Kreuzwege - Wilfried Herold - E-Book

Kreuzwege E-Book

Wilfried Herold

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Beschreibung

'Kreuzwege' enthält drei längere Erzählungen. Aus zufälligen Begegnungen entwickeln sich Beziehungen, die in ihrer Eigendynamik die Beteiligten vor unerwartete Schwierigkeiten und Herausforderungen stellen.

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Seitenzahl: 541

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt:

Kreuzwege

Paarweise

Zufällige Begegnungen

Kreuzwege

Manchmal trug sie noch ihren Ehering. Er verlieh ihr die Sicherheit souverän aufzutreten, wenn es darauf ankam. Dafür genügte ihr der Blick, mit dem sie ihn ab und zu streifte; und für ihre Gesprächspartner ließ sie ihre Hand für eine Weile wie zufällig auf dem Tisch oder der Stuhllehne ruhen, damit er gesehen wurde. Vielleicht war es auch das Bedürfnis nach Schutz, den der Ring ihr verlieh. Denn nicht selten kam es vor, dass sein Fehlen abschätzende Blicke zur Folge hatte, die sie kränkten und verletzten.

Dennoch streifte sie ihn immer häufiger ab und legte ihn dann in das kleine, mit Samt ausgekleidete Kästchen, in dem sie ihn von Simon vor der Hochzeit überreicht bekommen hatte. Dass sie dann daran denken musste, wie er halb freudig, halb ängstlich vor ihr gestanden war, unsicher, ob sie seinen Antrag ohne Zögern annehmen würde, bestärkte sie nur in der Entscheidung, sich von ihm zu trennen.

Aber seit einiger Zeit bedrückte sie etwas, das sie nicht in Worte fassen konnte. Es war nicht mehr als der Anflug eines Gefühls von Unwohlsein, eines grundsätzlichen Nichtwohlfühlens, das sie den ganzen Tag begleitete. An ihrem Geburtstag hatte es begonnen, als zuerst Simon anrief, korrekt wie er schon immer war, und ihr gratulierte. Er hatte das seit ihrer Trennung jedes Jahr getan, hatte nie ihren Geburtstag vergessen, fünf Jahre schon. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, denn es war ihr nicht klar, welches Motiv ihn dazu veranlasste. Wahrscheinlich fühlte er sich dazu verpflichtet, warum auch immer. Spät am Abend hatte Raffaela sie angerufen, sie hatte ihren Geburtstag wohl fast vergessen gehabt. Jedenfalls hatte sie sich über den Anruf gefreut, aber kurz danach, es wird wohl um Mitternacht gewesen sein, sie stand im Badezimmer vor dem Spiegel, kam sie sich plötzlich fremd vor, mehr noch: Sie konnte sich nicht mehr mit Wohlwollen anschauen. Es waren nicht die kleinen Fältchen, die aus ihren Augenwinkeln krochen, nicht das Kinn, das die frühere Festigkeit verloren hatte. Es war ihr eigener Blick auf ihr Spiegelbild, der sie erschreckte, mit dem sie sich nicht identifizieren konnte. Sie versuchte ein Lächeln, bemühte sich um einen freundlichen Blick auf das Gesicht, das ihr entgegenblickte. Aber ihr spiegelten sich Augen entgegen, die kühl und unnahbar erschienen.

Erschrocken flüchtete sie sich ins Bett und versuchte, diesen Blick zu vergessen. Am nächsten Morgen klebte sie den Spiegel zu und verhängte den Garderobenspiegel mit einem Tuch.

Seit diesem Tag trug sie den Ring wieder täglich, wenn sie in die Firma fuhr und dort die Hälfte des Tages mit Besprechungen zubrachte. Manchmal drehte sie ihn am Finger und so verlieh er ihr Selbstvertrauen und die Gewissheit, souverän und sicher zu erscheinen. Dafür musste sie ihn abends, kaum war sie zu Hause zurück, abstreifen, musste ihre falsche Sicherheit abgeben und sich der Wahrheit stellen, ihrer Schwäche, ihrer Depression.

***

Der kleine Park, den sie jeden Tag durchquerte, gleich ob sie zur Straßenbahn oder zur U-Bahn ging, war ihr seit Jahren bekannt. Drei Wege führten durch seine lange Seite, dazwischen Rasen und alte Buchen, die schlank und glatt in den Himmel ragten und unbeteiligt über allem Geschehen zu ihren Füßen nur dem Himmel und den Vögeln Freunde zu sein schienen. Chiara hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag einen anderen der drei Wege zu benutzen, und immer darauf geachtet, ob neue Pflanzen, neue Blumen zu entdecken waren. Aber nie hatte sie wirklich innegehalten, nie war sie stehen geblieben, um sich die Zeit zu nehmen, wirklich zu schauen.

Aber an diesem Freitag, als sie auf dem Heimweg war und sie, im Park angekommen, sich zu entscheiden hatte, welchen der Wege sie nehmen sollte, musste sie zum ersten Mal stehen bleiben, weil ihr diese winzige Entscheidung plötzlich nicht möglich war. Der Weg vom Vortag schied zwar aus, aber es blieben noch immer zwei Wege, die in Frage kamen. Chiara wusste, dass sie nicht einfach losgehen, nicht irgendeinen unbewussten Grund ihrer Entscheidung akzeptieren durfte. Sie musste sich nun, an dieser Stelle, jetzt und hier, bewusst entscheiden, welchen Weg sie gehen wollte. Kein falscher Schritt durfte jetzt geschehen, denn sie würde nicht zurückgehen können, auch wenn es der falsche Weg wäre.

Ratlos sah sie sich um. Am Rande des Weges stand eine Bank, auf der jemand, in einem Buch lesend, saß. Der Mann, die Beine übergeschlagen, offensichtlich ganz in den Text versunken, saß etwas links der Mitte, so dass neben ihm genug Platz für eine weitere Person war. Langsam ging Chiara auf die Bank zu, den einzigen Ort, wohin sie gehen konnte, ohne eine falsche Entscheidung zu treffen. Als ihn ihr Schatten streifte, schaute er auf und rückte, indem er ihre Absicht erkannte, ein wenig zur Seite. Noch einmal blickte er sie an, während sie Platz nahm und ihm ihr Gesicht zuwandte. Sein offener Blick zeigte blau-graue Augen in einem braungebrannten Gesicht. Kurzes dichtes braunes Haar ließ eine breite Stirn frei und jetzt öffnete sich sein Mund ein wenig zu einem freundlichen Lächeln.

Chiara wandte sich ab, denn sie fühlte sich nicht in der Lage, ebenfalls ein heiteres Gesicht zu zeigen. Sie blickte geradeaus und saß aufrecht da, ohne sich anzulehnen. Als er wieder in seinem Buch weiterlas, entspannte sie sich und rückte nach hinten, um bequemer zu sitzen. Sie versuchte an ihre Entscheidung zu denken und blickte hinüber zu der Stelle, wo der Eingangsweg sich teilte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass der Mann sein Buch mit dem Buchrücken nach oben neben sich auf die Bank gelegt hatte. Sie sah hinunter und versuchte den Titel zu entziffern, der, wie sie nach kurzem Überlegen erkannte, in Spiegelschrift geschrieben war.

„Reinkarnation, so heißt der Titel. Ich kann Ihnen das Buch nur empfehlen.“ Die warme tiefe Stimme ließ sie nicht erschrecken, sondern berührte etwas in ihr, das sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. „Ich beschäftige mich intensiv mit diesem Thema, aber bisher bin ich noch nicht recht klug daraus geworden.“ Chiara bemerkte den winzigen Akzent des Sprechers; es war sein ‚r‘, das den englischen Muttersprachler erkennen ließ. Sie schaute auf und sah dem Mann ins Gesicht. Er hatte das Buch wieder aufgenommen und zeigte ihr den Titel. „Wenn man unterwegs ist, möchte man ja nicht nur ein Ziel haben, das man anstrebt, sondern auch wissen, woher man kommt, denn das haben wir alle vergessen, wie es scheint.“ Chiara hatte sich endlich gefasst und erwiderte: „Manchmal ist auch das Ziel verborgen und man weiß außerdem nicht, welcher Weg der richtige ist.“ Sie blickte hinüber, wo die drei Wege ihren Anfang nahmen, und er folgte ihrem Blick. „Wenn die Wege alle zum selben Ziel führen, könnte es egal sein, welchen man wählt. Aber ich verstehe, jeder Weg birgt andere Möglichkeiten, vielleicht auch andere Schwierigkeiten. Dann ist es wichtig, die richtige Wahl zu treffen.“

Chiara seufzte unhörbar und schwieg. Der Fremde hatte genau das ausgedrückt, was ihr noch nicht bewusst geworden war. Nur hatte er mit seiner Bemerkung eine weitere Frage hinzugefügt. Woher kommen wir und was bedeutet unsere Vergangenheit für die Zukunft? Chiara wandte sich ihm zu. „Wenn ich es richtig verstehe, bedeutet Reinkarnation, dass man wiedergeboren wird - einmal, mehrmals?“ Er hob das Buch ein wenig in die Höhe. „Hier habe ich eine Art Übersicht über das Verständnis von Reinkarnation gefunden mit Bezügen auf die unterschiedlichsten Zeiten und Überzeugungen. Sie wissen schon: einmalige oder mehrfache Wiederverkörperung, Wiederverkörperung als Tier, Wiederverkörperung, bis die Vollkommenheit er-reicht ist, Wiederverkörperung als Mann oder als Frau, Wiederverkörperung selten oder häufig – all so etwas.“

