Fiorenza - Thomas Mann - E-Book

Fiorenza E-Book

Thomas Mann

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Beschreibung

Thomas Manns Drama "Fiorenza" entführt in das Florenz des späten 15. Jahrhunderts, wo die Stadt zwischen künstlerischer Blüte und religiöser Strenge zerrissen ist. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen Lorenzo de' Medici, dem Verkörperer von Lebensfreude, Sinnlichkeit und Renaissancekultur, und dem fanatischen Bußprediger Girolamo Savonarola, der mit asketischer Strenge und moralischem Eifer die Stadt zur Umkehr drängen will. Zwischen diesen Gegensätzen steht Fiorenza, zugleich Frau und Symbol der Stadt, hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft und Glauben. Mann entfaltet ein kraftvolles Bild von Macht, Verführung und geistigem Ringen, das die großen Fragen nach Kunst, Religion und menschlicher Freiheit in einer packenden Handlung verdichtet. "Fiorenza" ist ein Werk von intensiver Symbolik und dramatischer Spannung, das die geistigen Konflikte der Renaissance mit zeitloser Aktualität inszeniert.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2026

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FIORENZA

THOMAS MANN

INHALT

Erster Akt

1

2

Zweiter Akt

1

2

3

4

5

6

7

8

Dritter Akt

1

2

3

4

5

6

7

Zeit: Der Nachmittag des 8. April 14.92

Ort: Die Villa Medicea in Careggi bei Florenz

ERSTER AKT

Das Studierzimmer des Kardinals Giovanni de’ Medici. Ein intimes Gemach im oberen Stockwerk der Villa. Teppiche an den Wänden; dazwischen Bücherregale, in die Mauer eingelassen und lückenhaft mit Büchern und gerollten Schriften gefüllt. Hochgelegene, breitbänkige Fenster. Der Zugang, durch einen Gobelin geschlossen, in der Mitte des Hintergrundes. Links seitwärts ein Tisch mit schwer herabhängender Brokatdecke. Darauf ein Tintenfaß, Federn, Papiere. Davor ein hochlehniger Armstuhl. Rechts im Vordergründe ein mit dem Kugelwappen geschmücktes Sofa, an dem eine Laute lehnt. An der rechten Seitenwand ein großes Gemälde mythologischen Gegenstandes. Davor eine Etagere mit künstlerischen Gefäßen.

1

Auf dem Sofa vorn rechts sitzt der junge Kardinal Giovanni — siebzehnjährig, in rotem Käppchen, breitem weißem Klappkragen und roter Pelerine, mit weichem, hübschem, humoristischem Gesicht; bei ihm, auf dem Stuhle, Angelo Poliziano, gekleidet in einen langen dunklen, gefalteten Rock mit bauschigen Ärmeln, der sich am Halse einfach um den schmalen weißen Stehkragen schließt. Er hält sein kluges und sinnliches, von ergrauten Locken umrahmtes Gesicht, mit der starken, gebogenen Nase und dem von Hautfalten umgebenen Mund, dem Kardinal zugewandt, welcher, sehr kurzsichtig, mit seinem scherenartigen Lorgnon hantiert. Bücher, teils auf geschlagen, liegen über- und nebeneinander vor ihnen auf dem Teppich; eines hält Poliziano in Händen.

Poliziano: ... und an diesem Punkte, Giovanni, mein Freund und meines großen, geliebten Freundes Laurentius Sohn, komme ich auf die Hoffnung, den so berechtigten, so wohlbegründeten Wunsch zurück, mit welchem, gleich mir, die gesamte weisheitliebende Welt auf dich blickt ... Denke nicht, daß ich dabei die Rücksicht außer acht lasse, die ich deiner erhabenen Stellung in der heiligen Rangordnung schulde ...

Giovanni: Verzeiht doch, Meister Angelo! Habt Ihr gehört, daß der Padre Girolamo neulich im Dom gesagt hat, in der Hierarchie der Geister folge nach dem untersten der Engel alsbald der christliche Prediger?

