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Der Band Fluchtpunkt enthält neun Kurzgeschichten teils humorvoller, teils ernster Art. Einzelfiguren, Paare und eine ganz besondere 'Fahrgemeinschaft' werden vergnüglich wie nachdenklich in ihrem Leben und Erleben begleitet.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ellas Vermächtnis
Ein Wochenendbesuch
Fluchtpunkt
Augenblicke
Im Quartett
Ms. Voss
Entfernte Nähe
Viktor Kortschner
Ms. White
Sie wusste schon im Vorhinein, wie sie ihn vorfinden würde. Mit größter Sicherheit war vorauszusehen, dass er in seinem kleinen, mit Büchern vollgestopften Arbeitszimmer saß, über Laptop und Schreibtisch gebeugt, eine Tasse Tee und zum Glück nicht mehr die schwelende Zigarette neben sich, die er nach ein paar Zügen regelmäßig vergessen hatte. Die Küche würde zwar nicht muffeln, aber das benutzte Geschirr würde dastehen, vorläufig abgespült, dann aber unsichtbar geworden für ihn, so dass es seinen Weg in die Spülmaschine nicht gefunden hatte. Was er sich kochte, war ihr nicht klar, wahrscheinlich Fertiggerichte, für die er nur wenig Zeit und Aufmerksamkeit aufzubringen brauchte.
Schon früher war es immer Lorena gewesen, die gekocht hatte, während Tilo sich immerhin für das Einräumen und Ausräumen der Spülmaschine verantwortlich gefühlt hatte, mit der Betonung auf ‚gefühlt‘. Denn oft genug hatte er vergessen, die Maschine anzuschalten; oder er hatte es versäumt, sie wieder zu leeren. Wahrscheinlich ist auch das Wohnzimmer aufzuräumen, dachte Esther, zu saugen, zu entstauben. Wenn sie das Schlafzimmer betrat, bot sich ihr auch meist dasselbe Bild: das große Doppelbett so durchwühlt, als hätte er eine wilde Nacht mit einer Schönen verbracht. Wenn sie ihn danach fragte, konnte er nur verlegen antworten, er könne, seit Lorena ihn verlassen habe, keine Nacht mehr ohne Unterbrechungen schlafen und müsse sich hin und her wälzen, es gehe nicht anders.
Es war natürlich richtig: Seit Lorena ein halbes Jahr zuvor Tilo und das Haus verlassen hatte, war für ihn das Leben ein vollkommen anderes geworden. Sie hatte die kleine Familie immer zusammengehalten, so dass Tilo seine Schriftstellerei, von Alltagssorgen unbelastet, sorgenlos durchführen konnte.
Er war nicht besonders erfolgreich, das wusste er selbst und Esther wusste es auch. Aber sein Selbstbewusstsein litt nicht unter dem mangelnden Erfolg. Im vergangenen Jahr war sie nur selten zu Besuch gewesen, ihr Studium der Journalistik ließ ihr zu wenig Zeit, sie wollte es so schnell wie möglich abschließen.
Er saß tatsächlich da, sinnend, schreibend, mit einem Glas Wein, und war überrascht, dass sie plötzlich in der Wohnung stand. „Wir hatten doch ausgemacht, dass ich übers Wochenende bei dir bin, Papa.“ Sie schaute sich um. „Mach du mal weiter, ich koche was fürs Abendessen, dann können wir plaudern.“
Während die selbstgemachte Pizza im Herd gebacken wurde, wanderte sie durch die Wohnung und schaute kurz in die Zimmer, die genauso aussahen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es war kein Chaos, sondern nur eine gewisse Ungepflegtheit zu bemerken. Das kannte sie von früher, wenn Lorena für ein paar Tage auf Geschäftsreise gewesen war. Schon als Kind hatte sie bemerkt, wie ungeschickt sich ihr Vater anstellte, wenn es darum ging, die Wohnung in Ordnung zu halten.
