Fleurissen - Rael Wissdorf - E-Book

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Rael Wissdorf

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Beschreibung

1944. Lisa flieht mit ihrem Neugeborenen aus Florenz. Entstellt. Gezeichnet. Sie lässt das Kind in einem Waisenhaus zurück – nicht, weil sie es nicht liebt, sondern weil sie weiß, dass es sonst nicht überlebt. Denn dieser Junge ist mehr als ein Findelkind: In ihm treffen zwei Blutlinien aufeinander, deren Krieg nie aufgehört hat. 1949. Ein Mann adoptiert ein Kind. Capitano Capobianco hat fünf Jahre gesucht. Nun steht er vor Cesare – dem Jungen mit den blauen Augen seiner Mutter und einer Begabung, die nicht kindlich sein darf: Cesare kann Nexi erschaffen. Knotenpunkte einer Wirklichkeit, die sich biegen lässt, wenn man weiß, wie man sie anfasst. Aber Cesare darf niemals erfahren, wer Capobianco wirklich ist. Denn im Schatten existiert die SOG – und sie jagt seit Generationen, was in Cesares Blut verborgen liegt. 1963. Cesare ist alt genug, um zu verstehen. Und jung genug, um Fehler zu machen. Unter Italien wartet ein Riss – ein Tor in eine andere Ordnung der Welt. Und Cesare muss lernen, was niemand lernen sollte: dass Rettung manchmal aussieht wie Verrat… und dass man die Zeit nicht anfasst, ohne dass sie zurückschlägt. Von den Ruinen des Nachkriegs-Florenz bis in die verborgenen Höhlen der Basilikata, von einem Waisenhaus in den Bergen bis nach Rom: FLEURISSEN erzählt von Familienfehden, verbotener Macht – und der Frage, wer am Ende wen rettet, wenn die Wirklichkeit selbst zu reißen beginnt.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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R.R. Wissdorf
Fleurissen
Roman
Trivocum Verlag
Inhalt:
Personenverzeichnis
La Segnata
ERSTER TEIL: 1949 - 1955
1. Der Capitano
2. Die Tür zur geheimen Welt
3. Das Affengesicht
4. Das gläserne Auge
5. Der Nebel lichtet sich
6. In der Kapelle der Gefahren
7. Ein Relikt aus der geheimen Welt
8. Fokussierung und Kantenglättung
9. Ein peruanisches Mitbringsel
10. Abschied von der Zukunft
ZWEITER TEIL: Frühling - Herbst 1955
11. Ein alter Krieg
12. Der SOG erneuert sich
13. The Little Lady in the Big House
14. Der Spion, der Bianca liebte
15. Seerosen und Rock'n Roll
16. Folianten, Formeln & Firlefanz
17. Grotto Malafeda
18. Der Doppelgänger
19. Abstieg in die Hölle
20. Die Sonnenfinsternis
DRITTER TEIL:  Basilikata 1962
21. Ein mysteriöser Kassiber
22. Botschaft aus der geheimen Welt
23. Wiedersehen in Matera
24. Alle Wege führen nach Rom
25. De morbo gravi avaritiae
26. Das Chamäleon
27. Das Elixier des Morgens
28. Die Göttin des Waldes
29. Preis der Magie
30. Alles auf Anfang
31. Irruptio
Il Segnato
Canticum
Kompendium
Impressum
Personenverzeichnis
Cesare Fleurissen
Ein Waisenjunge mit ungewöhnlichen Begabungen. Ein Wunderkind – oder ein verlorener Sohn der falschen Welt?
«Capitano« A. Capobianco
Geheimnisvoller Schlossbesitzer, wohlhabender Privatier. Ein Mann, der mehr weiß, als gut für ihn ist.
Lisa di Fiori
Cesares Mutter. Begabte Adeptin mit einer Vergangenheit, die nicht vergeht.
Ti
Ein Geistwesen – oder die Stimme eines zerbrochenen Bewusstseins?
Bianca Bennett geb. di Fiori
Eine geborene Di Fiori, Lisas Schwester, Cesares Tante, Naturliebhaberin und Hüterin der Dornen.
Sharah Camporello
Cesares Freundin aus dem Waisenhaus. Mutig, klug und unbeirrbar. Stellt die richtigen Fragen.
Vincent Bennet
Eifersüchtiger (Ex-)Ehemann von Bianca, Geschäftsmann ohne erkennbare Skrupel.
Gino Valentini
Der ewige Komplize. Spion, Retter und Bootsmann in Personalunion.
Signora Gaspari
Vorsteherin des Waisenhauses. Eine resolute Bewahrerin dessen,
was übrig blieb.
Valeria
Eine Erzieherin im Waisenhaus von Castelpiano
Celestina Capobianco
Capobiancos Mutter mit sinistren Plänen
Prospero Capobianco
Capobiancos Vater, Düsteres Oberhaupt mit Ambitionen, die kein Licht vertragen.
Signora Preguntana
Wahrsagerin mit einem Hang zu Salzkörnern – und zu unbequemen Wahrheiten.
Alessandra Falconi aka Hawks
Eine mächtige Frau aus Rom. Spross einer Dynastie, die älter ist als jede Akte.
Giorgio Ferrara
Cesares Studienfreund und Adlatus. Hört die Beatles, wenn die Welt zu laut wird.
Daisy Moorcraft
Cesares Englischlehrerin. Teilzeitspionin. Liebt Petticoats und Rock’n Roll.
Daniele Singh
Indischer Gärtner mit besonderen Begabungen. Trifft eine Ameise ins Auge selbst wenn sie blinzelt.
Mario Baiocchi
Hotelportier des Quattro Strade in Florenz. Steckt in der Tinte. Ist aber ein Gentleman.
Luigi Pardoni
Kennt kein Pardon. Auch wenn sein Name es vermuten lässt.
Quinto Silvestri
Ein Mann fürs Grobe. Er nennt es Beruf.
Marcello Benedetti
Ein unauffälliger Handlanger des SOG. Gefährlich, weil er so leicht zu übersehen ist.
Violetta Manzoni
Ein stilles, bescheidenes Kindermädchen.
Laurenzo Ferrari
Ladenbesitzer am Comer See. Hat gute Panini.
Orlando Battiglia
Pilot einer Beechcraft. Arbeitet für Signora Falconi.
Xixi Jia
Beflissener chinesischer Diener Celestinas. Nicht ganz so beflissen, wie es scheint.
Enzo Rabbioso
Taxifahrer mit Hang zur Wirklichkeitsverweigerung.
Signora Felicetta
Bäuerin aus den Hügeln bei Cantagallo. Eine Frau, die half, als sonst niemand da war.
Pater Antonio
Sorgt für die Seelen derer, die keine Seele mehr haben
Toscana Talieri
Sieht gut aus und ist bestimmt auch tüchtig
Fiona O’BrianStudentin aus Dublin, Mitbewohnerin von Daisy
Professore Moreo
Kommt nicht mit moderner Technik klar, hat aber ein Auto.
Delbert Shetty
IT Spezialist von La Memoria. Heute würde man ihn einen Nerd nennen.
Dr. Lombardi
Celestinas persönlicher Mabuse.
«Wir sind nicht nur Beobachter, wir sind Mitgestalter in einem Universum, das auf unsere bloße Anwesenheit antwortet.»
- Liber Hawks
Für meinen Vater Heinz Wissdorf (1930–2000)
La Segnata
Im Spätsommer 1944 begannen die Alliierten, die Gotenstellung zu stürmen. Für die Bewohner vieler Städte im Norden Italiens war damit der Krieg zu Ende. Für Lisa war dies das Signal, Florenz zu verlassen. Sie packte die wenigen Habseligkeiten zusammen, die sie hatte: eine Bibel, ein Stück Seife, einen Kanten Brot und das, was ihr am wichtigsten war: ihr einjähriges Kind, Cesare. In Ermangelung eines Rucksacks wickelte sie alles in ein vor Schmutz starrendes Tuch, verknotete es um den Hals und trug es vor der Brust. Vornübergebeugt durch diese Last, stolperte sie durch die modrigen Gänge der Kanalisation und trat schließlich an den schlammigen Ufern des Arno durch eine rostige Tür ins Freie.
Sie blinzelte. So grau der Tag sein mochte, für Lisa war die Helligkeit schmerzend. Viel zu lange hatte sie in der Dunkelheit gelebt, ihrem einzigen Schutz vor der Bedrohung, die ihr Leben zerstört hatte. Sie schaute sich um. Florenz war gezeichnet von den Bombardements: schwarze Rußspuren an den Türmen, leere Fensterhöhlen wie die toten Augen des Krieges. Von Ferne hörte sie das Knirschen von Panzerketten auf Schutt und das Brummen von Dieselmotoren. Jetzt kamen die Briten.
Hatte sie schon unter der deutschen Besatzung gelitten, hatte sie doch ebenso wenig für die Befreier übrig. Denn es waren immer die Frauen, die die Rechnung zahlten.
Sie senkte den Blick auf den schlafenden Jungen in ihrem Arm und berührte zärtlich seine Wangen.
«Du wirst leben, kleiner Cesare,» flüsterte sie. «Aber jetzt muss ich einen sicheren Ort für dich finden.«
Tränen stiegen ihr in die Augen, doch sie schluckte sie herunter. Dies war nicht die Zeit dafür. Sie nestelte eine Wasserflasche von ihrem Gürtel und kniete sich an den Fluss. Die Flasche war aus Armeebeständen – ein Geschenk, das sie mit einem hohen Preis bezahlt hatte. Jedes Mal, wenn sie die Flasche berührte, bekreuzigte sie sich. Als sie die Flasche ins Wasser tauchte, spiegelte sich ihr Gesicht im trüben Arno. Sie sah die Gezeichnete. La Segnata. Ihr einst glattes, strahlendes Gesicht war von Schmutz und der verästelten Narbe entstellt, die ihre rechte Gesichtshälfte durchzog. Niemand würde sie je wieder als schön bezeichnen. Und das war gut so. Schönheit war gefährlich.
