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Das doppelte Lottchen auf Männerfang Lottes Leben könnte so schön lässig sein. Wäre da nicht ihre erfolgsverwöhnte Zwillingsschwester. Luise ist in Lottes Augen nämlich nicht nur ein bisschen schöner, sondern auch ein bisschen schlanker. Und jetzt schwärmt sie auch noch für denselben Mann. So langsam hält Lotte es für einen großen Fehler, dass sie die Wohnung, die beste Freundin und das grüne Cabrio mit ihrer Schwester teilen muss. Sie will das große Glück für sich allein. Da hilft nur noch eine Wette: Wer sich bis zum Frühling glücklich verliebt, gewinnt ...
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Heidi Goch
Mann oder Auto
Ihr Verlagsname
Das doppelte Lottchen auf Männerfang
Lottes Leben könnte so schön lässig sein. Wäre da nicht ihre erfolgsverwöhnte Zwillingsschwester. Luise ist in Lottes Augen nämlich nicht nur ein bisschen schöner, sondern auch ein bisschen schlanker. Und jetzt schwärmt sie auch noch für denselben Mann. So langsam hält Lotte es für einen großen Fehler, dass sie die Wohnung, die beste Freundin und das grüne Cabrio mit ihrer Schwester teilen muss. Sie will das große Glück für sich allein. Da hilft nur noch eine Wette: Wer sich bis zum Frühling glücklich verliebt, gewinnt ...
Heidi Goch, geboren 1974 in Soltau, studierte Germanistik und Politik in Bonn und Hannover. Nach einem Volontariat beim Hörfunk machte sie sich als Journalistin erfolgreich selbständig. Inzwischen lebt sie in Hamburg. Nach «Fleißig bis dreißig» ist «Mann oder Auto» ihr zweiter Roman.
Meine Ähnlichkeit mit Heidi Klum ist einfach verblüffend. Ich lebe in einer voluminösen Villa in unmittelbarer Nachbarschaft zu Caroline von Monaco und habe zwei süße Kinder, die Fruchtalarm-Werbung machen könnten.
Über mir strahlt die Sonne, vor mir glitzert die Côte d’Azur und hinter mir steht ein Mann. Nein, nicht irgendein Mann. Hinter mir steht mein Mann. Genau! Es ist Cary Grant oder besser gesagt eine Reinkarnation von Cary Grant. Er besitzt den fürstlichen Status von Prinz Albert und den knabenhaften Charme von Robbie Williams. In diesem Moment cremt er mir meinen gut versicherten Luxuskörper ein. In vollkommener Entspanntheit und abgeschirmt von lästigen Paparazzi befinden wir uns an Deck einer Segeljacht, die mir mein Vater anlässlich meiner ersten Vernissage schenkte …
Schnitt!
Brutaler Szenenwechsel von meinem Tagtraum in die Realität: Meine Ähnlichkeit mit Heidi Klum tendiert gegen null. Ich sehe aus wie ich, lebe mit meiner Zwillingsschwester in einer ziemlich gewöhnlichen Dreizimmerwohnung und suche noch immer den Prinz Charming. Als wäre das nicht schon schlimm genug, befinde ich mich an diesem Freitagnachmittag auch keineswegs an Deck einer Segeljacht, sondern bei Ikea an Kasse acht. Statt Entspannung also pure Bedrohung – und das an drei Fronten gleichzeitig! Hinter mir das fünfhundertste Pärchen, das knutschend seine glückselige Zweisamkeit für einsame Singles wie mich nicht fieser zur Schau stellen könnte. Vor mir der Hot-Dog-Stand, von dem dieser gemeingefährliche Röstzwiebelduft ausgeht und meinen Diätplan auf eine harte Probe stellt. Und über mir dieses demütigende Schild: «Du bist allein hier und brauchst Hilfe beim Beladen deines Autos? Ruf an – wir helfen dir gern!»
Aber gibt es etwas Jämmerlicheres, als sich von einem simplen Service-Hinweis provozieren zu lassen? Typisch. Immer nehme ich alles persönlich. Dabei ist es doch bloß ein billiger Trick, dieses Geduze der Ikea-Werbetexter.
Aber vielleicht sollte ich wirklich zum Telefon greifen, so wie Michael Douglas zum Baseballschläger, als er sich in «Falling Down» zum Amoklauf rüstet. Ich werde einfach all meinen Frust bei einer Packhilfe abladen. Jawohl! Oder ich gehe am besten direkt zur Reklamation. Das ist doch der reinste Psychotrip hier. Können die ihre Zielgruppen nicht nach Wochentagen aufteilen? Wie in der Sauna sollte es bei Ikea wenigstens zeitweise pärchenfreie Phasen geben. Meinetwegen können die Familien auch den Samstag haben, damit Papi seinen Part mit Schleppen und Schrauben übernehmen kann. Es ist ja nicht so, dass ich ein Problem mit dem Glück anderer Leute hätte. Aber wenn es so geballt auftritt wie hier, kann man schon mal schlechte Laune bekommen. Bloß schnell weg.