Poliziano: Wie? ... Vielleicht ... Mag sein, daß ich davon hörte. Gehen wir darüber hinweg. Was ich dir klar vor Augen rücken möchte, ist dies, daß der Stellvertreter Christi, dessen Tiara du dem mutmaßlichen Lauf der Dinge nach dereinst zu tragen berufen bist, sich durchaus in keinen Widerspruch zu seinem heiligen Amte setzt, wenn er den Wunsch aller Liebhaber der schönen Weisheit erfüllt, den ich im Sinne habe. Es ist die Heiligsprechung Plato’s, Giovanni, du weißt es. Er ist göttlich, und es ist nichts als ein Gebot der Vernunft, ihn zum Gotte zu machen. Daß diese vernünftige und herrliche Tat einem Papst aus dem von Weisheit und Schönheit durchleuchteten Hause der Medici Vorbehalten ist, das lesen nicht allein die Sternkundigen am Himmel, sondern es ist ohne weiteres logisch und wahrscheinlich. Was aber Christus betrifft, so würde zweifellos er selbst die Kanonisation des antiken Philosophen nur billigen können. Christi Erscheinen ist von den Sibyllen zu mehreren Malen ausdrücklich geweissagt worden; an Virgils beziehungsvolle Verse brauche ich meinen Schüler nicht zu erinnern. Plato selbst hat, sicherer Überlieferung nach, mit deutlichen Worten darauf hingewiesen, und bei Porphyrius steht zu lesen, daß die Götter die ungewöhnliche Frömmigkeit und Religiosität des Nazareners anerkannt, seine Unsterblichkeit bestätigt und im ganzen das wohlwollendste Zeugnis für ihn abgelegt haben ... Kurz, mein Giovanni, ich bitte die Götter, mich den Tag erleben zu lassen, an dem du den Wunsch, den ich dir immer wieder ans Herz lege, erfüllen wirst; denn dieser Tag wird die schönste Frucht unserer gemeinsamen platonischen Studien sein ... Da der Kardinal in sich hineinkichert: Darf ich dich fragen, worüber du dich erheiterst?

Giovanni: Nichts, nichts ... über nichts, Meister Angelo! Aber mir fiel ein, daß Bruder Girolamo neulich im Dom gesagt hat, in Plato’s ›Gespräch über die Liebe‹ herrsche eine »obszöne Tugendhaftigkeit«. Ich finde das gut, hehe! Es ist scharf gesagt ... einerlei ...

Poliziano nach einer Pause: Ich bin gekränkt, Herr Giovanni, bin es mit Grund. Ihr seid unaufmerksam heute nachmittag, wart unaufmerksam schon während der ganzen Lektüre, und zwar im höchsten Grade. Ich habe es auf die Ungunst, die Unruhe und Sorge der Stunde geschoben. Euer herrlicher Vater ist krank, sehr krank, uns allen bangt um sein Leben. Aber erstens setzen wir unsere Hoffnungen in die kostbare Medizin, die der jüdische Arzt aus Pavia ihm verabreicht hat, und außerdem scheint mir, daß uns gerade in Stunden der Not und des Schmerzes die Philosophie als die vornehmste und willkommenste Trösterin erscheinen sollte. Dennoch würde ich es nur zu wohl verstehen, wenn der Gedanke an Euren Vater Euren Sinn von den Studien abzulenken vermöchte. Da ich aber erkennen muß, daß Ihr Euch vielmehr mit — dem Bruder Girolamo beschäftigt, dieser lächerlichen Kutte, dieser Fratze von einem Bettelmönch ...