„Und welche Konzeption von Reinkarnation ist für Sie am überzeugendsten?“ Sie schaute ihn neugierig an und bemerkte jetzt die kleine Narbe, die sich senkrecht durch seine linke Augenbraue zog. Als er nachdachte, bildete sich an seiner Nasenwurzel eine tiefe Falte, die aber sofort wieder verschwand. „Wissen Sie, ich glaube, es ist wie im Leben, wenn wir eine Nacht hinter uns haben und am Morgen aufwachen. Da wissen wir natürlich von unserem Leben am Vortag, wir haben vielleicht auch noch einen Traum in Erinnerung. Auf jeden Fall knüpfen wir da an, wo wir am Vortag aufgehört haben. Wir sind dieselben und haben zu tun mit dem, was wir am Vortag oder an den Tagen zuvor getan oder begonnen haben. Vielleicht haben wir Schulden, die wir zurückzahlen müssen, vielleicht haben wir ein Versprechen gegeben, das wir einhalten müssen, vielleicht, nein, bestimmt sogar haben wir eine Arbeit, die weitergeführt werden muss. Es ist uns alles präsent, was in der Vergangenheit vorgefallen ist, wir könnten es jedenfalls präsent haben. Aber an unser voriges Leben erinnern wir uns nicht, an all die vorigen Leben, die wir hinter uns haben, und wir erinnern uns nicht an die Zeit zwischen unseren Leben. So sehe ich das.“

Er lächelte wieder wie zuvor, als sie ihn zum ersten Mal wahrgenommen hatte. Und jetzt fuhr er sich mit der Hand durchs dichte kurze Haar und erschien ihr ein wenig unsicher. „Heute bin ich dieselbe Person wie gestern, natürlich um 24 Stunden älter, womöglich ein wenig fröhlicher oder trauriger oder besser oder schlechter als am Vortag.“ Chiara musste lachen: „Vielleicht sogar ein bisschen klüger, aber meistens doch nicht. Also, was ich sagen möchte: Ich bin und bleibe dieselbe Person; aber wie ist das, wenn ich wiedergeboren werde, da bin ich doch jemand anderes.“ „Sicher, Sie sind jemand anderes, aber doch sind Sie es, ein Individuum, das, ja, man könnte sagen, äußerlich jemand ganz anderes ist, also dem äußeren Anschein nach; aber ganz innen drinnen, da steckt dieselbe Persönlichkeit, sozusagen nur in anderem Gewand.“ Chiara lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Das kann man glauben oder nicht.“

Sie blickte auf das Buch, das jetzt auf seinem Schoß lag und über das er mit seiner Hand langsam darüberstrich, als sei es etwas Lebendiges. Er schaute sinnend zum Weg hinüber, den sie gekommen war. „Wenn man wiedergeboren ist, wird man auch wieder dieselben Persönlichkeiten wiedertreffen, die man aus den vorigen Leben kannte. Natürlich nicht nur solche; aber dann kann es sein, dass man bei einer Begegnung das Gefühl hat, den anderen oder die andere schon irgendwie zu kennen, auch wenn man nur ein paar Worte gewechselt hat. Oder dass da eine Sympathie ist vom ersten Moment der Begegnung an. Kennen Sie das nicht auch?“ Wieder sah er sie lächelnd und mit einem offenen Blick an, so dass sie eine Empfindung der Nähe spürte, wie sie es noch kaum je erlebt hatte. „Das, was man Zufall nennt, ist etwas, was man schon lange geplant hat, nicht bewusst natürlich. Wieso, zum Beispiel, kann man fragen, kommen Sie zur gleichen Zeit hierher, wo auch ich bin, und wieso setzen Sie sich auf diese Bank? Wieso setze ich mich hierher und weiß noch gar nicht, dass Sie eine Viertelstunde später hier vorbeikommen werden, sich zu mir setzen und wir ein Gespräch über Reinkarnation führen? Haben wir beide diese Zufälle geplant, ohne es zu wissen?“

Plötzlich straffte sich etwas in Chiara, Unwillen stieg auf in ihr und sie wusste zuerst nicht, was sie sagen sollte. Er bemerkte ihr Zögern und hob fragend die Augenbrauen. „Was ist?“ fragte er und er sagte es so, dass sie zweifelte, ob sie recht hatte. „Wissen Sie, es ist zwar gut gemeint von Ihnen, aber ich habe nicht vor, Ihre Annäherungsversuche zu erwidern. Lassen wir es gut sein.“ Während sie aufstand, hörte sie ihn sagen: „Wissen Sie jetzt, welchen Weg sie nehmen wollen?“ Wie festgebannt blieb sie stehen, sie hatte noch nicht gewählt. Langsam erhob er sich und stellte sich neben sie. „Manchmal muss man auf gut Glück losgehen, denn die Füße wissen meistens, wohin es gehen soll.“ Sie schaute hinunter auf ihre Füße, die in hellbraunen Ledersandalen steckten. Neben ihren Füßen sah sie seine, er trug leichte Slipper, die vom Staub des Weges ihren Glanz verloren hatten. „Gehen Sie einfach los, aber schließen Sie die Augen. Ich folge Ihnen und warne Sie, falls es nötig sein sollte.“ Unentschlossen stand sie da, blickte zur Weggabelung, vor der sie zurückgewichen war. „Haben Sie Vertrauen zu sich, anders geht es nicht.“ Diesmal lächelte er nicht, als er es sagte.

Chiara schloss die Augen und ging langsam los. Sie spürte den Kies unter ihren dünnen Schuhsohlen und hörte seine Schritte hinter sich. Langsam ging sie weiter, stetig und wie von einem Sog erfasst, der sie sanft bewegte. Aufmerksam hörte sie die Tritte ihrer beider Füße, die einander rhythmisch ablösten. Es gelang ihr, alle sonstigen Geräusche auszublenden, und nun ging sie rascher weiter, zügig, als wenn ein Ziel sie anzöge. Den leichten Druck der Hand an ihrer Schulter, der sie ab und zu ein wenig lenkte, spürte sie kaum, aber er reichte aus, um sie nicht fehlgehen zu lassen. Sie hätte noch lange so weitergehen können, doch dann hörte sie ihn sagen: „Bleiben Sie stehen, der Parkweg endet hier.“ Sie blieb stehen, aber sie öffnete noch nicht die Augen. „Welchen Weg bin ich gegangen?“, fragte sie. „Den richtigen natürlich.“ Als sie aufblickte, sah sie in sein lächelndes Gesicht. Sie schaute zurück und sah, welchen Weg ihre Füße gewählt hatten. „Kommen Sie immer wieder hier vorbei?“, fragte er und trat einen kleinen Schritt zurück. „Ich würde mich freuen, wenn wir unsere Unterhaltung fortsetzen könnten, über Reinkarnation, meine ich.“ Sie sah ihn an, ohne zu antworten. Aber sie war sicher, dass er sie verstanden hatte.

***

Samuel wollte einfach ernst damit machen, alles nicht nur als Möglichkeit, als Theorie, als unverbindliche Idee zu nehmen. Seit er in Europa angekommen war, hatte er sich die Frage gestellt, was ihn dorthin geführt hatte. Warum er Hebron/Ohio verlassen hatte, um irgendwann hier anzukommen, wo er endlich seine Zeit dem widmen konnte, wovon er immer schon geträumt hatte. Warum hatte es diesen jahre-, jahrzehntelangen Umweg gebraucht? Oder war es ein Weg, der nicht anders verlaufen konnte? Warum war es ihm nicht in New York oder in London gelungen, Fuß zu fassen, ein Leben aufzubauen, in dem er sich zuhause fühlte? Irgendwann hatte er akzeptiert, dass er überall nur Gast war, auf der Durchreise, auch wenn es manchmal Jahre waren, die er an einem Ort verbrachte.

Zuerst war er nach Columbus gezogen, weg von der Farm, die seinem älteren Bruder versprochen war. John war der einzige gewesen, der ihm Mut gemacht hatte und der ihn nicht ausgelacht hatte, wenn er beim Baseball so ungeschickt war, dass er bald ein Außenseiter war und es auch blieb, als er die nötigen körperlichen Voraussetzungen hatte. Gemeinsam waren sie manchmal nach Columbus gefahren und während John mit einem Mädchen ausging, hatte er sich Tanzaufführungen angeschaut. Dass er es als Bub durchgesetzt hatte, eine Ballettausbildung machen zu dürfen, verdankte er seiner Mutter, die ihn als Jüngsten verwöhnte, während sich der Vater irgendwann damit abgefunden hatte, dass er so völlig andere Interessen hatte als sein ältester Sohn. Auch Cloe, seine einzige Schwester, konnte nicht nachvollziehen, dass er den Spott seiner Schulkameraden in Kauf nahm, die ihn hänselten, sooft sie konnten.

