Inhalt
Impressum 2
Einleitung 3
Vor mehr als 17 Jahren 4
1. Kapitel 9
2. Kapitel 17
3. Kapitel 25
4. Kapitel 46
5. Kapitel 59
6. Kapitel 66
7. Kapitel 76
8. Kapitel 91
9. Kapitel 100
10. Kapitel 124
11. Kapitel 138
12. Kapitel 153
13. Kapitel 169
14. Kapitel 194
14. Kapitel 212
15. Kapitel 223
16. Kapitel 233
17. Kapitel 247
18. Kapitel 258
19. Kapitel 269
20. Kapitel 283
21. Kapitel 296
22. Kapitel 314
23. Kapitel 328
Impressum
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-418-2
ISBN e-book: 978-3-99107-419-9
Lektorat: LSM
Umschlagfotos: Dmytro Tolokonov, Photowitch, Serezniy,
Antonio Guillem | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Einleitung
Und wenn die Gier der Menschen ihre Flammen erstickt,
werden drei Sterne vom Himmel fallen
und ihre Augen vor dem Licht der Welt verschließen.
Alenias Prophezeiung
Vor mehr als 17 Jahren
Nur noch ein weiteres Mal, dann ist es geschafft!
Schon seit sich früh am Morgen der Himmel blutrot gefärbt hatte, fand man auf der Straße ein nervöses Wurmen vor. Jeder Zentimeter des grauen unebenen Pflasters wurde von ledernen Schuhsohlen der nicht müde werdenden Einwohner Onayas’ ausgefüllt. Die flüchtigen Blicke zum Balkon der Königsburg waren nur ein weiteres Zeugnis dafür, dass heute ein äußerst besonderer Tag sein sollte. Schnell zwängte ich mich noch zwischen zwei hölzernen Marktwägen hindurch und lief weiter durch das Gedränge auf die Burg zu. Bei der nächsten Hausecke blieb ich um mich blickend stehen, um wieder ruhiger atmen zu können. Schweiß rann mir die Stirn hinunter. Mit einer einzigen Bewegung meiner rechten Hand wischte ich mir die salzigen Tropfen aus dem Gesicht. Ein einziger Blick reichte, um mir zu bestätigen, dass die Dienstbotentreppe heute stark benutzt wurde. Dennoch konnte ich nicht warten oder einen anderen umständlicheren Weg nehmen.
Mein Spiegelbild im gegenüberliegenden Fenster zeigte mir, dass das hellbraune Tuch noch immer perfekt um meine Haare gebunden war. Selbst das leichte Kleid, das sich um meine weiblichen Kurven schmiegte, saß perfekt. Einmal noch ein tiefer Atemzug und ich lief los. Alle schienen heute auf schnellem Fuße unterwegs zu sein. Ich fiel keinem einzigen der Dienstmädchen auf, als ich an ihnen vorbei zur Treppe schoss.
Früher wurde ich immer schrill angeschrien, wenn meine Mutter wieder einmal erfuhr, dass ich mich in den Gängen der Königsburg umherschlich. Sie meinte dann, ich würde ihre Stelle am Hof riskieren und könnte bald selbst versuchen, mit Betteln mein Maul zu stopfen. Doch heute war ich einerseits stark erleichtert, wie auch ein klein bisschen stolz, mich hier in den Gängen so gut zurechtzufinden. Diese Treppe führte nicht nur in die Dienstbotenkammer, sondern in viele verwinkelte kleine Gänge durch die ganze Burg, einige alt und unbenutzt. Den Bediensteten wurde stets davon abgeraten, sich auf diesen dunklen Wegen zu bewegen. Ein Märchen, das jedem Kind hier im Königreich erzählt wird, besagt, dass sich hier in der Burg immer noch Geister der Verstorbenen aufhalten würden. Natürlich waren das nur Geschichten, um die kleinen Scheißer zu erschrecken. Ich hatte mich nie davor gefürchtet und kannte deshalb jeden kalten Winkel, jeden herabgefallenen Stein und jede zusammengebrochene Treppe.