Giovanni: Wer beschäftigte sich nicht mit ihm? ... Ihr müßt mir verzeihen, Meister Angelo! Seht her: Seid nicht böse! Seid gut! Es steht Euch nicht zu Gesicht, zornig zu sein. Ihr müßt immer schöne, gemessene und durchsichtige Dinge sprechen. Liebe ich Euch oder nicht? Wer weiß fast alle Eure Oktaven und Euer ganzes ›Kellerfest‹ in lateinischen Hexametern auswendig? Nun also! Was aber den Ferraresen betrifft, so habe ich wirklich Lust, ein wenig über ihn zu plaudern. Ihr müßt zugeben, daß er bei alldem eine eigentümliche und fesselnde Erscheinung ist. Er ist Prior eines Bettelordens, und man muß die Bettelorden verachten. Sie sind Gegenstand des öffentlichen Gelächters, und sooft ich in Rom war, habe ich erfahren, daß sie der Kirche nichts als eine Verlegenheit sind. Wenn nun aber einer der mißachteten und verhöhnten Fratri aufsteht und vermittelst seiner seltsamen Gaben nicht allein alle Vorurteile gegen seinen Stand überwindet, sondern auch die allgemeine Bewunderung auf sich lenkt ...

Poliziano: Bewunderung! Wer bewundert ihn? Ich nicht. Ich gewiß nicht. Der Pöbel ehrt ihn als seinesgleichen.

Giovanni: Nein, nein, nein, Meister Angelo, er ist nicht Pöbelsgleichen! Und nicht nur darum, weil er einer alten und hochangesehenen Bürgerfamilie von Ferrara entstammt. Ich habe ihn mehrere Male in Santa Maria del Fiore gehört, und ich versichere Euch, ich habe einen ungemeinen und vielfältig zusammengesetzten Eindruck von ihm davongetragen. Ich gebe Euch zu, daß er in einer verblüffenden Weise jeder Kultur und Zierlichkeit ermangelt; aber beobachtet man ihn genauer, so scheint es trotzdem, als müsse er am Körper wie an der Seele von seltsam zarter Beschaffenheit sein. Oftmals, auf der Kanzel, muß er sich setzen, so sehr erschüttert ihn seine eigene Leidenschaft, und man sagt, daß er nach jeder Predigt vor Erschöpfung das Bett hüten muß. Seine Stimme ist so wunderlich leise, und nur sein Auge und seine Gebärde gibt ihr scheinbar zuweilen eine entsetzliche Donnerkraft. Ich will Euch nur bekennen ... manchmal, wenn ich allein bin, nehme ich meinen venezianischen Spiegel und versuche, ihm nachzuahmen, wie er seine grellen Blitze gegen den Klerus schleudert. Kopierend: »Aber jetzt werde ich meine Hände ausstrecken, spricht der Herr; jetzt komme ich zu dir, feile, unzüchtige Kirche, verruchte, nichtswürdige, schamlose! Mein Schwert wird niederfahren auf deine Nepoten, auf deine Schandstätte, deine Dirnen, deine Paläste, und du wirst meine Gerechtigkeit fühlen ...« Ja, freilich! aber seht, ich kann es nicht. Ich würde einen jämmerlichen Bußprediger abgeben. Florenz würde mich weidlich auslachen, das freche Frauenzimmer! ... Was ich aber noch weniger könnte als er, obgleich ich doch Kardinal bin und Papst werden soll und er nur ein armer Bettelbruder ist, das ist dies, zukünftige Dinge vorherzusagen, Meister Angelo. Vor Jahr und Tag hat er den baldigen Tod des Papstes und meines Vaters, des Magnifico, verkündigt, und Gott wolle nicht, daß diese Prophezeiung vollends ganz in Erfüllung gehe. Soviel aber ist heute Tatsache: Der lebenslustige Mann, der sich mit so hübscher Ironie den Namen Innocenz gab, liegt seit Wochen in einer Art von stumpfsinniger Gefühllosigkeit, so daß ihn der ganze Hof zuweilen tot glaubt, und mein Vater ist so krank, daß man ihm heute morgen bereits das Sakrament der Eucharistie gereicht hat. Dies scheint ihn immerhin soweit erquickt zu haben, daß er nachher einen kleinen Scherz darüber machen konnte, der freilich herzlich matt herauskam. Aber ...