Den Kopf gesenkt, das Bündel an sich gepresst, drängelte sie sich durch die Menschenmenge auf dem Ponte Vecchio, der einzigen noch intakten Brücke über den Arno.  Vor nicht allzu langer Zeit hatten sich hier die Schwarzen Brigaden Mussolinis und kommunistische Partisanen gegenübergelegen. Nun war sie das Nadelöhr auf dem Weg nach Norden. Als sie die einst stolzen Monumente der Altstadt hinter sich gelassen hatte, schloss sie sich dem Flüchtlingstreck an, der den alliierten Truppen auf ihrem Marsch nach Prato in den Panzerspuren folgte.
Immer wieder sah Lisa zurück, als könnte etwas Dunkles, Unausweichliches sich hinter ihr aus den Schatten erheben. Erst als die schartigen Türme von Florenz hinter dem Horizont verschwanden, wurde ihre Haltung etwas zuversichtlicher.
»Wir werden es schaffen, mein Sohn, wir werden es schaffen!«, wisperte sie ihrem Kind zu. »Ich habe ihn besiegt, auch wenn es mich all meine Kraft gekostet hat. Und du wirst den Rest erledigen. Irgendwann.«
Der Kleine begann zu wimmern. Cesare war ein blonder, blauäugiger Knabe. Seine Haut war heller als üblich. Er war dünn und unterernährt, wie fast alle Kinder dieser Zeit, und schien doch von Minute zu Minute schwerer in ihren Armen zu liegen. »Ganz ruhig, Kleiner. Mami besorgt dir was zu essen.«
Lisa setzte ihre letzten Lire bei einem Straßenhändler in Milch und Suppe um. Andauernde Unterernährung hatte dazu geführt, dass ihre Brüste zu wenig Milch produzierten, so dass sie das Kind kaum noch ausreichend stillen konnte.
Die Wolken hatten sich verzogen. Die Sonne stand im Zenit und brannte unbarmherzig auf den Strom von Flüchtlingen hinab. Dazu kam die Angst vor Partisanen, die damals die Berge unsicher machten. Lisa fürchtete, dass jeden Moment ein Trupp von ihnen aus den Wäldern kommen konnte, um Rache an angeblichen Kollaborateuren zu üben. Und oft war es ihnen egal, ob es wirklich Kollaborateure waren, die sie beraubten und ohne viel Federlesens am Straßenrand erschossen. Lisa hatte schreckliche Dinge gehört – auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Stadt, die sie immer mal wieder unternehmen musste, um etwas zu essen aufzutreiben.
Niemand achtete auf Lisa. Und auch Lisa verschwendete auf keinen der Entgegenkommenden einen Blick. Nur wenn sie jemand überholte, wandte sie sich ab, und zog das Tuch dichter über das Kind. In ihrem Gesicht stand erschöpfte Gleichgültigkeit. Es roch nach Staub und Lumpen, nach dem Rauch der Notlager und nach dem Kot der Zugtiere, die man vor die Karren gespannt hatte.
Lisa wanderte durch La Briglia, später durch Vaiano und schlief ein wenig auf freiem Feld an der Straße nach Carmingnanello. Sie machte seltsame Bewegungen, als würde sie etwas in die Luft schreiben, als sie erwachte, und sie murmelte wie eine Schwachsinnige vor sich hin. Dann wurde Lisa wütend. »Warum kann ich das nicht?«, schrie die junge Mutter – und hielt sofort inne, als der Kleine zu weinen begann. »Scht…scht.. alles gut. Mami will dich doch nur beschützen.« Sie biss die Zähne zusammen. »Aber ich kann es nicht«, setzte sie dann schluchzend hinzu. Tapfer setzte sie ihren Weg fort.
Der Weg wurde immer steiler und trockener. Der Spätsommer war keine gute Zeit für Gewaltmärsche dieser Art. Gegen Abend zog sie müde die Füße nach. Nur selten begegnete sie einem Menschen. Einsame Wanderer, wie sie, kamen ihr entgegen, grüßten sie durch einen flüchtigen Blick und zogen weiter.
Lisa erreichte die Stadt Vernio nicht mehr. Ihre Beine versagten ihr den Dienst. Sie suchte sich eine alleinstehende Pappel als Schattenspender und ließ sich dort nieder, das Kind fest an sich gepresst. Sie schlief fast in dem Moment, da sie die Erde berührte.
Lisa erwachte in der Nacht, als der Kleine schrie und in ihren Armen strampelte. Sie versuchte ihn zu beruhigen und gab ihm ein wenig vorgekautes Brot zu essen. Es war empfindlich kalt und Lisa fröstelte in ihrem löchrigen Umhang. Der Kleine beruhigte sich jedoch und bald fielen beide wieder in einen unruhigen Schlaf.
Die junge Mutter erwachte früh am Morgen durch das Geräusch eines Bauernkarrens, der von einem Esel gezogen wurde. Oben auf dem Bock, saß eine rundliche Bäuerin. Der Wagen war mit Feldfrüchten beladen, die sie wohl zum Markt nach Cantagallo brachte. Als der Karren Lisa und ihr Kind erreichte, zügelte die Frau den Esel und sah auf die Mutter herab. Keine gesprochene Bitte kam über Lisas Lippen, doch ihr Blick sprach Bände. Auch die Bäuerin sagte nichts, sondern stieg stumm von Karren herab, um Lisa aufzuhelfen.
Dabei erst, bemerkte sie das Kind. Sie hielt inne, um den Knaben zu betrachten. Sie sah wie ausgezehrt er war. Seine Augen blickten sie in einem Ernst und einer Art Bitterkeit an, wie sie Kindern eigen ist, die tief im Elend leben.
Die resolute Frau überlegte nicht lange. Die Landwirtin nahm Lisa kurzerhand das Kind aus dem Arm und nestelte ihre Bluse auf.
»Hab erst vor kurzem ein neues Balg bekommen«, sagte sie dabei. Lisa brachte nur ein dankbares Nicken zustande, als sie sah, wie der Junge sich an den üppigen Brüsten der Bäuerin sättigte. Danach setzten sie die Reise zu dritt fort. Lisa und der Kleine schliefen auf der Ladefläche, während die Landwirtin den Karren nach Cantegallo lenkte.
Als sie die Marktstadt erreicht hatten, stieg Lisa ab und drückte ihrer Helferin die Hand. »Sagt Ihr mir Euren Namen, damit ich für euch beten kann?«, sagte Lisa mit leiser Stimme.
Die Bäuerin legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf. »Ich heisse Felicetta aber ich habe Gebete weniger nötig als Ihr. Nehmt noch ein wenig von meinem Gemüse mit.«
Lisa nickte und nahm sich etwas von den Feldfrüchten: Ein paar Kartoffeln, eine Stange Lauch. Viel konnte sie ohnehin nicht tragen.
»Wo willst du überhaupt hin, mein Kind?«, fragte Felicetta und blickte ernst in das ausgemergelte Gesicht der jungen Mutter. Da war noch etwas anderes, eine Art Wunde, die regelrecht zu gären schien.
»Kind, was hat man dir angetan?«
Lisa schüttelte den Kopf. Dann sagte sie: »Ist es noch weit bis nach Castelpiano?«
Die Bäuerin sah auf das Kind hinab und verstand. »Du willst zum Waisenhaus, hab ich recht?«
Lisa nickte nur. Felicetta seufzte. »Möchtest du dir das nicht nochmal überlegen? Ein Kind gehört zu seiner Mutter.«
Lisas Augen füllten sich mit Tränen. »Ich hab aber nicht mehr viel Zeit«, flüsterte sie.
Felicetta sah die beiden eine Weile an. Sie war hin- und hergerissen, zwischen ihrer Pflicht, ihre Früchte auf dem Markt zu verkaufen, oder dieser jungen Mutter zu helfen. Schließlich siegte die Pflicht gegenüber ihrer Familie.
»Wenn du noch eine Weile warten könntest, würde ich dich ja hinbringen…«
Die junge Mutter schüttelte erneut den Kopf. »Ist es noch weit?«
Felicetta deutete nach Norden. »Nein, nur noch ein paar Kilometer in diese Richtung. Wende dich an Signora Gaspari. Das ist eine gute Frau.«
Lisa nickte dankbar. Dann setzte sie ihre Reise fort.
Gegen Mittag verschlechterte sich ihr Befinden. Nachdem Lisa das rohe Gemüse gegessen und gleich wieder erbrochen hatte, lehnte sie sich kraftlos gegen einen Olivenbaum. Der Kleine in ihrem Arm wimmerte vor Hunger, und in ihrem Kopf tobte ein Sturm aus Verzweiflung und Wut. Sie hatte keine Kraft mehr, und doch spürte sie das Flackern von etwas Vertrautem in sich – ein uraltes Erbe, das sie lange verleugnet hatte.
Die Schatten der Zypressen zitterten im Wind, als sie langsam das Gemüse vor sich auf den Boden legte. Ihre Finger umschlossen fest den kleinen Anhänger, den sie um den Hals trug, während sie die Augen schloss. Tief in ihrem Inneren suchte sie nach der Verbindung, die sie einst aufgab – die sie aber niemals verlassen hatte.
«Anechthon,« flüsterte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, doch das Wort schien durch die Luft zu schneiden wie ein unsichtbarer Blitz.
Vor ihr schwebte plötzlich eine kleine, schimmernde Kugel auf – irisierend und durchscheinend, pulsierend wie das erste Licht der Dämmerung. Sie war nicht größer als ein Tennisball, doch sie strahlte eine seltsame Wärme und Kraft aus. Der Nexus. Lisa starrte ihn für einen Moment an, und die vertraute Faszination überkam sie. Wie lange war es her, seit sie diese Magie zuletzt benutzt hatte?
