Fischermord - Katharina Peters - E-Book

Fischermord E-Book

Katharina Peters

5,0
7,99 €

Beschreibung

Fluchtpunkt Rügen. Romy Beccare und Jan Riechter, Leiter ihres Kommissariats, haben geheiratet. Kaum aus den Flitterwochen zurückgekehrt, gibt es Arbeit für die Ermittler. Auf einem Hof im Norden Rügens wird der Besitzer und Familienvater Torsten Fischer erhängt aufgefunden. Erst sieht es so aus, als habe er Suizid begangen, dann jedoch entdeckt man einen fremden Fußabdruck am Tatort. Romy findet heraus, dass der Tote seine Biografie gefälscht hat. Er wurde in Argentinien geboren und kam erst in den neunziger Jahren nach Rügen. Zudem schien er eine geheime Affäre gehabt zu haben. Doch wo ist genau das Motiv für die Tat? Der neue Roman von der Autorin der Bestseller "Hafenmord" und "Todesstrand". So hat man Rügen noch nie gesehen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 387




Über Katharina Peters

Katharina Peters, Jahrgang 1960, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist passionierte Marathonläuferin, begeistert sich für japanische Kampfkunst und lebt am Rande von Berlin.

Informationen zum Buch

Romy Beccare und Jan Riechter, Leiter ihres Kommissariats, haben geheiratet. Kaum aus den Flitterwochen zurückgekehrt, gibt es Arbeit für die Ermittler. Auf einem Hof im Norden Rügens wird der Besitzer und Familienvater Torsten Fischer erhängt aufgefunden. Erst sieht es so aus, als habe er Suizid begangen, dann jedoch entdeckt man einen fremden Fußabdruck am Tatort. Romy findet heraus, dass der Tote seine Biografie gefälscht hat. Er wurde in Argentinien geboren und kam erst in den neunziger Jahren nach Rügen. Zudem schien er eine geheime Affäre gehabt zu haben. Doch wo ist genau das Motiv für die Tat?

Der neue Roman von der Autorin des Bestsellers »Hafenmord«. So hat man Rügen noch nie gesehen.

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Katharina Peters

Fischermord

Ein Rügen-Krimi

Inhaltsübersicht

Über Katharina Peters

Informationen zum Buch

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Ermittlerteams Rügen und Stralsund

Impressum

Für Dirk Meynecke.

Wegbereiter, Taktgeber, Motivator.

Prolog

Die Augenbinde war fest im Nacken zusammengebunden. Er selbst hatte dafür gesorgt, dass der Knoten gut saß. Wenn er schummeln könnte, wäre es ja keine Überraschung. Er lächelte. Was für eine schöne Idee. Eine sanfte Brise strich durch sein Haar, von weitem war das Rauschen der See zu hören. Er liebte das Geräusch. Die Dunkelheit war vollkommen. Alles war vollkommen. Von der Umgebung konnte er kaum Schemen erahnen, aber er war zu Hause und fühlte sich geborgen und sicher. Nur wenige Augenblicke später hörte er das Knarzen der Tür, und ihm war klar, dass er in den Stall geführt wurde. Die Wärme der Tierkörper schlug ihm entgegen. Vielleicht ist ein Hengst geboren, dachte er – ein starker junger Zuchthengst. Das wäre eine wunderbare, eine perfekte Überraschung in der Nacht zu seinem Geburtstag. Er ging langsam, achtete auf jeden Schritt und spürte, wie ihn Vorfreude und Aufregung ergriffen.

Er blieb stehen, als ihn eine Hand an der Schulter berührte, und spitzte die Ohren. Erneut knarzte die Tür, diesmal hinter ihm, ein leises Räuspern war zu hören und das Scharren von Hufen.

»Ihr macht es aber wirklich sehr spannend«, sagte er leise. Niemand antwortete. »Na schön – und nun?«

Er wurde zwei Schritte nach vorne geschoben und wartete darauf, dass man ihm die Binde abnahm und die fröhlichen Gesichter einer Schar von Gästen vor ihm auftauchten, die aus einer Kehle »Überraschung« schrien und johlend aufsprangen. Dann spürte er plötzlich ein leichtes Gewicht auf Schultern und Brust. Er musste lachen – das könnte ein Siegeskranz sein, wie er nach hochklassigen Rennen dem erstplatzierten Pferd um den Hals gehängt wird. Schöne Idee! Das Nächste, was er hörte, war ein Schnalzen. Im gleichen Augenblick bemerkte er, dass sich der Kranz dicht um seinen Hals schloss. Er lockerte die Schultern. Das ist gar kein Kranz, dachte er verwundert. Das Gefühl der Enge nahm zu. »Was habt ihr vor?« Seine Stimme vibrierte, er hob die Hände, aber plötzlich gab es einen kräftigen Ruck – ein Seil, eine Schlinge, durchfuhr es ihn. Er griff hastig mit beiden Händen nach seinem Hals, aber im nächsten Moment zog sich die Schlinge ruckartig zu, so dass er keine Luft mehr bekam, und eine Sekunde später verlor er den Boden unter den Füßen. Seine Finger krallten sich in das dünne Seil, er strampelte und versuchte zu schreien, aber es kam nur ein Krächzen heraus. Blase und Darm entleerten sich, die Scham ertrank in Todesangst. Der Siegeskranz ist eine Schlinge, fuhr es ihm durch den Kopf. Sie töten mich, dachte er. Ich sterbe. Im selben Augenblick löste sich die Binde, und er blickte in die Augen seines Mörders.

1

Durch das offene Fenster hörte sie ein paar aufgeregte Möwen kreischen, die Sonne war gerade aufgegangen. Romy war seit wenigen Minuten wach. Jan schnarchte leise. Einen Moment betrachtete sie sein entspanntes Gesicht und das eigenwillige Kinn und strich ihm über die Wange. Seit mehr als zwei Wochen verheiratet, und es fühlt sich immer noch richtig gut an, dachte sie und lächelte. Sie schob die Bettdecke zurück und stand auf. Sie zog sich an, trank ein Glas Saft und machte sich auf den Weg zum Strand. Um sechs Uhr früh hatte sie ihn fast für sich alleine, zumindest im Mai, außerhalb der Ferienzeit. Ein Jogger lief Richtung Thiessow, zwei Fischerboote schaukelten bei minimalem Wellengang behäbig die Küste hinauf. Sie versank einen langen Moment in der Betrachtung des Morgenhimmels und lief dann am Strand entlang, jeden Schritt auskostend.

Ihre Hochzeitsreise hatte sie quer durch Italien bis runter nach Sizilien geführt, und es war wunderschön gewesen, keine Frage. Das Aber, das mitschwang, war immer das gleiche – es war nicht Rügen. Ende. Sie wollte gerade ihre Schuhe ausziehen und weiter durchs Wasser waten, als ihr Smartphone vibrierte. Fines Konterfei strahlte ihr vom Display entgegen. Die gute Seele des Innendienstes kümmerte sich seit dreißig Jahren auf ihre ganz eigene forsche Art um die Geschicke im Bergener Kriminalkommissariat. Mit ihr war nicht gut Kirschen essen, ihre dröhnende Stimme war legendär, und wen sie mochte, durfte sich glücklich schätzen. Wer sich ihren Missmut zuzog, dem standen schwere Zeiten bevor, von dauerhafter Antipathie einmal ganz zu schweigen.