Poliziano : Dein Vater hat sich im Karneval ein wenig übernommen, das ist alles! Es ging auf den Künstlerfesten ungewöhnlich ausgelassen zu, und Lorenzo liebt die Schönheit und den Genuß so glühend, daß er die Rücksicht auf seine Gesundheit allzusehr außer acht läßt. Er handhabt den Becher der Liebe und der Freude, als sei sein Leib so unüberwindlich wie seine wundervolle Seele. Er ist es nicht... Ein Kind hätte prophezeien können, daß ihm irgendwann einmal eine Lektion in dieser Hinsicht würde zuteil werden müssen, und du willst es deinem Mönch als Wunder anrechnen? Geh, Giovanni! Du bist ein Närrchen, oder du willst mich zum besten haben, was das wahrscheinlichere ist. Willst du mir nicht auch von seinen Visionen erzählen? Mir Vorhalten, daß er hie und da den Himmel offen erblickt, Stimmen hört und Schwerter, Pfeile und Feuer regnen sieht? Ich will annehmen, daß der gute Frate an seine Offenbarungen und Gesichte glaubt, will sie seiner lächerlichen Einfalt zugute halten. Aber wäre er ein wenig geschulter und gebildeter, herrschte eine minder hoffnungslose Unordnung und Verworrenheit in seinen Anlagen und Studien, so würden sie, denke ich, ausbleiben ...

Giovanni: Das überzeugt mich. Das ist vollkommen wahr. Wir anderen alle sind bei weitem zu geschult und gebildet, um Gesichte zu haben; und wenn wir sie hätten, so würden wir nicht daran glauben: Aber er hat auf diese Weise Erfolg, Erfolg, Meister Angelo!

Poliziano: Niemand darf von Erfolg reden, wo nur der Pöbel gewonnen wird, indem man seinen armseligen Trieben schmeichelt; sonst müßte Florenz vor ganz Italien erröten ob des Erfolges dieser widerwärtigen Kapuze. Ich war ein einziges Mal im Dom zugegen, als er predigte, dieser bestaunte Prior von San Marco, und bei allen Grazien, Musen und Nymphen! ich gehe nicht wieder dorthin. Ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Beredsamkeit zu verstehen; ich habe mich wohl in einem Irrtum befunden. Man glaubte ehemals in Florenz, ein Prediger sei bewunderungswürdig durch die gemessene und vornehme Wahl seiner Bewegungen, Worte und Wendungen, durch seine umfassende Kenntnis der antiken Autoren, die er durch künstlerisch angeordnete Zitate beweist, durch bedeutende Sentenzen, Reinheit und Eleganz der Sprache, eine klangschöne Stimme, den meisterhaften Bau seiner Perioden und harmonischen Silbenfall; — das alles sind offenbar Possen. Der Gipfel der Erhabenheit ist vielmehr, wenn ein kränklicher Barbar mit glühenden Augen und ungezügelten Gebärden über den Verfall der keuschen Sitten greint, Bildung und Künste herabsetzt, Dichter und Philosophen schmäht, ausschließlich die Bibel zitiert, wie als ob dieses Buch nicht ein wahrhaft abscheuliches Latein enthielte, und sich zum Überfluß erfrecht, das Leben und Regiment des großen Lorenzo zu begeifern ... Er hat sich erhoben und geht erregt im Zimmer auf und ab, indes der Kardinal ihn wohlgefällig durch sein Lorgnon betrachtet.

Giovanni: Bei der heiligen Jungfrau, Meister Angelo, wie herrlich ergrimmt Ihr seid! Ihr seht die Dinge mit solcher Entschiedenheit von einer Seite an, — fast wie Bruder Girolamo in eigener Person. Fahrt fort! Ich höre Euch mit herzlichem Genuß. Sagt es noch beißender, sagt es vernichtend! »Epikureer und Säue« ... er hat von »Epikureern und Säuen« gesprochen. Das Wort ist populär geworden. Es bezog sich auf die Freunde meines Vaters, auf Ficino, Messer Pulci, die Künstler und mutmaßlich auch auf Euch, hehe ...

