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Die schlagfertige und modebewusste Londoner Studentin Katherine lernt eher zufällig die Familie ihres Professors Jacob Goldman kennen und ist von Anfang an verzaubert. Während sich Katherine mit seiner ebenso chaotischen wie liebenswerten Frau Jane anfreundet und die jüngeren Kinder auf ihre jeweils eigene Art Leben und Musik in den Alltag bringen,bahnt sich eine zarte Affäre zwischen Katherine und dem ältesten Sohn Roger an. Doch der Liebeskummer lässt nicht auf sich warten, und Katherine geht für einige Jahre nach Rom. Dort lässt sie sich mit einem alles andere als umgänglichen Italiener ein und wird schwanger. Nach dem Tod ihrer kleinen Tochter kehrt Katherine am Boden zerstört nach England zurück, wo die Goldmans sie mit unverminderter Herzlichkeit empfangen. Und auch eine neue Liebesbeziehung entsteht, doch diesmal hat sich Katherine für Rogers jüngeren Bruder Jonathan entschieden…
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Barbara Trapido
Roman Aus dem Englischen von Uda Strätling Mit einem Nachwort von Rachel Cusk
Dörlemann
Widmung
Vorwort
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Nachwort
Über Barbara Trapido
Über Uda Strätling
Für Stan, Elaine und Susan
Da ich kein besseres wüsste, bediene ich mich zur Einführung eines Vorworts von Jacob, das ich, heimlich, vor fünfzehn Jahren las, als es auf dem Frühstückstisch der Goldmans zwischen den verschütteten Cornflakes lag:
»Guten Gewissens«, heißt es dort, »kann ich meiner Frau kaum, wie es an dieser Stelle üblich ist, für hilfreiche Bemerkungen zum Manuskript, fürs Gegenlesen oder die Übernahme der Fahnenkorrektur meinen besonderen Dank aussprechen, und zwar schlicht und ergreifend deshalb, weil Jane nichts dergleichen getan hat. Sie liest selten, und wenn doch, dann keinen meiner Ergüsse. Gemessen an den überschwänglichen Danksagungen, die ich in den Vorworten meiner Geschlechtsgenossen lese, muss ich mich für ausgesprochen unklug in der Wahl einer Frau halten, die sich standhaft weigert, Lektoratsarbeiten gratis zu leisten. Da der gute Ton trotzdem verlangt, dass ich ihr für irgendetwas danke, danke ich ihr stattdessen also für die angenehme Überraschung, sie unverändert an meiner Seite vorzufinden, etwas, das zu erwarten ich mir im Verlauf von nunmehr bald zwanzig Jahren zu keiner Zeit angemaßt hätte.«
Die Ehe der Goldmans zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass Jacob von Janes hartnäckiger Selbststilisierung zur Haus- und Landfrau abwechselnd erzürnt und entzückt war. Und das wiederum hatte fraglos einen Einfluss auf die Wege, die ich einschlug.
Ich begegnete Jacob Goldman erstmals, als ich kurz vor Schulabschluss zum Aufnahmegespräch an der Londoner Universität erschien, an der er lehrte. Ich kam von der vornehmen Schule im Norden Londons, an die meine Mutter mich, unter großen Opfern, geschickt hatte. Als Witwe eines Gemüsehändlers mit leidlich gut gehendem Geschäft hatte sie sich in der Hoffnung »eingeschränkt«, dass ich mir auf diesem Wege den entsprechenden Akzent und Schliff aneignen würde, um in den richtigen Kreisen verkehren zu können. Da es Eltern jedoch nicht erspart bleibt, enttäuscht zu werden, erlebte sie eine Enttäuschung, und zwar insofern, meine ich, als ihr Opfer mir stattdessen recht brauchbare Abschlussnoten bescherte und einen Studienplatz bei Jacob. Jacob, charismatischer linker Philosoph aus dem East End, las mit beachtlicher und bestechender Eloquenz transzendentale Dialektik, die Cockney-Stimme volltönend und mit Verschlusslauten durchsetzt wie die eines Klempnergesellen. Er war in der labyrinthischen viktorianischen Alma mater Philosophieprofessor und wurde für mich bald Vaterfigur und Vorbild. Ich hatte Lord David Cecils Beschreibung seiner »Bude« in Oxford gelesen; Jacob unterhielt sich mit mir in Räumlichkeiten, denen derartiger Glanz auch mit der größten Phantasie nicht anzudichten gewesen wäre. Das Gespräch fand in einer Art türloser Besenkammer statt.
»Lassen Sie mich gleich die Karten auf den Tisch legen«, sagte er. »Ich habe Sie hergebeten, weil die Beurteilung Ihrer Schule so ungünstig ist, dass sich bei mir der Verdacht regt, Sie könnten Ihren Lehrern einiges voraushaben. Ebenso gut könnten Sie aber auch eine etwas zu sehr von sich selbst eingenommene Renegatin sein. Was trifft Ihrer Meinung nach zu?« Unter den schwarzen Rosshaarbrauen funkelte mir ein Blick entgegen, den ich als feindselig auffasste. Das war natürlich lange vor jenem denkwürdigen Tag, als ich ihn einen Trupp regendurchnässter Zeugen Jehovas in seine Küche bitten sah, denn in Wirklichkeit war er die Güte selbst. Die furchterregenden Haare, die sich aus seinem offenen Hemdkragen kräuselten wie vorquellende Sofapolsterung, konnten es durchaus mit seinen Augenbrauen aufnehmen. Ich muss auf wenig gewinnende Weise mit den Achseln gezuckt haben. Wie hätte ich ihm auch erklären sollen, was mit mir war? Wie sehr ich mich von dem ängstlichen Wunsch getrieben fühlte, zu gefallen, und mich doch hartnäckig außerstande sah, dabei anderen Wertmaßstäben genügen zu wollen als den meinen? Da andere meine Wertmaßstäbe offenbar nicht teilten, schien die ganze Sache recht aussichtslos. Wohl weil ich die erhoffte Anerkennung nicht fand, trieb ich im verzweifelten Versuch, sie vonseiten der Erwachsenen zu erzwingen, die Dinge gelegentlich auf die Spitze.
»Manchmal gebe ich an«, sagte ich.
»Ich auch«, sagte Jacob.
Mag sein, dass ich an meiner Schule zu den Renegaten gehörte, obwohl ich dabei unfehlbar höflich blieb und mich kaum schlimmerer Vergehen schuldig machte, als während des Ethikunterrichts unter der Bank James Joyce zu lesen, den Sport grundsätzlich zu schwänzen und die Feinheiten der Kleiderordnung zu missachten, kurzum alle Zwänge des Schullebens zu unterlaufen, die mir für das Lernen unerheblich schienen. Lernen, wie es mir immer vorgeschwebt hatte, lernte ich bei Jacob. Jacob identifizierte sich offensichtlich bis zu einem gewissen Grad mit Renegatentum; er hatte, wie ich viel später erfuhr, im Laufe einer schwierigen Jugend einmal vor einem milden Tory-Richter gestanden. Ich vermute, es war die liberal-konservative Haltung des Jugendrichters, die Jacob – in Bezug auf Toryismus und verwandte Übel – lehrte, die Sünde zu verdammen und nicht den Sünder. Darin war er sehr gut.
