Flug der Stare - Claudia Jünemann - E-Book

Flug der Stare E-Book

Claudia Jünemann

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Beschreibung

Ein sprachlich fein gearbeiteter Roman voller wunderbarer Bilder. Und noch mehr: Ein Roman, der es schafft, eine Nähe zu seinen Figuren herzustellen, die ihn bis zur letzten Seite trägt. Martin Gülich, Autor Luise ist tot und Meta weiß nicht, was besser ist, langsam oder schnell sterben. Aber sie weiß, sie wird in ihrem Elternhaus bleiben, etwas anderes gab es da nicht. Wäre da nicht Elisabeth, ihre Schwester, die andere Pläne hat. Für drei Tage wird das alte Haus im Wendland zum Treffpunkt der Familie Rogge. Unterschiedliche Welten dreier Generationen treffen aufeinander und so manche Klarheit gerät ins Wanken. Der Roman erzählt von verschiedenen Sichten auf die Welt und davon, wie besondere Momente Spuren hinterlassen. Es zumindest anders ist als wäre man sich nicht begegnet, an genau diesem Ort, zu genau dieser Zeit.

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für einander

Die Frage ist falsch gestellt, wenn wir nach dem Sinn unseres Lebens fragen. Das Leben ist es, das Fragen stellt; wir sind die Befragten, die zu antworten haben.

Viktor Frankl

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Erster Tag

Leerstellen

Passungsprobleme

Heimat

Zeiten

Toskana

Bewahren

Zwischenstücke

Notwendigkeit

Barmherzigkeit

Dunkelheit

Sonntagsgeschirr

Nur noch wenig

Maibaum

Tanzende Welt

Zweiter Tag

Weitergehen

Es steht geschrieben

Wünsch dir was

Ein Platz im Leben

Etwas fehlt

Die Zeitmaschine

Ziegenschwestern

Hinter der Tür

Dritter Tag

Für einander

Prolog

Im Herbst, wenn die Abendsonne den Horizont berührt, fliegt sie heran. Eine dunkle Schwarmwolke kreist mit einem ohrenbetäubenden Lärm und lässt sich schlagartig wie auf ein Kommando fallen. Dabei hat sie keinen Anführer, jedes Mitglied der Wolke kann Einfluss nehmen, Richtung und Orientierung für eine gewisse Zeit vorgeben. In ihrer Wolke sind die Stare in Sicherheit.

Erster Tag

Leerstellen

Meta Rogge zieht die dicke Strickjacke über ihre Arme, presst den Fuß mit all ihrem Gewicht in den gefütterten Gummistiefel, anschließend den zweiten. Sie schnappt die Gartenhandschuhe, den Topf mit kochendem Wasser, öffnet mit dem Ellenbogen die Tür und tritt hinaus in den Garten. Heute ist Schlachttag. Das ist beruhigend, schärft Metas Gedanken. Die Hühner sind so weit. Und es ist an der Zeit, weil es weitergehen muss. Sie hat die Tiere schon vor drei Tagen schlachten wollen, doch dann ist das Sterben von Luise dazwischen-gekommen, still und leise, ohne großes Aufsehen. Ganz Luises Art.

Lauter als beabsichtigt knallt sie den Topf auf den morschen Holztisch und geht in den Stall. Mit geübten Bewegungen greift sie ein Huhn. Sie trägt es ruhig, mit Bedacht, an den Beinen hinaus. Sie kann das allein, der Ablauf ist immer gleich, sie muss nicht denken. Der dicke Knüppel fährt mit Wucht auf den Hinterkopf, flink legt sie den Körper auf den Holzklotz. Mit einem kräftigen Schwung gleitet die scharfe Axt durch den Hühnerhals, es zuckt noch ein paar Mal, das sind die Nerven. Noch muss sie das Huhn gut festhalten. Dann ist es ruhig, es ist erledigt. Vorbei. Meta legt den Rumpf auf den Gartentisch. Ruhig geht sie zum Stall, fasst das nächste Huhn. Heute sind die Dreijährigen dran, älter dürfen sie nicht werden, sonst ist nur noch Suppe daraus zu kochen.

Meta kann slachten. So sagte Luise immer. Ihre Mutter. Es läuft mechanisch, sie macht es schnell und beherzt, bei ihr müssen die Tiere nicht leiden. Weil sie nicht zögert. Der nächste Hieb. Vier hat sie, jetzt nur noch das Fünfte. Tief atmet sie ein und aus, anschließend lässt sie sich langsam auf dem Gartenstuhl nieder und taucht die Körper ins noch immer heiße Wasser, dann rupft sie Feder für Feder. Das Wasser öffnet die Hautporen, die Federkiele lösen sich leicht, doch braucht es seine Zeit. Alles braucht seine Zeit. Als sie fertig ist, zieht sie gemächlich den Kropf heraus und nimmt die Hühner aus.

