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Die Geschichten des iranischen Dichters deutscher Sprache SAID sind knapp, dicht, poetisch und voller Spannung zugleich. Sie ziehen beim Lesen in ihren Bann. Manchmal changieren sie zwischen Traum und erzählter Wirklichkeit, andere Male zwischen erzählter Gegenwart und Erinnerung oder Projektion. SAID erzählt von der Würde des Menschen, von seinen Niederlagen und seinen Versuchen, sich selbst nicht zu verlieren, auch da, wo er fremd ist oder fremd geworden ist oder sich in Illusionen verstrickt. Es sind Außenseitertum, Verfolgung, Verrat, Flucht vor einem System, die seine Protagonisten und Protagonistinnen einsam sein lassen. SAID bietet nie eine Lösung an, wohl aber scheint häufig das Dilemma auf, in dem seine Figuren stecken. Was die Einsamkeit durchbricht, sind kurze Momente der Berührung, der Hilfe, der Solidarität, auch der Liebe. SAIDs Erzählungen lassen nicht kalt, sie zwingen zur Imagination von Situationen und Menschen.
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2021
SAID
flüstern gegen die Wölfe
geschichten
konkursbuch
Verlag Claudia Gehrke
Die Geschichten von SAID, iranischer Dichter deutscher Sprache, sind knapp, dicht, poetisch und voller Spannung. Sie ziehen mit ihrer schonungslosen emotionalen Authentizität in ihren Bann. Manchmal changieren sie zwischen Traum und erzählter Wirklichkeit, andere Male zwischen Gegenwart, Erinnerung und Projektion. SAID erzählt von der Würde des Menschen, von seinen Niederlagen und seinen Versuchen, sich selbst nicht zu verlieren, auch da, wo er fremd ist oder fremd geworden ist oder sich in Illusionen verstrickt. Es sind Außenseitertum, Verfolgung, Verrat, Flucht vor einem System, die seine Protagonisten und Protagonistinnen einsam sein lassen. Was die Einsamkeit durchbricht, sind kurze Momente der Berührung, der Hilfe, der Solidarität, auch der Liebe. SAIDs Erzählungen lassen nicht kalt, sie zwingen zur Imagination von Situationen und Menschen.
ruhig umherschauend nach freund und feind, sokrates
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Zum Buch
abad kennt das fieber
bella figura
der mann an der bushaltestelle
ein fenster für lalo
eine verbeulte blechdose
die frau dort auf dem parkett
flüstern gegen wölfe
eine schwarze murmel
ein nachmittag voller licht
cabajone wartet
knoff und die trommler
françoise sitzt auf der treppe
kommen sie wieder, gabriel
milan stirbt nicht
meine knallroten zehennägel
mit der zeit kehrt er zu sich zurück
steine am meer
tod eines legalisten
wie ein reisender außerhalb der zeit
im schatten einer platane
Zum Autor
Impressum
gleich wird er aufbrechen.
schon ist er in der allee, mit den pappeln und dem rinnsal.
kaum autos, wie damals.
seinen namen läßt er im bett liegen, er will unbeschwert sein für die reise.
wird das hausnoch von eseln bewacht – mit ihren treuen augen?
ist der hof noch immer zu groß für die kinderschritte?
unterwegs will er niemanden sehen; jede stimme wäre eine ablenkung.
er trägt nichts bei sich. seine hände sollen frei sein – für die betrachtung.
nur das licht wird er suchen. dieses wird dann alles regeln, auch die dimensionen.
plötzlich erscheint ein militärfahrzeug. ein unteroffizier steht im jeep, gestikulierend spricht er in sein handy. sein schnurrbart glänzt.
abad versteht jedes wort – aber nicht den sinn. ist die sprache in seiner abwesenheit rasend geworden?
lächerlich, sagt er, was brauche ich einen militär-jeep und einen unteroffizier.
er widmet sich den hügeln.
sie stellen sich tot, als der fremde näher kommt.
dieser überlegt, den hügeln eine sprache zu geben – damit auch sie ihn verstehen.
doch er weiß, daß sie eine andere sprache haben. sie bewegt sich zwischen den dingen, berührt sie, ohne sie in besitz zu nehmen.