Ein Anruf um diese Zeit war kein gutes Zeichen. Romy stellte die Verbindung her. »Moin. Habe ich dich geweckt?«

»Nein. Ich bin am Strand unterwegs und …«

»Gut. Ich schätze, du kannst dein Touri-Programm beenden und dir den Sand aus den Zehen pulen. Wir haben eine Leiche – oben in Wittow. Ich informiere gleich noch die anderen. Deinen Mann musst du schon selbst aus dem Bett schmeißen.«

»Okay, das kriege ich hin, ich …«

»Bis dann.«

»Warte, Fine! Wie wäre es mit ein paar Stichworten?«

»Ach ja, hätte ich fast vergessen. Torsten Fischer, fünfundfünfzig. Wurde erhängt im Stall gefunden. Sieht nach Suizid aus, aber genauer anschauen solltet ihr es euch trotzdem. Alles Weitere haben die Kollegen aus Altenkirchen dann für euch, und Buhl dürfte auch schon unterwegs sein.«

Kriminaltechniker Marco Buhl war der Leiter der Kriminaltechnik; Romy konnte sich an keinen Fall erinnern, dessen Lösung sie nicht auch seiner zuverlässigen und gründlichen Arbeitsweise verdankten. »Gut. Ich beeile mich.«

Als sie zu Hause eintraf, war Jan gerade aufgestanden und kochte Kaffee. Abgesehen von knapp sitzenden schwarzen Shorts, in denen er eine ausgesprochen gute Figur machte, trug er nichts. Er sah sie an, lächelte und runzelte dann die Stirn. »Arbeit?«

»Ja. Fine hat gerade angerufen. Könnte sich um einen Suizid handeln, oben in Wittow.«

Er sah auf die Uhr. Romy wusste, dass er dringend in der Polizeiinspektion Stralsund erwartet wurde.

»Ich denke, ich kann mir das zunächst mal alleine ansehen.«

»Okay. Zeit für ein kleines Frühstück?«

»Ich fürchte, nicht.« Sie trat näher, küsste ihn auf die kratzende Wange und legte einen Arm um seine Hüfte. »Sag mal, seit wann bist du eigentlich schon so früh derart munter?«

»Ich weiß nicht, worauf du anspielst.«

Sie knuffte ihn in die Seite. Jan war der Inbegriff des Morgenmuffels, und es war äußerst selten, dass er bereits kurz nach dem Aufstehen gesprächig und fröhlich war. In den Flitterwochen hatte sie sich allerdings nur selten beklagen können. »Bis dann.«

Sie griff nach einem Stück Brot, trank einen Espresso und machte sich wenig später auf den Weg.

Torsten Fischer war in der Nacht zu seinem fünfundfünfzigsten Geburtstag gestorben. Der gebürtige Greifswalder war gelernter Pferdewirt und hatte sich als erfolgreicher Züchter im Pferdesport auch über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht; vor einiger Zeit hatte er seine Ambitionen erweitert und eine kleine Alpakaherde angeschafft. Der aufwendig sanierte Hof war nahezu schuldenfrei, lediglich für den Ausbau geplanter Ferienunterkünfte hatte Fischer kürzlich einen Kredit aufgenommen – so viel hatte Max bereits auf die Schnelle recherchiert. Als Romy eine gute Stunde später auf dem idyllisch gelegenen Hof an der nördlichen Küste der Insel eintraf, hatten Buhls Leute bereits mit der Arbeit angefangen. Ein Kollege aus Altenkirchen informierte sie, dass der Notruf gegen sechs Uhr früh von Fischers Ehefrau Eva getätigt worden war. Sie hatte ihren Mann im Stall gefunden und sofort die Polizei gerufen. Zur selben Zeit habe ich am Strand von Lobbe über die See geblickt und den Morgen begrüßt, dachte Romy.

»Frau Fischer wartet im Haus – mit den Kindern.«

»Danke.«

Romy ging über den Innenhof zum Stall. Eine Gruppe von Leuten in derben Arbeitsklamotten – wahrscheinlich Angestellte, die darauf warteten, dass sie die Tiere versorgen konnten – warf ihr stumme Blicke zu. Die Tür war verschlossen, was sehr wahrscheinlich bedeutete, dass die Position des Toten noch nicht verändert worden war. Romy atmete tief durch und drückte die Klinke herunter. Warmer Stallgeruch strömte ihr entgegen, das Schaben von Hufen, leises Schnauben und Wiehern. Ein Sonnenstrahl erfasste die hängende Leiche. Einer von Buhls Männern fotografierte, ein Assistent der Rechtsmedizin stieg gerade auf eine Leiter, begutachtete die Gesichtsverfärbungen und sah sich die Hände des Toten an. Buhl kam ihr entgegen und nickte nur knapp.

»Tod durch Erhängen. Er ist qualvoll erstickt«, meinte er leise, aber in gewohnt sachlichem Ton. »Ein Genickbruch war ihm nicht vergönnt, meint Möllers Assistent. Dazu hätte er anders vorgehen müssen.«

Romy räusperte sich. »Die Schlinge müsste anders liegen?«

»Ja. Außerdem sollte man mit Schwung … na, du weißt schon.«

»Ich kann es mir vorstellen. Dein erster Eindruck?«

Buhl wies mit einer kurzen Handbewegung auf einen abseits liegenden Hocker. »Im Moment sieht es nach Suizid aus. Er hat sich auf den Hocker gestellt und ihn später beiseitegetreten. Keine typischen Abwehrverletzungen oder andere Ausschlusskriterien, was die Auffindesituation angeht, aber Details gibt es natürlich erst, wenn Doktor Möller den Mann persönlich auf dem Tisch hatte. Und den Stall durchforsten wir natürlich auch noch sehr gründlich.«

»Klar.«

Romy sah zu, wie Möllers Assistent den Leichnam schließlich mit Hilfe von zwei Technikern zu Boden sinken ließ und behutsam auf eine Plane legte. Sie trat näher. »Kann man schon etwas Genaueres zum Todeszeitpunkt sagen?«

»Nein. Irgendwann am späten Abend oder auch in den Nachtstunden«, gab der Mann einsilbig zurück.

»Okay, danke.« Romy scheute sich normalerweise nicht, Tote genauer in Augenschein zu nehmen, aber der Tod durch Erhängen und langsames Ersticken hinterließ grausame Spuren und veränderte das Gesicht auf schreckliche Weise. Der Mann auf der Plane hatte nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Foto, das Max ihr aufs Smartphone geschickt hatte. Noch vor wenigen Stunden war Torsten Fischer ein attraktiver Mann mit gewinnendem Lächeln gewesen, Vater von drei Kindern, erfolgreicher Züchter und Geschäftsmann. Auf den ersten Blick hatte er ein erfülltes und zufriedenes Leben geführt, noch dazu an einem der schönsten Plätze der Welt, zumindest nach Romys Ansicht.

Sie verließ den Stall und trat in die Sonne. Ihr eigenes Glück war gerade vollkommen, und es schien bizarr, über Tod und Suizid zu sprechen. Das ist mein Job, dachte sie, egal, ob ich gerade glücklich oder mies drauf bin, das Leben genieße oder Probleme habe. Sie schloss kurz die Augen, dann drehte sie sich um und ging zum Wohnhaus der Fischers – ein wuchtiges, reetgedecktes Haus mit ausreichend Platz für ein Dutzend Menschen. Romy wollte gerade klopfen, als die Tür geöffnet wurde. Vor ihr stand ein schätzungsweise sechzehn-, siebzehnjähriger schlaksiger Teenager, der dem Foto seines Vaters auffallend ähnlich sah – unverkennbar Fischers Sohn. Im Augenblick war er allerdings ziemlich blass. »Sind Sie die Kommissarin?«

»Ja. Mein Name ist Ramona Beccare vom Kriminalkommissariat in Bergen.«

Der Junge musterte sie mit unruhigen Augen. »Ich bin Steffen. Kommen Sie herein.«

Steffen führte sie durch eine weitläufige Diele in ein Wohnzimmer. Großformatige Pferde- und Landschaftsbilder sowie dunkles Mobiliar beherrschten den Raum. Die schmale Gestalt der Witwe versank fast in einem breiten Ledersessel. Eva Fischer erhob sich kurz, reichte Romy die Hand und wies mit einladender Geste auf den Sessel ihr gegenüber, während sie sich wieder setzte.

