Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die hier erzählten Geschichten handeln von Menschen im damals noch geteilten Deutschland Ende der 1980er Jahre, die ihre Heimat im Osten verließen, um sich im Westen ein besseres Leben aufzubauen. Was manchen leichtfiel, und anderen nicht, wie auch exemplarisch an den beiden Hauptfiguren sichtbar wird. Denn während der kontaktfreudige Felix als Fernsehtechniker in West-Berlin gleich wieder relativ mühelos Fuß fassen kann, irrt der eher introvertierte, literarisch ambitionierte Moritz entwurzelt durch dieselbe Stadt und vereinsamt immer mehr. Als Übersiedler aus dem Osten erhielt man eine reelle zweite Chance im Westen, und wenn dort trotzdem nicht jedem sofort der Neuanfang glückte, so lag das wohl auch oftmals an irgendwelchen persönlichen Altlasten, die man ja bekanntlich überallhin mitnimmt. Deshalb liegt der Fokus der Darstellung hier weniger auf der Beschreibung des konkreten historischen Kontextes, sondern mehr auf dem Innenleben der Akteure und den Veränderungen ihres zwischenmenschlichen Verhaltens im neuen Umfeld, was insbesondere den beiden Protagonisten eine gewisse Zeitlosigkeit verleiht. Außerdem - und nicht zuletzt - ist dabei durchweg ziemlich viel Witz und ein unverwüstlicher Humor im Spiel. Beim Lesen dieses Buches kann man jedenfalls noch einmal in die Vergangenheit eintauchen, in die alten Zeiten, und wer diese dann anschließend mit der Gegenwart vergleicht, mit unserer Welt von heute, die inzwischen mehr denn je von millionenfacher Migration und Entwurzelung geprägt wird, der könnte dabei durchaus auch auf einige in die Zukunft weisende Fragestellungen stoßen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 675
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Felix
I Adventszeit
Moritz
__________________________________________________________________
Felix
II Winterende
Moritz
__________________________________________________________________
Felix
III Ostern
Moritz
__________________________________________________________________
Felix
IV Hochsommer
Moritz
__________________________________________________________________
Felix
V Herbst
Moritz
Gerade das ist es ja, das Leben, wenn es schön und glücklich ist: ein Spiel!
Natürlich kann man auch alles mögliche andere aus ihm machen, eine Pflicht oder einen Krieg oder ein Gefängnis, aber es wird dadurch nicht hübscher.
Die Morgenlandfahrt
Hermann Hesse
Sonntagmorgen, alles war noch ruhig. Irgendwo in der Nähe hörte man eine Kirchturmuhr schlagen, nur einen einzigen blechernen Ton, der schnell wieder verklang.
War es jetzt halb neun oder halb zehn, fragte ich mich. Oder vielleicht doch schon später?
Die anderen schienen noch zu schlafen. Durch den Spalt zwischen den Vorhängen sickerte lediglich ein bisschen winterliches Hellgrau ins Zimmer. Die Gardinenstange war freilich sehr wacklig angebracht, das wusste ich, deshalb würde ich lieber meine Finger davon lassen. Also stand ich auf und tapste im Halbdunkel barfuß rüber zur Tür. ‚Es werde Licht!‘, deklamierte ich im Flüsterton beim Einschalten der altmodischen Deckenlampe, worauf von den vier Glühbirnen immerhin drei in der gewohnten Helligkeit erstrahlten. Gleichzeitig zog sich hinten in der anderen Ecke jemand murrend sein Bettzeug über den Kopf. Wahrscheinlich Falte, schätzte ich, aber momentan interessierte mich etwas ganz anderes. Ich schlüpfte bloß noch eilig in meine Hosen, Socken und Schuhe, schnappte mir die Streichholzschachtel vom Tisch und kniete mich anschließend steifbeinig auf das Stück Blech vor dem Kachelofen in der Ecke hin. Na dann wollen wir doch gleich mal nachgucken, dachte ich ein wenig neugierig, schraubte die eiserne Feuertür auf, riss eins der Zündhölzer an und leuchtete ins Innere der Brennkammer.
Gespannt reckte ich meinen Hals.
„Also wirklich, echt tipptopp“, murmelte ich schon einen Moment später und schüttelte dabei verwundert meinen Kopf, „ist ja astrein.“ Inzwischen hatte ich nämlich auch die untere Klappe geöffnet und dort beim Herausziehen des länglichen Blechkastens tatsächlich bloß eine knapp fingerdicke Ascheschicht vorgefunden, kaum dass überhaupt der Boden bedeckt war. Auf dem Gitterrost darüber lag ebenfalls nur ein ganz leichter grauer Staubfilm. Es stimmte also, stellte ich befriedigt fest, während ich mir im Aufstehen kurz die Hosenbeine an den Knien abklopfte. Ohne jeden Zweifel, selbst simple Briketts waren im Westen um Klassen besser als diese bröseligen Dinger, die man drüben im Osten verfeuerte. Denn da hatte man morgens immer erst einen halben Eimer rötlich-braune Aschekrümel aus dem Ofen herausschaufeln müssen, bevor man dann neu anheizen konnte. Hier dagegen blieb einfach alles sauber, fast so, als wären sämtliche Gerätschaften irgendwie selbstreinigend. Geradezu phänomenal, fand ich.
„Hab ich dir doch gesagt“, brummte Falte, „Kohle ist eben nicht gleich Kohle, Mensch, die Lektion haben wir doch längst gelernt. Ostmark, Westmark, Tomatenmark. Jedenfalls, du kannst jetzt also gleich wieder zügig für gemütliche Wärme in der Bude sorgen. Heiz' unserer alten Dampflok mal ordentlich ein!“
Unruhig schnaufend wälzte er sich auf seiner Matratze noch ein wenig hin und her, bis er sich endlich unter schwerem Ächzen erhob, wobei er ausgiebig gähnte und sich ein paarmal mit der Hand über sein knittriges T-Shirt mit dem Aufdruck Frisch aus der Anstalt strich.
„Junge, war das ‘ne Fete gestern“, stöhnte er heiser und sah mir nun eine Weile mit abwesendem Blick dabei zu, wie ich eine der alten Obstkisten zu Anmachholz zerkleinerte, um damit dann im Ofen ein knisterndes Feuer zu entfachen, das sich schon bald auflodernd durch diesen Miniaturscheiterhaufen fressen und so auch allmählich die obenauf platzierten magischen West-Kohlen entzünden würde.
Diesmal hatte ich also in der WG übernachtet, zum ersten Mal, weil es gestern doch recht spät geworden war und ich mir das umständliche Gezuckel mit dem Nachtbus zurück in meine Wohnheimbutze am anderen Ende der Stadt nicht hatte antun wollen. Weshalb ich nun am nächsten Morgen auch gleich wie abgemacht das Heizen der ausgekühlten Wohnung übernahm. Mit Kachelöfen kannte ich mich nämlich aus, und flüchtig musste ich wieder an unsere alte Ost-WG denken, als wir damals immer nur jeden zweiten Tag geheizt hatten, in dicke Decken gehüllt im Sessel sitzend und unseren Besuchern Kafkas Kübelreiter vorlesend; die Story, wo er den Kohlenhändler um ein paar lumpige Briketts anbettelt, damit er nicht erfrieren muss…
Falte gähnte noch einmal nilpferdartig und schlurfte ab ins Bad, während ich mich als Nächstes um den Kaffee kümmerte, den Tisch deckte und den Toaster bestückte. Aber außer uns beiden erschien leider niemand weiter zum Katerfrühstück, der Rest lag wohl noch reichlich restfett danieder.
Falte zuckte bloß gleichgültig mit den Schultern und bestrich seine Scheibe Toast gemächlich mit dem letzten Stück Frischkäse.
„So, jetzt hoffen wir mal, dass der Magen überhaupt schon was annimmt“, sprach er sich halblaut selber Mut zu und begann vorsichtig zu kauen.
Kurz darauf ließ sich auch Teffy blicken. Ziemlich verschlafen nuschelte er jedoch bloß ein kurzes „Morjn!“ durch den Türrahmen und bewegte sich dann gleich weiter in Richtung Bad.
Als er einige Zeit später wieder zum Vorschein kam, sah er zunächst nach seinen drei kleinen Geldbaum-Gewächsen auf der Fensterbank, die er als Glücksbringer neulich zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Er nannte sie seine Champagnerpflanzen, wegen der Vierteldrehung, die er ihnen regelmäßig alle paar Tage zukommen ließ, damit sie schön gleichmäßig zum Licht hin wuchsen.
Nach dieser kurzen Morgeninspektion setzte er sich schließlich zu uns an den Tisch und ließ erst einmal unschlüssig den Blick schweifen.
„Na, Gevatter Holzwurm, auferstanden aus Ruinen?“, erkundigte sich Falte grinsend bei ihm. „Wieder strahlend dem Abklingbecken entstiegen?“
Falte verfügte über zahlreiche mehr oder minder originelle Bezeichnungen für Schlafstätten, so zum Beispiel ‘Schutzgasmulde’ oder ‘Komabox‘, jedenfalls ‘mehr Ausdrücke als die Eskimos für Schnee haben‘, wie er öfter mal behauptete. Was wiederum direkt darauf schließen ließ, dass die Thematik des Ruhens wohl einen recht breiten Raum in seinem Denken einnahm.
Teffy ignorierte Faltes Spruch jedoch und griff bloß stumm nach dem Kaffee. „Milch ist alle?“, fragte er beim Eingießen.
