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Töpfchen sucht Deckelchen: Wo bist du? Die Spielregeln für Singles sind wirklich reine Lebenszeitverschwendung. Nele jedenfalls beschließt: Sie wird nicht länger das würdelose Warteweibchen spielen. Bei ihrer geliebten Oma Lilly schwört sie, noch vor Erreichen der Menopause in einem weißen Designerkleid vor den Traualtar zu treten. Leider weiß sie noch nicht so genau, mit wem. Aber das soll sich ändern. Spätestens bevor sie 30 wird – in 45 Tagen!
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Heidi Goch
Fleißig bis dreißig
Ihr Verlagsname
Töpfchen sucht Deckelchen: Wo bist du?
Die Spielregeln für Singles sind wirklich reine Lebenszeitverschwendung. Nele jedenfalls beschließt: Sie wird nicht länger das würdelose Warteweibchen spielen. Bei ihrer geliebten Oma Lilly schwört sie, noch vor Erreichen der Menopause in einem weißen Designerkleid vor den Traualtar zu treten. Leider weiß sie noch nicht so genau, mit wem. Aber das soll sich ändern. Spätestens bevor sie 30 wird – in 45 Tagen!
Heidi Goch, geboren 1974 in Niedersachsen, studierte Germanistik und Politik in Bonn und Hannover. Nach einem Volontariat beim Hörfunk machte sie sich als Journalistin in Hannover selbständig.
Wenn ich groß bin, werde ich eine kleine Familie und ein riesiges Haus haben. Das zumindest dachte ich, bis ich nach der Schule von zu Hause wegging, in die Minimetropole Hannover zog und meine ersten erniedrigenden Erfahrungen als außerplanmäßiger Single machte.
Und heute, zehn Jahre später, bin ich noch immer nicht groß und hab auch keinen Plan, wie das eigentlich geht. Wann genau ist man überhaupt groß? Wenn man damit anfängt, etwas gegen Cellulite und für die private Altersvorsorge zu tun? Oder wenn man im Frühling einen Balkon voller Blumen und im Winter eine Nordmanntanne samt Weihnachtsschmuck hat?
Hänge auf der linken Hälfte meines Ecksofas, so wie meistens. Die rechte Seite ist verwaist, so wie immer. Die besten Voraussetzungen also, um sich gleichzeitig alt, aber überhaupt nicht groß, sondern ganz klein zu fühlen. Verdammt! Vielleicht sollte ich am Wochenende zur Abwechslung was Sinnvolles tun und mein Wohnzimmer umräumen. Mal was ganz Neues!
Ach egal, interessiert sowieso keinen Menschen auf der Welt. Auch nicht Ulrich Wickert, der mir gerade den vorletzten Stand der Dinge aufdrängen will. Ach, ihr Männer könnt mich alle mal. Zumindest ihr mit den hässlichen Krawatten und eingezogenen Schwänzen.
Will ich überhaupt jemals wieder ein echtes männliches Wesen in mein Leben lassen? Will ich mein Bett wirklich mit einem ganzkörperbehaarten Schnarcher teilen? Will ich mich ständig für langes Telefonieren, Baden und Einparken rechtfertigen? Will ich tatsächlich all meine Freiheiten aufgeben und nur wegen eines einzigen Menschen auf mein Einschlafritual mit Hanni-&-Nanni-Kassetten und Wärmflasche verzichten?
In der letzteren Frage möchte ich mich jetzt nicht so genau festlegen, aber die Antwort auf alle anderen, mit denen ich mich nun schon seit einem Jahr, zehn Monaten und zwölf Tagen herumschlage, lautet: «Ja, ich will!» Und zwar unbedingt und am besten sofort!
