Flammendes Erbe - F. I. Thomas - E-Book

Flammendes Erbe E-Book

F. I. Thomas

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Beschreibung

Der Krieg zwischen den alten Magiern und ihren Novizen ist noch nicht vorbei. Doch ein neuer Feind hält beide Seiten in Atem. Die längst besiegt geglaubten grausamen Drachen sind zurückgekehrt und wollen mit nichts Geringerem als einem Heer aus Toten die Herrschaft wieder an sich reißen. Mutig beginnen die Novizen den Widerstand zu organisieren – aber die Allianzen sind brüchig. Vor allem als ein Gerücht die Runde macht: Wissen die Drachen, wie man Zauberei ohne den Verlust der Lebenskraft wirken kann? Um mehr dazu herauszufinden, müssen die jungen Magier bis ins Totenreich vordringen. Dort befindet sich die »Bibliothek der Toten«, die ein Geheimnis birgt, das ihnen vielleicht doch noch zum Sieg verhelfen könnte ...

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Entdecke die Welt der Piper Fantasy:www.Piper-Fantasy.de© Piper Verlag GmbH, München 2019 Umschlaggestaltung und -abbildung: www.buerosued.de Karte: Daniel JödemannSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Inhalt

Cover & Impressum

Karte

Widmung

Motto

Das Lied der Toten

Zwei Wochen später

Sturm

Die Zitadelle

Die Spur der Blätter

Missionen

Jenseits aller Grenzen

Vorabend des Krieges

Menschenblut

Krieg an mehreren Fronten

Rückkehr von den Toten

Offenbarungen

Luft & Stein

Drachenmacht

Morgenröte

 

 

 

Für Philipp und Loki,

zwei meisterhafte Adepten.

 

Einer wird fallen, einer wird sterben,

einer versucht, ein andrer verderben.

Einem obliegt es, die Macht zu wecken.

Einer findet Gnade im nahenden Schrecken.

– Weissagung der Greisenmaid –

Das Lied der Toten

Der Drache stieß lotrecht in die Tiefe.

Sein langer gezüngelter Schwanz ragte steil in den Nachthimmel, die fledermausartigen Schwingen presste er eng an den Schuppenleib, und aus dem aufgerissenen Schlund stoben Flammen.

Er war ein Gestalt gewordener Schrecken.

Und er wirkte fast lebensecht.

Magister Rasgath Tiefwasser klopfte sich den Schmutz von der Weste, rückte seine Nickelbrille zurecht und betrachtete aufmerksam die gewaltige Steinmetzarbeit, die das Mondlicht an den Außenmauern des Turms der Toten enthüllte. Sie war annähernd dreißig Schritt hoch; von der Plattform der runden Zinne bis hinab zu dem wuchtigen, hausgroßen Fundament mit dem doppelflügeligen Portal.

Da der hohe Turm aus dem schwarzen Basalt der Lindwurmhöhen gefertigt und an exponierter Stelle über der heutigen Hafenstadt Wyverhaven errichtet worden war, ragte er tagsüber wie ein schwarzer Dorn aus dem Stadtbild hervor. Ein unheimlicher Eindruck, der sich jetzt, im Mondlicht, noch verstärkte. Daran änderten auch die beiden luftigen und von Pfeilern verzierten Außengalerien nichts, die das Bauwerk ab einer Höhe von zwanzig Schritt ringförmig umschlossen. Hinzu kamen die schmalen, an Schießscharten gemahnenden Mauerdurchbrüche, die unregelmäßig in der Turmwand gähnten und dafür sorgten, dass sich der Westwind klagend in dem Bauwerk verirrte.

In Wyverhaven war das unentwegte, auf- und abschwellende Heulen des Windes als Lied der Toten bekannt. Kein Wunder, denn die Toten waren es, die das unheimliche Bauwerk bevölkerten – und sie waren es auch, die vielleicht den Schlüssel zur Rettung der Jungen Königreiche hüteten.

Nein, nicht vielleicht. Die ebenso riesige wie eigenwillige Abbildung des Drachen ließ gar keinen Zweifel daran. Umso befremdlicher erschien es Rasgath, dass er den allzu deutlichen Fingerzeig all die Jahre übersehen hatte. Immerhin handelte es sich um die imposanteste von Menschenhand gefertigte Darstellung eines Drachen in den Jungen Königreichen. Doch auch er hatte sie bislang als Mahnung missinterpretiert. Als Erinnerung an die fürchterliche Bedrohung, der dieser Teil der Welt über ein Jahrtausend lang ausgesetzt gewesen war – bis die Lindwürmer vor genau 420 Jahren besiegt worden waren.

Am Ende des Dritten Drachenkrieges.

Vermeintlich ausgelöscht.

Denn die Magierschaft hatte die Völker damals belogen.

Eine Lüge, an die Rasgath Tiefwasser selbst nur zu gern geglaubt hatte – bis ihn der schändliche Verrat seiner einstigen Magierkollegin Alruna von Greifenfels eines Besseren belehrt hatte. Alruna war in Wahrheit die Drachin Srazzz. Und noch immer konnte er es nicht fassen, dass sie ihn und die übrigen Zauberer all die Jahrhunderte über in Menschengestalt genarrt und so am Ende ausgetrickst hatte.

Das war vor zwei Wochen gewesen. Und nun war es nicht mehr zu leugnen: Die Drachen waren zurück.

Alruna war nicht allein. Im Verborgenen hatte sie weitere Drachen aufgezogen, und es war ihr gelungen, den finsteren Drachenkönig Yolsulgur aus dem Reich der Toten ins Diesseits zurückzuholen. Das veränderte alles. Denn der Drachenkönig war jetzt ein Wesen der Nacht. Eine monströse, untote Kreatur, die kaum etwas mit der Welt der Lebenden verband. Ja, es stand sogar zu befürchten, dass Yolsulgur durch die unheimliche Transformation weitaus mächtiger war als früher.

Rasgath Tiefwasser atmete tief die raue Seeluft ein, die von Westen kommend über das Plateau am Fuß des Turms strich. Scheiterte er also an seinem heutigen Vorhaben, dann war guter Rat teuer.

Er wollte gerade auf das Portal zuschreiten, als er hinter sich, dort, wo eine steile Treppe hinab ins Stadtgebiet führte, hektische Stiefelschritte vernahm. Lichtschein nahte.

Seine Ankunft war also nicht unbemerkt geblieben.

Sein Kollege Walmar der Weise hatte ihm einen seiner Sturmringe überlassen, dessen Magie ihm die rasche Anreise ermöglicht hatte. Die Windhose, die Rasgath über das Wolkenkamm-Gebirge getragen hatte, war offenbar selbst zu dieser Tageszeit auffällig genug gewesen, um aufmerksame Bürger der Hafenstadt aufzuschrecken.

»Stehen bleiben! Gebt Euch zu erkennen und sagt, was Ihr hier oben sucht!«, bellte eine Männerstimme im breiten Zungenschlag der Wyverhavener.

Widerstrebend wandte sich der Magier zur Treppe um und sah im Zwielicht drei Bewaffnete mit Hellebarden und Laternen das Plateau erklimmen. Die schweratmenden Männer trugen Topfhelme und grauschwarze, regenabweisende Kaputzenüberwürfe, deren hervorstechendstes Merkmal markante Zierleisten mit Metallknöpfen waren, die silbrig im Laternenlicht schimmerten.

Keine Soldaten, sondern einfache Nachtwächter.

Hinter ihnen zeichnete sich das verschattete Dächermeer Wyverhavens ab. Die Küstenstadt schmiegte sich an einen felsigen Hang und reichte über mehrere Höhenebenen hinab bis hinunter zum fast kreisrunden und von künstlichen Flutmauern umgebenen Hafenbecken samt Werften und Speichern. Die Hafenstadt war dort erbaut worden, wo der Reißwasser ins Westmeer mündete. Der Fluss entsprang dem Wolkenkamm-Gebirge und war zur Schneeschmelze kaum schiffbar. Dennoch hatte sich die etwas über zweitausend Einwohner beherbergende Küstenstadt in den letzten Jahrhunderten zum wichtigsten Umschlagsplatz für den Überseehandel mit Drachengebein entwickelt. Entgegen den Gepflogenheiten in anderen Teilen der Jungen Königreiche, war der Handel mit dem kostbaren Material hier noch immer erlaubt. Doch Drachengebein wurde zunehmend rar, und so lebten die hiesigen Händler inzwischen vornehmlich von dem, was die Waljäger oben in Walskar erbeuteten oder was über den Nebelpass an kostbaren und zuweilen verbotenen Waren aus den Reichen östlich des Wolkenkamm-Gebirges hierhergelangte, darunter Waffen aus Waldalether Stahl, Rauschpilze aus Kesselfurt, Tuche aus Kronberg und buntes Glas aus Albenhain. Der Niedergang Wyverhavens war dennoch kaum aufzuhalten. Die serpentinenartigen Gassen, die sich durch die Stadt zogen, waren baufällig, große Teile der Einwohnerschaft verarmt, und einzig im Stadtviertel der reichen Überseehändler, Werftbesitzer und Schiffseigner, das sich rund um die Burg des hiesigen Seekönigs schmiegte, war noch etwas von dem vergangenen Glanz zu erahnen. Seit die herrschenden Clans in dem Piratennest Harveth jedoch wieder auf Kaperfahrt gingen, schwand auch der verbliebene Reichtum.

Trotzdem mussten Stadt und Seekönig ihre Verpflichtungen erfüllten.

»Mein Name ist Magister Rasgath Tiefwasser und ich bin ein Abgesandter des Ordens der Stäbe!«, erklärte der Magier den näher kommenden Männern. Er klopfte mit seinem Zauberstab aus gedrechseltem Drachengebein auf den Boden und über dem Stabende erschien eine sanft leuchtende Lichtkugel, deren Helligkeit die Schatten auf dem Turmplateau vertrieb.

Verblüfft sahen ihn die drei Nachtwächter an.

Der älteste von ihnen, ein Mann mit Vollbart und vom Wetter gegerbtem Gesicht, senkte sogleich die Waffe.