»Erzählen Sie mir mal, was Sie gern lesen«, sagte er, überließ mir das Feld und steckte sich eine seiner widerlichen, proletarischen Zigaretten mit einem Streichholz aus einer großen Haushaltsschachtel an. Zu meiner rückblickenden Beschämung muss ich gestehen, dass ich ihm, unter anderem, erklärte, dass man Wordsworth »ein gewisses Talent nicht absprechen könne«, dass ich Christus als utopischen Sozialisten sähe und dass mir der Sex bei D.H. Lawrence nicht gefiele. Ich neige leider dazu, meine grundlegende Scheu durch gelegentliche Bravourstückchen zu kompensieren, auch wenn ich das heute etwas besser im Griff habe.
»Meiner Frau auch nicht«, sagte er zu meiner nachhaltigen Verwunderung. »In ihren Augen handelt es sich weniger um Erotik als um Exhibitionismus. Aber muss man – verzeihen Sie, das ist eigentlich nicht mein Gebiet – ihm nicht dennoch einen gewissen Pioniergeist zugutehalten? Finden Sie es nicht ein klein wenig undankbar, aus der Vergangenheit gelernt zu haben und sich dann zu mokieren?«
»Mag sein«, sagte ich. »Aber ich bin nicht gerne gezwungen, für irgendetwas dankbar zu sein.« Jacob nahm das mit einem ermutigenden Schmunzeln hin.
»Zugegeben, ich habe nie kostbaren Jadenippes an den Kopf gekriegt«, sagte er. »Mir ist Heinz’ Ochsenschwanzsuppe in der Dose um die Ohren geflogen, aber das hat natürlich nicht annähernd die gleiche symbolische Aussagekraft.« Ich verhedderte mich dann noch im Gestrüpp des einzigen philosophischen Werkes, das ich je gelesen hatte: eine Billigausgabe von Bertrand Russell, die ich auf dem Camden-Town-Flohmarkt vermutlich zu dem alleinigen Zweck erstanden hatte, meine Mutter zu ärgern, die Angst hatte, ich könnte mich zum Blaustrumpf mausern und nette junge Männer abschrecken. Dabei erschreckten vielmehr mich die Männer, aber natürlich bedingte sich beides gegenseitig. Wie schon Robert Frost sagt: »Es gibt nichts, was ich mehr fürchte als furchtsame Menschen.« Schließlich erzählte ich Jacob noch, dass mein Lieblingsroman Emma sei. Er erlaubte sich die spöttische Bemerkung, dass der wenigstens keinen Sex enthielte. Sex war, was ich nicht ahnen konnte, eines von Jacobs Lieblingsthemen. Ich wurde rot und sagte aus lauter Verlegenheit etwas hitzig: »Natürlich gibt es in Emma Sex. Mrs Weston bekommt ein Kind; es ist die Rede davon, dass das Baby bald aus der ersten Garnitur Mützen herausgewachsen sein wird, erinnern Sie sich nicht? Und Babys entstehen nicht ohne Sex, oder?« Jacob ließ ein umwerfendes rabelaisisches Lachen hören und lud mich auf einen Kaffee ein, den wir am Ende des Korridors aus einem Automaten zogen.
»Also, Kindchen«, sagte er, als ich mich verabschiedete, »diejenigen, die zum Studieren herkommen, tun es auf Kosten des britischen Steuerzahlers. Ich erwarte von meinen Leuten, dass sie sich reinknien. Wenn nicht, gebe ich mir alle Mühe, sie rauszuschmeißen.«
In den Sommerferien kriegte ich den Bescheid – Jacobs höchstes Kompliment an mich: Die Fakultät würde mich auch mit nur Dreien genommen haben.
Bald darauf machte ich bei Dillon’s die Bekanntschaft eines Mannes namens John Millet.
»Von Konfitüre und Lyrik allein?«, raunte er mir ins Ohr. Ein Wildfremder. Er sprach mich zwischen den Büchertischen mit den Sonderangeboten an. Er sprach reinstes BBC-Englisch, und sein Lächeln war süffisant. In dem Einkaufsnetz, das ich über die Schulter geschlungen hatte, lagen ein Glas Kirschmarmelade und ein John-Donne-Taschenbuch. Ich wurde knallrot, eingeschüchtert von seinem klischeehaft guten Aussehen, denn John Millet wirkte, als wäre er einer Reklame für Austin-Reed-Hemden entstiegen. Er trug modisch helles Leinen, und aus seiner Brusttasche ragte ein zerknautschtes Päckchen Gauloises.
»Sie sollten achtgeben, dass ich Sie nicht noch einmal zum Erröten bringe«, sagte er und genoss meine Verlegenheit. »Es beißt sich mit Ihrem Aufzug.« Ich hatte an diesem Tag einen überdimensionalen lila Pullover an, einem Fußballtrikot nachempfunden, denselben, den ich zu meinem Aufnahmegespräch mit Jacob getragen hatte. Er reichte mir, der damaligen Mode entsprechend, bis knapp über den Po. Und schräg über einem Auge, tief ins Gesicht gezogen, trug ich einen kleinen selbst gehäkelten Hut. Kleider sind meine große Leidenschaft, sie sind für mich ungemein wichtig, und mir gelingt oft ein recht überzeugender Vogue-Effekt. Einmal, als ich die Tottenham Court Road überquerte, ließ eine Gruppe japanischer Fotografen ihre Auslöser klicken. Es schmeichelte mir sehr, sie allein durch mein Flair bewegt zu haben, todesmutig dem Verkehr zu trotzen. Folklorestil gefällt mir besonders. Ich mag Russenkittel und raffinierte Strickmuster. Ich bin imstande, ganze Panoramen in meine Pullover einzustricken. Ich beherrsche Litzen- und Perlenstickerei und versehe Manschetten und Mieder gern mit Pikeestepperei.
John Millet gab sich in jenem Sommer, und das zu Recht, unbekümmert als Mann in den besten Jahren. Am besagten Nachmittag machte er mit mir in einem weißen Alfa Romeo eine kleine Spritztour, am Embankment entlang zur Tate Gallery, in dem nämlichen Wagen, in dem er kürzlich die Alpen überquert hatte. Er war Architekt und eben nach vier Jahren Rom zurückgekehrt. Sonnengegerbt stand er zwischen den glatten, kieselweißen Henry Moores. In der Souterrain-Cafeteria mit den bezaubernden Wandmalereien verwöhnte er mich mit Donuts und sprach von der Portland-Vase. Vor der Bukolik der Wände sah ich den Rauch seiner Gaulloise aufsteigen und dachte romantisch an Hirtenjungen mit Panflöte. Drei Tage später erklärte er einem Friseur am Sloane Square, wie er mir die Haare zu schneiden hatte.
»So will ich es, so«, demonstrierte er.
