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Nachdem Arved besiegt ist, scheint Frieden in Fjaras Leben eingekehrt zu sein. Doch er ist nicht von Dauer, denn ihr Erzfeind Esa verfolgt mit Hilfe mächtiger Verbündeter seinen Plan, alle Magie aus der Welt zu verbannen. So müssen Fjara und ihre Gefährten alle ihre Kräfte bündeln und sich auf den Kampf vorbereiten, der ihnen unweigerlich bevorsteht. Ein Kampf, der nicht nur die Welt, sondern auch das Leben all derer die ihn bestreiten, verändern könnte. Eine letzte Reise ins Ungewisse beginnt, voller alter Geheimnisse und Schicksalsmächte, denen sich nicht einmal die Götter entziehen können.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
WELTENBAUM VERLAG
Vollständige Taschenbuchausgabe
11/2024 1. Auflage
Zauber des Morgenlichts
© by Fabienne Zwicker
© by Weltenbaum Verlag
Egerten Straße 42
79400 Kandern
Umschlaggestaltung: © 2023 by Magicalcover
Lektorat: Hanna Seiler
Korrektorat: Dennis Hassler
Buchsatz: Giusy Amé
ISBN 978-3-949640-92-6
www.weltenbaumverlag.com
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Fabienne Zwicker
Fjara
Zauber des
Morgenlichts
Band 3
Fantasy
"Spürst du die ersten Sonnenstrahlen,
treffen das Feld einer ruhmreichen Schlacht.
Hörst du die Hufe am Himmel jagen?
Die aufgehende Sonne beendet die Nacht."
Varg - Morgenrot
Prolog
»Ihr hattet drei Tage Zeit, also entscheidet euch endlich!«, knurrte Esa. Er sah von Rune, der ihm gegenübersaß, rüber zu den acht Männern, die sich dahinter in Holmas ansonsten leeren Schankstube herumdrückten. Hexenjäger, die zu Söldnern geworden waren. Tagediebe. Sie flüsterten untereinander, und mit jedem Blick, den sie Esa zuwarfen, wurde ihm deutlicher, wie sehr sie die Vorstellung hassten, für ihn zu arbeiten. Nicht einmal Gunnar, der neben Esa saß und sein Bestes tat, seine ehemaligen Kameraden zu überzeugen, hatte viel ausrichten können. Dabei wusste Esa nicht einmal, was er getan hatte, um solches Misstrauen in seinen ehemaligen Kameraden zu erwecken.
Andererseits war ihr Anführer Rune. Er hatte es Esa nie verziehen, dass er ihn damals von seinem Posten in Arveds Truppe verdrängt hatte, und auch jetzt gab sich der Hüne keine Mühe, seine Abneigung zu verstecken, als er das Gesicht verzog. »Also gut«, sagte er. Die anderen verstummten. »So wie ich das sehe, ist es in unser aller Interesse, dass wir das durchziehen und unsere Uneinigkeiten fürs erste begraben.« Er sah über die Schulter zu seinen Leuten. »Der Winter kommt und eine feste Anstellung bei jemandem, der uns nicht nur Unterkunft, sondern auch großzügigen Lohn gewährt, ist ein Handel, den wir nicht ausschlagen dürfen.«
»Gut, dass es euch auffällt«, murmelte Gunnar, der ebenso wie Esa, genug von diesem leidigen Hin und Her hatte, das Runes Truppe die letzten drei Tage veranstaltet hatte.
Ein paar der Jäger grummelten leise. Esa konnte sich ein schiefes Lächeln nicht verkneifen. »Unterschreibt hier«, sagte er nur und schob ein Stück Pergament über den Tisch, auf dem die wichtigsten Punkte der Vereinbarung festgehalten waren. Sylvia hatte darauf bestanden, einen Vertrag aufzusetzen, denn nicht nur war es notwendig, bei diesen Abtrünnigen ein paar Regeln aufzustellen – Esa zweifelte nicht daran, dass ein paar Tintenlinien auf Papier so bindend wie Ketten für einen Mann wie Rune waren.
Rune überflog die Worte. Sie bedeckten nur die halbe Seite, um unten Platz für die Kürzel zu lassen, aber der Hexenjäger brauchte dennoch einen Moment, bevor er wieder aufsah. »Ein paar Bedingungen habe ich selbst«, sagte er. Esa knirschte mit den Zähnen. »Erstens wollen wir als vollwertige Mitglieder der Truppe behandelt werden, und zwar nicht nur auf Papier. Zweitens will ich festhalten, dass wir nichts mit Arveds dunklen Machenschaften zu tun haben wollen. Sylvia hat erwähnt, dass du seine Arbeit fortsetzt, und das ist kein Problem, solange du uns aus allem raus hältst, was damit zu tun hat. Wir jagen gewöhnliche Hexen auf gewöhnlichen Missionen.«
»Ist das alles?« Esa horchte auf, als er Sylvias Schritte auf der Treppe hinter ihm wahrnahm, ließ Rune aber nicht aus den Augen.
Einer der Jäger flüsterte seinem Anführer etwas zu und der nickte. »Nur eines noch. Fjara kommt nicht ins Spiel. Wir werden keine Jagd auf sie machen, noch sie suchen, noch ihr sonst irgendwie zu nahekommen.«
Esa erstarrte und Gunnar verlagerte unruhig sein Gewicht. Schon der Klang dieses Namens ... fast eineinhalb Jahre war es her, dass er diese Hexe zuletzt gesehen, oder irgendwer ihren Namen ausgesprochen hatte. Seine Leute vermieden ihn, ebenso wie er selbst. Er fühlte Sylvias fiebrig warme Hand auf seiner Schulter und sah zu ihr auf. Schweiß stand auf ihrer Stirn und ihre Wangen waren ganz gerötet. Er bemerkte den Stoffbeutel in Form eines gewissen Spiegels, den sie an sich gepresst hielt und als sie trotz ihrer sichtlichen Erschöpfung lächelte, verpuffte sein Ärger ganz einfach, um Vorfreude zu weichen.
»Schön, einverstanden«, sagte Esa und streckte seine Hand über den Tisch. Fjara war egal. Er brauchte sie nicht für den Zauber, wodurch es ihm wohl nicht schwerfallen würde, diese feige Bedingung einzuhalten.
Rune zögerte, aber dann streckte auch er seine mit Silberringen besetzten Finger aus und damit war Esas Truppe endlich vollständig.
»Wann?«, flüsterte Esa zu Sylvia, als er aufgestanden war und den Hexenjägern Platz ließ, sich um den Tisch zu versammeln. Unter Gunnars Aufsicht setzten sie nach und nach ihre Zeichen.
»Heute Abend noch. Bei Sonnenuntergang wird er von Norden aus hier eintreffen.«
Esas Blick huschte zu den milchigen Fenstern, durch die kaum noch Licht drang. Die Tage waren so kurz um diese Jahreszeit ... »Dann los. Hol die anderen und sieh zu, dass sie was hermachen. Das hier darf einfach nicht schiefgehen.«
»Ich habe ihnen schon den Befehl gegeben«, sagte sie. Esa hätte sie am liebsten in die Arme geschlossen. Stattdessen schnappte er sich den weißen Uniform-Umhang von seinem Stuhl und legte ihn an. Rune war mittlerweile ebenfalls aufgestanden. Er hielt den Vertrag, auf dem jetzt neun Zeichen prangten, von denen die meisten eher wie Tintenflecken aussahen.
»Perfekt.« Esa nahm das Schriftstück entgegen und rollte es, ungeachtet der feuchten Tinte, ein. »Dann kommt mal mit, ich habe schon den ersten Auftrag für euch.«
Es brauchte eine Weile, bis sich Esas Hexenjägertruppe – die wenigen, die er vor Rune schon angeheuert hatte – zusammenfand. Und auch die Neuen brauchten Zeit, um ihre Kleider und Uniformen in Ordnung zu bringen. Die Schankstube von Holmas Gasthaus, zum Goldenen Kelch, schien beinahe beengt, aber das Haus war dennoch eine weitaus bessere Unterkunft als Sylvias Elternhaus, in dem sie das letzte Jahr über gewohnt hatten. Hexenjäger brauchten nun mal viel Platz, und da er mit Runes Leuten endlich wieder eine anschauliche Truppe hatte, brauchte Esa auch einen angemessenen Stützpunkt. Holma war trotz all der alten Erinnerungen perfekt dafür geeignet.
Erst vor zwei Wochen hatte er sich entschieden, in das Dorf seiner Kindheit zurückzukehren. Er hatte sich noch nicht daran gewöhnt und als er an der Spitze seiner Truppe durch die niedrige Tür nach draußen trat, schweifte sein Blick ein weiteres Mal beinahe ungläubig über die vertrauten Häuser und den weiten Marktplatz. Der Himmel im Westen war noch rot gefärbt und der Wald jenseits des Dorfes hob sich schwarz davon ab. Der Wald war Esas Ziel, denn dort lag der einzige Weg, der von Norden nach Holma führte.