Hinter mir nahm ich ein genervtes Schnauben wahr. Da hatte es wohl jemand eiliger als ich. Bei der nächsten Stufe blieb ich kurz stehen und drückte meinen Rücken gegen die kalte Mauer. Dankend flog einer der Bediensteten an mir vorbei. Ich eilte ebenfalls schnell weiter, vorbei an der Dienstbotenkammer die Treppe hinauf. Bereits dieser Teil der Gänge wurde schon weniger benutzt. Teilweise hingen tiefe Spinnennetze bis in meine Reichweite.Ekelige kleine Krabbeldinger.Soweit ich mich nicht täuschte, musste nach dem nächsten Guckloch, welches das wenige Licht für die Treppe spendete, die Wege abzweigen, die mir heute nützlich werden würden. Ich bewegte mich rasch auf den mir vertrauten Pfaden. Gelegentlich hielt ich inne und spähte durch einen kleinen Spalt, um mich zu vergewissern, dass es nicht die Räumlichkeiten waren, die ich suchte.
Gerade als ich wieder weitereilen wollte, erkannte ich die Königin, die auf einem weichen Bett lag. Sie lehnte an einem Berg aus kunstvoll bestickten Polstern, doch als ich in ihr Gesicht blickte, war es verkrampft voller Schmerzen und Erschöpfung. „Nur noch ein letztes Mal, dann ist es geschafft.“ Die Frauen neben ihr versuchten, die Königin zu ermutigen. Sie fing zu schreien an, doch die Frauen unterstützten sie darin. Ich hatte noch nie so etwas gesehen, nur gehört, wie meine Mutter bei der Geburt meines Bruders bei jeder Wehe vor Schmerzen winselte. „Ich kann das Köpfchen schon sehen, nur noch ein bisschen pressen, dann ist es vorbei!“ Die Königin tat, wie ihr gesagt wurde, und fing ein weiteres Mal an, zu pressen. Gleich darauf erklangen die seidigen Schreie des frisch geborenen Winzlings. Die Hebamme wickelte das kleine Baby in ein blaues Tuch und überreichte es der frischgebackenen Mutter. „Meine Königin, es ist ein Junge und noch dazu ein kräftiger und gesunder. Er wird einen starken Kronprinzen abgeben.“ Mit einem müden stolzen Blick strich sie dem Kind über die noch gerötete Wange. „Ja, das wird er.“
Kurz verweilte ich noch in meiner geschützten Position in den Gängen, dann drehte ich mich um und wollte schon den Rückweg antreten, doch dann betrat seine königliche Majestät höchstpersönlich den Raum. Schnell drückte ich mich wieder gegen das feuchte Gemäuer, um nichts zu verpassen. Er blieb eilig vor dem Bett stehen. Seine Brust hob und senkte sich, als wäre er gerade von einer Herde Büffel gejagt worden. „Ist es wahr?“, seine Stimme brach ab. Ich verstand nicht, was er damit meinte. Er wirkte erschrocken, wenn nicht sogar ängstlich. „Kyria, antworte mir, ist es wahr, was das Dienstmädchen behauptet hat?“ Verständnislos verfolgte ich weiter die ungewöhnliche Situation, die sich da vor mir abspielte. Die Spannungen zwischen dem königlichen Paar knisterten gefährlich. Irgendetwas war vorgefallen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, was dieses etwas sein sollte. Mir schien der Junge, wie die Hebamme meinte, gesund und kräftig. Die Königin sah von ihrem Neugeborenen direkt in die Augen des Königs. Ihre Augen bargen einen unheilvollen Glanz, als sie zu sprechen begann: „Ja, Triton, es ist die Wahrheit.“ Eine Träne rann ihr über die Wange. Ihre Lippen zitterten, als sie weitersprach: „Wir wurden von den Göttern mit Drillingen gesegnet. Einem Jungen und zwei Mädchen.“ Weitere Tränen rannen über ihre Wangen. Der Kleine fing an, unheilvoll zu schreien, als würde er verstehen, was die ängstlichen Worte seiner Eltern bedeuten würden. Nach der kurzen eisigen Starre des Königs schien es, als würde er die Bedeutung erst jetzt verstehen. Es schien, als bräuchte die Wahrheit einige ewig wirkende Sekunden, um zu sickern. Er ging um die Hebamme herum und fiel vor dem Bett der Königin auf die Knie, küsste seine Sohn liebevoll auf die Stirn. Dann sah er zu seiner geliebten Frau auf wischte ihr sachte die Tränen aus dem Gesicht, wobei ihm selbst die salzigen Perlen über die Wangen liefen.