Ich sah zu, wie mein Haar in hellen Büscheln zu Boden sank. Das Ergebnis, das musste selbst ich zugeben, war frappierend. Mit meinem so gut wie nicht vorhandenen Busen und meinen schmalen Hüften hatte ich jetzt etwas aufreizend Androgynes. Ich verließ den Laden mit hoch erhobenem Kopf, unwillkürlich nach der blanken Streitaxt tastend, die ich an meinem Schenkel wähnte.
»Schon besser«, meinte er und fuhr mir mit dem Daumen die bloßgelegte Kuhle im Nacken entlang. Er blieb in seinen Berührungen stets höflich zurückhaltend. Wir speisten in einem italienischen Restaurant, wo er vor meinen Augen einen erschütternden Teller zitronenbeträufelter Schnecken verschlang, während ich mit meiner Pasta kämpfte. Meine Kenntnis ausländischer Küche beschränkte sich zu diesem Zeitpunkt auf die Überzeugung, dass Paprika im Eintopf diesen ungarisch machte, Fruchtcocktail aus der Dose hingegen karibisch.
»So musst du es machen«, sagte er und demonstrierte mit Gabel und Löffel nach römischer Art. Als ich mit dieser Methode einen Klumpen von der Größe eines Kricketballs auf meine Gabel bugsiert hatte, war er entzückt von dieser Demonstration jugendlicher Naivität.
»Noch nicht ganz«, befand er mit blitzenden Augen. »Die Florentiner schaffen es mit der Gabel allein. Ich verbringe übrigens ein paar Tage bei Freunden auf dem Land«, sagte er. »Würdest du mich begleiten?« Das Olivenöl auf meinem Kinn reichte vollkommen, um mir das Gefühl zu geben, verwegen bacchantisch zu sein.
»Ja«, sagte ich. »Ja. Ja.« Von den verwaisten Räumen seines Gemeinschaftsbüros in Hampstead aus rief er bei seinen Bekannten an.
»Jane«, gurrte er, »meine einzige Lady Jane, darf ich eine Bekannte mitbringen?« Ich hockte neben ihm auf dem Schreibtisch und hörte jedes Wort mit. Seine Freundin sprach mit den berühmten Murmeln im Mund und antwortete nach kurzem Zögern argwöhnisch.
»Du weißt, dass ich kein geselliger Mensch bin, John«, sagte sie. »Würde mir deine Bekannte gefallen, was meinst du?«
»Unbedingt«, antwortete John. »Dafür kann ich mich verbürgen.«
»Und noch etwas, John, wenn ich so frei sein darf«, sagte sie. »Kämt ihr, diese Bekannte und du, ›zusammen‹ oder solo?« John lächelte mir Mut zu, während mir ganz heiß wurde vor Aufregung. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
»Zusammen«, sagte er.
Meine Mutter traf nur einmal auf John Millet. Am Tag, bevor wir nach Sussex aufbrachen. Er verursachte ihr mit Verzögerung einen Ausbruch von Empörung.
»Er ist schwul«, sagte sie, stolz auf ihren untrüglichen Instinkt für alles Abweichende. »Die Welt ist voller netter junger Männer. Warum musst du mit einer alten Schwuchtel umherziehen?«
Das Haus gleicht, von der Straße aus gesehen, einer der Idyllen, die die Schachteln von Puzzlespielen zieren, jahreszeitlich umzingelt von hohen Stockrosen. Solche, die du als Kind auf einem Tablett zusammengesetzt hast, als du mit Masern im Bett lagst. Wir sind im tiefsten Sussex, unweit von Glyndebourne. Wir sind in der Landschaft Virginia Woolfs. Mrs Goldman ist in ihrem Gemüsegarten, reißt sich jedoch los und kommt uns entgegen, als sie uns sieht. Sie setzt einen Kartoffelkorb und einen Salatkopf ab und nimmt Johns Hände zwischen ihre.
»Liebster John«, sagt sie. »Wie schön, dich wiederzusehen. Du siehst wie immer blendend aus, aber ich will es dir nicht verhehlen: Du wirst langsam grau.« Ihre Worte sind eine vornehme Mischung aus Upperclass-Vokalen und lispelnden Sibilanten.
»Du bist schwanger«, sagt John vorwurfsvoll, die Hände immer noch zwischen ihren gefangen. »Du warst schon schwanger, als ich abgereist bin.« Sie lacht ihn an.
»Aber nicht ganz so schwanger wie jetzt, oder?«, meint sie. Jane Goldman trägt diesen indiskreten Bauch des letzten Schwangerschaftsdrittels vor sich her, wenn das Kind sich schon mit dem Kopf nach unten gedreht hat. Sie steht gewaltig in klobigen Gummistiefeln da, in die sie die Beine einer uralten Cordhose gestopft hat. Die Hose hat sie unter einem Männerhemd mit Pyjamaband zusammengebunden, weil der Reißverschluss sich nicht mehr über dem Bauch schließt. Einzelne Haarsträhnen stehlen sich aus einem dunkelbraunen Zopf. Sie hat das Gesicht einer Madonna. Ein verhaltenes, ironisches Lächeln liegt darauf, das ihre Wangen mit Grübchen versieht, und sie ist mit unglaublich blauen Augen gesegnet. Eine verwahrloste Burne-Jones, wahrhaftig, in Gummistiefeln.
»Neugeborene haben so drollige Beinchen«, sagt sie zu ihrer Verteidigung. »Was für einen herrlichen Pullover du da hast, John. Mit welchem Glanz du unsere bescheidene Hütte doch immer erfüllst.« John Millet hat seinen Torso in einen makellosen himmelblauen Nickipullover gehüllt, mit leicht gepufften Ärmeln, die in gerippten Bündchen zusammenlaufen.
»Darf ich dir Katherine vorstellen«, sagt er. Jane Goldman blinzelt mich im grellen Licht aus kurzsichtigen blauen Augen an.
»Freut mich«, sagt sie, reicht mir die Hand und schenkt mir ihr Lächeln.
»Weshalb hast du dir die Haare wachsen lassen?«, fragt John besitzergreifend. »Diese schwerblütige teutonische Frisur. Sie gefällt mir nicht.« Jane lacht.
»Weniger Frisur«, sagt sie, »als Vernachlässigung. Da musst du dich an meine Tochter halten. Dort drüben, Rosie. Ist sie nicht hübsch?« Sie zeigt vage in die Richtung, wo eine langbeinige, dunkle Neunjährige mit einer Freundin aus einer Gartenbank und einer Reihe staubiger persischer Teppiche ein Zelt baut.
»Deine Kinder ziehen deine Erbstücke in den Schmutz«, sagt John. Jane betrachtet ihre weltliche Habe mit bewundernswerter Gleichgültigkeit.
»Was du hier an Erbstücken siehst, würde meine Mutter sofort wegschmeißen«, sagt sie. »Wie geht es dir, John? Hast du dich gut amüsiert?« John spricht nicht über sich. Er zieht Formen und Artefakte vor.