plötzlich überrumpelt ihn ein schmerz in der brust.
was ist das? ich bin ja nur erkältet.
der tod ist nicht hier; er sitzt dort im verbannungsort.
abad ignoriert den schmerz und setzt seinen weg fort. zurück in die stadt im süden. bis zu jenem einstöckigen haus, das die kindheit bewohnte.
immer wenn das fieber kommt, geht abad auf diese reise.
er geht weiter.
ein reh kommt den hügel herunter, nähert sich und beschnuppert seine hände.
rehe erkennen, daß ich im traum bin und ohne harm.
die allee führt an einem bahnhof vorbei, ohne einen ort.
seit er fort ist, sind viele orte gestorben.
er gelangt in die vorstadtviertel.
die gleichen spiele, die gleichen rufe, die gleiche erregung – bei den kindern.
nichts hat sich hier geändert seit 59 jahren.
„das nenne ich schönheit“, ruft er.
kinder spielen mit einem alten autoreifen quer über die straße.
eine alte frau erscheint an einer türschwelle.
„nane–abad, nane–abad“, schreien die kinder.
schon kommt anis von der gegenüberstehenden mauer, sein erster freund seit dem fünften lebensjahr.
„mutter ruft dich“, und er fragt: „spielen wir murmeln in eurem hof unter der palme?“
abad will nicht sprechen – das wort stört die betrachtung.
die palme – wird sie mich wiedererkennen?
ich werde sie beriechen, beim namen nennen. dann wäre eine verwechslung nicht möglich.
sie hat auf mich gewartet.
er hat mühe mit den gegenständen. sie rennen aus seinem blickfeld und drängen an die ränder; als wollten sie sich seiner betrachtung entziehen.
nun erinnert er sich an den satz eines heimkehrers.
„du darfst dich nicht entblößen – auch nicht in wörtern.“
er schaut zum himmel auf.
hastig fressen die schwalben den abend fort. als hätte sein blick den abend verletzen können.
ein esel iaht, als wartete er, als wüßte er worauf.
der schrei dringt durch die fensterscheiben bis hin zu den petunien, die den nachmittagsschlaf zelebrieren –
während die krähen in aller ruhe die fensterfugen auffressen.
meine schritte, beinahe zerfleischen sie sich, um das wirkliche zu berühren.
dieses haus war schon immer flach und klein und verletzlich.
sollte ich zurückkehren hinter meine augenlider?
I.
von diesem moment habe ich schon immer geträumt – seit ich fortgegangen bin.
die stadt wartet nur auf mich und auf meine heimkehr. und für diesen moment meines lebens würde ich mich zurechtmachen.
man wird mich wie eine heilige empfangen, die nach jahren der entbehrung zurückkehrt. sie wird auf den händen getragen wie ein kostbares geschenk aus übersee. die menschen umringen mich und schreien vor freude; einige schluchzen vor ergriffenheit. auch sie haben sich aufgeputzt für den wichtigen tag. meine rückkehr bedeutet ihnen eine große tröstung und versetzt sie in feierliche stimmung. voller ehrfurcht berühren sie mich wie eine ikone aus porzellan. als wäre meine haut ein talisman gegen den bösen blick.
inmitten der menschen sehe ich einen stämmigen mann mit einer kapuze über dem kopf. sucht er schutz vor meinen augen? er rührt die trommel, und ich begreife nicht, was genau seine aufgabe ist. will er die jubelnden anfeuern oder mäßigen? oder ist er verpflichtet worden, das tempo zu bestimmen für die große liebkosung.
man trägt mich in die mitte meiner alten gasse. dort, vor meinem geburtshaus, setzt man mich auf ein podest. ich nehme platz auf samtkissen und zelebriere die audienz. jedem einzelnen schenke ich meine ganze aufmerksamkeit. auf daß diese menschen belohnt werden für ihre zärtlichkeit. voller geduld warte ich, bis sie – einzeln, jeder für sich – näherkommen und von sich erzählen – das allein würde ihnen tröstung sein.