Als ich endlich den vollen Wagen Richtung Ausgang schiebe, erlebe ich ein wahrhaft seltenes Großereignis: Es gibt wohl kaum eine bessere Tat für das Selbstwertgefühl einer Frau jenseits ihrer Idealmaße, als die Hot-Dog-Theke bei Ikea lässig links liegen zu lassen und direkt von den Kassen zum Ausgang zu gehen.
Herrlich!
Schließlich will ich nicht wie all diese nervtötenden Mütter enden, die ihren breiten Hintern in einer spießigen Familienkutsche zum Einkaufen fahren, auf dem Rückweg Mammut, Blimp, Mula und Gulliver für das Spielzimmer der lieben Kleinen transportieren und einen noch breiteren Hintern bekommen, weil sie sich aus Familien-Frust und Kindergruppen-Zwang an einer Riesenportion Köttbullar, Marabou, Softeis und den obligatorischen Hot-Dogs überfuttern.
Ja, ja, das habt ihr Schwangeren alle noch vor euch! Eines Tages werdet ihr nicht mehr an der Hand eures Liebsten turtelnd und selig lächelnd die Gänge verstopfen, sondern selbst unter Verstopfung leiden, weil ihr alle dick und hässlich geworden seid und das mit jedem Ikea-Besuch sichtbar schlimmer wird.
Eines weiß ich ganz genau: Falls ich trotz meiner 32 Jahre doch noch mal einen Mann finden sollte, der mich aus Versehen schwängert, würde ich allenfalls hierherkommen, um das quengelige Gör im Smaland auszusetzen. Aber da brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen, von einem Dasein als glückliche Mutter und Ehefrau bin ich nämlich Lichtjahre entfernt.
Womöglich ist aus mir längst eine Psychopatin geworden. Ich wäre damit die Idealbesetzung für einen üblen Thriller, in dem sich eine Frau über ihren letzten Eisprung hinwegtröstet, indem sie zwei schnuckelige kleine Kinder aus der SB-Abteilung entführt und sich in der niedlich dekorierten Ausstellungswelt verschanzt, um heile Familie zu simulieren. Das reicht bestimmt für die Seite eins der BILD.
Hilfe!
Wo bleibt er bloß, der Prinz, der mich rettet und kurzerhand vorbeigeritten kommt und mich mit auf sein Schloss nimmt? Worauf wartet er noch? Ich stehe hier wie bestellt und nicht abgeholt im Regen. Dabei habe ich bestellt, und zwar meine Schwester, hierher.
Das darf echt nicht wahr sein!
Das ist so typisch für sie. Jetzt hänge ich hier schon über eine halbe Stunde fest und verschwende meine kostbare Lebenszeit mal wieder damit, auf Luise zu warten. Aber was noch viel schlimmer ist, nichts lenkt mich ab von der Vorstellung, in ein weiches Brötchen mit saftiger Wurst zu beißen, die aus einer goldig-roten Soßen-Melange herausquillt und sich im Mund genau zum richtigen Zeitpunkt mit Gurken und Zwiebeln zu einer vollkommenen Gaumenkreation vermischt.
Nur, wer passt in der Zwischenzeit auf meinen Einkaufswagen mit Henriksdal, Udden und den beiden Drachenbäumen auf?
Ich könnte Luise wirklich umbringen! Alle meine Probleme wäre ich mit einem Schlag los. Dann hätte ich zum Beispiel ein Auto für mich allein und eine Wohnung – nicht zu vergessen Emily, unsere beste Freundin. Und auch Luises Freund Frederick würde meine Küche nicht länger mit einer kostenlosen Beratungsstelle für Beziehungsfragen verwechseln. Als größte Beziehungstheoretikerin bin ich nämlich geradezu prädestiniert dafür, dass meine Mitmenschen ihre Sorgen bei mir abladen. Andererseits ist es einfach ein herzzerreißendes Bild, wenn Freddi auf seinem stummeligen Stammplatz sitzt, einem angeknacksten Klavierhocker, der sich nur noch theoretisch in der Höhe verstellen und Freddi daher ziemlich mickrig aussehen lässt, weil man mit ihm einfach nicht auf Augenhöhe kommunizieren kann. Die Tischkante schließt praktisch mit den Schultern ab, und man möchte ihm am liebsten einen Lolli zustecken, wenn er nach stundenlanger Vorbereitung für ein Candle-Light-Dinner auf dem Notsitz zusammensackt, weil seine Freundin ihn mal wieder so lange warten lässt und er schließlich in enttäuschtem Tonfall flüstert: «Komm Lotte, lass uns anfangen!» Und dann stochert er betrübt in seiner liebevoll gezauberten Pasta in Trüffel-Soße, atmet zweimal tief ein und aus, um sich dann gut eine Stunde lang völlig temperamentfrei darüber auszulassen, wie wenig Zeit Luise für ihn hat, wo er doch so viel für sie empfindet, während ich aus einem reinen Akt der Höflichkeit heraus allein die Menge verdrücke, die eigentlich für drei gedacht war. Und erst, wenn es Freddis Herz und meinem Bauch so richtig schlecht geht, kommt Luise endlich reingeschneit, um uns hektisch von irgendeinem unaufschiebbaren Interviewtermin mit einem B- oder C-Promi zu berichten und uns anzumachen, weil mal wieder nichts zu essen da ist!