»Du bist mich nie besuchen gekommen in Rom«, sagt er. Sie lächelt nachsichtig.
»Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was es kosten würde, die Goldmans nach Rom zu verfrachten?« antwortet sie. »Außerdem zieht Jake Tagestouren nach Worthington vor. Er mag keine Auslandsreisen.«
»In Worthington stinkt’s nach Seetang«, sagt John. »Dein Mann ist verrückt. Du hättest ihn hierlassen können.«
»Das hätte ich sehen wollen«, sagt sie. »Und sind nicht die besten Leute immer verrückt?«
»Dein Garten ist noch besser geworden«, sagt er und bewundert das Gewucher verwilderter, sich selbst aussäender Blumen.
»Ich kümmere mich nicht um ihn«, sagt sie. »Ich verbringe meine Tage nur noch zwischen Kohlköpfen. Wir hatten heute Morgen erst einen Wortwechsel diesbezüglich, Jake und ich, wenn du’s genau wissen willst. Er behauptet, ich würde zu viel Zeit darin verbringen.« Sie lacht kurz auf. »Was er wirklich meint, ist, dass er eine anständige Ehefrau braucht, die ihm seine Manuskripte tippt und ergeben seinen Schimpftiraden bei der Lektüre der Sonntagszeitung lauscht.« John lächelt.
»Wie geht es Jake?«, fragt er.
»Prächtig«, sagt sie und verleiht dem Eingeständnis einen verschwörerischen Unterton. »Ich möchte sogar sagen, es läuft alles in seinem Sinne. Das würde er dir gegenüber natürlich niemals zugeben, der alte Schmierenkomödiant. Er leidet so gern. Er grummelt schon das ganze Wochenende über seinen Korrekturfahnen. Morgen trägt er sein jüngstes Werk nach London.« John findet ganz offensichtlich Trost in der Erkenntnis, dass seine Freunde sich nicht verändert haben. Er braucht sie unverändert.
»Gehen wir hinein«, sagt sie. »Er wird sich unbändig freuen, dich zu sehen.«
»Und die Kinder?«, fragt John noch artig, während wir langsam aufs Haus zu wandern.
»Wachsen und gedeihen«, sagt sie. »Roger und Jont sind wahre Riesen geworden, mit tiefen Stimmen und Quadratlatschen. Roger treibt sich irgendwo herum. Jonathan ist wie immer angeln, aber er wird wohl zum Lunch auftauchen. Eigentlich sind sie unverändert. Roger ist hinreißend, und Jonathan macht nur Ärger. Ebenso hinreißend, aber macht eben nur Ärger. Rosie ist ein reizendes Geschöpf, aber träge und verwöhnt. Ich habe den Verdacht, dass sie sich darauf versteht, die Herren der Schöpfung für sich einzunehmen«, sagt sie. »Jacob jedenfalls ist ihr hoffnungslos verfallen. Sie tut nichts als schwimmen und Rad schlagen. Die Babys sind eine Wonne. Kaum lästiger als ein paar Kätzchen. Können beide nicht bis zehn zählen. Erinnerst du dich an Roger mit vier, John? Wie er die Unendlichkeit entdeckte, als er am Fenster stand und MGs zählte? Plötzlich dämmerte ihm, dass die Zahlen einfach immer weitergehen. Weißt du noch, wie Jacob uns alle mitschleppte, um zur Feier des Tages das Geld für den Milchmann für süße, klebrige Kuchen auf den Kopf zu hauen? Was waren wir albern, wie?«
»Ich stehe bei Roger in tiefer Schuld«, sagt John galant und leicht ironisch. »Mit drei klärte er mich darüber auf, dass der Pottwal gelegentlich ganz gerne einen Hai vernascht, und ich habe es nie vergessen.«
»Er hat diese ganzen unglaublichen Dinosaurierbücher gelesen«, sagt Jane.
Roger Goldman hat kürzlich ein Preisausschreiben des Observer gewonnen, wie es scheint, für einen satirischen naturgeschichtlichen Essay, in dem er argumentierte, dass die Erde flach sei. John spielt darauf an, was Jane schmeichelt. Er hat den Essay gelesen, da er den Observer selbstverständlich auch in Rom bezogen hat. John Millet spricht seinen Namen nicht wie den des Malers aus, sondern wie den der Getreidesorte. Das ist typisch für seine Art wohlerzogenen Understatements. Es ist anzunehmen, dass er seine Verehrung für Jane Goldman seit gut zwanzig Jahren auf diese kavalierhafte Weise zum Ausdruck bringt.
Im Wohnzimmer, in der Gesellschaft zweier dunkellockiger Kleinkinder, umgeben von zerstreuten Sonntagszeitungsseiten: mein Philosophieprofessor – ein Zusammentreffen, das mir bei diesem Wiedersehen zwischen Menschen mittleren Alters ein mehr als den Umständen entsprechend marginales Gefühl gibt. Er trägt das Hemd offen und erlaubt mir somit die Feststellung, dass ihm das Haar wie eine Decke bis zum Nabel wächst. Ich halte das für eine harmlose Form von Missbildung, die er stoisch erträgt. Er posaunt John ein Willkommen entgegen und erhebt sich, sein Hemd zuknöpfend.
»Du wirst grau«, sagt er und mustert ihn leutselig. »Du siehst aus wie eine Eminenz. Nein wirklich, John, du siehst aus wie der Vorsitzende vom National Coal Board.« Er umarmt John überschwänglich, wie ein Fußballstar. John überschlägt sich nicht so, genießt die Begegnung aber keinen Deut weniger.
»Ich habe munkeln hören, dass du heutzutage im BBC auftrittst«, schlägt er zurück. »Wie geht’s, Jake? Du siehst phantastisch aus.«
»Ich halte mich so einigermaßen«, sagt Jacob. »So einigermaßen.«
»Ich habe dir ein junges Ding mitgebracht«, sagt John. Behaupten zu wollen, er böte mich Jacob in irgendeiner Weise tatsächlich dar, wäre natürlich irreführend. Er gefällt sich in Andeutungen. Jacob ist ohnedies zu entschieden monogam, zu sehr auf Jane fixiert, um andere Frauen überhaupt in Betracht zu ziehen, und zu strikt in Fragen der Fraternisierung. Eher sagt John es, um sich und mich zu kompromittieren oder sich selbst eine Fiktion zu schaffen, die seinen Flirt mit Jacobs Frau legitimer erscheinen lässt.
»Das ist Katherine«, sagt Jane Goldman. Meine Anwesenheit scheint ihm nicht unangenehm zu sein.