***
„Es hat vorzüglich geschmeckt, Esther, lieben Dank fürs Kochen!“ „Freut mich, Papa, koch du dir doch auch öfter mal was! Ist nicht so schwer!“ Er blickte sie verlegen an, so dass sie das Thema wechselte: „Woran schreibst du gerade?“ Sie hatten es sich im Wohnzimmer auf Sofa und Sessel bequem gemacht und den Wein geöffnet, den sie mitgebracht hatte. Tilo wollte eben zu erzählen beginnen, als er innehielt und die Augen schloss. „Mir fällt gerade etwas ein, worum ich dich bitten wollte.“ Er stand auf, holte einen großen Stapel loser Papiere und Dokumente aus seinem Arbeitszimmer und stellte den wackeligen Turm vorsichtig auf den Boden.
Auf Esthers fragenden Blick hin erwiderte er: „Schau, das sind alles angefangene Texte von mir und irgendwelche anderen Materialien, die ich schon längst wegwerfen wollte.“ Jetzt setzte er sich wieder hin und fuhr fort: „Wenn du willst, schau sie dir durch, es sind, glaube ich, auch alte Briefe dabei.“ Er grinste: „Damals, vor Urzeiten, schrieb man ja noch so etwas. Also: Wenn dich etwas interessiert, lies es; alles andere gehört zum Altpapier.“ „Alte Briefe interessieren mich durchaus“, antwortete Esther, „aber ich glaube, das hebe ich mir für morgen auf. Lies mir doch einfach ein bisschen was aus deinem Roman vor, den du gerade schreibst.“
***
Am späten Vormittag des folgenden Tages begann Esther, ein Papier oder Dokument nach dem anderen durchzuschauen, wobei sie zuerst alles aussortierte, was ihr uninteressant erschien. Ein kleiner Stapel blieb übrig, bei dem zuoberst ein großes geöffnetes Kuvert lag, aus dem eine Fotografie herausschaute. Es war das Foto einer Frau von vielleicht dreißig Jahren, die selbstbewusst in die Kamera lächelte. Sie trug langes blondes Haar und es schien, als sei das Foto im Freien aufgenommen worden, denn die Haare wehten ihr um den Kopf, was der Aufnahme große Lebendigkeit verlieh.
Esther fühlte, dass sich im Kuvert Papiere befanden, die sie herausnahm und zu lesen begann. Nach den ersten Absätzen stand sie auf und trat neben ihren Vater, der gerade sinnend an seinem Schreibtisch saß, den Kopf in die Hände gestützt.
„Hast du das geschrieben?“, fragte sie und hielt ihm die Blätter hin.
„Das war auch dabei? Ich dachte, es gibt diese Seiten gar nicht mehr.“ Er schaute zu seiner Tochter auf. „Vielleicht solltest du sie wirklich lesen, es ist eine alte Geschichte, die uns alle damals, du warst da noch nicht geboren, sehr mitgenommen hat.“ Esther zeigte ihm das Frauenfoto. „Geht es um diese Frau da? Wer ist das, jemand aus der Familie?“ Tilo lächelte versonnen und erwiderte: „Lies es dir durch, danach können wir reden.“
Der handschriftliche Text begann unvermittelt, ohne eine Überschrift aufzuweisen.
**
Es war in dem Augenblick, als der Sarg in die Verbrennungskammer geschoben wurde und der Song begann. Man konnte schon die lodernden Flammen sehen, die Sekunden später den Sarg erfassen würden, als, zu aller Überraschung, Frank Sinatras Stimme erklang. Ja, sie hatte es immer auf ihre Weise getan, ihr Leben geführt, ihre Ehe, ihre Tochter aufgezogen. Und sie war, trotz ihrer offenen, ja offenherzigen Art, doch ein Fremdling geblieben in dieser Familie, die zwar keinen Adelstitel trug, aber als die Dynastie der Sonnenbergs überregionale Bekanntschaft und Bedeutung besaß.
Noch immer singt Sinatra und ich sehe aus den Augenwinkeln, wie sich meine Mutter, mein Vater und andere Verwandte mit wortreichen Blicken verständigen. Ja, sie war etwas Besonderes gewesen, nicht nur ihrer äußeren Erscheinung nach.