„Mh“, bestätigte ich, „aber wir gehen ja nachher sowieso noch einkaufen. Sonst können wir nichts zum Mittag kochen.“
„Na ja“, meinte Teffy, „ich muss so um elf rum erstmal für ‘ne Weile weg, zu ‘nem Kunden. Was ausmessen. Das dauert bestimmt wieder ewig, wegen der blöden Rumkutscherei.“
Teffy, der von Beruf Möbeltischler war, hatte im Gegensatz zu seinen beiden Mitbewohnern und mir nämlich bereits einen festen Job. Die Arbeit schien ihm eigentlich sogar Spaß zu machen, wenngleich es ihn freilich zu nerven begann, dass er für seinen Chef immer öfter auch nach Feierabend und selbst an den Wochenenden unterwegs sein sollte. Obwohl ihn andererseits das zusätzliche Geld dafür durchaus lockte.
Teffy nahm sich einen Toast und warf dabei einen Blick auf das neben der leeren Obstschale liegende Faltblatt. „Advent, die Zeit der Ankunft“, las er gleichgültig. Es war wohl irgendein Kirchenzettel, den wahrscheinlich einer der Partygäste gestern liegengelassen hatte.
„Na wir sind ja Gott sei Dank schon angekommen im gelobten Land“, meinte er bloß lakonisch.
Nach dem Frühstück zogen Falte und ich zusammen los. Auch wenn ich zwar nicht zur WG dazugehörte, so hatte ich mich entschlossen, heute noch zum gemeinsamen Kochen zu bleiben, und daher war ich nun ebenfalls beim Einkaufen mit dabei. Denn die arg dezimierten Küchenvorräte mussten zunächst erst wieder aufgefüllt werden.
Unterwegs kamen wir an einem großen Steakhaus vorbei, gleich danach an einem griechischen und dann an einem indischen Restaurant. Neugierig warfen wir im Vorübergehen immer mal einen Blick auf die draußen aushängenden Speisenkarten.
„Mensch, dieses Curryzeug ist dermaßen lecker, da könnte ich mich glatt reinlegen“, stöhnte Falte, „genau wie beim Chinesen, die Entenbrust und das alles!“
„Ich weiß“, stimmte ich ihm zu, „aber das kannst du dir nicht leisten. Deshalb kochen wir ja selber.“
Allerdings war die Fülle der Angebote wirklich gigantisch, ja sogar schlichtweg überwältigend, was die Gastronomie hierzulande anging. Zum Osten jedenfalls überhaupt kein Vergleich. Unwillkürlich musste ich an das Interview mit einer russischen Touristin denken, das ich neulich im Radio gehört hatte. Anlässlich ihres Besuches im KaDeWe war sie gefragt worden, ob sie nach ihrer Rückkehr in ihre sibirische Kleinstadt wahrheitsgemäß berichten würde, dass es hier in der oberen Etage über 1.500 Fleisch- und Wurstsorten und weit über 1.000 Käsesorten zu kaufen gäbe. ‘Njet’, hatte sie sofort ganz im Ernst geantwortet, denn das würde ihr ja zu Hause sowieso niemand glauben, und sie wolle nicht als Lügnerin dastehen. Mein erster Besuch hier in der Musikabteilung eines großen Kaufhauses fiel mir ein, diese Massen an Schallplatten! Ich besaß zwar noch nicht mal einen Plattenspieler, aber allein schon das Durchstöbern der jeweiligen Rubriken fühlte sich unglaublich an! All diese Cover! Lauter Reliquien, Heiligtümer! Hier konnte man sie in der Hand halten, in echt! Man brauchte damit nur zur Kasse zu gehen, und sie gehörten einem. Es war einfach phantastisch, immens und grandios. Unfassbar.
Falte schwelgte derweil mit großen glänzenden Augen noch immer in Erinnerungen an Teffys Geburtstag vor zwei Wochen, als der eine Riesentüte aus dem Feinkostgeschäft angeschleppt hatte, randvoll gefüllt mit Delikatessen wie Knoblauchgarnelen, Hummus, irgendwelchen Pasteten, französischem Käse und Räucherlachs.
„Mann, ich wusste gar nicht, dass es so was überhaupt gibt!“, rief er schwärmerisch, „urst gut, das verdammte Gelumpe!“
Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen befand er sich nahe am Zustand der ekstatischen Verzückung.
Voll der alte Ostjargon, dachte ich bloß kopfschüttelnd, denn urst, das sagte hier kein Mensch. Genau wie Fete, oder Nicki oder auch Plaste, das hieß im Westen Plastik. Oder gehörte das alles etwa zum Kern der eigenen Identität? Ausgerechnet dieses rohe urst zum Beispiel war sowieso noch nie mein Lieblingswort gewesen, eigentlich hatte ich es auch früher kaum benutzt. Doch ob man sich nun zumindest sprachlich ein Stück weit anpasste oder dies als unakzeptable Selbstverleugnung seiner Herkunft ‘von drüben‘ kategorisch ablehnte, das musste dann wohl jeder für sich entscheiden.
Im Supermarkt angekommen, trotteten wir mit dem Einkaufswagen durch die Regalreihen und packten Nudeln, Tomaten, Zwiebeln und ein paar große Dosen Thunfisch ein, auch einen Topf mit frischem Basilikum, außerdem noch Butter, Milch, Wurst und Käse sowie Mandarinen und Bananen, plus weiteren Kleinkram. Na ja, und eine Flasche Rotwein zum Essen, denn unsere Hausbar war ja leider nach der gestrigen Party komplett ausgetrocknet.
In kurzer Zeit hatten wir alles beisammen, so dass wir uns im Anschluss direkt zu den Kassen begaben. Es ging zwar rasch vorwärts in unserer Warteschlange, aber genau als wir dran waren, machte die blöde Bonrolle plötzlich schlapp, natürlich.
„Ausgerechnet jetzt!“, stöhnte Falte klagend und sah der Kassiererin, einem hübschen Mädel Anfang Zwanzig, dabei zu, wie sie mit flinken Fingern im Innern der Maschine hantierte und eine neue Papierrolle einsetzte.
„Wo wir es doch so eilig haben,“, rief Falte theatralisch, „mein Kumpel ist nämlich heute gerade frisch ausm Gefängnis entlassen worden und will deswegen gleich richtig feiern, endlich. War ja auch verdammt hart, fast drei Jahre, nur wegen so ‘n bisschen Exhibitionismus.“
Die Kassiererin guckte erst ihn an und musterte dann mich unsicher.
„Na echt, er hat mir ja sogar sein T-Shirt geliehen“, legte Falte nach, demonstrativ mit beiden Händen den Stoff über seiner Brust mit jenem beredten Motto Frisch aus der Anstalt glattstreichend.
„Sehr witzig“, erwiderte ich genervt und zeigte ihm einen Vogel, aber die Verkäuferin begann schließlich wirklich spöttisch zu lächeln, so dass ich am Ende ebenfalls ein ganz bisschen grinsen musste.
Als wir in unsere Straße einbogen, saß da dieser Mondgesicht-Typ mit orangenem Schal und dicker brauner Cordjacke in seinem Klappstuhl dicht an der Hauswand und fuchtelte unentwegt mit den Armen wie ein Dirigent. Es war ein gewohnter Anblick, selbst ich kannte ihn mittlerweile. Der Kapellmeister, der Regisseur oder einfach der Direktor, so wurde er meistens scherzhaft genannt; für die Biertrinker vom Kiosk weiter hinten war er freilich bloß der Bekloppte.
„Guten Tag, Herr Generalmusikdirektor!“, riefen wir ihm diesmal im Vorbeigehen zu, und er nickte fröhlich zurück.
Vor unserem Haus angekommen, fummelte Falte den Schlüssel mühsam ins Türschloss, und schnaufend stapften wir dann, beladen mit unseren vollen Taschen, zur Wohnung hoch, um anschließend in der Küche gleich alles zu verstauen.
Onkel Wanja, der dritte WG-Bewohner. war unterdessen ebenfalls erwacht. Mit noch wild verstrubbelten Haaren am Tisch sitzend, hatte er augenscheinlich gerade sein bescheidenes Frühstück beendet, das wohl nur aus einer Tasse Kaffee bestand, und zündete sich nun hinterher die übliche Zigarette an. Schweigend blies er den Rauch in Richtung Decke und sah uns mit mäßigem Interesse beim Auspacken und Einräumen der mitgebrachten Lebensmittel zu.
Sein merkwürdiger Spitzname ging übrigens auf irgendeine uralte Geschichte aus der Schulzeit zurück, von der allerdings niemand mehr wirklich wusste, wie das eigentlich genau gewesen war. Vielleicht, weil er schon damals immer behauptet hatte, eines Tages wie sein Opa mal Bäcker zu werden? Das russische Märchen vom faulen Wanja, der erst sieben Jahre lang in der Hütte auf dem warmen Backofen schläft, dadurch Bärenkräfte erlangt und später dann lauter Heldentaten vollbringt, das hing damit aber auf jeden Fall irgendwie zusammen. Vielleicht sogar auch Tschechows gleichnamiges Drama, das zwar sowieso kaum jemand kannte, und wenn, dann eben höchstens dem Titel nach. Na egal, und wie auch immer. Ähnlich vage verhielt es sich ja auch mit Falte, den so gut wie niemand bei seinem richtigen Vornamen Theodor rief, denn schon in seiner Kindheit oder zumindest frühen Jugend war er bereits von allen größtenteils so wie heute genannt worden. Besonders seit den sommerlichen, regelmäßig am Baggersee verbrachten Badeferien, und zwar wohl ganz offensichtlich wegen seiner unübersehbaren, mit jedem Jahr imposanter werdenden Speckfalten, auch wenn sein Nachname zugegebenermaßen mit viel Phantasie ebenfalls diese Deutung zuließ. Er selbst blieb freilich beharrlich bei der Version, wonach fachärztlicherseits bei ihm etliche extrem tief ausgeprägte Falten in seiner generell stark gefurchten Großhirnrinde festgestellt worden wären, was ja bekanntermaßen als untrügliches Merkmal für Höchstintelligenz gälte und somit alles weitere erklärte. Natürlich kaufte ihm niemand diese Story ab, aber mittlerweile war das sowieso egal, und außerdem hatte er sich inzwischen längst auch noch drei deutliche Wülste in seinem Specknacken zugelegt, aufgrund derer die gelegentlich, besonders in angeheitertem Zustand, von ihm eingeforderte Anrede ‚Ihre heilige Dreifaltigkeit‘ nunmehr voll und ganz gerechtfertigt war.