»Ein Magier vom Orden der Stäbe?« Verlegen rückte er sich den Topfhelm zurecht. »Ich wusste gar nicht, dass der Orden noch existiert. Zumindest … dürfte es schon eine Weile her sein, seit einer von euch unsere Stadt besucht hat.«

»Was mich betrifft, ist es einhundertunddrei Jahre her«, erwiderte Rasgath Tiefwasser.

»Meine Güte, wie alt seid Ihr?«

Der Magier musterte ihn kühl. »Heute sind es 473 Jahre, fünf Monate und dreizehn Tage. Aber ich glaube kaum, dass das etwas zur Sache tut.«

Der Nachtwächter und seine Kameraden wechselten ungläubige Blicke. »In diesem Fall habt Ihr ja sogar den Dritten Drachenkrieg miterlebt.«

Rasgath Tiefwasser lächelte schmallippig. Dass der Magierorden heute nur noch aus ihm und Walmar bestand, musste der Mann nicht wissen. Escalia und der fette Goltar waren tot. Alruna hatte sich als Drache entpuppt, und wo Valeska nach ihrer Flucht vom Drachenthron geblieben war, entzog sich seiner Kenntnis. Valeska war schon immer ein selbstsüchtiges Miststück gewesen, das die Zauberei weniger aus akademischen Zwecken betrieb, sondern um sich zu bereichern. Um den magischen Schutz der Jungen Königreiche war es also schlecht bestellt.

Auf ihre ehemaligen widerspenstigen Adepten würde Rasgath nicht setzen. Alle waren sie magische Dilettanten, ausgebildet allein zu dem Zweck, ihr Leben für das Wohl der Jungen Königreiche zu opfern. Bedauerlicherweise war das missglückt und die Adepten flüchtig. Nur bei seiner eigenen Adeptin Ambra spürte Rasgath, dass sie den Kampf am Drachenthron nicht überlebt hatte. Walmar und er mussten sich also allein auf ihre eigenen Kräfte verlassen.

»So oder so, Ihr solltet dankbar sein, dass ich Eure Stadt angesichts der heraufziehenden Bedrohung mit einem Besuch beehre«, sagte Rasgath.

Die Männer warfen sich irritierte Blicke zu.

»Welche Bedrohung?«, fragte der Bärtige.

»Der Meister unseres Ordens, Walmar der Weise, hat doch bereits vor zwei Wochen Botschaften überall in die Jungen Königreiche entsandt«, erklärte Rasgath Tiefwasser misstrauisch. »Auch zu Eurem König. Ihr solltet also wissen, wovon ich spreche.«

»Entschuldigt, Herr«, meldete sich einer der Jüngeren zu Wort, »was auch immer Ihr meint, wir wurden nicht eingeweiht.«

»Wie bitte?« Alarmiert marschierte Rasgath Tiefwasser an den Bewaffneten vorbei zum Rand des Plateaus, nestelte an seiner Brille und warf einen genaueren Blick auf das Stadtgebiet. Zwar schob sich in diesem Moment eine Wolke vor den Mond, dennoch konnte er erkennen, dass im Hafenbecken statt der erhofften Kriegsschiffe lediglich drei hochseetaugliche Handelssegler vor Anker lagen. Die Stadt machte überhaupt einen verschlafenen Eindruck.

Erbost fuhr er herum. »Dann ist die Botschaft nicht eingetroffen, dass die Drachen zurück sind?«

»Die Drachen?!« Entgeistert rissen die Männer die Augen auf.

»Ja, verdammt, die Drachen!« Tiefwasser trat verärgert an den Bärtigen heran. »Euer Name?«

»Keinert Wogentreu, Magister.«

»Schickt Eure Männer sofort zur Festung des Seekönigs und richtet ihm aus, dass ich ihn heute Nacht noch zu sehen wünsche. Der Orden der Stäbe verlangt auch von Wyverhaven die Entsendung von Soldaten, um der Drachenmacht zu widerstehen.«

Der Bärtige schluckte und wandte sich an seine Untergebenen. »Los, ihr habt es gehört. Beeilt euch!«

Seine Kameraden eilten ohne zu zögern über die steile Treppe nach unten ins Stadtgebiet – und der Magier spürte unvermittelt ein körperliches Unbehagen. Nein, mehr. Seine Nackenhaare stellten sich auf, fast so, als lauere in der Nacht ein ungenannter Schrecken, der sich bereit machte, ihn anzuspringen. Den Stab abwehrbereit erhoben, fuhr Rasgath zu dem Turm der Toten herum, doch das beunruhigende Gefühl verebbte ebenso schlagartig, wie es gekommen war.

»Bei allem Respekt«, meldete sich der Nachtwächter zu Wort. »Wenn das alles wahr ist, was sucht Ihr dann ausgerechnet hier oben?«

»Eine Waffe gegen den Drachenkönig Yolsulgur«, sagte Rasgath Tiefwasser mehr zu sich selbst. Misstrauisch beäugte er die Dunkelheit um sich herum, dann gab er sich einen Ruck und marschierte geradewegs auf das Portal des düsteren Turms zu. »Und da Ihr schon hier seid, dürft Ihr mir assistieren.«

»Ich?« Keinert Wogentreu stolperte hinter ihm her. »Ihr wollt da rein? Das ist verboten. Überhaupt, was erwartet Ihr dort zu finden – außer Knochen? Wir nutzen den Turm ausschließlich dazu, unsere Toten zu bestatten. Ihr wisst es vielleicht nicht, aber die hiesige Gegend ist viel zu felsig, um Gräber auszuschachten.«

»Doch, mein Bester, das alles ist mir wohlbekannt. In meinen Kreisen gelte ich sogar als ausgemachter Spezialist für Totenbräuche.« Rasgath Tiefwasser hielt vor dem Portal inne und spähte an dem dunklen Mauerwerk und der gut erhaltenen steinernen Plastik des riesigen Drachen vorbei hinauf zur Turmkrone. Aus dieser Perspektive wirkte die scheinbar auf ihn herabstürzende Feuerechse besonders bedrohlich. Reine Optik, nicht vergleichbar mit dem Gefühl von eben; allerdings hatte er jetzt keinen Zweifel mehr daran, wer dem Turm einst seinen Stempel aufgedrückt hatte.

»Dann solltet Ihr auch wissen«, ereiferte sich Wogentreu, »dass der Turm geschaffen wurde, um die Totenruhe zu ehren und den Verstorbenen Respekt zu erweisen. Besser, Ihr wartet auf die Erlaubnis des Königs, bevor Ihr diesen Ort der Andacht betretet.«

»Die Toten zu ehren und ihnen Respekt zu zollen …?«, echote Rasgath ungläubig. »Offenbar wisst Ihr nicht viel über die Bräuche Eurer Vorfahren.«

»Welche Bräuche?« Der Bärtige sah ihn befremdet an.

Rasgath schürzte die Lippen. »Die Totenruhe hat Eure Ahnen nicht im Mindesten interessiert, als sie diesen Turm einst erbauten. Sie haben ihre Toten vielmehr hierhergeschleppt, um sie oben auf der Turmplattform den Greifen zum Fraß vorzuwerfen.«

»Was haben sie?« Der Nachtwächter ächzte.

»Den Greifen. Zum Fraß«, wiederholte Rasgath Tiefwasser in einem Tonfall, als spräche er zu einem Schwachsinnigen. »Das sind stattliche Kreaturen, halb Raubvögel, halb Löwen, die einst von den Elfen mit in die heutigen Jungen Königreiche gebracht wurden.«

»Ja, ich weiß, was Greifen sind. Aber –«

»Einige Exemplare verwilderten«, dozierte der Magier weiter, »und nisteten in den westlichen Ausläufern der Lindwurmhöhen. Dort gibt es heute zwar keine Greifen mehr, aber lange Zeit galten sie als natürliche Feinde der Drachen.«

»Ja, gut … aber was hat das alles mit –«

»Eure Vorfahren«, unterbrach ihn der Magier, »erbauten diesen Turm, um sie mithilfe ihrer Verstorbenen hierherzulocken.«

»Aber warum?«

»Greifen sind auch Aasfresser. Und viel Nahrung bot die von Drachen leergefressene Landschaft damals ja nicht.« Rasgath deutete hinauf zur Turmspitze. »Deswegen die Höhe des Bauwerks. Der aufsteigende Verwesungsgeruch wurde vom Westwind bis zu den Ausläufern des Gebirges getragen und sorgte so dafür, dass stets einige Greifen über der Küste kreisten. Ihre schiere Präsenz ließ die Drachen den hiesigen Küstenabschnitt meiden. Was die Greifen von ihrem Leichenfraß übrig ließen, wurde dann tatsächlich im Turm bestattet. Und wie wir heute wissen, hat sich der Brauch in der Folgezeit verselbstständigt.«

Keinert Wogentreu presste die Lippen aufeinander. Ihm schien bewusst zu werden, welchen Überlebenswillen seine Ahnen aufgebracht hatten.

»Und wenn gerade mal keiner gestorben war, nun ja, dann griffen Eure Ahnen sehr pragmatisch auch auf Schiffbrüchige und andere Gefangene zurück, die sie zu diesem Zweck erschlugen.« Rasgath Tiefwasser legte nachdenklich einen Finger an die Lippen. »Wobei das rein rechnerisch sogar die Regel gewesen sein muss. So viele Tote, wie Eure Altvorderen benötigten, kann die damalige Population auf natürliche Weise nicht hervorgebracht haben. Das beweist, dass Eure Ahnen exzellente Menschenjäger waren, die den Drachen an Skrupellosigkeit in nichts nachstanden. Seien wir ehrlich: Der verschlagene Zug von euch Küstenbewohnern ist ja noch heute landauf, landab berüchtigt. Man denke nur an die Kaperfahrten bis hinunter nach Harveth, an all die blutigen Intrigen, mittels denen die Mitglieder Eurer Königsfamilie üblicherweise um die Herrschaft streiten, an den grassierenden Schmuggel und, ja, nicht zuletzt an die Strandpiraterie Eurer Fischer, die hierzulande ja fröhliche Urständ feiert.« Er zwinkerte. »Ihr entstammt einem mit allen Wassern gewaschenen Volk. Und ich schätze solchen Pragmatismus. Sehr sogar. Genau darauf sollten wir uns auch heute besinnen.«

Der Bärtige starrte ihn mit offenem Mund an.