Meine früheste Erinnerung lässt Ella wie einen Sturmwind auftreten. Ich kann es noch immer fühlen, wie sie mich, den Dreijährigen, hochhebt und herumwirbelt. Mein Erstaunen und die Freude sind gleich groß und mein Jubeln wird zu einem erschrockenen Juchzen. Da hält sie mich vor sich, schaut mich an und sagt: „Ich bin Ella, deine Großmama. Vergiss es nie!“
In der Tat, diese Szene, diesen Satz habe ich nie vergessen, ebenso wenig wie die gar nicht so häufigen Treffen mit ihr. Damals wie zuletzt wohnte sie in Hamburg und der Weg dorthin von Nürnberg, wohin ich zum Studium zog, war zu weit, um sie mehrmals im Jahr zu besuchen. Für sie war es selbstverständlich, dass man sie aufsuchte.
Ihre ganze Erscheinung war skandinavischer Norden: ihr blondes langes Haar, das im Alter immer heller wurde, ihre große, schlanke Gestalt, ihre rasch sich sommerlich-braun färbende Haut, die melodiöse Sprache der geborenen Schwedin, die ihre Heimat mindestens jedes Vierteljahr einmal besuchen musste, um es in Deutschland auszuhalten.
Im Nachhinein wunderte es alle, dass mein Großvater diese selbstbewusste, fast schon charismatisch erscheinende Frau hatte erobern können. Er war ein gutaussehender Mann gewesen, der es mit Handelsgeschäften zu nicht unbedeutendem Wohlstand gebracht hatte. Seine Liebe für die nordischen Länder, sein fast akzentfreies Schwedisch und seine Segelkünste waren es, die Ella letztlich wohl überzeugten. Viktor hatte sie auf einer Fähre in Stockholm kennengelernt, als sie beim Verlassen des Schiffes strauchelte und fast ins Wasser gefallen wäre. Mit einem reaktionsschnellen Griff hatte er sie gepackt und auf dem Landungssteg gehalten.
Es muss diese wahrlich zupackende Art gewesen sein, die ihr imponierte, wobei sie später, wenn sie diese Geschichte erzählte, nie zu erwähnen vergaß, dass sie damals einen gehörigen blauen Fleck am Arm davontrug. In ihrer temperamentvollen Art erzählte sie dieses, ihr Leben so entscheidend bestimmende Ereignis so lebendig und eindrucksvoll, dass auch alle Wiederholungen bei den Zuhörenden nie das Gefühl von Langeweile aufkommen ließen. Viktor indes hörte stets mit größtem Vergnügen zu, als vernehme er ihre Erzählung zum ersten Mal, und lachte immer am lautesten von allen.
Ja, es war ihr Weg, der jetzt verklungen ist. Jetzt stehen alle auf, manche schlendern hinaus, Linnea, ihre Schwester, unterhält sich mit meinen Eltern. Sie sieht zwar rein äußerlich Ella ähnlich, wobei sie deutlich kleiner ist; aber ihre eher zurückhaltende Art, die leise Stimme, das häufige zaghafte Lächeln unterscheidet sie beträchtlich von ihrer älteren Schwester.