Als er sich sicher war, dass alle zum Abmarsch bereit waren, ging er voran. Doch weit kam er nicht. Sein rechter Fuß rutschte auf nassem Laub ab, die Welt kippte zur Seite und ehe er es sich versah, fand er sich am Boden wieder. Schlamm quoll zwischen seinen Fingern hindurch und er knirschte mit den Zähnen. Sein letztes sauberes Hemd. »Scheiße«, murmelte er. Gunnar und Sylvia kamen ihm augenblicklich zu Hilfe und zogen ihn zurück auf die Beine. Sylvia fing an, etwas Dreck von ihm abzustreifen, während hinter ihm das unterdrückte Kichern seiner Männer zu hören war.
»Kein Wort!«, zischte Esa und ging weiter. Diese Vorfälle häuften sich, seit er wieder in Holma war und er hasste seine Ungeschicktheit. Die Rasierschnitte an seinen Wangen, der gestauchte Zeh ... Vorgestern hatte er sich beim Üben sogar an seinem eigenen Schwert geschnitten. Das Schlimmste war jedoch, dass er jetzt in diesem abgeschabten Zustand seinen wohl wichtigsten Verbündeten begrüßen musste. Zumindest, falls der Spiegelgott die Wahrheit gesagt hatte.
Ein Fensterladen klapperte und irgendwo waren gedämpfte Stimmen aus einem der Häuser zu hören, als sie daran vorbeimarschierten. Die Dörfler hatten sich noch nicht an die Hexenjäger gewöhnt. Sie glaubten sich verflucht, seit Merethe entführt und getötet worden war, was sie jetzt allerdings nicht davon abhielt, Esa in ihrem Dorf zu beherbergen. Schließlich bezahlte er gut und Silber wog offenbar schwerer als Aberglaube. Jedoch der Neuankömmling, auf den sie warteten? Esa bezweifelte, dass sie ihn mit ebenso viel Akzeptanz empfangen würden, denn er wusste ja, dass dieser Gast noch weitaus mehr als nur ein Hexer war.
»Wer genau ist das, der jetzt kommt?«, fragte Rune, während sie am Kirchhof vorbeigingen und der Wald in Sicht kam.
»Ein Verbündeter«, sagte Esa und wurde langsamer, als sie das letzte Haus passiert hatten. In sicherem Abstand zum Waldrand blieb er stehen. »Ein sehr mächtiger noch dazu, also seht zu, dass ihr uns nicht blamiert. Steht aufrecht und seid still.«
»Ich seh gar niemanden«, erwiderte ein Jäger namens Paul und schon wieder erhob sich Gemurmel. Esa warf Rune einen warnenden Blick zu und der nickte nur schweigend, bevor er sich umdrehte.
»Wir haben unterschrieben, also benehmt euch.«
Paul schnaubte abfällig. »Allerdings haben wir das. Überall sonst wird auf einen geschlossenen Handel angestoßen, anstatt dass man gleich in die Kälte und Dunkelheit geschickt ...«
Seine Worte verliefen sich, als der Wind auffrischte und die Fackeln flackern ließ. Gänsehaut kroch an Esas Armen herauf und ließ ihn Pauls Aufsässigkeit vergessen. Er straffte den Rücken und fokussierte den Blick. Irgendetwas hatte sich verändert. Als wäre dieser Herbstabend in einem einzigen Wimpernschlag der Nacht gewichen und der Wald näher gerückt.
»Alle still jetzt!«, zischte er und trat einen Schritt nach vorn. »Hallo?« Das Feuer der Fackel rauschte, als erneut eine Windbö von Norden heran wehte und dieses Mal trug sie einen seltsamen Geruch mit sich. Erdig, fast schon faulig. Geraschel und das Geräusch zurückweichender Schritte erhob sich und Esa versuchte nicht einmal, es zu unterbinden. Er hatte selbst Mühe, standhaft zu bleiben, als sich lautlos ein Umriss aus der Dunkelheit schälte – groß, unförmig und begleitet von Grabesgestank.
Also war er wirklich gekommen.
»Ihr seid spät«, sagte Esa mit fester Stimme. Er bemerkte, wie selbst Sylvia einen Schritt zurücktrat, sodass er allein an der Spitze seiner Truppe zurückblieb.
»Ach?«, grollte eine raue Stimme. Esas Nackenhaare sträubten sich, als ein ebenso grobschlächtiges wie grausames Gesicht im Licht der Fackeln erschien. Narbige Haut, ein breites Kinn und große, grünlich schimmernde Augen – alles halb verborgen unter Fransen von braunem Haar. Das Wesen war in Schmutzverkrustete Pelze und Leder gekleidet, was jedoch nicht das Schwert an seiner Seite verbarg. Ebenso wenig die Tätowierungen auf seinen Unterarmen und Händen, die Esa an Wurzeln denken ließen. »Spät also«, wiederholte der Mann, als er nur wenige Schritte von Esa entfernt stehenblieb. Eine Hand lag auf seinem Schwertgriff, die andere schob wie beiläufig einige Haarsträhnen aus seiner Stirn, wobei der Fremde offenbar Wert darauf legte, dass jeder Anwesende seine pechschwarzen, viel zu langen Fingernägel sehen konnte.
Es war totenstill. Esa schluckte trocken und verschränkte die Hände hinter seinem Rücken, wobei er feststellte, dass sie schon ganz klamm waren. »Nicht, dass das eine Rolle spielt. Wir freuen uns, dass Ihr gekommen seid«, fügte er hinzu. Die Lippen des Fremden gaben unregelmäßige Zähne frei, als er feixte.
»Dachte ich es doch«, sagte er und trat an Esa vorbei. Die Hexenjäger wichen ihm aus, als er mit großen Schritten in Richtung Dorf ging und Esa eilte ihm nach, auch wenn er nicht das geringste Bedürfnis hatte, diesem Mann – oder was auch immer er war – zu nahe zu kommen. Laut dem Gott im Spiegel war dieses Wesen jedoch zumindest zum Teil göttlich und damit auch das letzte fehlende Stück in Esas Plan.
Er wechselte einen Blick mit Sylvia, die ihm direkt auf die Fersen folgte. Ihre Augenbrauen waren besorgt zusammengezogen und ihre Hände umklammerten die Spiegeltasche. Selbst sie fürchtete sich und das war eine beunruhigende Tatsache. Esa fasste seinen Mut und holte auf. »Ich habe Euch ein Zimmer im Gasthaus richten lassen. Aber bevor Ihr Euch zurückzieht, können wir vielleicht ein paar Dinge besprechen. Wir sollten klären, wie wir die ganze Sache angehen, immerhin müsst Ihr –«
Der Fremde wirbelte herum und bevor Esa zurückweichen konnte, wurde er am Hemdkragen gepackt. »Hör zu, Junge. Ich muss gar nichts. Und wenn du glaubst, dass du oder deine Worte mich auch nur im Geringsten jucken, hast du dich geschnitten. Klar?«
Esa brachte sich zum Nicken, auch wenn sein Körper völlig versteinert schien. Der faule Mundgeruch des Fremden nahm ihm den Atem und sein Gesicht war so nah, dass er den Schmutz in jeder Pore und entlang jeder Narbe sehen konnte. Ein Gelbstich lag im Grau seiner Augen und Esa wollte gar nicht wissen, was genau da zwischen seinen Zähnen hing, als sie beim Sprechen entblößt wurden.
»Na also«, sagte der Fremde spöttisch und ließ Esa los, so ruckartig, dass er beinahe gestürzt wäre. »Ich tu was ich will, wann ich will und ich rate dir, das nicht zu vergessen, Esa.« Dann ging er einfach weiter, dem Gasthaus entgegen.
Die Hexenjäger waren ein Stück zurückgeblieben und gafften nur mit weiten Augen, während Esa tief durchatmete. Er fühlte sich dreckig. Nicht wegen seiner befleckten Kleider, sondern weil ihn dieser Fremde vor den Augen seiner neuen Leute wie ein Kind aussehen ließ. Ändern konnte er das jedoch kaum, ohne bei dem Versuch seinen Kopf zu verlieren. Es gab also nur eine Möglichkeit.
Er beeilte sich, erneut aufzuholen, blieb diesmal aber auf gebührendem Abstand. »Wollt Ihr etwas trinken?«, fragte er, so gelassen er konnte. »Wir haben Bier, Met, Schnaps ... was immer Ihr wollt.«
»Was immer ich will?«, wiederholte der Fremde und musterte Esa von oben herunter. »Wohl kaum. Aber Met wird reichen.«
Sie erreichten den Goldenen Kelch und Esa trat vor, um seinem Gast die Tür aufzuhalten. »Dann setzt Euch schonmal und ich lasse den Rest holen.« Er bedeutete Rune und Gunnar, den Met ranzuschaffen und die beiden machten sich eilig zur Speisekammer auf. Der hagere Wirt Albrecht stand in einer Ecke des Zimmers, die Hände in seiner Schürze versteckt und sah nur zu, als der Fremde sich am größten Tisch in der Mitte des Zimmers niederließ. Seine Stiefel hatten eine Spur von Dreckklumpen am Boden hinterlassen, aber sonderlich sauber war es hier sowieso nie.