Im Grunde bin ich auch selber an meinem Single-Dasein schuld. Aber damals, nach viereinhalb ereignislosen Jahren mit meinem Freund Daniel, wollte ich endlich auch all das haben, was die unabhängige Frau von heute eben so braucht: eine eigene Altbauwohnung mit Parkett und Südwestbalkon, eine eigene Fernbedienung, einen eigenen Schuhschrank, eine eigene Samstagabendplanung und sehr viele eigene Liebhaber – natürlich weniger zum Liebhaben als zum Spaßhaben. Jedenfalls habe ich Daniel und seine Wohnung urplötzlich verlassen. Er verstand die Welt nicht mehr, und ich wollte sie erobern!
Am Anfang war Welterobern auch richtig super. Es führte mich zunächst genau dorthin, wo jede Frau an entscheidenden Wendepunkten im Leben landet: zu IKEA!
Auf wundersame Weise gingen dann leider für die Einrichtung meiner neuen Residenz – mit wirklich nur dem Nötigsten – all die Ersparnisse drauf, die eigentlich für den nächsten Schritt meiner Selbstfindungstour gedacht waren: eine Reise an das andere Ende der Welt. Acht lange Wochen Neuseeland, wo ich den Abschied von meiner Pärchen-Vergangenheit in besinnlicher Einsamkeit zelebriert hätte. Ganz bestimmt wäre ich als gereifte und selbstbewusste Frau heimgekehrt, reich an Erfahrung und abgemagert bis auf Kleidergröße 34.
Stattdessen ging es mit dem Billigflieger nach Malle: drei Tage All-inclusive-Party mit zwei meiner Mädels und als Souvenir eineinhalb Kilo frischen Speck für meine Taille.
Wenn ich damals schon gewusst hätte, wie symptomatisch dieser Trip für mein neues Single-Leben sein würde, hätte ich mich vielleicht doch nicht so schnell mit der harten Realität Paarungswilliger in freier Wildbahn konfrontiert. Damals glaubte ich noch an die Wirkung meiner weiblichen Reize und daran, dass All inclusive selbstverständlich auch niveauvolle One-Night-Stands beinhalten würde. Doch die einzigen Männer, mit denen wir am Strand von Cala d’Or zu tun hatten, waren der pummelige Kellner und der zahnlückige Spaßvogel an der Bar, der es einfach nicht fassen konnte, wie viele Liter Caipis wir brauchten, um unseren Frust zu ertränken. Lediglich Stolz und Faulheit hielten uns davon ab, wegen entgangener Urlaubsfreuden eine Rückerstattung der Reisekosten einzufordern.
Und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, was sonst nur an Weihnachten vorkommt, hat sich seitdem in meiner Single-Welt unterm Strich auch nach unserem Kurztrip nichts getan. Und damit meine ich wirklich rein gar nichts!
Noch immer warte ich darauf, dass mir mein neues Glück in den Schoß fällt. Die Waage also endlich mein Wunschgewicht anzeigt und mir mein Zukünftiger in einem angemessenen Rahmen begegnet. Ich bin da ganz bescheiden! Eine weiße Yacht im Hafen von Monte Carlo oder eine VIP-Party nach der Oscar-Verleihung erscheinen mir besonders geeignete Orte, an denen mir das Schicksal den Vater meiner Kinder präsentieren könnte. Auch eine olympische Eröffnungsfeier böte eine geradezu perfekte Kulisse für die formvollendeten Avancen meines Traumprinzen. Bei Adeligen oder anderen Anormalsterblichen ist es schließlich auch so üblich. Ich mag einfach die Atmosphäre Eindruck schindender oder emotionsgeladener Schauplätze, Stadien, Schlösser oder auch Bahnhöfe zum Beispiel. Jedenfalls sollte der Mensch, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen will, längst aufgetaucht sein.
Die allmorgendlichen Panikattacken beim Blick in meinen Pickelvergrößerungsspiegel, in dem jede neue Falte sofort an die Schluchten des Grand Canyon erinnert, lassen nämlich keinen anderen Schluss zu als den, dass der Rest meines Lebens längst begonnen hat. Und schon bald, um genau zu sein, sehr bald, in 45 Tagen nämlich, gesellt sich zum Rest meines Lebens auch noch der Ernst dazu. Ich werde dreißig!