Nach dem Collegeabschluss hatte er noch ein paar Jahre in Columbus gelebt, Gelegenheitsjobs übernommen und an einer Tanzschule weiter studiert. Dass er nach New York gehen musste, war ihm bald klar geworden. Es waren harte Jahre geworden, in denen er zwar immer wieder Engagements bekam, aber nichts Festes. Doch er hatte verstanden, auf welches Niveau er gelangen musste, um mit sich zufrieden sein zu können.

Richard hatte ihn überredet, mit ihm nach London zu gehen. In New York schaffen wir es nicht, mein Junge, versuchen wir es in London, ich kenne ein paar wichtige Leute dort, hatte er behauptet. Aber kurz nachdem sie dort angekommen waren, hatten sie sich getrennt und er hatte sich allein durchgeschlagen. Alles Mögliche hatte er gemacht, um Geld zu verdienen, und hatte nebenbei weiter getanzt, um in Form zu bleiben.

Dann war er Sandra begegnet und hatte endlich Gelegenheit, in ihrer Gruppe mit zu arbeiten und Auftritte zu haben. Sie waren in ganz England umhergereist, waren auch in Frankreich gewesen, in Paris. Dort war die ganze Truppe plötzlich auseinandergebrochen, er wusste bis jetzt nicht, was der wirkliche Grund dafür gewesen war. Manche konnten, wie er, kein Französisch und irgendwie hatte das zu einer Hierarchie geführt, wie es vorher nie der Fall gewesen war. Nach ein paar Monaten in London hatte er sich wieder auf den Weg gemacht und war in Berlin gelandet.

Erst Wochen, nachdem er dort angekommen war, fiel ihm ein, dass sein Großvater Samuel, dessen Namensvetter er geworden war, ihm von dieser Stadt erzählt hatte, in die er als Soldat einmarschiert war. Und erst hier hatte er in einer Buchhandlung eine Reihe von Büchern entdeckt, die ihn dazu angeregt hatten, sich nach dem Woher und Wohin seines Lebens zu fragen.

Seitdem war er bei jeder neuen Begegnung wie hellhörig geworden, hatte neue Sinne wach werden lassen als Antennen, die Unhörbares, Unsichtbares aufnehmen konnten. Das, was er gegenüber einem Menschen zuallererst empfand, das war wichtig, so flüchtig dieser Eindruck auch sein mochte. Ihn allerdings in Worte zu fassen, fiel ihm noch immer äußerst schwer. Manchmal gelang es, wenn er sich genau genug erinnern konnte, nicht an Äußerliches, sondern an die eigenen Empfindungen, die wie Farbeindrücke sich ausnehmen konnten oder musikalische Harmonien.

***

Als er drei Tage später wieder im Park auf der Bank saß, war er sicher, dass sie vorbeikommen würde. Vielleicht würde er etwas warten müssen, er hatte sich nicht die Uhrzeit gemerkt, als sie vorbeigekommen war. Es musste später Nachmittag gewesen sein, wahrscheinlich nach Büroschluss. Sie erkannte ihn gleich und zögerte nicht, sich zu ihm zu setzen. „Sie hatten Recht, die Füße wussten, wohin sie mich tragen sollten. Man muss ihnen und sich nur vertrauen.“ „Es ist eine Kunst, sich selbst zu vertrauen. Wenn wir Glück gehabt haben, verlernten wir es als Kinder nicht.“ „Meistens hatten wir kein Glück, fürchte ich. Dann müssen wir es wieder lernen.“ Chiara wunderte sich über ihre eigenen Worte und Gedanken. Sie erschien sich selbst fremd damit.

„Ich heiße Samuel; darf ich Sie nach ihrem Namen fragen?“ Sie schreckte aus ihren Gedanken auf. „Samuel, das klingt englisch.“ „Ich stamme aus Ohio, aus einer Kleinstadt in Ohio.“ „Ich heiße Chiara, eigentlich ein italienischer Name, auf Deutsch Klara.“ „Das hängt zusammen mit ‚klar‘, ‚schön‘?“ „Ja, das bedeutet der Name.“ „Stammen Ihre Eltern aus Italien?“ Sie lachte: „Aber nein, sie wollten ihre Tochter, das einzige Kind, nur mit einem besonderen Namen bedenken.“ „Erzählen Sie, sind Sie hier in Berlin aufgewachsen?“

„Stellen Sie sich eine große moderne Villa vor, riesiger Garten darum, ein ganzer Kinderspielplatz für ein einzelnes Kind, mich, ein Pool, eine Doppelgarage, zwei teure Autos, eine Mutter, die als Boutiquenbesitzerin erfolgreich ist, und ein Vater, der ständig unterwegs ist und für den als Bankmanager nur der finanzielle Erfolg zählt. Ein kleines Mädchen, das einsam ist, das sich in Gedanken und Träumen seine eigene Welt baute. Eine junge Frau, die ein Wirtschaftsstudium beginnt, aber nicht ganz zu Ende führte, dafür aber im Management einer großen Möbelfirma tätig und so erfolgreich wurde, dass auch ihr Vater darüber hätte froh sein können. Allerdings lebt der schon lange nicht mehr.“ Samuel hörte genau zu und fragte dann: „Haben Sie nicht vielleicht etwas Wichtiges vergessen?“ Er blickte auf ihre Hand mit dem Ring. „Ja“, sagte sie langsam, „natürlich, ich habe jung geheiratet, habe eine erwachsene Tochter und bin geschieden.“

Er beugte sich ein wenig vor und stützte die Ellenbogen auf die Knie. „Wie Sie das erzählen, klingt es, wie wenn Sie von jemand anderem berichten, die wichtigsten Fakten, das Nötigste, aber kommt es darauf an?“ „Nun ja, so gut kennen wir uns nicht, als dass ich fürs erste mehr erzählen möchte. Schließlich weiß ich von Ihnen kaum mehr als Ihren Vornamen.“ „Dann werde ich versuchen, Ihnen ein Bild zu vermitteln, das nicht nur Äußerlichkeiten enthält.“

Samuel erzählte von seiner Kindheit und Jugend, von seinem Traum, Tänzer zu werden, und wie er sich als Fremdling vorkam und dennoch nicht abließ von seinem Ziel. „Ohne meinen Bruder als Schutz und meine Mutter, die mir meine Freiheit ließ, wäre ich wohl nicht hier. Und viele von denen, die meinen Weg kreuzten, waren daran beteiligt, dass ich vorankam, dass ich immer wieder neue Ziele erreichen konnte, dass ich mich verändern, entwickeln konnte.“ Samuel schwieg und wartete darauf, dass Chiara etwas erwiderte. Sie saß gedankenversunken neben ihm und sah sich in ihrem Jugendzimmer sitzen, Musik hörend, mitsingend und eigene Texte schreibend. „Ich hatte als Kind angefangen, Gitarre zu spielen, aber irgendwann hat es mir keinen Spaß mehr gemacht.“ Sie sah ihre Mutter neben sich sitzen, sie immer wieder korrigierend. „Ich musste klassische Gitarre lernen, von Noten spielen, aber das war es nicht, was ich lernen wollte.“ Chiara schaute auf, sah Samuel an. „Im Gegensatz zu Ihnen habe ich meine Träume früh aufgegeben, ich habe sie sogar total vergessen.“ Samuel war versucht, seine Hand auf ihre Schulter zu legen, aber er ließ es sein und sagte: „Solche Träume kommen nicht zufällig, meine ich; aber sie sind auch nicht unbedingt das Allerwichtigste.“ Chiara blickte ihn verblüfft an: „Aber vorhin haben Sie das mit den Träumen ganz besonders betont.“ „Vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt. Für mich war mein Traum sozusagen der Wegweiser, der mich schließlich hierher geleitet hat. Aber es wäre ohne die Menschen, die ich getroffen habe, nicht so weit gekommen. Und außerdem, meine ich, ist es mir gelungen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Chiara schaute hinüber zu der Wegkreuzung, die ihr drei Tage zuvor eine Entscheidung so schwer gemacht hatte. „Das heißt, wenn ich es zusammenfasse: Es kommt darauf an, den eigenen Traum nicht zu vergessen, die richtigen Leute zu treffen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Also, wenn ich vom Traumbehalten mal absehe, muss ich erstens Glück haben und die richtigen Leute müssen mir begegnen; und dann muss ich in der Lage sein, richtige Entscheidungen zu treffen. Aber“, sie betonte das Wort, „aber das ist doch einfach Glück, wenn alles gelingt, und Pech, wenn es nicht klappt. Zufall, so kann man es auch nennen.“

Während Chiara ihn prüfend anblickte, nickte Samuel zustimmend: „Zufall, so könnte man es auch nennen. Es kommt auf die Einstellung an, denke ich. Und davon hängt es ab, wie ich mit solchen ‚Zufällen‘ umgehe.“ „Da habe ich meine Zweifel, was spielt da die Einstellung eine Rolle?“ Wieder schien er zuzustimmen und fuhr fort: „Schauen Sie, wie war das, als sie hier vorbeikamen? Sie blieben stehen, überlegten, blickten sich um, sahen eine Bank, auf der zwar jemand saß, aber wo noch Platz war. Sie setzten sich und ich nehme an, es war Ihnen egal, wer da auf der Bank saß, vorausgesetzt er oder sie sah einigermaßen zivilisiert aus.“ Chiara grinste: „Ja, so ungefähr war es.“ „Gut. Wie sah es von meiner Seite aus? Ich lese in einem Buch und versuche schon seit langem mit der Idee der Reinkarnation zurecht zu kommen. Wobei, das muss ich jetzt ergänzen, zu dieser Idee der Reinkarnation auch die des Karmas gehört. So wie ich das bisher verstehe, bedeutet das, dass nicht Zufälle unser Leben beeinflussen, sondern jemand ‚Regie führt‘. Und dieser Jemand bin ich selbst, das heißt, es ist dieser Jemand, der immer wieder neu geboren wird. Also, ich sah Sie auf die Bank zukommen und las zwar weiter, aber überlegte, was zu unserer Begegnung führte. Ich unterstelle, es ist eben kein Zufall, dass wir hier zusammentrafen.