Gerade als ich die letzte der leeren Einkaufstüten zusammenlegte und zum Schluss den Topf mit dem Basilikum auf die Fensterbank stellte, direkt neben Teffys geliebte Geldbaum-Gewächse, steckte der, jetzt schon halb im Mantel, vom Flur aus auch noch einmal kurz seinen Kopf in die Küche.
„Ich muss los, Jungs, die Kundschaft ruft“, rief er, stutzte dann aber plötzlich und brummte misstrauisch: „Was soll das denn?“
„Frisches Brasilikum, direkt aus Südamerika“, antwortete ich schlicht, „nachher, fürs Essen. Da zupfen wir ‘n paar Blätter ab, und die kommen dann oben drauf, auf die Tomatensoße.“
„Na dass ihr mir da aber bloß nichts von den falschen Pflanzen abreißt, sonst gibts Ärger“, nuschelte er beim Schuhe anziehen, offenbar noch immer skeptisch unseren kulinarischen Ambitionen gegenüber.
„Also, lasst mir ja was übrig vom großen Gelage, okay?“, rief er uns zum Abschied noch vom Korridor aus zu, bevor hinter ihm die Tür ins Schloss fiel und er hörbar treppab zu seinem Kundentermin eilte.
Als wir dann gegen Mittag so allmählich mit dem Kochen loslegen wollten, schnarrte plötzlich die alte, lose im Flur hängende Türklingel, und Onkel Wanja stand auf und ging nachschauen.
„Ach, noch ‘ne alte Ostjacke!“, hörten wir ihn erstaunt einen Moment später im Flur ausrufen und ein offenkundig bekanntes Gesicht freudig begrüßen. Wobei es sich um Old Scheuche handelte, wie wir schnell feststellten, nachdem wir neugierig durch die angelehnte Küchentür gelugt hatten. Natürlich gab das gleich ein großes Hallo, denn Onkel Wanja hatte mit ihm schon früher in einer WG zusammen gelebt. Aber auch Falte und mir war Scheuche regelmäßig immer mal wieder bei irgendwelchen Sommerfestivals und Freiluftkonzerten über den Weg gelaufen, und einmal hatten wir sogar bei seinen LKF-Leuten auf dem Dorf im tiefsten Mecklenburg übernachtet. In der legendären Landkommune Freedom, wo er dann bis zu seiner Ausreise untergekommen war.
Nun hatte er es also ebenfalls geschafft und war letzte Woche endlich rausgekommen, erzählte er uns, nach gut drei Jahren Wartezeit. Via Grenzübergang Herrnburg mit der Bahn runter bis ins Auffanglager Gießen und danach weiter von Frankfurt nach West-Berlin, wie üblich per Flug, da für frisch Ausgereiste ansonsten Probleme bei erneutem Betreten östlicher Gefilde zu befürchten waren.
„So, und jetzt bin ich hier!“, strahlte Scheuche. „Yeah!“
Wir setzten uns alle in die Küche, um erstmal gemütlich bei einer frisch aufgebrühten Kanne Tee zu plaudern. Denn immerhin hatten wir auch eine ganze Menge gemeinsame Bekannte, sowohl im Osten als auch neuerdings im Westen, und daher dauerte es seine Zeit, bis zumindest die wichtigsten Neuigkeiten entsprechend ausgewertet waren.
„Ja, so siehts aus, Freunde“, grinste Scheuche schließlich, „Test the West! ist ab jetzt angesagt, denn das Kost the Ost! haben wir ja bereits bis zum Erbrechen exerziert.“
„Ja, mit dem Kotz the Ost! sind wir durch, halleluja!“, bestätigte Onkel Wanja, und sowohl Falte als auch ich nickten dazu mit dem gebührenden Ernst.
„Scheuche, der alte Edelpenner“, murmelte Onkel Wanja nach einer Weile dann wieder grinsend vor sich hin und schüttelte dabei ein paarmal seinen Kopf. „Alterchen, ich fass’ es nicht! Ich sehe es noch vor mir, egal ob an der Currywurstbude oder am Broilerstand, niemals mit Plastikbesteck, der feine Herr Lindemann. Immer noble Esswerkzeuge aus Edelstahl am Mann, das gute alte Campingbesteck, stets standesgemäß verwahrt in der kleinen Zollstocktasche am Hosenbein. Abgeranzte Klamotten, das ja, schon immer, aber trotzdem irgendwie mit Stil. Auch später aufm Dorf, als Forstarbeiter. Machte so richtig einen auf verarmten Landadel, der Bursche.“
Er äffte Scheuches Stimme nach: „Außen knusprig, innen gar, so schmeckt Grillgut wunderbar! Ah, und wie war das, woran erkennt man den Meister seines Faches? Richtig: Am Schrägschnitt mit dem Filetiermesser, denn nichts präsentiert Gebratenes vom Tier besser! So sprach einst Scheuche, alias Lukullus mit der Motorsäge!“
„Mensch Alter, das waren noch Zeiten!“, riefen beide lachend und hoben fröhlich die Teetassen, als würden sie damit anstoßen.
„Obwohl ich ja eigentlich den Terminus ‚grillieren‘ statt grillen bevorzuge, also ‚Grilliergut’, aber egal“, meinte Scheuche, als er sich wieder eingekriegt hatte. „Na jetzt muss ich mich auf alle Fälle erstmal neu orientieren und überall so ‘n bisschen die Fühler ausstrecken. Ist ja echt ‘ne ganz andere Welt hier, Alterchen, irgendwie, doch ‘ne ganz andere Nummer.“
„Mir hat hier ‘ne Verkäuferin erzählt, dass sie sofort erkennt, ob ‘n Kunde aus ‘m Osten oder Westen ist“, entgegnete Onkel Wanja darauf und zündete sich eine neue Zigarette an, „denn die Wessis kommen in den Laden reinspaziert und sagen immer bloß ganz selbstverständlich Hallo, ich möchte dies oder jenes!, aber einer aus dem Osten fragt erstmal ganz unsicher und verschüchtert Guten Tag, haben Sie das und das?, weil er gar nicht davon ausgeht, dass das alles überhaupt da ist.“
„Ja, ist schon ‘ne gewisse Umstellung“, gab ich ihm recht und nickte.
„Ach komm, nun mach mal keine Panik, die kochen am Ende auch nur mit Wasser“, brummte Falte. „Schön locker bleiben, Gevatter, und immer dran denken, wir sind jetzt frei. Und wer frei ist, der macht als Erstes mal frei, aber so richtig. Nämlich großfrei. Zur Ruhe kommen und genießen lernen, das ist die aktuelle Parole. Vom Psychodoc amtlich empfohlen. Wir müssen uns hier doch zunächst mal entspannt umgucken. Bestandsaufnahme durchführen, sozusagen, also eine professionelle Inaugenscheinnahme vornehmen.“
Er trank seinen Rest Tee aus und erklärte Scheuche noch, was der im Prinzip aber schon wusste, nämlich dass sich die meisten Neuankömmlinge als Erstes vom Psychiater anstandslos für ein paar Wochen krankschreiben ließen, um ausreichend Zeit zum Akklimatisieren zu haben, ohne dass sie dabei vom Arbeitsamt genervt wurden. Außerdem kassierte man auf diese Weise nicht bloß das kahle Arbeitslosengeld, sondern obendrein sogar das höhere Krankengeld.
Dann erhob sich Falte, zwecks Toilettengang.
„Ja schon klar“, rief ihm Scheuche hinterher, „bloß irgendwann muss man doch mal zu Potte kommen und sich irgendwie entscheiden. Oder willst du ewig auf Schizo machen? Großfrei in der Neuro, in der Geschlossenen, oder wie?“
“Na der hat gut reden, mit seiner reichen Sippe in der Hinterhand“, knurrte Onkel Wanja dazu bloß halblaut und winkte ab, denn es war ein offenes Geheimnis, dass Falte etliche gut betuchte Verwandte irgendwo bei Köln sowie oben an der Nordsee hatte, dank derer seine Familie schon im Osten über GENEX1 üppig mit Westwaren versorgt worden war.
„Aber wir Gemeinen müssen am Ende ja doch unseren Arsch bewegen und gucken, wie wir einigermaßen zurande kommen“, fuhr er fort, und Scheuche und ich widersprachen ihm da nicht.
Als Falte schließlich wieder erschien, kam uns nach einem kurzen Blick auf die Uhr auch unser geplantes Mittagessen wieder in den Sinn.
„Du hast doch Zeit zum Kochen und machst mit, oder?“, erkundigte sich Onkel Wanja bei Scheuche und legte vorsorglich schon mal Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und eine rote Paprika nebst Schneidbrett auf dem Tisch zurecht. Worauf der nur mit den Schultern zuckte und trocken erwiderte: „Sicher, aber nur wenn ihr Banausen hier auch anständiges Metallbesteck habt.“
Da es Nudeln mit Thunfisch in Tomatensoße geben sollte, blieb außer Gemüse schnippeln eigentlich nicht allzu viel zu tun. Falte kramte bloß den großen Universal-Büchsenöffner aus der Schublade raus und ratschte damit schnell die paar Dosen auf, während ich für die Nudeln reichlich Wasser in den größten vorhandenen Topf füllte und den dann auf den Herd wuchtete, womit unsere Arbeit im Prinzip schon fast erledigt war.