«Calenta,« hauchte sie, ihre Stimme kaum hörbar. Der Nexus begann sich zu drehen, schneller und schneller, bis ein leises Summen die Stille durchbrach. Ein goldener Lichtstrahl sprang von der Kugel aus auf die Kartoffeln vor ihr über. Zuerst tat sich nichts, doch dann hörte sie das vertraute Knacken – die Schale platzte auf, und ein Duft von geröstetem Gemüse erfüllte die Luft.
Lisa spürte, wie ihr Körper vor Anstrengung zitterte. Sie kniete nieder und nahm eine der Kartoffeln in die Hand. «Sieh nur, Cesare,« flüsterte sie. «Deine Mama kann es doch noch.«
Mit einer Hand zerdrückte sie die weiche Frucht und reichte sie dem Kleinen. Cesare nahm sie gierig an, als hätte auch er gespürt, dass dies keine gewöhnliche Mahlzeit war.
Doch Lisa wusste es besser. Der Nexus schwebte noch einen Moment in der Luft, bis er sich auflöste, ein kaum hörbares Knistern zurücklassend. Sie starrte auf den leeren Fleck, wo er eben noch gewesen war. Die Magie war da, aber sie wusste: Sie war ein zweischneidiges Schwert. Und sie hoffte inständig, dass diese Anwendung der Macht nicht bemerkt worden war.
Endlich etwas gestärkt, setzte sie ihren Marsch fort. Nach etwa einer Stunde schien sie sich verlaufen zu haben. Sie hatte irgendwann eine Abzweigung genommen, die sie für eine Abkürzung hielt und nun irrte sie auf steinigen Bergpfaden umher und fand nicht einmal mehr einen schattigen Platz. Und dann sah sie es. Sie stand auf einem Hügel. Unter ihr fiel die Landschaft ab, ein Pfad wand sich durch das Geröll in das Tal hinunter. Und dort erblickte sie die Bake. Eine gleißende, orangerote Lichtsäule, die sich bis in den Himmel erstreckte.
»Der Marcam«, flüsterte sie ihrem Kind zu. »Kannst du das sehen? Natürlich kannst du das. Alle Fioris können es. Wir sind bald am Ziel.«
Die Landschaft vor ihr begann zu verschwimmen, ein Tanz aus Licht und Schatten. Sie taumelte den Weg hinunter, das Ziel klar vor Augen: Castelpiano. Die Häuser des kleinen Bergdorfes tauchten vor ihr auf, wie aus einer längst vergangenen Erinnerung.
Aus dem Bündel selbst ertönte kein Laut. Lisas Kräfte ließen endgültig nach.
Halb in Trance gewahrte sie die Häuser des kleinen Bergdorfes. Das Ortsschild ›Castelpiano‹ nahm sie kaum mehr wahr. Nur verschwommen registrierte sie hellrote Dächer, knorrige Olivenbäume, die zäh eine ausgedörrte Erdschicht hielten; einfache, alte Gemäuer, klein und ohne Mörtel in den groben Fugen. Dann eine große Tür aus Holz, eisenbeschlagen, deren Glocke ihre kraftlose Hand nicht mehr erreichte, eine rissige Wand, in deren Schatten sie erschöpft niedersank.
Am Abend fand Signora Gaspari sie dort liegen. Die Leiterin des Waisenhauses war eine resolute Frau mit einem Herz für verlorene Seelen. Mit geübtem Blick entdeckte sie das Kind, das Lisa in ihren Armen hielt, und schlug das Bündel vorsichtig auseinander.
«Madre de Dio«, flüsterte sie, als sie das dünne, blasse Gesicht des Jungen sah. Sie rief nach ihrer Nachbarin, damit diese einen Arzt holte, doch sie wusste, dass sie handeln musste.
«Du wirst hier in Sicherheit sein, Kleines,« murmelte sie, während sie den Jungen ins Haus trug.
Erst als sie Lisa vorsichtig Wasser einflößen wollte, bemerkte sie, dass die junge Mutter nicht mehr atmete.
Die Glocke des Waisenhauses ertönte, und der Bergwind trug das düstere Signal durch die stillen Gassen von Castelpiano.
Signora Gaspari faltete Lisas Hände über ihrer Brust und sprach leise ein Gebet. «Möge deine Seele Frieden finden.«
Drinnen begann Cesare zu wimmern, doch sein Laut war nicht der eines gewöhnlichen Kindes. Er vibrierte in der Luft wie ein ferner Akkord.
ERSTER TEIL: 1949 - 1955
«Das Kind betrachtet die Welt mit dem Ernst eines Gottes, der noch nicht weiß, dass er sie erschaffen hat, und in jedem Stein sieht es das Antlitz einer Ewigkeit.«
— Riccardo Bacchelli
1. Der Capitano
In Signora Gaspari heulte eine Sirene. Niemand außer ihr konnte sie hören, aber in ihrem Kopf schrillte sie unablässig, seit der Mann ihr Büro betreten hatte. Es war eine Sirene, die Veränderung schrie, und zwar Veränderung, die sie nicht wollte.
Der Grund für dieses Gefühl saß vor ihr, auf einem Hocker. Der Hocker war niedrig und sollte damit Signora Gaspari die Möglichkeit geben, über ihren Schreibtisch hinweg auf ihren Gesprächspartner herabblicken zu können. Hier half ihr das aber nichts, denn der Mann war ein Sitzriese, dunkelhaarig wie die meisten Italiener, hohlwangig wie so viele in dieser Zeit. Seine Augen hatten den melancholischen und zugleich scharfen Ausdruck, der ihr den Sanguiniker verriet. Irgendetwas an ihm gefiel ihr einfach nicht. Er sah zu gut aus, zu elegant und viel zu … furchtlos. Das war man in diesen Zeiten, kurz nach Kriegsende, einfach nicht gewohnt. Ach, sie hätte gar nicht sagen können, was ihr an dem Mann nicht gefiel. Es war eher das Gegenteil von etwas Sichtbarem: als hätte er die Luft im Zimmer ein wenig verschoben, als hätte er einen Schritt zu weit in ihr Büro gesetzt, ohne es zu merken.
Sie spielte nervös mit ihrem silbernen Brieföffner. Dann ließ sie ihn fallen und griff nach einem Bleistift aus deutsch-ostafrikanischem Zedernholz – eine Hinterlassenschaft aus den Beständen der abziehenden Wehrmacht – und kritzelte etwas auf die Besucherkarte.
»Sie wollen also ein Kind adoptieren, Signor …«, sie sah noch mal auf das vergilbte Papier, »… Capobianco.«
»So ist es«, bestätigte der Mann. Er räusperte sich kurz, trocken, wie ein Automatismus. Signora Gaspari erkannte darin nichts Krankhaftes, eher eine Angewohnheit: ein Griff nach Präsenz. Und genau das missfiel ihr.
Signora Gaspari, die Leiterin des Waisenhauses von Castelpiano, fühlte sich normalerweise jeder Situation gewachsen. Die Erscheinung dieses Mannes jedoch, verwirrte sie. Dabei war sie es nicht gewohnt, verwirrt zu werden. Und es gefiel ihr gar nicht, diesem Mann einen ihrer Schützlinge zu überantworten.
»Und sie leben allein?«
Er nickte. »Spielt das eine Rolle?«
Die Signora antwortete nicht. Sie hielt nichts von alleinstehenden Männern mit Kindern. Kinder brauchten eine Mutter. Aber ihre Meinung war nicht von Belang.
»Was sind Sie denn von Beruf?«
Die Überflüssigkeit dieses Frage- und Antwortspiels war ihr bewusst. Der Mann hatte Geld, dieser Umstand genügte der Kommission. Den Zweiten Weltkrieg hatte man gerade überstanden, und es wimmelte von Obdach- und elternlosen Kindern. Man konnte es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Irgendwann würde sich das alles wieder ändern, aber im Augenblick waren die Bedingungen für Adoptionen nicht sonderlich kompliziert. Vielleicht, so dachte sie in einem Anflug von Bosheit, kann ich ihm diesen dreisten Giorgio unterjubeln, diesen Racker, der mir gestern Holzleim in die Pantinen gekippt hat.
»Ich habe keinen Beruf, ich habe Vermögen«, antwortete Capobianco. » Und ich reise von Waisenhaus zu Waisenhaus, solange bis ich einen Jungen gefunden habe, der mir gefällt.«
»Das klingt, als würden Sie einen ganz bestimmten Jungen suchen?«
»Schon möglich.«
»Ihr Sohn?«
»Nicht zwingend.«
»Aha. Wie haben sie ihn verloren?«
»Der Krieg.«
Für einen Augenblick empfand sie einen Anflug von Mitleid. Ja, der Krieg. Der hatte viele Hoffnungen zunichte gemacht, Familien zerrissen und Perspektiven zerstört. Davon waren selbst reiche Männer aus der Provinz nicht gefeit. Für einen Moment war sie ungehalten auf sich selbst. Was wusste sie schon über diesen Mann? Wie konnte sie davon ausgehen, dass er nicht auch Schreckliches durchgemacht hatte, wie so viele andere? Sie stand auf und blickte den Besucher direkt an.
»Bitte begleiten Sie mich auf den Hof.«
Der Mann folgte ihr durch einen langen, schmucklosen Gang. Rechts führten mehrere Türen in einen Schlafsaal, der jetzt leer war. Die Schritte der beiden klangen hohl auf dem Fußboden. Ein leichter Uringeruch hing in der Luft, durchsetzt vom Salmiakdunst scharfer Desinfektionsmittel. Doch Signora Gaspari nahm das alles schon gar nicht mehr wahr.
