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Beschreibung

Höllenfahrt durch eine Feuersbrunst, Rache eines Goldgräbers, grausige Nächte im Outback, lebensgefährliche Gutgläubigkeit – Australien von seiner abenteuerlichsten Seite! Vier Storys in deutscher Erstübersetzung

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Fluch der Ehrlichkeit

 

Australische Abenteuergeschichten

 

 

Aus dem Australischen übersetzt und

herausgegeben von Shawnee Lawrence

 

 

 

1. Auflage 2023

Balladine Publishing Ltd & Co. KG, Köln

Copyright © 2023 Balladine Publishing

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Balladine

ISBN 978-3-945035-62-7

www.balladinepublishing.com

Inhalt

Ellen Clacy – Vergeltung

Ernest Favenc – Macpherson und der Rinderdieb

Horace Earle – Fluch der Ehrlichkeit

Mary Gaunt – Der Notfall

Über die Autoren

Glossar

Verzeichnis der Originaltitel

Weitere Titel aus unserem Programm

Ellen Clacy – Vergeltung

 

Will Darling war dem Äußeren nach zu schließen der härteste Mensch, den man sich nur vorstellen konnte. Bei seinem Anblick hätte man den Eindruck gewinnen können, er wäre Wilderer, Einbrecher, Preisboxer sowie viele weitere ähnlich rohe Kerle in einer Person. Die Leute fürchteten ihn. Abgesehen von seiner sanften Frau und seinem kleinen Kind gingen ihm alle aus dem Weg. Aber diese beiden freuten sich stets auf seine Rückkehr von der Arbeit, obwohl er gewalttätig und streitsüchtig war. Verborgen unter der rauen Schale musste er so manche liebenswürdige Eigenschaft besitzen, sonst hätte er sich ihre Zuneigung nicht erhalten können. Und er liebte sie: seine Stimme mochte schroff klingen, er mochte streng sein, doch im Herzen empfand er tiefe Liebe für sie.

Sie lebten in einer komfortablen, aus Baumrinde erbauten Hütte auf den Forest-Creek-Goldfeldern. Die Hütte befand sich auf einer kleinen Anhöhe, an deren Fuß der goldhaltige Strom floss, in dem die geschäftige Menschenschar – unterschiedlich in Kleidung, Sprache und Charakter, aber einmütig in ihrem Bestreben – »vom frühen Morgen bis zum taufeuchten Abend« schuftete und die ehemals verachtete, dreckige Erde wusch, bis das reine, gelbe Metall gewonnen war.

Hier und dort fanden sich ein paar der weithin bekannten Eukalypten, unter denen es auch einige Stringybarks gab. Die Stämme der Ersteren erhoben sich zu majestätischer Höhe – manchmal an die hundert Meter – und ihr spärliches, herabhängendes Blattwerk spendete kaum Schatten. Alle diese Bäume waren ein gutes Stück vom Boden an aufwärts ihrer Rinde entledigt, da daraus die Hütten gebaut wurden.

Will Darlings Hütte wies deutlich mehr Komfort auf, als es sich ein Betrachter, der von außen einen Blick darauf warf, ausgemalt hätte. Die Spalten waren sorgfältig mit Schlamm und Steinen ausgefüllt, in einer Ecke hatte er eine Feuerstelle errichtet, ebenfalls aus Matsch und Steinen, und ein Rohr, das in einem Loch im Dach steckte, diente dazu, zumindest einen Teil des Rauches abziehen zu lassen.

Das Innere dieser Wohnstätte war mithilfe einer dicken, von einer Seite zur anderen gespannten Decke in zwei Räume unterteilt. Es gab einen runden Tisch zum Kartenspielen, ein paar Stühle und überall verteilt viele weitere Annehmlichkeiten, die man nur selten am Forest Creek vorfand.

Etwa einhundert Meter von Darlings Hütte entfernt befand sich ein geräumiger Laden in einem Zelt. Und damit kein Irrtum im Hinblick auf den Namen des Eigentümers entstehen konnte, war in großen schwarzen Buchstaben J. Ball darauf gemalt worden. Über dem Laden wehte die Fahne – die überwältigende Vielfalt an Fahnen erregt immer die Aufmerksamkeit eines Fremden, sobald er einen Blick auf eine Goldgräberszenerie wirft. In diesem Fall handelte es sich um einen Union Jack, und zwar um ein ziemlich lädiertes Exemplar.