Oder aber sie gibt eine ihrer berüchtigten Hasstiraden zum Besten über all die anderen Autofahrer in Hamburg-Eppendorf, die alle total egoistisch sind, weil sie schon seit 16 Uhr in erster Reihe parken und damit die wirklichen Leistungsträger der Gesellschaft bestrafen. Für Luise endet ein Arbeitstag nun mal nicht nach acht Stunden, sondern erst dann, wenn Sky du Mont Details über seinen neuen Film verraten oder Eva Hermann ihr wahres Gesicht gezeigt hat.
Da kann ich natürlich nicht mithalten. Wenn der Agent von Sasha anruft, ist Luise sofort zur Stelle. Wenn aber ihre Schwester bei Ikea im Regen steht, hat Madame es natürlich nicht nötig, auf irgendeine SMS oder Mailbox-Nachricht zu reagieren. Das ist jetzt bestimmt schon der zehnte Versuch, sie über Handy zu erwischen. Na, die kann was erleben! Da quäle ich mich schon mit öffentlichen Verkehrsmitteln extra hierher, nur damit ihr vernachlässigter Freund demnächst in Würde sitzen und jammern kann, und sie kommt einfach nicht!
Was würde ich jetzt für einen Mann geben? Einen, der bloß aufgehalten wurde bei einem wichtigen Geschäftstermin und dann mit 200 Sachen zu mir eilt, aus seinem Luxuswagen springt, um mich herzlich zu umarmen, leidenschaftlich zu küssen und mit liebevollem Hundeblick zu sagen: «Liebes, bitte verzeih mir, dass ich dich so lange habe warten lassen! Lass uns nach Hause fahren! Ich hab dir deine Lieblingsserie aufgenommen. Du kuschelst dich aufs Sofa, und ich koche uns was Schönes!»
Ach ja. Schade eigentlich. Aber wenn ich schon keinen persönlichen Chauffeur habe, dann hätte ich doch jetzt zumindest gerne ein eigenes Auto. Am besten einen dieser hässlichen Familien-Kleinbusse. Denn ein Bus müsste es eigentlich schon sein, wenn ich diese riesigen Pflanzen heil nach Hause bekommen will. Oder eben unser altes Käfer-Cabrio. Im November, bei Regen ist es zwar nicht allzu kuschelig, mit offenem Dach zu fahren, aber immer noch besser, als mit Bus und Bahn quer durch die Stadt zu gondeln. Und bevor ich jetzt für ein Großraumtaxi Unsummen ausgebe, gönne ich mir vielleicht doch einen Hot Dog – sozusagen als Entschädigung dafür, dass ausgerechnet ich mein Leben nicht mit einem tollen Typen, sondern einer herzlosen Schwester teilen muss.
Allein meine Wut auf sie lässt meinen Puls so sehr in Wallung geraten, dass ich anfange zu schwitzen, obwohl es gerade mal ein paar Grad über null sind. Das ist sicher vergleichbar mit den verbrauchten Kalorien bei einem Halbmarathon. Deshalb schiebe ich jetzt einfach meinen Einkaufswagen zurück ins Trockene und werde so lange Hot Dogs in mich hineinschieben, bis sich Luise endlich dazu herablässt, hier aufzutauchen. So!
Hilfe! Jetzt ist mir schlecht. Und von Luise ist immer noch nichts zu sehen. Entweder ich platze gleich, weil die letzten zwei Hot Dogs eindeutig zu viel waren, oder ich platze vor Wut!
Eigentlich ärgere ich mich vor allem aber über mich selbst, denn ich kann einfach nicht hassen. Auch meine Schwester nicht. Wenn ich es könnte, würde ich mir jetzt keine Sorgen machen. Ich könnte mich so richtig schön hineinsteigern in meine Wut. Aber ich krieg das einfach nicht hin. Mir imponieren Leute, die so richtig vom Leder lassen, wenn sie Hass schieben, oder die einfach rumschreien, Türen knallen oder mit Geschirr um sich schmeißen, wenn sie sich ärgern. Ich habe leider bei der Verteilung unserer Gene einfach eine zu kleine Portion Temperament abbekommen. Statt einen Riesenaufstand zu machen, suche ich schon wieder die Schuld bei mir selbst. Habe ich Luise vielleicht missverstanden? Oder habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt? Oder womöglich ist ihr was passiert! Obwohl Luise ja eigentlich immer zu spät kommt. Ich weiß nur von einer einzigen Ausnahme, wo sie nicht zu spät kam, nämlich bei unserer Geburt. Wir sind zwar Zwillinge, haben allerdings nicht am selben Tag Geburtstag. Sie ist schnell noch vor Mitternacht auf die Welt gekommen, während ich 25 Minuten länger gebraucht habe. Leider war für mich als Zweitgeborene da offensichtlich kein schöner Name mehr übrig, sodass ich seither vom Schicksal und unseren Eltern gestraft als Lotte Hoppe durchs Leben gehen muss.