Poliziano: Hört, Herr Kardinal ...

Giovanni: Nun, nun! Was denn also! Liebe ich Euch oder nicht? Ihr habt so recht, wie das möglich ist ...

Poliziano: Ich sage nicht, daß ich recht habe, ich sage, daß ich diesen Wurm verachte, dafür, daß er die Wahrheit zu besitzen glaubt. Ein Lächeln, ihr guten Götter! Einen kleinen versteckten Spott! Ein feines Wort des Zweifels und der Überlegenheit über die Köpfe des Volkes hin, um sich mit uns anderen, uns Gebildeten zu verständigen, — und ich hätte ihm vergeben. Aber nichts, nichts dergleichen. Ein finsteres und dummes Verdammen von Unglaube und Unmoral, von Spottsucht, Laster, Üppigkeit und Fleischeslust ...

Giovanni schüttelt sich vor Vergnügen: Vaccae pingues ... ach, mein Gott, wißt Ihr, was er von den fetten Kühen gesagt hat, die auf dem Berge Samarias weiden? Er sprach davon, als er Arnos auslegte. »Diese fetten Kühe«, sagte er, »wollt ihr hören, was sie bedeuten? Sie bedeuten die Buhlerinnen, all die tausend und tausend fetten Buhlerinnen von Italien!« Das ist gut! Das ist ganz ausgezeichnet! Sagt nichts dagegen! Es gehört Phantasie dazu, auf so etwas zu verfallen, und ist eine unvergeßlich amüsante Vorstellung. Vaccae pingues! Ich kann keine fette Kuh mehr sehen, ohne an ein Freudenmädchen zu denken, und keine Priesterin der Venus, ohne an eine fette Kuh erinnert zu werden. Ich habe eine kleine Beobachtung gemacht. Im Witz, in der komischen Anschauung liegt die stärkste Gegenwirkung wider die fleischliche Begierde. Ich bin kein Kopfhänger, nicht wahr? Mich ergötzen Statuen, Bilder, Bauten, Verse, Musik und Scherze, und ich wünsche nichts, als ungestört und heiter diesen schönen Dingen leben zu können; aber ich versichere Euch, die Anfechtungen von seiten der Liebe empfinde ich dabei nicht selten als unbequem. Sie bringen mich aus dem Gleichgewicht, trüben meine Fröhlichkeit, erhitzen mich unangenehm ... nun gut! Gestern auf der Piazza ging an meiner Sänfte die dicke Pentesilea vorüber, die bei Porta San Gallo wohnt; ich sah sie an, und ich sage Euch, ich spürte nicht die mindeste Anfechtung. Ich bekam nur einen solchen Lachkrampf, daß ich die Vorhänge schließen mußte. Sie schritt genau wie eine fette Kuh, die auf dem Berge Samarias weidet!

Poliziano halb belustigt: Du bist kindisch, Giovanni, mit deinen Kühen. Donna Pentesilea ist eine sehr schöne Frau, die sich viel humanistische und künstlerische Bildung angeeignet hat und diesen Vergleich in keiner Weise verdient. Übrigens freut es mich, zu hören, daß du deinen Bruder Bußprediger von der komischen Seite nimmst.

Giovanni: Da irrt Ihr. Oh, keineswegs! Ich nehme ihn so ernst wie möglich. Muß man es nicht? Er ist ein berühmter Mann. Unser liebenswürdiges Florenz versteht sich doch, sollt’ ich meinen, darauf, Leute, die sich ohne Talent in die Öffentlichkeit wagen, unter seinen Witzen zu begraben. Er hat es erschüttert. Auf jeden Fall muß man ihm eine ungewöhnliche Religiosität und Erfahrenheit im Christentum zugestehen.