Der Laden war volle achtzehn Meter lang und an die sechs Meter breit. Quer hinter der Tür stand eine Art hölzerner Ladentisch, dessen Abstand vom Eingang einen guten Meter betrug, sodass die Kunden bei jeder Witterung Schutz fanden. Der große Raum dahinter war vollgestopft mit Kisten voller Waren und anderen Artikeln, die mit der Goldgräberei zu tun hatten.

In einem solchen Laden wird alles – das heißt alles, was man vernünftigerweise auf einem Goldfeld erwarten darf – verkauft. Daher gibt es keinen Grund, an einen Ort zu gehen, um Zucker zu kaufen, und woanders hin, um sich eine Keilhaue oder Kaliko zu besorgen. Und auf diesem Ladentisch lagen die Waren chaotisch übereinandergehäuft, nachteilig für ihren Verkauf und zur ausgesprochenen Verwirrung der Menschen auf beiden Seiten der Theke. Zehn oder zwölf Kunden lungerten im Laden herum, während zwei Personen bedienten, die Frau des Ladeninhabers und ihr Gehilfe.

Ein großer Ire stolzierte herein, warf fünf Shilling auf die Theke und bat um drei Stücken Tabak, die auf den Goldfeldern einen Wert von jeweils etwa neun Cent besaßen.

Nachdem sein Wunsch erfüllt worden war, murmelte er beinahe unhörbar für jeden, außer der Person, die ihn bediente: »Du wirst mich doch nicht ohne einen Tropfen Weihwasser fortschicken?«

Ein Nicken und ein Lächeln war die Antwort. Ein Glas mit streng riechender, sicherlich kein bisschen heiliger Flüssigkeit wurde vor ihn hingestellt und verschwand sofort. Danach verließ der Mann den Laden und die fünf Shilling wurden von dem Gehilfen eingesackt.

Niemand schenkte diesem kleinen Betrug Beachtung. Und auch wenn es beobachtet worden wäre, so waren sie alle zu sehr daran gewöhnt und zu froh, selbst diese Zuflucht in Anspruch nehmen zu können, als dass sie ihre Aufmerksamkeit auf die Sache gerichtet hätten. Stattdessen setzten sie ihre Unterhaltung fort, darüber schwatzend, was da oder dort auf den Goldfeldern los war, was Soundso »rausgeholt« hatte und so weiter. Und das taten sie mit genau der gleichen Ernsthaftigkeit, wie Farmer auf dem Markt den Kornpreis oder Finanzmakler an der Börse die Aktienkurse diskutieren.

Eine andere Person trat herein und begann über einen Unfall zu berichten, dessen Zeuge sie eben geworden war: »Ein Kind wurde beinahe getötet, und sie bringen es hierher.«

»Wessen Kind?«, fragten zwei oder drei, die Väter waren.

»Na ja, die Leute sagen, es ist Will Darlings Kind.«

»Was ist los?«, unterbrach der Genannte und fuhr von einer leeren Teekiste hoch, auf der er Pfeife rauchend gesessen hatte.

»Ach bloß«, erwiderte der erste Sprecher, der zwar von Wills Namen und Naturell gehört, ihn aber nie persönlich getroffen hatte, »dass Doktor B…, der in Eile war, ein Kind überfahren hat. Und die Leute sagen, es ist Will Darlings.«

»Bloß!«, brüllte Darling zornig, bereit, sich auf den unglücklichen Überbringer der schlechten Nachricht zu stürzen und ihn umzubringen. Doch in diesem Moment wurde das kleine Unfallopfer, bleich vor Schmerz und Angst, hereingebracht.

Darlings Lippen bebten, als er den Jungen behutsam aus den Armen des Mannes nahm, der ihn getragen hatte. Aber es wurde ihm nicht lange zugestanden, das Kind zu halten, denn die Frau des Ladeninhabers, vom typisch weiblichen Mitgefühl prompt überwältigt, griff sich den verletzten Kleinen und widmete sich der Betreuung des Patienten mit beinahe mütterlicher Zärtlichkeit.