Esa setzte sich ebenfalls, zwei Stühle zwischen ihm und seinem Gast, sodass sich auch alle anderen langsam an den umstehenden Tischen niederließen. Sylvia saß wie üblich neben Esa, aber sie hätte genauso gut auch gar nicht da sein können, so still, wie sie war. »Darf ich fragen, woher Ihr gekommen seid?«, fragte Esa, als endlich der Met kam. Gunnar schenkte zwei Becher ein und ließ sich auf Esas Zeichen hin ebenfalls nieder.
Der Fremde hob seinen Becher und nahm einen tiefen Schluck. »Nein«, grollte er dann, bevor er weitertrank.
Esa nickte langsam. »Na gut ...« Er schielte zu Sylvia hinüber, aber sie entgegnete nur mit einem kaum sichtbaren Nicken seinen Blick. Die anderen starrten einfach nur schweigend. Bis auf Rune. Er räusperte sich leise und das reichte aus, um seine Kameraden aus ihrer Starre zu reißen. Zögerlich wandten sie sich ihren eigenen Tischen zu und die drückende Stille wich gezwungenen Plaudereien, sodass Esa sich plötzlich erinnerte, warum er Rune überhaupt hatte anheuern wollen.
Der Fremde grunzte amüsiert. Dieser Hauch von Freundlichkeit gab Esa den Mut, einen neuen Versuch zu wagen. »Verzeiht mir meine Neugier, aber mein Verbündeter hat mir nicht viel über Euch verraten«, sagte er, fest entschlossen herauszufinden, wie er mit diesem Klotz von einem Mann reden konnte. »Nicht einmal Euren Namen.« Der Fremde sah ihn nicht an. Esa wartete einen Moment und wog ab, was er als nächstes sagen sollte, bevor ihm die interessanteste Frage von allen in den Sinn kann. »Wieso habt Ihr zugestimmt, uns in dieser Sache zu helfen? Was habt Ihr davon, Eure eigene Art zu verraten?«
Sylvia stieß scharf den Atem aus und Gunnar riss die Augen auf. Dieses Mal setzte der Fremde seinen Becher ab. »Mutiges Bürschchen«, sagte er und lehnte sich zurück. Esa fühlte Sylvias Hand auf seinem Knie und ergriff sie.
Aber zu seiner Überraschung zuckte der Mann nur mit den Schultern. »Da du schon fragst… Ich mach das, um es ein paar Freunden von mir heimzuzahlen. Der Rest ist mir egal. Und wenn du unbedingt einen Namen brauchst, dann nenn mich Draugr.«
»Draugr?«, wiederholte Esa verwirrt. Er kannte das Wort, aber nur aus Altweiber- Geschichten. Volkssagen über Untote, die in Grabhügeln lauerten und die Lebenden heimsuchten. Ruhelose Geister, die ihren toten Körper bewohnten und nach Rache dürsteten. Ganz sicher war es kein Name, den eine Mutter ihrem Sohn geben würde.
Draugr lachte. »Glaubst du, ich sag dir meinen richtigen Namen? Wer sowas macht, muss sich nicht wundern, wenn ihn die nächstbeste Hexenschlampe bannt.« Sein Blick wanderte zu Sylvia und Esa drückte ihre Hand fester. Er wollte sie verteidigen, aber etwas sagte ihm, dass das keinen Sinn gehabt hätte.
»Gut. Jedenfalls hoffe ich, dass Ihr mit Euren Freunden Erfolg habt«, sagte er stattdessen.
Draugrs Lächeln wurde wieder zum Feixen, als er seinen Becher packte und die Krallen ins Holz bohrte. »Oh, sie werden kommen, verlass dich drauf«, knurrte er und das Bersten des Bechers ließ die Gespräche im Raum endgültig verstummen. Met rann über den Tisch, aber selbst, als es kühl auf Esas Schoß tropfte, rührte er sich nicht von der Stelle. »Sie werden kommen und dann mach ich sie kalt.«
Kapitel 1
ZEICHEN
Die Welt um mich herum verblasste. Dunkelheit breitete sich vor meinem inneren Auge aus und die Holzplanken unter mir wurden durch Leere ersetzt. Und doch fühlte ich, dass sich etwas rührte. Wie durch die Augen eines Falken hätte ich Landschaften und Wege sehen sollen, aber jetzt war es, als würde ich durch die tiefste Nacht fliegen. Kein Licht. Kein Schimmer dieses ehemals vertrauten Gesichts, das ich zu finden hoffte. Wie schon so viele Male zuvor.
Ich machte mich bereit, auch diesen erfolglosen Versuch abzubrechen. Loszulassen und meine Reise zu beenden. Aber etwas ließ mich innehalten. Noch immer war alles schwarz, also konnte ich mir nicht sicher sein, doch es fühlte sich an, als würde ich sinken. Ganz langsam erst, dann immer schneller. Kräfte wie von einem Sturm rissen an mir, während ich ins Bodenlose stürzte. Ich versuchte, die Augen zu öffnen, aber die Dunkelheit wollte nicht weichen. Sie war jetzt von Stimmen erfüllt. Von geisterhaftem Zischen und Rauschen und es wurde immer lauter, je tiefer ich fiel. Mein Magen drehte sich, und ich konnte nichts tun, um meinen Fall zu bremsen.
Mit einem Ruck wurde ich wach. Ich schnappte nach Luft und blinzelte die Reste dieses Alptraums fort. Während meiner Reise war es wohl endgültig Abend geworden. Vor mir lag ein felsiger Strand, gesäumt von Schilf und rechts standen die großen Birken, die bereits angefangen hatten, ihre gelben Blätter abzuwerfen. Ich saß auf einem Steg, der aufs Meer hinaus führte und an dem ein kleines Ruderboot angebunden war. Die Blockhütte lag hinter mir auf der Spitze des Hügels zwischen hohen Kiefern und Eichen. Ich war zuhause.
»Fjara?«, hörte ich Hatis Stimme neben mir. Ich wandte mich zu ihm um. Er hockte auf einem Stein und hielt den Kamm, der mir diese Traumreise erst ermöglicht hatte. »Was ist passiert?«, fragte er. »Was hast du gemacht?«
»Was?« Ich blinzelte ein paar Mal, während ich noch gegen das Schwindelgefühl ankämpfte, das der Zauber hinterlassen hatte. »Ich hab versucht, Esa zu finden ...«
»Das meine ich nicht.« Hati hielt mich an den Schultern fest und die Dringlichkeit in seinem Blick zog mich in die Gegenwart zurück. Ich fröstelte im Wind und meine Gedanken fühlten sich so ... leer an. Irgendetwas war falsch.
»Merkst du es jetzt?«, fragte Hati und ließ mich los, als ich langsam nickte. Er schnipste zwei Mal mit den Fingern, wie er es immer tat, um Funken zu beschwören. Aber nichts geschah. »In einem Moment war alles normal und dann das. Also, was ist passiert?«
Ich brachte keine Antwort zustande, während ich mir unserer Lage bewusst wurde. Es war kalt. Jeder Funken Magie in mir war erstickt - der Strom, der mich gerade noch mit dem unfertigen Zauber verbunden hatte, das Wärme-Siegel, das Hati über meine Rippen tätowiert hatte ... Selbst meine innere Verbindung zu ihm war wie durchgeschnitten. »Ich weiß es nicht«, brachte ich heraus. »Ich hab alles wie sonst gemacht, also kann es nur ...« Ich zuckte zusammen, als das scharfe Schleifen von Stahl erklang. Hati hatte sein Messer gezogen. Sein Blick schweifte über das Ufer und den Hügel hinauf. Aber alles war friedlich. Augenscheinlich hatte sich nichts verändert und doch fühlte sich die Welt wie eine andere an. Ein Gedanke machte sich in mir breit und mit jedem verstreichenden Moment wuchs er zu einer Gewissheit heran.
Ich sah zu dem zerbrochenen Bogen, der neben mir lag. Wie der Kamm hatte er einmal Esa gehört und die Erinnerungen, die ich mit dieser Waffe verband, waren so viel stärker als die anderen. Das scharfe Geräusch der Sehne, Hatis Schmerzensschreie ... Ich umschloss das glatte Holz mit beiden Händen.
»Was machst du?«, fragte Hati, ohne mich anzusehen.
»Das hier kann nur Esas Werk sein«, sagte ich. »Was auch immer er benutzt, um sich vor uns zu verstecken, muss auch das sein, was uns jetzt die Kräfte raubt. Also, wenn wir es fühlen, bedeutet das, dass ich schon ganz nah an ihm dran war.« Flüchtig inspizierte ich den Aufbau meines Zaubers. Sechs kleine Schälchen, die alles enthielten, was auch Ragin damals zum Aufspüren benutzt hatte - Kräuter, Erden und Flaumfedern. »Ich muss es nochmal versuchen.«
»Nein!« Hati wandte sich um und hielt meine Hand fest. »Selbst wenn du recht hast und es irgendein Abwehrzauber ist, ist es trotzdem zu gefährlich. Du könntest dich sonst wo verlieren. Außerdem versuchen wir jetzt schon seit mehr als einem Jahr, Esa zu finden, also warum sollte es plötzlich gelingen?«
Der Griff seiner Finger um mein Handgelenk war fest, aber ich ließ mich nicht beirren. »Das weiß ich auch nicht, aber ich muss es versuchen. Was auch immer das hier ist, ich bin mir sicher, dass es gleich wieder vergeht.« Ich sah ihm in die Augen und nach einem Moment zog er sich widerwillig zurück.