»Frau Fischer, es tut mir leid, was geschehen ist«, ergriff Romy das Wort. »Wie Ihnen meine Kollegen sicher bereits erläutert haben, müssen wir das Geschehen untersuchen und …«

»Warum eigentlich?«, warf der Sohn ein, während er sich aufs Sofa fallen ließ. Er hob das Kinn. »Er hat sich …«

»Steffen«, fiel ihm seine Mutter ins Wort. Ihre Stimme klang erstaunlich energisch. »Kommissarin Beccare macht nur ihren Job.«

Romy nickte. »So ist es.«

Eva Fischer war bleich und wirkte erschüttert, aber sie hatte keineswegs die Kontrolle verloren und bemühte sich um Haltung. Das konnte man in einer solchen Situation, in der viele Menschen zusammenbrachen und kaum ansprechbar waren, nicht hoch genug wertschätzen. Romy sah den Jungen an – auch er stand ohne Zweifel unter Schock und hatte sehr wahrscheinlich noch gar nicht verinnerlicht, was geschehen war. Das würde später kommen. »Wir müssen jeden Zweifel ausschließen, dass jemand nachgeholfen hat«, fuhr sie fort.

Steffen runzelte die Stirn und biss sich auf die Unterlippe, aber er schwieg. Romy wandte sich wieder an die Witwe. »Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen? Ich mache es so kurz wie möglich.«

Eva Fischer nickte. Sie strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. »Natürlich.«

»Sie haben bemerkt, dass Ihr Mann heute Morgen nicht in seinem Bett lag und sind sofort in den Stall gegangen?«

»Ja. Es ist ja sein Geburtstag …« Sie blickte kurz zur Seite und zog die Schultern zusammen. »Er sollte eigentlich liegen bleiben, und ich wollte ihm das Frühstück bringen, aber …« Sie schluckte. »Eine unserer Stuten ist hochträchtig, und ich dachte, dass er aufgestanden ist, um nach ihr zu sehen. Er schläft immer unruhig, ich meine: Torsten schlief immer unruhig, wenn ein Fohlen unterwegs ist, und unsere Leute fangen meist erst um sieben an, aber selbst wenn einer der Pferdepfleger schon da war: Es ließ ihm keine Ruhe, so dachte ich, verstehen Sie?«

»Ja.«

»Ich habe Kaffee aufgesetzt und bin schließlich raus auf den Hof. Es war so still …« Sie starrte einen Augenblick ins Leere.

»War die Stalltür geschlossen?«

Die Witwe blinzelte. »Ja, ich glaube schon.« Sie nickte. »Ich habe sie geöffnet, bin ein paar Schritte gegangen und habe nach oben gestarrt. Ich weiß nicht, wie lange. Irgendwie konnte ich es nicht glauben. Er hing da und …«

»War irgendetwas verändert im Stall?«, fragte Romy mit leiser Stimme.

»Wie meinen Sie das?«

»Haben Sie ein merkwürdiges Geräusch gehört, oder hatten Sie vielleicht das unbestimmte Gefühl, nicht alleine zu sein?«

»Schwer zu sagen.« Eva Fischer schüttelte den Kopf. »Als ich endlich begriff, was ich sah, bin ich rückwärts wieder rausgelaufen – na ja, gestolpert trifft es wohl eher. Ich habe gerufen, geschrien und wenig später die Polizei informiert.«

»Ihre Kinder …«

»Steffen kam mir entgegen, Marie ist zurzeit auf Klassenfahrt, glücklicherweise.«

»Marie ist Ihre Jüngste?«

»Ja. Sie ist zwölf.«

»Sie haben drei Kinder, nicht wahr?«

»Ja. Es gibt noch Daniel, Steffens Zwillingsbruder.« Eva Fischer sah auf ihre Hände, ihre Unterlippe zitterte plötzlich. Als sie den Kopf wieder hob, schwammen ihre Augen in Tränen. »Er ist seit einem Unfall ein Pflegefall. Wir betreuen ihn inzwischen mit Unterstützung eines Pflegers gemeinsam hier zu Hause.«

Romy lehnte sich zurück. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Steffen kaum wahrnehmbar den Kopf schüttelte, und fixierte ihn. »Stimmt was nicht?«, wandte sie sich direkt an ihn.

Er zögerte nur kurz. »Es war kein Unfall.«

»Steffen, lass gut sein, bitte«, ermahnte ihn seine Mutter.

Er senkte den Blick. »Tut mir leid.«

»Was ist passiert?«, fragte Romy.

Eva Fischer setzte sich gerade auf. Sie überlegte einen Moment. »Daniel war vor etlichen Monaten in eine Prügelei verwickelt oder besser gesagt: Er wurde überfallen und zusammengeschlagen«, antwortete sie schließlich. »Die Hintergründe konnten nicht geklärt werden. Er trug schwere Kopfverletzungen davon und fiel ins Koma. Inzwischen muss er nicht mehr künstlich beatmet werden und befindet sich im sogenannten Wachkoma. Ob er daraus je wieder erwacht, kann uns niemand genauer sagen oder gar versprechen, aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Er ist jung und kräftig, darauf setzen wir.«

Das klang schrecklich. Ein Schicksalsschlag, dem nur kurze Zeit später ein weiteres Familiendrama folgte. Romy schwieg betroffen. Sprach sie deshalb von einem Unfall? Wie steckte man so etwas weg? Wahrscheinlich gar nicht. »Wie ist Ihr Mann mit der Situation fertig geworden?«

Die Witwe setzte ein nachdenkliches Gesicht auf, Steffen wandte sich ab. »Es war für uns alle nicht leicht, aber mit vereinten Kräften kann man so was packen …« Sie schluckte.

»Ihr Mann …«

»Er war hin und wieder etwas melancholisch in letzter Zeit, ja, aber das hatte nichts mit Daniel zu tun.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja. Torsten ist … war ein zupackender, pragmatischer Mann. Daniels Zustand hat ihn nicht aus der Bahn geworfen, und wir haben alle versucht, das Beste daraus zu machen und nach vorne zu schauen.«

Das klang zu schön, um wahr zu sein. Womöglich hatte die Frau nur wenig von der Niedergeschlagenheit ihres Mannes mitbekommen, weil er – ein zupackender, pragmatischer Mann, darauf geeicht, Probleme zu lösen und Stärke zu signalisieren – seine tieferen Gefühle vor ihr verborgen hatte. Gefühle und Ängste, die ihn schließlich doch überwältigt hatten, am Vorabend seines Geburtstages, nach einer längeren Phase der Melancholie.

