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Eigentlich will Judith nach ihrem Studium ihre Dissertation schreiben. Mit ihrem Freund Abel ist sie auf eine innige Weise verbunden. Doch unterschiedliche Bedürfnisse führen zu einem Arrangement, das alles andere als alltäglich ist: Plötzlich sind sie zu dritt, Agnes zieht in Judiths Wohnung ein. Die ungewöhnliche Dreierkonstellation sprengt den Rahmen der bürgerlichen Vorstellungswelt und bringt Probleme mit sich, die das Selbstverständnis gesellschaftlicher Konventionen und menschlicher Beziehungen - zu sich selbst und zu anderen - infrage stellen. Alles ist neu und anders: Man geht nun zu dritt - nach außen und nach innen. Die drei verstricken sich ineinander, Wahrnehmungswelten verschwimmen. Judiths wissenschaftliche Untersuchung zur Bedeutung des Schattens im Alten und Neuen Testament wird mehr und mehr zu einer allgemeinen Methodik, die Dämonen des Alltags und der psychischen Abgründe zu beschreiben und die Zustände zu hinterfragen - festgehalten in einem Forschungstagebuch, das sie stets mit sich trägt. Sie spürt, dass es so nicht weitergehen kann, dass sie früher oder später eine Entscheidung treffen muss.
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Impressum
Autorin und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
Intro
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Abspann
Leseproben
Jürgen Bauer - Was wir fürchten
Tobias Sommer - Jagen 135
Jürgen Bauer - Das Fenster zur Welt
Corinna Antelmann - VIER
Gabriele Vasak - Den Dritten das Brot
Sabine Hunziker, Flieger stören Langschläfer
© 2016, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Nadine Kube
Umschlag: Jürgen Schütz
Umschlagbild: © Brooke Shaden
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-25-5
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-902711-52-6
www.septime-verlag.at
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Sabine Hunziker
wurde 1980 in Bern geboren. Sie studierte Soziologie an der Universität Freiburg (Schweiz) sowie Erziehungswissenschaft an der Universität Bern. Sie arbeitet als Autorin und freie Journalistin und schreibt an mehreren Textprojekten. Flieger stören Langschläfer ist ihr Romandebüt.
Klappentext
Eigentlich will Judith nach ihrem Studium ihre Dissertation schreiben. Mit ihrem Freund Abel ist sie auf eine innige Weise verbunden. Doch unterschiedliche Bedürfnisse führen zu einem Arrangement, das alles andere als alltäglich ist: Plötzlich sind sie zu dritt, Agnes zieht in Judiths Wohnung ein.
Die ungewöhnliche Dreierkonstellation sprengt den Rahmen der bürgerlichen Vorstellungswelt und bringt Probleme mit sich, die das Selbstverständnis gesellschaftlicher Konventionen und menschlicher Beziehungen – zu sich selbst und zu anderen – infrage stellen. Alles ist neu und anders: Man geht nun zu dritt – nach außen und nach innen. Die drei verstricken sich ineinander, Wahrnehmungswelten verschwimmen.
Judiths wissenschaftliche Untersuchung zur Bedeutung des Schattens im Alten und Neuen Testament wird mehr und mehr zu einer allgemeinen Methodik, die Dämonen des Alltags und der psychischen Abgründe zu beschreiben und die Zustände zu hinterfragen – festgehalten in einem Forschungstagebuch, das sie stets mit sich trägt.
Sie spürt, dass es so nicht weitergehen kann, dass sie früher oder später eine Entscheidung treffen muss.
Sabine Hunziker
Flieger stören Langschläfer
Roman | Septime Verlag
Viele in diesem Buch geschilderten Handlungen sind mehr oder weniger frei erfunden. Vollständige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sollten zufällig sein und sind nicht beabsichtigt.
Beim Schreiben des Romans kamen keine Tiere zu Schaden.
Intro
Ich habe mal von jemandem gehört, der sein Leben durch simple Würfelwürfe bestimmen liess, jede Zahl hatte ihre Bedeutung.
Zufall heisst das – Zufall. Und das gerade heute, da beaufsichtigt, geplant und beeinflusst wird: Zukunftsmanagement, Zeitmanagement, Wissensmanagement, Wildtiermanagement, Sportmanagement, Selbstmanagement, Qualitätsmanagement, Projektmanagement, Kulturmanagement, Flugverkehrsmanagement, Flottenmanagement, Facility-Management, Bildungsprozessmanagement, Bildungsmanagement, Betriebsmanagement, Baumanagement und –
Berufsmanagement: Professoren empfehlen, parallel zum Verfassen einer Dissertation ein Forschungstagebuch zu führen. Auf karierten Seiten, in einen Kartondeckel eingefasst, erinnert es erst an ein Schulheft. Seine Bestimmung ist es aber, die Doktorandin durch die Einsamkeit des Forscherdaseins zu begleiten. Gedanken, Irrungen, Rückschläge und Erfolge können darin niedergeschrieben werden, damit der genaue Arbeitsverlauf auch später noch nachvollziehbar ist und allfällige Korrekturen gemacht werden können.
Mit dem Stipendium einer Stiftung mache ich mich also auf den Weg – der Alltag verschwindet bald im Rücken, denn eine Analyse bietet nicht viele Anknüpfungspunkte zur Realität. Ab und zu sieht man den Professor, die Kassiererin jeden zweiten Tag im Supermarkt oder den Zahnarzt zur jährlichen Kontrolle. Das Umfeld sind die paar Freunde um mich herum. Mit der Zeit koppelt man sich ganz ab und schafft sich etwas Eigenes. Tag und Nacht unter dem Licht einer Leselampe über Bücher und Kopien gebeugt, mit zerknüllten Papierkugeln und einer Unmenge herumliegender Stifte, geht diese akribische Suche los. Es vermischen sich aber nicht nur Abend und Morgen, sondern auch Forschung und Privatleben.