Das hat mich auch ermutigt, ein Gespräch mit Ihnen zu führen, das ich, wäre ich von Zufall ausgegangen, wahrscheinlich nicht begonnen hätte. Es sei denn“, er zögerte, „es sei denn, ich hätte einen anderen wichtigen Grund für ein Gespräch mit Ihnen gehabt.“

„Sie meinen den, den Männer so gerne zu haben meinen, wenn sie eine ihnen ‚ansprechend‘ erscheinende Frau treffen?“ Chiara lächelte, als sie sah, dass ein Anflug von Röte sein Gesicht tönte. Er schwieg und ihr wurde klar, dass sie die Pause nicht zu lange werden lassen durfte. „Ich erzähle Ihnen, wie ich Simon, meinen Exmann, kennengelernt habe.

Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, im Park, fahre, wie es sich gehört, auf dem Radweg und sehe in einiger Entfernung zwei Leute im Weg stehen. Ich fahre langsamer und klingle, komme näher, sie haben mich nicht gehört, ich klingle wieder, endlich hören sie mich, der eine geht zur Seite, der andere bleibt immer noch stehen, ich fahre langsam weiter, er steht noch immer da und schließlich nimmt ihn sein Begleiter am Ärmel und zerrt ihn vom Radweg. Ich komme näher, er bewegt sich nicht und schaut mir entgegen, ich kann es gar nicht beschreiben. Da fängt der andere plötzlich an zu lachen. Er lacht so, dass ich tatsächlich angesteckt werde und auch anfange zu lachen. Jetzt stellt sich der andere wieder auf den Radweg, so dass ich anhalten muss. Er steht vor mir und sagt: „Ich heiße Simon und möchte dich kennenlernen.“

Chiara hielt inne. Samuel schaute sie aufmerksam an und sagte: „Er hatte also diesen Grund, von dem vorhin die Rede war. Wie ging es weiter?“ Sie schüttelte den Kopf: „Darauf kommt es jetzt nicht an. Jedenfalls habe ich Simon bald darauf gefragt, was da eigentlich los war, und er berichtete, dass er kurz zuvor Lars, seinem Freund, von der Frau erzählt hatte, die ihm im Traum begegnet war. Sie sei auf ihn zugeflogen, er habe ihr Gesicht nicht erkennen können, und sie sei durch ihn durchgeflogen und als er sich umgedreht hatte, war sie verschwunden. Deshalb hat Lars so gelacht, weil er sofort an die ‚fliegende Frau‘ dachte, die jetzt, materiell geworden, auf dem Fahrrad daherkam. Simon hatte, das sagte er auch, bei dieser ersten Begegnung dasselbe Gefühl, das er im Traum hatte, er nannte es ungläubiges Staunen.“ Chiara hielt inne, Samuel wartete. „Nach fünfzehn Jahren hatte er ein anderes Gefühl mir gegenüber, das Gegenteil sozusagen. Die fünf Jahre zuvor waren auch schon nicht mehr wie die ersten fünf.“

Samuel hoffte den richtigen Ton für eine Erwiderung zu finden und sagte: „Das ist sehr schade, wenn ein gleichsam traumhafter Beginn mit Trauer und Enttäuschung endet.“ Chiara ließ keine Reaktion erkennen und so fuhr er fort: „Wenn es nicht indiskret ist, so zu fragen, würde ich gerne wissen, wie Sie die erste Begegnung empfanden: als zufällig, als schicksalhaft, als notwendig vielleicht?“

In diesem Augenblick war ein zartes Geräusch zu hören, ganz nahe, und Chiara blickte suchend in die entsprechende Richtung. Samuel hatte sich im Sitzen aufgerichtet und blickte nach oben. Bevor sie seiner Blickrichtung folgte, sah sie auf seinem Sakkokragen etwas Grauweißes. Samuel deutete nach oben und sagte: „Zufall, Schicksal oder Notwendigkeit?“ Und dann lachten sie beide und Chiara versuchte, mit einem Papiertaschentuch die Bescherung von oben abzuwischen, so gut es ging. Als sie fertig war und nur noch ein dunkler Fleck auf dem Stoff zurückgeblieben war, sagte sie: „Es kommt wohl auf die Perspektive an. Notwendig war es für den Vogel, Zufall war es, dass Sie und nicht ich getroffen wurden, und Schicksal ist es, dass Sie nun fürs Erste mit einem Fleck auf dem Sakko nach Hause oder zur Reinigung gehen müssen.“

„Das lässt sich nachvollziehen“, sagte Samuel, „und ich bin froh, dass es mich und nicht Sie getroffen hat, denn Ihrem Kleid hätte es wohl mehr geschadet.“ Chiara schüttelte den Kopf: „Ihre Seelenruhe hätte ich nicht gehabt! An Ihrer Stelle wäre ich aufgesprungen, hätte geschrien, dass alle Leute im Umkreis von 200 Metern hergelaufen wären, um nach dem Mordopfer zu sehen.“ Samuel schaute sie amüsiert an und meinte: „Dann hätte man mich als möglichen Täter gleich festgehalten und ich hätte großes Glück gehabt, nicht gleich erschlagen zu werden. Ich glaube, wir sollten den Ort wechseln und unser Gespräch woanders fortsetzen. Haben Sie noch eine Stunde Zeit?“

Wieder schaute er sie lächelnd und in einer solchen Freundlichkeit an, dass Chiara nahe daran war zuzusagen. „Ich kenne ein nettes Café am anderen Ende des Parks, das ‚Amulett‘, Sie kennen es bestimmt auch. Der Kaffee dort ist vorzüglich und kleine Kostbarkeiten zum Naschen gibt es auch. Sie waren bestimmt auch schon einmal dort.“ Samuel wies mit der Hand in die entsprechende Richtung. „Sie würden mir eine große Freude machen.“

Während Chiara nur ein Kännchen Kaffee bestellte und es ablehnte, eine der Torten zu probieren, nahm Samuel Tee und eine Sahnetorte. „Ich sollte bei dem Essen aufpassen, damit ich nicht zwei Stunden länger trainieren muss, um die überzähligen Kalorien loszuwerden. Aber ich hoffe, dass Sie sich vielleicht doch noch umentscheiden. Es schmeckt einfach zu gut.“ „Das Kalorienproblem kenne ich leider auch. Und da ich nicht die Absicht habe, zwei Stunden meiner Zeit zu opfern, passe ich lieber. Aber jetzt muss ich eine Frage stellen, die vielleicht unhöflich ist: Ich dachte immer, als Tänzer oder Tänzerin ist mit dreißig alles zu Ende, man wird sozusagen ausgemustert.“ Er nickte: „Ihre Frage lautet also: Er ist offenbar weit über dreißig und tanzt immer noch, wie geht das? - Im Allgemeinen ist es oft so, dass, wie Sie vermuten, das Alter eine wesentliche Rolle spielt. Man ist schneller als man denkt zu alt in diesem Metier. Aber da es nicht wenigen Tänzer*innen so geht, haben wir, die älteren Semester, eine eigene Tanzgruppe gebildet und machen unsere eigene Choreografie, wie sie uns und unseren körperlichen Fähigkeiten angemessen ist. Und das heißt nicht, dass wir deshalb schlechter als die Jungen sind. Wir sind als Gruppe, die perfekt abgestimmt ist, meist besser als viele andere.“

Auch Chiara sah es zu spät, als dass sie Samuel hätte warnen können. Ein Schrei ließ sie beide aufschrecken, bevor ein Schwall Kaffee auf Samuels Ärmel seine Bestimmung fand. Die Bedienung schaffte es gerade noch, das Tablett auf dem Tisch abzusetzen, sonst wäre auch der Inhalt der Teekanne vorzeitig vergossen worden. „Entschuldigen Sie vielmals, mein Herr, ich bin ins Stolpern geraten. Ich hole sofort ein Tuch.“ Sie lief davon und Samuel stand auf, zog sich das Jackett aus. „Diesmal ist es die andere Seite“, meinte er gelassen und schüttelte die Tropfen vom Ärmel. Mit der Bedienung erschien eine weitere Dame, offenbar die Geschäftsführerin. „Es tut uns schrecklich leid, was da passiert ist. Ihre Bestellung geht natürlich aufs Haus. Und senden Sie uns auf jeden Fall die Rechnung der Reinigung zu, damit wir Ihnen die Kosten erstatten können.“