»Einen Abschiedsbrief hat er nicht hinterlassen?«

»Nein.«

»Haben Sie danach gesucht?«

»Bisher nicht.«

»Bitte schauen Sie nach.«

»Ja.«

»Frau Fischer, darf ich Sie fragen, wie Ihre Ehe war?«

»Sie dürfen. Wir waren glücklich – nicht immer, aber oft.«

Sie atmete tief durch. »Wie das so ist in langjährigen Beziehungen. Wir waren achtzehn Jahre verheiratet.«

Romy überlegte kurz, dann beschloss sie, dass Gespräch vorerst zu beenden. Sie stand auf und reichte der Witwe die Hand. »Danke für Ihre Zeit und Ihr Verständnis. Unter Umständen muss ich noch einmal Ihre Geduld strapazieren.«

»Natürlich, kein Problem.«

»Ihre Mitarbeiter werden wir auch befragen müssen.«

»Das ist mir klar.«

Steffen erhob sich und begleitete Romy zur Tür. Die Klinke in der Hand, drehte sie sich noch einmal zu ihm. »Darf ich du sagen?«

»Klar.«

»Wie war das Verhältnis zu deinem Vater?«

Er rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Es war okay.«

»Geht es etwas genauer?«

Steffen zuckte mit den Achseln. »Ich bin siebzehn. Eltern nerven, und zwar nicht zu knapp. Aber insgesamt ist es okay.«

Romy lächelte. So ähnlich hätte sie in seinem Alter wohl auch geantwortet. »Was glaubst du, was passiert ist?«

Er runzelte die Stirn und schob die Hände in die Hosentaschen. »Ich weiß es nicht.« Seine Schultern zuckten plötzlich.

Romy berührte ihn kurz am Arm. »Entschuldige. Wir reden später noch einmal, okay?«

Darauf antwortete Steffen nicht.

Romy nahm sich anschließend noch eine gute Stunde Zeit und befragte die Angestellten, deren Personalien der Kollege aus Altenkirchen bereits aufgenommen hatte. Niemand konnte sich erklären, warum Torsten Fischer Suizid begangen hatte. Eine Art Melancholie war keinem aufgefallen, schon gar nicht in letzter Zeit. Warum auch? Alles lief hervorragend. Die Pferdezucht war längst mehr als ein Geheimtipp, und die Alpakas waren ein schönes Zusatzgeschäft. Zur Familiensituation konnte niemand Genaueres sagen, aber auch hier herrschte der einheitliche Tenor, dass alles auf einem guten Weg war. Es herrschte Zuversicht, dass Daniel vollständig genesen würde.

»Fischer war kein Typ, der Trübsal bläst«, meinte der Hofverwalter, ein breitschultriger Mann mit störrischem Haar und offenem Blick aus tiefblauen Augen. Romy schätzte ihn auf Ende vierzig. »Der packte die Dinge an, und das meiste gelang ihm.«

»Wissen Sie von Streit oder Konflikten?«

»Nichts, was über den normalen Alltag hinausgeht. Auf dem Hof herrscht natürlich auch mal ein rauer Ton – wir sind hier nicht im Häkelkurs.« Er lächelte schief.

Romy sparte sich die Nachfrage, warum es seiner Ansicht nach im Häkelkurs deutlich sanfter zuging. »Ärger mit Freunden oder in der Familie?«

»Da bin ich überfragt. Ich glaube, er hatte gar keine Familienangehörigen. Die Eltern sind längst gestorben, er war, glaube ich, Einzelkind, aber das weiß die Chefin natürlich besser.«

»Verstehe. Wie geht es jetzt eigentlich weiter?«

»Wie meinen Sie das?«

»Der Hof, die Arbeit.«

»Das regelt die Chefin, aber ein Großteil ist Routine. Die Leute wissen, was zu tun ist.«

»Und Sie erst recht, nehme ich an.«

»Natürlich.«

Als Romy zu ihrem Wagen zurückkehrte, stand die Sonne an einem zartblauen Himmel und versprach einen wunderschönen Frühsommertag. Auf den ersten Blick schien Torsten Fischers Suizid unbegreiflich. Der Zustand seines zweiten Sohnes stellte ohne Zweifel eine Belastung dar, die er womöglich nicht so gut bewältigt hatte, wie er vorgab. Dennoch konnte sich keiner der bislang Befragten vorstellen, dass Fischer von der Situation überfordert war, geschweige denn, dass sie zu einer Kurzschlussreaktion geführt haben könnte.

Aber irgendetwas Dramatisches muss ihn bewegt haben, überlegte Romy, als sie wenig später durch blühende Rapsfelder und entlang des Boddens in Richtung Bergen fuhr. Womöglich hat er ein Geheimnis gehabt, von dem niemand etwas ahnte. Der Mann war mitten in der Nacht oder in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, hatte sich klammheimlich in den Stall geschlichen und ein Seil über dem Balken fixiert. Dann war er auf einen Hocker gestiegen, hatte sich die Schlinge um den Hals gehängt und war einen elenden Tod gestorben. Wenn es so gewesen war. Aber wie sollte es denn sonst gewesen sein? Es gab keine Abwehrverletzungen, keine Hinweise auf Fremdverschulden, bislang jedenfalls nicht.

Romy stülpte sich das Headset über und informierte Jan noch während der Fahrt.

»Also kein Fall für uns?«

»Es sieht nicht danach aus.«

»Du klingst zurückhaltend«, meinte Jan. »Was stört dich? Es geschehen immer wieder Suizide aus heiterem Himmel.«

»Ja, ich weiß. Aus heiterem Himmel ist übrigens eine sehr zutreffende Beschreibung.«

»Warten wir die Details der Techniker und Rechtsmediziner ab. Wenn sie eindeutig sind, geht uns das Ganze nichts mehr an.«

»Schon klar.«

Datenexperte Max hatte Romy einige Infos zu Fischer und seinem Hof zusammengestellt und auf ihren Schreibtisch gelegt. Sie brauchte kaum eine Viertelstunde für die Durchsicht und die erneute Feststellung, dass Fischer ein Erfolgsmensch gewesen war, den etwas aus der Bahn geschleudert hatte, von dem offensichtlich niemand auch nur das Geringste ahnte. Auch bezüglich des gewalttätigen Überfalls auf David ließ sich nichts Neues ermitteln. Radfahrer hatten den Jungen gefunden.

Sie lehnte sich zurück und ließ die Befragungen Revue passieren. Mutter und Sohn – aufgewühlt, mitgenommen, bestürzt, aber handlungsfähig. Die Mitarbeiter: zum Teil fassungslos, andere nachdenklich und still, allerdings durchweg pragmatisch. Jeder geht auf seine Art mit Trauer und dramatischen Ereignissen um, dachte Romy. Arbeit tut sich nicht von alleine. Und noch geht mich das alles überhaupt nichts an.

2

Der Rechtsmediziner brauchte zwei Tage, bis er eine vorläufige telefonische Einschätzung abgab, die den ersten Eindruck seines Assistenten bestätigte.

»Keinerlei Auffälligkeiten, die der Suizidtheorie widersprechen«, erklärte er. »Es gibt Spuren an den Händen, die darauf hindeuten, dass er die Schlinge zwischenzeitlich umklammert hat, aber Todesangst und Atemnot lösen auch dann Panik aus, wenn man sterben will. Zudem hat er kein Beruhigungsmittel genommen und auch keinen Alkohol getrunken. Die DNA-Analysen liegen noch nicht vor, aber Fremdeinwirken …«

»Könnte man nahezu ausschließen?«, fiel Romy ihm ins Wort.

»Nahezu würde ich zum jetzigen Zeitpunkt unterschreiben, aber wie gesagt – das Ganze ist noch nicht hundertprozentig.«

»Hm.«

»Das stellt Sie offensichtlich nicht zufrieden.«

»Tja, der Suizid passt nicht zu diesem Mann – nach allem, was ich bislang gesehen und gehört habe.«

»Das ist manchmal so. Er hat seine Probleme wahrscheinlich sehr gut versteckt.«

»Wahrscheinlich.« Oder wollte niemand seine verletzliche, seine schwache Seite sehen?