»Sei vorsichtig«, sagte er. Ich nickte nur, wissend, dass er recht hatte. Seit Esa und Sylvia letztes Jahr direkt vor unseren Augen verschwunden waren, hatten wir hunderte Versuche unternommen, sie zu finden. Es wäre vernünftig gewesen, Esa für tot oder verschollen zu halten, aber etwas sagte mir, dass es nicht so einfach war. Das war es mit Esa nie und genau deshalb musste ich ihn finden.
Ich unterdrückte das Unbehagen, das mit jedem Augenblick wuchs, in dem ich mein inneres Feuer nicht fühlen konnte, und schloss die Augen.
Das Holz schmiegte sich in meine Handflächen, als ich begann, die Worte des Zaubers vor mich hin zu flüstern. Sie waren das Einzige, was Hati damals nicht von Ragin aufgeschnappt hatte, aber es war nicht schwer gewesen, mir einen eigenen Spruch auszudenken.
»Das Band, das uns hält, sei neu gewoben. Alte Erinnerungen neu entfacht. Was uns verbindet, sei beschworen, Geister der Winde erwacht. Zeigt mir den Weg und leitet mich. Esa, ich beschwöre dich.«
Ich hatte ein Ziehen erwartet. Irgendein Zeichen, dass der Zauber wirkte. Aber noch immer war nichts als Leere in mir. Noch einmal flüsterte ich die Worte und richtete all meine Kraft ins Innere, aber nichts geschah.
»Dachte ich es doch«, murmelte Hati. Ich öffnete die Augen, als er sein Messer geräuschvoll wegsteckte. »In meinem ganzen Leben hab ich sowas noch nie erlebt und dann soll ausgerechnet Esas Hexe dazu fähig sein? Nein, das ist was anderes.«
»Und was?« Ich stand endlich auf und streckte meine Beine.
»Woher soll ich das wissen?«, fragte Hati und begann, die Überreste des Rituals einzupacken. »Gut ist es jedenfalls nicht.«
»Nein ...« Nachdenklich sah ich auf das glitzernde Wasser hinunter. Er fürchtete sich, aber obwohl schon diese Tatsache allein Grund zur Sorge gewesen wäre, fühlte ich eine seltsame Ruhe. Es war zwar kalt und dieses Gefühl, ohne Magie zu sein, brachte all die grausamen Erinnerungen an Arved und seine Ketten zurück. Aber dieser Zustand konnte einfach nicht von Dauer sein. In ein paar Momenten würde alles wieder gut werden. Zumindest sagte ich mir das, immer und immer wieder. »Lass uns abwarten, ja?«, meinte ich und begann aus einem Impuls heraus, meine Kleider abzustreifen, um schwimmen zu gehen. Ich wollte die letzten sonnigen Momente dieses Tages ausnutzen.
»Wie du willst«, sagte Hati missmutig. Ich schenkte ihm über die Schulter ein Lächeln, als ich mich an die Kante setzte, die Füße ins Wasser tauchte und schauderte. Es war eisig, schließlich war es bereits Oktober und ohne die Wirkung meiner Wärmerune war ich nicht länger immun gegen die Kälte. Es wird gleich wieder gut sein, ermahnte ich mich und stieß mich ab.
Ich sog scharf die Luft ein, als das Wasser bis zu meiner Hüfte schlug. Grober Sand rieb gegen meine Fußsohlen und Seepflanzen strichen über meine Beine. Ich watete ein paar Schritte hinaus und mit jedem Augenblick kehrte allmählich Wärme in mich zurück. Ein sanftes Ziehen ging von meiner Seite aus.
Siehst du?, meinte ich lächelnd und genoss das schwerelose Gefühl von Hatis Erleichterung in meinen Gedanken, als ich mich kurzerhand ins Wasser fallen ließ. Es umschloss mich und die Kälte hatte schon ihren Biss verloren. Jeder Augenblick brachte stückweise meine Kräfte zurück und verdrängte die grausamen Erinnerungen, die mich heimgesucht hatten. Schon wieder vorbei.
Als ich wieder auftauchte, hatte Hati sich ans Ende des Stegs gesetzt und beobachtete mich. »Ich bin froh, dass du recht hattest. Aber du musst doch zugeben, dass es seltsam war. Magie verschwindet nicht einfach so«, sagte er.
»Solange sie jetzt zurück ist ...« Ich zuckte mit den Schultern. »Nächstes Mal bereiten wir uns einfach besser vor, bevor ich Esa suchen gehe. Vielleicht ein paar mehr Schutzzauber.« Ein weiteres Mal ließ ich mich unter die sanften Wellen sinken. Meine Zehen gruben sich zwischen die Steine am Grund und ich harrte für einen Moment mit geschlossenen Augen aus.
Ich wünschte, ich könnte so zuversichtlich sein, hörte ich Hati in meinen Gedanken sagen. Verzeih mir, wenn ich glaube, dass da was größeres dahintersteckt, als der Abwehrzauber einer dahergelaufenen Hexe.
Mein Atem wurde knapp. Ich stieß mich mit einem kräftigen Tritt ab, durchbrach die Oberfläche und schwamm zum Steg zurück, um mich an den rauen Planken festzuhalten. Hati saß direkt vor mir, so ruhig, dass er ohne das leichte Flattern seiner Haare im Wind auch eine Statue hätte sein können. Seine Silberaugen musterten mich und wäre das Holz unter meinen Armen nicht so rau gewesen, hätte ich ewig da hängen und diesen Anblick genießen können.
Lass uns das einfach für eine Weile vergessen, sagte ich. Wir können doch nichts mehr daran ändern und solange alles wieder gut ist, müssen wir das auch nicht. Falls es wieder passiert, können wir uns immer noch Sorgen machen.
Du hast schon wieder recht. Er lehnte sich nach vorn und küsste meine Stirn. »Wir sollten es trotzdem nicht aus den Augen verlieren.«
Ich nickte und ließ mich zurück über die Kante gleiten. »Vermutlich.«
Hati stand auf. Sein Blick wanderte von mir aufs Wasser und wieder zurück. »Ich kümmere mich schon mal ums Essen. Pass auf die Strömung auf«, sagte er noch, bevor er sich umdrehte und den Fußweg zur Hütte zurück schlenderte.
Zwischen den Bäumen war es schon schattig geworden und es war nur noch eine Frage von Augenblicken, bevor die Sonne hinterm Wald der nächsten Insel versinken würde. Die Tage wurden kürzer und immer wieder ertappte ich mich dabei, bei dem Gedanken wehmütig zu werden. Der letzte Winter, vor dem wir hier in dieser Hütte Zuflucht gesucht hatten, war zwar heftig, aber kurz gewesen und ich konnte nur hoffen, dass dieser es auch sein würde. Ich liebte das Meer. Ich liebte die langen Abende am Strand, das Grün der Birken und die Blumen am Ufer. Alles an diesem Ort war mir ans Herz gewachsen und zum ersten Mal, seit mein altes Leben zerfallen war, hatte ich nicht mehr das Bedürfnis, irgendwo anders hinzugehen.
Wegzulaufen, oder ein Ziel zu verfolgen.
Ein frischer Wind kräuselte die Wellen und ich schauderte. Die Sonne war verschwunden und die Kälte zehrte an mir, ebenso wie dieses Gefühl tief im Innern, dass eben doch nicht alles beim Alten war. Ein winziger Teil von mir fehlte - ein Teil meiner Magie - aber ich redete mir hartnäckig ein, dass auch der im Laufe des Abends zurückkehren würde. Widerwillig stieg ich zurück an Land. Ich sammelte meine Kleider ein und machte mich auf den Weg den Hügel hinauf, wo mein Zuhause wartete.
Die Beete vor der Hütte waren jetzt leer, und die Holzbeigen an der rechten Wand noch höher, als sie im letzten Winter gewesen waren. Sie waren gut überdacht und mit etwas Glück würden die Scheite uns über den Winter reichen. Links neben der Hütte befand sich der Stall, in dem Funke und Björk untergebracht waren, sowie der größte Teil unserer Vorräte, darunter einige Fässer Met, die wir in der nahe gelegenen Stadt Trosa gekauft hatten.
Ich schob die Haustür auf, die wie gewöhnlich quietschte. Ein kleines Eisengestell hing in Knöchelhöhe an der Wand, aber da ich keine Schuhe trug, ignorierte ich es. In der Grube im Mittelpunkt der Hütte flackerte die Glut des Herdfeuers, und der Duft von gebratenem Fisch füllte den Raum. Der Tisch rechts von mir war schon mit zwei Tellern, Krügen und Gewürzschälchen gedeckt und Öllampen warfen warmes Licht an die Wände.