»So so«, meint er enigmatisch. »Katherine, wie? Und das hier sind meine herzigen Kinder. Sam und Annie.« Die beiden kleinen Zwillinge haben aus sämtlichen im Haus auffindbaren Kissen einen Berg zusammengetragen und trampeln fröhlich darauf herum. An einem der Kissen ist eine Naht aufgeplatzt, und es spuckt Schaumstoffetzen auf den Teppich, der allerdings sowieso vor Kaffeeflecken und Dreck starrt. »Groß, nicht?«, sagt er. »Schon zu groß, um sie noch in Eton anmelden zu können.«
»Eines scheint allerdings auch ein Mädchen zu sein«, sagt John. »Also hör mal, Jake, deine Frau ist schwanger. Was ist eigentlich los mit euch beiden?«
»Wir ficken gern«, sagt Jacob. Das Wort plumpst wie ein Stein auf mein unschuldiges Zartgefühl, dagegen bringt es weder seine Frau aus der Fassung noch John.
»Keine Ausflüchte«, sagt John. »Ich will wissen, was mit dir los ist. Vier Kinder lasse ich noch gerade durchgehen – und ich räume ein, dass niemand hat ahnen können, dass Zwillinge dabei sein würden. Aber sechs? Wie kommst du zu sechs Kindern?« Jacob lässt sich nicht provozieren, wittert vielleicht einen Hauch unbewusster Lüsternheit hinter Johns Nachdruck.
»Ich gehe ihr eben gern an die Wäsche«, sagt er. »Ich mag sie, mein Gott noch mal. Sie ist mein gesetzlich angetrautes Eheweib.«
»Aber Katholik bist du noch nicht, oder?«, sagt John.
»Soll sie Hormone schlucken und Krebs kriegen?«, schwadroniert Jacob. »Oder soll sie sich Kupferhaken den Gebärmutterhals hochschieben lassen?« (Ich habe bis zu diesem Augenblick keinen Schimmer, dass ich so etwas wie einen Gebärmutterhals besitze, und die Information lässt mich, gewissermaßen als dunkle Vorahnung, meinen Unterleib zum ersten Mal im Lichte eines potenziellen Krisenherds betrachten.) »Vor hundert Jahren haben Frauen ihre Gesundheit ruiniert, indem sie Bleipillen schluckten«, sagt er, »und mit Häkelnadeln in sich herumstocherten. Heute ruinieren sie ihre Gesundheit, indem sie Hormontabletten schlucken und sich Kupferhaken in die Gebärmutter stopfen. Nenne es Fortschritt, wenn du magst.« Ich habe noch nie einer Erörterung von Geschlechtsteilen beigewohnt. Ich finde es erstaunlich.
»Wenn ich recht informiert bin, ist eine Geburt auch nicht eben ungefährlich«, sagt John Millet.
»Das mag wohl sein«, sagt Jacob. »Aber das Kinderkriegen ist ein natürlicher Vorgang. Netter als Pillen und Haken.«
»Du redest wie Malcolm Muggeridge«, sagt John. Er bietet Jane eine seiner Zigaretten an, und sie nimmt sie. Er gibt ihr Feuer und sieht anerkennend zu, wie sie inhaliert. Sie wirkt bei alledem erstaunlich gleichmütig und so, als verkörpere sie eine milde Ironie des Schicksals.
»Wenn du die Wahrheit willst, John«, sagt sie, »dann darfst du nicht Jake fragen. Ich bin schwanger, weil die Idee mir und ihm so köstlich erschien, als wir letzten Winter das gesamte Geburtstagsgeld der Zwillinge für ein extravagantes Gelage verprassten. Wir haben uns über gegrilltem Hummer mit Blicken verschlungen und beschlossen, unsere jämmerlichen Gummiwaren über Bord zu werfen. Ich stimme Jake zu, was die Pillen und das andere angeht. Du vielleicht nicht, aber du hast auch noch nicht auf dem Tisch der Familienplanungsklinik gelegen. Wie auch immer, Tatsache ist, dass wir es in den nächsten Tagen büßen werden. Mein geliebter Jake wird die halbe Nacht Schüsseln für mich halten, während ich in den Wehen kotze und das Atmen verpatze, wie immer. Dann wird er die nächsten drei Jahre die Höllenqualen der Schlafgestörten erleiden, wann immer er nachts geweckt worden ist. Er wird wieder damit leben müssen, dass uns ins Bett gepinkelt wird und seine Manuskripte bekritzelt werden. Jonathan hat ihn vier Jahre lang fast jede Nacht aus dem Bett geholt. Er und Roger sind hochgradig allergisch gegeneinander. Rosie hat ihn vergangenen Sommer einen Bandscheibenvorfall gekostet. Seine gesamte Steuerrückzahlung ist für das draufgegangen, was der gute Sammy hier seinen ›doofen‹ Therapeuten nennt. Ach, wenn sie nicht einfach immer so goldig wären, John, dann wäre das alles ja nicht halb so verlockend.« John strahlt sie an.
»Ihr seid beide komplett verrückt«, sagt er. »Ich habe euch einen ganz besonderen Wein mitgebracht, von einem Weingut bei Amalfi. Ich habe ihn im Wagen.« Er hat sich inzwischen auf einem wunderschönen kleinen Stuhl mit einer Rückenlehne wie einer Lyra niedergelassen. Der Sitz ist lose, und die Beine knicken nach außen weg. Jede der Bekannten meiner Mutter würde ihn vor Jahren schon geschmackvoll in Dralon aufgepolstert haben.
»Könnte ein wenig Leim vertragen«, sagt John gemessen und untersucht die Verbindungen. »Könnte ich für euch machen, wenn ihr wollt.«
»Bitte«, sagt Jane. »Am besten noch, bevor meine Mutter nächste Woche zu Besuch kommt. An dem Stuhl hängt sie besonders. Lady Gregory hat ihn ihrer Mutter geschenkt. Sie hält es für möglich, dass Yeats mal darauf gesessen hat.« Jane Goldmans Familie ist angloirisch-patrizisch. Sie hat der Verwandtschaft zum Trotz ihren Mile-End-Juden geheiratet.
»Yeats, William Butler«, sagt Jacob. »Der allseits bekannte.« Er wendet sich mir zu, mir, die ich mich mit den Kindern zwischen die Kissen gesetzt habe. »Jane war hier auf dem Dorf mal auf einer Auktion, Katherine«, sagt er zu mir. »Irgend so ein Besucher buchstabiert dem Auktionator seinen Namen. ›Yeats‹, sagt er. ›Gates?‹, fragt der Auktionator. ›Aber nein‹, sagt Janes Typ, ›Yeats, wie der Dichter.‹ Ist das nicht komisch?«, fragt er. Finde ich offenbar, denn ich muss kichern.
Jacobs kleine Tochter hat plötzlich beschlossen, John mit ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit zu beehren.
»Janes Baby kommt durch so ein ganz ziehiges Loch«, sagt sie. »Und nur Mädchen haben eins. Wenn du ein Junge oder ein Mädchen bist, bleibst du das immer, weißt du.« Hier wird mehr Aufklärung geboten, als mir in meinem bisherigen Leben zuteilwurde.
»Ganz recht«, sagt John im Brustton der Überzeugung.
»Und solange das Baby drinnen ist, kann es von innen an ihrer Brust nuckeln, nicht?«, sagt sie.