»Sie hören von mir, sobald ich etwas Neues zu berichten habe.«

Romy bedankte sich und legte das Telefon beiseite. Sie stand auf und öffnete das Fenster ihres kleinen Büros. Im nächsten Moment klopfte es, und Buhl trat ein, ohne ihre Aufforderung abzuwarten. »Bin in Eile«, erklärte er und nahm Platz, auch unaufgefordert.

Romy lächelte und setzte sich wieder. »Was liegt an?«

Buhl legte sein Tablet auf den Tisch und rief eine Reihe von Fotos auf. Romy stutzte. Das waren Aufnahmen vom Stall, genauer gesagt von dem Hocker, den Fischer benutzt hatte. »Sag bloß, du hast was entdeckt.«

»Wart’s ab.« Buhl deutete ein Nicken an. »Wir haben einen Schuhabdruck, der mir keine Ruhe lässt.«

Romy hob die Brauen.

»Er stammt ohne Zweifel von Fischers Sportschuh, und zwar von dem rechten, platziert ungefähr in der Mitte der Sitzfläche.«

»Und?«

Buhl wies auf die Vergrößerung. »Warum nur einer?«

Romy zwinkerte und starrte auf die Fotos.

»Warum sollte er auf einem Bein herumbalancieren, während er das Seil anbringt?«

Buhls Frage war berechtigt. »Könnte es sich um einen alten Abdruck handeln, der nicht das Geringste mit der Situation zu tun hat?«

»Es gibt keine weiteren Schuhabdrücke, er überlagert alle anderen Spuren, auf gut deutsch, Kommissarin: Er ist frisch, wenige Stunden alt, und verwischt ist auch nichts.«

Romy ließ sich in den Sessel zurückfallen. Im nächsten Moment beugte sie sich wieder vor und fixierte Buhl. »Der Hocker war umgekippt, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.«

»Hast du. Es sah aus, als wäre Fischer auf ihn gestiegen, hätte das Seil über sich am Balken befestigt, sich die Schlinge um den Hals gelegt und ihn dann beiseitegetreten – ganz klassisch also, wenn man so will. Aber ich wiederhole die Frage: Wieso nur mit einem Fuß? Was soll das?«

Romy versuchte, sich die Szene auszumalen – und hatte Mühe, sich einen auf einem Bein balancierenden Selbstmörder vorzustellen. Allerdings ahnte sie schon jetzt, was Jan und auch der Staatsanwalt einwenden würden. Womöglich war die Spurensicherung doch nicht hundertprozentig korrekt vorgegangen – ein Einwand, den Buhl sich verbitten würde, immerhin hatte sein Team noch nie einen Tatort verunreinigt, der aber Gewicht hatte, solange keine weiteren Indizien vorlagen, die eine Hinterfragung des Suizids rechtfertigten. Oder Fischer hatte den Hocker tatsächlich nur mit einem Fuß betreten – der Grund würde allerdings auf ewig sein Geheimnis bleiben. Kurzum: Eine Mordermittlung würde Buhls Hinweis, so interessant er war, nicht auslösen.

»Bisschen dünn, was?«, fragte der Kriminaltechniker. »Und doch irgendwie merkwürdig. Falls du eine plausible Erklärung dafür findest – lass es mich wissen. Bin echt gespannt.« Buhl stand auf und tippte sich zum Abschied an die Schläfe.

Kurz darauf ging Romy zu Max hinüber und stellte sich mit verschränkten Armen neben seinen Schreibtisch. »Ich brauche ein bisschen mehr zu Fischer.«

Er wandte den Kopf und sah sie an.

»Buhl hat eine Winzigkeit entdeckt, die nicht ins Bild passt«, fuhr sie fort. »Das reicht aber nie im Leben für weitergehende Ermittlungen, da kann ich dreimal mit Jan verheiratet sein und noch so viele Steine im Brett haben beim Staatsanwalt.«

Max lächelte. »Ich ahne, worauf du hinauswillst.«

»Dachte ich mir. Es wäre schön, wenn du möglichst unauffällig vorgehen würdest.«

»Klar.«

»Ich übernehme dafür deinen nächsten Monatsbeitrag für Fines Kaffeekasse.«

»Klingt gut. Hast du einen bestimmten Verdacht?«

»Nein. Stocher einfach mal ein bisschen in die Tiefe und fang mit seinem Lebenslauf an.«

»Okay.«

Torsten Fischer war als Einzelkind in Greifswald geboren und aufgewachsen, seine Eltern waren längst verstorben. Er hatte nach seiner Ausbildung zum Pferdewirt verschiedene berufliche Stationen in Mecklenburg-Vorpommern und nach der Wende auch in Niedersachsen durchlaufen, bevor er 1995 den Hof auf Wittow erwarb, sanierte und mit dem Aufbau seiner Zucht begann. Zwei Jahre später heiratete er, die Zwillinge kamen im Jahr darauf zur Welt, Marie wurde 2003 geboren. So weit, so gut. Offizielle Belege bestätigten diesen Werdegang lückenlos. Auch im Netz tauchte Fischer auf – mit eigener, sorgfältig gepflegter Homepage, auf der sein Werdegang und die Erfolge der Wittower Pferde ausschweifend zelebriert wurden.

Falls der Mann etwas zu verbergen hatte, lag das sicherlich Jahrzehnte zurück, mutmaßte Max. Er überprüfte die Angaben zu Schul- und Ausbildungsabschlüssen. Das Schülerverzeichnis der Greifswalder Schule, die er in den 1970er Jahren besucht hatte, brachte gleich mehrere Übereinstimmungen mit dem Namen Fischer. Allerdings gab es in seinem Jahrgang lediglich einen Frank und einen Peter, aber keinen Torsten, und auf mehreren Fotos, die zu offiziellenDDR-Anlässen beim Fahnenschwenken entstanden waren, tauchte auch kein Torsten Fischer auf, ebenso wenig in den Listen der FDJ oder bei Sportveranstaltungen.

Max nahm am nächsten Tag Kontakt zu zwei Ausbildern in Greifswald auf, die kurz vor der Pensionierung standen und Fischer im Rahmen seiner Lehre und seinen Unterlagen zufolge kennen mussten. Beide versprachen, ihre Aufzeichnungen und Prüfungsunterlagen durchzusehen und sich wieder zu melden. Wenig später stand fest, dass Torsten Fischer, angeblich 1960 in Greifswald geboren, weder im aufgeführten Gestüt als Lehrling noch in der Berufsfachschule zu finden war. Auch die angegebenen Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen Anfang der 1990er Jahren stellten sich bei genauer Überprüfung als Schwindel heraus. Fischers gefälschte Zertifikate waren allerdings hervorragend gestaltet. Erst mit dem Erwerb des Hofes Ende 1995 stimmten die Fakten mit den Nachweisen überein; kurze Zeit später lernte Fischer seine spätere Ehefrau Eva Grohn kennen.

Und nun stellte sich die berechtigte Frage, wer Torsten Fischer vor 1995 gewesen war und ob er tatsächlich Fischer hieß und aus Greifswald stammte. Max war ziemlich sicher, dass sie einen neuen Fall hatten. Er informierte Romy, die auf dem Weg zu einer Besprechung in Stralsund war, und fuhr anschließend umgehend mit seinen Recherchen fort. Es gab zwar offiziell immer noch kein grünes Licht für seine Nachforschungen, aber er war sicher, dass es nicht lange auf sich warten lassen würde.