„Du kommst doch mit nach Hause, Tilo; es ist nur die engere Familie, die sich jetzt noch beim Essen trifft, bevor alle wieder auseinanderstreben. Maria kann dich und Linnea, die bestimmt schon müde ist, im Auto mitnehmen. Ihr könnt sogar vorfahren, wenn ihr wollt. Torsten und ich werden noch die Kondolenz entgegennehmen, du siehst ja, Ella hatte zahlreiche Bekannte und Verehrer.“
Meine Mutter weist überflüssiger Weise auf die lange Reihe der Kondolierenden hin. Ich kann ihr nur stumm zustimmen und gehe Linnea entgegen, die nichts weniger als erschöpft erscheint. Sie hakt sich gleich unter und ist erstaunlich fröhlich. „Keine Trauer um dein Schwesterlein?“, frage ich. Sie runzelt die Stirn, denkt kurz nach und erwidert: „Weißt du, Tilo, wenn ich mir vorstelle, dass bei meiner Beerdigung alle mit künstlicher, meinetwegen auch echter Trauermiene herumgehen, graust es mich. Man fühlt sich einfach besser, wenn man lächelt. Und“, sie bleibt stehen und sieht mich mit ihren immer noch so schönen blauen Augen an, „Ella wird jetzt herunterschauen und denken: Ihr könnt mich alle mal, mir geht es gut wie lange nicht mehr.“
Sie nickt bestätigend und wir setzen unseren Weg fort. Mit dem langen Mantel und ihrem schwarzen Hut, von dem ein Schleier vor ihrem Gesicht herabhängt, ist sie etwas aus der Zeit gefallen, aber beides steht ihr. Jetzt lacht sie leise: „Sie wollten mich wohl loswerden, aber das ist mir nur recht. Trauermienen vertrage ich überhaupt nicht.“
Im Wagen frage ich Linnea, die ich lange nicht gesehen habe, wie es ihr geht. „Das kannst du dir doch denken. Jetzt, wo Ella tot ist, lebe ich allein in dem großen Haus. Du erinnerst dich: Nach dem Tod von Axel zog ich zu Ella, die ja schon Jahre zuvor Witwe geworden war. Es war ein bisschen so wie früher, als wir noch Kinder und Jugendliche waren: Ella spielte ihr Dominanz aus, die sie wahrscheinlich von Geburt an ins Leben mitgebracht hatte. Nicht unangenehm, aber eben nicht zu übersehen. Ich weiß nicht, ob sie mich je wirklich ernst genommen hat.“ Linnea grinst mich an und ich weiß, es hat ihr nichts ausgemacht, früher nicht und in jüngster Vergangenheit auch nicht. „Du hast dein Selbstbewusstsein ihr gegenüber nicht verloren, nicht wahr?“, frage ich.
Sie schüttelt den Kopf: „Aber nein! Es waren Rollen, die wir von frühester Kindheit an gewohnt waren und die wir im Wissen spielten, dass die andere sie völlig durchschaute.
Aber, du musst wissen, es gab auch Zeiten, wo sogar Ella nicht ganz auf der Höhe war, kurz nach dem Tod von Viktor zum Beispiel. Sie waren schließlich knapp vierzig Jahre verheiratet gewesen, als er diesen Unfall hatte. Und da hat sie sich doch tatsächlich einmal bei mir ausgeweint.“
Jetzt schließt Linnea die Augen und ich merke, sie ist doch müde. Wir fahren nicht zu ihr nach Hause, sondern zu meinen Eltern, wo sich alle wieder treffen sollen. Als wir angelangt sind, geht Maria, die Köchin, in die Küche und bereitet das Essen vor. Linnea führe ich in eines der Gästezimmer, wo sie sich ausruhen kann. In der Bibliothek wird ein bequemer Sessel zu finden sein, in dem ich das Kommen der anderen abwarten kann.
***
Seit unserer ersten Begegnung, ich drei Jahre, sie irgendwo in den Vierzigern, mochten wir uns. Zwar sahen wir uns meist nur bei irgendwelchen Familienfeiern, wo wir uns gerne mal in einen Winkel oder ins Freie verzogen, rauchten und über die Verwandtschaft lästerten. Doch immer wieder einmal verbrachte ich ein Wochenende bei Ella, auch zu Viktors Lebzeiten. Er hielt sich immer im Hintergrund, wenn ich da war, und genoss es wahrscheinlich auch, zeitweise von seiner anspruchsvollen Ehefrau, die er gleichwohl über alles schätzte und verehrte, entlastet zu sein.
„Viktor trägt mich auf Händen, musst du wissen, er ist wirklich lieb, äußerst lieb. Aber manches lässt sich mit ihm einfach nicht besprechen, manches auch nicht mit ihm unternehmen. Da brauche ich dich ganz einfach, ich hoffe, du bist mir deshalb nicht böse.“ Ella lächelte mich auf ihre unnachahmliche Weise an, so dass kein Einwand möglich war.