Strick um Strick schneidet sie von der Fadenrolle, knotet sie geübt an die Beine, anschließend hängen die nackten Leiber kopfüber am Balken unter dem Vordach des Schuppens. Bis Morgen werden sie dort baumeln. Wegen der Leichenstarre, sonst hat man zähes Fleisch. Das mag niemand.

In Ruhe beschaut Meta ihr Werk. Der Anblick lebloser Körper ist ihr mehr als vertraut. So war es schon immer. Hinten im Hühnerstall laufen die Überlebenden, unbeirrt. Selbstverständlich, Meta hat nicht alle Hühner geschlachtet, nur fünf von ihnen und das Fleisch muss bis zum nächsten Mal reichen. Tod, denkt Meta, so still, so leise. Wie kann etwas so Mächtiges nur so verschwiegen sein. Warum prahlt er nicht mit seiner Macht, warum posaunt er sie nicht hinaus?

Meta spürt mit einem Mal eine Verbundenheit, die sie schaudern lässt.

Meta und der Tod, nun ja, man könnte sagen, sie wären ein eingespieltes Team. Dafür reicht ein Leben auf diesem Hof. Tierärztin ist sie zudem, war sie strenggenommen, wäre der Ruhestand nicht inzwischen, aber das spielt keine Rolle. In diesem Beruf muss man töten. Das ist vielen nicht klar. Es ist nicht nur die Liebe zu den Tieren, es ist das Töten können, Leid sehen, es ertragen, das muss man beherrschen. Das kann sie. Ohne geht es nicht.

Sie hat einmal gelesen, dass Tierärzte fünfmal häufiger das Sterben begleiten als Humanmediziner. Viele schaffen das nicht, sie schon.

Nun also auch Luise.

Als die Stare vor drei Tagen kamen, sich früh am Morgen in den Ästen des Ahorns niederließen, als es dann auch noch regnete, da wusste Meta es. Es gibt immer Anzeichen, man muss sie nur lesen können. Der Himmel weint, sagte Luise, wenn es regnete. Warum, fragte Meta, als sie noch klein war. Die Welt hat immer einen Grund zum Weinen, war dann ihre Antwort.

Luise ist in ihrem Bett gestorben. Sie hielten einander die Hand, bis es vorüber war, und obwohl das Ende klar bevorstand, kam der Tod dann doch recht überraschend. Natürlich, sie waren vorbereitet, eben nur eine Frage der Zeit, bis es eine von ihnen treffen würde. Getroffen hatte, korrigiert Meta sich.

Und ganz ehrlich? Sie hat ihn sich so manches Mal ersehnt. Anstrengend war die letzte Zeit, auch sie selbst ist ja nicht mehr die Jüngste und doch saß sie, als es so weit war, nur erstaunt daneben.

Meta streift die blutverschmierten Handschuhe von ihren Fingern, sie kleben an den feuchten Händen, legt sie auf den Gartentisch, greift nach dem Kochtopf und trägt ihn zum Gebüsch.

Es muss weitergehen, es ist überstanden. Luise war alt, so ist es. Keine durchwachten Nächte mehr, keine Medikamente, die verabreicht werden müssen, keine Gänge zum Bad mit Unterhaken. Die Bettwäsche wird wieder einmal wöchentlich gewechselt.

Meta wusste, dass es schnell gehen würde, was es allerdings nicht leichter gemacht hat. Wenn sie es sich aussuchen könnte: Langsam oder schnell sterben? Sie weiß es wirklich nicht.

Dat lehnt ja nich. Wat kummt, mut gellen. Sünner dat geiht dat nich. Noch immer hört sie Luises Stimme, die jetzt der Wind trägt.

Nein, ehrlich, es kommt, wie es kommen muss und ohne den Tod ist nun mal kein Leben. Mit Wucht kippt sie das mit Federresten durchzogene Wasser ins Gebüsch. Die Kälte lässt sie frösteln.

In den letzten Wochen war das Wetter viel zu warm, die Tage wollten den Sommer nicht ziehen lassen. Ungewöhnlich für Mitte Oktober. Das brachte sie alle durcheinander. Heute ist endlich Ordnung da. Endlich Herbst, mit seinem verlässlichem Wind, der die hängenden Hühner hin und her schubst. Zum Glück hat Meta sie fest angebunden.

Sie schaut zum Ahornbaum im hinteren Teil des Gartens. Auch an den gelbbraunen Blättern reißt der Wind, schiebt an ihnen, zieht sie. Wehren sie sich? Vollkommen unnütz. Warum dieser Aufstand?

Braune Blätter segeln durch die Luft, drehen Kreise, fallen lautlos auf den Boden. In spätestens einem Monat steht der Ahorn nackt da, wie jedes Jahr um diese Zeit, darauf ist Verlass. Er wird seinen kräftigen Stamm zeigen, anschließend ist Zeit zu ruhen, Kraft zu tanken, alles beginnt von vorn, geht immer weiter.

Die großen Laubberge am Boden wird sie später beiseiteschieben müssen, damit der Weg zum Küchengarten zu finden ist, sie nicht über die Wegbegrenzung stolpert. Nicht heute, das wäre fatal.