Hati war gerade dabei, die Steinplatte, die wir zum Braten nutzten, von der Glut zu ziehen. Ganze acht Fische lagen darauf. Keineswegs zu viel, immerhin musste auch ich deutlich mehr essen, seit ich regelmäßig meine Göttermagie nutzte.
Auch jetzt fing mein Magen beim Anblick des Abendessens augenblicklich zu knurren an.
»Riecht gut«, sagte ich und ließ meine nassen Unterkleider einfach neben der Tür auf den Wäschehaufen fallen. »Ist es auch«, erwiderte Hati, als ich an ihm vorbei zu unserer Schlafecke hinüber ging, um etwas Frisches überzuziehen. Dieser hintere Teil der Hütte war leicht erhöht. Wir hatten kein richtiges Bett, aber dafür einen Haufen von Stroh, übereinander geworfenen Pelzen und Decken, der mehr als genug Platz für uns beide bot.
»Du kannst schon anfangen. Bin gleich da«, sagte ich, kniete mich auf meine Seite des Betts und betrachtete das Regal daneben. Ein paar Strümpfe lagen noch darin, aber kein einziges Hemd. Missmutig schaute ich zurück zu dem Kleiderhaufen neben der Tür. Ich musste wohl wieder waschen gehen. In Hatis Regal auf der anderen Seite lag wie üblich neben zwei halb abgeernteten Pflanzgefäßen ein einzelnes Hemd, also zog ich mir einfach das über.
Kleiderdieb, hörte ich ihn sagen und lächelte, während ich noch das Band am Kragen zuschnürte.
Sagst du nicht immer, dass es dir zu eng ist?, fragte ich, verstummte aber, als Hatis Arme sich schwer über meine Schultern legten. Er schaffte es noch immer, sich anzuschleichen.
»Sage ich das?«, raunte er ganz nah an meinem Ohr. Da er sowieso keine Antwort verlangte, schloss ich einfach die Augen, als seine Finger das Band wieder lösten.
»Sollten wir nicht zuerst essen?«, brachte ich heraus. Wohlige Schauer rannen über meinen Körper, als ich Hatis Lippen an meiner Wange spürte und ich gab mir Mühe, mich nicht völlig in diese Gefühle fallen zu lassen.
Bist du denn so hungrig? Er streckte sich und zupfte ein paar Blätter vom Hexenkraut in seinem Regal, bevor er sie nacheinander in seinem Mund verschwinden ließ. Das Letzte bot er mir an.
Ich schielte zum Tisch hinüber, auf dem unser Abendessen stand, und zurück zu dem, was direkt vor mir lag. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Das kann warten, sagte ich. Er lächelte, als er mir das Blättchen auf die Zunge legte. Es schmeckte bitter-süßlich, aber wir hatten beide gelernt, diesen Geschmack zu genießen. Nicht nur wegen der berauschenden Trunkenheit, die dieses Kraut hervorrief, sondern auch, weil es uns in unserer Liebe eine gewisse Sicherheit vor unerwünschten Folgen gab.
Hatis Hände glitten zu meiner Hüfte, als ich neben ihm aufs Bett sank und wie jedes Mal fühlte ich mich zu unserer ersten Nacht zurückversetzt. Ich ließ mich in seinen Gedanken fallen, als sie mit meinen verschmolzen und wir zu einem wurden. Keine Grenzen, oder Mauern zwischen uns. Die Welt verschwamm, während das Tageslicht endgültig zur Neige ging und die Nacht sich über unsere Heimat senkte.
Ich wusste nicht, wie spät es war, als ein Windzug durch die Hütte pfiff und mich aus meinem Schlaf schreckte. Die Eingangstür klickte leise und der Luftstrom riss ab.
»Hati?«, flüsterte ich und blinzelte in die Dunkelheit. Ich streckte eine Hand nach ihm aus, aber seine Betthälfte war leer. Nur noch die Wärme war zu spüren, wo er gerade noch gelegen hatte. Ich seufzte.
Immer öfter machte er sich mitten in der Nacht einfach in den Wald auf und langsam hätte ich mich daran gewöhnen sollen. Doch selbst nach all der Zeit fiel es mir noch schwer, alleine zu schlafen.
Ich zog die Decke über meinen Kopf und schloss wieder die Augen. Jetzt, wo ich wusste, dass ich allein war, krochen schon wieder Albträume aus den Tiefen meines Bewusstseins hervor, also beschwor ich in Gedanken das Meer, um sie fernzuhalten. Das Glitzern der Sonne, die Farben des Herbstlaubs. Bilder verschwammen und Szenen und Landschaften zogen wie bunte Flüsse an mir vorbei, als ich langsam zurück in den Halbschlaf driftete. Doch eines der Bilder blieb. Ich sah einen dunklen Raum vor mir, nur erleuchtet von einem kleinen Irrlicht. Es schwebte zwischen wurmstichigen Dachbalken, die wie die Speichen eines riesigen Rades angeordnet und mit Spinnweben verhangen waren. In seinem Lichtkreis war nicht viel zu sehen, aber während es langsam an den Steinblöcken der Wand hinunter glitt, hatte ich das Gefühl, diesen Ort schon gesehen zu haben. Weiter unten, am Boden ...
Mit einem Ruck wurde ich wieder wach. Mein innerer Schutzwall fiel und noch bevor ich wusste, was geschah, strömte gleißendes Licht über mich hinweg. Feuer brannte in meinen Adern und hinter meinen Augen. Mir drehte sich der Magen um, als ich in einen bodenlosen Abgrund aus Licht stürzte. Schon einmal hatte ich diesen Sog gefühlt. Ich wusste, was geschah und doch fühlte ich nichts als Furcht.
Der Strom riss ab. Die Schwerkraft legte sich wie Ketten um mich, zog mich hinunter und ließ das Licht erlöschen. Meine Schulter schlug hart auf Stein auf und trotz der Wärme-Rune fühlte ich die Kälte des Bodens an meinen nackten Beinen. Ich stöhnte schmerzerfüllt und richtete mich langsam auf. Ein Portal. Ich wusste nicht, wer es beschworen hatte, oder wie, aber das war nur eine von tausenden Fragen.
Ich atmete tief durch und versuchte ruhig zu bleiben, während ich mich umsah. Es war nicht schwer, trotz der Finsternis das Zimmer aus meinem Traum auszumachen. Ein einzelnes bläuliches Irrlicht schwebte träge umher und glitt an den Wänden eines runden Raumes entlang. Es sank und wanderte an eine Stelle, wo das Mauerwerk von dunklen Flecken beschmutzt war. Auf allen vieren kroch ich rückwärts, ganz vorsichtig. Die Scharte dort im Stein erinnerte stark an die Form, die ein Schwerthieb zurücklassen würde. »Oh, bitte nicht«, hauchte ich und mein Herz stolperte, als ich gegen die Wand hinter mir stieß. Das Irrlicht verharrte für einen Moment, bevor es wie eine fallende Feder hinab schwebte und enthüllte, was vor mir lag.
Ich erstarrte. Bleiche Knochen und alte Ketten. Dunkler Stoff, verziert von einem roten Emblem. Es war kein fremder Ort. Ich war zurück. Zurück bei Arved.
Kapitel 2
HEXENZIRKEL
Wie gebannt starrte ich auf die beiden Skelette am Boden der Turmkammer. Das Irrlicht schwebte zwischen den beinahe blanken Rippen hindurch und beleuchtete die knochigen Hände, die so nah beieinanderlagen, dass sie sich fast berührten. Weiße Linien wurden am Boden sichtbar, wenn auch verwischt und unkenntlich, aber ich erinnerte mich gut an die Formen, die sie einst gebildet hatten. Das Licht wanderte und ich senkte den Blick, als leere Augenhöhlen mir entgegen starrten. Ich biss die Zähne zusammen, um einen Würgereiz zu unterdrücken. Meine Finger krallten sich in den Stoff von Hatis Hemd und mein Atem ging so flach, dass er selbst in vollkommener Stille kaum hörbar war.
Ich musste weg. Nach Hause, oder einfach irgendwo anders hin. Ein weiteres Mal schloss ich die Augen und tastete nach meiner Magie, aber ich hatte keine Ahnung, wie man Portale erschuf – selbst wenn, hätte ich wohl zuallererst meine rasenden Gedanken unter Kontrolle bringen müssen. In meinem Kopf wütete die Panik, die ich an diesem Ort gefühlt hatte und die alten Narben an meinen Handgelenken brannten. Als würde ich noch immer die Ketten tragen, die nur wenige Schritte von mir entfernt lagen, wo ich sie damals zurückgelassen hatte. Es war, als würde meine Magie ein weiteres Mal von den breiten Eisenringen erstickt werden.
Mein Atem stockte, als Schritte die Stille durchbrachen. Hinter mir, auf der Treppe jenseits der Tür. Ich sprang auf und griff mir an die Hüfte. Kein Schwert. Also ballte ich nur die Fäuste und verharrte in der Mitte der Kammer, abwartend und bereit, es mit jedem Hexenjäger aufzunehmen, der gleich dieses Zimmer betreten mochte. Die Schritte stoppten und Fackellicht schien jetzt durch den Türspalt am Boden hindurch.