II.
wir, die wir alles am eigenen leib erfahren hatten, haben die letzte heimkehrerin gewarnt.
man wird sie öffentlich ausstellen mitten auf dem marktplatz, bis der kern ihrer seele freigelegt ist. doch unsere warnung hat sie überhört. so sind die beglückten; sie handeln aus übermut.
aber wir haben es immer gewußt:
diese stadt lehnt die erde ab und meint, jede berührung mit ihr sei eine abwärts gerichtete zärtlichkeit. sie überläßt ihre toten den einheimischen tieren und ihre gebeine den fremden winden. ihre grenzen sind virtuell. die stadt lebt von uns, den fortgegangenen, und vom fleisch unserer erzählungen. jedem heimkehrer wird an der grenze ein wort beigebracht; fortan pflegt er seine verblendung. derweil lassen sich die einwohner verleugnen. sie tragen kein organ mehr zur bespitzelung. der heimkehrer wird in ein glashaus gestellt mit einem maulkorb und muß sich alles anhören. nachts wandert dann die stadt durch die eigenen gassen, achtet auf die schritte der fremden und lauscht vergnügt dem klagelied der blinden.
III.
nun sei die stadt in heller aufregung, hat man ihr hinterbracht. alles warte auf sie und den moment ihrer ankunft. ihr schien, diese stadt habe längst vergessen, wie sie ihre tochter verstoßen hatte. städte sind so, vergeßlich und unbeschwert.
und sie beschloß, sich für den großen tag zurechtzumachen. bella figura müsse sie machen bei diesem wiedersehen, nach so vielen jahren. unabhängig davon, was ihr blüht, müsse sie blenden.
sie entschied sich für einen kurzen rock in schwarz, der viel verriet von ihren beinen – kraftvoll durch die jahre des umherwanderns. und für eine weite bluse in weiß. sie könnte ja die oberen knöpfe offen lassen. für neugierige blicke, die alles verschlingen, wenn das objekt der begierde ausgeliefert ist.
sie werde keine wäsche anziehen, entschied sie. ihre brüste sollen baumeln im moment ihres triumphes. wie lange hatten diese brüste auf die berührung gewartet. ja, stöckelschuhe. denn sie war sich bewußt, daß sie klein war, und wollte an diesem tag über sich hinaus wachsen. die schuhe sind in schwarz und passen zu dem rock. nein, keine strümpfe. diese menschen wollen keine verkleidungen; jetzt benötigen sie die ganze nacktheit.
„mein fleisch soll glänzen und locken, was immer diese menschen hernach damit veranstalten. an diesem tag brauchen sie meine ganze großherzigkeit“, dachte sie.
„meinem leib eine gasse“, rief sie und setzte sich erhobenen hauptes in bewegung. und sie achtete auf ihren schritt. er sollte verführerisch bleiben und keine angst verraten. kommentare drangen ihr ins ohr. zuweilen grobe, begehrliche, animalische, zuweilen gar kannibalische. doch sie ging mit einladendem schritt durch die menschengasse und wußte, sie durfte jetzt keine blöße zeigen, bis sie auf dem marktplatz angelangt war.
dort geschah das, was sie am meisten gefürchtet hatte: die masse verstummte wie auf einen befehl. als ob sie wußte, mit dieser frau, die sich herausgeputzt hatte, müsse jetzt etwas geschehen. und die masse schwieg, als könnte sie damit bis zu dem kern ihrer seele vordringen. als wollte sie die totale nacktheit herbeiführen an der person der heimkehrerin.
schließlich hielt die frau die stille nicht aus und schrie: „ich bin hier und ich bin schön.“
der schrei vermochte die stille nicht zu durchbrechen und machte sie eindringlicher. einen schritt nur ging sie weiter, zog die stöckelschuhe aus. einzeln warf sie die schuhe in die menge, ohne genau zu wissen, was sie sich davon erhoffte. doch auch dieser akt vermochte nichts gegen das schweigen.
nun erfaßte sie die angst, die sie die ganze zeit von sich gewiesen hatte. mit zittrigen händen öffnete sie die bluse, ohne aufzuschauen, und warf sie in die wogenden leiber. wie eine waffe, die tod bringt oder erlösung. die weiße bluse prallte an den körpern ab und fiel zu boden, ohne die stille zu besiegen.
sie stemmte die hände in die seiten und hoffte auf ihre brüste. schwer und zitternd könnten sie die menschen beruhigen; auf daß sie ihre stille brechen.