Später wird sie den Rechen suchen, schon einmal anfangen. Klarschiff machen, Ordnung herstellen. Das ist wichtig.

Meta geht zum Tisch zurück, greift nach dem Metalleimer mit den Schlachtabfällen, läuft den Pfad entlang, vorbei am Ahorn. Achtsam setzt sie einen Fuß vor den anderen, um nicht auf den feuchten Blättern auszurutschen. Sie bückt sich und stellt den Eimer ins feuchte Gras. Am Kompost lehnt der Spaten, sie fasst ihn und drischt mit kräftigen Hieben auf die Erde ein. Der Regen heute Nacht hat sie aufgeweicht, es geht schnell, das Loch ist groß und tief genug. Meta schüttet die Abfälle hinein und bedeckt sie mit der nassen Erde. Geschafft.

Still steht sie da. Der Wind pfeift um ihren Körper.

Und nun? Schnell kneift sie ihre Augen zusammen. Eine Windböe fegt um ihren Kopf, die braungraue Haarsträhne muss sie von den Augen wischen, dann schaut sie in den düsteren Himmel. Er verdunkelt sich und Meta weiß, es wird heute weiter regnen.

Mit einem Mal ein atemberaubendes Geschrei, krallt sich fest an die unruhige Luft. Sie schützt ihren Blick mit der Hand. Da sind sie wieder, hunderte von Staren, lautstark lassen sie sich in den Ästen des Ahorns nieder.

Ganze drei Wochen später als im Jahr zuvor, denkt Meta.

Die Stare machen hier Rast, man kennt es nicht anders. Nur ein paar Tage, dann ziehen sie weiter.

Meta wünscht, sie könnte die Zeit vordrehen, nur diesen einen Nachmittag auslassen, das würde reichen. Es wäre überstanden. Ausgesprochen. Klargestellt. Sie wird hierbleiben, nie hat sie etwas anderes gewollt.

Hier ist tohuus, nimmer wollte sie weg aus diesem Haus, dessen Krallen sie umfassen, sie festhalten. Schon ein ganzes Leben. Zwei Übriggebliebene, standhaft und beide uralt, beide ächzend, unter der Last der Zeit.

Sie liebt dieses Haus, wie sie so oft das Leben verflucht. Nun ja, denkt Meta, zwar hat es nicht den aufrechten, den nahezu aristokratischen Stand der Häuser am zwanzig Kilometer entfernten Elbdeich, auch kein Reetdach mehr, nur Tonpfannen. Aber es hat die unzähligen Holzbalken und noch mehr rechte Winkel und das ist doch auch etwas.

Und dann ist da ja noch diese Nähe zwischen den Giebeln der fünf Häuser ihres Ortes, nur vorn zum Dorfplatz, ganz eng stehen sie hier beieinander. Als Meta noch Kind war, meinte sie, diese kreisrunde Anordnung sei einzig dafür da, den Wind abzuleiten, kommt er mit Wucht über das Feld gepeitscht.

Die Häuser in ihrem kleinen Ort schützen sich gegenseitig, und hält der Wind geradewegs darauf, lassen sie ihm keine Chance. Er gleitet im Kreis durch die Gärten darum herum, dreht ein, zwei Runden, lauernd, doch keinem einzelnen Haus kann er etwas anhaben. Meint er es doch einmal richtig ernst, drückt er mächtig, biegt sich doch wider Erwarten eines der Häuser nach rechts oder links, so meint man, es wird durch den engen Stand gehalten und findet ein abtrünniger Luftzug doch mal ein Schlupfloch, zieht den schmalen Gang am Haus entlang, so wird er schnurstracks über den runden Weg vor den Häusern wieder aus dem Rundling hinausgeleitet.

Hellrot ist es, ihr Haus, ein warmes, weiches Rot. So wie die Blüten der Stockrosen, die sich im Juli aus den Ritzen des Kopfsteinpflasters recken und im August erblühen. Lehm, keine Ziegel. Hier in Nebel haben die meisten Häuser Lehm in den Gefachen, der an einigen Stellen bröckelt. Auch Meta hat vor einigen Wochen die zwei neuen Löcher in der Fassade entdeckt, oben rechts unter dem Firstbalken. Sie weiß, sie hätte diesen Sommer den Grünspecht vertreiben müssen, hört sie doch noch deutlich das stetige, dumpfe Pochen seines Nestbaus. Solch Nachlässigkeit rächt sich eben irgendwann.

Metas Blick verfängt sich, folgt einem Ahornblatt, das der Wind zum Haus hinüberträgt. Es weht weiter, schafft den Sprung über die halbhohe, eiserne Pforte. Sie macht ein paar Schritte, läuft seitlich am Haus vorbei, den Gang entlang, zum Dorfplatz hinaus.