Das Schloss klickte. Die Tür wurde knarrend aufgeschoben und im Licht erschien das ausgemergelte Gesicht eines alten Mannes, der mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Sein zottiger Bart war schneeweiß, ebenso wie die Haare, die unter einer dunklen Kapuze hervorschauten. Seine Nase war knochig, seine Augen weit aufgerissen und er ähnelte in verschiedener Hinsicht einem Kauz. Er schien unbewaffnet zu sein.
»Fjara?«, fragte er stirnrunzelnd.
Ich ließ meine Fäuste ein Stück weit sinken. »Wer seid Ihr?«, zischte ich. Ich hasste es, wenn Leute meinen Namen kannten, während ich keinen blassen Schimmer hatte, wer sie waren.
Er hob seine freie Hand und blieb, wo er war. »Sonnwinn. Mei- mein Name ist Sonnwinn. Ich kenne dich. Du bist Eilas Tochter, nicht wahr?«
Eila. Sonnwinn. Das erste Mal hatte ich diese Namen genau hier, in dieser Kammer gehört. Vor mehr als einem Jahr. Arved hatte von Eila gesprochen und Jorunn von diesem Mann, der jetzt vor mir stand. Meine Eltern ... Ich riss mich aus meinen Gedanken, als Sonnwinn nähertrat und wich zurück. Meine Ferse stieß gegen etwas am Boden und hölzernes Klackern ließ mich zur Seite springen.
»Ist ja gut«, hörte ich Sonnwinn sagen, während ich wieder in meine Starre verfiel, mein Herzschlag dröhnend wie eine Trommel. Ich wollte nicht wissen, was ich gerade berührt hatte. Das Fackellicht flackerte, als ein Luftzug durch den Raum fegte und Sonnwinn wieder das Wort ergriff. »Wie ... Wie bist du hier rein gekommen? Dieser Raum sollte doch gegen Magie geschützt sein. Und wieso ...?«
Ich schüttelte ratlos den Kopf und er seufzte tief. Sein Blick wanderte an mir herunter und mir wurde ein weiteres Mal klar, dass ich nichts als ein übergroßes Hemd trug. Sonnwinn machte sich mit fahrigen Bewegungen daran, seinen Kapuzenmantel abzulegen. »A- Alles gut«, sagte er und streckte mir den Mantel entgegen, darauf bedacht, seinen Abstand zu wahren. »Komm jetzt. Wir sollten hier weg.«
Endlich etwas, bei dem ich ihm zustimmen musste. Ich legte den Mantel um meine Schultern und zog ihn eng um mich. Er roch nach Wald und Kräutern, was den Mann augenblicklich als Hexer entlarvte. Eine Tatsache, die mein Vertrauen zumindest ein wenig steigerte.
Als Sonnwinn sich umdrehte, folgte ich ihm mit einigen Schritten Abstand. Mein inneres Feuer flackerte auf, als ich die Schwelle übertrat und ich atmete tief durch. Ganz vorsichtig zog ich die Tür zu und ließ das fahle blaue Licht und Arved endlich hinter mir. Nicht, dass ich das Bild so schnell loswerden würde. Den alten Hexer vor mir schienen die Skelette jedoch nicht überrascht zu haben. »Ihr habt Arved gekannt, oder?«, fragte ich, als wir die steilen Stufen der Wendeltreppe hinabstiegen.
Seine Schultern bebten, als er in kurzen Atemzügen lachte. »Er war mein ... mein Meister. Zwanzig Jahre lang. Immer dasselbe dreckige ...« Er sah über die Schulter zu mir zurück, bevor er den Blick wieder zu den Stufen senkte. »Ja, ich ... kannte ihn.«
Mein nächster Impuls war es, nach Ragin zu fragen, aber es fühlte sich nicht richtig an. Nicht an diesem Ort. Abgesehen davon hatte ich noch ganz andere Fragen. »Ihr wart der auf der Mauer, richtig? Bei Esa.«
Er nickte träge. »Das war nicht meine Entscheidung. Und du musst nicht mit mir reden, als wäre ich ein Wildfremder. Deine Mutter und ich kannten uns gut.«
Vor dem nächsten Schritt zögerte ich. Meine Mutter. Diese Frau, die mich zum Sterben zurückgelassen hatte. Das brachte mich wieder zum Schweigen und erst, als das Fackellicht hinter der Biegung der Treppe verschwand, ging ich weiter, um nicht vom Dunkeln hinter mir verschluckt zu werden.
Wir traten in den Hof und ich sah zum zunehmenden Mond auf. Sein Licht fiel klar und kalt über die eingestürzten Mauern und all das, was wir damals zurückgelassen hatten. Es schien, als hätte jemand versucht, die Mauer wieder zu errichten. Der Hof war freigeräumt und zu meinem Erstaunen waren Beete auf der offenen Fläche angelegt worden – viereckige Grünbereiche zwischen den steinernen Bodenplatten. Aber die Pflanzen darin waren schon welk und abgeerntet.
»Das hast alles du gemacht?«, fragte ich fasziniert. Ich spürte, wie meine Wärme-Rune gegen die Kälte des Bodens ankämpfte, aber ich musste einfach für einen Moment stehenbleiben und all das betrachten. Ich konnte mir keinen besseren Nutzen für diesen Platz vorstellen.
Sonnwinn blieb ebenfalls stehen. »Ich bin ja nicht allein hier«, sagte er. »Komm lieber mit, es ist doch kalt.« Er steuerte auf das Hauptgebäude zu und ich folgte. Mir entging nicht, wie seine freie Hand unablässig an seinen Kleidern zupfte, oder wie er manchmal halb den Kopf wandte, wie um zu sehen, ob ich noch da war. Er war nervös und die Tatsache, dass er es zu überspielen versuchte, machte mich misstrauisch.
Hinter den hohen Bogenfenstern brannte Licht, aber die offene Tür des Haupthauses wirkte kaum einladender als ein schwarzer Abgrund. Denn obwohl Sonnwinn nicht gefährlich zu sein schien, bereitete es mir Bauchschmerzen, einem ehemaligen Diener von Arved in ein Haus zu folgen, in dem ich mich nicht auskannte. Zu Menschen, die mir fremd waren, völlig ohne Waffen. Aber immerhin hatte ich meine Magie zurück und da ich keine Ahnung hatte, wie ich alleine nach Hause finden sollte, war Sonnwinn meine beste Chance.
Leise Stimmen und der süßliche Duft von Zauberei lagen in der Luft. Gleich hinter der Eingangstür bog der Hexer nach rechts in den großen Raum ab, aus dem der Feuerschein kam und der Duft wurde gleich um ein Vielfaches stärker. Ein weiteres Mal in dieser Nacht traute ich meinen Augen nicht.
Der Raum musste früher als Versammlungsraum oder ähnliches gedient haben, denn er war riesig. Kaum niedriger als die Kirche in Holma und etwa doppelt so breit. Aber statt Bänken war alles mit Regalen, Säcken und Truhen vollgestellt. Die Wände waren mit Dingen behangen, die ich mit Zuhause verband; getrocknete Pflanzen, Kochgeschirr und dazu noch allerlei Zauber-Utensilien, deren Zweck ich nicht kannte. Merethes Sammlung wäre dagegen ein Witz gewesen. Links von mir knisterte in einem mannshohen Kamin ein Feuer, darüber hing ein beachtlicher Hexenkessel, und die zwei Gestalten davor waren dann wohl die dazugehörigen Hexen.
Sonnwinn schloss die Tür und warf mir einen ermutigenden Blick zu. Ich rührte mich nicht von der Stelle. Die beiden Hexen – eine Frau mit krausem weißblondem Haar und ein alter Mann, dürr und völlig haarlos – saßen nur da und starrten mich an. Wie es schien, waren sie gerade dabei gewesen, mehr Pflanzen für ihr Gebräu zu zerkleinern und das Messer, das die Frau hielt, war schwerlich zu übersehen.
»Wer ist das und wo kommt sie her?«, schnarrte sie und zeigte mit der Messerspitze auf mich. »Hast du sie reingelassen?«
»Sie ...«, fing Sonnwinn an, aber der andere Hexer fiel ihm ins Wort.
»Sie könnte eine von denen sein«, sagte er, schob das Buch zur Seite, das vor ihm am Boden lag und entknotete seine auf höchst eigenartige Weise verschränkten Beine. Seine Augen funkelten bösartig, als er mich musterte. »Wie sonst hätte sie hier rein kommen können, durch all die Bannzauber durch, hä?«
Eine ähnliche Frage stellte ich mir auch und da ich keine Antwort hatte, sah ich wie die anderen zu Sonnwinn hinüber, der sich mit einem müden Schnaufen den Nacken rieb. »Ich ... ich habe euch doch von Eila erzählt,« sagte er, den Blick am Boden. Die beiden anderen nickten. »Das ist ihre Tochter.«
Sofort richteten sich die zwei paar Augen wieder auf mich und jetzt waren sie weit und voller Erstaunen. Ich presste die Kiefer zusammen. Meine Verwirrung wurde langsam zu Frust. Eila war mir egal. Im Grunde wollte ich doch einfach nur nach Hause und vergessen, dass ich jemals hier gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich das alles noch als einen seltsamen Traum abtun können, denn viel absurder konnte es ja nicht mehr werden.