Es ist natürlich auf gar keinen Fall so, dass mir diese lächerliche Zahl irgendetwas anhaben könnte. Dafür bin ich viel zu froh darüber, all die Peinlichkeiten meiner Jugend nicht noch einmal durchmachen zu müssen. Zum Beispiel die erniedrigende Suche nach der ultimativen Frisur und Farbe für mein Haar, das im Übrigen das einzig wirklich Dünne an mir ist. Drei Haarfarben in 28 Nuancen sämtlicher Preis- und Produktkategorien habe ich variiert, obwohl ich nie offiziell zum L’Oréal-Versuchskaninchen ernannt worden bin.
Immerhin habe ich mir bei den Service-Hotlines schnell einen Namen gemacht. Denn die Ergebnisse meiner Typveränderungen waren meist weniger brillant, glänzend oder natürlich als in der Werbung versprochen. Vielmehr waren sie fast allesamt demütigend, katastrophal und zum Heulen. Leider kann ich mich noch viel zu gut daran erinnern, wie aus einer Intensivtönung beinahe eine Intensivtötung geworden wäre, als ich einen armen Studenten aus dem Call-Center persönlich für meinen Grünstich im Deckhaar verantwortlich gemacht und gedroht habe, ihm die Polizei, das BKA und den Verbraucherschutz auf den Hals zu hetzen.
Ich bin da ziemlich nachtragend. Es ist ohnehin mittlerweile meine feste Überzeugung, dass jeder, der beruflich mit Haaren zu tun hat, psychologisch geschult sein sollte. Wünschenswert wäre außerdem ein Friseur, der bezahlbare Hausbesuche anbietet. Damit sich niemand mehr als Fraggle mit Strähnchenhaube öffentlich bloßstellen muss, nur weil nach dreieinhalb Tagen schon wieder ein neuer hässlicher Ansatz am Scheitel zu erkennen ist.
Nein, mittlerweile habe ich mein Straßenköterblond voll und ganz akzeptiert und auch, dass Haarefärben und Würdebehalten einfach nicht zusammenpassen.
Auch die absolut entmutigende Tatsache, dass Diäten weder Spaß noch nachhaltigen Erfolg bringen, nehme ich längst gleichmütig hin. Mal abgesehen von heftiger Verliebtheit habe ich bisher keine einzige Schlankheitskur für geeignet befunden, mich in einen String-Bikini oder auf ein Foto zusammen mit meiner unterernährten Cousine Theresa zu bringen. Vielmehr habe ich meine ganz eigenen kleinen «Ich will zwar nicht so bleiben wie ich bin, aber beiße trotzdem nicht in den sauren Apfel»-Methoden entwickelt. Getränke ohne Geschmack und Kalorien zum Beispiel trinke ich schon aus Prinzip nur äußerst ungern. Aber mithilfe eines Strohhalms komme ich ganz locker auf die Menge Wasser, die es mir rein anatomisch unmöglich macht, bei einer akuten Fressattacke alle Vorräte auf einmal zu essen, so wie ich es in den schlechten Tagen vor Erprobung meiner Methode immer getan habe.
Ich sollte sie patentieren lassen oder exklusiv an die BILD verkaufen. Doch damit hätte ich mein bestgehütetes Geheimnis preisgegeben und würde sicher keine Bewunderung mehr ernten, weil ich angeblich alles essen kann, ohne weiter zuzunehmen. Diese Fehleinschätzung rührt ohnehin nur aus meiner Kindheit und der Zeit, als ich bei den Fernsehabenden mit meinen Mädels regelmäßig innerhalb von Sekunden ganze Familienpackungen Chips und Schokolade inhalierte. Und das auch nur, weil ich den ganzen Tag über mit einer Nulldiät angestrebt hatte, wieder in meine geliebte Levi’s 525 zu kommen. Inzwischen habe ich das gute Stück Theresa geschenkt.