Dort thront die verwitterte Holzbank unter der mächtigen Eiche und dann bleibt Meta nichts anderes übrig, als das zu denken, was sie hier schon immer gedacht hat. Wo sonst auf der Welt ist so eine Schönheit, kein Wetter kann ihr etwas anhaben. Zwar sind die Farben der einzelnen Häuser, die ihr ihre Fronten entgegenstrecken mit den Jahren verblasst, aber was macht das schon. Meta kann sich daran nicht satt sehen. Dieses helle Gelb, das matte Grün, auch das tiefe Azurblau zwischen den Holzbalken, das schon immer an ein Künstlerhaus erinnerte, obwohl nur Helga Böckwitz darin wohnt, die auch nicht im Entferntesten etwas mit Kunst zu tun hat.

Augenblicklich wandert Metas Nasenspitze ein Stück gen Himmel. Nicht nur Meta, auch all die anderen Bewohner der runden Orte recken die Nase immer ein bisschen höher als die Menschen, die nicht in einem der kreisförmig angeordneten Dörfer wohnen. Es ist der Stolz, den man ihnen ansieht, das bringt so eine Besonderheit eben mit sich. Und auch wenn ein Unwetter um Meta herumziehen würde, genau hier, an dieser Stelle, kehrt Ruhe ein. Stundenlang könnte sie an diesem Fleck stehen, auch früher schon und von allen Blicken unbemerkt drehte sie sich so manches Mal mit dem Luftzug im Kreis. Hier ist sie geschützt, fast unsichtbar, niemand sieht einen, weil die schweren Holzläden die großen Dielentüren verschließen, keines der Häuser auch nur ein einziges Fenster in Richtung Dorfplatz hat und man jeden Menschen schon von weitem auf der geraden Straße entgegenkommen sieht, wenn man hier steht.

Meta ballt die Hände zu Fäusten, seitlich gleiten sie an ihrem Rücken hinunter, stemmt sie in die Hüften und geht durch das Tor am Haus vorbei zurück in den Garten.

Wie groß es ist, ihr Haus und beim Vorbeigehen berührt sie kurz mit der flachen Hand den feuchten, kalten Lehm. Es ist so groß, denkt sie, wie die drei Nummern zu große Strickjacke, die sie noch von ihrem Vater trägt, an allen Nähten leere Enden. Überall im Haus viele leere, unausgefüllte Stellen, die sich ausdehnen, unsichtbare Grenzen verschieben, sich mehr Raum nehmen. Begonnen hat es mit Christian Rogges Praxis. Meta hat noch gekämpft, die leeren Enden beiseite gedrückt, sich einen Teil des Hauses zurückerobert. Irgendwann konnte sie nichts mehr ausrichten, sie nahmen sich Elisabeths Zimmer, dann das Wohnzimmer der Mutter, immer mehr Räume. Seit drei Tagen auch das Schlafzimmer von Luise.

Meta bleibt vor dem Gartentisch stehen und beginnt die langen Ärmel, die ihr bis weit über die Fingerspitzen ragen, trotz der Kälte hochzukrempeln.

Ein Blatt verfängt sich in der Schürze.

Kartoffeln, denkt Meta. Ich muss Kartoffeln schälen.

Zu Mittag Kartoffeln. Seit Gedenken ist es so im Rogge-Haus.

Gestern ist Meta allerdings mit der Menge durcheinandergekommen.

Es ist durchaus ein Unterschied für eine, statt für zwei Personen zu kochen. Eine halbe Menge, die fremd ist. Abläufe, Mengeneinschätzungen, Zeiten, manches seit drei Tagen halbiert, manches verdoppelt.

Routinierte Alltäglichkeiten, werden durcheinander-gefegt, wenn sich ein kleiner Baustein verändert. Erst recht, wenn der Baustein größer ist.

Meta kennt das schon. Beim Vater war es ebenso, an diesem anderen Tag.

Ihre Beine werden schwer, ziehen sie rein, in den Boden. Sie denkt, ob ein Moment wohl reichen kann, um zu verschwinden oder für Jahre zu altern.

Aber da ist noch etwas, es ist nicht geklärt. Luise wurde zu schwach, vielleicht ließen sich die Worte nicht mehr finden oder es war die Suche nach ihnen, die sie schon vor langer Zeit aufgegeben hatte.

Meta schluckt. So ist es nun.

Luise und Meta, so war es schon immer, ihr Leben lang schweigsam, jedes Wort ein Wort zu viel. Nicht nur in diesem Punkt waren sie sich immer einig.

Daarvan will ik nix mehr weten. Wieder hat sie die Stimme ihrer Mutter im Ohr.

Ungelenkes Plattdeutsch, hartes A, gerolltes R. Manches lässt sich einfach nicht abschütteln. Bi wat beblieven. Weitermachen! Luise hat weitergemacht. Damals, nach dem 6. Januar 1963, als Christian Rogge nachts gestorben war, am Baum auf der Straße nach Salzwedel.