„In der LKF kochten wir oft Kombipott“, erläuterte Scheuche derweil beim Tomatenschneiden. „Also alles, was gerade eben so da war, einfach nur bunt durcheinander in den großen Kessel rein. Zack, die Gasflammen aufgedreht, ordentlich umgerührt und blubbern lassen, Hauptsache genug Knofi kam zum Schluss noch ran. Getreu unserem Motto: Wir riechen zwar nach Knoblauch, aber die Stinker sind die anderen.“
Er hielt einen Moment inne und musterte uns der Reihe nach mit einem betont durchdringenden Blick. „Denn merke: Knobellauch ist Nobellauch!“, dozierte er daraufhin mit erhobenem Finger und näselnder Stimme, was insgesamt durchaus ziemlich komisch wirkte.
„Na dann mal los“, ermunterte ihn Onkel Wanja grinsend und reichte ihm gleich noch ein paar frisch geschälte Zehen zum Zerteilen rüber.
Kurze Zeit später war auch das Würfeln der Zwiebeln geschafft, und da wir uns mittlerweile entschlossen hatten, für die Soße nun doch größtenteils lieber Dosentomaten zu verwenden, nutzten wir die jetzt plötzlich überzähligen frischen Tomatenstückchen noch für einen schönen Extrasalat, zusammen mit den restlichen Zwiebelwürfeln.
Ab und an kam dann so nebenbei auch die gestrige Party ein wenig zur Sprache, insbesondere was die weiblichen Gäste betraf.
„Sag mal, wer war denn eigentlich die Flauschige mit dem gefälligen Exterieur, die mit dem bunten Hosen, auf dem blonden Sofa, die erst so spät kam und gleich wieder ging, zusammen mit Ela?“, wollte Falte wissen. „Ich frage für einen Freund.“
„Ach du meinst Heidrun“, antwortete Onkel Wanja, „ja die kennt Teffy über Ela, irgendwie. Ist auch erst vor Kurzem rübergekommen und will hier als Fotomodell einsteigen, weil sie drüben schon Mannequin war. Echt, ist so. Hat angeblich bereits was in Aussicht. ‘Datt Mädel is ‘ne Bombenolle’, sagt Teffy bloß immer, wenn du ihn auf die ansprichst, und viel mehr lässt er sich nicht in die Karten gucken. Ich glaub, der steht voll auf die.“
„Ah“, erwiderte Falte, anscheinend durchaus beeindruckt, „das wusste ich nicht.“
Das mit dem ‘blonden Sofa’ war übrigens eine Anspielung auf eine frühere WG, wo jemand die zwei dort vorhandenen Kanapees mit ziemlich misogynem Humor fieserweise mal in ‚das blonde Sofa‘ und ‚die Resterampe‘ eingeteilt hatte, was freilich nicht alle Bewohner guthießen; da es hier jetzt aber nur eine einzige Ottomane gab, hatte man es problemlos beim Terminus ‚blondes Sofa‘ belassen. ‚Casting-Couch‘ und ‚Diven-Diwan‘ waren überdies von vornherein durchgefallen, ebenso wie die arg schmucklose Bezeichnung ‚Hühnerstange‘.
„Mmh, ich glaub’ das wird ‘n opulentes Mahl!“, verkündete Falte schließlich, als es aus dem Topf heraus bereits appetitlich zu duften begann. „Eigentlich kommen da ja auch noch ‘n paar Erbsen mit rein, das schmeckt bestimmt super. Hm, was denkt ihr?“
„Nee, vergiss es, Erbsen machen doof“, protestierte Scheuche umgehend, woraufhin Falte etwas verwundert guckte.
„Meine Oma sagte immer, Mohn macht dumm“, erwiderte er und zog irritiert die Stirn kraus. „Irgendwie wegen Morphium oder so.“
„Vielleicht meint er das ja eher so metaphorisch“, gab ich zu bedenken, „also dass man von jeglicher Erbsenzählerei bekloppt wird?“
„Das auch, natürlich“, stimmte Scheuche sofort leichthin zu, fuhr dann jedoch ziemlich entschieden fort: „Ist doch alles bekannt, vom Militär. Erst wird schön Erbsensuppe aus der Gulaschkanone aufgetischt, und dann am besten hinterher jedem noch ‘n großes Stück Mohnkuchen verabreicht. Jawoll, haut ordentlich rein, Jungs, fresst! Na prima, und schon sehr bald machen die verblödeten Soldaten ganz brav und ohne Widerrede alles, was verlangt wird. Einmaleins der psychologischen Kriegsführung, Leute, in jeder Armee der Welt, das kennt man doch. Der Klassiker schlechthin. Na Mensch, Erbsensuppe gabs früher bei der Totenwache, da werden die sich schon was bei gedacht haben!“
„Hä?“, stutzte Falte, und auch Onkel Wanja und ich guckten verblüfft.
„Na vom Erbsen futtern wird man auf alle Fälle wahnsinnig, das steht fest“, wiederholte Scheuche dann noch einmal kategorisch unter wildem Nicken. „Irgendwelche anormalen Aminosäuren. Lies mal Büchners Woyzeck, der ist doch genau deswegen durchgedreht, bis hin zum Einpinkeln, oder hast du damals im Deutschunterricht etwa gepennt? Das Zeug ist Hirngift pur, das sind grüne Verblödungs-Globuli, glaubt mir.“
„Egal“, erwiderte Falte daraufhin nur lakonisch und holte trotzdem schon mal zwei kleine Dosen aus dem Vorratsschrank. „Ich bin sowieso immun, ganz generell und pauschal. Weil, schlimmer als der ganze Fusel können die kleinen Dinger in meiner Hirnschale auch nicht wüten.“
Als Scheuche erkannte, dass seine Appelle hier nicht fruchten würden, griff er sich rasch ein Kompottschälchen und löffelte es hastig mit der noch unkontaminierten Thunfisch-Tomatensoße randvoll, um so wenigstens für sich selber etwas davon zu retten.
„Werdet schon sehen, Pisum sativum macht doof, und basta!“, warnte er ein letztes Mal und brachte den Napf vorsichtig auf dem Fensterbrett hinter sich in Sicherheit, bevor Falte dann mit gleichmütigem Schulterzucken den Inhalt der beiden Dosen ziemlich schwungvoll in den Topf entleerte, wobei ihm leider ein paar Erbsen daneben kullerten.
„Soll ich vielleicht eine aufheben, falls nachher noch Heidrun kommt, für den Prinzessin-auf-der-Erbse-Test?“, fragte er feixend und begann mit seinen ungelenken Fingern die vier oder fünf verirrten grünen Kügelchen nacheinander mühsam vom Herd zu klauben und sich genüsslich in den Mund zu stecken, während er dazu seltsam kichernd etwas von „ins Töpfchen, ins Kröpfchen“ brummelte. „Oder doch besser ‘ne grüne Perlenkette aus dem Zartgemüse basteln, für ihr schlankes Hälschen, hm?“, schob er noch schmatzend nach.
„Siehste, Scheuche hat anscheinend recht“, kommentierte Onkel Wanja diese Szene bloß kopfschüttelnd, „ich glaub, die komischen Kaninchenköttel wirken bei dir schon.“
Unbeeindruckt von alldem durchsuchte Falte jedoch als Nächstes das Gewürzregal, nahm zuerst das Fläschchen mit dem Piri-Piri-Konzentrat und gab reichlich davon in die Soße, des Weiteren eine generöse Dosis von der Oregano-Kräutermischung sowie noch einige andere bunte Pülverchen.
„Wie bei den alten Römern, Garumsoße muss immer ran!“, murmelte er dabei heiter und summte sogar vergnügt ein bisschen vor sich hin. „Eine Extra-Unze Laudanum für den guten alten Opiumesser, bitteschön, da rieselt sie hinab, ach ja, und Tinctura Opii nicht vergessen, für den fidelen Opi, denn auch sie muss mit hinein!“
Schließlich rührte er das Ganze kräftig mit dem großen Holzlöffel um und probierte erwartungsvoll.
„Perfekt“, lobte er einen Moment später überschwänglich und formte ein O aus Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand. „Da blühen sämtliche Geschmacksknospen auf, ich sags euch! Die reinste Gaumenfreude, oh frohlocket! Nur noch fix durchköcheln lassen, und dann kanns losgehn, liebe Freunde, und wir werden uns das alles bis zur maximalen Bauchdeckenstraffung einverleiben.“
Er blickte auf die Uhr, und mit theatralischer Geste schüttete er eine große Packung Spirelli-Nudeln in den Riesentopf, in dem das Wasser inzwischen wild wallend kochte. Unterdessen hatten sich Onkel Wanja und Scheuche bereits zusammen ums Tischdecken gekümmert, derweil ich schnell noch die Flasche Wein öffnete.
Kurz darauf war es endlich soweit, und dampfende Nudeln wurden auf die vier Teller verteilt, dann kam ordentlich dicke Soße drüber (bei Scheuche natürlich nur seine giftfreie Extraportion), und als Krönung etwas Parmesan obendrauf, plus die frisch gezupften Basilikumblätter.
„Mahlzeit!“, riefen wir, stießen mit den Gläsern an und ließen es uns gehörig schmecken. Wir hatten reichlich gekocht, wie immer, und so wie es aussah, würde auch für Teffy noch mehr als genug übrig bleiben.
Unser gepflegtes Tischgespräch drehte sich zunächst noch einmal um einige der gestern anwesenden Mädchen, wechselte bald danach aber doch wieder zu der Frage, wie es nun in beruflicher Hinsicht weitergehen sollte. Ich zum Beispiel kannte mich mit Elektronik aus und hatte im Osten Fernseher und Radios repariert, und in der Branche würde ich wohl auch hier ganz gut zurechtkommen, so hoffte ich zumindest. Onkel Wanja, der bärenstarke Bäcker, würde sicherlich ebenfalls über kurz oder lang etwas finden. Scheuche allerdings hatte nach dem Abitur bloß irgendwo gejobbt und zuletzt im Wald gearbeitet und überlegte daher jetzt, ob er hier nicht besser akademische Weihen anstreben sollte, doch sicher war er sich nicht. Falte hingegen mit seinem abgebrochenen Maschinenbau-Studium, der hing eigentlich so ziemlich in der Luft (wenn auch mit besagtem verwandtschaftlichen Sicherheitsnetz) und hatte überhaupt noch keine rechte Idee, in welche Richtung er eigentlich gehen wollte. Neulich hätte ihm jemand geraten, so ließ er verlauten, er könne doch an so einem Stand in der Fußgängerzone ‚Wasserspar-Perlatoren‘ unter die Leute bringen, das wäre aktuell nämlich das ganz große Geschäft mit wirklich tollen Verdienstmöglichkeiten, und außerdem gäbe es da laut Werbeprospekt noch viel mehr brandneue Topseller im Sortiment.
„Soso, das ganz große Geschäft“, wiederholte ich ironisch und nickte dazu mit unverhohlenem Grinsen in Richtung Toilettentür, denn bei solch einer Vorlage konnte ich einfach nicht widerstehen.
„Blödmann, natürlich erstmal nur so als Übergang“, entgegnete Falte genervt und rollte beleidigt mit den Augen, „man kann das ja auch zeitlich flexibel oder bloß als Nebenjob machen.“
Doch auch Scheuche zog längst skeptisch die Nase kraus und hatte sichtlich Mühe, sein Lachen zu unterdrücken, während Onkel Wanja demonstrativ unbeteiligt vor sich hin pfiff und so tat, als würde er interessiert die Decke anstarren.
Mich erinnerte das freilich sofort an Faltes Aktion mit den weißen Taubnesselblüten vor zwei oder drei Jahren, denn auch bei diesem ‘Geheimtipp‘ damals war er mit den größten Hoffnungen gestartet. Man bräuchte die zarten Fusselchen nämlich einfach bloß einzusammeln und zu trocknen und danach für irre viel Geld bei den Apotheken abzuliefern, so hatte es gehießen. Falte war damals einen ganzen Tag lang durch die märkische Prärie gestapft und hatte sich an dornigem Gesträuch Arme und Beine zerschunden, wobei sich die von ihm gesichteten kostbaren Taubnesseln aus der Nähe betrachtet meist unverhofft in krautige Brennnesseln verwandelten, und von den wenigen echten Blüten, die er am Ende in seiner Sammelbüchse anschleppte, war am Ende nach dem Trocknen so gut wie nichts mehr übrig geblieben.
„Sagt mal, habt ihr vorhin eigentlich auch Klopapier mitgebracht?“, wechselte Onkel Wanja schließlich abrupt das Thema, als wir dann längst die Teller von uns geschoben hatten und nur noch bequem zurückgelehnt am Weinglas nippten beziehungsweise eine Zigarette rauchten.
„Nee, wieso?“, schüttelte ich den Kopf. „Hat keiner was gesagt, wir waren nur Fressalien einkaufen.“
„Verdammt, doppelplusungut2!“, fluchte Onkel Wanja, „Mensch Leute, das ganze Scheißhauspapier ist nämlich schon wieder ratzekahl alle! Menschenskinder nochmal, frisst das jemand, oder was? Also einer muss heute jedenfalls nochmal loslatschen, echt.“
Erwartungsvoll blickte er in die Runde, aber es kam keine Reaktion.
„Genosse Falte, verdienter Sanitärkeramiker des Volkes“, versuchte er es daher mit direkter Ansprache, „du vertilgst von uns allen am meisten, in deinem Schlund landet stets der größte Teil der Delikatessen. Ergo ist es primär auch dein Job, unseren kultivierten und hygienischen Umgang mit den dabei anfallenden Endprodukten zu gewährleisten. Der hiesige, ähm, Stuhlkreis zählt auf dich!“
„Oh no, Mann, Mister Klomann“, wehrte Falte diesen Vorstoß jedoch mit entspanntem Lächeln gleichermaßen souverän wie elegant ab. „Vergiss es, du bist diesmal selber der Fäkalbeauftragte. Ich war gerade erst shoppen und schleppen, jetzt bist du dran. Over and out.“
„Na gut“, seufzte Onkel Wanja und ergab sich seinem Schicksal, „dann gehe ich eben. Muss nachher sowieso noch Zigaretten holen, meine sind alle, was solls.“
Mittlerweile hatte Falte begonnen, auf seinem wackligen Stuhl hin und her zu rutschen und immer unruhiger zu kippeln.
„Das Teil taugt nix“, maulte er, „wir brauchen anständige Polsterstühle mit komfortablen Armlehnen, oder am besten so ‘n richtigen alten Ohrensessel, in dem man nach dem Essen auch mal am Likörchen nippen und kurz wegnicken kann.“
„Nur Geduld, Gevatter, Teffy weiß Bescheid und hält die Augen auf“, beruhigte ihn Onkel Wanja. „Irgendwann wird sich schon was bei ‘ner Haushaltsauflösung ergeben.“
Er stand auf, zog sich an und ging Zigaretten holen, während wir uns an den Abwasch machten. Gut zwanzig Minuten später war er zurück und streckte uns demonstrativ das mitgebrachte Klopapier entgegen, und als wir dann kurz darauf mit dem Abtrocknen fertig waren, setzten wir uns wieder alle zusammen an den Tisch. Onkel Wanja rückte den Aschenbecher in die Mitte, und er und Scheuche steckten sich Zigaretten an.
„Lasst uns nachher ‘n Glas Bier trinken gehen“, schlug Falte vor. „So in ‘ner Stunde vielleicht, hm?“
„Gestern nicht genug gekriegt?“, brummte Onkel Wanja bloß und stieß gedankenversunken eine ordentliche Ladung Rauch aus. „Hast dir doch literweise die Hopfenjauche in die Plauze verpresst, bis zum Anschlag, reicht das nicht fürs Erste?“
Missbilligend schüttelte er den Kopf.
Dazu musste man vielleicht wissen, dass Falte niemals einfach bloß ordinär Bier trinken ging, zumal das ja bekanntlich nur Proleten taten. Sondern er ging stets ein Glas Bier trinken, auf diesen feinen Unterschied legte er wert. Denn das kennzeichnete den Mann mit Stil, so glaubte er zumindest; es klang immerhin etwas gehoben, und vor allem so schön harmlos - und war doch tückisch und gänzlich irreführend, jedenfalls wenn es von Falte kam. Weil es nämlich leicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass es ihm oftmals lediglich als beschönigende Umschreibung für ein sich anbahnendes hemmungsloses Totalbesäufnis diente. Präapokalyptisches Ablitern, um hier den korrekten Fachbegriff zu verwenden. Daher war Falte in einschlägigen Kreisen auch längst unter dem Namen Bier-Falte bekannt und besaß, was das betraf, durchaus eine gewisse Reputation, die sich vor allem auf seine letzten zwei Jahre im Osten gründete, als er noch in einem Auslieferungslager für Industriekeramik gejobbt hatte. Denn in jenen legendären alten Zeiten war er nämlich mit einer Kellnerin liiert gewesen, also praktisch mit seiner Traumfrau, alldieweil er nach seiner harten Schicht zwischen lauter Wasch- und Klobecken dann lediglich wie ferngesteuert nur einen Häuserblock weiter zu tapern brauchte, um sich bei seiner Freundin gemütlich in die Kneipe zu hocken. Jeden Abend rein in den ‚Rostigen Eimer’, direkt an den Tresen, wo sich sein magisches Glas Bier stets von selbst wieder füllte und er geduldig wartete, bis seine ‘Hopfenfee‘ gegen elf Uhr Feierabend machte und man gemeinsam nach Hause trotten konnte. Falte schwärmte noch heute davon.
„Onkel Wanja, du staubiger Mehlwurm, also was ist jetzt, hm?“, drängelte Falte von neuem. „Hörst du nicht, wie das knackende Gerstenmalz die wackeren Zecher ruft? Bäcker und Brauer sind doch Brüder! Komm, gib dir ‘nen Ruck, auf ein schönes Glas Bier.“
„Nee, bin noch knülle von gestern, total groggy“, lehnte der aber rigoros ab. „Nichts zu machen. Außerdem ist Kneipe zu teuer, das andauernde Gesaufe. Kein Glas Bier, kein Jauchepressen heute. Ich hau mich gleich auf meine Matte, und gut.“
„Aber der edle Herr Lindemann mit dem eigenem Besteck, unser aller Freund Lindwurm, du als trinkwütiger Waldmensch bist doch wohl dabei, oder?“, versuchte es Falte bei Scheuche und sah ihn mit aufforderndem Blick an. „Komm, Doktor Woyzeck, gib dir ‘nen Ruck! Es wird auch hundertprozentig erbsenfreies Frischbier gezapft!“
„Ich bin raus“, rief Scheuche und hob abwehrend die Hände. „Mich brauchst du bei deinen Exzessen gar nicht erst einzuplanen. Ich mach mich in Kürze auf die Socken und bin schon so gut wie weg.“
„Felix alias Mister Lucky, was mit dir, du schlauer Bücherwurm?“, wandte sich Falte an mich. „Ein bisschen Wermut gegen die Schwermut, na wie wär's, hm? Herr Einheizer, alter Fidibus?“
„Nee, ich werde mich auch gleich verkrümeln“, schüttelte ich bedauernd den Kopf. „Hab noch was vor.“
„Deine komische Hilfsschauspielerin, hm?“, hakte er nach. „Willst deinen legendären Apparatus longus nun endlich mal bei ihr intubieren, oder was?“
„Ach du meine Güte!“, reagierte ich bloß müde grinsend auf seinen plumpen Versuch, sich mir als Beichtvater für unkeusche Belange anzudienen. „Das werde ich dir Faltenhirn auch gerade auf die Nase binden.“
Neulich hatte ich nämlich zwei Tage als Komparse gearbeitet und dabei ein Mädchen kennengelernt, Katinka, und mit ihr war ich heute am Nachmittag verabredet. Aber das ging den in dieser Hinsicht ganz besonders neugierigen Falte wohl rein gar nichts an.
„Vielleicht kriegst du ja Teffy überredet“, brachte ich daher gleich wieder die Sprache auf sein ursprüngliches Anliegen, „der müsste doch eigentlich bald zurück sein.“
„Ja, hoffentlich zieht wenigstens Gevatter Holzwurm noch nachher mit der guten alten Faltenmade los,“ erwiderte er daraufhin bloß matt und seufzte ein wenig missmutig.
Kurz darauf drückte Onkel Wanja seine Kippe in den Aschenbecher und begab sich nach nebenan, gleichzeitig verabschiedete sich auch Scheuche, und schließlich zog ich ebenfalls von dannen.
Auf meinem Weg lag eine Drogerie, und da ich noch etwas Zeit hatte, betrat ich das Geschäft und schlenderte die Regalreihen entlang, um an ein paar der Deosprays zu schnuppern und die Rasierwasser-Testfläschchen durchzuprobieren. Ab und an sprühte ich mir ein wenig davon an die Handgelenke und eine letzte, besonders kräftige Ladung meines Lieblingsdufts sogar halb auf den Schal und halb auf den Hals. Letztendlich kaufte ich dann zwar nur ein Duschgel, aber die Kassiererin gab mir trotzdem noch lächelnd ein kleines Fläschchen Kölnisch Wasser gratis dazu, es lief wohl gerade eine Werbeaktion.
Mit Katinka hatte ich mich an einer markanten Straßenecke in der Nähe vom Kudamm verabredet, um zuerst einen kleinen Spaziergang zu unternehmen und danach zu einem bestimmten Café zu fahren, von dem sie mir etwas vorgeschwärmt hatte und das ich mir daher unbedingt ebenfalls mal angucken wollte.
Da ich ein paar Minuten früher am vereinbarten Treffpunkt ankam, postierte ich mich gut sichtbar neben einem bunten Werbeaufsteller für irgendein Kabarett und wartete nun einfach ab. Hin und wieder flüchtig an meinem parfümierten Schal schnuppernd, ließ ich in Gedanken noch einmal unseren gemeinsamen Tag am Filmset Revue passieren. Weil sich die Handlung des Streifens wohl um irgendeinen berühmten Medizinprofessor drehte, waren wir zusammen mit ungefähr zehn anderen Darstellern in blitzsaubere, frisch gestärkte Arztkittel gesteckt worden, um beim Erschallen des Kommandos ‘Weiße Wolke!‘ dann immer wieder alle zugleich aufzuspringen und unter respektvollem Gemurmel als ein hektischer Schwarm aus Assistenzärzten und Medizinstudenten hinter dem großen Wunderdoktor herzuhasten, durch die Patientenzimmer und über den spiegelblank gebohnerten Krankenhausflur, bestimmt gut ein Dutzend Mal. Später in der Pause am Cateringwagen war ich mit ihr etwas länger ins Gespräch gekommen, und so hatte ich unter anderem erfahren, dass sie aus einem winzigen Nest in der Nähe von Hannover stammte und hier jetzt Visuelle Kommunikation studierte, aber eigentlich gern die Fachrichtung wechseln wollte, wie sie mir bald darauf mit unbekümmertem Lächeln anvertraut hatte. Jedenfalls schien sie eine richtige kleine Frohnatur zu sein, und da passte es dann auch ins Bild, dass sie sich lieber Katinka nennen ließ, obwohl sie ja eigentlich Katja hieß.
Sie erschien pünktlich und winkte mir schon von weitem neckisch zu, nur so ganz leicht aus dem Handgelenk heraus. Wuschelmähne, Stupsnase und ungeschminkter, zarter Schneewittchen-Teint.
Wir begrüßten uns mit Wangenküsschen.
„Mmh, du riechst gut“, meinte sie erfreut und blieb dicht bei mir stehen, „was ist ‘n das?“
„Ach, hab vorhin im Laden nur ‘n bisschen Rasierwasser ausprobiert“, nuschelte ich etwas verlegen, weil sie mich plötzlich so ganz aus der Nähe anlächelte, und vor allem so lange.
„Heißt Weiße Wolke, das Zeug, und soll angeblich speziell ‘n Arztparfüm sein“, schob ich aber gleich einen Moment später mit schelmischem Unterton nach, und schon gackerten wir beide los. „Echt, so stand es auf der Verpackung.“
Wir liefen ein Stück und ich erkundigte mich zunächst eher scherzhaft, ob sie bereits wieder ein neues Filmprojekt in Aussicht hätte, aber sie schüttelte den Kopf.
„Und, wie ist es dir so in den letzten Tagen ergangen, was hast du alles angestellt?“, wollte sie schließlich von mir hören.
Um die anfangs noch vorhandene leichte Befangenheit zu vertreiben, begann ich einfach draufloszureden, was mir gerade in den Sinn kam, und so berichtete ich Katinka also von der Wohnungsbesichtigung, die ich am vorigen Wochenende mitgemacht hatte.
„War ganz witzig“, verriet ich.
„Wieso denn?“, hakte sie neugierig nach.
„Na ja“, erwiderte ich, „weil bei dem Rundgang neben mir ein Typ auf einmal behauptete, dass es da zur Küche hin so ‘ne blöde Falltür gäbe, die man immer verdammt vorsichtig behandeln müsste.“
„Was, echt, ‘ne Wohnung mit Falltür?“, staunte Katinka ungläubig. „Im Erdgeschoss, etwa mit so ‘ner morschen Luke zum alten Speicherkeller dadrunter, oder wie?“
„Ja, ich hab auch gleich nach dem Folterverlies Ausschau gehalten“, entgegnete ich grinsend, „aber da war nix. Der meinte ‘ne Falt-Tür, nur so ‘n labbriges Ziehharmonika-Ding aus Plaste, aus Plastik, so zum Auf-und-Zu-Ziehen mit der Hand, was meistens nicht lange hält und schnell kaputtgeht.“
„Ach so!“, rief sie lachend. „Na und was denkst du, kriegst du die Wohnung mit dem eingebauten Akkordeon?“
„Nee, das glaube ich nicht“, antwortete ich leichthin, „ohne Job und Verdienstbescheinigung hab ich doch sowieso keine Chance, bei den Massen an Bewerbern. Aber es war trotzdem interessant, um mir mal ‘n Überblick zu verschaffen.“
Als ich schließlich auf meine Behördengänge der letzten Zeit zu sprechen kam, erwähnte ich nebenbei auch meine Bewunderung für diese hier überall anzutreffenden, mir jedoch bis dato völlig unbekannten Fotokopiergeräte, die den ganzen Papierkram so ungemein erleichterten.
„Beinahe wie aufm Raumschiff Enterprise“, stellte ich anerkennend fest. „Da hinkt der Osten aber steinzeitmäßig noch mächtig hinterher. Bloß das gilt ja so ziemlich für alle Gebiete.“
‚Der Westen‘, dachte ich, speziell die westliche Marktwirtschaft, das war für uns stets ein leuchtendes Synonym für Effizienz gewesen. Da klappte einfach alles, und wenn tatsächlich mal etwas nicht klappen sollte, wenn Angebot und Nachfrage auseinanderklafften, na dann bot sich ja dadurch eine Marktlücke, und sofort sprang jemand in diese Bresche und nutzte seine Chance, um damit Geld zu verdienen, und so pendelte sich praktisch alles von selber wieder ein, nicht wahr? Im Gegensatz zur sozialistischen Planwirtschaft im Osten, wo oft bloß stur am Bedarf vorbei produziert wurde. Oder eben gar nicht.
Wir schlenderten gemächlich weiter, und Katinka begann mich mit ihrer Fragerei regelrecht zu löchern, also zumindest ein bisschen, wobei ich ihr eigentlich nicht ungern die Initiative überließ. So gab ich ihr als Nächstes bereitwillig Auskunft über mein Party-Wochenende in der WG meiner alten Ost-Freunde, worauf sie prompt wissen wollte, warum ich denn nicht selbst in einer WG wohnte.
„Tja, das ist ein zweischneidiges Schwert“, antwortete ich vielsagend, um nach einem kurzen Seufzer zögernd den Versuch zu starten, ihr in ein paar Sätzen halbwegs verständlich zu vermitteln, dass ich an sich ja durchaus gern mit anderen zusammenleben würde, bloß jetzt, in dieser speziellen Situation, es eben vorzöge, doch lieber erst einmal alleine auf die Füße zu kommen. Aber irgendwie klang auch mir das alles zu abstrakt und theoretisch.
„Weißt du, um dir mal ein Beispiel zu geben“, setzte ich deswegen nach einer Weile nochmal neu an, „ich hab hier vor Kurzem ‘ne Ossi-WG besucht, da lief von früh bis spät nur die alte Musik, oder noch besser, so was wie das hier ...“, und ich trällerte mehr schlecht als recht drauflos:
„Ob im Osten oder Westen,
wo man ist, ists nie am besten,
suche, Seele suche,
fluche, Seele, fluche.“3
Kopfschüttelnd brach ich ab.
„Allein schon diese eine Situation, das kam mir alles so surreal, so rückwärts gewandt vor“, bemühte ich mich, ihr zu erklären, und ich sah die Szene wieder vor mir und fühlte das gleiche Unbehagen wie neulich. „Jetzt, wo sie es doch geschafft hatten und im Westen waren – ausgerechnet da fangen die an zu jammern? Ich meine, was soll das denn? Wollen die ihre Chance auf einen Neuanfang nicht nutzen? Die ziehen sich ja bloß gegenseitig runter! Jedenfalls hätte ich echt Angst davor. Nee, nostalgisches Rumgeflenne, das kann ich nun wirklich nicht gebrauchen, das gestatte ich mir einfach nicht, und deshalb bleibe ich da lieber auf Abstand. Verstehst du?“
„Glaub schon“, nickte sie nachdenklich.
Natürlich ging es nicht überall so zu, das war mir schon klar, und die Dreier-WG von Falte, Teffy und Onkel Wanja besuchte ich jedes Mal verdammt gern, diesen lustigen Haufen, aber auch da galt für mich der alte Paracelsus-Spruch: ‘Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift sei.‘
Denn sieben Tage die Woche hätte ich dort aktuell nur schwerlich ausgehalten.
„Na ja, und für ‘ne West-WG bin ich noch zu frisch“, fügte ich schulterzuckend hinzu, „da muss ich zuerst mal richtig ankommen und ‘n paar Dinge regeln.“
„Fluche, Seele fluche“, fragte sie, „ist das nicht von Erich Mühsam?“
„Weiß nicht“, antwortete ich, „da kenne ich mich nicht aus.“
Flüchtig dachte ich an meine Zimmernachbarn im Übergangsheim. Einige waren bloß zwei, drei Wochen lang dort und immer in Eile, und kaum hatte man mal länger mit einem geredet und sich ein bisschen an ihn gewöhnt, da zog er schon wieder aus. Doch es gab freilich auch die anderen, die bereits etliche Monate in dem Kasten hausten, manche von ihnen sogar schon über ein Jahr. Na schönen Dank, sagte ich mir. Sie kamen irgendwie nicht in die Gänge, kein Stück vorwärts, schienen allerdings auch nicht gerade sonderlich viele Aktivitäten zu entwickeln. Sie wirkten abgestumpft. Schon am Nachmittag hockten sie zu viert oder fünft bei einem in der Bude und tranken das billigste Dosenbier. Reichte ihnen das etwa, waren sie dafür rüber in den Westen gegangen? Aber wozu dann all die Opfer? Hatten sie jetzt plötzlich keine Kraft mehr? Oder was steckte sonst dahinter? Ich zumindest fand ihr Verhalten befremdlich und hielt mich von ihnen fern.
„Na ja, mir gehts ja im Prinzip so ähnlich“, hörte ich Katinka nach einer Weile sagen, „also in puncto Neuanfang. So auf Schlag weg von zu Hause, aus der Provinz direkt ins große West-Berlin. Ziemlich ungewohnt, das alles, echt. Und aufregend.“
„Klar, und das sollte man positiv sehen“, bestätigte ich und nickte. „Ist doch ‘ne Riesenchance, bei dir wie bei mir, raus aus alten Strukturen und nochmal neu durchstarten, oder?“
„Ebend“, stimmte sie mir zu, „ich bin aber noch viel zu brav.“
Sie lachte auf einmal los, so dass ihre weißen Zähne blitzten, und ihre dunklen Augen funkelten mich an. „Ich warte bloß noch auf das richtige Singnal, um so richtig loszulegen mit meiner neuen Freiheit!“
Es war mir zwar vorher schon aufgefallen, dass sie manche Worte nicht ganz korrekt aussprach, aber in diesem Moment beschloss ich insgeheim, es niedlich zu finden.
Sie beschrieb mir den Alltag ihrer Studenten-WG mit den beiden anderen Mädchen und auch, wie ihr Studium generell ablief, seufzte lächelnd und gestand: “Also echt, ich glaube, das jetzt mit der Visuellen Kommunikation, das ist doch nicht so das Richtige für mich. Zu viel in Richtung Marketing und Werbung. Ich will aber eher direkt was mit Menschen machen, am besten irgendwas im Sozialbereich. Ich brauch immer Gewusel um mich rum.“
„Na dann erkundige dich doch mal, vielleicht wäre ein Wechsel ja wirklich besser“, riet ich ihr, denn das hatte sie ja neulich schon angedeutet.
Auf dem letzten Stück des Weges erzählte sie ein bisschen von ihrem Heimatdorf in der Nähe von Springe bei Hannover, freilich ganz schön konfus, so auch beispielsweise, dass sie mit zweitem Vornamen tatsächlich Ottilie hieß, nach ihrer Oma, und dass die Kirche bei ihr zu Hause eine recht große Rolle gespielt hätte und sie überhaupt sehr altmodisch und eher streng erzogen worden wäre.
„Klingt ja wie bei den Amish“, erwiderte ich ein wenig spöttisch.
„Ja genau, die Amish von Springe!“, kicherte sie ausgelassen. „Deshalb bin ich ja auch weg von da und hab hier jetzt meine Rumspringerjahre, sozusagen. Obwohl ich auch vieles vermisse.“
Mit ihren beiden Brüdern hätte sie sich nämlich immer gut verstanden, erfuhr ich, so wären sie früher ‚alle zusammen nackend baden gegangen‘, was sie aber später ‚in der Pupertät‘ dann nicht mehr gedurft hätten. Wobei sich das Wort Pupertät allerdings doch schon etwas komisch aus ihrem Mund anhörte (um nicht reichlich unbedarft zu sagen), wie ich fand.
Das Café Kommrann war eine Art sozial geförderter Nachbarschaftstreff, wo man sich stundenlang für kleines Geld gemütlich bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen aufhalten konnte. Es gab eine Bücherecke und ein paar Brettspiele sowie ein Regal mit Broschüren, Faltblättern und Beratungsangeboten, und mitunter fanden in den Nebenräumen sogar irgendwelche Veranstaltungen und Diskussionsrunden statt, wie mir Katinka beim Eintreten kurz erläuterte.
Sie kannte das alles ja schon und wusste Bescheid.
„Ich mag einfach die Atnosphäre hier“, rief sie fröhlich, und sie schien vor Freude förmlich zu strahlen, als wir uns einen freien Tisch gesucht hatten und sie sich elegant ihres Mantel entledigte.
Ein schwarzes Samtkleid kam darunter zum Vorschein.
„Hab ich im Second Hand gekauft, war nicht mal teuer“, meinte sie lächelnd auf meinen anerkennenden Blick hin. „Könnte glatt aus dem Fundus für Komparsen sein, hm? Oder aus dem Schrank meiner Oma.“
„Superchic“, bekräftigte ich und hängte unsere Mäntel an den Garderobenständer in der Ecke. Bei ihrer Figur hätte wohl alles gut ausgesehen, aber in diesem Kleid sah sie nun mal echt klasse aus. Ziemlich eng anliegend, obwohl dennoch züchtig und ohne einen zu tiefen Ausschnitt, überließ es der Phantasie des Betrachters genügend Spielraum, was den verhüllten Rest anging. ‘Nackend‘, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf, und ich hatte ein wenig Mühe, diesen Gedanken zu verdrängen.
Wir gingen vor zum Tresen, bestellten beide Tee und nahmen jeder ein Stück Weihnachtsstollen, und ich bezahlte. Ich bestand darauf. Katinka nickte fröhlich bereits auch zwei, drei anderen Leuten zu, die sie wohl schon früher kennengelernt hatte. Den älteren Typ hinterm Tresen nannten übrigens alle Papa Teresa, was ich ganz lustig fand. Er war hager und hochgewachsen, mit einem langen grauen Pferdeschwanz unter dem ausgeblichenen Basecap. Ich steckte ihm die Restmünzen in die Trinkgeldbüchse.
Etwa eine Viertelstunde später, nachdem wir mit Tee und Stollen gerade fertig waren, gesellte sich Graph Klausi, „Graph mit peh ha“, zu uns an den Tisch. Pfeifenraucher und Baskenmütze, abgetragener Anzug, aber mit Weste. „Bin ja schon ein etwas älteres Semester“, meinte er mit verschmitztem Lächeln und ließ durchblicken, dass er ein pensionierter Lehrer wäre und hier als Stammgast meistens in der Bücherecke sitzen würde.
„Das ist Felix“, stellte mich Katinka ihm vor, und freimütig ergänzte ich nach ein paar weiteren Sätzen, dass ich vor Kurzem erst aus dem Osten gekommen war.
„Oh“, machte er und erkundigte sich sogleich interessiert: „Hinterm eisernen Vorhang? Sag mal, dann kannst du doch Russisch, oder?“
„Na ja, so lala, einigermaßen“, antwortete ich.
„Lesen?“
„Ja, das schon“, nickte ich.
„Es geht um Entkryptung“, eröffnete er mir mit vielsagendem Blick.
„Wenn du die Fünfergruppen knackst, kannst du überall mitlesen, bei den Amis, bei den Russen, dann weißt du alles!“ Umständlich holte er ein abgegriffenes Notizbuch hervor und begann, mich in sein Hobby einzuweihen. Die Entschlüsselung von Funksprüchen, die nachts auf Kurzwelle von mysteriösen Zahlensendern stets in eben jenen geheimnisvollen Fünfergruppen übertragen wurden. Er schien total fasziniert davon zu sein, wenn nicht gar besessen.
„Einer meiner Freunde hat mir das hier geschickt, und das habe ich aus einer Fachzeitschrift für Funkamateure“, verriet er mir und legte nacheinander vier seltsame Zeitungsausschnitte auf den Tisch vor mich hin, fast wie bei einem Kartenspiel. Ich erkannte irgendwelche Funkwetterdaten, offenbar vom letzten Jahr und wie üblich unterteilt nach Meterbändern, sowie Tabellen mit ein paar russischen Wörtern.
„Was is’ ‘n das für ‘ne komische Kapitelüberschrift da auf der Seite?“, wollte er wissen und wies auf MOCKBA.
„Moskwa, das heißt Moskau. Ist wohl der Name der Station.“
„Und diese beiden 5er Gruppen? COPOK, CEBEP, und diese komischen Haken da?“
„Zorock, Sever und Jug, bedeutet Vierzig, Norden und Süden.“
„Hälfte plus ein Drittel, was ergibt das?“, fragte er mich urplötzlich und sah mich über den Rand seiner Brille hinweg gespannt an.