Die Treppe, die auf den Innenhof führte, war feucht, denn Desdemona, eine junge Frau mit groben Händen und blutleeren Lippen war damit beschäftigt, sie aufzuwischen. Signora Gaspari sah ihren Besucher von der Seite an. Dazu musste sie den Kopf ebenfalls nach oben drehen, was ihr schon wieder missfiel. Der Mann kniff kurz die Augen zusammen, als er in die Sonne hinaustrat. Dann glitt sein Blick erkundend über die Szene, die sich ihm bot. Signora Gaspari tat es ihm gleich, als hätte sie den Hof noch nie zuvor gesehen. Sie hatte irgendwo gelesen, dass Nachahmung Gemeinsamkeiten schaffen würde. Als könnte sie ihn damit milde stimmen. Warum wollte sie diesen Mann überhaupt milde stimmen? Sie wusste es nicht. Vielleicht, weil die Alarmsirene in ihrem Kopf immer noch keine Ruhe gab.
Es gab einen großen Sandkasten, in dem Kinder spielten; daneben eine zertrampelte Rasenfläche, auf der als einziges Spielgerät eine Schaukel aufgebaut war, die ständig von Kindern umlagert war.
»Wo haben Sie die her?«, fragte Capobianco und deutete auf das quietschende Gerät. »Aus dem Museum?«
»Ein Geschenk der kommunistischen Partei«, erwiderte die Waisenhausvorsteherin.
»Und was sagt der Pfarrer dazu?«
»Den Kindern ist’s gleich, ob die Schaukel rot oder schwarz ist. Die Farbe blättert sowieso schon ab.«
Capobianco nickte bedächtig, als sei dies eine weise Bemerkung gewesen, und setzte sich auf die niedrige Steinbank neben der Eingangstreppe. Er lehnte sich an die Backsteinmauer und schloss halb die Augen.
»Würden Sie die Freundlichkeit haben«, er räusperte sich, »und mich für eine kurze Weile allein lassen, Signora Gaspari?«
Die Frage kam weder in unfreundlichem Ton, noch drückte sie ein ungewöhnliches Verlangen aus, trotzdem brachte sie Signora Gaspari fast auf die Palme.
»Ist gut. Wenn sie ein Kind nach ihrem Geschmack gefunden haben, dann sagen Sie mir Bescheid, damit ich’s Ihnen einpacken kann.«
Mit dieser ätzenden Bemerkung drehte sie sich auf dem Absatz um, erklomm die Stufen ins Hauptgebäude und marschierte mit ihren klappernden Holzschuhen durch den Gang zurück. Kurz vor ihrer Bürotür machte sie halt und überlegte. Warum reagierte sie so? Es war doch nicht das erste Mal, dass Ehepaare kamen, um Kinder zu adoptieren. Und das war stets ein Grund zur Freude, denn welches Kind wollte schon gern seine Kindheit und Jugend in einem Waisenhaus verbringen? Signora Gaspari streckte die Arme aus und lehnte sich gegen die Wand, schwer atmend. Sie dachte fieberhaft nach: Was störte sie an dem Mann? Sein Geld? Nein. Seine Eleganz? Warum denn? Dass er alleinstehend war? Nicht in diesen Zeiten.
Bis sie die Erkenntnis wie ein Blitzschlag traf: Der Ausdruck in seinen Augen, diese schläfrige Sicherheit, diese völlige, in sich ruhende Furchtlosigkeit, erinnerten sie an… Cesare. Cesare Fleurissen. Den Jungen, den sie auf keinen Fall gehen lassen wollte.
Die Sirene in ihrem Kopf gab endlich Ruhe. Nun kannte sie die Gefahr. Nur – was sollte sie dagegen unternehmen? Wenn dieser Mann Cesare adoptieren wollte, hätte sie schon eine Flut von Ausflüchten finden müssen, um das zu verhindern. Sie konnte der Kommission schlecht sagen, dass ihr die Augen des Mannes nicht gefielen. Und ehrlich zuzugeben, wie es um sie stand, nämlich dass sie Cesare am liebsten niemandem überlassen würde, konnte sie ebenfalls nicht zugeben. Denn dies hätte man als höchst unprofessionell erachtet, und ihre Stellung zur Disposition gestellt. Warum hatte sie ihn nicht selbst adoptiert, als es noch möglich gewesen wäre? Aus den gleichen Gründen: Es hätte unprofessionell gewirkt. Aber es wäre ihr auch nie in den Sinn gekommen, dass sich jemand ernsthaft für Cesare interessieren könnte. Bis heute.
Ich muss ihn fernhalten, schoss es ihr durch den Kopf. Ihn einfach verstecken, irgendwo, wo dieser Mann nicht hinkommt.
Das klang nach einem Plan. Jetzt musste sie den Jungen nur noch finden. Sie musste nicht lange suchen, denn einige spitze Schreie, die nur aus dem Mund der kleinen Sharah kommen konnten, führten sie in den Schlafraum für Kinder unter zehn. Cesare und Sharah sassen auf einem Bett und spielten Fingerklatschen. Die Signora beobachtete sie erst eine Weile durch die Tür, bevor sie den Raum betrat. Cesare und Sharah hatten beide die Finger ausgestreckt in Brusthöhe. Cesare war wohl dran, denn er patschte Sharah blitzartig auf die Finger. »Autsch!«, schrie die Ältere von beiden, hielt aber tapfer die Finger wieder hin. Wieder schlug Cesare zu und erwischte sie mühelos. Dann liess er die Hände sinken. »Du bist dran«, sagte er leise.
»Aber du hast mich erwischt!«, widersprach Sharah.
»Nur ganz leicht mit den Spitzen, das zählt nicht«, erwiderte der Junge.
»Na gut«. Sie hielten wieder die Hände in Brusthöhe. Sharah schlug zu. Und verfehlte ihn, denn er wich mit traumhafter Sicherheit aus.
»Du bist noch dran«, sagte er. »Du hast mich ganz leicht erwischt.«
»Aber eben hast du gesagt, das zählt nicht«, widersprach das Mädchen.
»Bei dir zählt es.«
»Das ist unfair, los hau mir auf die Hand!«
Bevor Sharah blaue Finger bekam, schritt die Signora ein. »Kommt ihr Beiden, wir helfen Violetta in der Waschküche, was haltet ihr davon?«
»Au ja«, rief der blonde Junge. »Können wir dann wieder Wäscheraten spielen?«
Die Signora lächelte. »Ja, das können wir. Kommt.« Sie streckte die Hände aus und beide Kinder ergriffen je eine davon. Die Waschküche war ein guter Ort. Dort würde der Fremde sicher nicht hingehen, denn es handelte sich um einen Bereich, der nur dem Personal vorbehalten war. Sie ging einfach davon aus, dass er diesen Umstand respektieren würde. Hoffentlich.
Capobianco saß lange auf der Bank und schien der Vielzahl an Geräuschen zu lauschen, die den Hof erfüllten: dem Kinderlärm, dem hölzernen Klappern der Waschmaschine, dem Scheuern der Stahlbürste auf der Treppe. Doch das täuschte. Er wusste, dass die Signora etwas vor ihm verbarg.
Er öffnete die Augen und blickte die Frau an, die auf den Fliesen herum schrubbte. Sie hielt kurz inne und erwiderte den Blick. Capobianco gewahrte den schläfrigen Ausdruck einer Schwachsinnigen. Er wischte sich über die Stirn, als wollte er eine Erinnerung vertreiben, und stand auf.
Das Gelände des Waisenhauses war übersichtlich. Es gab ein Hauptgebäude, in welchem die Schlafsäle sowie das Büro untergebracht waren. Dann einige Nebengebäude, eines für die Küche und den angrenzenden Speisesaal und dann noch ein kleinerer windschiefer Flachbau, der wohl erst kürzlich errichtet worden war. Einige Zementsäcke, eine Leiter und ein Eimer mit Verputzwerkzeugen standen noch neben der Eingangstür. Zwischen den beiden Nebengebäuden spannten sich Wäscheleinen, an denen diverse bunte Kleidungsstücke im Wind flatterten. Ein altes Weiblein war emsig damit beschäftigt, weitere Wäsche aufzuhängen, während ihr ein kleines bezopftes Mädchen geduldig dabei half, indem sie ihr die Wäscheklammern reichte. Dieses Bild war so friedlich und idyllisch, dass er eine Weile nur so dastand und den Eindruck in sich aufsog. Er machte unwillkürlich ein paar Schritte auf sie zu, als er einen kleinen spitzen Schrei aus dem Flachbau hörte. Es klang nach einem kindlichen Entzückensschrei, nicht bedenklich oder gar bedrohlich. Da drin hatten offenbar ein paar Kinder Spass – Grund genug für ihn, seine Schritte dorthin zu lenken. Das Klappern der Waschmaschine wurde lauter.
Er erreichte die Waschküche und sah durchs Fenster hinein. Die Scheiben waren von innen leicht beschlagen und von außen fleckig, trotzdem konnte er gut erkennen, was im Inneren vor sich ging. Das Fenster war gekippt, so dass er auch recht gut hören konnte, was gesprochen wurde.
Eine hochgewachsene Frau war damit beschäftigt, die hölzerne Trommel mit einer Kurbel zu drehen, was eben jene Klackergeräusche hervorrief. Eine andere Frau sortierte Wäschestücke, während Signora Gaspari mit einem blonden Jungen und einem dunkelhaarigen Mädchen ein eher seltsam anmutendes Spiel zu spielen schien. Der Junge mochte fünf bis sechs Jahre alt sein und das Mädchen war vielleicht ein wenig älter. Dem Jungen waren die Augen verbunden. Die Signora und das Mädchen hielten abwechselnd Wäschestücke hoch. Jetzt deutete der Kleine mit dem Zeigefinger auf das Wäschestück, welches die Signora ihm entgegenhielt:
»Blau. Das ist der Valeria ihr Kleid.«
»Cesare weiß alles! Cesare weiß alles!«
Das Mädchen tanzte im Raum herum und klatschte in die Hände.