Boden umgraben, säen, vereinzeln, jäten, ernten, einkochen. Christian Rogge fort, ihre neue Heimat blieb. Das Haus, die starken Wände, der Garten, fester Grund und Boden unter den Füßen, auf den Luise im Frühjahr kräftig mit dem Spaten eindrosch, um sich zu vergewissern, ob der Boden sie trägt, ihr wirklich standhält.

Er konnte, er kann es bis heute. Es ist fruchtbarer Boden, der sie versorgt, versprach, dass irgendwann alles wieder gut werden wird.

De Arbeid is nicht to betahlen. Nicht to kopen is dat. All die Sätze über die Städter, die nur in Supermärkten das Obst, Gemüse und Fleisch holen. Elisabeth war da schon lange Zeit in der Stadt.

Elisabeth.

Ein dumpfer Knall fährt durch die Luft, Metas Kopf schnellt herum. Die Küchentür. Wie konnte sie vergessen, sie nach dem Hinausgehen zu schließen? Das passiert ihr doch nicht.

Schnell holt sie den Kochtopf, eilt zur hin- und her schlagenden Tür, beim ersten Versuch kann sie sie fassen. Zum Glück hat der Sturm sie nicht aus den Angeln gerissen.

Eilig tritt sie ein, mit einem festen Ruck schließt sie die Tür, sperrt die Welt aus, und geht schweren Schrittes zum Ofen, legt einen Scheit Holz nach, fällt auf einen der Küchenstühle. Stille ist im Zimmer, nur der Wind pfeift in leisen Schüben durch die fehlenden Dichtungen der Fenster und das Holz knistert leise im Ofen. Keiner mehr da, außer ihr und Reza, der Hund liegt ruhig auf dem Platz in der Diele. Mit den Fingern tastet Meta zum Ende des Tisches, stellt das Küchenradio an. NDR 1, Luises Sender.

Meta blickt auf die Uhr, dann auf das Foto ihres Vaters über dem Küchentisch. Sie wird es nicht abhängen. Die Möbel bleiben hier, wie sie auch! Ein schönes Bild von Luise wird sie suchen, vielleicht morgen. Das bei Sonnenschein auf der Gartenbank hinter dem Haus, Luises Lieblingsplatz. Sie wird es daneben hängen.

Passungsprobleme

Immer mehr Tropfen sammeln sich unter der Dachrinne, um sich anschließend in gleichmäßigen Abständen im freien Fall hinabzustürzen, sich am Boden zu vereinen, in einer immer größer werdenden Pfütze. Das rostige Leck ist nicht das Einzige an diesem Haus, das ihr Kopfzerbrechen bereitet. Schnell wendet sie sich ab und schaut in die Ferne. Die weite Sicht aus diesem Fenster, die hat Meta schon immer gemocht. Auch den in drei verschiedene Bereiche geteilten Garten, vorn rechts der Küchengarten mit den dichten Büschen, Rosmarin und Salbei und all dem Gemüse, umgeben von der stattlichen Buchsbaumhecke, die wohl das nächste Frühjahr aufgrund des invasiven Zünslers nicht überstehen wird. Im Nachbarort ging es auch schon los. Ein Jammer, überlegt sie, wenn man bedenkt, wie viele Jahre, Jahrzehnte Buchsbäume das Sinnbild für bäuerliche Küchengärten waren. Ein Stück kulturelles Erbe verschwindet, weil die Menschen einfach nicht genug bekommen können. Diese Erklärung ist für sie die einzig logische Schlussfolgerung. Überfluss als Wurzel allen Übels, darüber waren sie sich einig, Luise und Meta. Warum nur können die Menschen nicht ein wenig bescheidener sein?

Sie blickt zu den Himbeer- und Brombeerbüschen hinter dem Küchengarten, auch die Rankhilfen müssten im nächsten Jahr erneuert werden. Auf der anderen Seite das Beet. Sie hat es in den letzten Wochen nicht geschafft. Noch immer sind die Kartoffeln nicht raus. Auch einen Ausschnitt des Feldes hinter ihrem Garten kann sie vom Fenster aus sehen. Bald schon Jahrzehnte muss es her sein, da standen direkt hinter ihrem Gartenzaun Thomas Kühe, den Anblick hat sie immer gern gemocht. Dann verschwanden die Tiere für immer im Stall und mit ihnen auch die zufälligen Begegnungen mit Thomas, die außer der Reihe. In diesem Jahr hat sein Sohn dort auf dem Feld Mais für die Biogasanlage angebaut, der vor drei Wochen eingeholt worden war. Viel zu spät, trockene Sprotten, die für Futter gar nicht mehr zu gebrauchen gewesen wären.

Thomas, denkt Meta und rollt mit dem Finger eine dicke Haarsträhne ein. Das letzte Mal hat sie ihn vor vier Wochen gesehen, nur aus der Ferne. Nochmal vier Wochen länger ist es her, fast wie eine Ewigkeit fühlt es sich an, seit er gesagt hat, dass es so nicht weitergeht.

Meta denkt, ob man Ewigkeiten wohl aufteilen kann. Eine für Thomas und eine für Elisabeth, die sie ewig nicht gesehen hat.