Die Arbeit nimmt eine absurde Form an: Immer mehr tauchen persönliche Einträge im Forschungstagebuch auf und man beginnt schliesslich, sein eigenes Leben zu beschreiben und zu analysieren, festgehalten in sporadischen Notizen und Erzählungen. Ich lasse mich jetzt immer mehr zu verschiedenen Verlockungen hinreissen. Die Studien verschieben sich. Nach Monaten bin ich vom ursprünglichen Plan so weit abgewichen, als hätte er nie existiert.
Mein eigenes Leben ist mit der Forschungsfrage so verflochten, dass am Schluss beide Teile nicht mehr zu trennen sind.
1
Rauchen ist ungeheuer erotisch, wenn beim Inhalieren der warme Strom über den Gaumen streichelt. Ich glaube sogar, dass viele Leute nicht eigentlich nikotinabhängig sind, sondern sich nach genau dieser Zärtlichkeit sehnen.
Um endlich mit dem Rauchen aufzuhören, hatte ich mit dem Schreiben an meiner Dissertation angefangen. Meine Finger sind nun beschäftigt mit den Buchstaben an der Tastatur des Notebooks. Es gibt Menschen, die ihre Zeit in Zigaretten messen. Sucht ist, wenn man beim Anzünden einer Zigarette bereits an die nächste denkt: eine nach der anderen anzünden und immer wieder ein neues Päckchen aufreissen. Es wird sich bei mir erst noch zeigen, ob Schreiben ein gutes Mittel ist, um dieser Sehnsucht zu entkommen.
Ich habe ein abgeschlossenes Studium in Religionswissenschaften und entschied mich, irgendeine Untersuchung zur Bedeutung des Schattens im Alten und Neuen Testament zu machen. Ein verlorenes Thema – niemand interessiert sich dafür. Mal fertig geschrieben, wird die Arbeit in einem aufklappbaren Karton verschwinden, im Labyrinth des Archivs. Ich arbeite hier an etwas völlig Unwirtschaftlichem, das niemals Gewinne akkumulieren wird und trotzdem grosszügig von einer katholischen Stiftung unterstützt wird.
In der Fachliteratur steht, dass der Schatten per se eigentlich nichts Negatives ist – er kann Schutz vor Hitze und angenehme Kühle bedeuten. Schatten bewegen sich durch das Verschieben der Lichtquelle schnell und lautlos. Sie sind das Gegenteil von Helligkeit und doch fast eins mit ihr – beide gehören zusammen und kommen nicht voneinander los. Damit ich auf der Suche nach einer genauen Forschungsfrage nicht den Faden verliere, erzähle ich Abel laufend, was ich gelesen habe. Manchmal denke ich, dass auch ich nie von ihm loskommen werde – aber im Unterschied zu Hell und Dunkel würden wir niemals ein Paar sein wie Salz und Pfeffer oder Tag und Nacht.
Abel sitzt hinter mir im Zimmer in einem Sessel und blättert nachlässig in einem Buch, wie dies jene Intellektuelle tun, die dessen überdrüssig sind, sich weiter in die Materie einzulesen. Nach Jahren des Studiums in Bibliotheken hatte er das Interesse an Geschriebenem verloren und wünschte sich den voruniversitären Zustand wieder herbei. Abel hat lange gelockte Haare, die am Hinterkopf wie ein Blumenstrauss zusammengebunden sind. Verstrichene Zeit färbt ihm nicht wie bei den Gleichaltrigen erste Fäden im Haar weiss. Es haftet Abel mehr ein Hauch Verzweiflung an. Fast schon vulgär bietet das ausgeleierte T-Shirt sein Brusthaar einer Öffentlichkeit an. Zusammen mit seiner Jeans macht ihn das zu einem sexy Faun. So sitzt er in meiner bruchfälligen Wohnung, wo man nie weiss, ob die Möbel oder die Wände schräg sind: Es gibt keine Vertikale und keine vernünftigen Winkel mehr – nur Linien, die je auf andere Ziele zulaufen. Wir haben beide beruflich keinen hochgebracht und sitzen hier in dieser Müllhalde – doch das ist nicht das Problem.
Niemand weiss so genau, was die eigentliche Lebensschwierigkeit ist, die aus jungen Menschen in allen Jahrhunderten immer wieder Schmerzensmänner macht. Als ich Abel kennengelernt hatte, war er ein Reh, das sich in meine Handschalen legte, fest umschlossen von meinen Fingern – ich hatte ihn sorgsam mit mir herumgetragen. Doch Jahre waren vergangen und grau bröckelt die Zigarettenasche in die Schale auf dem Teetisch. Im Gegensatz zu mir raucht Abel jetzt eine nach der anderen. Dann steht er auf und durchquert mit wenigen Schritten das Zimmer, sorgfältig und bedacht, als wolle er eine Strecke abmessen. Doch wie immer hängt er seinen Gedanken nach, die ihn dahin bringen, wohin ihm niemand folgen kann.