Kurz darauf jedoch trafen Mrs. Darling und der Arzt ein, und es wurde festgestellt, dass dem Jungen, trotz großer Schmerzen, keine schwerwiegende Verletzung zugefügt worden war und er schon bald in der Verfassung sein würde, in die Hütte seines Vaters gebracht werden zu können, was man sofort hätte tun sollen. Doch in dem Durcheinander des Augenblicks hatte man zuerst an den Laden gedacht.

Nun begann Darling, Nachforschungen über den Unfall anzustellen. Die Sache war ganz einfach und kam nicht selten vor. Ein Arzt war zu einem Mann gerufen worden, der sich während der Arbeit schwer verstümmelt hatte. Und in seiner Hast hatte der Arzt den kleinen Darling, der mit mehreren anderen Kindern auf der Straße spielte, umgefahren.

Das Kind wäre auf der Stelle tot gewesen, wenn nicht ein »Mitstreiter« von Will, namens John Browning, einen raschen Satz nach vorn gemacht, mit großer Geistesgegenwart das Pferd aus der Bahn gedrängt und den Jungen weggerissen hätte, bevor der eisenbeschlagene Huf auf dessen Kopf niedergefahren wäre. Dann hatte Browning das Kind vorsichtig in seine Arme genommen und es zu Balls Laden getragen.

Ein scharfer Beobachter – einer, der darin geübt war, in Gesichtern zu lesen, und der die Wolken oder den Sonnenschein darauf so deutlich erkennen konnte, als würde er in den Himmel schauen –, ein solcher Beobachter hätte den durchdringenden Blick bemerkt, den Darling einem finsteren, unheimlich aussehenden Mann zuwarf, der nicht weit von ihm entfernt stand. Von dort richteten sich Darlings Augen, nun mit einem fragenden Ausdruck darin, auf Browning. Es war ein äußerst rasches Hinschauen, so rasch, dass – wie ich schon sagte – nur ein scharfer Beobachter es bemerkt haben würde. Doch wenn er dies getan hätte, wäre er vielleicht über die Bedeutung von dessen merkwürdiger Intensität ins Rätseln geraten.

Es sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, Darling hätte nicht sofort seinen Dank gegenüber dem »Mitstreiter« für dessen rechtzeitige Hilfe ausgesprochen, denn er tat es mit einer Wärme, die seine Aufrichtigkeit bewies.

Will Darling war einer aus einer Gruppe von dreien, die gemeinsam in den Minen schufteten. Browning, ein armer Mann, der Frau und Kinder zu versorgen hatte, war stets bereit, sich alles, außer dem absolut Notwendigen, zu versagen, sodass er den regelmäßig verkehrenden Goldtransporten etwas für ihren Lebensunterhalt mitgeben konnte. Perkins, der dritte »Mitstreiter«, war von schweigsamer Natur, mit dunklem Teint, braunen, schlauen Augen und einem ausschweifenden Lebensstil. Und doch hatte er irgendwie Einfluss auf Darling gewonnen, den er hoffte, mit der Zeit vorteilhaft für sich nutzen zu können.

Während der letzten Wochen war ihr Erfolg bei den Grabungen äußerst schwankend gewesen: fünfmal schien es, als seien sie auf eine reiche Ader gestoßen, aber nach einem Tag oder sogar nach noch kürzerer Zeit einträglicher Arbeit war sie erschöpft. Dieses erstaunliche Pech traf Browning besonders hart. Und zu dessen Überraschung streckte Perkins ihm Geld vor, das er der Familie schicken konnte. Aus keinem anderen Grund hätte Browning jemals Geld von ihm angenommen. Allein der Gedanke an die erwartungsvollen Augen von Frau und Kindern brachte ihn dazu, sich einer Person zu verpflichten, die er nicht mochte – oder besser gesagt, nicht gemocht hatte. Denn wie konnte er weiterhin eine Abneigung gegen jemanden hegen, der ihn mit solcher Großzügigkeit bedachte und als Gegenleistung für dieses Darlehen lediglich das Versprechen einforderte, geheim zu halten, wer ihm das Geld geliehen hatte?