Ja, und dann konnte es sein, dass wir irgendwelche Jazzkneipen aufsuchten, ins Kino gingen, um einen Western oder Science-Fiction Filme anzuschauen, oder wir tanzten ganze Abende durch. Lange Zeit sah Ella noch so gut aus, dass sie für meine Partnerin gehalten wurde, zwar älter, aber durchaus nicht zu alt für mich, der ich doch gut vierzig Jahre jünger war. Und später, als der eklatante Altersunterschied nicht mehr zu leugnen war, machte es weder ihr noch mir etwas aus, wenn wir mit erstaunten Blicken gemustert wurden.
Vor allem beim Tanzen war Ellas romantische Seite zu erleben. Sie konnte im Blues schwelgen, beim Walzer träumen und alle Welt um sie herum vergessen, so dass ich mir oft genug das Schmunzeln verbeißen musste. Andererseits zeigte sie im Kino unüberhörbares Temperament und scheute sich nicht, lautstark Kommentare von sich zu geben, die nicht nur einmal zu Protesten anderer Besucher führten. Ella schaute mich dann nur erstaunt an, zuckte die Achseln und ich konnte nicht verhindern, dass sie einige Zeit später wieder nicht nur für mich zu hören war. Einmal wurden wir sogar aus dem Kino rausgeworfen, was sie mit einem schallenden Gelächter quittierte.
„Was ist mit Theater oder Oper?“, fragte ich sie einmal, „warum nicht dorthin? Oder in ein Museum?“ „Aber Tilo, das wirst du dir doch denken können“, erwiderte sie nonchalant, „dafür ist doch Viktor da; schließlich besitzt er einen Abendanzug, sogar einen Smoking hat er.“ Aha, dachte ich mir, die Dame legt Wert auf Eleganz, die ich in diesem Ausmaß als Student natürlich nicht zu bieten hatte. Ich hätte es wissen müssen.
***
Es wird geräuschvoll im Haus, offenbar sind die nächsten vom Friedhof zurück. Auch Margarita, ich höre ihre Stimme, habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Es muss Monate her sein, vielleicht hatte ich damals Ella zum letzten Mal besucht. Meine kleine Schwester, das war Margarita; sie hatte mit ihrem grenzenlosen Ehrgeiz immer versucht, mich bei Ella auszustechen. Warum ihr das nicht gelang, ist mir eigentlich auch jetzt noch nicht klar, denn sowohl vom Äußeren her – sie ist groß und blond wie ihre Großmutter -, als auch was das Auftreten betrifft, ähnelt sie Ella sehr. Vielleicht sind es einfach dieser penetrante Ehrgeiz und später das Ärztegehabe gewesen, was Ella nicht ausstehen konnte. Wahrscheinlich dachte sie, dass die ärztlich-akademische Hochnäsigkeit von Margaritas Persönlichkeit nicht gedeckt war. Das könnte es gewesen sein.
„Hier bist du also, Tilo? Ich hatte dich fast schon vermisst, bis Martha mir sagte, dass du mit Linnea vorausgefahren bist.“ Sie schaut sich um. „Ich weiß schon nicht mehr, wo die Hausbar untergebracht ist. David, willst du auch etwas trinken?“ Sie blickt ihren Mann, dann mich fragend an. Ich nicke und gehe zum Eckschränkchen, wo die harten Getränke aufbewahrt sind und auch die Gläser dazu in Reih und Glied auf ihren Gebrauch warten. Wortlos fülle ich sie und gebe sie Margarita und David weiter. Dann schenke ich mir selbst etwas ein. „Auf Ella und ihre jenseitige Zukunft“, sage ich und wir prosten uns zu. „Du warst ja immer ihr Liebling, Tilo, jetzt darfst du für sie beten, nicht wahr?“
Sie sagt es in einem spöttischen Ton, den David völlig ignoriert, während er noch einmal einen Schluck nimmt. „Du wärst es gerne gewesen, ihr Liebling, meine ich. Warum bist du’s nicht geworden, du hast dir doch jahrelang alle Mühe dazu gegeben.“