Poliziano: Erfahrenheit im Christentum ... vortrefflich! Hat man nichts gelernt, so muß die Erfahrenheit im Christentum, die Erleuchtung, das innere Erlebnis herhalten. Er verneint die Alten, er kümmert sich weder um Crassus noch um Hortensius noch um Cicero. Er hat nicht einmal zum Doktor der Theologie promoviert und mißachtet alle Kenntnisse der Welt. Er kennt, weiß, will nur sich, sich, sich selbst und spricht von sich selbst, welchen Gegenstand auch immer er behandeln möge; — ja, zuweilen arbeitet er mit Anekdoten aus seinem Privatleben, denen er eine tiefere Bedeutsamkeit zu geben sucht, — als ob irgendein Mensch von Bildung und Geschmack geneigt wäre, den Erlebnissen dieser Eule die mindeste Bedeutung beizumessen. Vor einigen Tagen fiel mir bei Herrn Antonio Miscomini, dem Drucker, ein Exemplar seiner Schrift ›Über die Liebe zu Jesu Christo‹ in die Hände, die lächerlicherweise in kurzer Zeit die siebente Auflage erreicht hat. Da der würdige Bruder Plato’s herrlichen Dialog verwirft, so war ich begierig, zu erfahren, was er selbst über die Liebe zu sagen hat. Was ich fand, mein Freund, war über alles Erwarten widerlich. Ein wüstes und brünstiges Durcheinander von dunklen, trunkenen und fieberhaften Empfindungen, Ahnungen und innerlichen Zwischenzuständen der Seele, die ganz vergebens nach einem plastischen sprachlichen Ausdruck ringen. Mir schwindelte, mir ward übel. Im Ernst, ich begreife sehr wohl, daß diese Art von Studium eine aufreibende Beschäftigung sein muß, ich verstehe seine Ohnmächten und Erschöpfungen. Statt seinen ehrenwerten Eltern ins Kloster und in die Heiligkeit zu entlaufen und zwischen nackten Zellenwänden in sein eigenes finsteres Inneres zu starren, hätte dieser Narr sich ein wenig unterrichten und seinen Blick für die bunte, herrliche Körperlichkeit der Außenwelt klären und schärfen sollen. Er wüßte dann, daß das Schaffen keine Marter und Kasteiung, sondern eine fröhliche Sache ist, daß alles Gute leicht und selig vonstatten geht. Ich habe mein Drama ›Orpheus‹ in einigen wenigen Tagen geschrieben, und meine Lieder fließen mir angesichts der Schönheit dieser Welt, beim Wein, beim Fest von der Lippe, ohne daß ich mich darauf zu Bette begeben müßte ...

Giovanni: Es sei denn, der Wein wäre schuld daran! ... Ja, Meister Angelo, Ihr seid die Leuchte des Jahrhunderts. Wer täte es Euch gleich? Niemand schaut die Welt so hold wie Ihr. Niemand singt so süß wie Ihr das Lob eines schönen Knaben. Vielleicht hat Bruder Girolamo sich gesagt, daß ein ehrgeiziger Mann die Sache schon ein wenig anders anfassen muß, um neben Euch zu bestehen ...

Poliziano: Spottest du?

Giovanni: Das weiß ich nicht. Da fragt Ihr zu viel. Ich weiß niemals, wann ich spotte und wann ich ernsthaft rede ... Was gibt’s?

Ein Türhüter hebt den Teppich vom Eingänge: Der Prinz von Mirandola.

Giovanni: Pico! Er ist willkommen. Nicht wahr, Meister Angelo? er soll willkommen sein. Der Türhüter zieht sich zurück. Kommt her! Seid gut! Liebe ich Euch oder nicht? Ihr sollt recht haben, ich gebe mich besiegt. Bruder Girolamo ist eine Fledermaus ... seid Ihr zufrieden? Man muß ein wenig disputieren, nicht wahr? Wäret Ihr für ihn eingetreten, so würde ich ihn nach Kräften schlechtgemacht haben ... Da ist Pico! Guten Tag, Pico!