Als sie wieder saßen, die ersten Schlucke getrunken hatten, meinte Chiara: „Ihre Gelassenheit möchte ich haben! Erst das eine, dann das andere Missgeschick, und am Ende wird alles gut. Wenn es nur immer so käme!“ Samuel grinste: „Ist nicht alles eine Frage der Einstellung? Wenn ich mich beim Vogelschiss aufgeregt hätte, wer weiß, was danach passiert wäre. Darf ich jetzt ein Stück Torte für Sie bestellen, nun haben wir doch Grund genug dazu!“

***

Chiara blieb zu Hause nichts anderes übrig, als auf das Abendessen zu verzichten. Sie war stolz auf ihre schlanke Figur und ärgerte sich, dass sie sich von ihm hatte überreden lassen. Mit einem Glas Mineralwasser setzte sie sich gemütlich in ihre Sitzecke und dachte über das Gespräch mit Samuel nach. Sie hätte gerne seine Gelassenheit und Positivität besessen; doch zugleich fand sie seine demonstrierte Sicherheit geradezu provokativ und fragte sich, ob er nie Pech im Leben gehabt hatte, ob er nie von anderen so enttäuscht wurde, dass er seine positive Einstellung hätte in Zweifel ziehen müssen. Vielleicht hatte er einfach alles Negative, das er erlebt hat, verdrängt und täuschte sich dadurch selbst. Dass er offenbar nicht verheiratet gewesen war, wird ihm einiges erspart haben, dachte sie und erinnerte sich an die Gehässigkeiten, die Simon immer wieder losgelassen hatte. Mit welcher Heftigkeit sie sich hatte wehren können, wunderte sie noch immer. Sie hatte sich für einen friedlichen Menschen gehalten und erst in der Auseinandersetzung mit Simon bemerkt, welche Kraft und welche Destruktivität in ihr selbst steckten. Hatte Samuel die ‚Mitte‘ in sich gefunden, die ihr fehlte?

Ein weiteres Treffen hatten sie nicht verabredet, aber Chiara nahm sich vor, nach ein paar Tagen wieder im Park nach ihm Ausschau zu halten.

Sie hätte es auch getan, wenn sie nicht in den Ankündigungen von Kulturevents etwas gesehen hätte, weshalb sie ihre Absicht änderte. Samuel hatte zwar den Namen seiner Tanztruppe nicht genannt, aber der Beschreibung nach, die sie las, konnte es nur seine betreffen. Für das folgenden Wochenende war eine Aufführung angekündigt, für die sie sich sofort eine Karte reservieren ließ. Der Ankündigung nach musste es eine experimentelle ‚Tanzstudie‘ sein, teils mit, teils ohne musikalische Begleitung.

***

Der große Theaterraum war nur gut zur Hälfte besetzt, stellte sie nach einem kurzen Rundblick fest. Das Publikum hatte ein ähnliches Alter wie sie selbst, ganz junge und alte Menschen waren kaum vertreten. Als er auftrat, erkannte sie ihn sofort, doch er erschien ihr in seinem schwarzen Dress schlanker als sie ihn erinnerte. Das Musikstück musste eines aus der Romantik sein, eigentlich nicht ihre Lieblingsepoche. Aber das, was sie sah, beeindruckte sie dennoch, nicht nur wegen der perfekten Körperbeherrschung, die Tänzerinnen und Tänzer zeigten, sondern auch weil Samuel sich völlig in die Musik einleben und sie in all ihren Modulationen, Harmonien und Melodieverläufen sichtbar machen konnte.

Als ihm nach einer Weile eine Tänzerin zur Seite trat, bewunderte Chiara die Art und Weise, wie die beiden eine Beziehung herstellten, die partnerschaftlich und erotisch zugleich erschien. Die Führung wechselte von einem zum anderen, Nähe und Trennung fanden ihren Ausdruck ebenso wie Harmonie und Spannung. Und bei aller Perfektion war doch zu spüren, dass da nicht nur eine genauestens ausgearbeitete Choreografie auf der Bühne verwirklicht wurde, sondern beide das ‚lebten‘, was die Musik forderte und was ihre Körper zeigten. Chiara wurde klar, dass Samuel nicht nur ein intellektueller, vielleicht sogar grübelnder Mann war, sondern auch einer, der Gefühltes im Tanz vollendet zum Ausdruck bringen konnte. Zugleich spürte sie seine Ausstrahlung, die nicht nur während des Tanzes, sondern auch schon im Gespräch mit ihm zu bemerken gewesen war: Bei aller Freundlichkeit und Offenheit war die Aura einer gewissen Einsamkeit zu spüren, einer Kühle, die in seltsamem Kontrast zur Expressivität seines Tanzes stand.

Dieser Eindruck überdauerte auch die noch folgenden Auftritte Samuels und am Ende der vom Publikum begeistert beklatschten Aufführung war Chiara versucht, hinter der Bühne nach ihm Ausschau zu halten, um zu erleben, in welcher Verfasstheit er war. Aber sie wollte keinesfalls neugierig oder gar aufdringlich erscheinen, sondern nahm sich wieder ein Treffen im Park vor. Diesmal wollte sie die erste sein und ihn damit überraschen.

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Chiara kam überhaupt nicht auf den Gedanken, dass sie sich nicht treffen würden. Doch sie begann daran zu zweifeln, als Samuel auch nach einer halben Stunde des Wartens nicht auftauchte. Sie stand auf und schlenderte zu dem Café, wo sie sich in der vorangegangenen Woche getroffen hatten, suchte sich einen Platz, von wo sie auch den äußeren Eingangsbereich überschauen konnte, und bestellte sich einen Eiskaffee.

Samuel musste in dem Augenblick das Café betreten haben, als ihr wegen der Bedienung, die ihr den bestellten Kaffee brachte, die Sicht verdeckt war. Denn sie sah ihn erst, als er schon Platz genommen hatte, ohne dass er sie entdeckte. So blieb sie zunächst sitzen, denn er schien ihr verändert. Er hatte die Arme auf die Tischplatte gestützt und starrte unbewegt vor sich. Während ihm ein Tablett mit Teekännchen und Tasse hingestellt wurde, bewegte er sich kaum und schien sich auch nicht zu bedanken. Es dauerte eine ganze Zeit, bis er die Tasse füllte. Doch dann erstarrte er wieder in einer Reglosigkeit, die Chiara erschreckte. Sie erhob sich und ging die wenigen Schritte zu seinem Tisch. Als sie die Hand auf seine Schulter legte, schrak er auf und blickte sie an, als kenne er sie nicht. „Samuel, geht es Ihnen nicht gut? Kann ich etwas für Sie tun?“ Er atmete tief ein und stand langsam auf. „Nein, nein, das ist nicht nötig. Aber setzen Sie sich doch.“ Chiara holte ihre Tasse und setzte sich zu ihm.

„Ich habe Sie vergangene Woche auf der Bühne gesehen.“ Sie sprach nicht weiter, denn er blickte sie an, als habe sie etwas Schreckliches ausgesprochen. Lautlos bewegten sich seine Lippen. Zögernd fuhr sie fort: „Ich fand es bewundernswert, mit welcher Präzision und Hingabe Sie tanzten. Es war eine eigene Welt, die sie da auf die Bühne stellten, nein: tanzten, zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen.“ Wieder schaute er sie an, als spräche sie von etwas ihm völlig Unbekanntem. „Es ist doch etwas geschehen, Samuel, sagen Sie, was ist los?“

Er richtete sich auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte, sein Bruder John sei gestorben. „Ein Unfall? Er war doch noch jung.“ Erst nach Sekunden antwortete er: „Vielleicht ein Unfall. Jedenfalls, es war eine Überdosis.“ „Das tut mir leid. Ihr hattet, wenn ich es richtig verstanden habe, ein gutes Verhältnis zueinander.“ Samuel löste die verschränkten Arme und legte seine Hände auf die Oberschenkel. „Er lebte seit ein paar Jahren in Boston. Nachdem er studiert hatte, arbeitete er als Händler in einer großen Bank, muss eine Menge Geld verdient haben. Es ging ihm schon lange nicht gut, das wusste ich. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, unterstützte auch unsere Mutter und nicht wenige Freunde, Bekannte. Aber er liebte seine Arbeit nicht. Geld war ihm bald nicht mehr so wichtig, aber er war abhängig geworden, Kokain und anderes. ‚Du musst jede Sekunde hellwach sein‘, erzählte er mir einmal. ‚Wenn du das nicht bist, bist du bald aus dem Geschäft raus.‘ Er hatte es geschafft und zugleich wusste er, dass er nicht das Richtige tat.“

Chiara überlegte, was sie für Samuel tun könnte. „Wollen Sie mir noch mehr von ihm erzählen?“ Er schüttelte den Kopf. „Wollen Sie allein sein?“ Er schaute sie nachdenklich an und lächelte schwach. „Sie müssen mich jetzt nicht aufmuntern. Aber vielleicht könnten wir noch etwas unternehmen, bis ich heute Abend und heute Nacht schlaflos daliege und an John denke.“

Langsam gingen sie nebeneinander durch den Park und setzten sich dann auf den Rasen, der eine angenehme Wärme ausstrahlte. Samuel zog sein Jackett aus und legte sich darauf. „Ich muss jetzt mal ganz loslassen, dann geht es wieder.“ Er schloss die Augen und Chiara betrachtete ihn. Die Hände hatte er neben seinen Oberkörper gelegt, sein Atem ging tief und langsam. Sie sah, wie sich sein Gesicht entspannte und er noch intensiver atmete. Als er zu sprechen begann, erschrak sie. „In den letzten Jahren haben wir uns nur sporadisch gesprochen, meist ging es um die Eltern. Unser Vater ist vor einigen Jahren gestorben und Mutter war dann allein. Gesehen habe wir beide sie schon lange nicht mehr, Cloe, unsere Schwester, kümmerte sich um sie. Über Cloe wussten John und ich, dass Mutter sich ständig Sorgen um uns beide machte. Also schickten wir ihr immer Erfolgsnachrichten, John hatte es da natürlich leichter als ich.