»Sei still Sharah«, zischte die Signora. Dabei blickte sie ängstlich zur Tür. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Kindern zu.
Der Junge deutete auf das andere Wäschestück in Sharahs Händen:
»Gelb. Das gehört der kleinen Sharah.«
»Sharah ist gar nicht klein!«, rief das Mädchen. »Sharah ist viel älter wie du!«
Capobianco trat vom Fenster zurück und schloss kurz die Augen. Er fühlte sein Herz schneller schlagen. Sollte er das wirklich sein? Nach all den Jahren der Suche?
Wieder blickte er durch das Fenster. Offenbar hatte man ihn noch nicht bemerkt. Das Spiel ging weiter. Stets erriet der Junge mit traumwandlerischer Sicherheit, wem die Kleidungsstücke gehörten. Vieles davon konnten Zufallstreffer sein. Der geschulte Verstand Capobiancos wusste, dass eine Quote von 30 Prozent normal war, eine von 50 schon mehr als ungewöhnlich. 70% wäre phänomenal und würde jeden Parapsychologen in Entzücken versetzen. Aber 100 Prozent? Das konnte nur eines bedeuten.
Capobianco trat ein. Die Signora erstarrte.
Der Junge nahm die Augenbinde vom Kopf und sah den Fremden an, der ihn stumm fixierte.
»Du erkennst die Wäsche, obwohl du eine Binde trägst?«, fragte Capobianco, nicht unfreundlich, sondern interessiert.
Der Kleine nickte. Jetzt lächelte der Mann, als hätte er ein verlegtes Schmuckstück wiedergefunden.
Die Signora riss sich aus ihrer Starre, stand auf und nahm die Kinder an der Hand. Sie drängte sich an Capobianco vorbei, die beiden Kinder hinter sich herziehend. An der Tür blieb sie stehen.
»Wenn Sie ein Kind gefunden haben, dann melden Sie sich bitte in meinem Büro. Ansonsten wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich auf die für Besucher vorbehaltenen Räume beschränken würden!«
Cesare, immer noch die Augenbinde in der Hand, reichte diese dem Fremden.
»Da«, sagte er freundlich, aber ohne ein Lächeln.
Capobianco nahm die Augenbinde an sich und betrachtete sie interessiert, als berge sie ein Geheimnis.
Die Signora und die Kinder waren noch nicht ganz zur Tür hinaus, da sagte er leise, aber deutlich hörbar:
»Bemühen Sie sich nicht weiter, Signora Gaspari. Ich komme gleich zu Ihnen. Inzwischen würden Sie bitte veranlassen«, – wieder dieses Räuspern –, »dass man die Sachen des Jungen zusammenpackt.«
Die Signora schwieg und presste die Lippen aufeinander. Dann setzte sie ihren Weg fort, ohne sich umzudrehen oder durchblicken zu lassen, dass sie verstanden hatte.
Signora Gaspario saß wieder hinter ihrem Schreibtisch. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wollte den Mann am liebsten einfach hinauswerfen, doch sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Die Macht, die dieser Mann ausstrahlte, war nicht greifbar, aber sie war da, in jedem seiner Worte, in jeder seiner Bewegungen.
Sie presste die Augen zusammen und murmelte ein Gebet, das sie schon lange nicht mehr gesprochen hatte.
«Lieber Gott«, flüsterte sie, «lass diesen Jungen nicht verloren gehen.«
In diesem Augenblick betrat Capitano Capobianco erneut ihr kleines Büro. Diesmal setzte er sich nicht auf den Hocker. Er lehnte sich, die Arme vor der Brust verschränkt, an die Fensterbank. Signora Gaspari spießte Notizblätter mit dem Brieföffner auf.
»Seit wann ist er hier?«, fragte Capobianco.
Die Signora zögerte. Das war gründlich schiefgelaufen. Nicht nur, dass dieser Mann ihren besonderen Schützling entdeckt hatte, er wusste jetzt auch noch von der besonderen Begabung des Jungen. Das konnte gut oder schlecht sein, sie wusste es nicht. Sie wollte in jedem Fall verhindern, dass irgendein geldgieriger Tyrann ihren Liebling zur Jahrmarktsbelustigung machte. So sah dieser Mann zwar nicht aus, aber sie wusste einfach zu wenig über ihn.
»Schon lange«, antwortete sie endlich. »Es sind gut fünf Jahre vergangen, seit wir ihn gefunden haben. Er war damals nicht älter als zwölf Monate.«
»Wo hat man ihn gefunden?«
»In den Armen seiner Mutter«, kam bitter die Antwort. »Sie war schon tot, als wir sie fanden. Nun ja… Fast… sie starb unmittelbar danach.«
»Wissen Sie wer sie war?«
»In ihren Papieren war nur der Vorname noch lesbar: Lisa. Der Nachname war nicht mehr zu entziffern. Der Fetzen war völlig aufgeweicht.«
Als sie den Namen Lisa erwähnte, glaubte sie eine Regung im Gesicht des Mannes zu sehen. So als würde er sich erinnern. Doch seine Gesichtszüge verschlossen sich sehr schnell wieder und er fragte sachlich:
»Von wo kam sie?«
Die Signora lehnte sich zurück und blickte versonnen aus dem Fenster.
»Das weiß niemand genau.«
Aber Signora Gaspari ahnte, dass sie nur aus Florenz gekommen sein konnte. Ihre Kleidung war ganz und gar städtisch gewesen, wenn auch zerrissen und verlumpt. Und da Florenz die einzige Stadt in der Nähe war, war das ihr Resümee. Und Lisa musste ihrer Meinung nach einer der vielen Flüchtlinge gewesen sein, die damals aus der Großstadt vor den Bombenangriffen der Alliierten aufs Land flohen.
Die Signora hatte eine deutliche Vorstellung davon, wie die letzten Tage dieser Frau gewesen sein mussten.
»Hat sie denn niemand auf ihrem Weg hierher gesehen?«, riss Capobianco sie in die Gegenwart zurück. »Warum ausgerechnet Castelpiano?«
»Niemand hat sie gesehen«, antwortete die Signora wider besseren Wissens. »Und warum nicht Castelpiano? Das Waisenhaus war damals auch ein Notlager für Viele, nicht nur für Kinder. Es ist eigentlich ziemlich logisch, dass sie hierher wollte.«
Signora Gaspari dachte an Theresa Felicetta, jener Marktfrau aus Cantagallo, die Lisa und den Kleinen ein Stück auf ihrem Wagen mitgenommen hatte. Und sie war es gewesen, die Lisa von dem Haus in Castelpiano erzählt hatte. »Sie hat vor Irgendetwas furchtbare Angst gehabt, Signora Gaspari«, hatte die Felicetta mehrmals gesagt. »Wie die immer nach hinten geschaut hat, und das Kleine Wurm an sich gedrückt. Grad so, als hätt’ Sie ihn vor was Schlimmem schützen woll’n, das arme Ding.« Warum die Signora diese Information verschwieg, konnte sie selbst nicht sagen. Es war ihr einfach danach.
»Signora Gaspari«, wiederholte Capobianco. »Woher kam sie?«
Signora Gaspari schreckte hoch. Capobianco war dicht an ihren Schreibtisch herangetreten. Sie hatte es kaum bemerkt.
»Woher soll ich das wissen? Wahrscheinlich aus Florenz, wie die meisten, die’s damals aus den Städten aufs Land trieb. Sie musste früher eine sehr schöne Frau gewesen sein, das konnte ich sehen, als sie vor meiner Tür lag. Eine sehr schöne Frau.
»Sind Sie da ganz sicher? Eine schöne Frau?«
Signora Gaspari sah ihn trotzig und erschrocken zugleich an. Woher sollte er wissen ….?
»Ich sagte WAR. Dass sie sicher eine schöne Frau gewesen WAR.«
»Warum? War sie es denn nicht, mehr, als Sie sie sahen?«
»Nein. Beim besten Willen nein. Das konnte man nicht mehr behaupten.«
»Warum? Was war mit ihr?«
So sehr Signora Gaspari sich sträubte, ihr Wissen preiszugeben, so sehr witterte sie dennoch plötzlich eine Chance, wie sie Cesare vielleicht dabehalten konnte. Deshalb sagte sie ihm die Wahrheit:
»Sie war entstellt. Ihr Gesicht war von Ekzemen überwuchert. Der Arzt sprach von einer Krankheit …«
»Eine Krankheit? Welche Art Krankheit?«
»Ein komplizierter lateinischer Name, den ich mir nicht merken konnte. Aber er sagte auch, dass die Krankheit vielleicht erblich war. Vielleicht hat Cesare sie auch.« Sie hoffte ein wenig, dass ihn dies jetzt vielleicht beunruhigen oder gar abschrecken könnte.
»Bestimmt hat er sie«, erwiderte Capobianco ruhig.
Die Signora schwieg. Diese Bemerkung war überaus rätselhaft. Der Mann wusste eindeutig mehr, als er zu erkennen gab.
Es klopfte an der Tür. Valeria, eine kleine, grauhaarige Frau trat ein. Sie trug ein buntes Kopftuch. Die Lachfältchen um ihre schwarzen Knopfaugen verrieten ein heiteres Gemüt.
»Der Junge ist soweit, Signora«, sagte sie freundlich. »Soll er ’reinkommen?«
»Danke Valeria«, antwortete die Signora. »Aber Du solltest besser mit ihm draußen warten, bis ich euch rufe.«
»Wie Sie meinen, Signora«, sagte Valeria und wandte sich zum Gehen. Bevor sie die Tür wieder schließen konnte, sagte Capobianco sanft:
»Verzeihen Sie, Valeria, Sie kennen den kleinen Cesare gut?«
»Nun«, antwortete Valeria, während sie den Mann gründlich, aber nicht ohne Wohlwollen musterte. »Niemand kennt ihn so recht. Aber ich beobachte ihn schon lange. Wird er es gut bei Ihnen haben?«
»Dafür verbürge ich mich.« Capobianco sah ihr gerade in die Augen.
