Flimmern im Ohr - Barbara Schibli - E-Book

Flimmern im Ohr E-Book

Barbara Schibli

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Beschreibung

Sommer 2010. Während Priska mit ihrem Innenohr-Implantat das Hören so übt, dass die Punkmusik von früher wieder Rausch werden könnte, erschüttert ein politischer Skandal die Schweizer Öffentlichkeit. Wie in den politisch aufgeheizten 1970er- und 80er-Jahren hat der Inlandsgeheimdienst wieder illegal Daten verdächtiger Personen abgegriffen. Auch Priska wurde damals beobachtet. Die neuerliche Fichen-Affäre weckt Erinnerungen an ihre Zeit in der Clubszene und der Frauenbewegung, vor allem aber an Gina, ihr Vorbild, ihre unerschrockene Mitstreiterin und große Liebe, die ebenfalls im Visier des Staatsschutzes war. Über dreißig Jahre später denkt Priska zurück und fragt sich, wie ihr Leben wurde, was es jetzt ist. Mit poetischen Bildern und sanfter Radikalität spürt Barbara Schibli der Frage nach, ob wir mit den Jahren immer mehr wir selbst werden oder uns in Kompromissen verlieren. Und woran wir den Unterschied erkennen.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Barbara Schibli

Flimmern im Ohr

Roman

DÖRLEMANN

Alle Rechte vorbehalten Copyright © The Estate of Penelope Mortimer, 1958 © 2024 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Coverbild: Esther Schena Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-890-7www.doerlemann.ch

Inhalt

CoverTitelei und ImpressumInhaltMotto1 - Want more2 - Lost in town3 - Instant lover4 - Godzilla5 - No more superstars6 - Get out of my dreams7 - GhosttrackWichtigste QuellenDanksagungZur AutorinZum Buch

 

She said: what is history?

And he said: history is an angel

being blown backwards into the future

He said: history is a pile of debris

And the angel wants to go back and fix things

To repair the things that have been broken

But there is a storm blowing from paradise

And the storm keeps blowing the angel

backwards into the future.

And this storm, this storm

is called progress

Laurie Anderson, The dream before (For Walter Benjamin)

1

Want more

Die eingedrückten Ecken des Albumcovers stammen noch von damals, heute bin ich behutsamer im Umgang mit den Vinylscheiben, spreche auch von Schutzhülle. Rücklings lasse ich mich aufs Sofa fallen, dessen Leder sich angenehm kühl anfühlt. Die einander diagonal gegenüberliegenden Ecken der Schallplattenhülle zwischen die Zeigefinger geklemmt, lasse ich sie um ihre Achse rotieren. Könnte ich es schneller, würde ein Würfel entstehen, Tigersprung in eine andere Dimension.

Seit kurzem sind die Platten meine Opponenten, an denen ich mich messe. Und wie!

Enerviert pfeffere ich die Hülle in die eine Wohnzimmerecke, Coverecke trifft dort auf runden Übertopf der blöden vielblättrigen Einblattpflanze, die Bengt umsorgt, als wäre sie Inbegriff seiner persönlichen Entfaltung. Ich drehe mich auf den Bauch, setze über die Lehne des Sofas hinweg den Arm des Plattenspielers einmal mehr zurück. Wieder der erste Song. Von Text keine Spur, doch ich habe ihn in mir drin, verdammt vertraut, schleudere dem Scheppern entgegen:

Want more want more want more.

Mit Enttäuschungen sei zu rechnen, Frau Häusermann hatte mich gewarnt. Es brauche Zeit, Geduld, viel Nachsicht sich selbst gegenüber. Und Disziplin. Üben, üben, üben – besser in kleinen als in großen Einheiten, geeignet: vertraute Stücke.

Want more. Da muss mehr drin liegen. Die Platte dreht und dreht sich und die Stimme schraubt sich noch immer splittrig in mich hinein. Der Song: ein Dröhnen weit weg von Musik. Dass mein Körper dadurch in Schwingung versetzt würde, ein ferner Traum.

Das hier ist kein Rausch.

Das hier sind Aufgaben. Das hier ist Frust.

Frau Häusermann meint, das Üben könne auch der Entspannung dienen, es ermögliche, den Alltag zu vergessen, indem man sich ganz auf diese eine Aufgabe konzentriere.

Sie meint, zu diesem Prozess gehöre es auch, bereits Vertrautes wieder neu zu lernen. »Ihr Gehirn muss lernen, die Klänge neu zu interpretieren.«

Wieder setze ich den Tonarm zurück, platziere die Diamantnadel in der äußersten Rille. Die Knistergeräusche vor dem ersten Song, das begleitende Grundrauschen – nur in Erinnerung. Erkennen kann ich lediglich den Rhythmus des Schlagzeugs, den tiefen Bass. Dann setzt die Stimme ein – und alles klingt grell und metallisch.

Das Implantat habe Schwierigkeiten, die Dynamik und den vollen Klangumfang der Musik zu reproduzieren, deshalb bleibe die Musik für mich flach, monoton und scheppernd. Die Übertragung der Tonhöhen sei unscharf und auch verschoben, damit sei das Erkennen von Melodien deutlich erschwert. Mit viel Zeit, Hörtherapie und geduldigem Training könne es besser werden. Schöne Welt der Möglichkeiten.

Das fiel mir gleich am Anfang auf: Frau Häusermann sprach vom Implantat, als wäre es eine Person oder zumindest ein beseeltes Objekt. Das Implantat hat Schwierigkeiten – als ob ich Empathie für das technische Ding entwickeln sollte. Mit der Musik bekunde es am meisten Mühe. Plötzlich war mir nicht mehr klar: Ging es ihr um mich oder um das Implantat?