Elisabeth war noch nicht einmal hergekommen, als es Luise schlechter ging. Hör mal Meta, hat sie vor drei Wochen am Telefon gesagt. Ich arbeite, ja, das kannst du dir vielleicht nicht vorstellen. In einem Monat habe ich Urlaub, wenn es sein muss, komme ich am Wochenende. Ich kann jetzt nicht und Hilfe wollt ihr ja sowieso nicht.

Sicher, Meta hat ihr nicht gesagt, dass es so schlimm um Luise stand, nur dass es ihr nicht gut ging, nie mehr gut gehen würde. Aber Elisabeth hätte nachfragen können, wenn sie schon nicht wusste, wie schnell so ein Tod kommen konnte. Es war nicht Metas Aufgabe das zu erklären. Und in einem Punkt hatte Elisabeth recht: Sie ist nie eine Hilfe gewesen.

Mit neunzehn Jahren war Elisabeth fort, mit dreißig Mutter geworden, dann war sie wochenlang wieder da.

Mit einem Mal drückt ein heftiger Windstoß gegen das alte Fenster und ein feiner Luftzug weht durch die Küche, die Flamme im Ofen glimmt auf. Sie fährt mit dem Finger am Rand des Fensters entlang und spürt die feuchte Kälte. Die Dichtungen müssen endlich getauscht werden. Hastig wendet sie den Blick ab, geht zu dem Korb mit den Scheiten und feuert den Ofen nach. Für diesen Winter hat sie noch genug Holz. Danach, nun ja.

Ein Poltern auf der Treppe reißt Meta aus ihren Gedanken.

„Guten Morgen.“ Rias Fuß schiebt sich zur Küchentür herein.

So war das schon immer, denkt Meta. Rias rechter Fuß, der heute in einem von Luises alten Wollsocken steckt, dirigierte schon immer ihren Körper. Sie setzt ihn stets ein Stück weiter vor als den linken, mit einer kleinen, kreisenden Bewegung, ganz vorsichtig berührt erst die Spitze den Boden, anschließend folgt der Rest ihres Fußes, dann der ganze Körper, was ihre Bewegungen einerseits sehr grazil, andererseits etwas unsicher wirken lässt. Wärme durchströmt Metas Körper, irgendetwas an Rias Gang rührt sie seit jeher zutiefst. Umso mehr, als dass Ria diesen kleinen Schlenker ihres Fußes anscheinend gar nicht bemerkt.

Meta holt die Thermoskanne und die Porzellantasse mit den Rosen, stellt beides auf den Küchentisch und gießt Ria eine Tasse Kaffee ein. Er ist wohl nicht mehr warm, aber was macht das schon.

Ria setzt sich auf den Holzstuhl und zieht ein Bein hoch. Sie lächelt Meta an, schaut hinaus, ihr Blick bleibt an den hängenden Hühnern kleben und das Lächeln um ihre Lippen verebbt.

„Danke.“ Einen Moment überlegt sie wohl, dann nimmt sie einen Schluck Kaffee. „Heute früh schon?“ Sie zeigt zu den Hühnern. Meta nickt.

„Trink ihn erstmal in Ruhe.“ Dann wendet sich Meta ab. „Ich geh noch kurz mit Reza.“

„Meta, warte mal eben.“ Rias Stimme klingt in Metas Ohren eine Spur zu nachdenklich. „Wann kommt Mutti? Gegen drei? Meinst du nicht, wir sollten nochmal reden? Ich meine wegen dem hier.“ Ria beschreibt mit ihrem Finger einen Kreis in der Luft, der anscheinend das ganze Haus bedeuten soll.

Meta muss jetzt raus, Wetter hin oder her, sie braucht dringend frische Luft.

„Kommt Zeit, kommt Rat. Trink mal deinen Kaffee.“ Sie macht eine kurze Pause. „Reza?“ Metas Stimme ist jetzt fest und laut. Man kann eben, wenn man will, was man muss.

Sie hört den Hund im Flur tapsen. Reza hat sich schon vor Jahren einen Platz unter der Treppe im Flur gesucht und zu eigen gemacht. Nachdem sie dort immer auf dem kalten Steinfußboden gelegen hatte und auch nicht dazu zu bewegen war, mit in die warme Küche zu kommen, hatte Meta ihr dort eine Art Lager gebaut. Zwei alte Decken, die sie hin und wieder vor der Haustür ausschüttelt.

Reza schiebt ihre große Schnauze durch die angelehnte Küchentür, läuft auf Ria zu, leckt ihr einmal die Hand und Meta presst wieder ihre Füße in die kalten Gummistiefel, die noch an der Gartentür stehen, geht in die Diele und zieht den gefütterten Regenmantel über ihre Strickjacke.

„Bis gleich“, hört sie noch Rias Stimme hinter sich.