»Signora Gaspari«, Er sprach, ohne den Blick von Valeria zu nehmen. »Gestatten Sie mir, an Signora Valeria einige Fragen zu stellen?«
Die Signora zuckte mit den Achseln.
»Wenn’s denn sein muss.« Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Doch sie war aufgewühlt. Hoffentlich fing Valeria nicht wieder das Schwärmen an, was sie oft tat, wenn von Cesare die Rede war. Und das konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen.
Capobianco zog die alte Frau ganz in das Büro und schloss die Tür. Er bot ihr den Hocker der Signora an, doch Valeria verzichtete. Also setzte er sich selbst darauf.
»Erzählen Sie mir die ganze Geschichte. Wie sie die Mutter mit ihrem Kind fanden, und was danach geschah. Auch die letzten fünf Jahre des Jungen. Ich möchte wissen, was euch so stark an ihn bindet.«
Die Alte warf einen kurzen Seitenblick auf die Signora, machte eine vage Handbewegung, so als bäte sie um Verzeihung, und sprach dann:
»Die Signora fand sie vor dem Portal. Sie entdeckte das Kind, brachte es ins Haus, rief nach mir, damit ich einen Arzt holen ging, und kümmerte sich dann um die Mutter. Als ich kurze Zeit später mit Dottore Varegho zurückkam, da hatte die Signora die junge Frau auf das Sofa im Besucherzimmer gebettet. Da war sie aber inzwischen schon tot.«
Valeria stockte kurz. Als sie fortfuhr, hatte ihre Stimme einen träumerischen Klang.
»Diese Frau, wissen Sie Signore, sie hatte das Antlitz einer Heiligen, obwohl es doch klar ist, dass… sie die letzten Monate ihres Lebens bestimmt als Kriegshure verbracht hat.«
»Warum denken Sie das?«, fragte Capobianco.
Valeria zuckte mit den Achseln.
»Ich denke es mir, weil sie so aussah.«
»Wie sah sie aus?« Capobianco war aufgestanden und machte einen Schritt nach vorn. Valeria wich zurück, doch da war nur noch die Tür.
»Sie war entstellt, Signore. Verstehen Sie, was ich meine? Diese Art von Entstellung…«
Capobianco sah zu Signora Gaspari hinüber.
»Teilen Sie diese Ansicht, Signora Gaspari? Dass die Entstellungen der jungen Mutter von Geschlechtskrankheiten herrühren könnten?«
Die Signora schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Das ganz sicher nicht«, sagte sie langsam.
Capobianco nickte. Er sah wieder Valeria an.
»Vergessen Sie das mit der Kriegshure«, sagte er hart. »Bitte fahren Sie fort.« Er ging wieder zum Fenster und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Fensterbank.
Etwas stockend nahm Valeria ihre Erzählung wieder auf.
»Der Dottore untersuchte die Tote sehr gründlich, und dann kam er zu dem Schluss, dass sie nicht allein an der Erschöpfung gestorben sein konnte. Er sagte, dass sie wie innerlich ausgebrannt wirkte. Wie er darauf kam, kann ich mir bis heute nicht erklären. Aber die Signora sagte …« Wieder blickte Valeria zu Signora Gaspari hinüber. Diese hielt den Kopf gesenkt und fixierte einen imaginären Punkt auf ihrer grünen Schreibunterlage.
»Die Signora sagte, die Frau hätte dem Jungen ihr Leben gegeben, doch Dottore Varegho wollte davon nichts wissen.«
Valeria lächelte und blickte Capobianco in die Augen.
»Ihr Männer versteht so etwas nicht, aber wir Frauen aus den Bergen sind von einem anderen Schlag. Bei uns geschehen oft seltsame Dinge, wenn sie verstehen, was ich meine, Signore.«
»Ich verstehe sehr gut, was sie meinen, Valeria«, antwortete Capobianco. »Weiter, bitte.«
Valerias Ton war jetzt sachlicher, und sie sprach rascher.
»Er gab uns einige Aufbaumittel für das Kind und stellte einen Totenschein aus. In ihrem Bündel fand sich außer Seife und einem Kreuz noch eine alte Identitätskarte, ausgestellt vom amerikanischen Stadtkommandanten von Florenz. Sie war fast unleserlich, nur der Vorname ›Lisa‹ war gut zu lesen. Dottore Varegho glaubte als Nachname ›Fiore‹ zu lesen. Wir waren anderer Meinung, aber was zählt schon unsere Meinung gegen die eines gebildeten Mannes? Außer dieser Karte fanden wir noch ein Kuvert, ohne Inhalt und ohne Marke. Aber ein Name stand vorn drauf, in zierlichen Buchstaben: Cesare Fleurissen. So nannten wir den Jungen, und so wurde er im Register auch eingetragen. Das war sicher nur ein Schuss ins Blaue, denn der Briefumschlag konnte ja wer-weiß-was bedeuten. Aber wir gingen einfach mal davon aus, dass er an den leiblichen Vater des Jungen gerichtet war – das war das einfachste für uns. Sicherheitshalber haben wir ihn bei Padre Thomasio dann noch taufen lassen, denn man konnte ja nicht sicher sein, dass dies schon geschehen war. Man überließ es der Signora und mir, über die weitere Zukunft des Kindes zu befinden, und was sollte man anderes tun, als es hier im Waisenhaus zu behalten?«
Hier machte Valeria eine Pause und setzte sich nun doch auf den Schemel. Dadurch rückte sie näher an Capobianco heran, der ruhig von der Fensterbank zu ihr herüberblickte.
»Es war ein Glück, dass es Sharah gab«, fuhr die Alte fort. »Cesare weinte die ersten Tage und Nächte, und reagierte nicht auf unsere Bemühungen, zu ihm zu sprechen. Sicher, er war sehr klein, aber trotzdem vermuteten die andern, dass er, nun..wie soll ich es sagen … zurückgeblieben sein könnte, Sie verstehen? Aber er ist alles andere als das. Sharah kümmerte sich besser um ihn, als eine Mutter das gekonnt hätte. Dabei ist sie nur ein kleines Mädchen. Aber sie hat einen guten Instinkt und…sehr viel Liebe. Vielleicht sollten Sie sie beide nehmen, aber das wollen Sie sicher nicht.«
Sie sah Capobianco hoffnungsvoll an, doch dieser gab keine Antwort. Dann redete sie weiter:
»Wir nennen sie ›i gemelli‹, weil sie immer nur zusammenstecken. Den beiden geht es gut miteinander. Und das Haus sorgt für sie. Man sagt viel Schlechtes über Waisenhäuser, aber dieses ist ein gutes, das können Sie glauben. Die Jahre gingen dahin. Unsere kleine Gemeinde kam wieder zu Kräften und die Region erholte sich. Es gab keine Amerikaner mehr und wieder genug zu essen, es gab bezahlte Arbeit. Cesare wurde drei, vier oder fünf Jahre alt, so genau wissen wir das ja nicht.  Er ist ein unglaublich kluges Kind – er kann schon seit zwei Jahren lesen und schreiben, und er löst mir immer meine Kreuzworträtsel.«
»Er löst Kreuzworträtsel?«, unterbrach sie der Mann. »Wie ist das möglich? Um das zu bewerkstelligen benötigt man einen gewissen Grad an Bildung. Woher hat er die in diesem Alter?«
»Nun, er liest viel«, antwortete Valeria zögerlich. »Erwähnte ich schon, dass er schon seit zwei Jahren liest und schreibt? Er ackert unsere kleine Bibliothek durch, daher weiss er schon eine Menge.«
»Erstaunlich«, murmelte Capobianco. »Erzählen Sie weiter. Gibt es Verhaltensauffälligkeiten?«
»Jetzt, wo Sie fragen«, fuhr die Alte fort. »Sein Verhalten entwickelt sich tatsächlich eigenartig, denn er sondert sich von den anderen Kindern ab. Sein einziger Kontakt ist Sharah. Aber glauben Sie nicht, er sei arrogant oder verschroben. Er ist sehr freundlich zu jedermann, aber außer mit Sharah will er mit niemandem zu tun haben. Und merkwürdigerweise nimmt ihm das keiner übel. Er spielt selten mit andern Kindern, aber dafür wird er nicht verachtet. Es ist sogar so, dass ihm die andern Kinder mit Respekt gegenübertreten, vor allem die älteren. Manchmal bietet einer von ihnen Cesare ein Stück Fleisch von seinem Teller an oder bastelt ihm ein Spielzeug. Das nimmt Cesare dann freundlich lächelnd an, verbuddelt es unter seinen Sachen und holt es nie mehr hervor. Also, bis auf das Fleisch natürlich … das isst er.«
Valeria lächelte, als sie das sagte.
»Warum tun die andern Kinder das?«, fragte Capobianco leise. Valeria antwortete nicht. Signora Gaspari sah ihn regungslos an. Dann antwortete sie an Valerias Stelle:
»Das müssen Sie schon selbst herausfinden, Signor. Warum wollen Sie ihn denn unbedingt haben?«
Capobianco verfiel wieder in seinen kühlen Ton:
»Das, werte Signora Gaspari, geht nur mich etwas an.«
Die Signora schüttelte den Kopf.