»Wenn das wirklich wahr ist«, krächzte er, »warum dann der Drache über uns? Und nicht die Abbildung eines Greifen?«

»Sehr gut, Keinert Wogentreu, Ihr stellt die richtigen Fragen.« Der Magier nickte anerkennend. »Tatsächlich handelt es sich bei dieser kolossalen Darstellung um einen Hinweis, den wir Magier lange Zeit übersehen haben – und dem wir jetzt nachgehen werden. Ihr tragt nicht zufällig den Turmschlüssel bei Euch?«

Der Bärtige schüttelte den Kopf. »Die Schlüssel zum Turm verwahren der Turmwächter und der Seekönig.«

»Nun, die Lage erfordert es, dass wir uns dennoch einen Überblick verschaffen.« Rasgath Tiefwasser hob seinen Stab aus Drachengebein, intonierte eine Zauberformel und legte die Linke auf die Pforte. Ein scharfes metallisches Schnappen ertönte und wie von Geisterhand bewegt schwangen die Portalflügel zurück. Sie offenbarten einen düsteren Steingang mit Quergängen, an dessen Ende eine Wendeltreppe hinauf zu den oberen Stockwerken des Turms führte.

Forsch marschierte der Magier ins Turminnere. Sein Begleiter zögerte, schließlich hob er seine Laterne und eilte ihm nach. Rasch wurde es stiller um sie herum, abgesehen vom unheilvollen Lied der Toten, das der Wind in den oberen Etagen erzeugte.

Noch bevor sie die Treppe erreichten, sahen sie die Toten.

Vielmehr das, was von ihnen übrig geblieben war. Knochen. Und Schädel.

Hunderte. Tausende.

Generationen von Wyverhavenern ruhten in eigens dafür geschaffenen Nischen und Aussparungen an den Wänden. In manchen von ihnen lagen lediglich Arm- und Beinknochen, in anderen stapelten sich Beckenfragmente, Wirbelsäulen, Rippenbögen und Fingerknöchel.

Rasgath Tiefwasser hob anerkennend eine Augenbraue, denn diese Art von Effizienz nötigte ihm durchaus Respekt ab.

»Ich war bislang nur einmal hier«, wisperte der Nachtwächter hinter ihm. »Vor vier Jahren, als ich meiner Frau das letzte Geleit gab.«

»Perfekt!«, erwiderte Rasgath Tiefwasser mitleidlos. »Dann kennt Ihr Euch hier ja gut aus.«

»Ihr habt mich schon verstanden, oder? Das war meine Frau.«

»Keine falschen Sentimentalitäten. Dort, wo sich Eure Frau jetzt befindet, sind weltliche Belange völlig ohne Bedeutung. Ihre Seele hat Euch vermutlich längst vergessen. Es sei denn« – er gestattete sich ein feines Lächeln – »Ihr habt ihr zeitlebens Leid und Unrecht zugefügt.«

»Wie könnt Ihr das sagen? Ich habe meine Frau geliebt. Und sie mich. Und … ich bin mir sicher, dass sie da, wo sie jetzt ist, auf mich wartet.«

»Welch törichter Gedanke.« Rasgath Tiefwasser verdrehte leicht die Augen. »Vor allem angesichts der profanen Natur Euer beider Verbindung. Glaubt mir, ich habe in den zurückliegenden Jahrhunderten ganze Heerscharen an Seelen zurück ins Diesseits gezwungen, und weiß daher, was sie bewegt. Die einzigen Toten, die wirklich ein Interesse an den Lebenden hatten, waren jene, die die Aussicht auf Rache trieb.«

»Ihr habt was getan?« Bestürzt sah ihn Wogentreu an. »Ihr habt Tote beschworen?«

»Zu rein akademischen Zwecken«, betonte der Magier, während er an weiteren hohen Knochenstapeln vorbei auf die Wendeltreppe zumarschierte. »Ihr solltet mir daher glauben, wenn ich Euch sage, dass es allein die rachsüchtigen und mordlüsternen Seelen sind, die noch ein Mindestmaß an Interesse an ihrer zurückliegenden weltlichen Existenz zeigen. Ihr hättet Eure Frau zeitlebens schon prügeln, an andere Männer verkaufen oder sonst wie quälen müssen, um eine Verbindung zwischen euch zu schaffen, die selbst den Tod überdauert. Nur befürchte ich, dass Ihr in diesem Fall froh wärt, wenn sie dort bliebe, wo sie jetzt ist.« Er lachte.

Der Nachtwächter nicht.

»Leid«, fuhr Rasgath fort, während er die Umgebung achtsam nach magischen Fallen absuchte, »ist meiner bescheidenen Expertise nach überhaupt alles, was die Toten mit den Lebenden verbindet. Alles andere verblasst, vergeht und entschwindet in völliger Bedeutungslosigkeit.« Der Magier blieb kurz stehen und sann seinen eigenen Worten nach. »Ein nahezu poetischer Gedanke, solch ein endgültiger, alles umfassender Friede, findet Ihr nicht? Nun ja, zumindest für all jene, die ein so banales Leben führen wie Ihr.« Der Magier schob sich die Brille zurecht und marschierte auf den Stufen hinauf. »Natürlich gibt es auch solche, deren Leben Geltung besitzt. Damit meine ich jene, die dem Leben durch ihre schiere Existenz Sinn verleihen. Kurz: Menschen wie mich. Allein ihretwegen lohnt es, die Welt trotz ihrer Unvollkommenheit zu erhalten. Und genau einen solchen suche ich hier. Besser gesagt: seine mögliche Hinterlassenschaft.«

Er erreichte das erste Stockwerk des Turms, wo weitere Gänge sternförmig zur Außenwand abzweigten. Auch hier waren die Wände bis unter die Decke mit aufeinandergestapelten Knochen und Schädelpyramiden verkleidet, deren gebleckte Zahnreihen ihn höhnisch angrinsten. Ebenso verhielt es sich mit dem zweiten Stockwerk. Und dem dritten.

Warum war er selbst nie auf den Gedanken gekommen, in solch einem Umfeld seinen nekromantischen Studien nachzugehen? Der Turm war der ideale Ort dafür.

Und das, obwohl immerzu der Seewind durch die Gänge säuselte, sich an den Knochen brach und unaufhörlich das Lied der Toten anstimmte.

Es ähnelte jetzt einem leisen Raunen und Wispern.

»Hier muss es doch irgendwo Areale geben, in denen Eure Toten nicht bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt wurden«, sprach er seinen Begleiter an. »Bereiche mit Individualität und vor allem … Grabbeigaben.«

Keinert Wogentreu erwiderte nichts. Niedergeschlagen stand er vor einer vom Mondlicht beschienenen Schädelwand und berührte einen Kopf.

»Eure Frau?«

Der Mann nickte stumm.

»Ja, hübsche Zähne. Wenn wir jetzt bitte weiter könnten.«

»Was Ihr sucht«, kam es verärgert zurück, »kann sich nur ganz oben in der Königskammer befinden. Direkt unterhalb der Turmplattform.«

Rasgath Tiefwasser mühte sich mit neuem Elan die steinernen Turmstufen hinauf, und der Nachtwächter folgte ihm zögernd zu dem ersten jener Stockwerke, von dem aus man durch eine hölzernen Pforte eine der Außengalerien des Turms betreten konnte. Hier hatten die Wyverhavener sogar einen Anflug künstlerischer Kreativität walten lassen, denn der Pfortenbogen wurde von zwei eingemauerten menschlichen Gerippen gebildet, deren skelettierte Hände sich über dem Schlussstein wie zum Gruß berührten.

Auch hier oben war es zugig und der Seewind, der durch die schießschartenförmigen Fensterschlitze ins Innere drang, klang hohl und bedrohlich. Als ob er den mordlüsternen Kehlen von Wesen entwiche, die nur darauf lauerten, den Besucher aus dem Unsichtbaren heraus anzufallen.

Schlagartig wurde es finster um sie herum, und abermals stellten sich die Härchen auf Rasgaths Haut auf.

Doch sofort drang wieder fahler Mondschein durch die Fensterschlitze, der sich wohltuend mit der Helligkeit seines Zauberlichts mischte. Eine Wolke, die sich vor das nächtliche Himmelsgestirn geschoben hatte? Das unheimliche Heulen und Brausen verebbte und machte einem Laut Platz, der dem mahnenden Klagelied von Frauen ähnelte.

Nein, keine Frauen, das war die Stimme … eines jungen Mädchens.

Auch Wogentreu blieb davon nicht unberührt. Kreidebleich starrte er in die Düsternis und Rasgath sah ihm an, wie sehr er mit sich rang, nicht einfach die Flucht zu ergreifen.

Offenbar verwischte die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, je weiter sie im Turm nach oben stiegen. Spätestens jetzt war er sich sicher, dass an diesem Ort einst nekromantische Studien betrieben worden waren.

Er erreichte ein Turmgeschoss, in dem es auf den ersten Blick nicht weiterging. Auch hier stapelten sich bis unter die Decke die Gebeine von Menschen. Ein seufzender Hauch durchwehte die Turmkammer.

Weiiiiiteeer …

Misstrauisch verengte der Magier die Augen, aber die geisterhafte Stimme wiederholte sich nicht, sondern ging unter in dem unentwegten Flüstern und Säuseln des Windes. Doch sie war klar wahrnehmbar gewesen.

Da erblickte er auf der Südseite der Turmkammer eine weitere, etwas versetzt liegende Treppe. Er eilte zu ihr und sah, dass sie oben an einer prächtig beschnitzten Tür endete. Auf dieser prangte das Wappenschild der hiesigen Seekönige: ein dickbauchiges Schiff mit einer über dem Hauptmast schwebenden Krone.