Vor zwei Jahren ist auch sie gestorben, bei ihrer Beerdigung sah ich ihn zum letzten Mal. Ich wusste von seinen Drogengeschichten, aber sie waren nie ein Thema zwischen uns beiden. John hätte sich von mir auch nie etwas sagen lassen. Umgekehrt hielt er sich auch aus meinen Angelegenheiten raus, da war er fair.“ „Sie haben ein Foto von ihm?“ Samuel holte sein Smartphone aus der Tasche und zeigte ihr einen gutaussehenden Mann, dessen Ähnlichkeit mit Samuel nicht zu verkennen war. „Er war ungeheuer aktiv, immer unternehmungslustig, voller Körpereinsatz, wissen Sie. Er hatte immer neue Freundinnen, war aber nie verheiratet. Aber es gab auch eine andere Seite an ihm, da war er melancholisch, fast depressiv und hielt sich selbst für den größten Idioten. ‚Ich spiele allen eine Rolle vor, Sam‘, sagte er, ‚oft bin ich das auch. Aber wenn ich da rausfalle, steht ein unsicherer Hinterwäldler da, der sich fragt, wann er endlich durchschaut wird‘. So hat er nicht nur einmal geredet.“

Samuel hatte sich aufgesetzt und schaute minutenlang auf das Foto seines Bruders, bis Chiara endlich zu sprechen wagte. „Haben Sie Zeit, zum Begräbnis zu reisen?“ Samuel schloss das Foto. „Im Augenblick weiß ich gar nichts. Noch nicht einmal, ob ich überhaupt hinwill.“ Er schloss die Augen und stütze sein Kinn auf die Hände. „Doch, ich möchte gern, das bin ich ihm schuldig. Entschuldigen Sie bitte, ich schreibe jetzt meiner Schwester, vielleicht weiß sie schon Näheres.“ Er schaute sie lächelnd an, aber ein wenig feucht schien es in seinen Augen zu glitzern.

„Ich hoffe, sie antwortet bald, darum habe ich sie gebeten.“ Als das Telefon vibrierte, öffnete er die Nachricht. „Voraussichtlich nächste Woche, Mittwoch oder Donnerstag, wenn nichts dazwischenkommt.“ Samuel blätterte in seinem Terminkalender. „Nächster Auftritt an diesem, dann am nächsten Wochenende. Ich könnte es schaffen, wenn ich zwei Probentermine ausfallen lassen kann.“ Gedankenvoll schaute er nach draußen und sagte dann: „Ich werde es morgen wissen. Kann ich Sie dann anrufen?“ Chiara bejahte.

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Die Frage, die Samuel am folgenden Tag an sie richtete, hatte Chiara nicht erwartet. Nach ein paar Worten zur Begrüßung hatte er erzählt, dass er sich für die Proben entschuldigen könne und gefragt, ob sie nach ihrer Arbeit Zeit habe, bei ihm vorbeizukommen. „Wäre Ihnen halb sechs am späten Nachmittag recht?“ Sie hatte kurz gezögert, aber dann zugestimmt und sich seine Adresse notiert. Auf dem Weg zu ihm überlegte sie, wie sie sich verhalten solle, falls er sie dränge, über Nacht zu bleiben. Sie nahm sich vor, nicht zu viel zu trinken und sich spätestens um elf Uhr zu verabschieden.

Als er ihr die Tür öffnete, schien er so ausgeglichen zu sein, wie sie ihn von den ersten Treffen kannte. „Ich bin Ihnen überaus dankbar, dass Sie meine Einladung, die eher eine Frage war, annahmen, und hoffe, dass ich Ihnen nicht zu viel Ihrer Zeit raube.“ Er führte sie einen kurzen Flur entlang und sie betraten einen Raum, wie Chiara noch keinen gesehen hatte. Es musste eine Fabrikhalle gewesen sein, riesige Fenster ließen an seiner Längsseite viel Licht in den hohen Raum, der mit polierten Holzdielen ausgelegt war. Sie entdeckte an einer Schmalseite eine Küchenzeile mit einem kleinen Tisch und drei Stühlen, an der anderen befand sich hinter einem Vorhang wahrscheinlich ein Bett. Ansonsten waren neben einem Sofa und ein paar bequemen Sesseln nur noch mehrere Topfpflanzen zu sehen, die offenbar bestrebt waren, die Raumdecke zu erreichen. Außerdem hingen meterhohe Gemälde an den freien Wänden, farbige Impressionen, wie es schien. „Das ist ja so groß wie ein ganzer Tanzsaal!“ Samuel lachte: „Ein Saal, in dem ich übe, lebe, arbeite, esse, schlafe.“ Er bat sie, Platz zu nehmen und bot ihr etwas zu trinken an.

„Ich hätte nicht gewagt, Sie einzuladen, wenn Sie nicht schon wüssten, in welcher Situation ich mich befinde, und wenn ich nicht hoffen könnte, dass Sie ein wenig Interesse an dem haben, wie diese Geschichte weitergeht.“ Er wartete auf Chiaras Reaktion, die stumme Zustimmung signalisierte. „Sie wissen ja schon, dass ich nach Boston reisen kann zur Beerdigung von John. Allerdings muss ich zuvor noch ein Problem lösen.“ Er schaute sich um, stand auf und ging in die Richtung des Vorhangs, hinter dem er kurz verschwand. Als er wieder auftauchte, hatte er eine Katze im Arm. „Das ist Minou, ich habe sie seit einigen Wochen und sie hat sich schon ganz gut hier eingelebt.“ Er setzte sich und die Katze kuschelte sich auf seinen Schoß. „Nun ist es so, dass ich nur reisen kann, wenn jemand auf Minou aufpassen kann.“ Er blickte zu Chiara, die überrascht fragte: „Sie haben an mich gedacht?“ „Ich weiß, es ist ein Überfall, aber ich kenne sonst wirklich niemanden, den ich bitten könnte. Zumal es nötig wäre, dass Minou nur hier in diesem Raum sein kann, woanders würde sie sich nicht auskennen und nicht zurechtkommen.“ Er streichelte bei diesen Worten das dichte Fell der Katze, die sich wohlig streckte. Aber dann hob er sie vorsichtig hoch und setzte sie auf den Fußboden. „Überlegen Sie ruhig, es ist noch Zeit, aber morgen früh müsste ich es wissen. Und jetzt würde ich Sie gerne zu einem einfachen Abendessen an den Küchentisch bitten. Ich habe ein paar Kleinigkeiten vorbereitet.“

Während des Essens erzählte Samuel, wie er zu dieser extravaganten Wohnung gekommen war. „Sie gehörte einem Maler, hier war sein Atelier, er wohnte woanders. Er kannte mich von Tanzaufführungen und sprach mich an, als die Truppe nach einer Vorstellung im benachbarten Restaurant zu Abend aß. Wir kamen ins Gespräch und beim Thema Wohnen stellte sich heraus, dass er das Atelier aufgeben wollte, während ich auf der Suche nach einer größeren Wohnung war. Womit wir wieder bei unserem alten Thema wären: War es Glück, Zufall, Schicksal? Sagen Sie es!“ „Schließt das eine das andere aus?“, fragte sie zurück.

„Nun, wie schon gesagt, entscheidend ist doch die Haltung, die man zu bestimmten Ereignissen einnimmt. Nehme ich es in diesem Fall als Glück, dann freue ich mich darüber, dass ich mal wieder ein Glückspilz bin. Verstehe ich es als Zufall, dann rechne ich mit den Unwägbarkeiten des Lebens und betrachte das Geschehen eher als, nun ja, weniger bedeutsam. Rechne ich ein Ereignis dem eigenen Schicksal zu, dann werde ich sozusagen wach und frage, was hat mir dieses Ereignis zu sagen, was soll ich damit anfangen?“ „Okay, und wie haben Sie dieses Wohnungsgeschenk verstanden?“ Samuel hielt inne und legte sein Besteck neben den Teller. „Für mich war diese Wohnung eindeutig ein schicksalhaftes Ereignis. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, wieder zu mir selbst zu finden, das ist das eine; zum anderen bot und bietet sich mir nicht nur die Chance, sondern auch die Aufforderung, meine tänzerischen Möglichkeiten weiterzuentwickeln, wie ich es sonst nicht gekonnt hätte.“ Chiara runzelte die Stirn und fragte: „Wenn es um das Trainieren ging, dann wäre es doch wohl auch in den Übungsräumen der Truppe möglich gewesen, oder?“ „Das wäre üblicherweise so gewesen; aber der Trainingsraum wird von vielen benutzt und ich hatte bemerkt, dass ich nicht in der Lage war, wochenlang im Voraus meine individuellen Übungszeiten einzutragen. Ich merkte, dass ich von jetzt auf gleich die Gelegenheit haben musste zu üben, ohne lange Wege und Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen. Deshalb ist es hier für mich ideal.“