»Ich wollte Ihnen nicht zu Nahe treten, Signor Capobianco. Aber vielleicht haben Sie schon bemerkt, dass uns an dem Jungen liegt. Wir lieben natürlich alle unsere Kinder aber … Cesare ist etwas Besonderes.«
»Ich weiß«, erwiderte Capobianco. »Glauben Sie mir, ich verstehe das besser, als jeder andere. Und gerade deshalb braucht er besonderen Schutz.«
»Warum sollten Sie ihn besser schützen können, als wir? Vielleicht sollten Sie sich die Sache noch einmal überlegen. In Ihrem Interesse, wie in dem des Jungen. Schließlich geht es ihm gut hier.«
»Sie wissen nicht wovon sie reden, Signora«, antwortete Capobianco, »dafür können Sie nichts. Umso größer ist meine Verantwortung, denn ich weiss umso mehr.«
Signora Gaspari senkte den Blick. Sie wusste, dass sie Cesare verloren hatte. Nichts konnte diesen Mann davon abhalten, ihn zu sich zu nehmen. Doch die letzten Worte des Mannes gaben ihr zumindest das Gefühl, dass er wusste, was er tat. Sie hoffte es sehr.
Für Sharah war der plötzliche Weggang des ›Bruders’ eine Katastrophe. Es nützte nichts, dass man versuchte, ihr klarzumachen, wie wenig verwandtschaftliche Beziehungen zwischen ihr und Cesare bestanden und wie glücklich dieser sich schätzen konnte, ein Heim gefunden zu haben.
Tagelang lag sie in ihrem Bett, weigerte sich, aufzustehen und aß nichts. Die folgenden Wochen weinte sie meist still vor sich hin. Die Signora tat alles, um ihren Schmerz zu lindern.
»Ich werd’ ihn suchen, wenn ich groß bin«, sagte sie ernst. »Und ich werd’ ihn auch finden. Und diesen bösen Mann, den werd’ ich dann..«
»Was wirst Du mit ihm tun? Woher willst du wissen, dass er böse ist?«, fragte Signora Gaspari streng.
»Gar nichts«, erwiderte Sharah und biss sich auf die Lippen. Doch in ihren Augen stand deutlich geschrieben, was sie dachte.
»An so was darfst Du gar nicht denken, Sharah«, ermahnte sie die Signora. »Nicht mal denken, hörst Du?«
»Ich kann denken was ich will. Und ich tu was ich will!«
Nichts half, außer der Zeit und die scheinbare Vergesslichkeit der Kinderseele. Sharah wurde ruhiger – zumindest sah es danach aus, und der Alltag normalisierte sich. Irgendwann wurde das Mädchen dann von einem Ehepaar aus Mailand adoptiert und Castelpiano sah sie nie mehr wieder.
Aber Sharah vergaß ihren ›Bruder‹ nicht.
Und Signora Gaspari? Sie saß oft an ihrem Schreibtisch und starrte ins Leere. Und dachte dabei an die kleine, schwarze Schachtel mit den seltsamen Symbolen und Schriftzeichen darauf. Man hatte sie bei Lisa gefunden, versteckt in der abgegriffenen Bibel, die sich in ihrem schmutzstarrenden Bündel befunden hatte. Wie wertvoll musste ein Gegenstand sein, dass man dafür eine Bibel zerschnitt? Für die Menschen dieser Region stellte dies ein ungeheures Sakrileg dar.
Die Signora verstand nicht viel von Symbolismus und solchen Dingen, und sie hielt auch nicht viel davon. Aber diese Zeichen auf der Schachtel hatten etwas Bedrohliches. Sie war froh, dass sie der Versuchung widerstanden hatte, Capobianco diese Schachtel auszuhändigen. Niemand würde sie vor der Zeit öffnen. Außer Cesare selbst.
Das Domizil Capobiancos war eine Villa, südlich von Florenz, im Elsatal, nahe dem Dorf Nevicata, was ›Schneefall‹ bedeutet. Die Villa war zwar groß und alt, und wurde von den Bewohnern des Dorfes ›das Schloss’ genannt, obgleich die Dimensionen nicht annähernd die eines Schlosses erreichten. In garibaldinischen Zeiten hatte man in und um das »Schloss« eine republikanische Garnison einquartiert; seitdem nannte man den jeweiligen Besitzer ›Capitano‹. Capobianco hatte sich an diese Bezeichnung so gewöhnt, dass er sie quasi als Vornamen verwendete.
Wie man einen unter der Sonne Italiens brütenden Ort ausgerechnet Nevicata nennen konnte, war Gegenstand einiger Sagen und Mythen, die man auch in der gut sortierten Bibliothek des Schlosses nachlesen konnte. Die meisten hatten die Zauberkünste des Capobianco Geschlechts zum Thema. Doch die moderne Wetterkunde führte den Namen auf den Winter des Jahres 1565 zurück, als halb Europa in einer kleinen Eiszeit erfror.
Jenes »Schloß« zu Nevicata wurde in der letzten Generation von zwei Brüdern bewohnt, von denen einer, Prospero, seine Cousine Celestina heiratete und Capobiancos Vater wurde. Capobianco lebte jedoch nur bis zu seinem zwölften Lebensjahr mit seinen Eltern zusammen, denn diese verlagerten ihren Wohnsitz eines Tages überraschend nach Florenz. Capobianco wuchs dann – auf eigenen Wunsch – weiter unter der Obhut des Onkels auf, der das Schloß verließ, als Capobianco volljährig war. Im Dorf wurde darüber viel gemunkelt, und haarsträubende Thesen wurden formuliert: Die Brüder hätten sich heillos zerstritten, die Frau hätte sie entzweit, der Junge sei gar nicht der Sohn Prosperos … Und so weiter. Bestätigt wurde davon nichts, denn die Familie schirmte ihr Privatleben seit jeher hermetisch ab.
Den Ruch »giochi di prestigio« also Zauberei, zu beherrschen, hatten die Capobiancos seit Generationen. Auch dies wurde je, weder dementiert, noch bewiesen.
Der Capitano ließ sich selten im Ort blicken. Einkäufe tätigte er selten, er ließ sich meist beliefern. Natürlich gab es viel Gerede in dem kleinen Dorf und es war klar, dass man die Ankunft Cesares in Nevicata als eine kleine Sensation aufnahm.
Das Schloss hatte seit dem Verschwinden von Capobiancos Eltern kein weibliches Wesen gesehen. Ein Umstand, den Signora Gaspari als betrüblich erachtete, denn sie bestand darauf, dass Cesare ein Kindermädchen haben sollte, und zwar eines, welches sie, Signora Gaspari persönlich ausgesucht hatte. Auf diese Weise kam Violetta ins Haus, ein sanftes, etwas molliges Geschöpf, das sich ganz in seiner Aufgabe gefiel, niemals Geschichten machte und ein ruhiges Dasein fristete.
»Wenn Sie sich jedoch entschließen könnten, eines Tages zu heiraten … », hatte die Signora zu Capobianco gesagt, doch er hatte nur mit einer unwirschen Handbewegung geantwortet.
»Wenn Sie keinen Wunsch mehr haben, werde ich jetzt ebenfalls zu Bett gehen, Capitano.«
Violetta stand unsicher in der Tür zum Salon und drehte an den Enden ihrer Schürze.
»Schläft der Kleine?«
»Si, Signore, er schläft tief und fest.«
Sie knickste und zog sich zurück. Der Capitano wandte sich wieder dem Kaminfeuer zu.
Mit einer raschen Bewegung schüttete der Capitano Sand auf die Flammen, das Feuer erstarb. Er trat auf die Veranda hinaus. Das Schloss lag im Dunkel. Nur durch das Fenster der Signorina Violetta drang noch ein schüchterner Strahl. Die Bäume des Gartens traten als scharfe Silhouetten gegen das schimmernde Licht des Mondes hervor. Capobiancos Blick wanderte hoch zum Fenster, hinter dem der Junge schlief.
Die Andeutung eines grimmigen Lächelns umspielte seine Züge.
»Ich wusste ja«, flüsterte er rau, »dass ich Dich eines Tages finden würde.«
ooOoo
2. Die Tür zur geheimen Welt
Cesare zeigte weder besonderes Interesse an der Schule, noch eine Abneigung dagegen, es schien ihm herzlich egal zu sein. Die meiste Zeit verbrachte er ohnehin zu Hause über Abenteuerromanen, aber auch Büchern, die seinem Alter keineswegs entsprachen, wie zum Beispiel die Werke Bacchellis, Jack Londons und Tolstoi. Seine Lehrer bemerkten schnell, dass Cesare unterfordert war. Er glänzte in fast allen Fächern und zeigte sogar im Sportunterricht gute Leistungen; er war wendig und schnell, seine Auffassungsgabe war bemerkenswert. Oft mussten Lehrer ihm eine Sachlage nur ansatzweise erklären, da drehte er sich entweder auch schon um mit den Worten »Habe verstanden« oder er fragte so lange nach, bis auch die klügsten Lehrer keine Antworten mehr hatten.
Die meiste Zeit verbrachte er jedoch in der geheimen Bibliothek im tiefsten Kellergeschoss der Villa. Dort las er Bücher, von deren Existenz die wenigsten Menschen überhaupt Kenntnis hatten. Der Capitano bemerkte das natürlich, doch er unternahm nichts dagegen. Er machte allerdings auch noch keine Anstalten, dem Jungen die seltsamen Inhalte erklären zu wollen. Er ließ ihn einfach gewähren.
Sowohl die Lehrer als auch Violetta befürchteten, Cesare könnte wegen seiner Klugheit als Streber gehänselt und ausgegrenzt werden, nur der Capitano zeigte dahingehend keinerlei Besorgnis.
»Macht euch keine Sorgen, der Racker wickelt alles und jeden um den Finger, nur mich nicht«, war stets seine Antwort, wenn die Sprache darauf kam. Und es stimmte: Cesare hatte keine Feinde. Allerdings hatte er auch keine wirklichen Freunde oder Spielgefährten. Fast schien es, als wäre Cesare seinen gleichaltrigen Mitschülern unheimlich.