Sie hat die Haustür noch nicht vollständig geöffnet, schon spurtet Reza an ihr vorbei, über den schmalen Kiesweg und die Straße mit ihrem Kopfsteinpflaster, hin zur großen Eiche, die mittig zwischen den fünf im Kreis angeordneten Häusern thront. Ihre Schritte verlangsamen sich, an der Bank vor der Eiche macht sie Halt, schnüffelt mit wedelndem Schwanz im Gras herum. Meta schließt zu ihr auf und bleibt auf Rezas Höhe stehen.

„Reza, komm.“ Sie klatscht in die Hände. „Weiter geht’s.“

Reza, die große graue Weimaraner Hündin, ist eine Art Überbleibsel aus Metas Zeit als Tierärztin. Thomas' Frau hat sie angeschleppt, in der Annahme, ein Hofhund gehöre zu einem Bauernhof.

Ja, das hatte sie sich wohl so vorgestellt. Wie blauäugig sie ist, Thomas' Frau. Dass sich die Zeiten geändert haben, dass Reza ihrer Bestimmung nach nun wirklich kein Hofhund ist, dass sie viel lieber den Hof verlässt, die Hühner im Nachbargarten stellt, zum Feldweg sprintet und die Pferde, Schafe, am liebsten jedoch die Rehe jagt, das hat Thomas' Frau in ihrer einfältigen Euphorie nicht bedacht.

Sollen sich die Leute doch vorher erkundigen, was sie sich da für einen Hund anschaffen!

Nachdem Reza einmal mehr über Nacht weggeblieben war und am nächsten Morgen mit einer Schussverletzung aus einer Schrotflinte zurückgehinkt kam, musste sie erst behandelt werden und dann weg. Natürlich kamen sie damals zu Meta in die Praxis. Sie sieht Reza noch auf ihrer Behandlungsliege liegen und es schnürt ihr sogleich wieder den Magen zu. Noch immer kann Wut in ihr aufsteigen, wenn sie daran denkt, wer auf sie geschossen haben mochte, Meta weiß es bis heute nicht.

Drei Tage später kam Thomas' Frage: „Kannst du sie nicht nehmen, Margareta? Ich hätte dann auch immer einen Grund zu dir zu kommen.“

Nun, so war Thomas schon immer, seine Augen blitzten damals auf, ganze zehn Jahre war es jetzt her, er lächelte Meta an und das kleine Grübchen auf der linken Wange wurde sichtbar. In diesen Momenten sieht Thomas noch immer aus wie mit fünfundzwanzig, als sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Doch damals ging es nicht mit ihnen. Vielleicht zu nah, ahnt Meta heute, und dann hatte Thomas seine Frau geheiratet. Und dann kam er wieder. Blieb kurze Zeit, einige Stunden und auch mal etwas länger. Und so geht das seit vielen Jahren. Nein, so ging das, wird Meta schlagartig bewusst. Bis vor acht Wochen.

Es geht so nicht mehr, Margareta, ich bin dafür einfach zu alt. Wieder hat Meta seine Stimme im Ohr. Sie ist tief und warm, so eine Radiostimme, der man gerne zuhört. Immer sagt er Margareta zu ihr, nicht Meta, und sogleich merkt sie wieder einmal, wie gerne sie das hat.

Reza biegt vom Weg ab, schnüffelt im Graben und läuft einige Meter auf das Feld, Meta schaut ihr nach. Und dann war da ja damals noch Rezas Blick gewesen. Thomas hätte gar nicht fragen müssen, Reza gehörte genauso wie sie selbst einfach hierher. Die Hündin war auf ihren Ausreißertouren nicht selten auch bei Meta vorbeigekommen, hatte sich dann draußen zu ihren Füßen vor die Gartenbank gelegt. Meta freute sich über den Besuch, erzählte, Alltäglichkeiten eben, Reza kommentierte das Gespräch still. Kopf heben, aufstehen, um den eigenen Körper drehen, wieder hinlegen, sich die Schnauze lecken. Kurz bevor Reza ihren Weg zum Feld fortsetzte, schauten sich beide einmal lange in die Augen. Es schien in diesen Momenten nicht klar, wer von ihnen zuerst weglaufen, wer bleiben wollte. Natürlich nahm Meta Reza zu sich! Das Haus war groß genug.

Meta läuft weiter die Landstraße entlang, Reza springt in einigem Abstand über die schmalen Furchen, auf denen seit ein paar Wochen der Senf wächst. Kein Mensch weit und breit, kein Auto in Sicht. Gut so. Vormittagsstille auf dem Dorf, das Essen fast fertig, gleich schon halb zwölf, da sitzt die Familie am Esstisch oder das, was von ihr übrig geblieben ist, nachdem die Kinder erwachsen geworden und in die umliegenden Städte gezogen sind. Meta ist froh, niemandem zu begegnen, auch darüber, dass Ria da ist, doch noch ein Stück Familie wartet, wenn auch heute ohne Mittagessen, erschrickt sie.

Jetzt fällt es ihr ein, sie hat es schier vergessen, einfach nichts vorbereitet, die Kartoffeln stehen noch immer ungeschält auf der Arbeitsplatte. Wie konnte ihr das nur passieren?