Die Hexe stand auf und schüttelte dabei ihr Kleid aus, das schien, als hätte sie einfach schichtenweise Lumpen aneinandergenäht, so ausgefranst wie es war. Ebenso der Schal, der um ihre Schultern lag. Es ließ sie beinahe geisterhaft aussehen, als sie näherschritt und der Stoff in jedem Luftzug flatterte. »Ist es wahr?«, flüsterte sie und ich wich zurück, als sie ihre dürren Hände nach mir ausstreckte. »Bist du es wirklich?«
Mein Rücken stieß gegen ein Regal und ich beschwor instinktiv meine Kräfte. Die Hexe keuchte überrascht, als sie von meinem Schutzwall zurückgestoßen wurde und kämpfte wild fuchtelnd um ihr Gleichgewicht, bevor Sonnwinn sie auffangen konnte. Der andere Hexer war aufgesprungen und eilte mit dem Messer bewaffnet an die Seite seiner Kameraden.
»Warum hast du sie hergebracht?«, keifte er, aber die anderen hielten ihn zurück.
»Reik, nicht!«, raunte die Hexe und, während eine geflüsterte Diskussion zwischen den Dreien ausbrach, sah ich sehnsüchtig zur Tür zurück. Ich hätte nicht mitkommen sollen! Was auch immer mich hierher verfrachtet hatte, ich hatte nicht den Nerv, mich mit diesen Verrückten zu befassen. Die Tür war jedoch auf beiden Seiten von Säcken und Unrat vollgestellt, sodass ich an den dreien hätte vorbeigehen müssen, um sie zu erreichen. Ich schob mich am Regal entlang seitwärts und blieb an irgendetwas hängen. Metall schepperte und sofort drehten sich die Hexen wieder zu mir um, während allerlei Unrat um meine Füße herum zu Boden fiel.
»Was. Wollt. Ihr?«, fragte ich.
»Wir?!« Der glatzköpfige Hexer, Reik, stemmte die Fäuste in die Hüfte. Seine Stimme war schrill und trotzdem kratzig. Eine Mischung, die jedem seiner Worte eine durchdringende Schärfe verlieh. »Du bist doch hier einfach reingeplatzt. Willst du uns beklauen? Willst du die Hexenjäger wieder herführen, hä? Wir wollen unsere Ruhe!« Ich sah zu Sonnwinn hinüber, der eine Hand über sein Gesicht gelegt hatte, während die Hexe einfach nur mit verschränkten Armen dastand und wartete, bis Reik fertig war. »Wir hatten schon genug Ärger. Siehst du das?!« Er zeigte auf seinen Kopf. »Das war ein Dämon und die Hexenjäger sind schuld, dass er entkommen ist. Haben mein Pentagramm zerstört, diese Idioten! Und genau heute, wo unsre Magie verrücktspielt, stehst plötzlich du hier. Zufall?!«, fragte er und drehte sich auf der Suche nach Bestätigung zu den anderen um.
Die Hexe zuckte mit den Schultern. »Es gibt Zufälle.«
Ich dagegen hing gedanklich noch bei Reiks Worten. »Ihr hattet das auch? Dass eure Kräfte verschwunden sind?«, hakte ich nach.
Sonnwinn nahm die Hand aus dem Gesicht und selbst Reik sah etwas weniger grimmig aus, als die Hexe antwortete. »Heute Nachmittag, ja. Die Magie ist für eine Weile einfach verschwunden, bevor sie zurückgekommen ist. Wie Ebbe und Flut, nur dass ein kleines Stück noch immer fehlt. Geht es dir etwa auch so?«
Ich nickte und sie streckte mir prompt ihre Hand hin. »Na dann sitzen wir doch alle im selben Boot.«
Unter Reiks misstrauischem Blick folgte ich ihr zur Kochstelle. Von der Raummitte aus konnte ich sehen, dass dieser Ort nicht nur als Küche und Lagerraum gedacht war, denn in zwei gegenüberliegenden, durch Regale abgegrenzten Ecken, standen auch Betten. Zwei in der Nische links, ein weiteres rechts. Offenbar hatten die Hexen beschlossen, ihre Wohnfläche in der Festung auf diesen einen Raum zu begrenzen. Verständlicherweise. Er war nicht so bedrückend und eng, wie die Zimmer und Flure, die ich schon gesehen hatte. Außerdem war es dank des Kamins angenehm warm.
»Also, Fjara. Setz dich.« Die Hexe ließ sich wieder auf ihrem Kissen nieder und klopfte auf das neben ihr, während Sonnwinn ein weiteres heranschaffte. »Ich bin übrigens Astrid. Das ist Reik und Sonnwinn kennst du ja schon.« Sie wechselte einen langen Blick mit Sonnwinn, der daraufhin kaum merklich nickte. Aber bevor ich den Moment recht einordnen konnte, nahm sie meine Hand, ein warmes Lächeln im Gesicht. »Also, magst du Tee?«
Ruhe breitete sich in mir aus, als ich in kleinen Schlucken die Schüssel austrank. Der Tee schmeckte würzig, aber ich konnte nicht ausmachen, aus welchen Kräutern er gemacht war. Astrid und Sonnwinn hatten ebenfalls schon ausgetrunken, während Reik noch geräuschvoll schlürfte. Seine engstehenden grauen Augen beobachteten nach wie vor jede meiner Bewegungen und ich konnte nicht anders, als seinen starrenden Blick zu erwidern. Seine Haut sah aus wie Pergament, bis auf die zwei knotigen Narben, die sich quer über sein Gesicht zogen. Keine Schwertnarben. Es sah eher aus, als hätten ihn zwei riesige Krallen erwischt, was zu der Geschichte mit dem Dämon passte.
»Also hast du Arved damals völlig zufällig getroffen?«, platzte Astrid schließlich heraus. »Ich meine, du hast ihn ja hoffentlich nicht absichtlich gesucht.« Sie lachte, auch wenn ich nicht erkennen konnte, wieso.
»Ja, Zufall«, murmelte ich und löste endlich meinen Blick von Reik. Die ganze Geschichte hätte zu lange gedauert und außerdem war ich mir bis heute nicht sicher, was zwischen Arved und Merethe vorgefallen war. Sie hatten sich eben gekannt. Das war alles, was ich mit Sicherheit sagen konnte.
Astrid musterte mich ganz unverhohlen. »Ich finde das wirklich erstaunlich. Es wundert mich, dass Arved dich nicht sofort erkannt hat. Du bist Eila wie aus dem Gesicht geschnitten. Das Kinn, deine Nase ... deine Haare sind anders, aber ich nehme an, das liegt an dem Fluch, nicht wahr?«
Ich senkte den Kopf und um nicht Astrids Blick erwidern zu müssen, betrachtete ich stattdessen Reiks Buch und die Zeichnung eines runden, mir völlig unbekannten Beschwörungssiegels. Es war nicht nordisch, sondern aus dem Osten, den runden Formen und aufwändigen Aufbau nach zu urteilen. »Ich kannte sie nicht«, sagte ich nur und wünschte mir, Astrid würde von etwas anderem sprechen. Eila konnte mir gestohlen bleiben. Was immer meine Vergangenheit war, ich wollte nicht, dass sie mein Leben beeinflusste. Nicht mehr, als sie es schon tat. Ich hatte Merethe endlich losgelassen, warum also nicht auch Eila?
»Das dachte ich mir«. Astrid stellte die leeren Teeschüsseln ineinander. »Sie ist ja auch früh gestorben, damals. Das war schon ein paar Monate nach der Geburt, richtig?«
Kurz herrschte Stille, bevor Sonnwinn das Wort ergriff. »Vielleicht reden wir lieber über das Problem mit der Zauberei«, schlug er vor, aber es klang mehr nach einer Frage. Es war offensichtlich, dass Astrid die Anführerin dieser kleinen Truppe war und dass sie diesen Themenwechsel zuließ, geschah vermutlich nur aus widerwilliger Höflichkeit.
Sie blickte mich noch immer an. Ihre runden Augen erinnerten mich an eine Kröte, ebenso die Art, wie sie den Kopf zur Seite neigte. Ihre aufrechte Haltung und die schlanken, von Arthrose gekrümmten Finger waren dagegen alles andere als krötenhaft. »Dann erzähl mal«, sagte sie.
»Es ist das Gleiche wie bei euch. Für ein paar Augenblicke war alles weg«, erklärte ich und beschwor eine kleine Flamme. Astrids Vergleich gefiel mir. Ebbe. Als hätte sich die Magie der Welt plötzlich ihren ganz eigenen Gezeiten unterworfen und doch passte er nicht ganz. Denn seit Astrid es erwähnt hatte, fiel auch mir auf, dass die Magie – obwohl ich wieder darauf zugreifen konnte – doch ein wenig anders war, als noch am Morgen zuvor. Schwächer.