Berner Städter wohnen in kleinen Zimmern, die nur zum Schlafengehen genutzt werden. Die restliche Zeit verbringt man in den Strassen, in Bars und den umliegenden Cafés. Kinder spielen in den engen Gassen oder baden im Sommer in einem der Brunnen, auf denen Figuren stehen: Simson und Moses oder ein Läufer mit einer Tasche voller Briefe. Die Gerechtigkeit klappert mit den Waagschalen. Neben den Brunnenbecken beginnen die Lauben, wo man für gewöhnlich liest, diskutiert, streitet und sich versöhnt – intime Momente spielen sich in diesen selbstgewählten Wohnzimmern ab. Man sollte annehmen, dass dieses öffentliche Privatleben die Leute in einem Quartier nur zusammenschweissen kann, doch da liegt man falsch. Städter sind Flaneure, immer unterwegs und in Bewegung. Einsamkeit ist manchmal hart, doch sie muss sein, weil das Gegenteil dazu noch weniger eine Alternative ist.
Ich gehe mit Abel in eines dieser kleinen Cafés und bin über mein Buch und die Notizen gebeugt. Schatten wurden zur Zeitbestimmung eingesetzt. Irgendwo im Alten Testament steht: Wenn die Schatten lang gestreckt sind und die Tore Jerusalem im Schatten stehen, dann geht der Tag zu Ende. Noch genauer wird natürlich die Zeitangabe, wenn mit einer Uhr gemessen wird. In Ägypten gab es eine Schattenuhr auf dem Dach des Königspalastes.
Werde ich aus meinem Lesefluss herausgerissen, blinzle ich erst verwirrt in der Gegend herum, bis ich mich dann wieder zurechtfinde. Abel erklärt mir etwas über den Rand seiner Zeitung hinweg. Wir nehmen hier wie so oft unseren Nachmittagskaffee ein, weil zuhause die Pulverdose leer ist.
»Wurde Jesus nicht bei einer Mondfinsternis gekreuzigt?«
Die Zeitung ist nun auf die Tischplatte heruntergeklappt und Abels Zeigefinger deutet auf eine bestimmte Stelle im Text, die ich aber nicht lesen kann.
»Nein, eine Sonnenfinsternis«, antworte ich, meine Gedanken sind woanders.
»Schade«, meint Abel, »denn hier findet bald eine totale Mondfinsternis statt, die man gut sehen kann. Dachte nur, weil du dich mit Schatten beschäftigst …«
Und wirklich – ich versuche mir die Bedeutung der Mondfinsternis ins Gedächtnis zu rufen. Eine solche Finsternis ist eigentlich nichts Aussergewöhnliches. Die totale Verdeckung des Mondes nennt man auch Blutmond, weil besonders die Ränder der Scheibe stark rötlich erscheinen. Vier aufeinanderfolgende Mondfinsternisse werden eine Tetrade genannt und hängen oft mit bedeutenden historischen Ereignissen zusammen. Man sagt, dass Gott dann selbst eine Verbindung zwischen den Himmelskörpern und seinem Volk herstellt. Genau eine solche Tetrade wird dieses und nächstes Jahr wieder sein – das letzte Phänomen dieser Art in diesem Jahrhundert.
»Und schauen wir uns die Mondfinsternis nun an?«, fragt Abel, der zwischenzeitlich achtlos zwischen den Zeitungsseiten weitergeblättert hatte.
Nach dem Alten Testament enden Gottlose in der Finsternis, wo Sterne, Mond und Sonne nicht mehr scheinen. Abel hat sich als Nihilist von der Religion verabschiedet und ich selber habe zwar Religionswissenschaften studiert, in den Jahren des Studiums aber herausgefunden, dass Gott nicht der ist, für den man ihn hält.
Leerstand vermeiden, das ist das Schlüsselwort, warum wir alle für eine mehr symbolische Miete überhaupt hier in dieser besonderen Lage in der Altstadt von Bern leben dürfen. Viele Berner denken, dass sie in einer Hauptstadt leben: Sandstein und Idylle, der nahe Fluss umfasst die Häuserreihe zärtlich mit seinem Arm. Im Sommer ist es hier multikontinental. Alle wollen den kleinen Turm mit der Uhr, das Bundeshaus und die Bären sehen, die in einem dazu passenden Park auf den Bäumen herumklettern. Doch natürlich ist die Situation etwas komplexer und anders als vorgestellt und in Reiseführern beschrieben. Unsere Hausbesitzerin beispielsweise wartet ab, bis sich unser Haus in einem so bruchfälligen Zustand befindet, dass es keine andere Rettung mehr gibt als Abriss oder Totalumbau. Das sollte nicht mehr allzu lange dauern. Würde der Fall eintreten, dann bedeutete dies eine Luxussanierung des Gebäudes mit Glaslift, herausgebrochene Wände und tolle Appartements – vor allem aber ein paar Tausender mehr Monatsmiete. Wir sind dabei lediglich die momentanen Wartewächter, die wie Stadtfüchse in den Ruinen herumhuschen. Aber wir wollen ja nicht undankbar sein. Da auch keine Heizung vorhanden ist, getrauen sich nur ganz Verwegene hier zu leben. Im Winter ist es so kalt, dass sogar der elektrische Strom einfriert und das ist keine Übertreibung. Glühbirnen bleiben dunkel, wenn es ihnen zu kalt ist. Vorher knistern sie gefährlich.