Oberstaatsanwalt Dr. Schwedtner blickte von Romy zu Jan und wieder zurück. »Was genau soll das heißen – es gibt keinen Torsten Fischer?«, fragte er in verblüfftem Ton.

»Unsere Überprüfungen haben ergeben, dass der Tote seine Identität gefälscht hat oder zumindest einen wesentlichen Teil davon«, erklärte Romy. »Erst ab 1995 können wir sicher sein, dass der Mann, der sich als Torsten Fischer ausgab, auf Rügen aktiv wurde, eine Familie gründete und dort vor wenigen Tagen starb – ersten Erkenntnissen zufolge durch Suizid. Alle Angaben davor scheinen gefälscht, wenigstens, was die Daten zu Schule und Ausbildung betrifft. Weitere Nachforschungen habe ich gerade angeschoben – Geburtsregister, Personalpapiere, in dem Zusammenhang dann auch weitere Familienangaben und so weiter und …«

»Und was schließen Sie daraus?«

»Er muss einen guten Grund gehabt haben, seine wahre Identität zu verleugnen, und der Suizid ist womöglich …« Romy registrierte, dass Schwedtner sich vorbeugte. »Also, ich halte es für möglich, dass er vorgetäuscht wurde.«

»Kommissarin Beccare … oder heißen Sie jetzt Riechter?«

»Nein.« Romy schüttelte den Kopf. »Ich habe mich entschieden, meinen Namen zu behalten. Er klingt schöner, finde ich, aber Jan Beccare hört sich irgendwie schräg an.« Sie tauschte einen kurzen Blick mit Jan, der breit und zustimmend lächelte.

Schwedtner verzog keine Miene. »Also, Kommissarin Beccare, der Mann hat womöglich was zu verbergen, was sein Leben in den späten siebziger bis frühen neunziger Jahren angeht. Vielleicht wollte er etwas vertuschen, er dürfte nicht der Einzige im Lande sein, der seine Laufbahn etwas geschönt hat«, bemerkte er. »Das bedeutet nicht automatisch …«

»Nein, aber es kommt noch etwas anderes hinzu«, unterbrach Romy den Staatsanwalt schwungvoll. Jans leises Räuspern überhörte sie geflissentlich.

»Ich bin ganz Ohr.«

Romy schilderte Buhls Beobachtungen, und sie spürte sofort, dass auch Schwedtner dem Aspekt keine große Bedeutung beimaß, ähnlich wie Jan, der bereits in einem Vorgespräch zurückhaltend reagiert hatte. »Für sich genommen mag das nicht weiter aufregend klingen, aber im Zusammenhang mit den neuen Erkenntnissen finde ich schon, dass wir nachhaken sollten«, erklärte sie abschließend und mit leicht erhobenem Kinn.

Schwedtner sah sie lange schweigend an, dann fasste er Jan ins Auge. »Was halten Sie davon?«

Jan kratzte sich am Hinterkopf. »Ich weiß nicht, ob das wirklich reicht. Wir haben ansonsten keinerlei Hinweise auf Auseinandersetzungen, tiefgreifende Konflikte oder Streit, geschweige denn bot die Auffindesituation Anlass für Zweifel, sieht man einmal von der Tatsache ab, dass Fischer – oder wer immer er gewesen sein mochte – nur mit einem Fuß auf dem Hocker stand. Vielleicht war das ein Tick von ihm.«

Romy runzelte die Stirn. »Unsinn! Du willst dich umbringen und hüpfst auf einem Bein …«

»Er ist nicht gehüpft!«

»Dann eben balanciert.«

»Das ist auch nicht besser und überzeugt mich nicht die Bohne.«

Schwedtner hob eine Braue. »Bleiben Sie bitte sachlich.«

Ich bin die Sachlichkeit in Person, dachte Romy, aber sie schluckte den Kommentar herunter. »Entschuldigung. Wir haben bisher nur oberflächliche Befragungen und Überprüfungen durchgeführt, weil die Suizid-Annahme von Anfang an im Vordergrund stand«, erklärte sie betont ruhig. »Vergessen wir bitte nicht, dass der Mann keinen Grund hatte, aus dem Leben zu scheiden – zumindest sind das bisher die einhelligen Stellungnahmen. Die melancholischen Verstimmungen, die die Ehefrau anführt, hat niemand sonst mitbekommen.«

»Das ist kein Argument«, entgegnete Jan.

»Finde ich schon, zumindest darf man es nicht unter den Tisch fallen lassen.«

Schwedtner schwieg erneut gefühlte fünf Minuten. Dann nickte er in Romys Richtung. »Sprechen Sie mit der Familie über die Rechercheergebnisse und finden Sie heraus, wer hinter der Identität Torsten Fischer steckt. Falls sich in diesem Zusammenhang eine Spur zeigt, stimme ich weiterführenden Ermittlungen zu. Ansonsten haben wir keinen Fall.«

»Okay.«

Zwei Minuten später verließen sie gemeinsam das Büro des Staatsanwalts. Jan strich ihr über den Rücken. »Zufrieden?«

»Immerhin etwas.«

»Du wirst erst mal weitgehend auf dich alleine gestellt sein. Wir sind hier gerade mit einer größeren Drogengeschichte befasst. Ich kann nur im Notfall auf die Insel.«

»Kein Problem – es geht ja nur um ein paar Befragungen, zunächst jedenfalls. Das werde ich schon hinkriegen.«

Kollege Bernd Kasch aus Sassnitz, der das Bergener Team nach Kaspers Pensionierung Anfang des Jahres zeitweise unterstützt hatte, würde für längere Zeit krankheitsbedingt ausfallen. Und Kasper, der hin und wieder als externer Berater einsprang, hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, die Insel für einen längeren Urlaub zu verlassen. Richtung Frankreich und Spanien, wenn Romy richtig informiert war. Angeblich war er nicht alleine unterwegs. Es geschahen noch Zeichen und Wunder …

»Hast du noch Zeit für einen Espresso, in meinem Büro?«, fragte Jan.

»Na klar.«

Dort war es bemerkenswert still. »Teambesprechung«, erklärte Jan.

»Ohne dich?«

»Ich bin der Chef und darf später kommen.«

»Ach ja.«

Jan reichte ihr eine Tasse. Der Kaffee duftete köstlich. »Es gibt übrigens Neuigkeiten, was Kaspers Nachfolge betrifft.«

»Ach?«

Jan lächelte. »Oder anders ausgedrückt: Es ist eine Lösung in Sicht, an der Kasper im Hintergrund mitgewirkt hat. Er konnte eine ehemalige Kollegin davon überzeugen, als Hauptkommissarin an deiner Seite tätig zu werden – allerdings nur bei umfangreichem Ermittlungsbedarf. Da auf Rügen glücklicherweise nicht jede Woche schwere Taten aufzuklären sind und wir aufgefordert sind, zu sparen, wo immer es möglich ist, halte ich das Modell für eine sehr gute Lösung.« Er zwinkerte. »Ich wollte nichts verraten, solange ihre Entscheidung nicht gefallen war.«

»Verstehe. Du machst es gerade ziemlich spannend.«

»Stichwort Greifswald.«

»Sprichst du von Ruth?«

»Na klar.«

Romy war verblüfft. Die Frau mit dem weißen Haar und den irritierend blauen Augen. Ruth Kranold hatte als leitende Kommissarin in Greifswald gearbeitet, war jedoch nach einem traumatischen Erlebnis vor einigen Jahren frühzeitig aus dem Dienst ausgeschieden. Die Fünfundfünfzigjährige war bei den letzten Ermittlungen im winterlichen Glowe mit von der Partie gewesen – anfangs allerdings eher unfreiwillig und aufgrund persönlicher Umstände –, und zunächst hatte es ordentlich gekracht zwischen den beiden Frauen. Romy war ziemlich empört gewesen, dass die Exkommissarin sich keineswegs von ihr beeindrucken ließ und darüber hinaus in ihrem eigenen Büro das letzte Wort behalten hatte. Am Schluss wäre ohne Ruth und ihr beherztes Eingreifen einiges anders verlaufen. Romy schluckte, wenn sie an die angstvollen Stunden zurückdachte.