»Könnten das die Dämonen sein?«, warf Reik ein. »Ich habe gehört, dass ein Prinz der Hölle so etwas –«
»Ach, Blödsinn!« Astrid stand auf, um Tee nachzufüllen. »Wenn Magie ausbleibt, ist das was Größeres, als irgendein verirrter Feuerwurm.«
Ich sah zu Sonnwinn hinüber, aber der starrte nur zu Boden, die Arme um seine Knie gelegt und die dichten Augenbrauen sorgenvoll zusammengezogen. Bisher hatte mich diese Sache nicht allzu sehr beunruhigt. Hati machte sich Sorgen, aber ich hatte es seiner unruhigen Natur zugeschrieben. Die drei Hexen schienen jedoch seine Meinung zu teilen.
»Und was ist größer als ein Dämon?«, fragte Reik.
Astrid setzte sich wieder und reichte mir meine Schüssel. »Vieles. Selbst Menschen können gefährlicher sein. Schau dir bloß Arved an.« Sie wandte sich wieder mir zu. »Weißt du, wir haben erst gedacht, dass Arved seine Finger im Spiel hätte, aber das ist unmöglich. Wir haben gut auf ihn aufgepasst. Und Sonnwinn sagt, die anderen hätten nichts von Arveds Plan gewusst, also können die es auch nicht sein. Du weißt da nicht zufällig weiter, oder?«
»Nein.« Ich trank einfach weiter, um nicht versehentlich eine blöde Frage zu stellen. Zum Beispiel, warum sie auf Arved aufpassten, wenn er doch tot war.
»Dachte ich mir.«
Es wurde still.
Das Feuer knisterte im Kamin vor sich hin und immer wieder erklang ein leises Pfeifen, wenn der Wind draußen an den Fenstern vorbei strich. Der Tee war schon leicht abgekühlt, sodass ich die zweite Schale deutlich schneller leertrank und dann einfach nur dasaß, zwischen diesen fremden Menschen.
Die Hoffnung, dass es nur ein schräger Traum war, verblasste, auch wenn ich vermutlich auf der Stelle hätte einschlafen können, so erschöpft, wie ich war.
Als es mir irgendwann schwerfiel, auch nur die Augen offen zu halten, zwang ich mich, aufzustehen. »Ich sollte nach Hause«, sagte ich und band mir Sonnwinns Umhang um die Taille. »Ihr habt nicht zufällig ein Pferd?« Mir graute bei dem Gedanken, jetzt den ganzen Weg nach Hause zu reiten. Aber die andere Möglichkeit war ein Portal, das ich mit etwas Glück vielleicht hätte beschwören, aber nicht kontrollieren können.
Sonnwinn kam ebenfalls auf die Füße. »Du willst schon gehen?«
»Ich wollte nicht mal herkommen«, erwiderte ich, bevor ich mich zur Höflichkeit ermahnen konnte. »Danke für den Tee und den Mantel. Aber ich muss zurück.«
Reik verschränkte wieder seine dürren Beine. »Was hält dich auf? Hast es auch vorher ganz gut an unseren Schutzzaubern vorbei geschafft.«
»Wenn ich wüsste wie, wäre ich schon weg«, knurrte ich und er starrte stattdessen seinen Tee an. Im Grunde erinnerte er mich an ein schlecht gelauntes Kind. Von dem gruseligen Buch neben ihm einmal abgesehen.
»Wenn es nur daran hakt«, sagte Astrid und ging zum Kamin. »Erstaunlich, dass du hierher gefunden hast, wenn du nicht mal ein Portal beschwören kannst. Aber so ist das wohl, wenn man ein Halbgott ist, hm? Mehr Kraft als sonst was.« Sie kicherte. Ich gab mir Mühe, den Kommentar nicht zu persönlich zu nehmen, oder überhaupt zu viel darüber nachzudenken. Woher wusste sie von dem Götterblut?
Astrid fischte ein Kohlestück vom Rand der Feuerstelle und während sie zu zeichnen begann, bedeutete Sonnwinn mir mit einem Nicken, ihm in eine Nische zwischen den Regalen zu folgen. »Ich ... Bevor du gehst, wollte ich nur sagen, dass es mir leidtut, was mit Eila passiert ist. Sie wollte dich immer nur beschützen. Ich hätte sie aufhalten und von diesem Plan abbringen sollen.«
Ich schluckte trocken. Astrids Portalkreis war schon fertig und sie kniete daneben, jede unserer Bewegungen belauernd. Sonnwinn wandte ihr den Rücken zu, als er in einem Regal herumkramte und schließlich ein vergilbtes Stück Papier hervorzog. »Sie hatte Angst. Sie ... sie hat mir damals etwas gegeben. Für dich. Am Tag vor ...« Er unterbrach sich und streckte mir stattdessen den Zettel hin. »Ich habe es bewahrt und es nie gelesen, das musst du mir glauben. Das war alles, was ich noch für sie tun konnte und ich hoffe, es hilft dir.«
»Danke«, murmelte ich. »Ich werde es mir ansehen.« Ohne zu überlegen faltete ich die Nachricht ein weiteres Mal. Sonnwinn schien ein wenig enttäuscht, als er zusah, wie ich es ungelesen in meiner Hand verschwinden ließ, sagte aber nichts. Und so schnell, wie ich hergekommen war, stand ich auch schon in dem Kreis, darauf bedacht, mir seine Formen einzuprägen. Trotz der bröckeligen Kohle, mit dem er gezeichnet war, waren die Linien klar erkennbar, wofür ich Astrid bewunderte. Die Formel selbst war jedoch simpel – zwei äußere Kreise, ein Pentagramm und in dessen Mitte ein Runensiegel. »Komm uns mal wieder besuchen«, sagte Astrid noch. »Wir hätten uns so vieles zu erzählen. Ich hatte schon lange nicht mehr das Vergnügen, eine junge Hexe kennenzulernen. In diesem steinernen Loch von einer Festung kann es recht einsam werden, wie du dir sicher vorstellen kannst.«
Ich setzte ein Lächeln auf. »Danke. Und wir sehen uns bestimmt wieder.«
Reik zog skeptisch eine nicht vorhandene Augenbraue hoch, aber Astrid lachte keckernd. »Sehr gut, das wollte ich hören. Und jetzt halt still und denk fest daran, wo du hin musst, sonst landest du noch im Sumpf.«
Sie begann die Formel zu sprechen und in Gedanken beschwor ich ein Bild meiner Heimat, der Hütte am Meer und Hati, der davor im Gras hockte. Ich umklammerte den Brief wie einen Schatz, als Licht mich umgab und die Welt ein weiteres Mal in dieser Nacht kopfstand.
Kapitel 3
INS UNGEWISSE
Meine Knie schlugen im nassen Gras auf, und eine Sekunde später meine Ellbogen. Ich fiel auf die Seite und blieb für einen Augenblick einfach nur liegen, aufs Meer blinzelnd. Während meiner Reise war die Nacht vergangen. Das graublaue Leuchten der Dämmerung spiegelte sich im ruhigen Wasser am Fuß des Hügels wider. Der Steg, die dünnen Birken und die Inseln jenseits zeichneten sich als schwarze Silhouetten gegen den Nebel ab, der am Ufer waberte.
Ich lächelte, erleichtert und zutiefst erschöpft. Beinahe hätte ich so tun können, als wäre das alles nie passiert, wäre da nicht der raue Stoff von Sonnwinns Umhang, der an meinen Beinen rieb und die steifen Kanten des Papiers, die in meine linke Handfläche drückten. Mein Lächeln schwand. Noch immer konnte ich mich nicht zum Aufstehen bewegen, oder den Blick vom Meer abwenden. Aber ich wusste, dass ich mich früher oder später dem stellen musste, was in Eilas Brief geschrieben stand. Ob ich es wollte, oder nicht, sie war meine Mutter und so sehr ich mir die Zeit zurückwünschte, in der ich ihren Namen nicht gekannt hatte, war es dafür zu spät. Diese Idee, dieser Schatten von ihr war schon zu einem Teil meiner Gedanken und meines Lebens geworden. Sie verfolgte mich.
»Fjara!« Hatis Stimme ließ mich zusammenzucken, als er in meine Grübeleien hereinplatzte. Seine Hände packten meine Schultern und im nächsten Moment zog er mich in seine Arme. »Wo warst du? Ich hab dich überall gesucht!«
Ich versuchte, mich von ihm zu lösen, aber seine Finger schlossen sich fest um meine Oberarme.
»Es geht mir gut. Es war ... ein Portal«, brachte ich heraus, auch wenn meine Worte zum Teil von seiner Schulter erstickt wurden. Endlich lockerte er seinen Griff und ich atmete tief durch. Mein Puls raste schon wieder und ich hoffte, dass das der letzte Schreckmoment dieser Nacht gewesen war.
Hati musterte mich von oben bis unten und blieb für einen Moment an dem Mantel hängen, der verrutscht war und jetzt nur noch halb über meinen Beinen hing. Aber er sprach seine Fragen nicht aus, auch wenn es noch so viele waren. Mühsam stand ich auf. »Rate, wen ich getroffen hab«, sagte ich und ging los.