So verliefen die Tage ruhig auf Schloss Nevicata. Capobianco war ein Sonderling, Cesare schien es ebenfalls zu sein, und so gestaltete sich das Zusammenleben harmonisch.
Cesare war ungefähr elf Jahre alt, als sein Interesse an seiner Herkunft erwachte. Nur leider konnte ihm sein Ziehvater darüber wenig sagen, oder wollte es auch nicht.
Die Folgen dieses Interesses zeigten sich erstmals an einem warmen Montag des beginnenden Frühlings. Capobianco streifte durch den verwilderten, von Zypressen gesäumten Schlosspark und folgte dem Weg, der einen kleinen Hang hinauf führte. Dort, unter den tiefhängenden Zweigen einer Olive saß Cesare.
Andächtig schaufelte der Junge Erde auf den Leichnam einer Taube. Er hatte zwei Stunden vor dem Erdloch gesessen, welches er für das Tier gegraben hatte, bis die Kerzen abgebrannt waren. Beim Spielen im Garten hatte er das Tier entdeckt und sogleich bemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmen konnte. Er war mit der Taube zu Daniele, dem indischen Gärtner gelaufen, doch der hatte nur gesagt, dass sie sterben müsse. Ihre Zeit sei abgelaufen; er sollte sie ›hinüber geleiten‹ und ihr dann ein kleines Grab geben.
Das tat er jetzt, gewissenhaft und mit kindlichem Ernst.
»Vogel, kleiner Vogel«, sagte er leise, » bist du jetzt da, wo meine Mama ist?« Sachte trat der Capitano hinter ihn:
»Wenn Tiere und Menschen an den gleichen Ort kommen sollten, dann ist er jetzt da, wo deine Mama ist.«
Cesare wandte sich um und wischte sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht.
» Aber wo ist das genau?«
»Das kann ich dir nicht sagen, Cesare.«
»Und die Violetta, weiß die es auch nicht?«
»Nein, die Violetta weiß es auch nicht. Obwohl … » Der Capitano legte die Stirn in Falten, als würde er grübeln. »Violetta ist katholisch, sie wird dir alles Mögliche erzählen, wo deine Mutter jetzt ist, aber vertraue mir, das ist alles Humbug.«
»Aber vielleicht weiß es ja die Taube. Wenn sie dahin geht, wo Mama jetzt ist, könnte sie ja einfach fragen, oder nicht?«
»Unter den genannten Umständen, ja. Natürlich könnte die Taube fragen wo sie ist, aber wie soll sie es uns dann wieder sagen? Sie kann ja auch nicht mehr zurück.«
Cesare blinzelte in die Sonne.
»Warum kannst du nicht mit Mama reden? Du redest doch manchmal mit den Toten?«
»Wie kommst du darauf? Ich tue das nicht, niemand tut das. Gut, es gibt Verrückte, die das in Seancen….«
»Und warum kannst du nicht mit der Taube sprechen?«, unterbrach ihn Cesare ungeduldig.
»Aus den gleichen Gründen, außerdem – es ist sehr schwierig mit Tieren zu sprechen. Sie haben ihre eigene Art.«
»Sie sagt es bestimmt einem Tier«, sagte Cesare ernsthaft und nickte. Der Capitano lächelte.
»Gar keine so schlechte Idee«, antwortete er. »Vielleicht tut sie das ja.« Für Capobianco war die Sache damit offensichtlich erledigt, denn er ging zum Haus zurück.
Nach einer Weile verließ auch Cesare das Grab. In seinem Zimmer saß er dann nachdenklich am Schreibpult und sortierte die Zeichnungen, die er von seiner Mutter gemacht hatte. Natürlich wusste er nicht, wie sie ausgesehen hatte, doch er hatte eine klare Vorstellung davon. Er hatte Signora Gaspari oft genug gelöchert, um ein möglichst exaktes Bild zu erhalten.
Die Zeichnungen und Skizzen waren sehr exakt und zeugten von Talent. Sie zeigten eine meist ernste, manchmal aber auch lächelnde junge Frau mit dunklem Haar und blassem Teint. Ein Bild gefiel ihm besonders. Es zeigte die junge Frau an einem Flügel, der dem ähnelte, der unten in Capobiancos Salon stand. Cesare konnte nicht genau sagen, warum er seine Mutter an diesen Flügel gesetzt hatte, es war einfach eine Eingebung gewesen.
»Kommst Du zum Kaffee, Cesare?« Das war Violetta, die ihm vom Fuß der Treppe aus rief. Cesare hatte kein Interesse an Kaffee. Er bekam ohnehin immer nur Muckefuck, da ihm Koffein noch nicht erlaubt war. Er hatte auch keine Lust zu antworten. Er wollte nicht trinken, nicht reden, nicht getröstet werden. Wenn ihm schon niemand sagen konnte, wo Lisa hergekommen war, blieb ihm wenigstens etwas, das sich nicht widersprach: Papier, Linien, Orte.
Statt einer Antwort holte er eine große Landkarte aus dem Schrank, entfaltete sie und legte sie auf den Boden.
Die Karte zeigte die Toskana in ihrer Gesamtheit. Im Norden und Osten waren noch die angrenzende Emilia-Romagna zu sehen, im Süden ein Teil von Latium. Florenz, und damit auch Nevicata, lagen etwa in der Mitte der Karte. Cesare liebte Landkarten. Wenn er sich in sie hineindachte, sein Blick den Konturen der Küsten und Flüsse folgte, entstanden farbenprächtige Bilder vor seinem inneren Auge, so als flöge sein Geist wie ein Vogel über Länder und Grenzen hinweg. Auf Karten konnte nichts einfach verschwinden. Alles hatte einen Namen, eine Richtung, einen Ort.
Er war so sehr in die Betrachtung der Karte versunken, dass er das Tier zunächst gar nicht bemerkte. Irgendwo am nordwestlichen Rand, aus Ligurien her, musste die Ameise auf das Papier gelaufen sein. Cesare nahm sie erst wahr, als sie schon in der Gegend von Castelpiano umherkrabbelte.
Einen Moment lang wurde er traurig, weil ihn der Name an das Waisenhaus erinnerte und er an Sharah denken musste. Dann aber beugte er sich näher über die Karte. Zuerst fand er es nur komisch, die Ameise auf den gedruckten Straßen wandern zu sehen, fast wie ein winziges Reisespiel. Doch je länger er hinsah, desto weniger wirkte ihr Lauf zufällig. Von Castelpiano aus marschierte sie eine Bergstraße entlang und folgte dabei erstaunlich genau deren Windungen – ein, für eine Ameise, recht eigentümliches Verhalten.
Cesare dachte nicht darüber nach. In seiner Phantasie sah er die Serpentinen vor sich, Bergflanken bauten sich vor ihm auf, sogar die sengende Sonne konnte er fühlen. Es war ihm, als würde er von der Ameise getragen. Ein Hauch von Erinnerung drang in sein Bewusstsein, und tief in seinem Innern ahnte er, dass er es war, der dieser kleinen Ameise den Weg zeigte.
In diesem Moment wurde die Tür zu seinem Zimmer geöffnet und der Capitano stand im Rahmen. Er sagte nichts. Er blieb einen Herzschlag zu lange stehen, als hätte auch er begriffen, dass hier etwas nicht stimmte. Dann fiel sein Schatten über die Karte.
Cesare fühlte, wie ihm die Ameise entglitt; ihr Gekrabbel wurde zusehends sinnloser. Angestrengt bemühte sich der Junge um Konzentration, zwang sich zurück in dieses Gefühl hinein. Das Tier nahm nun verschiedene Abzweigungen, die auf der Karte gar nicht verzeichnet waren, doch Cesare nahm an, dass es sie gab. Schließlich bog es auf eine größere Straße ein, die nach Westen aus den Bergen herausführte. Hinter Montenurio krabbelte es dann nach Süden, in Richtung Florenz, bis tief ins Zentrum. Dort blieb es stehen.
Cesare hielt den Atem an.
Dann rührte es sich nicht mehr. Es war wie tot. Cesare erwachte wie aus einer Trance.
»Du hast sie umgebracht?«, flüsterte er.
»Nein«, antwortete der Capitano. »Sie ist vermutlich am Ziel. Nimm sie hoch und setze sie woanders hin.«
Cesare folgte dieser Anweisung. Kaum hatte er das Insekt auf den Boden gesetzt, krabbelte es davon. Er sah ihm nach, bis es in einer Bodenritze verschwunden war. Dann erhob er sich und blickte Capobianco an.
»Na und?«, sagte dieser. »Florenz ist groß. Außerdem liegt es nahe, dass deine Mutter von dort gekommen ist. Ich glaube nicht, dass dich das wirklich weiterbringt.«
»Wir gehen sie trotzdem suchen, nicht wahr?«
Capobianco schüttelte den Kopf.
»Cesare, ich habe wirklich wichtigere Dinge zu tun, als in Florenz einem Phantom hinterherzujagen. Wenn du alt genug bist, kümmere dich selbst darum – oder sieh ein, dass es sinnlos ist. Und damit jetzt genug.«
Cesare biss sich auf die Unterlippe und wischte eine Träne aus dem Auge. Trotzig blickte er zu Boden und antwortete nicht.
»Nun sei nicht so enttäuscht«, versuchte der Capitano ihn zu beruhigen. »Es ist reine Zeitverschwendung, glaube mir.«
»Du hast doch genug Zeit«, murmelte Cesare kaum hörbar. »Du willst bloß nicht, das ist alles.«
»Es ist nicht deine Aufgabe, kleiner Cesare«, versetzte Capobianco schneidend, »zu beurteilen, was ich mit meiner Zeit anfange. Und was ich will oder was ich nicht will! Geh dir jetzt die Hände waschen, Violetta wartet mit dem Kaffee auf uns!«