endlich ergab sie sich; die gaffer schwiegen weiter und genossen den anblick ihres opfers.
dann war diese frau entblößt. ob das genügen würde? die antwort würde sie nie erfahren, auch wenn sie bis zum sonnenuntergang hier ausharren würde.
sie ging in die knie mit ihrem hochmütigen lidschlag. ihr fleisch, ein bestelltes feld, verschwieg alles, wie eine läßliche lüge, die den umweg zur wahrheit sucht. verlangte nicht das alte ritual, daß man die besiegten verzehrt? zum zeichen der gewißheit, daß diese nie mehr aufstünden, um sich zu rächen? dies könnte den hunger der schweigenden stillen. dann könnte sie ja freies geleit bekommen, aus ihrer stadt hinaus, abermals.
er kam mit dem scirocco, ohne artgenossen.
ruben mamuli wollte ihn als erster gesehen haben. das hemd habe er über das gesicht gestülpt und festgehalten, um seine augen zu schützen. mit der anderen habe er ein schwert auf der schulter getragen, an dessen ende ein gebündeltes bettlaken. er sei zielstrebig zur bushaltestelle gelaufen, als kenne er sich hier aus und wolle die abfahrt des busses auf keinen fall verpassen.
mehr konnte ruben mamuli nicht berichten. er war berühmt für seine schwachen augen, die nun täglich schwächer wurden, seit er seinen bus nicht mehr fahren durfte.
kaum erreichte der fremde die haltestelle, schon stand er unter dem dach, als ob er einen sturzregen erwartet hätte. mit bloßer hand wischte er die sitzbank ab, legte sein bündel darauf, setzte er sich hinzu und verschnaufte. das hemd zog er aus und trocknete damit sein gesicht. dann nahm er das gebiß aus dem mund, säuberte es gründlich mit dem taschentuch und steckte es wieder hinein.
schon bildete sich ein halbkreis von schaulustigen vor ihm.
keiner sprach, bis eine frau sagte:
– vielleicht hat er durst.
sie ging fort und kam mit einer schale wasser zurück; er stand auf und lächelte. erst legte er seine hände auf ihre, sie wurde rot im gesicht und senkte den blick, dann zog sie die hände zurück. langsam führte er die schale an den mund und schaute über den rand in die menge – alle sahen weg. erst jetzt trank er einen langen schluck; auch dabei behielt er seine zuschauer im auge. den rest des wassers verteilte er sorgfältig auf der fläche vor der sitzbank. dann drehte er die schale um; damit jeder sah, daß sie leer war. schließlich hielt er sie mit ausgestreckten händen vor sich, bis die frau ihm die schale abnahm.
– der bus fährt nicht mehr.
verkündete ruben mamuli; als antwort kam nur ein lächeln.
ruben schüttelte den kopf und verabschiedete sich mit einer wegwerfenden geste, die hier jeder kannte. der rest blieb stehen und gaffte. offensichtlich störte es den mann nicht; er war ganz mit seinem bündel beschäftigt.
bald erschien ruben wieder mit einer braunen tüte voller sonnenblumenkerne, geröstet im salzwasser. er griff hinein und holte einige kerne hervor. mit zwei fingern steckte er sie einzeln zwischen die wenigen zähne, die er noch hatte. er knackte sie auf, spuckte die schale hinaus und genoß den rest. männer lösten sich aus der gruppe, nahmen sich sonnenblumenkerne heraus, nickten und kehrten zu ihrem platz zurück.
der mann unter dem regendach öffnete sein bündel, wühlte in den sachen und lächelte verlegen, wenn er den kopf hob; als wollte er sich für sein kleines sortiment entschuldigen.
zwei junge frauen in der hinteren reihe steckten die köpfe zusammen und kicherten. einige drehten sich nach ihnen um.
– wir könnten ihn für die feldarbeit einspannen wie einen wasserbüffel.
das gemurmel der menge war nicht gerade ein zeichen der zustimmung.
jemand schleppte einen großen käfig herbei –
doch der fremde machte keine anstalten hineinzugehen.
enttäuscht streichelte der mann seinen käfig.
– schade, ich hätte ihn in die bäume gehängt.