»Ich glaube, da liegst du vielleicht nicht ganz richtig«, sagt er ohne das leiseste Anzeichen von Belustigung. »Ich glaube, innen läuft das etwas anders.«
»Zeit für einen Aperitif«, sagt Jacob mit Entschiedenheit. »Komm mit, Katherine. Wir wollen meinen Sohn für dich auftreiben.« Er will mich vor der Fiktion bewahren, an die John Millet mir zu glauben erlaubt, dass ich zu den Erwachsenen gehöre. Im hinteren Flur, vor der Küchentür, steht ein großer Wäschekorb – wie der, in dem Falstaff untergebracht wird. Dieser quillt über vor Gummistiefeln. Sämtliche sichtbaren tragen in Marker den Namen R.J. Goldman, vermutlich weil der Älteste, Roger, sie alle zuerst getragen hat. Es unterstreicht für mich dessen glorreiche Vormachtstellung. Am Küchentisch studiert Roger Goldman die Theaterkritiken im Observer, die jeansbekleideten Beine lang ausgestreckt. Er trägt auf dem hübschen dunklen Kopf ein bizarres, lappiges schwarzes Barett, das ihm die Aura eines frisch aus Wittenberg eingetroffenen Fremdlings verleiht. Er kratzt sich gedankenverloren die Schuppen am Hinterkopf, dort, wo das Haar unter der Kopfbedeckung hervorguckt.
»Ich schenke dir die Wagnerkappe, was hältst du davon?«, sagt Jacob freundlich.
»Danke«, erwidert Roger, weiter lesend und kratzend. Jacob zieht ihm das Barett über die Augen.
»Hör mal einen Augenblick auf zu lesen, ja?«, sagt er. »Ist sowieso nur der übliche Sonntagsbrei für die Lumpenintelligenz.«
»Leck mich, Jake«, sagt Roger und wird vor Ablehnung starr. Er schaut aber hoch und sieht mich. Er hat die gleichen umwerfend blauen Augen wie seine Mutter und ein ähnlich fein geschnittenes Gesicht.
»Diese Person ist Katherine«, sagt Jacob. »Eine meiner Studentinnen. Kümmere dich um sie.« Er zieht mir einen Stuhl vor. Einen Windsor-Küchenstuhl mit wackligen Stäben in der Lehne. »Mein Gott«, sagt er, »es stehen in diesem Haus mehr kaputte Stühle herum, als Sinn ergibt. Hatten wir Goldilocks zu Besuch? Wirf den hier in den Schuppen, Roggs. Gibt gute Stäbe und Querhölzchen für Crickettore her.« Als Roger sich aufrichtet, überlegt es sich Jacob anders. »Ach, lass es«, sagt er. »Für wie viele Crickettore hat denn eine einzige Familie schon Verwendung?« Er zieht einen anderen Stuhl für mich vor. »Nimm diesen, Katherine«, sagt er. »Den anderen heben wir für unwillkommene Gäste auf. Biete ihr etwas zu trinken an, Roger.« Er stellt eine halb volle Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank und zwei Gläser vor Roger hin. Dann bringt er die harten Sachen raus ins Wohnzimmer.
Roger benimmt sich, obwohl vom Schicksal begünstigt durch sein blendendes Aussehen und das förderliche Klima der unerschrockenen Bilderstürmerei seiner Eltern, mir gegenüber so schüchtern und linkisch wie jeder andere Oberschüler. Wir interpunktieren die beklemmenden Pausen mit dargebotenen Informationsbrocken und verstecken uns ansonsten hinter der Zeitung. Roger ist, was das anbelangt, im Vorteil, aber andererseits habe ich noch nie große Schwierigkeiten gehabt, auf dem Kopf Stehendes zu lesen. Roger will für ein Jahr mit dem Volunteer Service Overseas nach Kenia, bevor er im Sommer darauf nach Oxford geht, um Mathematik zu studieren. Ich wage mich so weit vor, ihm zu sagen, dass mir seine Kopfbedeckung gefällt.
»Es ist ein deutsches Studentenbarett«, sagt er. »Es hat Jakes Vater gehört.« Jacobs Familie hat den Niedergang erlebt und ist Hitler zum Trotz wiederauferstanden. Im Stillen, etwas devot, bewundere ich das eindrucksvolle ethnische Gewirr seiner Herkunft.
»Setz es mal auf«, sagt er. Er stülpt es mir kurz über, während ich rot werde und an Schuppen denke.
»Steht dir gut«, sagt er schüchtern und nimmt es mit abgewandtem Blick wieder an sich. Draußen zerrt sich jemand ächzend die Gummistiefel von den Füßen.
»Roggs?«, sagt die Stimme. »Die Schwuchtel Millet hat eine Frau angeschleppt. Schon gesehen?« Roger windet sich vor Verlegenheit.
»Du brauchst deshalb nicht gleich so zu schreien«, sagt er etwas sehr tugendhaft.
»Mann, du Penner«, sagt die Stimme, »der Feger ist um einiges aufregender als die Weihnachtsansprache der Queen!« Er kommt rein, nachdem er die Stiefel achtlos in den Korb geschleudert hat. Auf großen, nackten Füßen; er hat seine Gummistiefel ganz offensichtlich ohne Socken getragen. Seine Augen weiten sich vor Schreck, als er mich sieht, aber er wird nicht halb so verlegen wie Roger und lacht.
»Also gut, gibst du mir deine Telefonnummer?«, blödelt er.
»Vorsicht, Jont«, sagt Roger rasch. »Sie studiert bei Jake.«
Jonathan setzt sich. »Wie? Du bezahlst tatsächlich dafür, ihm zuzuhören?«, meint er zu mir. »Roggs und ich würden bezahlen, damit er den Mund hält, stimmt’s nicht, Rogsie? Eine gesponserte Sendepause, wie bei den Jungpfadfindern.«
Jonathan Goldman ist mit seinen sechzehn Jahren größer und grobschlächtiger als sein Bruder. Er hat unschönes krauses Haar, und sein bolleriger Humor überdeckt eine leicht bedrohliche adoleszente Streitlust. Er hat, bei genauerem Hinsehen, viel Ähnlichkeit mit Jacob beziehungsweise sieht – wie meine Mutter, unbelastet von meiner liberalen Zimperlichkeit, sagen würde – aus »wie ein Jude«.
