – i.S.d. Praktischen Konkordanz – jedem der gegenläufigen Positionen und Interessen der größtmögliche Umfang ihrer Realisierung einzuräumen (Hesse 1999, Rn. 72; siehe auch BVerfGE 41, S. 29 ff., 51; 77, S. 240 ff., 255; 81, S. 298 ff., 308; Krimphove 2017, S. 584). Denn nur eine solche »Praktische Konkordanz« erlaubt den größtmöglichen ökonomischen Nutzen bei einer weitestgehend geringeren Belastung der einzelnen Rechtspositionen aller Beteiligten.

1.5.2 Wettbewerbsvorteile durch fehlendes Recht

In diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben darf der Umstand, dass derzeit sowohl Fintech-Anbieter als auch die Anbieter von Fintech-Plattformen – aufgrund der Schnelligkeit, Einfachheit und vermeintlicher Kostenreduktion des Fintech-Handels – in Konkurrenz zu den an europäischen wie nationalen Kundenschutz; insbesondere an Anlageberatungsnormen gebundene Banken treten (WiWo 2103, S. 3 f.; Afhüppe 2017), indem sie die bestehende Regelungslücke für Fintechs als wettbewerbsverzerrenden Vorsprung (siehe dazu § 3a UWG) für sich und zu Lasten der Banken und herkömmlichen Wertpapierdienstleister nutzen. Auch diese »Wettbewerbs- und Marktverzerrung« muss innerhalb der Abwägung, aber auch bei dem darauffolgenden Rechtssetzungsvorgang Berücksichtigung finden, will man die derzeitige wettbewerbliche Ungleichheit zwischen Banken und Finanzdienstleistern einerseits und Fintechsbzw. deren Plattformanbietern andererseits nicht verschärfen.

Ein künftiges Fintech-Recht muss daher derart ausgestaltet sein, dass es die unrechtmäßigen Wettbewerbsvorteile der derzeit weitgehend noch nicht regulierten Fintechs gegenüber den [41]der bisherigen Gesetzgebung und Rechtsprechung unterliegenden herkömmlichen Bank-,Kapitalmarkt- und Finanzierungspraxis und deren Geschäftspraktiken inhaltlich ausgleicht.

Dies kann sinnvoll nur durch eine konsequente, analoge Übernahme der bisher existenten Konditionen des europäischen wie des deutschen Rechts auf ein neu einzurichtendes Fintech-Recht erfolgen.

1.6 Bisherige Normierungsinitiativen

Erst allmählich setzt sich das Bewusstsein für die Risiken von Fintechs in Gesetzgebung, Rechtsprechung und Lehre durch. Richtungsweisend sind hier als erstes die grenzüberscheitend (wirkenden) Maßnahmen der Europäischen Union zu erwähnen:

1.6.1 Europäische Initiativen

Der Europäische Gesetzgeber befindet sich derzeit in dem Prozess regulativer Normierung von Fintechs. Dieser Prozess erfolgt nicht einheitlich und gleichmäßig für sämtliche Fintechs. Vielmehr fokussiert der Europäische Gesetzgeber seine Bemühungen auf die Fintechs

der Bezahlungsdienste,des Crowdfunding und Crowdlending,der Kryptowährung-Fintechs sowiedem neuen aufsichtsrechtlichen Prüfungsverfahren undder Regulatory Sandbox.

In all diesen Regelungsbereichen liegen des Weiteren auch noch keine abschließenden einschlägigen europäischen Regelungswerke in Gestalt von Europäischen Verordnungen oder Richtlinien vor. Vielmehr besteht der Prozess in einem Stadium, in dem der europäische Gesetzgeber lediglich Gesetzgebungspläne und/oder -vorschläge entworfen hat, die der weiteren Entwicklung lediglich ein Ziel bzw. eine Orientierung vorgeben.

1.6.1.1 Die Zweite Europäische Zahlungsdiensterichtlinie – PSD2

Ausgehend von der eben dargestellten Regelungsnotwendigkeit hat der europäische Gesetzgeber die Zweite Zahlungsdiensterichtlinie (EU) 2015/2366 , sog. PSD2 (Payment Services Directive) (Richtlinie (EU) 2015/2366 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. November 2015 über Zahlungsdienste im Binnenmarkt, zur Änderung der Richtlinien 2002/65/EG, 2009/110/EG und 2013/36/EU und der Verordnung (EU) Nr. 1093/2010 sowie zur Aufhebung der Richtlinie 2007/64/EG, ABl. L № 337, v. 23.12.2015, S. 35 ff.) erlassen. Generelles Ziel der Reformation der PSD2-Richtlinie ist es, sowohl Online- und Mobilfunkzahlungen zu fördern und damit [42]das Geschäftsfeld von Zahldiensten zu erweitern als auch diese grenzüberschreitenden europäischen Zahlungsdienste zum Schutze der Verbraucher sicherer zu gestalten. Mit dem Gesetz zur Umsetzung der Zweiten Zahlungsdiensterichtlinie vom 17. Juli 2017 (BGBl. I S. 2446) setzte der deutsche Gesetzgeber die PSD2-Richtlinie in das deutsche Recht zum 13. Januar 2018 um. Mit dem Umsetzungsgesetz ändert der deutsche Gesetzgeber das Zahlungsdienste-Aufsichtsgesetz und die zivilrechtlichen Vorschriften im Bürgerlichen Gesetzbuch.

Insbesondere zur Stärkung der Marktaktivitäten der Zahldienste sollen diese auf die von Banken geführten Zahlungskonten der Bankkunden zugreifen können. Nach Art. 38 Abs. 2 der Delegierten Verordnung (EU) 2018/389 der Kommission vom 27. November 2017 ABl. L, № 69 v. 13.3.2018, S. 23 ff.) müssen Banken – ab dem 14. September 2019 – Zahlungsdienstanbietern einen solchen Zugriff einräumen.

1.6.1.2 Der Europäische »Fintech-Aktionsplan

Die Kommission hat bereits am 8. März 2018 ihren ersten Aktionsplan aufgestellt (Europäische Kommission, Factsheet: Commission action plan on financial technology Fintech; Creating a more competitive and innovative financial market; https://ec.europa.eu/info/sites/info/files/180308-action-plan-Fintech-factsheet_en.pdf). Er dient im Wesentlichen der Verbesserung des Wettbewerbs mittels einer europaweiten Vereinheitlichung der Marktbedingungen insbesondere für Crowdfunding,- Lending und BitCoin-Fintechs. Die avisierte Wettbewerbsverbesserung steuert der Aktionsplan eigens durch eine Kostenreduzierung für Investoren und Unternehmen an (siehe Public consultation on Fintech: a more competitive and innovative European financial sector; https://ec.europa.eu/info/consultations/finance-2017-Fintech_en).