Wenigstens meine Abhängigkeit von Ferrero-Produkten bin ich losgeworden, leider mit Ausnahme von Nutella. Man muss sich einfach nur an zwei extra großen Weihnachtspackungen Ferrero Rocher überfressen, und schon nascht man nie wieder eine dieser gemeingefährlichen Kugeln. Habe allerdings nach vielen Fehlversuchen einsehen müssen, dass dieser Trick bei Chips oder ähnlichem Zeug nicht funktioniert. Mache dafür unseriöse Fernsehwerbung und entmündigende Geschmacksverstärker verantwortlich.
Jedenfalls versuche ich inzwischen, mit meinem Body-Mass-Index erhabener umzugehen. So wie es Senta Berger täte, selbst wenn sie als übergewichtiges Strähnchenhaubenfraggle im «Schnäppchenmarkt» von Karstadt überrascht würde.
Zugegeben, wenn ich mir beim Einschlafen mein zukünftiges Leben ausmale, sehe ich auch immer irgendwie umwerfend aus. Als Braut bin ich locker zehn Kilo leichter und zehn Zentimeter größer. Als Mutter habe ich auf einmal verblüffende Ähnlichkeit mit Michelle Pfeiffer, die im knappen Designerkostümchen gut gelaunt ein romantisches Dinner für einen sehr schnuckeligen Ehemann der Marke George Clooney zaubert, gleichzeitig einen Millionen-Deal für ihre Kanzlei per Handy abwickelt und parallel liebevoll die Schulaufgaben ihrer beiden Bilderbuchkinder betreut.
In Anbetracht meines überdurchschnittlich schnittigen Namens Nele Stein allerdings bin ich auch ohne Mutation im Großen und manchmal sogar im Ganzen mit mir und meinem Leben zufrieden.
Es sei denn, ich probiere gerade in einer gut ausgeleuchteten H&M-Kabine 27 Teile an, die angesichts ihres unverschämt engen Schnitts eigentlich in die Kinderabteilung gehören.
Ansonsten aber würde ich mir auf einer Skala von null bis zehn, mit der wir Mädels gern männliche Figur, Gesicht, Ausstrahlung und Stil zu beurteilen pflegen, eine Note im oberen Drittel geben. Meine Arme und Beine sind in Relation zu ihrem Durchmesser zwar irgendwie zu kurz geraten, mein Hintern dagegen leider ein wenig zu groß. Doch diese Schicksalsschläge werde ich zu kompensieren versuchen, indem ich beim Sex durch Luftanhalten einen flachen Bauch vortäusche. Wenn ich denn mal die Gelegenheit zu heißem Sex bekomme! Aber genau das ist ja das Problem – werde es ab morgen aktiv angehen!
Freitag!
Am liebsten würde ich einfach im Bett liegen bleiben und bis Montag durchschlafen. Wieder liegt ein Wochenende vor mir, das mich meinem an Silvester feierlich bekräftigten Ziel keinen Schritt näher bringen wird. Welchen guten Vorsatz soll man auch sonst fürs neue Jahr fassen, als endlich einen Freund zu finden, um nicht noch eine weitere Neujahrsnacht von ach so glücklichen Paaren durch intensives Knutschen um kurz nach zwölf belästigt zu werden.
Ich war schon immer gut darin, emotionsgeladene Situationen als Wegweiser für meine Zukunft zu missbrauchen. Mitunter löst das Orakeln magisches Kribbeln aus, meistens offenbart es sich im Nachhinein bloß als weitere seelische Grausamkeit. Wenn ich zum Beispiel in Zeitnot auf rote Ampeln zurase – ich bin immer in Zeitnot, wenn ich auf rote Ampeln zurase –, zähle ich die Sekunden, bis es endlich Grün wird. Die Anzahl der Sekunden entsprechen dann den Wochen, die es noch dauern wird, bis ich den Richtigen gefunden haben werde.