»Ein kräftiger Beat, das ist zum Anfangen am einfachsten.« Kräftiger Beat, das schien gemünzt auf mich, Vorsicht war also angebracht. »Was würden Sie denn gerne alles wieder hören können? Das muss nicht zwingend Musik sein, es können auch andere Klänge, Töne oder Geräusche in Ihrer Umgebung sein. Musikalität steckt in fast allem.« Eine Ausweichtaktik, ganz klar, Verschiebung des Fokus, denn man hatte mich in der Klinik darauf vorbereitet, dass längst nicht alle nach der Operation je wieder Musik hören könnten. Musik richtig hören könnten. Auch das Schlagzeug wieder in seinem ganzen Spektrum hören, nicht nur den Rhythmus der Bass-Drum, sondern auch den Anschlag des Ride-Beckens mit dem Drumbesen, diesen trockenen Klang und den helleren Klang, wenn das Becken weiter oben geschlagen wird. Und dann das weiße Rauschen. Wie früher beim Fernseher.

Frau Häusermann strich beim Reden über das Fell einer Trommel, fast schon liebevoll, und obwohl sie mir bei ihrer Frage nicht in die Augen sah, sondern in eine undefinierte Ferne blickte, war ihre Berührung der Trommel doch sehr präsent.

Da ich mit dem Sprachverstehen kaum Mühe habe, mir die Übung, bei der ich mein linkes Ohr verschloss, damit die Höreindrücke auf dem rechten mit dem CI stärker waren als links, leicht fiel, meinten sie in der Klinik, dass ich schon einen Monat nach den ersten Sprachanpassungen, also zwei Monate nach der Operation, mit der Musiktherapie beginnen könne. Ein ambitionierter Fahrplan. Vielleicht sagten sie es auch deshalb, weil sie wussten, dass mir das mit der Musik wichtig war. Deshalb sollte das Training, das ungefähr ein Jahr dauern würde, möglichst bald beginnen.

Ich will Musik wieder richtig hören können. Was ich hören können möchte mit meinem Cochlea-Implantat, außer Musik? Hat man ein Ziel, oder hat man keins?! Ich zuckte die Schultern. Das Pfeifen von Vögeln vielleicht und auch die Imitation von Vogelgepfeife, also wenn Menschen aus einer hohlen Laune heraus Vögel imitieren und sich dabei entweder wahnsinnig witzig oder belämmert begabt vorkommen. Oder wenn ich Vogelstimmen hören könnte, die mir durch ihr Zwitschern paranormale Botschaften überbringen würden. So romantisches Zeug wie das Zirpen von Grillen, das Knistern von Feuer. Und Wind. Wind als Phänomen hören, ihn nicht nur in seinen physischen Auswirkungen sehen: Wind in Tannenästen, der Wind, der die Blätter im Herbst durch die Straßen fegt, sein Heulen. Vorbeifahrende Autos und am Geräusch, das deren Pneus auf dem Asphalt erzeugen, erkennen, welches Wetter gerade ist. Wissen, dass es regnet, ohne dass ich es sehe, sondern höre, weil der Verkehr dann anders dröhnt. Auch hören, wie der Regen an die Fenster trommelt, die rhythmische Abfolge einzelner Tropfen – der Regen, ein richtig guter Drummer. Das Rauschen in den Leitungen, wenn die Nachbarn duschen. Das Summen des Kühlschranks und des Boilers. Das Klicken, wenn die Tür des Geschirrspülers nach dem Waschgang aufspringt. Die Zeitung beim Blättern, der Schlüsselbund in der Tasche, das Knirschen von Kies unter den Sohlen. Das Surren eines Trockenrasierers. Bengts Atem, wenn er neben mir schläft. Lippen, die sich mit einer kleinen Explosion, einem leichten Plopp, in einen Kuss hinein öffnen, geflüsterte Zärtlichkeiten. Hören, das könnte tatsächlich eine krasse Liebesgeschichte sein.

Unmittelbar hören, nicht mich daran erinnern müssen, wie es war, als ich noch hundertprozentig hörte. Hören im Jetzt, nicht als Reminiszenz. Hören am Stück, nicht diesen löchrigen Sound-Teppich, den man dann irgendwie flickt, mit Vermutungen auffüllt, kaum je wissend, ob korrekt oder nicht. Hören, nicht ahnen.

Hören, das heißt: Vertrauen können im Schlaf.

Ich traue jedoch immer noch in erster Linie meinen wachen Augen. Adleraugen, die alles sehen. Wenn jemand spricht, muss ich die Person ansehen. Mimik, Gestik, Körpersprache und vor allem Lippenbewegungen helfen mir, das zu ergänzen, was ich nicht höre. Die Sinne arbeiten nicht isoliert. Ich klebe mit meinen Augen an meinem Gegenüber, als wäre es mein eigenes Spiegelbild. Die Grenzen zwischen uns verwischen. Man merkt es nicht gleich, aber meine Aufmerksamkeit gilt in erster Linie immer den Lippen, ich folge ihrer kleinsten Regung. Vielleicht werde ich deshalb oft falsch gelesen, entsteht deshalb das Gefühl, ich flirte und man verliebt sich dann als Reaktion hierauf in mich.

Dass die Augen ausgleichen und unterstützen, ist aber nicht das Gleiche wie alles hören. Ich will Gewissheit. Abschließend wird es sie nie geben, das ist mir schon klar, aber die Sehnsucht danach bleibt.

Und vor allem bleibt die Sehnsucht nach Musik, danach, sie wieder in vollen Zügen genießen zu können. Diese Wand, die mich davon trennt, will ich durchbrechen.

Das aber wird auch mit diesem implantierten Supercomputer, der den natürlichen Prozess des Hörens nachahmt, nur annähernd möglich sein.