»Der Millet bringt die Alten ja richtig in Fahrt«, sagt er fröhlich. »Glaubst du, er törnt Jane an?«
»Die sind doch immer in Fahrt«, sagt Roger angewidert und richtet den Blick auf einen Punkt weit hinter der Küchenuhr. »Die ganze Familie. Nächste Woche um diese Zeit bin ich auf einem anderen Kontinent.«
Die Küche ist riesig und beeindruckend schmuddelig. In einem Baked-Beans-Karton von Heinz türmt sich neben dem überquellenden Mülleimer weiterer Abfall. Die unteren Enden der Tischbeine sind am Boden mit Kleinkind-Essensresten verkrustet. Auf der Arbeitsplatte welkt neben durchweichten Teebeuteln und halb leer gegessenen Cornflakes-Schalen vom Frühstück das Grün irgendwelchen selbst gezogenen Gemüses. Außerdem entgeht mir nicht, dass sämtliche Goldmans ihre Telefonnachrichten einfach an die Wand kritzeln. Ober- und unterhalb des Küchenanschlusses sieht die Wand aus wie ein beschmierter Bauzaun. Rosie hat eine nicht zu übersehende Marker-Nachricht für ihren Vater hinterlassen: »Jake mus criss anrufen«, heißt es da. Darunter hat Jacob hingekritzelt: »Wenn criss wider anruft, sag ihm, er kan mich mal.«
Ich verlasse die Küche und finde Jane Goldman in ihrem Gemüsegarten dabei, Zwiebeln zu schnüren. Sie lädt mich ein, ihr dabei zu helfen, was ich auch tue. Sie meint entschuldigend, es sehe ein bisschen sehr nach William Morris aus, sei aber sinnvoll, wenn die Zwiebeln nicht faulen sollen. Für mich, als Stadtpflanze aus dem äußeren Einzugsbereich der Northern Line, sieht es geradezu nach Robinson Crusoe aus, und das sage ich ihr auch.
»Aber Knoten kann ich gut, und weben«, diene ich mich an. Mrs Goldman lächelt freundlich.
»Jake ist auch so ein Stadtmensch«, sagt sie. »Wenn er ›Northern Line‹ nur hört, kriegt er schon leuchtende Augen. Er mag die Coladosen im Rinnstein. Er mag es, nur fünf Minuten zu Fuß bis zum Everyman Theatre zu brauchen. Das hier findet er hoffnungslos rustikal.«
»Es ist sehr hübsch hier«, sage ich. »Ihr Haus. Es ist sehr hübsch.«
»Und sehr dreckig«, sagt sie. »Stört dich der Dreck, Katherine?« Ich bin auf die Frage nicht vorbereitet. Sie verlangt mir eine schnelle Entscheidung ab, und einem plötzlichen Instinkt folgend verschreibe ich mich, entgegen meiner Neigung, der Ideologie des Drecks.
»Es ist liebenswerter Dreck«, sage ich. Sie blickt fragend zu mir auf.
»Es schützt uns vor den Leuten, das Haus hier«, sagt sie. »Ich hänge sehr daran. Erzähl mir, wie du John kennengelernt hast.«
»In einer Buchhandlung. Bei Dillon’s«, sage ich.
»Na, das hat wenigstens Stil«, sagt sie. »Ich habe ihn bei Woolworth kennengelernt, als ich ungefähr so alt war, wie du es jetzt bist. Es ist sehr schmeichelhaft, seine Aufmerksamkeit zu erregen, finde ich. Er meint, er hätte eine Schwäche für das Quattrocentoprofil.« Aber da taucht Jacob, der sich vorsichtig durch eine Reihe ihrer umgestülpten Marmeladengläser vorgeprescht hat, hinter ihr auf.
»Quattrocento. Von wegen«, sagt er. »Er hat eine Schwäche für Frauen mit kleinem Busen.« Wir sind wahrlich beide diesbezüglich nicht sonderlich üppig ausgestattet.
»Verrate mir mal die Details des Schlafarrangements«, sagt er. »Wo dürfen unsere werten Gäste ihre müden Häupter betten?«
»Im Gästezimmer«, sagt sie. »Roger hat es schon hergerichtet. Ich habe ihn darum gebeten.«
»Diese junge Person gehört zu meinen vielversprechendsten Erstsemestern in spe«, sagt er. Sie wechseln einen bedeutungsvollen Blick.
»Ach?«, sagt Jane. »Sieh an.« Ich winde mich innerlich vor Verlegenheit.
»Das tut mir alles sehr leid«, sage ich. »Ich wusste nicht, dass ich hier landen würde, sonst wäre ich natürlich nicht gekommen.«
»Da hast du es, Janie«, sagt er vorwurfsvoll. »Jetzt hast du dem unschuldigen jungen Ding das Gefühl gegeben, nicht willkommen zu sein. Ein klein wenig Fingerspitzengefühl ist gefragt.« Jane Goldman schenkt mir ein köstliches, verschwörerisches Lächeln, und ich fühle mich gleich viel besser.
»Verstehe«, sagt sie mit leisem Sarkasmus. »Nur zu, mein überaus taktvoller Freund. Du hast doch nicht etwa die Absicht, dich auf die Hinterbeine zu stellen?«
»Die Sache ist doch so«, sagt er. »Wir alle kennen und schätzen John als lieben Freund. Ist es nicht so?«
»So ist es«, sagt sie.
»Und wir alle wissen natürlich, dass manchmal selbst die liebsten Freunde eine Schwäche haben für Sodomie, Schweinereien, Kindesmissbrauch oder wie immer du es nennen magst.«
»Bitte, Jacob, es besteht kein Anlass zu allzu großer dichterischer Freiheit«, sagt Jane.
»Die Sache ist einfach die«, sagt er. »Ich lasse nicht zu, dass dieser alternde Homo unter meinem Dach so ganz nebenbei seinen gelegentlichen Appetit auf gegengeschlechtliche Minderjährige befriedigt. Nicht unter meinen Studentinnen. Nicht mit unserer Katherine. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«
Ich glaube, es ist keine Übertreibung zu sagen, dass ich an diesem Tag einen gewaltigen Schritt nach vorne tat. An dem Abend, als meine Mutter John Millet schwul nannte, hatte ich in mein Kissen geweint, aber selbst mir war auf Anhieb klar, dass zwischen dem und Jacobs Bezeichnung seines Gastes als alterndem Homo Welten lagen. Zum einen sagte er es so laut, dass die Worte ohne Scham widerhallten. Und es haftete ihnen nichts von prüdem moralischem Diktum an. Andererseits war ich nicht wenig in die Idee erster sexueller Weihen verliebt. Ich hatte John Millet zuliebe mein wunderschönes Batistnachthemd von Liberty gebügelt, ihm zuliebe trug ich meine allerfahlsten, schwindsüchtigsten Strümpfe und hohe Absätze. Mit seiner Art, wie eine Planierraupe direkt auf den Kern der Sache zuzuwalzen, bestätigte Jacob nicht nur, dass meine Mutter recht hatte, sondern legte meine Privatsphäre frei, bis ich mir vorkam wie eine orientalische Braut, deren Laken nach der Hochzeitsnacht zum Fenster herausgehängt wird.
»Vielleicht tut dir Katherine den Gefallen und erklärt sich bereit, in Rogers Zimmer zu schlafen?«, meint Jane. »Und Roggs geht zu Jonathan. Würdest du das tun, Katherine? Ist allerdings eine Todesfalle elektrischer Verkabelung.«
»Ja, sicher«, sage ich und wische damit die Ungeheuerlichkeit der Situation beiseite, zur Artigkeit erzogen, wie ich es nun einmal bin.