Die Fernsehübertragung einer königlichen Hochzeit nehme ich mit einer Maxi-Packung Taschentücher und Toffifee bewaffnet auf mich. Jedes Mal schwöre ich bei meiner über alles geliebten Oma Lilly, dass auch ich noch vor Erreichen der Menopause in einem weißen Designerkleid vor den Altar treten werde! Ich weiß eben nur noch nicht, mit wem.
Es ist natürlich nicht im Entferntesten so, dass mich das Dilemma um den unbekannten Bräutigam 24 Stunden am Tag beschäftigen würde. Und wenn es so wäre, würde ich es unter keinen Umständen zugeben. Auch nicht unter Androhung härtester Strafen wie einem «Verbotene Liebe»-Verbot. Trotzdem muss ich was tun. Aber was bloß? Mich auf einer Single-Party unter Wert verkaufen?
Da kann ich mich ja gleich bei eBay zum Sofortkauf anbieten. «Nele +++ fast wieder JUNGFRAU +++ Angebotsdauer: 30 Jahre, verbleibende Zeit: sechs Wochen und zwei Tage, Auktionsende: 27. Juni, bisherige Gebote: o, Artikelzustand: einsam. Sie bieten auf ein weibliches Unikat mit leichten Gebrauchsspuren: kleine, wellige Dellen an Oberschenkel und Po (Bild 1), Streifen ohne irgendwelche Schwangerschaften (Bild 2), aber sofort startklar und noch eine kurze Zeit voll funktionsfähig (großes Bild). Da es sich um eine sehr private Auktion handelt, ist jeglicher Umtausch ausgeschlossen.»
Es soll ja ganz Verzweifelte geben, die es mit Kontaktanzeigen versuchen. Aber 1.: Welche Sorte Frau ist das, bitte schön, die es nötig hat, eine Anzeige aufzugeben? Und 2.: Welche Sorte Frau ist das, bitte schön, die einen Mann will, der es nötig hat, auf eine zu antworten? Solange es in den Stadtmagazinen keine Rubrik wie «Frau – die es wirklich nicht nötig hat – sucht Mann» gibt, werde ich mich jedenfalls nicht auf dieses Niveau herablassen, um mit 45-jährigen Katzenliebhaberinnen zu konkurrieren, die Wollsocken aus Überzeugung tragen, aus Prinzip für wuchernde Achselhaare und gegen Push-up-BHs sind und samstagabends Räucherstäbchen anzünden, um für den Weltfrieden zu beten und darum, dass sie nicht wieder völlig vergebens 4,50 Euro für eine Chiffreanzeige ausgegeben haben.
Nein, da spiele ich in einer anderen Liga! Allenfalls zum Spaß würde ich so eine Annonce aufgeben. Oder als Soforthilfe für unsere Freundin Ella. Als sie kürzlich von ihrem Leonhard wegen einer pubertierenden Bankangestellten namens Vanessa sitzen gelassen wurde, trat so eine Annoncen-Nothilfe-Situation ein, und wir haben ihr und uns zeitweilig viel Freude damit bereitet. Ella hat die Akte «Leonhard» damit noch lockerer geschlossen, als sie es ohnehin schon getan hätte. Ich beneide sie richtig wegen ihres sogar pickelüberdeckenden Selbstbewusstseins. Sie ist das genaue Gegenteil von mir. Sie nimmt nur Mahlzeiten ein, wenn sie Hunger hat, kommt lässig in die kleinste Parklücke, ist immer pünktlich und würde niemals ihr Konto überziehen, nicht mal für ein sensationell reduziertes Paar rotbrauner Kalbslederstiefel.