»Da geht es zur Königskammer.« Keinert Wogentreu trat schwer atmend neben ihn. »Vielleicht wäre es jetzt doch Zeit, innezuhalten und die Erlaubnis des Königs abzuwarten?«

Rasgath Tiefwasser stieß seinen Zauberstab brüsk nach vorn. Mit einem Knall brach das Schloss über ihm auf und das Türblatt schlug zurück, als sei es von einer Riesenhand aufgestoßen worden. Schon war er oben und trat in eine kreisrunde, direkt unterhalb der Turmplattform liegende Kammer, deren hohe dunkle Decke von schwarzen Balken gestützt wurde. Der Raum erstreckte sich über zwei Höhenebenen, deren obere mittels eines hölzernen Rundgangs zu erreichen war. Rasgaths Zauberlicht offenbarte hier keine nackten Knochen, stattdessen waren die Wände ringsum über und über mit den marmornen Verschlussplatten schmaler Grabnischen ausgekleidet. In diese waren kunstvoll und teils vergoldet die Wappen der Stadt sowie unzählige Namen von Frauen und Männern eingemeißelt worden.

Der Nachtwächter warf ebenfalls einen Blick in die hoch über der Stadt liegende Königsgruft. »Ihr werdet Euch doch nicht an den königlichen Grabbeigaben vergreifen wollen?«

»Mitnichten. Ich suche die Hinterlassenschaft eines herausragenden Zunftkollegen!«, knurrte Rasgath und schritt die Wände der Turmkammer ab.

»Ihr sucht … einen Magier?«, ächzte Wogentreu. »Hier oben?«

»Sein Name war Hasraban el Sayed und er stammte aus dem heutigen Sultanat Harashim«, erklärte Tiefwasser geistesabwesend. »Seinerzeit war er einer der herausragendsten Zauberer dies- und jenseits der Wogensee. Wobei … sein arkanes Genie damals nicht unumstritten war. Aber welcher große Forschergeist ist das schon?«

»Dann ist er also … nicht so alt wie Ihr geworden?«

»Bedauerlicherweise nicht«, brummte der Magier. »Er starb durch einen Drachen. Und das ist schon bitter, immerhin war er der Begründer der nekromantischen Wissenschaften, und als solcher genießt er bis heute meine stille Verehrung. Seine kühnen Forschungen schreckten nicht einmal vor der Seelenmanipulation artfremder Kreaturen wie den Greifen zurück …« Tiefwasser dachte wehmütig an den verlorenen fliegenden Teppich des Totenbeschwörers, der sich nur kurz in seinem Besitz befunden hatte. Die renitenten Adepten hatten ihn gestohlen, und bislang hatte er nicht herausfinden können, was mit dem kostbaren Flickenteppich geschehen war.

»Greifen … dieser Turm …« Er sah Wogentreu an. »Selbst Ihr solltet den Zusammenhang erkennen.«

Beunruhigt blickte sich der Nachtwächter um.

Der Magier schritt eine weitere Reihe Gruftnischen ab. »Ich habe jedenfalls schon früh damit begonnen, sein Lebenswerk vor der Vernichtung zu bewahren. Zum Glück, denn das hat den Jungen Königreichen die letzten 420 Jahre über den Frieden gesichert.« Rasgath dachte an seine jahrhundertelangen Anstrengungen zurück, den Riss ins Totenreich zu versiegeln, den der Drachenkönig Yolsugur geöffnet hatte. Er seufzte. »Nur musste ich leider feststellen, dass Hasrabans Geist zuletzt von Wahnsinn gezeichnet war. Eine charakterliche Schwäche, die ich ihm angesichts seiner kühnen Pionierarbeit jedoch gern nachsehe. Leider war ihm deswegen auch nach seinem Tod nicht mehr viel Brauchbares zu entnehmen. Und, glaubt mir, ich habe es mehrfach versucht …« Tiefwasser stützte sich auf seinen Stab. »Unglücklicherweise hatte er viele seiner Artefakte und Aufzeichnungen zuvor an geheime Orte verbracht. Einige dieser Verstecke habe ich in den zurückliegenden Jahrhunderten aufspüren können. Andere nicht. Auf diesen Ort hier bin ich erst aufmerksam geworden, als ich meine Aufzeichnungen mit denen unseres Ordensobersten abglich. Hasraban muss hier einige Jahre lang im Verborgenen gewirkt haben. Vermutlich unter dem weltlichen Schutz eines Eurer Könige. Nur hätte ich schon früher darauf kommen können, denn der Drache draußen am Turm war sein Zeichen.«

»Sein Zeichen?« Wogentreu stöhnte.

»Ja, es gleicht jener Tätowierung, die Hasraban Zeit seines Lebens auf der Brust trug. Und das versetzt mich hoffentlich in die Lage, eines seiner größten Meisterwerke aufzuspüren.«

Widerwillig trat der Nachtwächter tiefer in die Königsgruft und sah sich befangen um. »Hört Ihr das?«

Rasgath Tiefwasser hielt inne und vernahm es nun ebenfalls.

Das Lied der Toten.

Ähnlich wie vorhin ähnelte das unentwegte Säuseln des Windes wieder der klagenden Mädchenstimme. Und aus dem Raunen formte sich abermals ein Wort: Hiiiiieeeer …

Rasgaths Kopf ruckte zu dem hölzernen Rundgang der Turmkammer hoch und seine Augen weiteten sich vor Erstaunen. Denn für einen Augenblick glaubte er dort oben die Silhouette eines ihm nur zu vertrauten, kahlköpfigen Mädchens in fließenden Gewändern zu sehen: Ambra!

Seine tote Adeptin.

Die geisterhafte Erscheinung währte nur kurz, doch er hatte keinen Zweifel. Sie war es.

Sollte sich das stumme Mädchen, mit dem er sich all die Jahre abgemüht hatte, doch noch als nützlich erweisen?

Aufgeregt lief er über einen knarrenden Aufgang hinauf zur Galerie, stiefelte auf dem Rundgang entlang bis zu jener Stelle, an der er Ambras Geist hatte stehen sehen. Suchend schaute er sich um, und tatsächlich, eine der Grabplatten an den Wänden unterschied sich von den übrigen. Neben dem Stadtwappen und einem ihm unbekannten Namen war darauf Hasrabans Zeichen, der stürzende Drache, eingemeißelt worden.

Ohne zu Zögern stieß Rasgath Tiefwasser seinen Zauberstab vor und die Platte barst auseinander. Trümmerteile flogen ihm entgegen und Steinstaub vernebelte seine Sicht.

Der Magier grinste triumphierend.

Im Innern der Grabnische befanden sich keine sterblichen Überreste, dort ruhte ein altes leinernes Bündel. Gierig zerrte er den Packen hervor und trug seine Last aufgeregt die Stufen nach unten. Unweit des Nachtwächters warf er das Bündel zu Boden und riss an den hart gewordenen Lederverschnürungen.

Zum Vorschein kamen ein lederner Wälzer sowie … ein unterarmlanger Stab aus Drachengebein. Rasgath beachtete den Folianten kaum, sein Augenmerk galt dem Stab. Er mündete oben in eine faustgroße, bernsteinerne Kugel, die eine daumengroße schwarze Spinne umschloss.

»Was ist das?«, flüsterte der Nachwächter angeekelt.

»Das Zepter der Nacht!«, kam es unvermittelt vom Eingang.

Der Magier fuhr hoch.

»Ein arkanes Artefakt«, fuhr Alruna von Greifenfels fort, »das bei Berührung untotes Leben zu Staub zerfallen lässt. Ich wusste, dass uns Rasgath direkt zu ihm führen würde.«

Die elende Drachin betrat die Gruftkammer in ihrer vertrauten Menschengestalt. Es war die einer hochgewachsenen schlanken Frau mit alterslosen, fast asketischen Gesichtszügen, aus denen hart blickende Augen und eine scharf gebogene Nase hervorstachen. Ihre hohe Stirn wurde stets von einer kunstvoll zu den Seiten hochgezogenen Gelehrtenhaube gekrönt und sie trug sogar den schlanken Zauberstab jener schon lange verstorbenen Magierin bei sich, deren Gestalt sie vor 420 Jahren angenommen hatte, um sie alle zu täuschen. Allein ihre Magierrobe war heute eine andere. Statt des blauen Gewands mit den Greifensymbolen trug sie einen fließenden Überwurf aus dunkelrotem Stoff, der – wie Rasgath inzwischen wusste – der Farbe ihres Schuppenkleides als Drachin nachempfunden war.

»Alruna!«, fauchte er und hob abwehrbereit seinen Stab.

Keinert Wogentreu zwischen ihnen stolperte furchtsam einige Schritte zurück bis an die Königsgräber.

»Nein, nicht Alruna«, entgegnete die Drachin lauernd, während sie ihn langsam umkreiste. »Mein wahrer Name lautet Sraszzz. Das solltest du dir merken.«

»Wie hast du mich gefunden?«

»Das war nun wirklich nicht schwer.« Seine Gegnerin hielt ihren Stab ebenfalls kampfbereit. »Wir wussten ja, wo ihr euch aufhaltet, du und Walmar. Unsere Kundschafter mussten dir lediglich folgen.«

»Kundschafter?«

»Du solltest ihre Anwesenheit eigentlich gespürt haben.« Die menschengestaltige Drachin verzog ihre Lippen zu einem gehässigen Lächeln. »Zumal du dich ihrer vor Kurzem noch selbst bedient hast. Auf der Suche nach unseren Adepten …«

Die jähe Erkenntnis ließ Tiefwasser aufstöhnen.

Ein tief dröhnendes, zunehmend schauriger werdendes Heulen brandete in der hoch liegenden Turmkammer auf und schlagartig stellten sich ihm die Nackenhaare vor Grausen auf. Die elfischen Blutgeister!

Ein geisterhafter Sturm rüttelte an seiner Weste und unvermittelt glitten fünf düstere Schemen aus den Wänden, deren Präsenz ihm schier den Atem raubte. Sie waren schwarz und finster und besaßen monströse, vage humanoide Schlierenleiber, die bis unter die Galerie aufragten. Sie wirkten, als würde ein Orkan an ihren rütteln.

Keinert Wogentreu schrie panisch auf, stolperte ein, zwei Schritte vor, stürzte kreischend zu Boden und krabbelte auf allen vieren verzweifelt zum Ausgang. Die Blutgeister schenkten ihm keinerlei Beachtung. Ihre ins Groteske verzogenen Schlieraugen glosten in einem unheilvollen roten Licht, und diese waren ganz auf den Magier gerichtet.