Aber mich hier einfach über eine Stunde warten zu lassen, das bringt selbst Luise normalerweise nicht fertig. Jedenfalls nicht, ohne irgendeine dämliche Beschwichtigungs-SMS vorzuschicken. Dabei haben wir vor drei Stunden noch kurz miteinander gesprochen beziehungsweise gestritten. Es ging mal wieder ums Auto. Und ich dumme Kuh habe mich belabern lassen, bin mit dem Bus quer durch die voll gestopfte City geeiert und hänge nun hier fest. Und mache mir sogar noch Sorgen um meine Schwester. Denn für den Fall, dass ihr tatsächlich etwas Schlimmes passiert sein sollte, würde ich bestimmt an einem schlechten Gewissen zugrunde gehen. Aber was soll schon passiert sein? Wahrscheinlich hat ihr Chefredakteur Ulli sie noch eben zu einer Pressekonferenz geschickt, und nun sitzt sie entspannt und vergnügt mit Häppchen, Champagner und Heino Ferch oder sonst wem in der Lounge vom «Atlantic» und amüsiert sich, während ich kurzfristig Fast-Food-Frust schiebe, der langfristig meine Gesamtsituation nur noch verschlimmert, weil ich so nie zu meinem Wunschgewicht und somit auch nicht zu meinem Traummann komme.
Welchen Sinn haben solche Tage? Man kann sie einfach nur streichen. Schon bei der Arbeit heute hatte ich es ausschließlich mit Kunden der Sorte «Herausforderung» zu tun. Allein dieser ekelige Schnurrbartträger, der Bewerbungsfotos haben wollte, obwohl ich mir einfach nicht vorstellen kann, wie der Gute bei seinem Aussehen jemals einen Job finden soll. Ich konnte mich überhaupt nicht auf die richtige Belichtung konzentrieren, weil dieser rotblonde Flaum durch das gequälte Lächeln und die gelben Zähne nur noch mehr betont wurde und so gar nicht mit dem lila Hemd und den rosa- bis orangefarbenen Pickeln harmonierte. Vielleicht findet er ja was als Kellner in einem Dunkel-Restaurant.
Ich glaube, so was würde ich auch gern machen. Jedenfalls lieber als diese dauerdämlichen Pass-, Baby-, Hochzeits-, Familien- oder eben Bewerbungsfotos. Eine Zeit lang hat mir das Fotografieren ja wirklich Spaß gemacht. Früher, als es mein liebstes Hobby war und auch noch die ersten drei, vier Monate zu Beginn meiner Ausbildung. Aber nun, nach über fünf Jahren bei «Foto Langer» habe ich die Nase voll. Wie ich sie hasse, diese Samstagnachmittage von Mai bis September, an denen ich mir die Beine in den Bauch stehe, um glückliche Brautpaare für die Ewigkeit festzuhalten – die in einem Drittel aller Fälle allerdings ziemlich kurz ausfällt. Die Leute wollen immer was ganz Besonderes haben. Bloß keine Fotos, wie sie jeder im Hochzeitsalbum hat. Und am Ende ist doch nichts anderes darauf zu sehen, als lächerliche Lemminge, mal von vorn, mal von der Seite, aber immer mit demselben unerträglich glücksgetränkten Gesichtsausdruck.
In solchen Momenten frage ich mich immer, was wohl ein Außerirdischer denken würde. Er würde sich doch bestimmt darüber wundern, dass sich die Weibchen ein halbes Jahr lang mit eingeschränkter Nahrungszufuhr quälen, mehr als ein Monatseinkommen für eine farblose Verkleidung ausgeben, die sich nur ein einziges Mal tragen lässt, und sich dabei irre individuell vorkommen, obwohl sie alle gleich aussehen mit ihren von Perlen umringten Dauerlächelfratzen und toupierten Hochsteckfrisuren.
Ja, hat sich denn alle Welt gegen mich verschworen? Jetzt erreiche ich nicht einmal Emily. Auch sie geht nicht ans Telefon. Was mache ich denn jetzt? Soll ich die sperrigen Sachen vielleicht zurückbringen? Oder sie etwa mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch den Berufsverkehr transportieren? Einen Sitzplatz hätte ich sogar dabei. Na ganz klasse.