Jetzt verdüstert sich Margaritas Miene und sie meint nach kurzem Besinnen: „Vielleicht war ich ihr zu ähnlich und sie wollte mich deshalb nicht so herzen und küssen wie dich. Man hätte ja meinen können, du warst ihr Lover, so habt ihr euch benommen.“ David grinst und wartet auf meine Erwiderung. „Äußerlich warst du ihr – zeitweise – ähnlich, das stimmt; aber ihre Klasse hast du nie erreicht, wie sehr du dich auch bemüht hast.“
Margarita zieht die Augenbrauen hoch, David scheint mit meiner Antwort nicht unzufrieden, aber mit einem Blick auf seine Frau sagt er: „Wenn du nicht Klasse hättest, hätte ich dich nicht geheiratet.“ Er will sie küssen, aber sie muss noch etwas sagen: „Ich bin sicher, Ella hatte zwar nicht dich, aber sonst irgendwelche Männer als Liebhaber. Viktor war ihr doch irgendwann bestimmt viel zu brav. Abenteuerlustig war sie, das kannst du nicht leugnen. Und geprahlt hat sie sogar damit. Das nennst du ‚Klasse‘?!“
„Margarita, sie hat von ihren Extravaganzen, von kuriosen Erlebnissen erzählt, wobei sie sich selbst nicht ernst genommen hat. Das war reine Ironie, die du wohl nicht verstanden hast.“ Jetzt wendet sich David kopfschüttelnd ab und geht zum Fenster, um den weitläufigen Garten draußen zu besichtigen. „Aber lass uns jetzt mit dem Geplänkel aufhören, Margarita. Wir haben uns lange nicht gesehen und ich möchte wirklich gerne und ehrlich wissen, wie es dir geht. Du hast doch deine Ausbildung mittlerweile abgeschlossen, nicht wahr?“
Ich habe Glück und sie lässt sich herab, mir ernsthaft zu antworten: „Ja, die Ausbildung zur Fachärztin ist zu Ende, mit bestem Erfolg übrigens.“ „Gratuliere“, sage ich, „wie soll es weiter gehen?“ Dabei denke ich an die Karriereleiter, die sie sicherlich bis zur Höchststufe erklimmen will, und frage mich, ob sie und David auch mal wieder ans Kinderkriegen denken. „Das frage ich lieber dich, wie es weiter gehen soll bei dir. Einen ersten Roman hast du veröffentlicht, wenn ich mich richtig erinnere. Allerdings muss das schon Jahre her sein, oder?“ Ich überhöre den sarkastischen Ton und sage nur: „Mein Familienroman ist in Arbeit, du wirst ihn noch zu deinen Lebzeiten lesen können.“ Jetzt nimmt sie es mit Humor und wir gehen in die Halle, wo gerade unsere Eltern mit den anderen hereinkommen.
Karin, Ellas Freundin seit der Sandkistenzeit, und Bertil, Ellas jüngerer Bruder, sind mit ihnen gekommen. Von Karin weiß ich, dass sie Ella stets bewundert hat, denn selbst hatte sie als ungelernte Arbeiterin meist nur wechselnde Anstellungen. Das wiederum lag nicht, wie ich von Ella wusste, an limitierten Fähigkeiten, sondern den häuslichen Umständen, unter denen sie aufgewachsen war. Verheiratet ist sie mit einem biederen Beamten, der wenigstens so gut verdient, dass Karin auf ihre alten Tage, sie ist 74, nicht noch arbeiten muss.
Bertil, der mit seinen 66 Jahren der jüngste der drei schwedischen Geschwister ist, sieht trotz seines gezwirbelten Schnauzers noch immer wie ein Junge aus: klein gewachsen, mit runden geröteten Bäckchen, kleinen blitzenden Äuglein
und strubbeligem Haar erscheint er mit seiner hohen Stimme nicht als Rentner und provoziert bei denen, die ihn sehen, ein Lächeln über seine wundersame Erscheinung. Er hat mit allen nur erdenklichen Tätigkeiten sein Leben verbracht, war handwerklich wie kunsthandwerklich ein Tausendsassa. Geheiratet hat er nie, dafür immer wieder wechselnde Freundinnen genossen, die ihm irgendwann den Laufpass gaben, wenn sie seiner zwar charmanten, aber so unsteten Art zu leben überdrüssig geworden waren. Er wohnt in Schweden, aber ist häufig genug in Deutschland, so dass man sich gut, notfalls auch auf Englisch, mit ihm unterhalten kann.