Als sie mit dem Essen fertig waren, sagte Chiara: „Ich bedanke mich für die Einladung und das Essen. Was Ihre Frage, Ihre Bitte betrifft, möchte ich keine Hoffnung auf eine positive Antwort wecken, aber ich will es mir überlegen.“ Sie sah, dass Samuel enttäuscht zu sein schien, aber er versuchte, es nicht merken zu lassen. „Das kann ich natürlich sehr gut verstehen, es ging auch alles so schnell. Aber ich möchte nicht versäumen, Ihnen den Rest der Wohnung zu zeigen.“ Er lächelte schon wieder und ging voraus. Der Vorhang war über die gesamte Schmalseite des Raumes gezogen und als Samuel ihn zur Seite schob, stellte Chiara verblüfft fest, dass dieser Teil noch einmal so groß war wie der andere. In lockerer Verteilung und ohne eigentliche Zwischen-wände gingen Arbeitszimmer mit Bücherregalen, Schlafzimmer mit offenen Regalen für Kleidung und Badezimmer ineinander über. Außerdem befanden sich noch ein riesiges Sofa und eine Musikanlage in dem Bereich dazwischen.

Langsam ging sie an den Einrichtungsgegenständen vorbei und gelangte schließlich zu einer altmodisch geschwungenen Badewanne. Samuel stand abwartend in ihrer Nähe und sagte: „Ist sie nicht außerordentlich gelungen? Ich hoffe, Sie haben schon immer von so etwas geträumt.“ Chiara strich mit den Fingerspitzen über den Rand der Wanne. „Soll ich mich jetzt vom Anblick dieser Badewanne verführen lassen und damit dem weiblichen Klischee voll entsprechen?“ Samuel kam näher und meinte: „Sie hat auch mich schon verführt, beim Kauf und noch viele Male danach. Sie müssen nicht meinen, dass sie nur für weibliche Wesen attraktiv ist.“ Er grinste und streichelte das gute Stück. „Vielleicht sollten Sie noch das Bett prüfen, um sich entscheiden zu können. Oder schauen Sie sich die Bücher im Regal an, da finden sich womöglich ein paar Exemplare, die Sie interessieren könnten.“ Chiara schaute ihn an und sah, dass er seine Bemerkung zwar humorvoll, aber doch auch ernst gemeint hatte. So schlenderte sie zum Bücherregal hinüber und betrachtete die vielen Kunstbände über Tanz, Architektur und Theater. Schweigend ging sie weiter und blieb neben dem Bett stehen. Seine besondere Eigenschaft war die enorme Größe, mindestens drei Personen hatten wohl auf ihm bequem Platz. „Ich schlafe leider sehr unruhig, muss ich zugeben“, sagte Samuel entschuldigend. „Und außerdem lese, esse und schreibe ich auch hier.“

Eigentlich war Chiara nun entschlossen, aber sie sagte während des Verabschiedens. „Wenn ich morgen früh gegen acht Uhr anrufe, reicht Ihnen das?“ „Ich denke schon, vor allem, wenn es eine positive Nachricht ist, die Sie mir mitteilen.“ Er begleitete sie noch bis zur Außentür und blieb dort stehen, bis sie außer Sicht war.

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Es gab etwas, das Chiara enorm reizte, Samuels Bitte nachzukommen. Zum einen hatte sie ihn bisher noch nicht durchschaut, was sie ärgerte und fast schon kränkte. Sie war gewohnt, neue Geschäftspartner spätestens nach einer halben Stunde so weit ‚gescannt‘ zu haben, wie sie es nannte, um sicher zu wissen, mit wem sie es zu tun hatte. Außerdem hatte er keine Anstalten gemacht, ihr in irgendeiner Weise näher zu kommen, was womöglich auch der außerordentlichen Situation geschuldet war. Und schließlich war es nicht nur die ungewöhnliche Wohnung und ihre Einrichtung, die sie als Mitarbeiterin eines Möbelhauses reizte näher in Augenschein zu nehmen, sondern auch die einzigartige Gelegenheit, erlaubterweise in das Leben eines fast unbekannten Menschen intimen Einblick zu erhalten. Minou, die Katze, war eine Dreingabe, denn sie hatte immer wieder einmal überlegt, ob sie sich eine Katze anschaffen sollte.

Als sie am folgenden Morgen anrief, war die Erleichterung in Samuels Worten nicht zu überhören. Sie verabredeten die Übergabe am übernächsten Vormittag und Samuel teilte ihr mit, dass er drei Tage später wieder zurück sein wollte. „Ich muss es noch etwas offenlassen, wenn es möglich ist. Denn es könnte sein, dass meine Schwester und ich uns um Johns Hinterlassenschaft kümmern müssen. Aber ich will ja auch rechtzeitig wegen der Aufführung zurück sein, da ist höchstens ein weiterer Tag als Spielraum vorhanden. Auf jeden Fall melde ich mich von Boston aus, versprochen.“

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Chiara fühlte sich von der ersten Minute an wohl in dem riesigen Raum mit den hohen Wänden und Fenstern, die sich mit schmalen Zwischenräumen über die ganze Front zogen und nach Süden ausgerichtet waren. Sie hatte bisher auch immer großzügig gewohnt, aber erst jetzt hatte sie das Empfinden, die ihr angemessenen Raummaße um sich zu haben. Und es erschien ihr ebenso passend, dass Samuel in seiner großherzigen und großzügigen Art hier sein Zuhause hatte. Beim Umherwandern stellte sie fest, dass die wenigen Möbel geschmackvoll zusammengestellt waren, obwohl sie durchaus unterschiedlichen Zeiten und Stilrichtungen entstammten. Es war deutlich, dass Samuel die Einrichtungsgegenstände ausschließlich nach ästhetischen Richtlinien ausgesucht und ihre Anordnung sorgsam vorgenommen hatte. Aber diese Ästhetik entbehrte einer gewissen Wärme, wie sie nur durch kleine, persönliche und originelle Gegenstände zustande kommt. Hier aber fehlte es an solchen Dingen, ganz abgesehen davon, dass die schiere Ordnung Kühle ausstrahlte.

Mit einem Glas Wein setzte sich Chiara auf das Sofa und streckte die Beine darauf aus. Sie hatte die hohen Fenster vor sich, die die Sicht über die Dächer der benachbarten Häuser erlaubten. Von irgendwoher kam Minou gesprungen, als habe sie nur auf Chiara gewartet, und kuschelte sich neben sie.

Es war Abend geworden und es konnte nicht mehr sehr lange dauern, bis Samuel sich meldete. Beim Verabschieden hatten sie sich noch zum ‚Du‘ entschlossen und Wangenküsse getauscht. Einen überlangen Moment hatten sie sich in die Augen geschaut und dann war er verschwunden. Es war dieser Blick, den Chiara festhalten wollte, aber nicht ergründen konnte. Wie dieser Raum war er beschaffen, klar, wohlgeordnet, freundlich und doch war er wie aus einer unbestimmten Ferne gekommen.

Samuels Nachricht erfolgte mit geringer Verspätung: Bin wohlbehalten angekommen, auf dem Weg ins Hotel, feuchte Hitze in Boston. Nochmal danke, herzlichst, Samuel. Chiara las es kopfschüttelnd: unpersönlicher Telegrammstil, dafür ein ‚herzlichst‘ hinterher! Sie überlegte, ob sie in der gleichen Art antworten sollte: Minou schnurrt, der Wein schmeckt, chille auf dem Sofa, Chiara. Das sollte passen, dachte sie und schickte die Nachricht ab. Gleich darauf poppte die Antwort auf: Ich freue mich für dich! Samuel. ‚Er kann auch Sätze schreiben, wie schön!‘ Sie machte es sich bequem und hatte nichts dagegen, dass Minou noch etwas näher rückte.

Aber nach einer Weile erfasste sie Langeweile, sie stand auf und ging zu einem der Bücherregale. Und dort entdeckte sie, am Rücken erkennbar, ein Fotoalbum, das sie herauszog und aufschlug. Schon auf der ersten Seite blickten ihr Samuels Augen entgegen, allerdings verkniffen. Der Ausdruck seines Gesichts signalisierte dem Betrachter Unwillen und Unbehagen; Samuel mochte wohl vier, fünf Jahre alt gewesen sein. Chiara wunderte sich, dass es keine Babyfotos von ihm gab und blätterte weiter. Das Gesicht wurde älter, der Ausdruck blieb ähnlich, abweisend und manchmal noch etwas verschlossener. Dann ein Foto mit seinem Bruder John, endlich einmal ein freundlicher und fast lächelnder Mund. John steht seitlich hinter Samuel und umfasst seine Schulter, im Hintergrund ein Waldrand. Chiara blätterte weiter und fand endlich, wonach sie suchte. Zuerst der Vater, groß und breitschultrig, selbst-bewusst und mit gerecktem Kinn. Dann die Mutter, auch sie hochgewachsen, schlank, dunkelblond das glatte Haar, ein Blick, der nicht abweisend, aber abwesend erscheint. Chiara überlegte, wem von beiden Samuel glich. Die Statur hatte er wohl eher vom Vater, die seelische Haltung wohl eher der Mutter abgeschaut. Ein wenig Einblick in ihn war mit Hilfe der Fotos durchaus zu erreichen.