Und wenn ich nicht so herzensgut zu meiner Schwester wäre, dann müsste ich mich jetzt nicht gleich auch noch mit zwei Pflanzen rumschlagen, sondern hätte einmal im Leben einfach mal nur an mich gedacht. Aber nein, Lotte Vollidiot muss nun den ganzen Weg zur Bushaltestelle doppelt gehen: Regal links unter den Arm geklemmt, rechts die Palme, zehn Meter gehen, abstellen, zehn Meter zurückgehen und die nächste Tour mit Freddis Stuhl und der zweiten Pflanze. Und alles bei fiesem Nieselregen und extremer Kälte. Dabei koche ich innerlich regelrecht vor Wut! Wenn ich jemals in der WG ankomme, werde ich einen Mega-Aufstand machen. Jetzt reicht’s! Das war das letzte Mal, dass ich mich so habe ausnutzen und zum Deppen machen lassen. Pah! Ab sofort werde ich genauso rücksichtslos und selbstgefällig wie Luise! Man wird uns quasi nicht mehr auseinanderhalten können, abgesehen von den entscheidenden Kilos, die sie weniger wiegt – und das, obwohl sie selbst für die kürzesten Strecken unseren Wagen bemüht, während ich täglich brav mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Das ist so ungerecht. Ich hasse Bus fahren! Und ich bin es leid, im Vergleich immer die Bescheidenere und Unscheinbarere von uns beiden zu sein. Irgendetwas läuft gründlich schief in meinem Leben.
Ich atme und habe einen funktionierenden Kreislauf, ansonsten aber passiert nichts. Rein gar nichts. Die einzigen emotionalen Highlights erlebe ich beim Happy End einer Pilcher-Verfilmung, beim Inhalieren von einer Tafel Ritter Sport «Ganze Mandeln» oder wenn ich mich über meine Schwester oder meinen Chef ärgere. Das kann so nicht weitergehen.
Ich muss etwas ändern!
Und zwar mein Leben!
Komplett!
Aber ich weiß gar nicht, bei welcher Baustelle ich anfangen soll. Vielleicht sollte ich mir einfach ein neues Hobby zulegen. Irgendeine hippe Sportart, mit der sich prima gleich drei Wünsche auf einmal realisieren lassen: Kalorienverbrennung und damit eine gute Figur, interessante neue Kontakte und dadurch Bekanntschaft mit meinem Traummann und drittens eine neidische Schwester, die sich umgucken wird, weil sie niemanden mehr hat, der ihren Freund bei Laune und den Haushalt in Ordnung hält.
Tage wie diese sollten jedenfalls ab sofort der Vergangenheit angehören. Es ist einfach nicht gut fürs Ego, wenn man mit klatschnassen Klamotten und im Gesicht klebenden Haaren, umzingelt von zwei grünen Ungeheuern auf einem Ikea-Stuhl sitzend, von A nach B gekarrt wird und dabei mitleidige Blicke von anderen Fahrgästen erntet. Wie das schon klingt, Fahrgast! Ich will kein Gast sein, wenn ich fahre. Ich will auch nie wieder darum betteln müssen, wenn ich ausnahmsweise mal mein eigenes Auto benutzen möchte. Im Gegensatz zu mir hat Luise als Redakteurin eigentlich genügend Kohle, um sich einen eigenen, besseren Wagen zuzulegen. Doch von unserem grünen Hüpfer wird sie sich sicher nie freiwillig trennen. Genauso wenig wie ich!
Dabei war ich doch immer das Mamakind. Aber als unsere Mutter vor drei Jahren starb, haben Luise und ich natürlich alles gemeinsam übernommen. Wir sind einfach zusammengezogen, in die Eigentumswohnung. Vor allem in der ersten schweren Zeit war das sicher auch richtig und ganz in Mamas Sinne. Wir haben nichts verkauft, so wie es Papa damals vorgeschlagen hatte. Die Altbauwohnung ist im Grunde auch wie für uns gemacht. Sie liegt direkt unterm Dach, hat einen schönen sonnigen Balkon, Badewanne, Wohnküche, ein Wohnzimmer und zwei weitere Räume, von denen ich natürlich den kleineren abbekommen habe. Für Mama waren die 120 Quadratmeter eigentlich zu viel, aber das war ihr nach der Scheidung egal. Sie wollte so wie früher in unserem Haus an der Elbe auch immer genügend Platz für ihre Kinder und die potenziellen Enkel haben.
Aber das mit dem Nachwuchs wird bei mir wohl noch eine Zeit lang dauern.