Ich werde ihn fragen, mit wem er derzeit zusammen ist, denke ich, und begrüße die beiden, wozu ich in der Krematoriums Halle noch nicht die Gelegenheit hatte. Karin drücke ich mein Beileid aus, als ich sehe, wie sie noch immer Tränen abtupft, die ihr über die Wangen rinnen. „Sie war der liebste Mensch, den ich kenne“, sagt sie, „mit ihr hat die Welt jemand Bedeutsames verloren!“ Weiter kommt sie nicht, denn schon wieder fließen die Tränen und sie muss sich schnäuzen. Bertil klopft ihr tröstend auf den Rücken: „Da sagst du etwas Richtiges, Karin. Sie war ein“, er muss anscheinend nach einem Wort suchen, „ein bedeutsamer Mensch!“ Er nickt sich selbst die Bestätigung zu, um mich dann zu begrüßen. „Tilo, du kennst sie fast so gut wie wir beide – hast du sie nicht auch sehr geschätzt?“
Jetzt blicken meine Eltern zu mir her und ich weiß, sie werden genau hinhören, was ich sage. Es ist ja so: Martha hat sich von ihrer Mutter, also Ella, nie so sehr geliebt und geschätzt gefühlt, wie sie es, so hat sie immer wieder betont, gebraucht und verdient habe. Ja, verdient habe sie es, denn sie habe als Kind immer versucht, den Ansprüchen der Mutter zu entsprechen.
Irgendwas muss dabei schiefgegangen sein, denn ich kann mich gut an ihre Schilderungen erinnern, dass sie später, als Jugendliche, alles Mögliche angestellt habe, um diesen von ihr vermuteten Ansprüchen eben nicht gerecht zu werden. Ella muss sie dann immer mit einem gewissen Mitleid angeschaut haben, was Martha noch mehr gereizt und natürlich auch verletzt hat. Doch das wiederum war Ella nicht klar. Und so lag es an Viktor, sowohl Gattin wie Tochter in einer Weise zu umhegen – ich kann es nicht anders ausdrücken -, dass der häusliche Friede einigermaßen gewahrt blieb – so jedenfalls die Erzählung von Martha.
„Nun“, beginne ich vorsichtig und versuche, die beiden im Hintergrund zu ignorieren, „ich denke, sie war eine Person, die sich nicht so sehr darum kümmerte, was ‚man‘ für gut und richtig hielt, sondern die versuchte, sich selbst zu entdecken, zu finden – manchmal auch auf Kosten anderer.“ Bertil scheint nicht gerade begeistert von meiner Antwort zu sein, aber auf Seiten von Martha spüre ich eine gewisse stumme Zustimmung. Sie verschwindet in der Küche, um nach Maria und dem Essen zu sehen, während Torsten sich zur Bibliothek wendet, wahrscheinlich braucht auch er einen Drink.
Jetzt erst sehe ich Tessa, eigentlich Theresa, die wohl mit ihren Eltern gefahren ist, aber gerade aus der Küche kommt. Wahrscheinlich hat sie dort genascht und ihre Mutter hat sie weggeschickt. Mit ihren elf Jahren ist sie erstaunlich clever, das ist bei ihren Eltern aber auch weder ein Wunder noch von Schaden. „Onkel Tilo“, beginnt sie und ich ahne, sie will etwas von mir, „Onkel Tilo, hast du wieder ein Buch geschrieben? Schreib doch mal ein Buch für Kinder, was Lustiges und Spannendes!“ Sie tut ganz harmlos, aber ich weiß, dass ihre Eltern immer mal wieder über mich lästern, weil ich schon länger nichts mehr veröffentlicht habe. „Da müsstest du mir mal was Lustiges oder Spannendes erzählen, etwas, das du gut findest, dann könnte ich darüber schreiben.“ Tessa ist enttäuscht und ich weiß, sie ist viel zu nüchtern und fantasielos, als dass sie mir etwas Entsprechendes erzählen könnte. Kinderliteratur ist einfach nicht meins, aber das brauche ich ihr ja nicht zu sagen.