Chiara suchte nach weiteren Fotoalben, aber sie fand keine. Wer, dachte sie, klebt auch noch Fotos auf, höchstens stolze Eltern. Alle anderen tragen sie im Smartphone mit sich herum. Sie nahm eines der Fotobände über Tanz aus dem Regal und blätterte im Stehen darin. Als sie auch Samuel entdeckte, setzte sie sich wieder und musste sich Minou vom Leib halten, die sich auf ihren Schoß kuscheln wollte.

Es waren mehrere Abbildungen, auf denen sie ihn entdeckte, in verschiedenen Trupps und Aufführungen. Auch die Zeitpunkte der Aufnahmen waren unterschiedlich, die ältesten acht, die jüngsten zwei Jahre alt. Im Vergleichen stellte Chiara fest, dass seine Züge sich kaum veränderten und auf manchen der Fotos seine Ausstrahlung enorm war, so dass sie sich ihr kaum entziehen konnte. Geöffnet mit der Aufnahme, die ihr am besten gefiel, stellte sie das Buch an die Seitenlehne des Sofas und legte sich so hin, dass sie es betrachten konnte.

Erst nach Mitternacht wachte sie auf, etwas Schweres, Warmes lastete auf ihrem Bauch. Sie hob Minou auf den Boden, wo sie sich reckte und streckte. Maunzend meldete sie ihren Appetit an und Chiara stand auf, um ihr etwas Futter zu geben. Sie war noch nicht fertig, als das Telefon wieder eine Nachricht meldete. Noch einmal war es Samuel: Hoffe, du hattest eine gute Nacht und bist zufrieden mit dem Bett. Einen schönen Tag, Samuel. Chiara lächelte: ‚Ich lese Anteilnahme heraus und bin überrascht. Mal gespannt, wann wieder ein ‚ich‘ getextet wird.‘ Ihr Blick fiel auf das geöffnete Buch. Sie nahm es und stellte es so ins Regal, dass sie vom Bett aus darauf blicken konnte.

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Als Chiara am nächsten Tag mitten in der Arbeit plötzlich Samuel vor sich sah, wie sie ihn am Abend zuvor auf dem Foto gesehen hatte, schüttelte sie den Kopf über den verliebten Teenager in ihr. Wäre jemand im Raum gewesen, hätte er gesehen, dass ein zartes Rot über ihre Wangen flog. Sie erinnerte sich an seine Nachricht und griff zu ihrem Smartphone. Nach kurzem Zögern schrieb sie: Bett war okay, Minou sehr zutraulich. Auch dir einen guten Tag, Ch. Das war zwar nicht besonders originell, aber sie war neugierig, wie er damit umgehen würde.

Es war während ihrer Mittagspause, sie hatte sich mit einem Espresso ins Freie gesetzt, als seine SMS eintraf: Freut mich, ich liebe mein Bett. Treffe heute meine Schwester Cloe. So long, Samuel. Chiara lächelte, als sie gelesen hatte, und konnte es im Verlauf des Nachmittags nicht vermeiden, immer wieder über eine Antwort nachzudenken.

Aber erst, nachdem sie in die Wohnung zurückgekehrt und Minou versorgt war, hatte sie Gelegenheit, sich in Ruhe hinzusetzen. Ihr gegenüber stand noch immer das geöffnete Buch im Regal und Chiara fragte sich, was sie eigentlich von Samuel wollte. Er spielte ein Spiel, das sie noch nicht durchschaut hatte, das war es, was ihren Ehrgeiz geweckt hatte. Und es war seine eigentümliche Ausstrahlung, die auch auf manchen Fotos zum Ausdruck kam. Energisch stand sie auf und schloss das Buch. Mit dem Telefon in der Hand stellte sie sich an eines der Fenster und sah hinaus. Die Abendsonne stand noch weit über dem Horizont, ein zarter milchig weißer Dunst breitete sich am Himmel aus. Jetzt erst fiel ihr auf, dass kein Laut von außen zu hören war, und sie bemerkte, dass die Fenster dreifach verglast waren. Er lebt hier wie in einer Blase, dachte sie, einer Blase der Stille, der Einsamkeit, der Leere. Er kann sie füllen mit seinem Tanz, vielleicht mit seinen Gedanken. Wenn er nicht tanzt, steht seine Zeit still; er denkt nach, sucht Antworten auf seine Fragen.

Chiara hatte sich umgedreht und durchmaß mit den Augen, sich langsam drehend, die ganze Länge der Wohnung. Wahrscheinlich hätte auch sie die Einrichtung im Groben genauso vorgenommen. Doch sie hätte zwischen den Möbeln keine leeren Räume gelassen, sie hätte große und kleine Polster auf den Boden gelegt, hätte weitere hohe Pflanzen, am besten Palmen, dazu gestellt, hätte großformatige Bilder mit harten Farben zwischen die Fenster gehängt und einen größeren Tisch mit sechs, besser acht bequemen Stühlen hingestellt.

Kurz entschlossen nahm sie ihr Smartphone und schrieb an Samuel. Noch während sie dabei war, ein Abendessen zu richten, simste er die Antwort: Wenn es mir gefällt, kann es bleiben; wenn nicht, gibst du alles zurück. See you soon!

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Am nächsten Morgen benachrichtigte Chiara ihre Mitarbeiterin, sei komme erst am folgenden Tag wieder ins Büro, und fuhr zu dem Einrichtungshaus ihrer Firma. Sie hatte noch am Abend in Gedanken eine Auswahl der in Frage kommenden Möbelstücke vorgenommen und brauchte nicht lange, bis sie sich entschieden hatte. Ab späteren Nachmittag würde sie die Einrichtungsgegenstände in der Wohnung in Empfang nehmen und sie aufstellen lassen. Dann fuhr sie zu einer Freundin, die eine Galerie führte, und ließ sich von ihr einige Gemälde zeigen, die ungefähr ihren Vorstellungen entsprachen. Chiara wählte drei davon aus und ließ sie zu ihrem Auto transportieren. Die gewünschten Palmen fand sie in einer Gärtnerei und bat um die Lieferung am selben Nachmittag.

Bis alle Möbelstücke, Pflanzen und die sonstigen Ausstattungsteile ihren Platz im Raum gefunden hatte, dauerte es nicht sehr lange. Die prüfenden Blicke von der Eingangstür, vom Küchenteil, vom Sofa und vom Bett aus bestätigten sie in ihrer Entscheidung. Fast hätte sie vorweg Samuel ein paar Aufnahmen geschickt, aber sie wollte seine Reaktion lieber selbst sehen, statt sie von ihm beschrieben bekommen. Noch immer bestach der Raum durch seine relative Leere, doch hatte er mit den neuen Einrichtungsgegenständen an Charakter gewonnen. Auch Minou schien sich wohl zu fühlen, sie hatte sich ihren neuen Lieblingsplatz auf den Polstern schon ausgesucht. Alles so weit fertig, wann bist du zurück?Chiara war schon eingeschlafen, als Samuels Antwort ankam: Spätestens übermorgen, freue mich, gute Nacht!

Nach ihrer Arbeit, es war später Nachmittag, kaufte Chiara ein, was sie sich vorgenommen hatte. Sie war keine großartige Köchin, aber sie wusste aus ihren begrenzten Möglichkeiten das Beste zu machen. Außerdem gab es genug, was sie fertig angerichtet kaufen konnte. Zuletzt war es ein großer Strauß gelboranger Rosen, für die sie noch eine passende Vase kaufte. Auch an Minou dachte sie und besorgte für sie ein paar besondere Leckerbissen. Abends checkte sie ab, wann Flugzeuge aus Boston ankamen, und vermutete Samuels Ankunft für den frühen Abend des folgenden Tages.

Als sie an diesem Tag aus dem Büro zurückkam, richtete sie alles so an, dass es in kurzer Zeit mundgerecht auf den Tisch kommen konnte. Auch der Wein hatte die richtige Temperatur. Dass Samuel an diesem Tag keine neue Nachricht geschickt hatte, ärgerte sie und so tippte sie selbst ein: Wann kommst du an? Ich könnte dich vom Flughafen abholen. Erst nach einer guten Stunde erhielt sie seine Rückmeldung. Flieger verspätet sich, nicht auf mich warten, bitte. Beim Nachprüfen auf der Seite des Flughafens fand sie heraus, dass die Ankunftszeit dieses Fluges noch nicht feststand. Nach kurzem Überlegen räumte sie alles wieder weg, Verderbliches in den Kühlschrank, und ließ nur die Weinflasche mit den beiden Gläsern stehen.

Drei Stunden später legte sie sich ins Bett, die halbleere Flasche blieb neben dem unbenutzten Glas auf dem Tisch stehen. Es war ihr völlig gleich, was mit Samuel passierte, sie hatte sich auf einen schönen Abend und mehr gefreut und fühlte sich gleich doppelt von ihm versetzt. Dass sich Minou nach einiger Zeit neben ihr im Bett niederließ, bemerkte sie schon nicht mehr.

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