Nach dem Irrweg mit Martin, der mich vier Jahre gekostet hat, hat mir Mama ständig ein schlechtes Gewissen eingeredet. Sie mochte ihn nämlich richtig gern. Außerdem war sie froh, dass ich – im Gegensatz zu Luise – ein normales Leben führte, auch wenn sie mich wohl mehr wegen der Aussicht auf süße Enkelkinder als wegen meiner Glanzkarriere stolz beobachtete. Doch genau diese Normalität war so dermaßen langweilig, dass ich es mit Martin nicht länger ausgehalten habe. Am Ende unserer Beziehung lauerte ich nur darauf, dass er wenigstens einmal den Klodeckel offen oder den Müll liegen lassen würde. Aber nichts! Er verhielt sich in allem vorbildlich, sogar auch dann noch, als ich ihn genau deswegen verließ.
Das Dumme ist allerdings, dass eine langweilige Beziehung einen zwar nicht wirklich glücklich macht, doch sie macht einen immerhin nicht unglücklich! Und auch wenn ich es niemals zugeben würde, habe ich doch lieber ein Männerproblem als gar keins. Bei mir muss zumindest in Gedanken immer was los sein. Und wenn sich gerade kein Normalsterblicher findet, mit dem ich mir ein schönes Sehnsuchtsproblem konstruieren kann, suche ich mir eben einen Traummann aus der Parallelwelt der Promis.
Schon als Zehnjährige wollte ich unbedingt Pierre Brice heiraten, weil er so toll reiten konnte. Später musste es unbedingt Tom Cruise sein. Ich schätze, meine halbe Jugend habe ich drinnen vor dem Fernseher verbracht, um mich wieder und wieder in «Top Gun», «Cocktail» oder «Eine Frage der Ehre» zu flüchten, während Luise längst in der großen Welt draußen echte Männerbekanntschaften machte.
Ich weiß nicht genau, ob es daran liegt, dass dieser garstige Winter sämtliche Bedürfnisse nach einer kuscheligen Schulter zum Einschlafen übergroß erscheinen lässt oder ob ich in letzter Zeit allzu oft unfreiwillig Ohrenzeugin von Luises Liebesleben geworden bin. Mein akutes Sehnsuchtsobjekt ist jedenfalls dermaßen peinlich und pubertär, dass ich es nicht einmal Emily anvertrauen würde, obwohl sie die Einzige ist, bei der ich jammern darf, ohne mir dabei jämmerlich vorzukommen.
Gut, dass ich nur im Dunkeln mit meinen Einschlafmännern auf Phantasiereise gehe. Ich habe sicher immer einen knallroten Kopf, wenn ich das momentane Objekt der Begierde teeny-mäßig anhimmele. Zurzeit ist es mein Lieblings-TV-Moderator Jost Paulsen. Es ist aber nicht so, dass ich Poster von ihm über dem Bett hängen hätte. Und ich würde mich auch niemals dazu herablassen, ihn um ein Autogramm zu bitten. Schließlich war er es, der Luise und mich im Flieger nach Malle ansprach. Jawohl!
Wir haben uns beim hektischen Einchecken gerade noch gestritten, wer auf dem Hinflug am Fenster sitzen darf. Und als ich mich ausnahmsweise mal durchsetzen konnte, weil Luise ja viel öfter fliegt als ich, stellte sich das als fatales Pech heraus. Ich hatte mal wieder die Arschkarte gezogen, denn ausgerechnet Jost Paulsen, der anhimmelnswerteste Typ im Universum, oder zumindest in der Welt des Fernsehens, saß bereits in unserer Reihe am Gang. Natürlich war jegliche Diskussion sofort beendet, als Luise sich freudestrahlend neben ihm niederließ, nachdem er uns auf überaus charmante Art geholfen hatte, unsere Jacken in den Klappfächern zu verstauen. Die gesamten zwei Stunden während des Fluges habe ich dann kaum ein Wort herausgebracht, weil ich mich total darauf konzentriert habe, bloß nicht zum Klo rennen zu müssen, obwohl der Kaffee vom Flughafen in eins durchgerutscht war. Ich wollte unter allen Umständen verhindern, dass Jost Paulsen – oder Jo, wie wir ihn seit unserer Begegnung vertrauensvoll nennen dürfen! – mir auf den Hintern guckt. Meine Rückseite konnte an diesem Morgen nämlich einfach gar nicht gut ausgesehen haben, weil ich ohne meine Lieblingsjeans verreisen musste und auch mein einziger wirklich gut sitzender String in den Weiten der Schmutzwäsche-Box verschwunden war.
Ich war überhaupt nicht darauf eingestellt, einem potenziellen Traummann zu begegnen. Eigentlich hätte ich auch gar nicht in dem Flugzeug sitzen sollen, um mit Luise zu einem Foto-Shooting nach Mallorca zu fahren. Ich bin von einer Minute auf die nächste eingesprungen, weil Mike, der Fotograf aus Luises Redaktion, offiziell eine fieberige Erkältung bekommen und inoffiziell einfach zu lange auf einer Premierenfeier mit Hamsterbäckchen Veronika Ferres gesoffen hatte. Es ging zwar nur um eine kleine Modestrecke, die letztendlich gerade einmal eine halbe Seite des Magazins Blond füllen sollte, aber Terminsache war Terminsache. Und so stand Luise am Samstagmorgen um 6 Uhr an meinem Bett und gab mir genau eine viertel Stunde Zeit, um mich für zwei spontane Tage Mallorca vorzubereiten. Da war Frisieren und Schminken natürlich nicht mehr drin. Und ausgerechnet dann begegne ich ihm!