Rasgath handelte. Seine Faust ruckte vor und die Drachin in Menschengestalt wurde von einem unsichtbaren Hieb getroffen, der sie trotz des Abwehrzaubers, den sie noch zu wirken versuchte, quer durch den Raum schleuderte und gegen einige Grabplatten warf. Die Blutgeister stürzten sich auf ihn.

Schon hielt Rasgath Hasrabans Zepter in der Linken und ließ Energie in sich fließen. Die Bernsteinkugel erstrahlte in einem düsteren, schmutzig-goldenen Licht.

Keinen Augenblick zu spät – die Blutgeister kreischten und heulten wie unter Schmerzen auf, wurden von dem Licht zurückgedrängt und wirbelten klagend davon, wie schwarzer Rauch.

Erleichtert leckte sich Rasgath über die spröden Lippen. Die Macht des Zepters war durchschlagender als er erhofft hatte. Allein das Sonnenlicht und überaus aufwendige Zauberei vermochten sonst die Geister in Schach zu halten.

»Wie du selbst schon sagtest«, sprach Rasgath gehässig zur Drachin, »dieses Artefakt vermag jedwedes Unleben zu vernichten. Genau so werden wir es bei deinem Meister halten. Nur wirst du Yolsulgur davon nicht mehr berichten können. Denn ich werde dich töten – und deinen Geist dazu zwingen, mir alle deine arkanen Geheimnisse preiszugeben.«

»Nein, Rasgath, du bist es, der fortan uns dienen wird. Oder was glaubst du, warum ich hier bin?« Die Drachin richtete sich auf. »Die Blutgeister waren dein geringstes Problem, denn sie sollten dich bloß aufspüren. Jetzt können sie ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen und wieder der Spur der Blätter folgen …«

»Die Spur der Blätter?« Rasgath verengte misstrauisch die Augen.

»Das wird dir gern ein anderer erklären.« Sie lachte böse.

Außerhalb des Turm brandete markerschütterndes Drachengebrüll auf, und ein gewaltiger Schlag traf die Turmkammer, deren Decke unter dem fürchterlichen Ansturm zu explodieren schien. Noch bevor er die neuerliche Gefahr wirklich erfasste, erblickte Rasgath Tiefwasser über sich ein gewaltiges Loch mit Blick auf den von Sternen übersäten Nachthimmel. Und vor diesem zeichnete sich schwarz und unheilvoll die monströse Silhouette eines Drachen ab, der dort oben hockte.

Rasgath wirkte panisch eine Schutzformel, schon prasselten Balken, Steine, Grabplatten und Knochen gleichermaßen auf ihn herab, rissen ihn von den Füßen und begruben ihn unter sich. Sterne blitzten vor seinen Augen und Schmerzen peinigten seinen Körper, als etwas Gewaltiges zwischen die Trümmer griff, seinen Leib unter dem Schutt hervorzerrte und ihn durch das Loch in der Kammerdecke ins Freie riss.

Rasgath Tiefwasser wimmerte wie ein Kind, als er begriff, dass ihn scharfe Krallen umfasst hielten, die ihm jede Bewegungsfreiheit raubten. Sie gehörten einem monströsen Wesen mit halbverwestem, von klaffenden Löchern durchsetzten Schuppenkleid, durch die blanke Rippenbögen schimmerten: Yolsulgur!

Halb hielt sich der Drachenkönig unter wuchtigen Schlägen seiner löchrigen Schwingen in der Luft, halb hatte er sich mit seinen übrigen Pranken in das Turmwerk gekrallt. Sogar den langen, vermoderten Schwanz glaubte der Magier zu erkennen, der wuchtig durch die Nacht peitschte. Das alles verblasste angesichts des riesigen, halb skelettierten Echsenschädels, der sich jetzt zu ihm herabsenkte. Beißender Verwesungsgestank wehte zwischen den Reißzähnen des untoten Drachen hervor.

»ICH ERINNERE MICH AN DICH«, rollte ihm die Ehrfurcht gebietende Stimme Yolsulgurs entgegen. Sein mitleidloser und von fahlweißem Unlicht erfüllter Drachenblick durchbohrte Rasgath. »DU ALSO BIST DER NEKROMANT, VON DEM MIR SRASZZZ BERICHTETE. SAG MIR, MENSCH, BIST DU TATSÄCHLICH NÜTZLICH ODER SOLL ICH DICH ZERMALMEN?«

Tiefwasser schrie vor Schmerzen, denn die Krallen drohten ihm das Leben aus dem Leib zu quetschten. Für Gegenwehr war es zu spät. Er hatte sowohl seinen Zauberstab als auch das machtvolle Zepter verloren.

»Nein, bitte …«, würgte er hervor. »Verschont mich. Was auch immer Ihr vorhabt … ich werde mich als nützlich erweisen.«

»GUT, MENSCH, DANN DARFST DU LEBEN UND MIR DIENEN.« Yolsulgur bleckte seine verfaulten Lefzen und richtete seinen untoten Blick gen Norden. »NOCH IMMER KLAFFT EIN RISS ZWISCHEN DEM REICH DER LEBENDEN UND DEM REICH DER TOTEN. DU WIRST MIR DABEI HELFEN, DIESE MACHT ZU NUTZEN. UND AN DIESEM ORT BESORGEN WIR UNS ALLES, WAS WIR DAFÜR BENÖTIGEN.«

Mit einem Ruck hob ihn der Drachenkönig empor und gestattete Rasgath Tiefwasser einen Blick auf die vom Mond beschienene Hafenstadt. Ein dritter Drache kreiste dort am Himmel, stieß auf die Burg des Seekönigs nieder, spie seinen sengenden Drachenodem und steckte die Dächer der Festung in Brand. Schreie und Wehklagen brandeten leise an Rasgaths Ohren und in den Straßen und Gassen der Stadt waren aufgeschreckte Bewegungen zu erahnen. Aber da war noch etwas. Draußen, auf dem Meer.

Eine nachtschwarze Flotte aus sicher drei Dutzend Schiffen, die sich anschickte, die Stadt anzulaufen.

»DIE KORSAREN AUS HARVETH!« Rasselndes Gelächter entstieg der Kehle des Drachenkönigs. »SCHON IHRE VORFAHREN HABEN UNS DRACHEN GEDIENT. UND UM IHR EIGENES LEBEN ZU RETTEN, FOLGEN SIE MEINEM RUF AUCH HEUTE. SIE WERDEN UNS DABEI HELFEN, DIE EINWOHNER DIESER STADT ZUM DRACHENTHRON ZU SCHAFFEN, UM DIE WELT DER LEBENDEN ENDGÜLTIG ZU ZERSCHMETTERN.«

Der Magier starrte entgeistert auf die herannahende Flotte und langsam begriff er, was die Drachen mit den Menschen vorhatten …

Abermals erfüllte Drachengebrüll die Nacht, als sich Alruna von Greifenfels in ihre Drachengestalt begab. Ihr Menschenleib schwoll innerhalb von Augenblicken auf Drachengröße an und als sie ihren mit Reißzähnen bestückten Echsenschädel hob und ihre roten Schwingen ausbreitete, brach die Turmplattform gänzlich entzwei. Kaskaden von Gestein stürzten in die Tiefe.

Zwischen ihren Drachenzähnen steckte das Zepter.

»DAS BRAUCHEN WIR JETZT NICHT MEHR«, rasselte sie boshaft – und biss zu.

Mit einem Knirschen zermahlte sie das mächtige Artefakt.

Rasgath Tiefwassers bemächtigte sich eine nahezu vergessene Empfindung: Trauer.

Die Jungen Königreiche – sie waren verloren.

Der Drachenkönig schloss seine Pranke fester um ihn und ließ abermals sein fürchterliches Gebrüll erklingen, dann stieß er sich vom Turm ab und schraubte sich mit modrigen Schwingenschlägen zum Nachthimmel empor.

Verzweifelt blickte der Zauberer in die Tiefe und entdeckte zwischen den geborstenen Mauerstümpfen eine fahlweiße Gestalt mit nackter Kopfhaut, die zunehmend kleiner wurde.

Der Geist seiner Adeptin Ambra.

Das tote Mädchen sah ihnen nach.

Und es wirkte zufrieden.

Zwei Wochen später

Sturm

»Gut so«, brummte Walmar der Weise. »Jetzt lass ihn in die Wolkendecke eintauchen und erwecke kurz den Eindruck, als habe er die Wolke mit seinem Drachenodem in Brand gesteckt.«

Dania schwebte unter dem Giebel der alten Rathausdachkammer und blickte durch einen zugigen Spalt im Dachgebälk zum Himmel über Gaalstrutz auf, wo ihre Zwillingsschwester Vala unter Anleitung des Zauberers die täuschend echte Illusion eines grün geschuppten Drachen aufsteigen und dann zwischen tief liegenden Sturmwolken verschwinden ließ. So, wie er es verlangt hatte, beendete sie die magische Demonstration mit einem grellen, schwefelgelben Flackerlicht, das Teile der Wolke illuminierte.

Am westlichen Horizont grummelte es wie zur Antwort. In der Ferne kündigte sich ein Gewitter mit dunklen Regenschleiern an.

Valas magisches Talent war so viel größer als das ihre. Und das machte Dania stolz. Sie löste sich von dem Anblick, berührte den drachenbeinernen Ring an ihrem Ringfinger und schwebte zurück zum Boden des mit alten Truhen und abgedeckten Möbelstücken angefüllten Speichers.

Ihre Schwester stand dort zusammen mit dem Zauberer vor einem offen stehenden Dachkammerfenster. Ihr war anzusehen, wie sehr sie das Spektakel genoss, das sie heraufbeschworen hatte.

Vala wirkte überhaupt verändert, seit die Schwestern sich vor knapp fünf Wochen auf Kosten ihres fetten Lehrmeisters Goltar verjüngt hatten. Gierig sog sie jede arkane Lektion Walmars des Weisen auf, als sei ihr Verstand ein ausgetrocknetes Pflänzchen, das sich nach Jahren der Dürre endlich an Wasser laben durfte. Ebenso begierig erlernte sie das Lesen und Schreiben, und zumindest äußerlich war ihr der jahrelange Missbrauch in den Bordellen Kesselfurts nicht mehr anzumerken. Aus der abgehalfterten und vom Alter gezeichneten Dirne war eine hübsche junge Frau geworden, deren Reize unübersehbar waren – was Dania stolz machte, sahen die Schwestern mit ihren rehbraunen Augen über der vorwitzigen Stupsnase und den langen, seidig schwarzen Haaren, die ihre mädchenhafte Figur umschmeichelten, doch wie Spiegelbilder aus.