Aber Angst haben wir hier im Haus nur, wenn wieder Architekten auftauchen, um mit ausgestreckten Armen Messbänder von Kante zu Kante der Mauern zu legen. Neben den Tieren, die sich sowieso schon im Haus breit gemacht haben – im Keller hausen Kakerlaken, im ersten bis zweiten Stock Mäuse und im obersten Stock und unter dem Dach Fledermäuse – sind die Architekten die unbeliebtesten Gäste. Sie wagen sich nur am Morgen in den engen Treppenhals des Gebäudes, wenn die Bewohner des Hauses noch schlafen. Wenn man aber dann doch um neun Uhr auf die Toilette muss und die Wohnungstüre ins schwarze Treppenhaus öffnet, dann fällt das Licht direkt in die Pupillen der aufgescheuchten Männer und reflektiert darin. Sie packen dann verschreckt ihre Aktentaschen und verschwinden lautlos wie Käfer in der Dunkelheit.
Mit der Zeit erhielten die Bewohner des Hauses einen seltsamen Ruf. Ich weiss nicht, ob das Haus auf die Bewohner oder die Mieter auf das Haus abgefärbt haben – am Schluss verschmolz alles und der Briefträger wirft die Post nur noch auf die abgetragene Fussmatte, die vor dem Eingang zum Treppenhaus liegt. Das ist aber allen egal, denn es gibt keine Schlüssel mehr zu den gusseisernen Briefkästen an der Wand. Einst waren sie ein Schmuck gewesen und hatten zum prachtvollen Haus gepasst – inzwischen lohnt es sich nicht mehr, neue Schlüssel machen zu lassen. Man sagt, dass die Sicherheit der Tod der Kreativität ist: Hier ist nicht viel sicher. Aus diesem Grund bin ich wohl auch in das Haus eingezogen.
Die Badewanne ist wie die Dusche und die Waschmaschine im Untergeschoss, wo es immer etwas muffig riecht. Die zwölf Bewohner im Haus teilen sich dieses Bad mit weiteren zwölf im Nebenhaus. Als ich hier einzog, gab es ein Gerät mit Kartensystem, bei dem man für die Nutzung bezahlen musste. Mit aufgeladener Karte sprudelte das heisse Wasser – war der Saldo aufgebraucht, kamen höchstens einige Tropfen. Da die Wasserpreise etwas hoch waren, duschte man dann zu zweit – zusammen mit irgendjemandem im Haus, der gerade da war. Später dann wurde der Automat mit einem Baseballschläger immer wieder zertrümmert, sodass sich die durch die Schäden mürbe gemachte Hausbesitzerin entschloss, das Zahlgerät nicht mehr zu ersetzen. Ab diesem Zeitpunkt lief die Waschmaschine fast ohne Ende durch und auch nachts hört man das Seifenwasser in der Trommel bis oben gurgeln.
Jetzt kommen Menschen aus der ganzen Stadt in unser Haus durch die unverschlossene Haupttüre, um ihre Wäsche zu waschen oder zu duschen. Alles ist ja gratis. In Säcken und Körben tragen sie schmutzige T-Shirts oder Socken – eine Seife und ein Frotteetuch in der Hand. Es spricht sich herum.
Überhaupt scheint unser Haus ein Ort zu sein, wo Menschen voller Hoffnung Zuflucht suchen – wo sie etwas zu finden glauben. Mir wurde nie ganz klar, was genau. Manchmal wagen sich auch Reisende bis zur Hauptpforte vor und streichen mit den Händen über die Briefkästen, sodass die Deckel an den Schlitzen klappern.
Die Suchenden stellen Fragen, auf die ich keine Antworten weiss. Sie kommen oft vom FU, was keine Abkürzung für geheimnisvolles Land ist, sondern fürsorgerische Unterbringung bedeutet, die maximal sechs Wochen dauert und dann wieder auf der Strasse endet. Wir Hausbewohner zeigen ihnen den Weg in den Keller, wo sie ein paar Tage lang ihre Matten auf dem Boden ausrollen können. Der Schlaf in Daunensäcken scheint ihnen aber für ihr brennendes Feuer im Kopf keine Linderung zu bringen. Der Körper vibriert weiter unter der Anstrengung, die eigene Energie ertragen zu müssen.
Wenn ich nicht an meiner Dissertation arbeite, bade ich oft in der alten Wanne im Keller. Es ist für mich wie eine Art trotziger Akt: wenn von draussen der Lärm der arbeitenden Welt zu mir hereindringt und ich bewegungslos im Wasser liege. Da im Keller ist es eher schummrig, Licht fällt durch eine mit Spinnweben verhangene Fensterscheibe.
Wasser stösst aus dem Hahn hinunter ins Porzellanbecken der Wanne und brodelt dort in einer grossen Schaumkrone auf. Ich tauche nach und nach mit meinem Körper ein. Schwülwarm – kleine Schweisstropfen sammeln sich oberhalb meiner Lippe. Dampf überall.
Die Arme gleiten ins Wasser links und rechts neben meinen Körper. Umschlossen von Wärme. Wenn man den Kopf untertaucht, verschwinden auch die Alltagsgeräusche von draussen wie das Quietschen der Trams oder Autolärm und verzerren sich ins Unerkenntliche – sie werden leise.
Wenn ich wieder auftauche und mir das lange Haar aus dem Gesicht streiche, bilde ich mir gerne ein, dass sich eine Muschelkolonie am rechten Rand der Wanne angesetzt hat. Muscheln haben einen starken Muskel, der die zwei Hälften öffnen und schliessen kann. Einmal geschlossen, ist es bei vielen Arten fast unmöglich, in das Innere vorzudringen. Nur wenn sich Muscheln sicher fühlen, gehen die Schalen ein Spalt weit auf.