Während ich also angestrengt mit meiner Blase zu kämpfen hatte und so tat, als würde ich kluger Kopf die dicke Wochenendausgabe der «Frankfurter Allgemeinen» tatsächlich mit großem Interesse lesen, begannen die beiden intensiv miteinander zu flirten. Ich weiß nicht genau, wie Luise das immer schafft. Jedenfalls haben sie beim Abschied an der Gepäckausgabe ihre Visitenkarten ausgetauscht. Jo hat außerdem noch die Nummer einer Casting-Agentur aufgeschrieben, die Anfang nächsten Jahres eine Quizshow vorbereitet, bei der nur Zwillinge als Kandidaten-Teams antreten sollen. Zu gewinnen gibt es immerhin 300000 Euro!
Anfangs war ich recht skeptisch, zumal Luise gleich betont hat, dass man im Fernsehen generell rund fünf Kilo dicker aussieht als ohnehin schon. Die Begegnung mit Jo hat diese Theorie allerdings nicht bestätigt. Ob in der Realität oder vor der Kamera – dieser Mann sieht einfach immer gleich gut aus mit seinen strahlenden Augen, den süßen Grinsegrübchen und der coolen blonden Wuschelfrisur.
Es geht also allein um die Wiedererlangung meiner Würde, wenn ich mich jetzt so heftig darum bemühe, Jo noch einmal in meinem Leben wiederzusehen. Mittlerweile bin ich nämlich wild entschlossen, durchs Casting zu kommen und ganz nebenbei natürlich möglichst viel Kohle beim Quiz abzukassieren! Dumm nur, dass ich den Gewinn dann mit Luise teilen müsste. Dabei kann ich das Geld wirklich gut gebrauchen, um meinen Traum von einem eigenen Fotoatelier zu verwirklichen. Genau!
Ich werde einfach alle Baustellen gleichzeitig bearbeiten. Am besten beginne ich gleich heute noch. Ich hab schon genug Zeit vertrödelt!
Sobald ich mit diesem sperrigen Ikea-Kram zu Hause angekommen bin, werde ich mir einen Plan machen: Wie ich bis zu dem Castingtermin in vier Wochen fünf Kilo abnehmen, die 300000 Euro und meinen Traummann für mich gewinnen kann.
Das Leben kann so einfach sein!
Plötzlich fühle ich mich, als wäre ich irgendwie auf einem ganz anderen Energielevel unterwegs. Da muss ich Luise ja mal direkt dankbar sein, dass sie mich versetzt hat! Ich bin fest entschlossen, sie für jahrzehntelange Schwesternfolter zu bestrafen und sie obendrein zu einem Instant-Allgemeinbildungstraining zu zwingen. Das wird großartig!
Endlich passiert etwas in meinem Leben!
Ab sofort nehme ich mein Glück selbst in die Hand.
Jawohl!
Wenn ich nicht so schwer beladen wäre, könnte ich schon wieder Amok laufen und meiner Schwester jetzt gleich den Hals umdrehen. Wer steht friedlich in unserer Straße, als hätte er den ganzen Tag nur auf mich gewartet? Unser Käfer-Cabrio! Der Hüpfer schaut mich geradezu schuldbewusst an mit seinen runden knubbeligen Scheinwerfern. Wahrscheinlich hat sich mein liebes Schwesterchen nach dem Date mit Heino einfach zu einem Schönheitsschläfchen aufs Ohr gelegt, während ich mich hier mit den beiden Drachenbäumen abrackere. Sie liegt bestimmt wieder in meinem Bett. Das macht sie immer, wenn sie bloß abhängen, eine meiner DVDs gucken und dabei entspannt meine letzte Packung TUC-Kräcker mit ordentlichem Krümelverschleiß wegmummeln will. Aber auch damit ist ab sofort Schluss!