Seit dem Unfall sind im rechten Ohr die Haarsinneszellen zum größten Teil zerstört, sie können den Schall, der von außen ins Innenohr dringt, nicht mehr als Nervenimpulse ans Gehirn leiten, wo sie als Klänge wahrgenommen werden. Das übernimmt jetzt das Cochlea Implantat: Es besteht aus einem inneren Teil, dem implantierten Elektrodenträger in der Hörschnecke, und dem äußeren Teil, dem Soundprozessor, der hinter dem Ohr getragen wird und in seiner Form einem altmodischen Hörgerät, das über der Ohrmuschel hängt, nicht unähnlich sieht, und der mit einem magnetischen Knopf, den man zwischen meinen Haaren ausmachen kann, verbunden ist. Ein Mikrofon, das den Schall aufnimmt und an den Soundprozessor weiterleitet, der diesen Schall in elektrische Signale umwandelt und diese dann über eine Sendespule, das ist der ungefähr Fünffrankenstück große schwarze Knopf in den Haaren, die wie ein Magnet am Kopf befestigt werden kann, an den inneren Teil des Implantats sendet. Im Innern gelangen sie dann so zur Empfangsspule, die hinter dem Ohr in den Schädel eingepflanzt wurde und die mit der Sendespule magnetisch verbunden ist.

Der innere, implantierte Teil des Systems enthält eine Elektrode, die in die Cochlea eingeführt wird, und einen Empfänger, der die digitalen Signale vom äußeren Teil empfängt. Die Elektrode sendet dann elektrische Impulse direkt an die Hörnerven in der Cochlea und stimuliert diese. Man erläuterte mir diesen Prozess mehrmals mit Schautafeln, und ja, natürlich ist wichtig, was da jetzt in mir drin passiert, aber eigentlich bin ich nur immer dem Bleistift gefolgt, der den Weg des Schalls beschrieb, das Was und Wie kann ich zwar, wenn mich jemand danach fragt, wie auswendig gelernt aufsagen, aber wirklich verstehen tue ich es nicht.

Was ich aber mit aller Klarheit verstehe: So wie es mal war, wird es nicht mehr werden. Auch mit dem Implantat nicht. Das mit dem Zurück kann ich vergessen, muss ich vergessen. Ich bin im Labyrinth: Die Platte dreht sich unablässig.

Es ist wieder einer dieser Tage vollkommener Durchlässigkeit, nicht nur die Töne und Klänge dringen verwaschen in mich ein, sie spülen noch anderes mit, dünnhäutig wie ich bin. Want more. Da muss mehr drin liegen.

Want more. Ja, ich will mehr. Mich retten mit dem Tigersprung! Want more. Also setze ich den verdammten Tonarm wieder zurück und beginne von vorn.

Wiederholen, wiederholen.

Doch dann kommen die Tränen. Ich stehe auf, gehe ins Bad. Scheiß Östrogenspiegel, scheiß Wechseljahre! Wenn es kommt, aufstehen, etwas tun, irgendetwas mit den Händen machen, nur nicht sinnieren.

Wash inside out. Sehe mir selbst dabei zu, als würde ich die Szene filmen, wie ich meinen Slip auswasche, schwarzer Stoff, zart in den Händen, das Feinwaschmittel, lessive pour linge délicat, detersivo per capi delicati, verspricht sanften Zugriff auf das Gewebe, ein Gemisch aus Zellulose und Elasthan, Sehnsuchtsstoff. Schwarzes, elastisches Begehren, und dann echot Mother’s Ruin aus dem Wohnzimmer: Want more, auch wenn die Scheidenflüssigkeit immer weniger wird. Die Hände schon überzogen von einem, wenn auch erst sehr feinen, Furchennetz, Anzeichen des langsamen Vertrocknens. Jugendlichkeit lässt sich in vielen Bereichen leicht vortäuschen, nicht so bei den Händen. Nicht bei meinen Händen. Man sieht, wie sie eintauchen in den kleinblasigen Schaum, wie sie wieder auftauchen, zwischen den Fingern den schwarzen Stoff. Wieder eintauchen. Unweigerlich muss ich an die Palmolive-Werbung denken, an die Tilly, die damals in ihrem blauen Expertinnen-Mäntelchen mit einer Nagelfeile, die als Zauberstab fungierte, auf das Etikett des Geschirrspülmittels tippte und den Abwasch – Simsalabim – in eine Maniküre verwandelte. Dazu bewegen sich Tillys Lippen schnell. Jetzt wird auf die Tube mit dem Feinwaschmittel geschwenkt, dann kommt der Wasserhahn ins Bild.

Und dann ein 180-Grad-Kameraschwenk, Vorwärtsbewegung hinein in die Wohnräume: Bis auf Bad und die beiden Schlafzimmer ist alles miteinander verbunden, der offene Grundriss soll ein Gefühl von Weite schaffen, Architekten, die geborenen Illusionisten. Die Einrichtung aller Räume markiert: reine Selbstverwirklichung, oder ist es Selbstvergewisserung? Wir gehören zur urbanen Mittelschicht, das zeigt Bengts und mein Habitat deutlich, ein Zoogehege im Zürcher Industriequartier. Hier tigern wir in diesem spezifischen Lebensabschnitt herum, in dem Leben gleich Wohnen ist. Nur vermittelt die Wohnungseinrichtung nicht mein Lebensgefühl: klare Linien, minimalistische Möbel, Betonung von Funktionalität und Ästhetik. Das Ledersofa, der teure Designersessel, Arne Jacobson, die Interior-Bücher auf dem Salontisch, Vitra. Offene Büchergestelle, USM Haller, darin nur Bücher, keine Nippes und auch sonst keine Deko-Gegenstände. Alles ordentlich, aber jetzt im Sonnenlicht, das durch die großen Fenster hereinfällt, glitzern doch ein paar Staubpartikel in der Luft, fast magisch. Sonst: Alles sachlich, aber nicht kühl, unter dem Salontisch ein Teppich, eine Stehlampe in warmem Orange, ansonsten neutrale Farbpalette, Erdtöne, das Sideboard aus Nussbaumholz. Hochwertige Materialien bei allem. Es sind Bengts Stil und Ordnung, an die ich mich angepasst habe. Und es sind auch Bengts Pflanzen, inmitten derer wir leben, überall wachsen, wuchern sie, Monstera, Glücksfeder, Frauenhaar, Korbmarante, Geigenfeige, Pilea und wie sie alle heißen. Sie filtern zwar die bisweilen dicke Luft, die zwischen uns herrscht, aber nehmen auch viel Raum ein, ungefähr alle zwei Wochen kommt eine neue dazu. Aber auch wenn ich mich bisweilen in einer Konkurrenzsituation mit ihnen fühle, vermitteln sie doch einen Hauch von Wildnis und Chaos, den ich in unserem Leben vermisse.