Nichtsdestotrotz war sie ein wenig betrübt über die prompte Trennung. Schließlich musste sie sich nun einen neuen Mann mit Eigentumswohnung und Cabrio suchen. Um die Wartezeit etwas zu verkürzen, versuchte ich also nachzuhelfen: «27-jährige Schönheit, brünett, mit langen Beinen & Haaren bis zum Knackarsch, sucht anziehenden Mann mit hohem IQ und Kontostand». Zugegebenermaßen habe ich die Fakten in puncto Alter ein wenig nach unten und in puncto Aussehen ein wenig nach oben korrigiert. Es fällt mir auch überhaupt nicht schwer, Freundinnen schöne Komplimente zu machen, solange sie unattraktiver sind als ich oder aber, wie in Ellas Fall, wenigstens ein ganz anderer Typ. Besonders ausgemachte Feindinnen wie Cousine Theresa bestrafe ich gern mit überheblichen Begrüßungen wie «Oh, deine Frisur sieht heute aber gut aus!» oder «Nettes Oberteil, du trägst doch sonst nicht so coole Klamotten!». Das wirkt immer. Schließlich ärgere ich mich auch jedes Mal aufs Neue, wenn mir jemand mit so einer arroganten Frechheit kommt.
Ella freute sich jedenfalls, als wir ihr an einem unserer Mädelsabende unsere von Herzen kommende Überraschung präsentierten. Wie jeden Dienstag trafen wir uns, um die x-te Wiederholung von «Sex and the City» zu gucken. Die Aufregung über unser kleines Geschenk verhinderte sogar unser allwöchentliches Lamento darüber, dass eine solche Serie mit dem Schauplatz Hannover leider «No Sex and the City» heißen müsste. Denn eigentlich sprechen wir dienstags immer darüber, dass wir nichts zu besprechen haben, jedenfalls nichts, was auch nur im Entferntesten mit Sex zu tun hätte. Dabei sind wir alle vier recht ansehnliche Exemplare, die intimen Körperkontakten keinesfalls abgeneigt sind.
Linda läuft in diesem Wettbewerb der unfreiwilligen Enthaltsamkeit allerdings außer Konkurrenz. Sie steht auf Latinos, was wiederum bedeutet, dass sie jedes Wochenende Sex haben könnte, wenn es ihr denn gleichgültig wäre, dass alle Südamerikaner in unserer kleinen Großstadt irgendwie miteinander bekannt oder verbrüdert sind.
Jasmin dagegen hat sich noch nie ins «Diablo Latino» oder sonst irgendeinen Club verirrt. Ihre kostbare Freizeit widmet sie lieber Besuchen in Museen, Theatern oder Opern. Ab und zu begleite ich sie sogar, obwohl dort kaum Aussichten auf annehmbare Männer bestehen. Zwar hätte ich nichts gegen einen Intellektuellen. Es wäre mir auch eher peinlich, mit einem Partner aufzuwarten, der Chabrol für einen guten Rotwein oder Sturm und Drang für eine Taktik Jürgen Klinsmanns hält. Aber muss ich deswegen in jede neue Ausstellung rennen, um männliche Exponate zu sichten, die sich am Ende dann doch als uncool erweisen? Bin ich ein schlechter Mensch, nur weil ich jemanden suche, mit dem ich einfach ab und zu mal ein italienisches Essen oder einen netten Film genießen will? Dumm nur, dass man so schlecht allein in Restaurants oder Kinos gehen kann, ohne sich dabei völlig mies zu fühlen. Ganz zu schweigen von dem Dilemma, dass alle potenziellen Bekanntschaften ihre weiblichen Begleitungen dorthin bereits mitgebracht haben.