Bisweilen machten sie sich einen Spaß daraus, so aufzutreten, dass niemand in ihrer Umgebung so recht wusste, mit wem sie es zu tun hatten. Ein Spiel, mit dem sie – nach all den Jahren der Trennung – ihre Verbundenheit demonstrierten. Dazu gehörte ein identischer Kleidungsstil, der heute aus figurbetonenden, an den Seiten geschlitzten schwarzen Lederkleidern mit prachtvollen Gürteln und tiefen Ausschnitten bestand, die die Ansätze ihrer festen Brüste erkennen ließen. Auch ihre teuren Schaftstiefel waren so bemessen, dass die Blicke der Männer stets etwas nacktes Bein erhaschen konnten.

Die Geldmittel dafür hatten sie von Walmar dem Weisen erhalten, der sie nach den schicksalhaften Geschehnissen am Drachenthron vor etwas über einem Monat mit in den Süden der Jungen Königreiche genommen hatte. Erst in die wohlhabende Handelsstadt Siebenbrücken, wo er sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um die Reiche vor der Rückkehr des Drachenkönigs zu warnen; dann hier nach Gaalstrutz.

Seitdem war ihr Leben merklich angenehmer. Das lag nicht nur daran, dass ihr Gönner über die Maßen wohlhabend war – er unterrichtete sie nun wirklich in der Zauberei. Vala hielt den alten Zauberer zwar für eine Mischung aus Mentor und Freier, doch Dania ahnte längst, dass er andere Pläne mit ihnen verfolgte. Die vergangenen Wochen hatten deutlich gezeigt, dass der Mann nicht an ihren Körpern interessiert war, sondern an ihrer arkanen Begabung. Und wenn sie ehrlich zu sich war, dann beschämte sie sein Blick, wann immer dieser ihre freizügigen Kleider streifte. In seinem Mienenspiel lag die spöttische Verachtung eines Mannes, der den niederen Verlockungen der Gosse schon lange entwachsen war.

Dania ärgerte das. In den ganzen Jungen Königreichen gab es sonst niemanden, der sie spüren lassen konnte, welch geringer Abkunft sie war. Doch sie waren jetzt keine Huren mehr. Hier verneigte man sich sogar vor ihnen. Aber so recht entkam Dania ihrer Vergangenheit nicht – und das auch dank ihrer geliebten Zwillingsschwester. Im Gegensatz zu Dania hatte Vala noch immer eine bösartige Freude daran, ihre erotische Macht weiter über die Männerwelt auszuspielen. Ein Spiel, dass Dania ihr zuliebe mitspielte, obwohl sie wusste, dass sich ihr Leben nur dann ändern konnte, wenn sich auch Vala änderte. Und das war ein Zwiespalt, der ihr mehr zu schaffen machte, als sie sich eingestehen mochte.

»Du bist ein Naturtalent«, riss Walmars tiefe Stimme sie aus den Gedanken. Der grauhaarige Zauberer strich sich über seinen bis auf die Brust reichenden Bart, raffte sein Magiergewand und trat gestützt auf seinen knorrigen Zauberstab näher an das Dachkammerfenster. Vala machte auch ihr bereitwillig Platz und so trat Dania neben den Magier, um ebenfalls einen Blick auf die Stadt zu werfen.

Das alte Rathaus von Gaalstrutz gehörte zu den ältesten und zugleich höchsten Gebäuden der von schiefwinkligen Häusern und engen Gassen geprägten Stadt. Sie schmiegte sich geschützt von einer mit Türmen versehenen Stadtmauer an die Ostseite des Großen Flusses, der auch hier, weit südlich der Kataraktstadt Kesselfurt, als Lebensader der Jungen Königreiche galt. Gaalstrutz profitierte auf besondere Weise von dem Strom, denn der günstigen Lage halber vermochte der hiesige Markgraf den Flusshandel zwischen den reichen Küstenstädten Toresund und Siebenbrücken mit dem Norden, aber auch dem Königreich Albenhain und der Regentenstadt Kronberg zu kontrollieren.

Wie erwartet, war das beeindruckende Schauspiel am Himmel nicht unbemerkt geblieben. Von gleich zwei Türmen der Stadtmauer erschallten Signalhörner, während kleinere Gruppen Bürger aus engen Gassen kommend im Flusshafen zusammenströmten und aufgeschreckt zum Himmel deuteten. Auch auf den Lastenseglern und Fähren des Flusses brach Hektik aus. Einige der Flussschiffer versuchen verzweifelt, den Hafen zu erreichen, andere glaubten, ihr Heil darin suchen zu müssen, die Leinen zu kappen und sich vom Strom südwärts treiben zu lassen.

Ungleich hektischer war das Treiben vor der Stadtmauer im Norden. Der Blick dorthin wurde zwar durch die Mauer getrübt, doch war das riesige und von unterschiedlichen Fahnen und Zelten gesprenkelte Feldlager von hier oben aus gut einzusehen. Es spannte sich von den Flussauen bis hin zu einem Wäldchen östlich der Stadt auf und reichte bestimmt über zwei Meilen nach Norden. Seit Wochen sammelten sich dort Soldaten und Söldner aus allen Teilen der südlichen Königreiche. Dania schätze die Zahl der bunt gekleideten Waffenträger inzwischen auf sechs- bis siebentausend, womit sie die Einwohnerschaft der Stadt um das Dreifache übertrafen. Etwa die Hälfte der Soldaten hatte König Wenzislaus III. von Kronberg hierher entsandt, zu dessen Königreich die Markgrafschaft Gaalstrutz gehörte. Der Rest bestand vornehmlich aus Söldnern und Soldaten, die die reichen Handelsstädte Toresund und Siebenbrücken angeworben hatten. Und es verging kein Tag, an dem in den Straßen der Stadt nicht der Marschtakt eines neuen Soldatenhaufens erklang, die aus allen Himmelsrichtungen kommend Walmars Ruf zu den Waffen folgten.

Auch der Zauberer betrachtete das Feldlager aufmerksam. Die Soldaten dort rannten aufgeschreckt aus ihren Zelten, griffen zu den Waffen und starrten an den Himmel. Andere schafften panisch einige auf mobilen Karren befestigte Skorpione ins Freie. Es handelte sich dabei um schwere Torsionsgeschütze, die an verschiedenen Stellen des Lagers unter Zeltplanen verborgen waren, und deren Geschützmeister nun begannen, die Ballisten aufzumunitionieren und zu spannen. Die Skorpione konnten als einzige einem am Himmel fliegenden Drachen gefährlich werden. Eine größere Gruppe gepanzerter Reiter preschte derweil quer durch das Zeltlager zum Fluss, wo die vielen Planwagen des Trosses standen. Trotz des anstehenden Gewitters überschütteten die dortigen Wachen die Gefährte zum Schutz vor Drachenfeuer mit dem Inhalt bereitstehender Wasserkübel. Auf Dania wirkte das emsige Treiben überraschend wohlgeordnet, doch Walmar der Weise grunzte unzufrieden.

»Wie wäre es, wenn ich mal etwas anderes heraufbeschwöre als so einen blöden Drachen?« Vala schob ihre Schwester vom Fenster weg, um selbst nach draußen zu blicken. Eine aufkommende Brise hob ihr langes Haar an und sie bedachte den Magier mit dem anzüglichen Blick einer Schankdirne. »Ich habe Euch doch schon zweimal gezeigt, dass ich das kann. Wenn es darum geht, die Schweineficker im Lager ordentlich aufzuschrecken, fallen mir durchaus noch andere Sachen ein.«

»So groß dein magisches Talent auch ist, Mädchen«, sagte der Zauberer, ohne sie eines Blickes zu würdigen, »so begriffsstutzig bist du leider auch. Es wird Zeit, dass du wie eine Adeptin denkst, und nicht wie eine Hure. Lass dir von deiner Schwester erklären, warum diese Art der Demonstration notwendig ist. Ich schätze, sie hat es längst begriffen.«

Vala drehte sich verärgert zu ihr um.

»Es geht darum«, erklärte Dania widerwillig, »dass jeder hier sieht, dass die Drachen wirklich zurück sind.«

»So denkt eine Zauberin!« Walmar der Weise löste sich von dem Giebelfenster und musterte sie beide abschätzend. »Früher haben die Feuerechsen keine Gelegenheit ausgelassen, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Diesmal ist alles anders. Die Drachen sind zwar zurück, aber sie sind gering an Zahl. Laut Rasgaths Aussage, der sie in Helgrinshall gesehen hat, haben wir es inklusive des Drachenkönigs Yolsulgur und Alruna vermutlich nur mit einem halben Dutzend Exemplaren zu tun, die meisten von ihnen recht jung. Aber ich kenne die Verschlagenheit des Drachenkönigs. Er hat stets versucht, seine Nachteile zu seinen Vorteilen zu verkehren. So ist es auch diesmal. Solange er und seine Brut sich nicht offen zeigen, solange untergräbt er meine Bemühungen, aus den Heeren der freien Reiche eine schlagkräftige Armee zu formen. Viele der Herrscher, denen ich Nachricht sandte, haben bis heute nicht reagiert. Die meisten anderen haben weit weniger Truppen geschickt, als sie könnten. Ganz zu schweigen davon, dass sie die Versorgung ihrer Männer Kronberg und den südlichen Stadtstaaten überlassen haben.« Der Magier schnaubte verärgert. »Was glaubt ihr, warum ich das Heer an diesem Ort versammle?«

Vala zuckte gleichgültig mit den Schultern, doch Dania ahnte es. »Ich hörte, dass es hier im Dritten Drachenkrieg einst zu einer großen Schlacht gegen die Gaale kam.«