Mit einem Mal fühlt sich jeder weitere Schritt merkwürdig an, als würde sie in Watte fallen, in eine schier überwältigende, weiche Leere treten, haltlos einsacken. Schnell blickt sie sich um, konzentriert sich auf das Gras am Wegesrand, auf die Windräder am Horizont. Sie bleibt stehen und atmet mehrmals tief durch, dabei fühlt sie Reza, die um ihre Beine streift.

Meta weiß, worum es geht.

Das sind Passungsprobleme, so sagte Luise immer. Die gilt es in den Griff zu kriegen. Früher, als sie noch klein war, da war es noch einfacher und dann wurde es schon schwerer. Als sie einen Fernseher bekamen und Meta das erste Mal Leben außerhalb ihres Dorfes sah, vollkommen verwirrt. Mit wenigen Worten erklärte Luise ihr damals, was sie alles nicht brauchten und warum es so viel lebenswerter war auf dem Dorf. Da passte es für Meta wieder. In den letzten Jahren traten die Passungsprobleme jedoch vermehrt auf, wenn sie beide in der Zeitung von der schlechten Konjunktur oder dem einbrechenden Absatzmarkt für die Automobilindustrie lasen, während zeitgleich Menschen im Mittelmeer ertranken, wieder in Schutzbunker fliehen müssen und Grenzen geschlossen werden. Was interessierten sie beide schon diese Unmengen von Autos, die nicht verkauft werden können, wenn sie selbst nur alle Vierteljahre mal den alten Land Rover anschmissen, um den notwendigen Vorrat an Klopapier und Waschpulver in Lüchow zu kaufen. Schon seit einiger Zeit passt vieles in der Gesellschaft nicht mehr und Luises Blick schien mit den Jahren leerer zu werden, die Zuversicht zu verlieren. Luise hatte keine Antwort mehr.

Auch wenn Meta wieder einmal über Elisabeth schimpfte, sagte Luise: Passungsprobleme, Meta. Aber du weißt, die Familie ist das Wichtigste. Das wird schon wieder, hörst du?

Die Probleme waren in der Regel für Luise eine zeitlich begrenzte Spanne, die überwunden werden muss, allerdings Arbeit bedeutet. Elisabeth in der Stadt, sie beide hier, verschiedene Ebenen des Lebens, die für einige Zeit die Deckungsgleichheit verloren haben, die jedoch wieder übereinander gebracht werden müssen, das ist wichtig, Familie ist das, was zählt.

So muss es auch in den letzten Kriegsmonaten nach Luises Flucht aus Oberschlesien gewesen sein, daher kam das alles, so hat es sich Meta immer erklärt. Sie hat hier ihre Welt der neuen Wirklichkeit angepasst, wieviel Anstrengung ihr das abverlangte, das kann Meta bis heute nicht beurteilen. Wie es sich anfühlen muss, alles hinter sich zu lassen, die Gewohnheiten aufzugeben, sicher war das fast das Schlimmste. Sicherheiten zu verlieren, durch die es sich leben lässt.

Dann, in der Fremde ein Dämmerzustand, der genaues Hinsehen erfordert. Luise hatte immer eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe.

Schau es dir gut an, sagte sie oft. Du erkennst es, wenn du nur genau hinsiehst. Das galt für die Blumen im Garten, ob sie Feuchtigkeit brauchten oder Sonne, auch für das Gemüse im Beet. Luise las nicht nach, sie sah es einfach und merkte es sich. Bohnen niemals neben Knoblauch, Gurken nicht neben Tomaten, schon bilden sie nicht genügend Triebe, man muss eben nur hinschauen. Insbesondere jedoch galt das genaue Hinschauen auch für die Menschen, auch um den Blicken hinter den Gardinen zu entkommen. Den Verlust der Heimat nicht als Makel zu begreifen, war eines ihrer unausgesprochenen Lebensthemen gewesen, das weiß Meta.

Luise wollte hier angekommen alles richtig machen, besser sein, den Makel wegputzen, mit täglich sauberer Wäsche, nie am Wochenende, das macht man nicht. Mit zurückhaltender Freundlichkeit und Großzügigkeit, mal ein Huhn für den Pfarrer im Nachbarort, mal flugs die Naht einer Bluse der Bauersfrau ausgebessert, sie hatte schließlich eine Schneiderlehre gemacht. All das recht machen, nie auffallen, keine Fehler begehen, was sollen die Leute denken? Immer ein bisschen leiser antworten, immer ein bisschen später, es könnten die falschen Worte sein, aber genau hinschauen.

Wie sie Meta an der Schulter fasste, sie zurückhielt, wenn sie auf den Kaufmann mit dem freundlichen Blick und der Zuckerstange in der Hand zulaufen wollte. Auch ihr ständiges Pscht, wenn Nachbarn Meta Fragen stellten, den Finger an die Lippen gelegt, den warnenden Blick, daran erinnert sie sich in diesem Moment.