Ruth hatte sich auf einen einsam gelegenen Hof in der Nähe von Greifswald nördlich von Neuenkirchen zurückgezogen, um Holzspielzeug zu schnitzen; unter ihrem Dach beherbergte sie eine junge, ehemals obdachlose Frau, die in die Hände eines Gewalttäters geraten war, mit dem auch Romy Bekanntschaft gemacht hatte. Nie wieder hatte Ruth sich mit Gewalt befassen wollen. Doch das war ihr nicht vergönnt gewesen, und offensichtlich hatte die Erfahrung sie dazu bewogen, wenigstens zeitweise ihren Rückzug aufzugeben und sich ihren Dämonen zu stellen, an Romys Seite. Eine wunderbare Lösung.

Jan trat zu ihr. »Gute Idee?«

»Und ob. Wann soll es losgehen?«

»Eigentlich erst im nächsten Monat, aber falls Ermittlungen eingeleitet werden – woran ich übrigens nicht glaube –, kannst du sie bestimmt überreden, früher zu starten.«

Romy gab ihm einen Kuss und machte sich auf den Weg nach Rügen. Es war früher Nachmittag, und sie beschloss, direkt auf die Halbinsel Wittow zu fahren und erneut die Witwe aufzusuchen, unangekündigt. Sie nahm die Ausweichroute über Garz und drehte die Scheibe herunter. Zeit, den Roller zu aktivieren, dachte sie und hielt die Nase in den Wind. Das Grün stand satt und dicht und in hundert Farbnuancen, der Himmel leuchtete, und über allem lag der Salzduft. Kurz hinter Altenkirchen meldete sich Max und teilte ihr mit, dass Torsten Fischer nicht im Geburtsregister von Greifswald eingetragen war.

3

Als sie auf dem Hof eintraf, hätte die Idylle nicht perfekter sein können. Eine kleine Herde Jungtiere tobte über eine Weide, in einem Auslauf waren zwei Männer mit einem unruhig tänzelnden Hengst beschäftigt, die Alpakas standen am Zaun und beäugten Romys Ankunft mit skeptischen Blicken, Stimmen drangen aus dem Stall. Fröhliche Betriebsamkeit. Sie ging zum Haus, wo zunächst niemand auf ihr Klingeln reagierte. Erst nach dem dritten Mal schwang die Tür auf, und Eva Fischer sah sie – mit dem Smartphone am Ohr – irritiert an.

»Ich melde mich später wieder«, sagte sie und steckte das Smartphone ein. »Frau Kommissarin … Ich habe nicht mit Ihnen gerechnet. Gibt es Neuigkeiten?«

»Ja.«

»Kommen Sie herein.«

Die Tür zum Büro stand auf, eine junge Frau saß mit konzentrierter Miene vor ihrem Monitor. Die Witwe führte sie ins Wohnzimmer. »Die Arbeit muss weitergehen«, erklärte sie und wies auf die Sitzecke. »Außerdem lenkt sie mich ab.«

»Ich verstehe.«

»Möchten Sie etwas trinken? Wasser, Saft?«

»Ein Wasser wäre schön. Danke.«

Eva Fischer setzte sich wenig später zu ihr. Das Wasser sprudelte im Glas. Romy trank einen Schluck, bevor sie die Witwe ins Auge fasste. »Frau Fischer, wir haben eine seltsame Entdeckung gemacht.«

Die Frau legte die Hände in den Schoß.

»Ihr Mann hat seine Identität gefälscht.«

»Wie bitte?« Eva Fischer starrte sie perplex an.

»Wir sind bei der Überprüfung auf einige Ungereimtheiten gestoßen und haben etwas genauer hingesehen. Es gibt keinen passenden Eintrag im Geburtsregister, auch die Angaben zur Schul- und Berufsausbildung ließen sich nicht verifizieren. Erst Mitte der neunziger Jahre – mit dem Erwerb des Hofs – stimmen die Fakten.«

Die Witwe schwieg. Ihre Gesichtszüge waren versteinert.

»Frau Fischer?«

»Sie müssen sich irren. Das kann nicht sein!«, entgegnete sie plötzlich heftig. »Wir haben doch geheiratet und den Hof gekauft, und er musste Dokumente vorlegen.«

Gute Fälschungen, dachte Romy.

Fischer sprang abrupt auf. »Ich kann Ihnen alles zeigen.« Sie eilte aus dem Raum und kehrte wenig später mit einer dicken Dokumentenmappe zurück. »Niemand bezweifelte je ihre Echtheit. Sehen Sie sich das an!« Sie wirkte aufgebracht und hektisch, was Romy ihr nicht verdenken konnte.

»Das werden wir tun.« Romy legte die Mappe auf den Tisch.

Die Witwe setzte sich langsam wieder. »Warum hätte er das auch tun sollen?« Sie schüttelte den Kopf »Das ist völlig undenkbar. Warum sollte er seinen Lebenslauf fälschen und uns anlügen? Das ist doch absurd.«

»Vielleicht hatte er einen guten Grund.«

»Wie bitte?«

Romy hob kurz die Hände. »Frau Fischer, als Sie sich kennenlernten, war Ihr Mann Mitte dreißig.«

»Na und?«

»In der Ex-DDR wurden einige Biographien verändert, angeglichen, ausgebügelt, um im Wettbewerb des anderen Systems besser zu bestehen«, formulierte sie behutsam. »Können Sie ausschließen, dass Ihr Mann …«

»Torsten hatte mit Politik nie etwas am Hut!«, ereiferte sich die Witwe. »Wie können Sie es wagen, ihm etwas Derartiges zu unterstellen?«

Romy atmete tief durch. »Ich kann verstehen, dass Sie aufgebracht sind, und ich möchte betonen, dass ich nichts unterstelle. Ich stelle lediglich Fragen, nachdem die routinemäßigen Überprüfungen diesen Sachverhalt aufgedeckt haben – das ist mein Job. Für die Ergebnisse der Nachforschungen bin ich weder verantwortlich, noch werte ich sie.«

Eva Fischer verschränkte die Arme vor der Brust.

»Außerdem müssen wir herausfinden, was ihn bewogen hat, falsche Angaben zu machen.«

»Ich denke, es ist sehr viel einfacher – ich glaube, dass ein Versehen vorliegt oder auf den Ämtern geschlampt wurde, das ist alles«, wandte Fischer in barschem Ton ein. »Davon liest man ja nun zur Genüge. Das kann aber nicht mein Problem sein, schon gar nicht jetzt. Ich habe im Moment wirklich andere Sorgen, und ich möchte Sie jetzt bitten zu gehen. Nehmen Sie die Mappe mit und fangen Sie noch mal von vorne an mit Ihren Überprüfungen.« Sie stand auf.