Von der Straße aus sehe ich, dass bei uns in der Küche Licht brennt. Merkwürdig. Normalerweise hält sich Luise niemals allein dort auf. Jedenfalls nicht freiwillig, denn es besteht ja die Gefahr, dass sie sich dort mal nützlich machen müsste. Am Anfang unserer WG-Zeit hat sie sich noch brav an den Putzplan gehalten, ohne den wir elendig im Dreck erstickt wären. Aber mittlerweile delegiert Luise alle niederen Aufgaben an mich oder Freddi. Ihr Freund ist aber dermaßen tollpatschig, dass er meist mehr Arbeit macht als erledigt und dann doch wieder alles an mir hängenbleibt. Mir ist es ja im Grunde gleichgültig, wenn er die chronische Abwesenheit seiner Freundin kompensiert, indem er zum Beispiel ihre Schuhe mit voller Hingabe putzt. Auch dass er dabei schon mal aus Versehen mit ihrem cremefarbenen Sofa in Kontakt kommt, ist mir ziemlich egal. Luise hingegen kann in solchen Fällen sehr kleinlich sein. Aber meistens fügt sich Freddi selbst den größten Schaden zu. Erst vorgestern hat er drei Stunden am Herd gestanden. Mit einer Engelsgeduld wollte er Fond aus Wildknochen als Basis für die angeblich leckerste Soße der Welt gewinnen. Doch der Gute leidet unglücklicherweise unter Sehstörungen in Form einer massiven Weitsichtigkeit. Selbst mit Brille kann er manchmal Zwiebeln nicht von Knoblauch unterscheiden. Und als Luise ausnahmsweise mal pünktlich nach Hause kam, war er so voller Eifer, alles perfekt kredenzt zu haben, bevor sie die Küche betreten würde, dass er in der Hektik die Töpfe verwechselte. Anstatt die Kartoffeln abzugießen, schüttete er die wertvolle Soße zur Hälfte in den Ausguss, und als er seinen Irrtum bemerkte, kippte er sich die andere Hälfte über seine Hose. Tief deprimiert sackte er auf seinem Höckerchen zusammen, während Luise sich nicht mehr einkriegte vor Lachen. Mein Mitleid wurde so groß, dass ich vor Scham in mein Zimmer flüchtete und beschloss, die Zeit sei nun endlich reif für einen dritten Küchenstuhl.
Das Mindeste, was Luise jetzt tun kann, damit ich ihr nicht doch noch komplett den Kopf abreiße, ist auf der Stelle runterzukommen, um die Ikea-Sachen in den vierten Stock zu schleppen.
Aber Fräulein Hoppe ignoriert einfach die Klingel. Das ist ja mal wieder typisch. Filmreife Szenen werden sich gleich abspielen. Oh, ich freu mich schon! Das ist genau der Adrenalinkick, den ich brauche, um endlich durchzustarten mit meinem neuen Power-Programm: «Neue Figur, neuer Mann, neues Leben.»
Wenn sie mir jetzt nur die Tür öffnen würde!
Also gut, dann lasse ich eben alles hier unten stehen, bis es so weit ist. Mit erzieherischen Maßnahmen kann man ja gar nicht früh genug anfangen. In unserer Kindheit herrschte zum Beispiel lange das Belohnungsprinzip. Aber auch das war eigentlich saumäßig ungerecht. Im Alter von fünf Jahren wurde Luise mit einer riesigen Wundertüte voller Süßigkeiten belohnt, als sie es endlich geschafft hatte, sich das Nuckeln abzugewöhnen. Fürs niemals Nuckeln dagegen gab es nichts, und abgegeben hat Luise natürlich auch kein bisschen.
In der siebten Klasse bekam sie dann ein neues und im Vergleich zu meinem supercooles Fahrrad, bloß weil sie nach drei Monaten Nachhilfe nicht mehr versetzungsgefährdet war.
Auch in den wenigen Phasen, in denen mir eigentlich alle Aufmerksamkeit hätte zuteil werden müssen, schaffte sie es, mir die Schau zu stehlen. Zum Beispiel als ich wegen einer Mittelohrentzündung die fiesesten Schmerzen meines Lebens durchzustehen hatte. Luise wurde noch am selben Tag mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht, was ihr selbstverständlich viel mehr Besuch und Geschenke einbrachte, obwohl sie eigentlich putzmunter war.
Ich werde also eine etwas weniger sanfte Erziehungsmethode an den Tag legen müssen, um mein Ziel zu erreichen. Am besten, ich schlage schon gleich zur Begrüßung einen ungewohnt scharfen Ton an.
«Lui?»
Nichts.
«Luise??? Kannst du bitte mal deinen faulen Hintern hierherbewegen?!»
Immer noch keine Reaktion.
«LUI!»
Wieso antwortet sie denn nicht? Hier liegt ja auch Emilys Jacke. Die beiden sitzen bestimmt schon seit Stunden gemütlich in der Küche und kippen sich Sekt in die Birne. Aber …
Ach du Scheiße! Was ist denn hier los?
Luise hat ihren Kopf in Emilys Hals vergraben und schluchzt auf geradezu beängstigende Weise.
«Sie lässt sich überhaupt nicht beruhigen!», flüstert Emily mir zu.
«Wieso? Was ist denn los?»
«Freddi hat Schluss gemacht!», sagt Emily nun noch etwas leiser.
«Ach? Quatsch!»
«Doch! Ich wollte vorhin nur eben eure DVDs zurückbringen, und da hatte sie bestimmt schon drei Promille.»