Ich habe mich Bengts Einrichtungsstil angepasst, das ist einfach so passiert – aber was auch passiert ist, nahezu unbemerkt: Wir haben uns beide angepasst an ein anderes Leben als das frühere, an ein angepasstes Leben. Wir leben, wie man zu leben hat, es sind implizite Gesetze der Kreise, in denen wir uns bewegen. Wir benutzen ÖV, reisen mit dem Zug, wenn mal das Auto, dann Carsharing, denn Klima und auch Nachhaltigkeit sind wichtig für uns. Das gilt auch bei der Kleidung und ebenso bei der Ernährung, und bei letzterer achten wir auch auf unsere Gesundheit, Fitness ist hingegen mehr Bengts Ding als meines, er macht sich Gedanken über das Wohlbefinden im Alter, seine Rumpfmuskulatur ist Marke Kieser. Mir würde Yoga gut stehen. Wir engagieren uns in verschiedenen Vereinen – wobei, nein, das stimmt so nicht ganz, wir zahlen unsere Mitgliedsbeiträge und gehen hin und wieder mal zu einer Veranstaltung. Wir sind vernetzt.

Freundschaften? Eher oberflächlicher Natur.

Wir sind Mittelschicht. Und damit schweigende Mehrheit. Träge Masse.

Aber jetzt: Zoom auf das Vinyl: die schwarze Scheibe, die Rillen, das stete Kreisen, der langsam einwärtsdrehende Arm, die Nadel, welche der Platte Silvias Stimme abluchst, Want more want more want more than you, als wären die Tage von damals wieder ganz gegenwärtig. Ein Revival. Ein Comeback.

Und dann überlagert sich in meinen Gedanken Silvias Stimme mit jener von Gina, die aus voller Kehle röhrt:

Tempo bastardo, ti devi fermare

Non ho nessuna voglia di invecchiare

Tempo bastardo, ti farò fermare

Non ho nessuna voglia di invecchiare, no!

Bastardzeit, du musst aufhören

Ich habe keine Lust alt zu werden

Bastardzeit, ich werde dich zum Anhalten bringen

Ich habe keine Lust alt zu werden, nein!

Tempo Bastardo, der Song von Biankaneve. Bastardzeit, ja: Die Zeitungen schreiben in diesem Sommer über die zweite Affäre, als wäre die Berichterstattung jetzt, 2010, lediglich von jener aus dem Jahr 1989 abgepaust. Die Ereignisse in diesem Sommer wiederholen sich, als fordere etwas nicht richtig Angegangenes jetzt seinen Tribut. Es sind die Geister der Vergangenheit, die wiederkehren. Als wäre man sich dessen nicht gewahr, schreibt man von großem Erstaunen: Nie wieder habe man doch damals geschworen.

Nie wieder.

Und doch: Doppelbelichtungen. In diesen Tagen erfahren wir, dass der Inlandgeheimdienst wieder illegal Daten erfasst und in seiner unkontrollierten Sammelwut auch wieder Personen aufgezeichnet hat, die vermeintlich verdächtig sind, aber letztlich keine Gefahr darstellen. Ihre Daten wurden nicht wieder gelöscht. Und das nach all den Erfahrungen der ersten Fichenaffäre: 200000 Personen wurden seit 1989 neu registriert. Immerhin sagt die zuständige Bundesrätin, sie nehme den Fichenskandal und den Datenschutz sehr ernst.

Überrascht bin ich nicht, aber doch mehr als irritiert, um nicht zu sagen, geschockt über die Dimension der Fichiererei. Aber vor allem bin ich wütend.

Der Nachrichtendienst der Bundespolizei will vom Begriff Fiche nichts mehr wissen, wie auch immer: Es wurde weiter fichiert. Bei mir kam seit Mitte der achtziger Jahre nichts mehr dazu – aber ich erfahre von anderen haarsträubenden Einträgen. So wurden sie etwa als mutmaßliche Teilnehmer an Tagungen registriert.

Nie wieder.

C’è del losco. Da ist etwas faul. Würde Gina wohl dazu sagen.

Gina, meine Tigerin.

Mit ihr ansetzen zum Tigersprung.

Sogenannte Fichen, Staatsschutzakten, wurden über mich ab 1977, über Gina vermutlich schon früher, angelegt. Wir gerieten ins Visier von Staatsschützern, deren Weltbild wir offensichtlich bedrohten. Die Frauenbewegung galt als Gefahr. Aber wie ich dann aus dem Fichen Fritz, der Zeitung des Komitees Schluss mit dem Schnüffelstaat, die ich jahrelang, bis sie aufgelöst wurde, abonniert hatte, erfuhr, waren auch die Naturschützer, die Atomkraftgegner, ja, eigentlich alle, die während des Kalten Kriegs in den Augen der Behörden als subversiv galten, auf dem Radar der Staatsschützer. Im Fokus standen vor allem Linke. Gegen sie wurde ein Generalverdacht gehegt, sie würden die Staats- und Gesellschaftsordnung der Schweiz in einem Umsturz zunichtemachen und nach dem antikapitalistischen Kampf eine kommunistische Herrschaft errichten wollen. Es kam zu falschen Anschuldigungen, systematischen Diffamierungen. Wir wurden bespitzelt, ahnten es bisweilen, dann etwa, wenn wir ein Klicken im Telefon hörten. Oder wenn wir bei Zusammenkünften jemanden beobachteten, der die Nummern der geparkten Autos notierte. C’è del’ losco, Ginas Handrücken zeigte dabei nach oben, während sich die Hand leicht im Kreis bewegte, als würde sie mit den Fingern in einer mysteriösen Suppe rühren.