‚Drillinge. Das kann nicht sein.‘ Schockiert entfernte ich mich von der kleinen Lücke in der Mauer. Doch so konnte ich nicht zurücklaufen. Ich musste mir gewiss sein. Diese Informationen durften nicht fälschlich weitergegeben werden. Verzweifelt versuchte ich, mehr im Zimmer zu erkennen. Doch gerade als ich aufgeben wollte, da mir nur das Bild des weinenden Paares mit dem Thronfolger ersichtlich war, kamen die Hebamme und ein zierlich wirkendes Dienstmädchen mit zwei weiteren winselnden, in Tücher gewickelten Geschöpfen herein und übergaben sie sachte den Eltern. ‚Es ist die Wahrheit‘ Ich konnte meinen Blick nicht von dem ungewöhnlichen Bild abwenden. Doch ich musste zurück, so schnell wie möglich. Rasch drehte ich mich von dem Mauerwerk weg, dem Gang zu, aus dem ich gekommen war. Mir pochte meine linke Schläfe von den schwerwiegenden Neuigkeiten, die ich zu überbringen hatte. Meine Gedanken wirbelten wirr in meinem Kopf. Einige Male strauchelte ich und fiel beinahe die Dienstbotentreppe kopfüber hinunter. Zu meinem Glück konnte ich mich immer rechtzeitig noch an den Mauersteinen stützen und mein Fallen verhindern. Auf dem belebteren Teil der Treppe überrannte ich wortwörtlich jegliche mir entgegenkommende Person. Mir wurden Flüche und geschimpfte Ausdrücke nachgeworfen, da meist die sauberen Tücher und Kleider oder frisches Gemüse und Obst auf den staubigen Boden fiel. Doch ich musste weiter. Als ich aus der Burg stürzte, atmete ich kurz tief die frische Luft ein. Ich konnte immer noch nicht begreifen, was ich dort oben durch den Mauerspalt beobachtet hatte. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Eilig nahm ich wieder mein Lauftempo an und zwängte mich auf den belebten Markt, wo nun noch mehr heitere Gesichter vorzufinden waren. All jene, die mir in den Weg kamen, schubste ich aus meiner Reichweite, soweit das mit meinem mageren Körper ging und bohrte mich zielsicher auf das andere Ende des Platzes zu. Als sich endlich die Menschenmenge etwas lichtete, zwang ich meine müden Beine, sich noch schneller zu bewegen. Nur noch drei oder vier kleine Gassen, dann den Hügel hinauf durch den Wald und dann zur Lichtung am kleinen Schwimmteich. Ich glaubte schon, mein Ziel nicht mehr rechtzeitig zu erreichen. Schlussendlich brach ich nach Luft ringend durch die Brombeerstauden und stand auf der besagten Lichtung. Vor mir erhob sich stolz das schwarze Pferd meines Auftraggebers. Ich blickte vorsichtig von meinen mit einer Schmutzschicht überzogenen Händen zu dem Mann auf. Er sah mich forschend an. „Und? Hast du, was ich brauche?“ Meine Versuche, nicht zu zittern, waren zwecklos. Selbst meine Stimme glich mehr der eines zu Tode erschreckten Kindes und zeugte keineswegs von meinem sonst so selbstsicheren Tonfall. „Ja, Sir.“ Ich erlaubte mir eine kurze Pause, bevor ich weitersprach. „Sir, es sind drei Kinder. Es sind Drillinge!“ Der Reiter wirkte überhaupt nicht verwirrt oder ängstlich, mehr als wären es alltägliche Vorkommnisse. Meine Worte brachten einen nachdenklichen Ausdruck in seine Augen. Doch schnell wich dieser wieder der undurchdringbaren Maske und fing erneut meinen Blick. „Bist du dir auch ganz sicher?“ Ich brauchte nicht zu überlegen. Es war nun mal die Wahrheit. „Ja, Sir, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen! Ein Junge und zwei Mädchen.“ Meine Stimme gewann wieder an Festigkeit. Nun nickte er zustimmend, griff unter seinen schweren Mantel und zog ein kleines Säckchen hervor. Der Reiter warf das Säckchen, welches meine Belohnung war, vor meine Knie, nahm die Zügel und gab seinem Pferd mit einem leichten Ruck den Befehl, sich zu drehen. Kurz hielt er noch inne, als wollte er sich noch einmal an mich richten, doch dann besann er sich eines Besseren und ritt durch die Bäume davon.