»Richtig. Gaalstrutz ist ein Symbol, von dem ich mir erhoffte, dass es Wirkung zeigt. Nur scheint der Ruf der Stadt in den letzten 420 Jahren etwas gelitten zu haben. Einst haben wir hier ein Heer von fast dreißigtausend Mann gegen den Vorstoß der Drachendiener aufgeboten. Und das trotz der Verluste, die uns die Drachen überall im Land zugefügt hatten. Die damalige Schlacht gegen die Gaalarmee Yolsulgurs hat über Wohl und Wehe der heutigen Jungen Königreiche entschieden. Vier lange Tage währte sie und sie hat damals den Wendepunkt im Kampf gegen die Drachen markiert. Danach erst gelang es uns, den Krieg in den Norden zu tragen. Was sich heute hier an Männern versammelt hat, ist dagegen ein schlechter Witz.« Walmars Blick verfinsterte sich. »Leider habe ich trotz aller Vorkehrungen in den letzten Jahrhunderten nicht alle Teile des Landes so gut im Griff wie jene an der Wogensee. Deine Illusionen, Mädchen, tragen also dazu bei, die drohende Gefahr sichtbar zu machen. Und diese Sichtungen werden sich mit jedem verstrichenen Tag weiter herumsprechen – nur weiß das auch Yolsulgur. Er wird dementsprechend handeln und versuchen, uns zuvorzukommen.«

»Die Rückkehr des Drachenkönigs liegt kaum einen Monat zurück.« Dania drehte nachdenklich den Zauberring an ihrer Hand. »Auch Yolsulgur dürfte in solch kurzer Zeit Probleme haben, ein Heer aufzustellen. Oder?«

»Dessen sollten wir uns besser nicht sicher sein«, knurrte der Magier. »Alruna … oder besser gesagt, diese elende Drachin Sraszzz, wird Vorkehrungen für den Tag seiner Rückkehr getroffen haben. Ärgerlicherweise hatte ich ausgerechnet ihr die Wacht über das Fackelgebirge anvertraut, in das sich die überlebenden Gaale am Ende des Dritten Drachenkrieges zurückgezogen hatten. Alles, was wir über die heutige Kopfzahl der Echsenleibigen zu wissen glauben, ist vermutlich falsch. Ich hätte auch nie einwilligen dürfen, die Gaale später in unsere Dienste zu nehmen. Doch musste der Drachenthron bewacht werden. Wir konnten nicht zulassen, dass irgendein vorwitziger Schatzsucher vom dortigen Riss zwischen den Sphären Wind bekommt.« Verärgert schlossen sich seine knochigen Finger um den Zauberstab. »Ich hätte überhaupt misstrauischer sein müssen. Jetzt ist es dafür zu spät.«

»Tja, selbst schuld«, sagte Vala hochmütig. »Vielleicht hättet ihr Zauberer die vielen Jahrhunderte über etwas mehr tun sollen, als bloß eure Adepten auszulutschen und euch so ein langes Leben zu –«

Walmars Rechte schoss vor, packte Vala am Hals, und in seinem Blick loderte Zorn. Danias überrumpelte Zwillingsschwester röchelte und versuchte verzweifelt, sich gegen den Griff zu wehren, doch sie hatte nicht den Hauch einer Chance. Dania wollte ihr beistehen, doch im gleichen Moment bemächtigte sich eine Taubheit ihres Körpers, die es ihr unmöglich machte, sich von der Stelle zu rühren.

»Stelle niemals wieder meine Absichten in Zweifel, du selbstsüchtiges kleines Flittchen!« Aus Walmars Stimme troff eisige Kälte. »In all den Jahrhunderten ging es dem Orden der Stäbe stets um das Wohl der Menschen. Was wir getan haben, war notwendig, um den Schrecken zu bannen, der jetzt erneut seine Klauen nach den Jungen Königreichen ausstreckt. Kein Opfer ist zu groß, um Yolsulgur zu stoppen – und das gilt auch heute.« Er zog sie zu sich heran. »Ich gebe mich nur deswegen mit euch Huren ab, weil ihr mögliche Waffen im Kampf gegen unseren Erzfeind seid. Also verhalte dich dementsprechend. Ansonsten sorge ich dafür, dass du dich künftig andernorts nützlich machst. Da drüben im Feldlager warten die Männer nur darauf, dass eine wie du wieder die Beine breit macht.«

Wütend schleuderte er Vala neben eine Truhe und blickte drohend auf sie herab.

Dann glätteten sich seine Züge unvermittelt. Die seltsame Taubheit in Danias Gliedern löste sich, und sofort stürzte sie zu ihrer Zwillingsschwester, um nach ihr zu sehen.

»Lass mich.« Vala schüttelte ihren Griff ab und berührte zornig ihren schmerzenden Hals.

»War das wirklich nötig?« Verärgert sah Dania zu dem Magier auf.

»Ehrwürdiger Zauberer!«, erklang eine Stimme hinter ihr.

Dania fuhr herum und erblickte in der Dachbodenluke einen schlacksigen Rathausdiener. Er war blond, höchstens zwanzig Jahre alt, und der blau-graue Überwurf sowie die Ärmelschoner stellten klar, dass er zu den hiesigen Schreibern gehörte. Er musste einen Teil der Auseinandersetzung mitbekommen haben, denn sein verlegener Blick sprach Bände.

»Ihr wolltet unterrichtet werden, sobald Kapitän Drazahr in Gaalstrutz eintrifft.« Er kletterte herauf und räusperte sich. »Er wartet in Eurer Unterkunft auf Euch.«

»Das wurde auch Zeit«, knurrte der Zauberer und wandte sich noch einmal an die Schwestern. »Entscheidet euch, wo euer Platz ist.«

Der junge Mann trat rasch zur Seite, und Walmar eilte die knarzenden Stufen hinunter. Anschließend fiel sein schüchterner Blick wieder auf Dania und Vala.

»Was?« Vala funkelte den Schreiber gereizt an. »Hast du Tintenkleckser mir etwa gerade auf die Titten gestarrt?«

»Natürlich nicht, äh, Adepta.« Verlegen räusperte er sich. »Ich versuche lediglich –«

»Doch, du hast mir auf meine Titten gestarrt«, sagte sie gereizt. »Das tut ihr alle. Offenbar fehlt dir der Respekt vor einer Zauberin.«

»Mitnichten, äh, Herrin. Falls der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich –«

»Oder glaubst du gar, ich sei gar keine Zauberin?«

»Niemals würde ich –«

»Auf die Knie mit dir.«

»Was?«

»Auf die Knie mit dir – und dann leck mir die Stiefel!«

Entgeistert schaute der Schreiber sie an. Hilfesuchend blickte er zur Luke, durch die Walmar der Weise entschwunden war. Der Magier war längst fort.

»Leck! Mir! Die! Stiefel!« Vala trat drohend auf ihn zu und in ihrer Stimme schwang die gleiche Kälte wie zuvor in jener des Magiers.

»Vala, lass gut sein«, mischte sich Dania mit leichtem Augenrollen ein. »Der Kerl –«

»Du sagst mir nicht, was ich zu tun habe!« Im Blick ihrer Schwester blitzte Feindseligkeit. »Und jetzt runter mit dir oder ich gefriere dir den Federkiel zwischen deinen Beinen zu einem nutzlosen Klumpen Eis.« Schlagartig überzog sich ihre Rechte mit einer klirrend kalten Eisschicht. Ein Zauber, den sie beide in den letzten Wochen von Walmar dem Weisen erlernt hatten.

Der Schreiber sank verstört auf die Knie, dann beugte er sich vor und küsste ihr hastig den rechten Stiefel.

»Nicht küssen, lecken!«

Der junge Mann folgte zitternd ihrer Anweisung.

Vala verpasste ihm einen Tritt ins Gesicht, der ihn bis zur Kammerwand zurückwarf. »Ich hoffe, du weißt jetzt, wo dein Platz ist.«

Hochtrabend machte sie sich ebenfalls an den Abstieg.

Dania warf dem Gedemütigten einen letzten Blick zu, dann folgte sie ihrer Schwester nach unten. Doch erst ein Stockwerk tiefer, in einem Korridor mit den Ölgemälden alter Männer, holte sie sie ein.

»Das war nicht nötig«, zischte sie.

Vala schürzte verächtlich die Lippen. »Hast du etwa schon vergessen, was die Schweine uns angetan haben?«

»Nein, habe ich nicht. Aber wenn Walmar erfährt, was –«

»Walmar, Walmar, Walmar!«, brauste ihre Schwester auf, spähte zu einer weiter nach unten führenden Treppe, von wo Gespäche zu hören waren, und senkte die Stimme. »Beeindruckt dich das Geschwafel des Greises etwa? Zauberer hin, Zauberer her. Wir nehmen hier mit, was wir kriegen können, und dann machen wir uns an den Abflug. Ich habe in den letzten Tagen einen ganzen Sack an Gold- und Silbergeschirr hier aus dem Rathaus zusammengepackt und in einem der Weinkeller versteckt. Damit können wir uns jederzeit aus dem Staub machen und uns irgendwo etwas eigenes aufbauen.«

»Wovon redest du?«

»Wir könnten ein eigenes Hurenhaus gründen.«

»Ein Hurenhaus?«

»Sicher. Wir würden die Mädchen natürlich besser behandeln, als sie uns behandelt haben, aber zusammen mit unserer Begabung würden wir steinreich. Oder noch besser« – Valas Augen leuchteten – »wir sorgen dafür, dass uns Adlige heiraten, und werden so zu Fürstinnen oder Königinnen. Ein Leben in Reichtum und ohne Hunger. Die Arschlöcher müssten ja nicht lange leben …«

Erstaunt sah Dania ihre Schwester an. »Hast du vergessen, dass der Drachenkönig zurück ist?«

»Als ob das unser Krieg wäre.« Vala spuckte auf den Boden. »Nötigenfalls setzen wir uns über die Wogensee ab. Warum nicht ins Sultanat Harashim? Da soll es schön warm sein. Oder in ein fernes Reich jenseits des Schlangenmeers. Da findet uns garantiert niemand. Nicht einmal der Drachenkönig.«

Dania biss sich nachdenklich auf die Lippe und spähte den Gang zurück, den sie gekommen waren. Aus irgendeinem Grund war ihr nie der Gedanke gekommen, die Jungen Königreiche zu verlassen. »Ich weiß nicht. Mir erscheint das … falsch.«

»Was ist denn bloß los mit dir?«, herrschte ihre Schwester sie an. Mit einem Kopfschütteln fegte sie eine Strähne ihres langen Haares beiseite. »Offenbar hat dir die Zeit, die du mit deinen Mitadepten auf der Flucht warst, den Verstand vernebelt. Wir sind niemandem etwas schuldig. Und … wir müssen uns auch niemals wieder mit einem Mann abgeben!« Valas Blick verhärtete sich.