Ich gehe zu Torsten in die Bibliothek, wo ich mir einen zweiten Drink eingieße. Er wendet sich zu mir und ich sehe ihm an, er hat gerade mächtig nachgedacht. „Sag, Tilo, ob ich mich richtig erinnere! Ella ist meines Wissens vor zwei Monaten, vielleicht waren es auch nur sechs Wochen, nach Südafrika geflogen. Wir haben ein paar Postkarten von ihr erhalten und dann, vor vier Wochen plötzlich eine Nachricht, sie sei während einer Tour durch irgendeinen Nationalpark dort unten verschwunden und erst eine Woche später tot aufgefunden worden. Das stand in einem offiziellen polizeilichen Bericht, den du ja auch gesehen hast, ich hatte dir die Kopie zugeschickt. Letzte Woche kam ihr Sarg mit den zwei Koffern zurück, darin ihre Sachen samt allen Papieren; Geld war allerdings keines dabei.“ „Ja, sage ich, stimmt schon. Was ist das Problem?“
Er fasst sich an die Nase, reibt sein Kinn, schaut mich an und sagt dann: „Man kennt sich ja mit den Verhältnissen dort nicht aus, aber kann es nicht auch sein, dass sie ausgeraubt wurde und deshalb sterben musste? Ich meine, sie war doch nicht dumm und wandert irgendwo herum, wo sie sich nicht auskennt und es wahrscheinlich gefährlich ist, wegen der Tiere meine ich.“ Ich muss zugeben, es könnte etwas dran sein an seiner Vermutung, zumindest als Möglichkeit wäre sie denkbar. Aber dann sage ich: „Du weißt ja, dass deine Schwiegermutter auch sehr impulsiv sein konnte und nicht immer mit kühlem Kopf handelte. Vielleicht hatte sie sich ja gar nicht weit von der Reisegesellschaft entfernt und ist einfach unglücklich gestürzt, war bewusstlos, ist elend verdurstet.“
„Schrecklich“, stöhnt er, „sprich ja nicht mit Martha von meiner Idee, sie ist ja noch weniger als eine Vermutung.“ Ich nicke und trinke mein Glas aus, denn Torsten schiebt mich in Richtung des Esszimmers. Karin und Bertil sind schon dort und auch David und Margarita haben sich bereits eingefunden. Bertil sitzt - als Ältester - an der einen Stirnseite des Tisches, Torsten nimmt ihm gegenüber Platz. Martha hat als Hausfrau die Sitzordnung zusammengestellt und so sitzen Linnea und Karin nebeneinander, dazu Martha, auf der anderen Seite David und Margarita, zwischen ihnen ihre Tochter, und neben Margarita ich selbst.
„Warum sitzt Maria nicht auch am Tisch?“, frage ich und tue harmlos. Eine Antwort erhalte ich nicht, zumal sie gerade mit einer großen Suppenterrine aus der Küche kommt. Martha teilt aus und die vollen Teller werden reihum verteilt. Aber bevor alle zu essen beginnen, erhebt sich Bertil. Offenbar hat er vor, eine Rede zu halten, was aber für alle anderen eine Überraschung bedeutet. Er räuspert sich bedeutungsvoll, bevor er beginnt: „Ihr Lieben, denken wir jetzt, hier und heute noch einmal gemeinsam an unsere Schwester, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter Ella, die uns überraschend verlassen hat. Sie war eine großartige Persönlichkeit, die uns alle mit ihrer Lebensfreude, ihrem Temperament und ihrem Talent, jederzeit voller Tatkraft zu sein, unendlich bereichert hat. Heben wir das Glas auf Ella und wünschen wir ihr alles Gute für das, was nun vor ihrer Seele liegen mag!“