1978, das Jahr, in dem wir uns kennenlernten und der italienische Ministerpräsident Aldo Moro von der Terrorgruppe Rote Brigaden entführt und später ermordet und der Kanton Jura gegründet worden ist und die Schwulen- und Lesbenbewegung immer mehr ins Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung getreten ist, was mit der im Frühling ausgestrahlten Telearena zum Thema Homosexualität und dem ersten Christopher Street Day in Zürich deutlich wurde, und es war das Jahr, in welchem die Regenbogenfahne erfunden wurde und das Jahr, in dem die Initiative zur Fristenlösung an der Urne mit 68,8 Prozent abgelehnt wurde, damals also waren wir schon sensibilisiert, hatten Grund zur Annahme, dass wir überwacht wurden, denn bereits zwei Jahre zuvor flog Cinceras privates Spitzelarchiv auf, welches er hochgestochen Institut für Politische Zeitfragen nannte. Hochgegriffen war auch der Titel des Bulletins, das er herausgab, er hatte schon in den siebziger Jahren Allüren, mehr als ein Worldwideweb zu sein, nicht nur drei, sondern gleich fünf Ws sollten über die linksextremistischen Tendenzen in der Schweiz informieren: WasWerWieWannWo.

Stoff hatte Cincera genug, denn sein Archiv sammelte Daten zu über 10000 Bürgerinnen und Bürgern in der Schweiz, die in irgendeiner Weise potenzielle Subversive waren, man nannte Ernst Cincera auch Subversivenjäger. Auch die Namen von Feministinnen fielen immer wieder in seinen Vorträgen zu Subversion und Agitation, neben jenen von Pfarrern, Journalistinnen und Journalisten. Durch Lisa hatten wir eine gute Informantin in dieser Sache, sie arbeitete damals als freie Journalistin für mehrere Zürcher Zeitungen und ließ uns ungefiltert zukommen, was sie herausfand, jeweils noch bevor sie darüber schrieb. Für Cincera arbeiteten Spitzel, nicht selten Gymnasiasten, zum Teil sogar von ihren Lehrern dazu motiviert, an seinen Vorträgen teilzunehmen und sich daraufhin in der wilden Entschlossenheit, in ihrer Freizeit ganz persönlich etwas gegen die linke Unterwanderung zu unternehmen, um nicht zu sagen, die Welt zu retten, bei ihm meldeten. Sie nahmen an Demos, an Veranstaltungen linker Gruppierungen teil oder traten diesen sogar bei, vordergründig engagierten sie sich, aber eigentlich observierten sie.

Gina erzählte mir, dass die Spitzel zunächst an einigen Demos zu feministischen Anliegen teilnahmen, und vor allem wenn es um Schwangerschaftsabbruch ging, seien sie ganz hellhörig geworden, wollten wissen, wann die nächste Versammlung stattfinde, sie wollten herausfinden, was die Gruppe vorhatte, und vor allem die Namen derer erfassen, die dabei waren. Das Ausmaß ihres perfiden Vorgehens wurde mir aber erst Jahre später bewusst, etwa als mir Susi ein Schreiben zeigte, in welchem um Informationsschriften gebeten wurde, die dann an ein Postfach geschickt werden sollten – dafür ahmten sie unsere Haltung und unsere Gedanken nach und imitierten unsere Sprache: Meine politische Einstellung ist so ziemlich die gleiche wie die Eure: Die Frau muss von der Ausbeutung des kapitalistischen Systems befreit werden! Wenn ich beruflich nicht so viel zu tun hätte, würde ich mich um eine Mitgliedschaft bei Euch bewerben.

Unterzeichnet mit Trudi und dem Gruß Für eine radikale Gleichberechtigung der Frau.

Das Interesse war aber nicht spezifischer Natur, gesammelt wurde alles, was man bekommen konnte, denn Cincera, der unter dem selbstgewählten Decknamen Cäsar operierte, ging davon aus, dass das Subversive eben ganz viele Gesichter haben konnte. Für viele Spitzel war das Datensammeln ein Abenteuer. Eine Robinsonade mit gechartertem Kreuzfahrtschiff, denn sie standen unter Polizeischutz, das versicherte Cincera ihnen, wie sie später in Interviews sagen würden: Wurden sie bei Aktivitäten der jeweiligen Gruppierungen von der Polizei aufgegriffen und ihre Namen registriert, verschwanden diese Einträge auf geheimnisvolle Weise später wieder – Simsalabim – und alles war wieder sauber.

Cinceras umfangreiches Privatarchiv wurde von vielen Seiten genutzt: Bildungs-, Polizei- und Justizwesen, Militär und Privatwirtschaft. Cincera unterhielt vielleicht nicht gerade ein Worldwideweb, aber in der Deutschschweiz war er ganz gut vernetzt. Viele teilten seine Ideologie der Gesamtverteidigung, andere hatten opportunistische Interessen. Es profitierten Personalchefs und Ämter, damit sie Stellenbewerberinnen und -bewerber, die einer bestimmten politischen Richtung folgten und die somit gefährlich waren, aussortieren konnten, Stellen nicht aus Versehen an solche vergaben. Auch gute Freundinnen und Freunde von uns, Susi, Pesche, Miri, Simi, Gregor und Gigu, bekamen immer wieder Absagen unter sehr fadenscheinigen Begründungen bei der Stellensuche. Und hatte man einen Posten inne und wurde nicht gekündigt, dann wurde bestimmt die Karriere vereitelt. Es wurden auch politisch oder beruflich unliebsame Personen gezielt aus dem Weg geschafft: Später erfuhren wir von Freunden, dass persönliche Anfragen genau mit dieser Absicht an Cincera gelangten. Man wollte sie mit Beweisen von Cincera mundtot machen, ihnen ein Amt verweigern, einen Prozess gegen sie gewinnen. Corinne fand später heraus, dass sie auch keine städtische Wohnung bekam, weil sie fichiert war.

Über den Fall Cincera habe ich dann viel gelesen, in Tageszeitungen, aber auch im Fichen Fritz. Aufgedeckt wurde das geheime Archiv des Herrn Cincera durch eine Gruppe linker Aktivisten, welche dank eines doppelten Spitzels an die Schlüssel des Archivs gelangten und in einem Demokratischen Manifest ausführlich von ihren dortigen Entdeckungen berichteten. Die 3500 mitgenommenen Personenfichen stellte die Gruppe den Registrierten persönlich zu und übergab einige Kopien davon der Kantonspolizei Zürich. Lisa schrieb mehrere Artikel, auch mehrere Kommentare darüber.

Lisa beobachtete genau, hörte ebenso zu und war in ihren Worten sehr präzise, was sich mit dem kämpferischen Charakter, den ihre Artikel auszeichnete, etwas zu widersprechen schien – nur auf den ersten Blick, denn schnell wurde klar, das war genau Lisas Waffe. Sie nahm sich verschiedenster Themen an: neben der Fichenaffäre waren das auch die zweite Frauenbewegung, Gleichberechtigung, Gewalt in der Ehe, Schwangerschaftsabbruch, Jugend, Musik.

Bevor ich Lisa durch Gina persönlich kennenlernte, kannte ich ihren Namen aus verschiedenen Zeitungen und bewunderte vor allem ihre kommentierenden Texte, denn ich fand sie äußerst mutig. Durch Lisa und ihren klaren, sezierenden Blick begriff ich allmählich, wie verstrickt alles war, wie sehr wir abhängig von der Politik waren. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie sich mit ihrer Hand durch das kurze blonde Haar fährt, ihren immer perfekt geschnittenen Pixie Cut. Ihre gerade Haltung, wenn sie an einem Tisch saß, und ihr etwas staksiger Gang, der nicht ganz zum eleganten beigen Trenchcoat zu passen schien, den sie immer trug; sie überragte uns alle, nicht nur mit ihrer Körpergröße.

Vermutlich waren Angaben zu Gina bereits in einer der Cincera-Kisten, das nahmen wir zumindest an. Doch sicher waren wir uns nicht. Dass ich bis Mitte der achtziger Jahre fichiert wurde – da gab dann die Akteneinsicht 1990 an der Taubenstraße 16 in Bern, dem Sitz der Bundesanwaltschaft, die letzte Gewissheit.

Eingeschleust in einen Raum, bekam ich ein Kästchen mit meinen Fichen zur Ansicht. Und auch wenn wir ja die ganze Zeit Annahmen über die Überwachung angestellt hatten, was ich dann zu Gesicht bekam, das hat mich erstarren lassen. Bei Gina dürfte noch einiges mehr auf der Fiche gestanden haben. Wo Gina damals war und wie sie mit der Aufdeckung der Akten umging, ob sie die ihre überhaupt je gesehen hat, weiß ich nicht.

Doch Sprung zurück ins Badezimmer: Hier hängt der gewaschene Slip über dem Wasserhahn wie eine Fledermaus, kopfüber. Die Unterhose in Großaufnahme. Damals, Ende der siebziger Jahre, hätte man sie beseelt und bewegt gefilmt, hätte anhand von ihr aufklären wollen, hätte sich selbst mit ins Spiel gebracht. Doch jetzt nehme ich die Unterhosenfledermaus mit großer Distanz auf, so als gehöre sie nicht mal mir. Wozu so etwas dokumentieren, wen sollte das auch nur interessieren? Es ist kein Stoff, der aufwühlt, der dazu gemacht wäre, sich zu solidarisieren und aktiv zu werden, denn es fehlt das inhaltliche Problem. Oder zumindest Scheidenflüssigkeit, die sich im Stoff abgelagert hätte. What sells: sexuelle Aufladung.

Gibt das hier eine Dokumentation? Geht es um Vergangenheit oder Gegenwart? Einfach bitte keine Nostalgie, die beides vermengen soll. Ich bin froh, dass ich das erlebt habe, was ich erlebt habe, aber weinen darum, dass es nun vorbei ist, tue ich bestimmt nicht. Weiter geht es! Progress. Wir schreiten fort.

Aber das ist oft nur möglich mit Zurücksetzen, mit dem Zurückkehren zum Ausgangszustand. Manchmal ist ein Reset notwendig, um Fortschritt und Veränderung zu ermöglichen.

Auf einem Konzert-Flyer der Mother’s Ruin aus dem Jahr 2007, er hängt bei uns am Kühlschrank, steht: TO PRESERVE – TO PROGRESS.

Progress kann in eine positive oder eine negative Richtung gehen, in jedem Fall bedeutet es aber Veränderung, Transformation. Der Fortschritt impliziert, dass das Davor schlechter war, dass die Entwicklung nun also in eine bessere Richtung laufen wird. Es sind alles Beschreibungen von Bewegungen – also das Gegenteil von starren Zuständen.

Zustandslosigkeit ist ein Zustand, in dem keine festen oder dauerhaften Eigenschaften vorhanden sind. In einem Zustand der Zustandslosigkeit können Veränderungen frei auftreten, ohne dass sie eingeschränkt würden.

Ich bin dem Begriff im Zusammenhang mit der Datenverwaltung bei uns in der Administration begegnet: In der Informatik bedeutet Zustandslosigkeit, dass keine Informationen über den vorherigen Zustand oder die Vorgeschichte eines Benutzers oder einer Interaktion gespeichert werden. Alles wird immer wieder von Grund auf neu durchgeführt. Es geht dabei meist um kurzfristige Anforderungen, beispielsweise eine Online-Suche, die eine Frage beantwortet. Eine Frage wird eingegeben – eine Antwort wird ausgespuckt.

Keine Informationen über den vorherigen Zustand, die Vorgeschichte? Wenn das ginge. Die Vergangenheit ist in diesem Sommer immer präsent. Die Zeiten überlagern sich. Auch in mir. Bastardzeiten.

Das Üben mit dem Cochlea-Implantat spült mich zwar zurück, macht mir aber meine Gegenwart umso bewusster. Meine Ichs überlagern sich. Oder ist es letztlich doch kein Plural?

Jetzt könnte ein auffälliges Stilmittel eingesetzt werden, das die Zuordnung der Kamera ermöglichen würde: der Spiegelblick. Den Prozess des Filmens zeigen ist ein dokumentarischer Modus, der dem reflexiven Genre eigen ist. Man würde meinen ernsten Gesichtsausdruck erkennen. Wenig aussagekräftig allerdings – wenn man filmt, sieht man immer ernst aus, weil man die Augen zusammenkneift. Die Zuschauenden würden aber versuchen, Aufschlüsse anhand von Alter, Kleidung, Frisur zu erhaschen und diese mit dem vorherigen Einblick ins Wohnzimmer kombinieren, und allmählich würde man ein Gesamtbild aus Aussehen, Lebensstil und sozialem Status zusammensetzen können. Würde man können – den Spiegelblick lassen wir aber mal schön bleiben.

Kein imaginierter Dokumentarfilm, der den filmischen Herstellungsprozess selbst thematisiert, indem er den Aufnahmeprozess transparent macht und eine filmende Kamera im Bild zeigt und damit das subjektive Erleben der Gegenwart als durchfließendes Stadium zwischen Zukunft und Vergangenheit selbst reflektiert.

Denn sonst würde man nämlich auch sehen, dass ich gar keine Kamera auf der Schulter trage. Keine NPR Eclaire 16. Alles nur imaginiert, luzide geträumt von einer Traumseglerin. In meinen Gedanken bin ich eine Filmerin, die alles selbst macht: Drehbuch, Kamera, Interview. Und nicht nur die Interviewfragen kommen von mir, auch die Antworten. Ich bin also ein ganzes Filmteam in Personalunion – plus Darstellerin. Aktiv und passiv in einem: die Filmende, die Gefilmte. Die Zuschauenden könnten jetzt an eine gespaltene Persönlichkeit denken. Aber wir sind nicht im Spielfilm. Und wenn, dann wäre vom Symbolgehalt der Blick in einen zersplitterten Spiegel passender: Selbsterkundung mit Selbstzweifel.

Luzides Träumen – im Traumlexikon, einem Geschenk von Gina, steht dazu: Ein Klartraum sei ein Traum, bei dem man wisse, dass man träume. Das luzide Träumen könne neue Wege bei der Auseinandersetzung mit Problemen aufzeigen und setze oft schöpferische Energien frei. Man könne in den luziden Träumen tun und lassen, was man immer schon wollte, aber aufgrund natürlicher oder moralischer Grenzen nicht tun konnte. Like it!

Du schaust in den Spiegel und weißt nicht, welche du warst, und auch nicht, welche du werden wirst. Ein Spiegel ohne Gedächtnis und ohne Vorahnung. Als wäre er die Zäsur.

Du bist ein Zwischenwesen.

Und als wäre das nicht schon genug: Seit diesem Sommer bist du zudem ein Mischwesen, Verbindung aus Mensch und Maschine. Das Cochlea-Implantat, CI, Hightech im Kopf, die deine biologische Ausgangslage optimieren soll. Dieser Sommer macht dich also auch noch zum Cyborg.

Wo hört die Technik auf, wo beginnt das Ich? Als ich die Abkürzung CI zum ersten Mal las, dachte ich automatisch an Corporate Identity. Ich? Oder muss ich nun sagen wir?

Ich schaue in den Spiegel, bin mir dabei fremder denn je. Und es liegt nicht an der Grauhaarabdeckung, die ich aus Versehen eine Nuance zu dunkel gewählt habe.

Mein rechtes Außenohr ist nunmehr lediglich Attrappe und Halterung des Sprachprozessors, und da ich keine Ohrringe trage, ist es also nicht mal Schmuckhalter.

Mein Resthörvermögen verunmöglichte es mir, die höheren Töne des Hörspektrums wahrzunehmen. Deshalb waren die Songs von Mother’s Ruin mit Silvias hoher Stimme nur noch poröses Soundgewebe. Jetzt bildet das Cochlea-Implantat die Töne, die zu einem bestimmten Frequenzbereich gehören, auf andere Frequenzen ab. Die Attrappe: täuschend ähnliche Nachbildung.

Manchmal fühle ich mich in diesem Sommer in corpore als Attrappe. Ein Imitat, eine Täuschung.

Erinnerungen kommen und gehen, manchmal leise, fast unbemerkt, manchmal laut, erschreckend. Und sie können sich einem aufdrängen, so dass es kein Entkommen gibt. Alles verbunden, alles verwoben. Alle Sinne verstrickt. So, als wäre alles gleichzeitig. Oder nein, vielleicht eher so, als würde eine Art Faden durch einen hindurchlaufen, der die Gegenwart mit der Vergangenheit verbindet, die Vergangenheit wird mit ihm in die Gegenwart gezogen.

Erinnerung erzählt die Vergangenheit neu. Unser Gedächtnis funktioniert nicht wie ein Videorecorder: Erinnerungen sind veränderbar, unzuverlässig, da beeinflussbar. Man kann sich auch an Dinge erinnern, die nie stattgefunden haben. Und wenn es Erinnerungen sind, die uns formen sollen, dann ist das alles sehr verunsichernd.

In der Erinnerung brennen sich Erfahrungen wie ein Signum der Identität ein, man fühlt sich etwa einer Gruppe, einer Generation zugehörig. Wir haben das Gefühl, wir gehören zusammen, weil wir dasselbe erlebt haben. Erinnerung bekräftigt die Identität.

Aber wir haben nicht dasselbe erlebt.

Damals und Heute setzen sich immer wieder neu zusammen, wie die Glitzerpartikel in einem Kaleidoskop. Wie sich aber in diesen unendlichen Spiegelungen erkennen?

Geht aus dem Chaos irgendwann Ordnung hervor?

Du schaust in den Spiegel: Er zeigt das, was ist, ohne Verzerrung, ohne Verschleierung. Unerbittlich. Also, schau genau.

Erinnerung und Neuanfang – ein Widerspruch? Kontinuität und Bruch. Sich verändern. Eine andere werden. Niemals steigst du zweimal in denselben Fluss.

Die Erinnerungen an Gina kommen in diesem Sommer in noch kürzeren Abständen. Und damit auch dieses unbestimmte Gefühl von Verantwortung.

Vertrauen und Verantwortung sind verschränkt. In Bezug auf meine damalige Beziehung mit Gina, meine heutige mit Bengt; aber auch im Zusammenhang mit dem Fichenskandal, das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft und jenem gegenüber dem Staat. Die zweite Fichenaffäre ist eine noch größere Vertrauenskrise, als die erste es war.

Ich bin in einer flirrenden Wut. Rege mich diesen Sommer schnell auf. Das ist etwas Neues. Damals in der Bewegung waren viele wütend, ich war es nicht, ich war gelangweilt, wollte, dass etwas passierte, sich etwas veränderte, aber wirklich wütend war ich nicht. Ich sehnte mich nach Veränderung, gesellschaftlicher Veränderung, aber das war kein Nährboden der Wut. Oder zumindest anfangs nicht – mit Gina hatte sich das dann etwas geändert –, aber so richtig Wut war es auch dann nicht, ich war einfach verärgert über gewisse Zustände, die ich gerne anders gehabt hätte. Träumte auch von einer Revolution.

Aber die Wut in diesem Sommer 2010 ist eine andere. Vielleicht gerade, weil es keine kollektive ist – was die Wut steigert. Denn kollektiv, das müsste sie doch sein!

Vertrauen ist die Grundlage von Verantwortung, erst wenn dieses gegeben ist, will man sich kümmern, sich einsetzen, engagieren. Vertrauen beruht in der Regel auf Gegenseitigkeit. Verantwortung ist in gewisser Weise also auch ein Ausdruck des Vertrauens. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ist ein Zeichen dafür, dass man sich der Erwartungen bewusst ist und man davon ausgeht, diese erfüllen zu können. Das kann dann dazu führen, dass sich das Vertrauen sogar verstärkt.

Mangelt es hingegen an Vertrauen, kommt es zu Kontrolle.

Auch Angst begünstigt die Kontrolle, die Überwachung. Die angesammelte Angst während des Kalten Krieges. Die übersteigerte Furcht vor der Invasion sowjetischer Panzer.

Fichieren war Kontrollieren.

Kontrolle der Identität. In welchem Kontext wirst du gesehen? Wie wirst du gesehen? Wie wirst du entblößt? Und all diese Fragen nagen am innersten Kern, bis du dich fragst: Wie sehe ich mich selbst?

Fichieren gab vor, für Sicherheit zu sorgen – schürte aber die Verunsicherung.

Wir und die Anderen. Die Anderen, die nicht zu uns passen, deren Andersartigkeit wir besser mal dokumentieren. Vielleicht hält bereits das die latente Angst in Bann. Sicher ist aber, dass wir vorgesorgt haben, das wird uns niemand vorwerfen können, dass wir nicht vorsichtig genug gewesen wären. Wir haben nonkonformistisches Verhalten genauestens beobachtet. Und dazu gehörte selbstverständlich auch Homosexualität.

Du schaust in den Spiegel und es geht darum, das Verhalten, die Gestik, die Mimik zu kontrollieren, um den gewünschten Eindruck zu vermitteln. Und dabei verlierst du dich selbst.

Wie in einer Halluzination höre ich Ginas Stimme, die nun den Refrain von Biankaneves Specchio theatralisch und zugleich ungeschminkt zornig mit ihrer rauchigen Stimme brachial in den Raum schmettert und am Schluss die Stimme so exzentrisch schrill in die Höhe zieht, kreischt, einen Schauder erzeugend:

Specchio, specchio servo delle mie brame,

Chi è la più bella del reame?

Ho già capito la mia sorte

Spiegel, Spiegel, Diener meiner Wünsche,

Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Ich hab mein Schicksal schon verstanden

Natürlich war Gina die Schönste im ganzen Land und natürlich hat der Spiegel ihr zugedient. Dennoch würde ich nicht sagen, dass sie übermäßig selbstbezogen war. Das jetzt hier ist aber auch kein Musical, wenn überhaupt in einem Genre, dann befinden wir uns in einem imaginierten Dokumentarfilm. Als Porträtierte erzähle ich meine Geschichte unverstellt. Die Stimme der Interviewerin, die ja auch ich bin, hört man nicht, dadurch scheint sie sich als Gesprächspartnerin aufzulösen, manchmal nehme ich als interviewte Person lediglich ihre Fragen nochmals auf, intoniere sie, so als wären sie schon Teil meines Denkprozesses. Wenn ich dann antworte, ins Erzählen, ins Erinnern komme, sieht man mich nicht, es ist, als würde ich das Gefilmte kommentieren oder als würde sich meine Vergangenheit über die gefilmte Gegenwart legen. Meine Stimme kommt aus dem Off.

Verliebt? Ja, immer wieder mal, oder vielleicht eher fasziniert, hingezogen.

Erstaunlich, welche Wirkung die Stimme aus dem Off haben kann, nicht? Man nähert sich dem Visuellen auf auditive Weise, so als würde sich eine zweite, vielleicht den Tatsachen noch mehr entsprechende Ebene über das Gesehene legen. Ja, man traut dieser Off-Stimme mehr als dem, was man übers Auge aufnimmt. Das Ohr, das nicht lügen kann. Das Ohr, das sich einer allwissenden Erzählstimme im Voice-Over, die ja meist eine männliche ist, verwehrt.