Zur Hausmiete inklusiv gehört die Strasse davor. So niedlich Bern auch ist mit seiner Übersichtlichkeit, den kleinen Sandsteinlauben und der Fröhlichkeit, die von den Dächern prasselt, so gibt es doch Ecken, die nicht ganz zu diesem Bild passen wollen. Es gab wohl mal einen Riesen, der diese Strasse irgendwo in Hamburg-St. Pauli geklaut und sie hierher mitten in diese freundliche Heidi-Gegend gesetzt hatte. Was ihm dabei durch den Kopf gegangen war, ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht ging es ihm wie jenen Kindern, die beim Puzzlespiel unbedingt irgendwo ein Teil einsetzen wollen, obwohl es nicht passt, und es dabei mit aller Kraft eindrücken.
In unserer Gasse ist der Strich mit einer Kontaktbar voller Nutten und früher gab es zwei Läden mit Videokabinen. Es gab auch Zeiten, in denen die Leute ihr Kokain offen auf der Strasse geschnupft haben, aus dem kleinen Plastikbeutel heraus. Dann kamen Robocops und rannten durch die Gasse, um die fliegenden Händler noch zu erwischen. Ich stand zwischen den Hausseiten mitten auf der Strasse und die Männer mit den Hartplastikpanzerungen rannten, ohne mich gross zu bemerken, links und rechts neben mir durch. Schwarze Ritter, unsere Schultern berührten sich beinahe. Wir kreuzten uns und es war einer dieser Momente, in denen die Zeit langsamer zu ticken scheint: Slow Motion. Ein Schlüsselmoment, der vieles klären könnte, aber die Zeit dazu fehlt: gehetzte Befehle, knirschendes Handschuhleder, klappernde Beinschienen und ein Luftzug. Drogenrazzia. Die Berner Polizei ist nicht dafür bekannt, besonders sprachbegabt zu sein – aber drei Wörter kennen sie in französischer Sprache: »ouvre la bouche!« Die Dealer glitten wie geschmeidige Gazellen weg, die schweren Stiefel der Polizisten hatten da keine Chance. Die Männer und die Drogen verschwanden schliesslich zwischen den Häusern. Stattdessen kamen die Frauen.
Ich weiss nicht, wann die Kontaktbar geschlossen ist, fast immer ist jemand da. Die Fensterfront kann man vollständig öffnen, Bänke stehen halb auf der Einbahnstrasse und Männer warten auf Frauen: Boys meet Girls und irgendwo hängt ein Schild mit einem Kaugummi-Verbot. Andere Nutten stehen an die Sandsteinbögen gelehnt, rauchen Zigaretten und warten in auffälligen Kleidern. Ihre Freier sagen zu ihnen: »ouvre la bouche!«
Als ich beim Vorstellungstreffen für meine Wohnung von der Vermieterin gefragt wurde, ob ich der Sexarbeit nachgehen würde, verneinte ich. Ich habe einen neuen Job als Putzkraft in einer Bar gefunden: Um drei Uhr nachts ist Arbeitsbeginn – das Lokal dann geschlossen. Interessant daran ist, dass alle um mich herum schlafen und ich die Soundanlage im Lokal, das etwas abseits der Innenstadt liegt, jederzeit benutzen kann. Eine Riesenmaschine mit unzähligen Stereoboxen, die sich wie ein Krake in den Räumlichkeiten ausgebreitet und es sich bequem gemacht hat. Zuhause höre ich nie Musik. Ich sitze auf einem der Barstühle, habe die Arme auf den Tresen gelegt und schaue in den Spiegel dahinter. So gefalle ich mir und dies ist etwas ganz Persönliches und Intimes. Vor mir, auf einer Holzleiste an der Wand, stehen fein säuberlich nebeneinander viele verschiedene Getränkeflaschen: roter Campari, blauer Wodka, grüner Likör und goldener Tequila. Sie sind die Papageien in diesen sonst dunklen Räumen und bringen Farbe in den Hintergrund. Die dazugehörige Karte mit einer Auswahl von Drinks befindet sich daneben. Nächtelang haben wir schon darüber diskutiert, an welchem Ende der Karte man beginnen müsste, um mehr Shots und Cocktails trinken und abhaken zu können, ohne vorher abzukacken. Das sind ja auf den ersten Blick nicht gerade die intelligentesten Gespräche – doch das Durcharbeiten der Karte, verbunden mit einer Neuzusammenstellung der Drinks kann durchaus mit einer Partie Schach verglichen werden. Problempunkt Nummer eins ist der Long Island Iced Tea mit seinen hochprozentigen Ingredienzen. Hier wurde mir klar, dass ich den Long Island Iced Tea nie umsegeln und immer daran zerschellen würde. So wie es im Leben auch etwas gibt, woran man immer und immer wieder scheitert – und hoffnungslos zurückbleibt.
2
Kalt waren die Winter im Haus. Schlimm für jene, das stellte sich heraus, die niemanden hatten, der ihnen das Bett wärmte. Mein gefütterter Bundeswehrparka leistete hier seinen einzigen guten Dienst. Es half aber auch, wenn man die Fensterläden schloss oder die Fensterrahmen mit Isolierband verklebte, damit es wärmer wurde. So ging ich die wenigen Schritte zum Rahmen, öffnete das doppelverglaste Fenster und machte die Holzläden fest. Winter um elf Uhr nachts ist eine gute Zeit im Quartier, denn dann ist es menschenleer. Es patrouillieren nur Streifenwagen der Polizei wie nervöse Raubtiere herum.
Die Kälte ist – entgegen der verbreiteten Vorstellung – nicht geräuschlos. Sie macht ein summendes Geräusch und nachts brechen plötzlich die Wände entzwei. Am Morgen finden sich feine Risse da, wo die Mauer zuvor noch intakt war. Abel hatte seine Jacke umgehängt, ohne die Ärmel über die Arme gezogen zu haben. Dschungelkampf. So sass er auf einem Stuhl, die Lehne vor sich im Bauch. Ich ihm gegenüber auf der Couch. Um mich etwas aufzuwärmen, nippte ich an meiner chinesischen Teetasse. Mein Haar war unter einer Wollmütze verborgen. Mit einem Feuerzeugrücken hebelte Abel den Kronkorken von seiner Bierflasche auf, sodass der Schaum über den Handrücken heruntertropfte. So im ungeheizten Zimmer war das Feldschlösschen mal wirklich richtig kalt. Manchmal gingen wir auch ins Kino, ins Uni-Sporttraining oder in die nächste Kneipe, um den Abend nicht hier verbringen zu müssen. Später dann zwischen Decken und Matratze gekuschelt: Kopf an Kopf lagen wir aneinandergeschmiegt, waren oft Hand in Hand eingeschlafen.
Wenn ich Abels Körpergeruch in meiner Nase hatte, wusste ich, dass alles gut war und schlief ein. Das war rückblickend wirklich schön, mit den Eisblumen auf dem Glas der Fensterscheibe, die zwar doppelverglast war, aber mit alter, morscher Einfassung. Ich bin wirklich keine Romantikerin, doch das sind Momente, die in Erinnerung bleiben. Irgendwo steht, dass man nicht die Personen vermisst, wenn sie weg sind, sondern die Situationen als Ganzes. Der Liebeskummer vergeht so schnell und eine Person, die einem so nahegestanden hat, bedeutet einem schon nach kurzer Zeit überhaupt nichts mehr. Sie ist verschwunden aus dem Leben, aus den Träumen und aus der Erinnerung überhaupt. Und das ist schlussendlich für mich auch der Beweis, dass es die klassische Liebe nicht gibt, wie man sich dies vorstellt – höchstens eine Zuneigung, die manchmal in Richtung Leidenschaft hin tendiert. Vielleicht liegt dies alles aber auch an meiner Fähigkeit, schnell vergessen zu können. Irgendjemand hat wiederum erzählt, dass man erst erkennt, wie sehr man geliebt hat, wenn die Person nicht mehr da ist und nur noch der Schmerz zurückbleibt. Wem soll man da noch Glauben schenken?
Immer wenn ich den mürben Teig eines chinesischen Glückskeks breche, dann steht da auf dem Zettel: »Machen Sie nicht die gleichen Fehler.«
Ich habe nicht gewusst, dass Männer weinen können. Silbrige Spuren von Tränen ziehen sich über Abels Gesicht und versickern in seinen Bartstoppeln: Es ist wie etwas, das nicht in diese Welt zu gehören scheint. Mir wird erst in diesem Moment bewusst, wie wenig ich über Männer weiss. Man sagt, dass das Y-Chromosom immer mehr bröckelt und brösmelt. In 10.000 Jahren wird es gänzlich verschwunden sein und es wird sowieso keine Geschlechter mehr geben. Jetzt, da sie noch da sind, sage ich mir, dass Männer untauglich dafür sind, Mörder zu sein: Nur Frau können gebären und damit gegebenes Leben wieder nehmen.
Abel sitzt mit seinen ausgelatschten Schuhen auf meiner Couch. Das lange Haar fällt wie ein sprudelnder Wasserfall herunter. Mit beiden Händen hat er eine Flasche umklammert. Fast jedes seiner Kleidungsstücke hat irgendwo ein Loch in der Grösse des Bodens eines Longdrinkglases. Als Hosen, Hemden oder Anzug noch in der Auslage eines Kaufladens gehangen haben, waren alle Stücke mit einem Magnetknopf gesichert gewesen. Man muss diese Knöpfe nur mit einer kleinen Schere rausschneiden im Umkleideraum, die Stücke in einem Rucksack verstauen und rausstolzieren, um sie zu besitzen. Dies ist Abels Seite als Zauberkünstler und er hat noch viel mehr Tricks drauf. Der Staat und die Welt sind selber schuld, wenn sie Abel exmatrikuliert haben: Man darf die Intelligenz nicht reizen. Abels magerer Körper – ohne viel sinnliches Drumherum – ist sehr, sehr zerbrechlich. Trotzdem scheint sich in seinem Kopf eine Maschine zu befinden, die ohne Ende produziert. Die Erträge dieser Produktion werden eines Tages in seine ausgestreckten Arme fallen und mit einem leichten Schimmer darauf daliegen.
Als das Bier leer ist, lässt Abel die Flasche stehen und fällt nach wenigen Schritten auf die Laken meines Bettes, das in der Mitte des Raumes steht. Abel versteckt sich unter der Decke, sodass man nichts mehr von ihm sehen kann. Bei allzu ungünstigen Lebensbedingungen haben bestimmte Organismen eine Lösung parat: Sie treten in eine verlangsamte Lebensphase ein. Das heisst, sie schlafen bis zum Anbruch besserer Zeiten.
Agnes, gegen das Polster der Couch gelehnt, steckt sich eine Kippe an. Bald ist mein kleines Zuhause mit Rauch gefüllt. Dass Agnes sich überhaupt hier befindet, ist Abels Schuld.
»Mich interessiert die Liebe«, hatte Abel noch gesagt, »die freie Liebe.«
Sexuelle Revolution – darunter habe ich mir aber immer etwas anderes vorgestellt, als ich in den Geschichtsbüchern der 68er dazu nachgeschlagen hatte. Aber sicher nichts irgendwo versteckt, im Bett von Kolleginnen oder im Park, um am Morgen mit einem von der Lüge verschmierten Gesicht in der Wohnung aufzutauchen. Warum hat man wohl am meisten Beziehungen, wenn man selber in einer Beziehung ist? Ohne jetzt den christlichen Moralfinger weit in die Luft hochstrecken zu wollen: »Na gut, machen wir freie Liebe«, habe ich zu Abel gesagt, »du musst nicht meinetwegen lügen müssen.«
Dass ich nicht für die freie Liebe geschaffen bin, wurde mir aber dann erst später klar: denn wenn ich mal etwas gefunden habe, dann will ich es auch behalten.
Und wenn ich nackt bin und mich jemand so sieht, habe ich immer das Gefühl, dass mir etwas gestohlen wird.
Grosse Liebe gehört in eine Zeit der grossen Theorien und romantischen Vorstellungen – in eine Epoche von Sigmund Freud und Leo Tolstoi. Mir war gerade erst eine zerfledderte Ausgabe der Anna Karenina in die Hände gekommen. Der Stoff mag gut gewesen sein für das 19. Jahrhundert – heute funktioniert das ganz anders. Frauen sind in der Vergangenheit vor allem eines gewesen: abhängig von ihrem Mann und gesellschaftlichen Einflüssen. Heutige Frauen sind nur noch abhängig von gesellschaftlichen Einflüssen – Erleichterung pur (ironisch gemeint). Während der Unizeit hatte ich mich für einen Redaktionsposten bei der Studentenzeitung beworben und mir wurde als einziger Frau das Ressort »Feminismus« zugeteilt. Als Feministin würde ich mich aber nicht bezeichnen. Wie sagte der Schriftsteller Charles Bukowski? Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren. Nach sechs Bierdosen und stundenlangem Grübeln wurde mir aber klar, dass dieser Satz überhaupt nicht frauenfeindlich ist. Welche Frau lässt sich schon passiv in die Gesellschaft integrieren? Es stimmt: Frauen werden hässlich, wenn sie passiv werden. Feminismus ist zu fest auf das Weibliche konzentriert, um wirklich eine Lösung darzustellen. Aber die Zeit hat sich geändert. Auch würde heute niemand mehr wie Graf Alexej Wronskij in den Krieg ziehen, um nach einer enttäuschten Liebe sein Leben zu beenden. Vielmehr stelle ich vermehrt fest, dass der Satz »ich liebe dich« nicht für alle das Gleiche bedeutet und Paare sich bald nicht mehr genügen. Liebe ist ein Würfelglück. Heute gibt es nur noch eine Unmenge von verschiedenen Möglichkeiten, um Freundschaften aufs Spiel zu setzen. Jemand sagte mal: Nach einer bestimmten Zeit beurteilt man eine Person wie einen Diamanten – man geht von einem meisterlich geschliffenen Edelstein aus in Form von 100 % Prozent Perfektion. Das Begehrenswerte wird dann schon bald aus der Perspektive des Fehlerhaften beurteilt. Nicht die reale Schönheit zählt, sondern wie viel der Wert vom Vollkommenen abweicht.
Dass es dann doch nicht so ganz einfach ist, wurde mir erst später durch meine Forschungsnotizen bewusst – dass sich alles verändert, wenn zum Beispiel plötzlich zwei Personen da sind. Es handeln ja nicht alle wie Fidel Castro, der während der Revolution aus Zeitgründen nur jeweils einen Liebesbrief verfasste und seine Geliebten den Brief zur Lektüre reihum gaben.
»Travis und Oasis sind die Beatles und die Rolling Stones aus den 90er Jahren«, behauptet Agnes. Wenn ich jetzt einen CD- oder Plattenspieler hätte, könnten wir Stücke von diesen Bands hören. Doch in meiner Wohnung hat es kaum Geräte und auch keine Bilder an den Wänden. Es sind nur Dinge da, die mich inspirieren: alte Blechbüchsen, ein Baseball-Schlagstock, eine Industrieuhr aus einer Fabrik und Rosenkränze. Gerade der Baseball-Schlagstock begleitet mich schon sehr lange – er steht immer griffbereit neben dem Türrahmen beim Eingang. Im Grunde genommen gehört auch Agnes zu dieser Ansammlung, wie sie jetzt vor mir auf dem Sofa sitzt. Ich überlege mir jetzt, wie sie überhaupt in mein Leben gekommen ist: Es war wie ein kleiner Einbruch in meine vier Wände. Hatte nicht der Maler Francis Bacon mit dem Einbrecher geschlafen, der in sein Haus eingestiegen ist, während er mit Pinsel und Farben an einem seiner Werke gearbeitet hatte?
Zuvor war sie eine Zeit Autoverkäuferin bei Nissan Motor Ibérica S.A. gewesen, einem Kraftfahrzeughändler sowie Automobil- und Nutzfahrzeughersteller mit Unternehmenshauptsitz im Industriegebiet Zona Franca der katalonischen Stadt Barcelona. Ich selber habe keinen Bezug zu Autos und kann sie kaum unterscheiden. Für mich sehen immer alle Autos gleich aus. Agnes kann aber genau nach Marke und Modell unterscheiden. Was ich an Agnes bewundere: dass sie ihr Leben unglaublich intensiv lebt, wie dies nur Straftäter in Freiheit oder Todgeweihte können.