Poliziano: Wärst du weniger liebenswürdig, Schelm, daß man dir wenigstens gram sein könnte ...

2

Giovanni Pico von Mirandola tritt rasch herein, läßt seinen Mantel in die Hände des Bediensteten fallen und kommt lebhaft nach vorn. Er ist ein üppiger Jüngling, elegant und willkürlich in seidene Stoffe gekleidet, mit langen, wohlgepflegten blonden Locken, feiner Nase, einem Frauenmunde und Doppelkinn.

Pico: Wie geht es dem Magnifico? ... Guten Tag, Vannino! Ich grüße Euch, Herr Angelo! ... Puh, ich vergehe vor Hitze. Wer mein Freund ist, ihr Herren, verschafft mir eine Limonade, und zwar so kalt wie die cocytischen Gewässer. Der Kardinal geht, indem er den Polizian zu bleiben bedeutet, in gefälliger Eile zur Tür und erteilt selbst nach außen den Befehl. Beim Bacchus, mir klebt die Zunge am Gaumen. Was ist das für ein warmer April! An San Stefano in Pane war die Uhr fünfzehn, und noch immer gibt’s keine Kühlung. Ihr müßt wissen, daß ich von Florenz komme, was das Pferd laufen wollte. Ich hatte bei Euren Verwandten, den Tornabuonis, zu Mittag gegessen, Giovanni, und mich dort allzu lange verweilt. Man muß den Tornabuonis lassen, daß sie eine gute Küche führen. Es gab Mastgeflügel aus Frankreich, mein Junge, von einer Zartheit des Fleisches, die du zu würdigen gewußt hättest. Ja, das Leben hat seine Reize. Und Lorenzo ... Im Ernst, wie befindet sich Lorenzo seit heute vormittag?

Poliziano: Sein Zustand scheint unverändert, seit Ihr ihn saht, gnädiger Herr. Der Kardinal und ich, wir erwarten hier den Bericht des Leibarztes über die Wirkung des Trankes aus destillierten Edelsteinen, den Herr Lazzaro aus Pavia unserm Herrn verabreicht hat, und um den Gang der schweren Stunden zu beflügeln, haben wir ein wenig den Studien obgelegen, von denen uns später ein unwürdiger Gegenstand freilich weit entfernte ..., aber Meister Pierleoni hat uns noch immer nichts Neues gemeldet. Ach, gnädigster Herr, ich fange an, die wunderbaren Fähigkeiten dieses vielbeschrienen Trankes zu bezweifeln. Sein Erzeuger hat Careggi stehenden Fußes wieder verlassen, nachdem er, nebenbei bemerkt, ein wahres Sündenhonorar in Empfang genommen, und hat es uns anheimgegeben, die günstige Wirkung seiner Medizin abzuwarten. Wollte sie eintreten! Mein großer, geliebter Gebieter! Habe ich dich darum vor vierzehn Jahren im Dom vor den Dolchen der Pazzi errettet, damit du mir nun, auf der Höhe des Lebens, von einer tückischen Krankheit entrissen werden sollst? Wohin mit mir Armen, wenn du zu den Schatten gehst? Ich bin nur ein Schlinggewächs, das sich um dich, den Lorbeer, rankt und dahinsterben muß, wenn du verdorrst. Und Florenz? Was wird aus Florenz? Es ist deine Geliebte. Ich sehe es in Witwengram verwelken ...

Pico: Herr Angelo, ich bitte Euch, das ist ein Trauergesang, und er kommt zu früh. Lorenzo lebt, und Ihr dichtet an seinem Tode. Euer Genius reißt Euch fort ... Sagt, hat Meister Pierleoni sich endlich in bestimmter Weise über den Charakter der Krankheit geäußert?

Poliziano: Nein, gnädiger Herr. Er erklärt in Wendungen, die dem Laienverstande schwer zugänglich sind, das Mark des Lebens sei von Fäulnis ergriffen. Ein entsetzlicher Gedanke!

Pico: Das Mark des Lebens?

Poliziano: