Flashback - Michael Meisels - E-Book

Flashback E-Book

Michael Meisels

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Beschreibung

Das alles ist viele tausend Jahre her. Aber erst in unseren Tagen entdeckt Pascal Goldberg, Creative Director einer Hamburger Werbeagentur, den Wert seines Wissens. Und er verwandelt es in eine moderne Werbe-Kampagne für ein äußerst vielseitiges Produkt. Doch seine früheren Erfahrungen lassen ihn nach und nach an der Ausrichtung seiner Kampagne, wie seines Lebens, zweifeln.

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch:

Das alles ist viele tausend Jahre her. Aber erst in unseren Tagen entdeckt Pascal Goldberg, Creative Director einer Hamburger Werbeagentur, den Wert seines Wissens. Und er verwandelt es in eine moderne Werbe-Kampagne für ein äußerst vielseitiges Produkt. Doch seine früheren Erfahrungen lassen ihn allmählich an der Ausrichtung seiner Kampagne zweifeln.

Über den Autor:

Michael Meisels, geboren in Berlin und seit den 80er Jahren Wahl-Hamburger ist ehemaliger Texter und Creative-Director internationaler Werbe-Agenturen. In den 10er Jahren entwickelte er die Veranstaltungs-Reihe "Perlenlese Blankenese" und verfasste seitdem mehrere fantasievolle Romane.

Über die Illustratorin:

Brenda Eubank, geboren in Wilmington, Delaware, U.S.A., ist international als Künstlerin, Kunstlehrerin, Designerin und Gartengestalterin unterwegs. Auf Reisen (Nord- und Süd-Amerika sowie Europa) beobachtet und zeichnet sie die Welt. In Ihrer Wahl-Heimat Bremen ist sie seit Jahren für ihre kreativen Gärten, Illustrationen und Aquarelle bekannt.

Für Leonard, Jennifer und David und für Vivien

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Meeting

Homeoffice-Start / Dachgarten-Meeting

Kapitel 2 Erwachen

Erwachen in Tsansabur / Kinder-Belehrung / Brainstorming in Agentur / Saugarella / Moma / Tempel-Verkündung / Erkennen in Agentur: Wiedergeburt

Kapitel 3 Zorn

Abendessen Balkon Blankenese / Nightlife im Club / Bett / Schuld der Ubrajim / Heilung / Traum des Matharo

Kapitel 4 Schulterblick

Präsentations-Flopp / Frühes Treffen Matharo und Lovis / Mahnung Marvins

Kapitel 5 Test

Haustest / Para-Tante / Hypnose / Brainstorming: Alleskönner / Platz des Affen

Kapitel 6 Versammlung

Schlaflos / Protest-Versammlung der Priester / Video-Idee / Zweifel zuhause / Judiths Traum

Kapitel 7 Erfolg

Erfolg mit Putzteufel / Dachgarten / Lovis Geschichte / Abend mit Judith / Zeit-Kreis

Kapitel 8 Tod des Adlers

Im Verlies / In der Sauna / Tod Matharos und Lovis / Brainstorming: Mosquito / bei Freunden / Umkehr

Kapitel 9 PPM

PPM-Meeting / Abbruch / Vorwurf / Paarungs-Zeremonie / Erklärungen für Judith

Kapitel 10 Flashback

KI-Fehler / Konsequenzen / Flashback nach Tsansabur

Kapitel 1 Meeting

Der Gummizug seiner Pyjamahose hatte wohl einen Knoten, der ihn am unteren Rücken drückte. Darum fällt es ihm schwer, der Konferenz zu folgen, die der Etat-Manager und Ober-Kontakter Marvin Obermüller einberufen hatte. Pascal kratzt sich unauffällig an der Druckstelle und blickt dabei weiterhin möglichst interessiert auf seinen Bildschirm.

Neben seiner eigenen Kachel splittet sich der Bildschirm seiner Chatgroup in die Fenster von Marvin und von Artdirector Tarik Aydin.

„Moin, tut mir leid, Leute, dass ich euch so früh zusammenrufen musste“ Marvin wirkt nicht wirklich besorgt, es war 10:35 Uhr, „aber ihr wisst ja, für unseren ‚geliebten‘ Kunden ist alles immer extra eilig.“

Bei dem Wort ‚geliebten‘ machte er die obligatorischen Gänsefüßchen neben seinen wie aufgebügelt anliegenden Ohren.

Marvin, strebsamer Etat-Direktor, Chef-Kontakter und New-Business-Manager, sitzt offensichtlich in einem Büro der Hamburger Werbeagentur MC&B, überaus korrekt gekleidet in Anzug und strammer Krawatte. Sehr lobenswert in heutiger Zeit. Demonstrativ, damit alle an den Bildschirmen mitbekommen, dass er sich an seinem Platz im Office befindet, zeigt er auf einen lockeren Stapel Papiere, der im Hintergrund auf seinem Büro-Board für Unordnung sorgt.

Der Bildschirm flackert kurz, sortiert sich um und eine weitere Kachel ploppt auf: Luna M. Jakobi, die leicht verpeilte Texterin des Teams mit einem Handtuch um die nassen Haare: “Sorry Leute, ich dachte, wir treffen uns auf Channel 5 – aber jetzt hab‘ ich euch: Channel 3, muss man mir doch sagen … hallo Marvin, hallo Pascal und hallo Tarik. Worum geht’s?“

„Wie schön, dass wir jetzt komplett sind.“ Marvin deutet eine leichte Ungeduld an. „Kann ich dann bitte anfangen!?“

„Grüß dich Luna“ rufen Pascal und Tarik fast gleichzeitig. Und Tarik setzt noch nach: „Oh, mit frisch gewaschenen Haaren raus in die weite Werbewelt? Erkälte dich nicht!“

„Konzentriert euch bitte!“ Marvin wirkt angereizt. „Wir haben also einen neuen Kunden, die Weltfirma Harrison & Wulff. Wie ihr euch die Herrschaften vorstellen könnt, sind die, was Briefings angeht, in unserem digitalen Kosmos noch nicht ganz angekommen, wollen aber die Welt erobern; mit Papier-Stapeln von Unterlagen über ihr Geschäft.“

„Lass gut sein“ murmelt Pascal und kratzt sich dort, wo es niemand sieht. Es fällt ihm schwer, aufmerksam auf den Monitor und den Stapel Papiere zu schauen. Ein Kaffee würde ihm jetzt helfen. Doch er muss am Bildschirm in Sichtkontakt bleiben. Und Judith, seine Frau, war schon vor 2 Stunden in ihre Firma aufgebrochen.

Man sieht Marvin diensteifrig in seinen Bergen von Unterlagen wühlen.

„Ins Feuer damit!“ schimpft Luna, die Texterin. „Wir brauchen keine erschöpfende Historie des Ladens oder Entwicklung des neuen Produktes, wir brauchen nur ein paar knappe, aber entscheidende Fakten, die dieses neue Projekt betreffen.“

„Weiß ich“ bestätigt Marvin, „aber welche Fakten das sind, das sollen wir aus dem ganzen zehnjährigen Wust von Dokumenten, Informationen und Notizen eben selbst herausfinden. Das gehört zu unseren Leistungen als Full-Service-Agentur. Und was wir da finden, das wird unser Re-Briefing.“

Pascal zottelt seine Pyjama-Hose zurecht, kratzt sich am Kopf und an der rechten Schulter und hebt die Hand, damit alle Gesichter an den Laptop-Kacheln sehen können, dass er etwas sagen will. Aber etwas irritiert ihn. Sein rechter Arm tut ein bisschen weh wenn er ihn anhebt. Marvin, Luna und der Art-Mann Tarik blicken höchst gespannt aus ihren Fenstern des Monitors. Marvin macht dabei das Gesicht eines ironisch grinsenden Emojis:

„Höret, Leute, unser aller Creative Director hat das Wort.“

Jetzt ist er dran. Pascal hüstelt leise: „Also … ich muss gleich mal raus, mir ist schlecht.“

Ja, es war noch früh für ihn und sein Traum der letzten Nacht lässt ihn noch nicht in Ruhe; kein Alptraum, aber auch kein Wunschtraum. Darin sah er sich, umgeben von undeutlichen Personen, weiblichen Personen, in der Sonne liegend, einer intensiv strahlenden, fast beißenden Sonne. Er war nahezu nackt, hatte aber einen komisch gefalteten, sehr knappen Lendenschurz an. Und der war seiner Traum-Person gar nicht peinlich. Doch wie in einem zweiten, überschwebenden Traum-Ich war es ihm, dem Träumer, doch unangenehm, sehr unangenehm. Er träumte viel Unsinn in mancher Nacht. Und vergaß es am Tag. Doch dieser Traum war so real, so anhänglich bei Tage, so trügerisch wirklich.

Marvin kommt jetzt ganz nahe an seine Bildschirm-Kamera um eindringlicher zu sprechen:

„Kinder, es ist das alte Lied, ich kann es euch leider nicht ersparen, wir müssen uns treffen. Diese Unterlagen kann ich euch keinesfalls alle ein-scannen und zuschicken, man muss selber live darin blättern. Ich schlage vor, wir treffen uns heute hier im Büro. Ich werde einen Raum reservieren und euch den ganzen Papierstapel auftischen.“

Luna und Tarik, die beiden Team-Mitglieder, stimmen leicht maulend zu. Sich in der Agentur außerhalb des wöchentlichen Jour fixe zu treffen war äußerst lästig – aber wenn es denn der Kampagnenfindung dient …

Marvin, mit einem Seitenblick die Zeit abschätzend, schlägt vor: „Könnt ihr alle in etwa einer Stunde hier sein – oder früher?“ Luna rubbelt sich sehr deutlich die nassen Haare im Handtuch und blickt dann betont zögerlich, aber bestätigend nickend aus ihrer Bild-Kachel in die Monitor-Runde. Auch Tarik stimmt verdrießlich zu.

Pascal ist erschrocken. So bald? Er hat noch nicht geduscht, noch nicht gefrühstückt, sich noch nicht vorzeigbar angezogen, seine nächtliche Fantasie noch nicht verarbeitet. Für gewöhnlich hat er einen gesunden Schlaf. Doch heute hängt sein Traum- Erlebnis ihm nicht-vergessen-sein-wollend den ganzen Morgen vor dem inneren Auge herum: fast nackt, vor umstehenden Frauen, mit winzigem Schurz in der brüllenden Sonne. Sowas drosselt sein Denken, ohne dass er weiß, worüber er nachdenken soll. Das unbehagliche, ja fast brennende Gefühl seines Traum-Ichs, es ist ein tiefer, nahezu körperlicher Schmerz im Arm. Im rechten Arm, auf dem die Sonne im Traum besonders brannte. Aber das war nicht real, nur ein Traum.

„Lasst euch Zeit, Leute, ich brauche noch etwas Einstimmung. Wie wäre es mit heute am späten Nachmittag?“

Tarik muckt auf: „Na klasse, und dann sitzen wir wieder bis in die tiefe Nacht. Nein, komm mal in die Schuhe, Chef!“

Pascal weiß, dass Tarik Recht hat. Es könnte spät werden. Also versucht er es mit seiner Autorität:

„Kann sein, dass es spät wird – das kann uns in den nächsten Tagen noch öfter passieren, Tarik. Denn der Job von Harrison & Wulff ist für unseren Laden leider existenziell. Ich weiß, Tarik, du stehst abends gerne mal auf Comedy-Bühnen, aber vielleicht nicht gerade heute – doch wenn dir deine Freizeit wichtiger ist – ich habe euch als Team zusammengestellt, weil ich euch für geeignet halte, dich und Luna, aber es gibt noch zwei andere gute Artdirectors in unserem Laden, die auch gerne mal mit Luna arbeiten würden … also, Tarik, wie sieht‘s aus, machst du mit?“

Ja, Tarik Aydin, Artdirector und feinsinniger Ästhet, ist der Comedian des Teams. Als eindeutig fremd aussehender Typ mit scheinbarem Migrations-Hintergrund ist er aber nur einer von vielen auf den Hamburger Bühnen, die mit ihrer Herkunft mehr oder weniger lustige Programme deklamieren. Was Tarik nicht tut. Er macht sich dagegen über die deutsche Werbe-Szene lustig, zieht aktuelle Spots durch den Joghurt und analysiert Slogans als ‚Satirische Verse‘. Innerhalb der Hamburger Comedy-Szene ist er damit schon eine kleine Lokal-Größe.

„Du bist ein Doppel-A“ knurrt er in die Runde, „ein Ausbeuterisches Arschloch!“ Und er ist einverstanden mit 17:oo Uhr.

Marvin hat wegen der vorgerückten Stunde keinen üblichen Konferenzraum belegt, sondern, so als kleine Entschädigung, den mondänen Roof-Garden der Agentur reserviert, der sonst nur für exquisite Geschäfts-Abschluss-Partys mit hoch-karätigen Kunden zur Verfügung steht.

„Wirklich nett hier oben“ strahlt Luna und lässt ihren Blick von der großen Dach-Terrasse über die City Hamburgs schweifen. In der spät-nachmittäglichen Sonne glänzen die vielen grünen Kupfer-Dächer der Stadt geradezu überirdisch. Etwas entfernt der Turm des Michels, weiter weg die Elbphilharmonie mit ihrem gebirgigen Dach. Daneben der Aufmarsch der Hafen-Kräne. Der kleine Verlag, in dem Luna früher beschäftigt war, hatte solch eine Aussicht nicht zu bieten. Weder räumlich, noch karriere-mäßig. Ihr Beeindrucktsein ist noch total frisch.

Tarik hingegen tut sehr weltgewandt und vertraut. Hoch hinaus ist sowieso seine Devise. Ihn stört nur die nahe Baugrube, in die man von oben hinein auf das schon fertige Fundament blicken kann. Die Hand schützend über die Augen gelegt, konsumiert er lieber das in der späten Sonne flimmernde Häusermeer:

„Man kriegt hier keinen Parkplatz, fürs Fahrrad gibt es keine Radwege und man wird umgefahren, die S-Bahn bedient einen nur bis zum Jungfernstieg – alles egal – man kommt gerne her. Am liebsten mit dem Taxi auf Geschäftskosten.“

„Taxi ist okay, das verträgt der Etat zum Glück.“ Auch Marvin bestaunt die Atmosphäre der Skyline von Hamburgs City. Pflichtbewusst packt er aus seinem Aktenkoffer einen nicht enden wollenden Stapel von Unterlagen auf einen der eleganten Edelstahl-Tische.

„Leute, das wird eine große Sache, was die Harrison & Wulffs da planen. Und ausgerechnet wir sollen die Kampagne dazu liefern. Ist das nicht großartig?!“

Harrison & Wulff, ansässig im Hamburger Westen und weltweit einer der führenden Anbieter von edlen Vacuum-Cleaner-Geräten und anderen technischen Haushaltshelfern, plant zur Zeit die Neu-Einführung eines wohl sensationellen, alles in den Schatten stellenden (alles war noch geheim) Staubsaugers.

Nach einer großen Ausschreibung an Top-Ten-Werbeagenturen und nach deren Selbst-Darstellungen erteilte man für den entsprechenden Werbe-Etat der Agentur MC&B den Zuschlag.

Und in diesem Hause hatte Marvin Obermüller, der New-Business-Manager, seinen Creative Director Pascal Goldberg damit beauftragt, ein Team für diese großartige Aufgabe zu benennen. Bingo – und da waren sie nun: Judith M. Jakobi, begabte und leidenschaftliche Texterin und Tarik Aydin, feinsinniger und humorvoller Artdirector.

Und hier und jetzt beginnt nun endlich, nach dem zu frühen Home-Office-Versuch, ihr wirkliches Start-Meeting: „Es wird doch hoffentlich so bald nicht regnen.“ Eine schwache Verdunkelung des Himmels durch ein tuffiges Wolkenhäufchen, ein Gruß aus der Hamburger Wetter-Küche, sorgt für Ablenkung von der Schönheit der glänzenden Dächer und für Konzentration auf das, wofür man hier ist.

„Dann leg mal los, bevor es nass wird hier oben. Wir wissen ja noch gar nicht, worum es eigentlich geht.“ Tarik hat sich ein Bündel Bananen mitgebracht, falls es spät wird. „Will jemand eine?“ Allgemeines, horizontales Kopfschütteln.

Marvin sortiert ein paar Flaschen Mineralwasser und platziert sie knapp neben den Unterlagen.

„Danke, wir lassen uns nachher was zu essen kommen. Das muss der Etat auch vertragen.“ Er hat kein Problem damit, den vielversprechenden Gewinn der Agentur jetzt schon zu belasten:

„Leute, der Etat gibt einiges her, bald trinken wir nur noch Champagner“, er gießt sich fast verächtlich ein stilles Mineralwasser ins Glas, „Ich sage euch, dieses Projekt, es wird ein Riesending. Es kann die Welt verändern.“

„Na, na, na, etwa wieder so ein Staubklopfsauger, der auch saug-klopft und saumäßig staubt und …“ Tarik macht dabei Wellenbewegungen wie ein Walzer-Dirigent. Pascal sieht ihm irritiert zu, verfolgt mit den Augen die wirbelnden Hände Tariks. Ihm wird leicht übel. Seine Schulter beginnt zu schmerzen und sich heiß anzufühlen wie unter sengender Sonne. Dabei scheint sich der Hamburger Himmel gerade, wie hier so oft, zuzuziehen.

„Pascal, alles okay mit dir?“ Marvin hält in seiner Ankündigung inne, weil er dem Kollegen sein Unwohlsein ansieht. Pascal schüttelt sich.

„Klar. Schieß los. Was ist das für ein Riesending, ein neuer Cleaner?“

„Viel mehr. Aber logo, es geht um einen Staubsauger, wie sollte es anders sein, die Firma produziert schließlich seit über hundert Jahren solche Geräte. Aber diesmal haben die Leute etwas absolut Neues entwickelt …“

„Sag bloß: einen vollautomatischen Saug-Roboter, der allein über die Auslegware flitzt. Die Dinger sind raus. Die nerven. Die will keiner mehr haben.“ Luna winkt ab.

„Nicht doch! Dieser neue Cleaner, ich habe Fotos von ihm dabei, die könnt ihr euch gleich ansehen, aber vorher noch eine kleine Sicherheits-Formalität. Ihr Drei werdet mir gleich noch eine Verschwiegenheits-Erklärung unterschreiben. Hab‘ ich auch schon dabei. Denn dieses neue Produkt ist nämlich immer noch: TOP SECRET!“

„Super!“ behauptet Tarik. „Als Geheimnisträger kann ich nicht in die Türkei abgeschoben werden.“

Was natürlich Quatsch ist, da er schon in zweiter Generation in Hamburg geboren ist und die deutsche Staatsangehörigkeit von Geburt an besitzt – wie auch seine Eltern. Das wissen auch alle im Team, finden seine Bemerkung aber trotzdem lustig und haben Spaß am Job unter dem inzwischen weitestgehend bedeckten Himmel. Weitere Wasserflaschen werden geköpft wie Champagner. Man ist glücklich darüber, dass ihre Agentur es ist, die diesen großen Fisch an Land gezogen hat. Nachdem alle drei sich per Unterschrift zur Verschwiegenheit verpflichtet haben, wird gemeinsam auf das ‚Geheimbund-Treffen‘ angestoßen. Und nach kurz aufkommender, allgemeiner Heiterkeit führt Pascal das Meeting zurück zum Thema:

„Jetzt komm endlich raus damit, Marvin, was ist die Sensation?!“

„Okay, jetzt, spitzt mal eure Hirne – also ernsthaft, Leute, passt auf. Nicht weitersagen. Die Sensation ist die: das grundsätzlich neue Vacuum-Cleaner-Produkt der Firma Harrison & Wulff ist … nach jahrelanger, verdeckter Entwicklung … eine sorgfältig ausgereifte … haltet euch fest … eine Kombination aus Boden-Sauger und Flug-Drohne! Ausgestattet mit KI! Das soll es bringen! Punkt!“

Irgendwo unten in den Hamburger Boulevards verhallt eine Feuerwehr-Sirene.

Die kleine Gruppe der Kreativen versucht sich das vorzustellen: also ein Bodengerät, das mit einer Drohne kombiniert ist, das also fliegen kann und mit KI, also künstlicher Intelligenz, die darüber nachdenken kann, warum ein Bodengerät fliegen soll … „Was soll das?“ ist die erste Frage, die sich dem Team aufdrängt.

„Das wird deren Renommee steigern! Und wird unseren Laden als Creative-Agentur voranbringen und den künftigen Usern ein Mehr an Reinigungs-Leistung und Bequemlichkeit bieten.“

Marvin sonnt sich in seinem Hoheitswissen. In intensiven Meetings mit dem Kunden hat er von den zahlreichen, geheimen physikalischen, technischen und digitalen Entwicklungsschritten erfahren und darf nun seine Kenntnisse an ein ausgewähltes Team der Werbeagentur MC&B weitergeben.

Marvin legt los: „Stellt euch mal vor, der Kasten robbt über den Teppich oder fliegt durch die Bude. Sitzt grad jemand im Weg, dann kommt er später wieder. Dank KI weiß er selber, wann er wo was zu saugen hat und erledigt das, ohne zu stören. Er kann auch selbst-erkennend umschalten von trockenem Schmutz auf nassen Schmutz, mit Wasserbehälter serienmäßig, und er kann mit seinen fünf Propellern sogar auf Polstermöbel fliegen und dort eifrig seinen Saug-Job erledigen. Oder er lutscht die Arbeitsfläche vom Küchentisch ab. Wenn er damit fertig ist, schaltet er um auf vertikal, fliegt auf und fängt an, die Fenster zu putzen. Erst schwamm-wisch-feucht, dann mit einer Trocken-Rakel. Ist alles eingebaut, wie ein Schweizer Taschen-Messer – nur eben: ein Schweizer Putz-Sauger. Noch Fragen …?“

Allgemeines, staunendes Kopfschütteln.

„Kann der mir denn auch die Nase putzen?“ will der noch ungläubige Tarik wissen.

„Zeig mal die Fotos“ fordert Pascal und beginnt, den Stapel von Unterlagen, der in der aufkommenden Brise leicht flattert, nach Bildern zu durchwühlen. Doch Marvin hält ihn zurück:

„Darauf hat die Welt jahrelang gewartet, jetzt warte du noch ein paar Minuten! Die Entwickler glauben natürlich an ihr Baby und sagen ihm einen Welt-Erfolg voraus. Und wir in Deutschland sind der erste Markt.“

„Test-Markt also!“ ergänzt Luna und öffnet noch eine Flasche mittelmäßig sprudelndes Mineralwasser.

Pascal lehnt sich zurück. “Mehr muss man nicht wissen. Was steht denn noch alles Überflüssiges in den Papieren und Akten und Booklets und – zeig uns lieber mal die Fotos.“ Jetzt wühlt auch Marvin in dem Stapel der Dokumente und fördert ein paar großformatige, betont technische Abbildungen hoch. Der Staubsauger wirkt darauf nicht besonders elegant. „Alter Finne – das Ding sieht aus wie ein abgestürztes Flug-Objekt“, bemerkt Pascal „sowas fehlt uns gerade noch. Und meine Frau hätte was zum Lachen.“

„Gute Idee, Pascal.“ Marvin springt darauf an. „Die Leute von Harrison & Wulff suchen noch verschwiegene Tester und Testerinnen. Natürlich auch geheim. Also wenn es so gut wie in der Agentur-Familie bleibt, das wäre ideal.“ Pascal fühlt sich überredet.

„Warum nicht, her mit dem Saugwunderding!“

„Wie soll das Monster denn heißen?“ fragt Luna, die eine der technischen Zeichnungen missbilligend beäugt. Marvin grinst: „Genau das ist eure erste Aufgabe: die Namensfindung.“

Luna fängt sogleich an, im Brainstorming-Modus vor sich hin zu plaudern: „Künstliche Intelligenz in Action bei jeder Saug-Arbeit … putzmunter zu Lande und in der Luft … das ist genauso sinnvoll wie Atom-Energie am Dosenöffner. Meiner Oma hätte es gefallen, wenn man das Modell zukunftweisend etwa: ‚Saugboy Zweitausend‘ genannt hätte.“

„Doch nicht ‚boy‘. Der soll doch weltweit führend sein, also der Boss: Saugboss.“ Tarik spricht mit vollem Bananenmund aber nicht im vollen Ernst. Dabei betrachtet auch er grinsend eines der Fotos und schüttelt den Kopf: „Leute, lasst mich das mal ganz deutlich sagen: das Gerät ist super-schreckens-hässlich. Ehrlich. Ich habe noch nie so ein schlimmes Design für ein Haushaltsgerät gesehen. Wenn das auf dem Bau eingesetzt wird, okay, aber zuhause bei Frau Müller in ihrer guten Stube …“

„Gut, dass du’s erwähnst:“ Marvin hakt ein: „das Gerät soll auch auf Baustellen genutzt werden. Oder für Handwerksbetriebe, die viel Dreck hinterlassen.“

Tarik jammervoll: „Auch Handwerker haben einen Sinn für Schönheit. Aber das Ding sieht hundertprozentig verunglückt aus, einfach saumäßig.“

„Von wegen: saumäßig – das beleidigt jede Sau. Du meinst ‚saug-mäßig‘, stark im Saugen, aber nur mäßig im Design.“ Luna ist gut dabei. „Aber ‚mäßig‘, das wäre geschmeichelt: schwarzbär-scheiß-grotten-gräulich! Das trifft‘s voll schön.“

„Können wir mal einen Moment unterbrechen … ein paar Minuten … mir ist übel.“ Pascal rutschen ein paar Unterlagen aus der Hand. Luna ist sofort bei ihm. „Hey, Pascal, was ist mit dir?“ Doch alle sehen, dass Pascal unkonzentriert, nicht ganz bei sich ist, blass, grün, schlecht drauf. Marvin zeigt sofort Verständnis: „Macht dich die Aussicht, dass du diesen Stapel Papiere durcharbeiten musst, so fertig? Klar. Vielleicht machen wir mal eine kleine Pause. Oder sollen wir morgen weitermachen? Es fängt sowieso bald an zu regnen und es ist ja wirklich schon etwas spät geworden.“

„Nein, nein, ich bin nur gerade ganz woanders.“ Pascal versucht seinen Traum abzuschütteln. „Dieses riesige Flug-Insekt von Harrison & Wulff und die ganze Staubsauger-Thematik, das kommt mir gerade vor wie eine fremde, sehr zukünftige, unverständliche Welt. Ich komme aus einer alten, sonnigen Metropole.“

„Hamburg. Du kommst aus Hamburg.“ Lunas Blick geht zweifelnd hoch zum bewölkten Himmel.

Doch wie auf ein Zeichen dringt urplötzlich ein später Lichtstrahl durch die Wolkendecke und bescheint die Szenerie des Dachgartens.

Pascal hebt daraufhin, wie in Trance, beide Hände empor wie ein stolzer Angler, der die Größe seines Fischfangs übertreibt: „Ich bin nicht von hier – ich bin aus … Sabi … Zana … Tsansabur.“

Schweigen. Keiner weiß, wo das liegen soll.

„Das muss weit hinter Pinneberg sein“ albert Tarik rum, „ich bin da noch nie aufgetreten. Was macht man in diesem … Sanalglu, oder so?“

Pascal, noch immer mit erhobenen Händen: „Ich habe dort empfangen die Wohltaten des Amim-Tha.“

>

Das ewige Tha ist die Selbstwerdung der Welt.

Denn am Anfang ist sie gewesen nur ein Stein im Lichte des Nichts.

Kapitel 2 Erwachen

Matharo, Sohn des Mnoset, liegt ausgestreckt unter den strahlenden Händen des Sonn-Gottes. Zwei dienende Töchter vom Stamm der Ubrajím stehen neben ihm, abwartend bereit, um Bereiche seines Körpers erneut einzustreichen mit der heilenden Salbe. Lovis, die Geliebte, bringt einen Krug Wasser vom nahen Brunnen für ihren Mann. Auf der hölzernen Pritsche, auf der er ruht, ist unter ihm gelegen ein kostbares, weiches Tuch. Der obere Rand der Pritsche ist umsäumt von einem geschnitzten Fries aus Vierecken, von denen jedes geschmückt ist mit dem Relief eines Adlers.

Nuri, eine der Töchter der Ubrajím, als lebenslange Dienerin zu erkennen an dem als Kind aufgebrannten Dreieck auf der Stirn, sie bietet ihm einen gnädigen Schatten, indem sie schwenkt einen großen Wedel aus geflochtenen Palmenblättern. In seinem fest gemauerten Haus hätte es gegeben genügend kühlere Räume, doch Matharo hat bestanden darauf, zu liegen in seinem Anwesen unter freiem Himmel, dem Raum des Adlers, nahe dem großen Wasser.

Allmählich kommt er zu sich, lässt die Augen noch geschlossen, fühlt sich fast besser, wäre da nicht gewesen der schmerzende rechte Arm. Schließlich gibt er den verlässlichen Dienerinnen das Handzeichen. Kühl und wohltuend empfindet er sogleich die Berührungen der jungen Hände mit der heilkräftigen Salbe, mit der nun das andere junge Diener-Mädchen versorgt