„Drei Sechstel plus zwei Sechstel sind meistens fünf Sechstel“, erwiderte ich spöttisch. „Oder hundert minus sechzehn komma sechs
Periode, also, Moment, na gut dreiundachtzig Komma drei Prozent, ungefähr.“ Ich lachte kurz auf. „Was soll das werden? Muss ich jetzt das kleine Einmaleins aufsagen?“
„Nein, schon gut“, druckste er ein wenig herum, „aber manche Abiturienten antworten da tatsächlich zwei Fünftel.“
„Ich glaube, das ist Stoff siebte Klasse“, grinste ich, „oder sechste?“
Er nickte stumm, und damit war das Thema erledigt.
Anschließend nahm er mich für bestimmt zehn Minuten voll in Beschlag, und Katinka hörte uns zu, den Kopf auf den Arm gestützt, selbstvergessen und mit leicht geöffnetem Mund, was ich trotz meines Gesprächs mit Klausi registrierte und wodurch ich zuweilen gedanklich etwas auf Abwege geriet. Irgendwie anziehend, fand ich. Eigentlich sehr sogar. Ehrlich, wirklich reizend.
„Ein Freund hat mir geschrieben, der ist Amateurfunker, aber ich verstehe etliches nicht“, klagte Klausi. „Was ist dieses USB hier, weißt du das?“
Ich sah mir eines der Blätter, die er mir unter die Nase hielt, genauer an. Na damit kenne ich mich aus, dachte ich.
„Das hat mit Amplitudenmodulation zu tun“, erklärte ich, „da ergibt sich aus der Differenz von Nutzsignal und Trägerfrequenz immer ‘ne gewisse Bandbreite. Na ja, und es ist effizienter, eine Hälfte rauszufiltern und zum Beispiel nur das untere Seitenband zu senden.
Ist auch weniger störanfällig.“
„Aah, verstehe“, entgegnete er langgezogen und machte dazu eine einigermaßen clevere Miene, „USB bedeutet also unteres Seitenband!“
„Eben nicht“, lachte ich, „das ist nämlich Englisch‚ also ‘upper sideband‘, und bedeutet oberes Seitenband. Ist aber letztendlich egal.“ Außerdem war ich in Gedanken sowieso schon wieder woanders, denn ich hatte einen Artikel mit der Überschrift ‘Die Schumann-Resonanz, der Herzschlag der Erde’ erblickt, dessen Anfang sich ebenfalls noch auf einer seiner Fotokopien befand.
„Das ist auch echt interessant“, bemerkte ich beiläufig und zeigte auf den ersten Absatz, „stehende Wellen, die um die ganze Erde rumgehen, knapp achtmal pro Sekunde. Also Lichtgeschwindigkeit durch Erdumfang, macht sieben Komma irgendwas Hertz, das ist tief im ELF-Bereich. Da gibts garantiert irgendwelche Resonanzen, erst recht bei den Obertönen.“
„Du hast richtig Ahnung, hm?“, staunte er und sah mich verblüfft an.
„Geht so“, bestätigte ich bescheiden und dachte kurz an Ernie, ebenfalls Fernsehtechniker wie ich, mit dem ich während der Armeezeit auf einer Bude gelegen und so manche Stunde über all diese Fragen gegrübelt und gestritten hatte, einfach bloß so aus Spaß und Langeweile.
„Dafür spendiere ich dir ‘ne Tasse Tee, und deiner Freundin auch“, gab er mich schließlich nach zwei, drei weiteren kurzen Fragen frei, gerade bevor ich selber die Notbremse ziehen wollte. „Ich danke dir, für heute ist erstmal Schluss damit.“
Er drückte mir einen Geldschein in die Hand, und ich stand auf und ging nach vorn, um Getränke zu holen. Während ich bei Papa Teresa bestellte und wartete, fiel mir ein Spruch auf, der hinter dem Tresen eingerahmt hing:
“The same boiling water that softens the potato, hardens the egg.
It's what you're made of, not the circumstances.”4
Ich brauchte einen Moment zum Übersetzen, mein Englisch war nicht besonders gut.
„Guter Spruch“, lobte ich dann und grinste. „Wenn ich das nächste Mal Senfeier und Kartoffeln esse, fällt er mir bestimmt wieder ein.“
“Cool“, erwiderte der Tresenmann und grinste ebenfalls, und ich nahm das Wechselgeld, ergriff die beiden heißen Tassen fest an den Henkeln und trug sie vorsichtig balancierend hin zu unserem Tisch, von dem aus Katinka mir schon lächelnd entgegensah.
1 DDR-Geschenkdienst, der Ostbürger mit hochwertigen Waren auch aus Westproduktion belieferte, wenn diese vorab von ihren Westverwandten in D-Mark bezahlt wurden
2 Wortschöpfung aus 1984 von George Orwell
3 Gerulf Pannach, „Fluche, Seele, fluche“, 1980
4 Das gleiche kochende Wasser macht Kartoffeln weich und Eier hart. Es kommt darauf an, woraus du gemacht bist, nicht auf die Umstände. (Verfasser unbekannt)
Der Bart war sein Kalender. Alle drei Tage schmierte er sich nach dem Duschen mechanisch Rasierschaum auf Kinn und Wangen und schabte sich anschließend die dunklen Stoppeln aus dem Gesicht. Dabei starrte er jedes Mal aufs Neue befremdet in den Spiegel. Diese kurzen Haare, so total abgeratzt. Es war noch immer ungewohnt, selbst nach über einem Monat, und vor allem: Ohne Bart sah er so jung aus, fand er, so richtig grün hinter den Ohren. Ein junger Spund Mitte Zwanzig. Nicht wie er sich fühlte. So kaputt und irgendwie infiziert, noch immer gezeichnet von der Agonie des Ostens.
Moritz trocknete sich ab und ging rüber zum Tisch, schaltete seinen kleinen Wasserkocher ein und gab einen Löffel Kaffeepulver in die Tasse. Dabei blickte er flüchtig durch das Fenster nach draußen. Ein verlassener Gewerbehof, auf dem sich leere Paletten stapelten, in den Ecken alte Reifen und Schrott. Wie öde, dachte er, so richtig passend zur Jahreszeit. Es fehlten höchstens noch ein paar Krähen.
Mechanisch griff sich Moritz ein frisches Paar Socken aus dem Schrankfach, nahm Jeans und Hemd von der Stuhllehne und zog sich an. Eigentlich war seine Übersiedlung ja kaum der Rede wert, ging es ihm dabei wieder einmal durch den Kopf, denn nüchtern betrachtet hatte er seinen Wohnsitz lediglich um gut zweihundert Kilometer landeinwärts verlegt, aus einer Kleinstadt oben an der Ostsee bloß ein Stück runter, wenn auch mit einem kurzen Umweg. Geradezu komfortabel war er zuerst per Zug mit seinen Siebensachen im Gepäck (es waren elf, um genau zu sein) über die bucklige Teilungsnarbe der Nation hinweg geholpert, endlich raus aus diesem ‚Arbeiter-und-Bauern-Staat‘, diesem eingezäunten Brachland für Menschenvieh, hatte sich anschließend im Auffanglager Gießen registrieren und neue Papiere machen lassen und war dann auf amtliche Kosten gleich weiter nach West-Berlin gedüst, wo er nach nochmaligem mehrtägigen Lagerdurchgang zu guter Letzt sein jetziges Einzelzimmer im Wohnheim bezogen hatte. Keine große Sache, so gesehen, im Prinzip wirklich nichts dabei. Angekommen und versorgt, nach nicht einmal zwei Wochen.
Als das Wasser kochte, brühte Moritz den Kaffee in der Tasse auf, schüttete Müsli und Milch in eine Schüssel, setzte sich an den Tisch und begann zu löffeln. Er dachte daran zurück, wie der Zug sich nach der Passkontrolle allmählich wieder in Bewegung gesetzt hatte und vor dem Fenster die Grenzpfähle zum Greifen nah aufgetaucht und im Schritttempo an ihm vorübergezogen waren. Schwarzrotgold gestreift, fast wie zur Warnung aufgestellt, so grellbunt und irgendwie unfassbar real. So endgültig. In diesem Moment hatte er tatsächlich ein Hauch von Schicksal gespürt und sich deswegen auch etwas gewünscht, genau im Augenblick der Grenzüberquerung, ganz tief und insgeheim, so wie als Kind beim Anblick einer Sternschnuppe.
Drei Jahre hatte er auf diesen Tag warten müssen, bis er endlich der gewaltigen Schwerkraft des östlichen Systems entrinnen konnte, drei Jahre in einer kahlen, halbleeren Bude, weil er längst alles verkauft hatte. Drei Jahre lang Spießrutenlauf, immer mit einem Bein im Knast, jeden Tag erneut zum Abschuss freigegeben - und plötzlich war das lang ersehnte Wunder dann wahrhaftig über Nacht geschehen, Stempel hier und Siegel da, Visum und Fahrkarte, und tschüss und weg.
Komisches Wunder, dachte Moritz in letzter Zeit freilich häufiger. Denn der bescheidene Rausch der Ankunft war inzwischen längst verflogen. Noch immer logierte er in diesem ‘Übergangsheim’, einer in Wohnzellen gegliederten Sozialabsteige, pro Insasse fünfzehn Quadratmeter Schlafbox mit eigenem Waschbecken, die Duschen und Klos auf der Etage, dazu eine vermüllte Gemeinschaftsküche, die kaum jemand benutzte, gleich neben dem hartholzbestuhlten Fernsehraum am Flurende. Allerdings hatte er sowieso nichts Besseres erwartet, und im Prinzip war das Ganze ja durchaus eine akzeptable Ausgangsbasis. Nicht gerade nobel, aber fair. Er genoss sogar den Luxus eines eigenen Kühlschranks, auch wenn es nur so ein kleiner Würfel war, den er sich gebraucht besorgt hatte. Denn ansonsten blieb nur ein schmales Kühlfach in der Gemeinschaftsküche.