Dania atmete tief ein.

»Wir sind uns doch selbst genug«, sprach Vala bestimmt. »Das waren wir schon immer. Niemand wird je wieder über uns bestimmen.«

»Aber ich will eine Zauberin werden«, erklärte Dania. »Eine richtige Zauberin. Und das schaffen wir nur, wenn Walmar uns gewogen bleibt. Es ist ein Zweckbündnis. Er besitzt all das Wissen, das ich haben will.«

»Das sagst du doch nur, weil er dich eh mehr mag als mich.« Eifersüchtig sah Vala den drachenbeinernen Ring an Danias Hand an. »Mir hat er so ein Geschenk jedenfalls nicht gemacht.«

Dania seufzte und zog den Schwebering ab. Soweit sie wusste, stammte er von Tandurin. Die Zauberer hatte dem Fahrenden das kostbare Kleinod abgenommen, kurz nachdem sie die Adepten gefangen genommen hatten.

Ein bestohlener Dieb. Ein Gedanke, der Dania noch immer amüsierte. Und doch fragte sie sich hin und wieder, was aus ihm und den anderen geworden war.

»Hier, nimm ihn.« Sie drückte den Ring Vala in die Hand.

»Du schenkst ihn mir?« Valas Augen strahlten wie die eines kleinen Kindes, als sie ihn sich überstreifte.

»Wenn wir erst richtige Zauberinnen sind, dann brauchen wir so was nicht mehr.«

Vala hörte ihr kaum zu, denn sie hob jetzt einen Fußbreit vom Boden ab und lachte dabei verzückt.

»Und jetzt komm wieder runter und überlasse den Rest mir.« Dania berühte zärtlich Valas Gesicht, kaum dass ihre Fußspitzen auf dem Boden aufsetzten. »Ich werde schon einen Weg finden, uns all das Wissen zu beschaffen, das uns zusteht.«

»Und dann?«

»Danach sind wir frei.«

Da hinter ihnen der junge Schreiber zu hören war, der sich nun ebenfalls auf den Weg nach unten machte, zog Dania ihre Schwester rasch mit sich zur Treppe, hinab zu den Räumen der Schreiber, Hofschranzen und Offiziere, die das Rathaus der Stadt für ihre Zwecke nutzten. Viele der Männer schauten ihnen wie gewohnt nach, doch die meisten wussten, mit wem sie es zu tun hatten, und blieben daher respektvoll auf Abstand. Ganz zum Leidwesen Valas, die sich für die Demütigung Walmars offenbar gern noch an ein paar anderen abgearbeitet hätte.

Dania war froh, als sie endlich den großen, mit hohen Gemälden, Ritterrüstungen und einem prachtvollen, von der Decke hängenden Lüster geschmückten Eingangsbereich des Rathauses erreichten. Von dort gelangten sie auf den Vorplatz.

Draußen schüttete es jetzt wie aus Eimern. Trotz der Regenschleier, die über die Dächer der Stadt fegten, herrschte auf dem Vorplatz hektisches Treiben. Diener eilten an ihnen vorbei, um Kisten mit wertvollen Dokumenten und Verträgen zu bereitstehenden Blockwagen zu schaffen. Und weiter hinten, jenseits des Standbilds eines vornehmen Reiters mit zum Himmel gestrecktem Schwert, marschierte ein Trupp Spießträger mit Spangenhelmen und blau-grauen Wappenröcken trotzig in Richtung Burgtor. Dazwischen hasteten Mägde und Knechte über den Platz, die Körbe, Kisten und sogar Bauholz ins Trockene brachten. Nur Walmar der Weise war nirgendwo zu sehen.

»Müssen wir da wirklich raus?«, murrte Vala.

»Ja, verdammt. Verlorenen Boden wettmachen.« Dania sah gereizt zum Himmel, wo es dumpf grollte, schnappte sich den gegen eine Wand gelehnten Schild eines Soldaten, der den Rathausbediensteten bei ihrer Schlepperei half, und hielt ihn über sich und ihre Schwester. Derart vor dem Regen geschützt, eilten sie über den von Pfützen übersäten Ratshausplatz, hinein ins Gassengewirr der Stadt, wo das Leben wieder seinen Gang ging. Die meisten Bewohner von Gaalstrutz drängten sich in Hauseingängen oder unter den Planen der Straßenstände, doch längst mischte sich wieder das Lärmen der Handwerker und Schmiede unter die prasselnden Regengeräusche. Die meisten von ihnen waren vermutlich damit beschäftigt, weiteres Kriegsgerät herzustellen, darunter Äxte, Schwerter, Speere und Pfeile.

Es regnete noch immer, als sie endlich die Brückenstube erreichten, ein vornehmes, dreistöckiges Gasthaus mit Blick auf die Schiffe im Hafen, das von den hochstehenden Adligen kurzerhand zur Offiziersmesse umfunktioniert worden war. In gleich drei Zimmern des Obergeschosses residierten die Schwestern zusammen mit Walmar. Die beiden markgräflichen Wachen vor dem Eingang ließen sie passieren, und es zeigte sich, dass es Walmar der Weise nur bis in den großen Schankraum geschafft hatte. Er war umringt von einem halben Dutzend Adligen und Hauptleuten in fremdländischen Wappenröcken, die auf ihn einredeten.

»… heißt doch, dass die Drachen uns bereits auskundschaften«, erklärte einer von ihnen aufgebracht. »Ich verlange daher, dass ich und meine Männer zum Fluss versetzt werden. Wasser ist hier das Einzige, was uns im Zweifel vor dem Drachenfeuer schützt. Es kann nicht sein, dass die vornehme Ritterschaft, die mir vom Graf anvertraut wurde, dieser Gefahr ungeschützt ausgesetzt bleibt, während ein paar einfache Wagenlenker und Kutscher –«

»Nein, Hochwohlgeboren«, schnitt ihm Walmar der Weise brüsk das Wort ab. »Eure Männer werden weiterhin die Flanke im Osten schützen. Ihr werdet sie vielmehr anweisen, tiefe Gräben und Erdlöcher auszuheben, in denen auch die Pferde Platz finden.«

»Was? Eine solche Buddelei ist eines Ritters unwürdig. Dafür verlange ich Männer, die –«

»Diese Buddelei, wie Ihr sie nennt, wird Euer armseliges Leben retten, sollten die Drachen angreifen«, herrschte ihn der Magier an. »Und wenn Ihr mir noch einmal vorschlagt, die eh gering bemessenen Vorräte des Heeres aufs Spiel zu setzen, dann werde ich andere, sehr schmerzhafte Wege finden, damit meine Befehle umgesetzt werden. Das gilt hier für jeden!« Wütend betrachtete der Zauberer die Umstehenden. »Alles von Wert gehört fortan unter die Erde! Männer, Waffen, Vorräte. Und ich hoffe, werter Waffenmeister Brand« – er wandte sich einem Mann mit Vollbart zu, der dem rot-grünen Wappenrock nach aus dem Fürstentum Flutburg stammte – »ich erlebe es nie wieder, dass Eure Geschützmeister die Standorte der Skorpione enthüllen, bevor diese einsatzbereit sind. Diese Waffen sind die ersten, die die Drachen vernichten werden, sobald sie diese entdecken. Zum Spannen bleibt dann keine Zeit.«

Der Mann senkte zerknirscht den Blick. »Ich werde die Geschütze sofort umgruppieren lassen.«

»Gut, den Rest besprechen wir heute Abend in Anwesenheit des Markgrafen.« Der Blick des Zauberers streifte Dania und Vala, dann löste er sich aus der Gruppe der Männer und marschierte zum rückwärtigen Teil des Gasthauses, in Richtung Kaminzimmer.

Sofort öffnete ihm ein bereitstehender Diener die Tür.

Dania und Vala folgten ihm schweigend in den großen Raum, wobei es Vala nicht lassen konnte, die Blicke der Adligen mit ihrem aufreizenden Gang auf sich zu ziehen.

Als sich die Tür hinter ihnen schloss, umfing sie eine angenehme Ruhe, die lediglich vom leisen Donnergrollen des Gewitters gestört wurde. Am Stirnende des hohen Raums flackerte ein wärmendes Kaminfeuer und der lange Tisch mit den hohen Lehnstühlen vor ihnen war mit Karten und Büchern übersät, die Zeugnis von den vielen Besprechungen gaben, die hier üblicherweise stattfanden.

Im Augenblick befand sich nur eine weitere Person im Raum, und die stand vor dem Kamin: ein Mann mit ungepflegtem Schnauzbart, einem Säbel an der Seite und einer grauen Kapitänsjacke, die zu dem schäbigen Dreispitz auf seinem Kopf passte. Als sich Kapitän Drazahr umwandte, blitzte Verschlagenheit in seinem Blick. Dania erkannte Mörder und Halsabschneider, wenn sie ihnen begegnete. Vor diesem Mann musste man sich in Acht nehmen.

Mit spöttischem Lächeln setzte er seinen Dreispitz ab und taxierte offen die Rundungen ihrer Körper.

»Ich bin überrascht, Magus«, wandte er sich mit rauer Stimme an den Zauberer. »Gönnt Ihr Euch am Ende doch noch etwas Zerstreuung?«

»Ganz sicher nicht«, knurrte der Magier, trat an eine Kristallkaraffe mit Wein heran und füllte zwei Pokale, von denen er einen dem Kapitän reichte. »Darf ich vorstellen« – Walmars Blick glitt kurz zu ihren Händen – »Vala. Und Dania. Die beiden Mädchen sind meine neuen Adeptinnen.«