Als ich einmal in ihrem Bett erwachte und mit der Hand nach der Wasserflasche neben der Matratze langen wollte, griff ich in herumliegende Tabletten. Jede einzelne Filmtablette war eingeschweisst, sodass sie nur durch ein Plastikfenster sichtbar war. Da lagen sie, bunte Farben und ihre Namen konnte ich zwar lesen, aber sie sagten mir nichts. Unvorstellbar, dass man all diese Pillen schlucken kann – sagte ich mir. Es sind unglaublich viele, ein ganzer Berg. Die Antwort dazu lautet Schizophrenie. Schizophrenie bedeutet, Zugriff zum Unterbewusstsein der Gesellschaft erhalten zu können. Damit diese Bilderflut nicht die ganze Zeit auf die betreffenden Personen niederprasselt, müssen täglich starke Medikamente geschluckt werden: die tausend Nebenwirkungen im Körper auslösen, Knochen und Organe durcheinanderwirbeln für die Reizarmut. Reizarmut. Die totale Institution oder auch Psychiatrie sind Orte dieser Armut. Langjährige Insassen einer Psychiatrie erkennt man daran, dass sie beim Tischfussball oder beim Schach immer gewinnen. Und es gibt wirklich Gitter in der geschlossenen Abteilung und auf den Sofas, die auf dem Gang vor den Zimmern verteilt sind, sitzen den ganzen Tag Patienten. Hier sind sie, ein Mosaik von Gemeinschaft und halten den filigran-schmiedeeisernen Schlüssel zu einer besonderen Welt in der Hand. Renate Wolff und Klaus Hartung (1972) schreiben, dass Schizophrenie den psychischen Widerspruch zu den herrschenden Lebensverhältnissen der staatlichen Kontrolle definiert. Nie ist es gelungen, Schizophrenie genauer zu definieren – die Bezeichnung steht vielmehr für einen Sammelbegriff ähnlicher Fälle. Schlussendlich interessiert sich der Psychiater bei dieser Art von Wahn nicht mehr für seine eigene Verwirrung, sondern nur noch für die Verwirrung des Patienten, meinen Wolff und Hartung.
Medikamente der Reizarmut haben ihren Preis: Kurz nach der Einnahme verwandelt sich jeder Mensch in eine lebendige Leiche, das Denken lässt nach und die Muskeln werden schlaff. Das heisst konkret: in die Hosen pissen, zittern oder auch kotzen, weil der Magen von der krassen Chemie der Inhaltsstoffe brennt. Nebenwirkungen, die man einfach hinnehmen soll. Doch die Alternative dazu bedeutete die Schwierigkeit, die eigene Person mit einer beweglichen Persönlichkeit zusammenhalten zu müssen. Die Emotionen drohen immer wieder in eine Einzelteilvielfalt auseinanderzufallen. In so kleine Teile, dass es unmöglich wird, sie wieder zur ursprünglichen Form zusammenzufügen. Sollte diese Situation eintreten, werden Ärzte dazu gezwungen, neue Körper zu erfinden und die einzelnen Puzzleteile irgendwie zusammenzubringen. Diese Arbeit ist dann eine Art Archäologie, die auf x-beliebigen Vorstellungen basiert.
Von nun an lernte ich Schritt für Schritt das Leben eines Psychopathen kennen – das sich eigentlich kaum von meinem eigenen unterschied: Psychopathen stehen auf italienisches Essen, lieben Kinofilme, lesen Bücher und erdrosseln ihre Bettgefährten nicht im Schlaf mit einem Nylonstrumpf und schiessen auch kaum mit Schrotflinten in der Gegend herum. Als mir das klar wurde, war Agnes schon bei mir eingezogen.
Nun sind wir zu dritt: in der Badewanne (weil der Warmwasser-Boiler schon wieder fast leer ist), beim Spaghettiessen aus der Pfanne und beim Streit um den letzten Schluck Milch aus dem Karton, der im Kühlschrank steht.
In meinen wissenschaftlichen Unterlagen habe ich gelesen: Wenn Sonne, Mond und Erde zusammenkommen, so führt dies als kosmisches Dreiecksverhältnis zu einem einzigartigen Ereignis im Sonnensystem – der totalen Sonnenfinsternis. Im Laufe der Zeit würde ich mir immer mehr vorkommen, als sei ich selbst schizophren geworden und Agnes und Abel seien zwei von mir ausgekoppelte Figuren, die mein Leben bevölkern und mit mir sprechen, ohne wirklich da zu sein. In solchen Momenten verstehe ich auch die Männer, die ihrer Ehefrau sagen, dass sie nur mal schnell Zigaretten kaufen gehen und für immer verschwinden. Doch ich gehe nicht Zigaretten kaufen, obwohl es mir manchmal etwas zu viel wird.
Es scheint so, als gehöre die gesamte Bevölkerung auf die Freud’sche Coach. Wenn wir zu dritt auf der Strasse gehen und ich erst Agnes und dann Abel küsse, dann ist das schon eine kleinere Katastrophe – fast schon schlimmer als der Erste, Zweite und Dritte Weltkrieg zusammen. Man darf zuhause den versautesten Porno schauen, doch harmlose Liebe machen, das geht nicht.
Liebe und Glück zu finden ist kompliziert.
Gretchenfrage: Wie hast du’s mit der Sexualität?