Romy erhob sich langsam und gab sich Mühe, ruhig zu bleiben. Sie war davon ausgegangen, dass die Witwe perplex, ahnungslos, vielleicht auch empört und abwehrend reagieren würde, aber mit so viel Angriffslust hatte sie nicht gerechnet.

»Das werden wir tun«, erwiderte sie schließlich. »Ich würde dann bei der Gelegenheit gerne auch noch das Smartphone und den PC Ihres Mannes mitnehmen.« Sie verzog keine Miene.

»Was hoffen Sie, darauf zu finden?«

»Ich hoffe gar nichts. Wir müssen ihn überprüfen, routinemäßig.« Das war sehr geschönt, denn genauer betrachtet hatte sie keine rechtliche Handhabe für eine solche Maßnahme. Aber Romy hoffte, dass die Witwe in diesem Augenblick nicht weiter darüber nachdenken würde.

»Den Computer, den wir hier im Betrieb haben, rücke ich nicht heraus. Aber Sie können Torstens privaten Laptop mitnehmen, wenn Sie wollen.«

»Das genügt vorerst.«

Fünf Minuten später stand Romy auf dem sonnenbeschienenen Parkplatz und war immer noch verblüfft. Warum reagierte die Frau derart giftig? Weil sie völlig durcheinander war. Das war sie eben nicht. Weil sie allmählich begriff, dass ihre heile idyllische Welt zusammengebrochen war. So heil war diese Welt auch vor dem Tod ihres Mannes nicht gewesen. Das Maß war voll, und sie war nicht mehr in der Lage, adäquat zu reagieren; sie verlor die Kontrolle und wurde aggressiv. Ja, so könnte man sagen.

Eva Fischer starrte dem Wagen der Kommissarin durch das Dielenfenster einen Moment nach.

»Was wollte sie?«

Sie schrak zusammen, als Steffen plötzlich hinter ihr stand. Sie drehte sich zu ihrem Sohn um. »Es stimmt was nicht mit den Papieren deines Vaters. Keine Ahnung, was da los ist.«

»Wie jetzt?«

»Spielt doch keine Rolle im Moment …«

»Mama, was ist los?«

Sie seufzte. Steffen war schon immer beharrlich gewesen. »Seine persönlichen Angaben stimmen nicht, zumindest ein Teil von ihnen – angeblich. Es gibt keinen Torsten Fischer im Geburtsregister von Greifswald.«

Steffen fuhr mit beiden Händen durch sein Haar, eine typische Geste der Zwillinge, von klein auf. »Was?«

»Das Gleiche gilt für Schule und Ausbildung.«

Steffen schüttelte den Kopf. »Die spinnen doch. Was soll das?«

»Ich habe keine Ahnung. Das klingt sehr merkwürdig. Sie werden alles noch einmal sehr genau überprüfen, alle Dokumente, und den Laptop hat die Kommissarin auch gleich mitgenommen.« Sie rieb sich die Augen. »Egal jetzt. Wie geht es Daniel?«

»Wie immer, Mama. Er sieht mich mit großen Augen an, und manchmal denke ich, dass er lächelt.«

Sie spürte, wie ein feiner Stich ihr Herz durchdrang.

»Morgen kommt Marie nach Hause«, fügte er mit leiser Stimme hinzu.

»Ich weiß.« Sie blickte zu Boden. Die Angst vor dem Gespräch mit ihrer Jüngsten beschleunigte ihren Herzschlag. Marie vergötterte ihren Vater, wie nur Zwölfjährige ihren Vater vergöttern konnten. Sie wird uns nicht glauben, dachte Eva. Sie wird uns anschreien, der Lüge bezichtigen, um sich schlagen. Sie würde nicht begreifen, dass er fort war, noch dazu auf diese Weise. Das musste man ihr nicht sagen. Sie würde es dennoch erfahren.

Eva hielt die Luft an, als die Erinnerung sie überfiel. Der frühe Morgen mit all seinen süßen Versprechen und im ersten Sonnenlicht der Mann mit dem Hals in der Schlinge. Ihr Mann. Torsten. Der vielleicht ein Fremder war und einen anderen Namen hatte und dessen Geburtstag womöglich gar nicht im Mai war. Ihre Gedanken schlugen Purzelbäume, und sie spürte, wie die Angst in ihr hochkroch, von ihnen überwältigt zu werden. Sie schob die Bilder mit aller Kraft beiseite. Darin war sie schon immer gut gewesen, aber jetzt kam es wirklich darauf an.

»Du bist dran mit Vorlesen«, sagte Steffen.

»Wie bitte?«

»Daniel«, wiederholte er sanft. »Du bist heute dran. Herr der Ringe.«

»Ja. Ich gehe gleich zu ihm.«

Später saß sie an seinem Bett, streichelte seine kühle Hand und las ihm vor. Der dunkle Turm. Daniel liebte Tolkien. Sie war nicht sicher, ob ihre Stimme zu ihm vordrang, aber sie hoffte, dass Steffens Zuversicht stärker war als ihre Skepsis, ihre Ängste. Auch Gregor, der Pfleger, machte ihr immer wieder Mut und wurde nicht müde, davon zu berichten, dass Menschen nach Jahren aus dem Koma erwacht waren. Sie hatte Angst, Hoffnung zuzulassen, an eine Art Wunder zu glauben, um schließlich nach Monaten oder gar Jahren dann doch zu verzweifeln, womöglich beschämt darüber, je so kindlich naiv auf ein gutes Ende gehofft zu haben. Kindlich naiv war ein grober Fehler, der früher oder später bestraft wurde.

Sie beendete das Kapitel und betrachtete sein Gesicht – jeden Winkel kannte sie, das Leuchten der Augen in so vielen Schattierungen, die unwillige Falte über dem Nasenrücken, die genau wie bei seinem Bruder immer dann entstand, wenn ihm etwas nicht passte. Die Vorstufe zu unwirsch, sauer, wütend. Sie begann zu zittern. Nichts war wie zuvor. Schon lange nicht mehr. Jemand hatte ihr Kind halb totgeschlagen, und Monate später beging ihr Mann Selbstmord. Zwei Katastrophen innerhalb kürzester Zeit. »Manchmal schwingt das Pendel zu dieser Seite, manchmal zur anderen«, hatte ihre Großmutter immer gesagt, mit bedeutungsschwangerer Stimme. »Für alles, was du bekommst, musst du etwas geben oder wird dir etwas genommen. Glück und Schmerz liegen eng beieinander.«

Esoterischer Schwachsinn für all diejenigen, die sich die Welt auf banale Weise zu erklären suchen. Nichtsdestotrotz: Über viele Jahre war ihr Leben nahezu perfekt verlaufen. Und nun war ein völlig anderes Kapitel aufgeschlagen worden. Von wem auch immer.

Sie hob den Kopf, als sie Schritte auf der Treppe hörte. Gregor klopfte leise und trat ein. »Hallo, Daniel, hallo, Eva.« Er lächelte.

Sie erwiderte das Lächeln.

Romy packte Max die Dokumentenmappe sowie Fischers Laptop und Smartphone auf den Tisch. »Arbeit für dich, Kollege. Die Witwe hat keine Ahnung und ist ziemlich entsetzt. Sie ist davon überzeugt, dass wir oder andere Behörden Mist gebaut haben, und ist ganz schön wütend.«

»Glaubst du ihr?«

Romy zuckte die Achseln. »Schwer zu sagen im Augenblick. Sie wirkt ziemlich angeschlagen. Guck doch mal, ob du was findest.«

»Mach ich.«

»Irgendwelche Neuigkeiten von deiner Seite?«