»Du hast dich doch nicht etwa in diesen Typen verguckt?«, fragt mich Jacob. »Es ist da doch hoffentlich nicht mehr als ein wenig Sturm-und-Drang-Romantik im Spiel? Oder?«
»Nein«, lüge ich und frage mich, was er mit Sturm und Drang meint. Jacob streut häufiger Deutsches ein. Seine Familie stammte aus dem Vorkriegsdeutschland, und deshalb gehen ihm diese Zungenbrecher recht mühelos über die Londoner Lippen.
»So ist’s brav«, meint Jacob. »Sag ihm, das kann er bei sich zu Hause tun, mein Kind, und wage dich ja nicht ohne Schürhaken in sein Schlafzimmer.« Bis zum heutigen Tage ist mir nicht recht klar, was er damit gemeint haben kann, aber ich muss ein bisschen lachen, und das allein tut schon gut und entspannt. Er wendet sich wieder Jane zu. »Und werden wir heute überhaupt noch etwas essen, Janie, oder hast du uns, wie üblich, hier draußen zwischen deinen Schalotten vergessen? Mein Herz, es ist gleich halb drei.« Er zieht viel aus der Legende der Inkompetenz seiner Frau.
»Ich vergesse euch nie«, sagt sie sanft. »Doch horch, Herr und Gebieter, er naht, unser geprellter Freund. Biete doch um seinetwillen deinen ganzen Takt und dein Zartgefühl auf, tust du das?« John spaziert herbei, sich mit dem Sonntagsmagazin leicht auf den Schenkel schlagend.
»Ich dachte, du hättest dich mit deinen Fahnen eingeschlossen«, sagt er zu Jacob. Er rückt Jane unbewusst lüstern auf den Leib.
»Du riechst sehr französisch«, sagt er. Sie lachen sich an, sehr zärtlich, sehr innig.
»Blödsinn, John«, sagt sie, »das sind die Zwiebeln.«
»Ich regele gerade die Bettenverteilung neu«, sagt Jacob unerbittlich. »Du bekommst das Gästezimmer, wie es dir gemäß der älteren Vorrechte zusteht, und Katherine stecken wir zu den Kindern. Einverstanden?«
»Bitte?«, haucht John schwach und mustert uns alle der Reihe nach. »Was geht hier vor?«
»Katherine ist eine meiner Studentinnen«, sagt Jacob.
»Das weiß ich«, sagt John Millet. Das Schwein, denke ich und leide. Er hat es die ganze Zeit gewusst. Hat er es auf Publikum angelegt? Oder hat er sich, in seiner Weltläufigkeit, nicht lange damit aufgehalten? Hat er gehofft, Jane eifersüchtig zu machen, wenn er von ihr verlangte, ihre Nische in seinem Pantheon unvergleichlicher Frauen zu teilen?
»Ich habe keine Lust, mir vorwerfen lassen zu müssen, unsere jugendlichen Hoffnungsträger zu korrumpieren«, sagt Jacob kalt. »Aber wir wollen uns damit nicht den Sonntag verderben, ja? Lassen wir es auf sich beruhen.« Doch John kann auch hartnäckig sein, und, ihrer gegenseitigen Gesellschaft entwöhnt, müssen sie sich erst wieder an die Toleranz gegenüber ihren jeweiligen Eigenheiten herantasten.
»Meint dein Mann es ernst, Jane?«, sagt John. »Sitzt er inzwischen bei der anglikanischen Kirche im Komitee für Moralische Erneuerung?« Jacob erbost der unverfrorene Versuch, Jane als Mittlerin einzuspannen. Plötzlich wirkt er sehr, sehr groß.
»Ich bin das Komitee für verdammte Moralische Erneuerung«, sagt er drohend. »Und noch einiges mehr, wie du feststellen wirst, wenn du es darauf anlegen solltest.« Jane legt John die Hand auf den Arm.
»Bitte spring nicht darauf an, John«, sagt sie. »Es hätte niemand etwas davon. Wir wissen beide, wie ermüdend rhetorisch und hysterisch Jake werden kann. Wenn du die Sache auf die Spitze treibst, brüllen womöglich am Ende Jake und ich uns an, denn so läuft es doch, nicht wahr? Dann leiden die Kinder, und Katherine wird sich ganz schrecklich fühlen. Wenn du uns also stattdessen netterweise diesen ganz besonderen Wein aus dem Auto holen würdest, könnten wir ihn zum Essen trinken. Ich habe mich gewaltig ins Zeug gelegt mit diesem Lunch, das kann ich dir sagen, auch wenn es Jake entgangen ist. Die Babys haben euch Brombeertörtchen gemacht und Berge von Schlagsahne geschlagen. Bitte, John. Dir muss doch klar sein, dass ein Feind wie Jake alle Freunde aufwiegt.« Diese diplomatische Glanzleistung kommt bei John gut an, verfängt bei Jacob aber leider weniger.
»Herrgott noch mal, Janie«, sagt er zornig. »Ich wäre dir wirklich sehr verbunden, wenn du es unterlassen würdest, so von mir zu sprechen – ›Man muss ihm seinen Willen lassen, dem armen Irren‹ … Ich zahle hier die verdammte Hypothek ab, also mache ich hier verdammt noch mal auch die Vorschriften, wenn es mir verdammt noch mal passt. Ich bestimme hier, wer in welchem Bett schläft, merk dir das.« Jane Goldman läuft angesichts männlicher Paranoia zu großer Form auf.
»Ich werde mir das nicht länger anhören, Jake«, sagt sie seelenruhig. »Und Katherine auch nicht.« Wir gehen vor, zurück ins Haus, und ich sehe ihr dabei zu, wie sie Zucchini brät.
»Nein wirklich, du hast das alles mit bewundernswerter Façon abgewettert«, sagt sie. »Alle Achtung. Bist du tatsächlich so gefasst, wie du wirkst?« Zu meiner Beschämung stelle ich fest, dass ich weine. Jane umarmt mich reuevoll.
»Ach, Kindchen«, sagt sie. »Wie schrecklich für dich. Was sind wir doch für Armleuchter.«
»Ich möchte nach Hause«, sage ich. Sie hält mich im Arm. Ich finde die Nähe einer hochschwangeren Frau seltsam tröstlich. Ich bin ein Einzelkind.
»Das verstehe ich nur zu gut«, sagt sie. »Aber ich fände es sehr schade, wenn du gehen würdest.« Ich weine rückhaltlos an ihrer Schulter und verschmiere ihre Hemdpasse mit Wimperntusche.
»Er ist ein Schuft, dich herzuschleifen«, sagt sie, »und so einen Aufstand zu machen. Bei Männern musst du wahrlich auf alles gefasst sein. Und was meinen Jacob angeht, den darfst du nicht zu ernst nehmen. Er führt sich immer und überall auf wie Heathcliff, weißt du.« Sie reicht mir ein zusammengeknülltes Küchenhandtuch. »Dabei ist er eine Seele von Mensch, im Vertrauen gesagt. Du bist nicht vielleicht zufällig die junge Bewerberin mit der Vorliebe für Mrs Weston und die Babyhäubchen, oder?«
»Doch, das muss ich wohl sein«, sage ich, ungehörig schniefend.