Nein, irgendwie passe ich nicht in diese Single-Welt. Und offenbar gibt es für mich auch keinen praktikablen Weg, um da wieder rauszukommen. Ella belegt immerhin den Wahrheitsgehalt der Statistik, dass sich die meisten Paare am Arbeitsplatz kennen lernen. Das Problem an meinem Arbeitsplatz ist allerdings, dass dort die meiste Zeit nur eine einzige Person arbeitet – nämlich ich. Ich habe auch kein vorzeigbares oder sozial verträgliches Hobby. Zudem leide ich unter einem sehr mainstreamigen Geschmack. Ich liebe Robbie Williams und kann Wesen ohne Gehirnzellen wie Paris Hilton nicht ertragen. Meine Lieblingseissorte ist Erdbeere. Rosenkohl und Kapern finde ich doof. Für Spaghetti in Käse-Sahne-Soße dagegen würde ich morden. Bei Büchern von Nicolas Sparks heule ich mir meine mittelblauen Augen aus dem mittelbegabten Kopf. Lachen kann ich vor allem über Witze, die meinen Intellekt nicht allzu sehr herausfordern, etwa mit diesem Niveau: Kommt ein Schwein an einer Steckdose vorbei und sagt: «Du arme Sau! Haben sie dich eingemauert?!»
Es gibt Menschen wie meine Oma, die sind dermaßen präsent, dass sie alle Blicke auf sich ziehen, wenn sie einen Raum betreten. Wenn ich aber beispielsweise mit der Bahn fahre, übersehen mich sogar die Schaffner oder fragen mich auch gern zweimal nach meiner Fahrkarte. Da komme ich leider gar nicht nach Lilly, obwohl sie so dominant ist, dass ich sogar ihre Sommersprossen geerbt habe.
Ansonsten ist das Einzige, was ich neben Essen essen, Filme gucken, Bücher lesen wirklich gern und mittlerweile berufsmäßig tue, Schmuckstücke und Skulpturen zu gestalten und über den Laden eines Bekannten an den Mann oder besser gesagt an die Frau zu bringen. Ich weiß leider, wovon ich rede, denn gelegentlich helfe ich dort im Verkauf aus, um mein Konto wieder auszugleichen. Mittlerweile habe ich die Hoffnung aufgegeben, einer meiner ohnehin wenigen männlichen Kunden könnte solo sein. Sie suchen ja doch bloß ein hübsches Geschenk «für die Gattin». Daher an alle allein stehenden Floristinnen und Dessousverkäuferinnen dieser Welt: Ihr habt mein wahrhaftes Mitgefühl.
So gesehen ist die IT-Firma, in der Ella als Assistentin eines männlichen Prachtexemplars arbeitet, das reinste Schlaraffenland. Bevor das Elend mit Leonhard losging, hatte sie auch schon den einen oder anderen Kollegen ausprobiert, was ihrem Ruf allerdings nicht gerade zuträglich war. Deshalb übt sie sich mittlerweile in Zurückhaltung und war wie Laura und Jasmin total verzückt, als ich vier Wochen lang immer einen ganzen Stapel neuer Antwortbriefe zu den Mädelsabenden mitbrachte.
Es ist schon erstaunlich, wie viele Männer sich für anziehend, wohlhabend und intelligent halten. Bereits nach einer Woche waren es 26 Briefe. Sieben davon landeten direkt in meinem Papierkorb. Die meisten derjenigen, die es in die nächste Runde geschafft hatten, wurden dann allerdings schon beim ersten genaueren Sichten von der großen Jury aussortiert, weil sie dummerweise ein aussagekräftiges Foto beigelegt hatten. Die letzten Auserwählten wurden dann nach bewährter Punkteskala in die Kategorien «na ja» und «wieso nicht» aufgeteilt.
Highlight der ganzen Veranstaltung war dann ein Brief aus dem letzten Sammelumschlag, der von der Zeitung kam. Schon der stümper- und fehlerhafte Text machte mich äußerst misstrauisch, und als ich das Beweisfoto sah, berief ich sofort eine außerplanmäßige Jury-Runde ein. Wieder einmal hatte sich gezeigt, wie klein das Gehirn eines Mannes und Hannover doch sein können. Ausgerechnet Leonhard fühlte sich durch die Kontaktanzeige berufen, mit seinen nicht vorhandenen Qualitäten anzugeben, obwohl sich seine neue Flamme Vanessa unseres Wissens nach noch immer an ihm, Ellas Exwohnung und Excabrio erfreute. Selbstverständlich ließ Ella seinen Brief nicht unbeantwortet und schlug ein Blinddate im lässigen Café «Heimweh» vor, jedoch nicht, ohne die nichts ahnende Vanessa auch noch dazuzubitten. Was für eine grandiose Vorstellung! Nach Ellas Schilderungen war es einer der erhabensten Momente ihres Lebens, als Leonhard zur Tür hereinkam, die beiden Frauen bereits feindselig vereint am Tisch sitzen sah und ohne Erfolg versuchte, sich unsichtbar zu machen. Sie genoss es in vollen Zügen, hautnah miterleben zu dürfen, wie er so lange vor sich hin stammelte, bis Vanessa dem Elend schließlich ein Ende bereitete und absolut lässig zu Essig und Öl griff, um es zusammen mit einer ordentlichen Prise Salz und Pfeffer auf seinem gegelten Haupthaar zu verteilen.
Im Grunde also eine nette Abwechslung, die Idee mit der Kontaktanzeige, wenn sie nicht noch diese überaus unangenehme Sache mit Tom nach sich gezogen hätte. Noch bis heute ist mir das so peinlich, dass ich nur Lilly und meiner allerbesten Freundin unter all meinen besten Freundinnen, Kleo, davon erzählt habe.
Es begann damit, dass ich heimlich nochmal den Stapel der Kategorie «wieso nicht» durchforstete, was nicht lange dauerte, weil nur ein einziger Typ übrig geblieben war. Ohne Zweifel hatte keine von uns auch nur im Traum daran gedacht, einen der Kerle tatsächlich kennen lernen zu wollen. Außer mir – in einem Anfall von Panik, die Chance meines Lebens zu verpassen.
Schon Toms Bewerbungsfoto war überaus ansprechend. Und auch die knappe Nachricht – nämlich seine E-Mail-Adresse auf der Rückseite einer Postkarte mit der Aufschrift «Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden» fand ich so originell, dass ich ihm Folgendes schrieb: «Da du den Eindruck erweckst, als hättest du es gar nicht nötig, den Single-Seiten im ‹Schädelspalter› irgendwelche Beachtung zu schenken, bist du sicher bereit, eine Frau deiner Liga zu treffen, die es zwar ebenso wenig nötig hat, aber gleichermaßen mit der Gesamtsituation unzufrieden ist?! Nele.»
Seine Antwort kam schnell. Die Zeit hatte er offensichtlich bei der Formulierung gespart: «Okay. Gruß t.» Mhm. Was hatte das nun zu bedeuten?, rätselte ich. Heißt das: «Okay, ich bin begeistert und will dich sofort treffen?» oder «Okay, habe im Prinzip nichts dagegen, werde mich in etwa zehn bis zwanzig Jahren bei dir melden, wenn ich dann noch Bedarf habe»? Nun gehört Geduld nicht wirklich zu meinen Stärken, und gewartet hatte ich schließlich auch schon mein ganzes halbes Leben, wenn die Zeitrechnung für Partnersuche in etwa mit der Pubertät beginnt. Also antwortete ich ohne jegliche Zeitverschwendung: «Hallo t. – Übrigens sehr originell, einen Namen mit drei Buchstaben abzukürzen! Treffen wir uns eigentlich in diesem oder im nächsten Leben? Gruß N.»
Oh, oh. Das war eindeutig. Tom schien nicht ganz so stark unter biologisch bedingtem Zeitdruck zu stehen wie ich. Oder seine Vorliebe für langbeinige Brünette war doch größer, als ich ohnehin schon befürchtet hatte. Die nächste Mail kam erst nach zwei Tagen: «Na gut, ich ruf dich an.»