Ich blieb noch lange kniend auf der Lichtung sitzen, den Blick auf das Säckchen gerichtet. Irgendwann, ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, Minuten, Stunden, ich konnte es nicht sagen, nahm ich das Säckchen in die wunden Hände und stand mit zitternden Knien auf. Ohne einen Blick auf den Inhalt zu erhaschen, schob ich es in die Tasche meines Kleides und verschwand genauso wie der schwarz gekleidete Reiter vor mir im Wald. Das einzige, an das ich auf meinem Weg nach Hause dachte, war die Neuigkeit. Drillinge.
1. Kapitel
Reena
Heute
„Prinzessin Reena, bleiben Sie sofort stehen!“ Die schrille, mit Zorn erfüllte Stimme des Gelehrten war wieder einmal deutlich wahrnehmbar, als er mir aus dem kleinen Lehrzimmer für die königlichen Kinder nachschrie. Ich konnte mir mein selbstsicheres Grinsen nicht verkneifen und lief die Gänge mit dem glattpolierten Marmorboden entlang. Die Dienstmädchen sprangen schon aus langer Erfahrung zur Seite, damit die frisch duftende Kleidung oder die mit dampfenden Tassen bestückten Tabletts nicht zu Boden fielen.
Der königliche Gelehrte hatte bereits seit Jahren aufgegeben, mir hinterherzueilen. Als er mir jedoch damals immer dicht auf den Fersen klebte, sprintete ich mit meinen kurzen Beinen die geheimen Gänge entlang, darauf achtend zwischen den Wegen zu variieren. Meist gelangte man dann an eingestürzte Gewölbe, über die nur kleine Wesen klettern konnten. Da ich viele Nächte und auch teils Tage in diesen Geheimgängen in den Gemäuern der Burg verbrachte, kannte ich die Wege wie meine Rocktasche. Der Gelehrte jaulte dann immer Flüche hinter den Schutthaufen und brauchte auf seinem Rückweg zurück zur Dienstbotentreppe gefühlte Stunden. Durch diese kleinen Fangspiele ermöglichte ich mir und meinem Bruder Malik einen freien Nachmittag draußen auf den duftenden Feldern und schattigen Wäldern Katalynias.
Ich erreichte die kühle Dienstbotenkammer, an deren Ende sich die staubige Dienstbotentreppe befand. Mein Ziel lag genau vor meinen Augen und keiner stellte sich mir in den Weg. Als mich Madeleine, ein Dienstmädchen, vorbeiflitzen sah, ließ sie die nassen Lappen wieder in das bereits trübe Wasser im Becken zurückfallen und rannte mir nach. Madeleine schenkte mir ein bezauberndes und zugleich unschuldiges Lächeln, als ich über meine rechte Schulter zu ihr sah. Obwohl sie ihre tägliche Arbeit wiederholt fallen ließ, wurde sie noch nie mit schwerwiegenden Konsequenzen bestraft. Das verdankte sie wohl ihrer hochangesehenen Stellung als meine beste Freundin seit Kindertagen.
Wir nahmen zugleich mehrere Stufen auf einmal, während wir die Dienstbotentreppe hinunterhasteten. Dabei rissen die ältesten Angestellten die Augen immer so weit auf, dass man Angst haben musste, die glitschigen Augäpfel könnten ihnen jeden Moment herausfallen. Voller Vorfreude stolperten Madeleine und ich ins Freie hinaus und fielen uns lachend in die Arme. Mit ihr erschien das langweilige Hofleben so viel leichter und freier. Gemeinsam drehten wir uns wild im Kreis zwischen den fleißig arbeiteten Bediensteten. Sie warfen uns immer noch mürrische Blicke zu, obwohl sie sich schon an das Schauspiel gewöhnt hatten. Selbst die Ältesten hatten schon aufgegeben, uns zu rügen, da dies nie zu einem gewünschten Ergebnis führte.
Wir wollten gerade hinaus auf den Markt laufen, als wir Jeb, den Stalljungen, hinter uns schreien hörten. Auf seinen Knien aufgestützt schnaufte er wie ein wütender Stier. Mit vor Freude glänzenden Augen sah er durch seine dunkelbraunen Locken, die verschwitzt über seine Stirn fielen, zu uns auf. „Prinzessin, es tut mir schrecklich leid, aber Ihr braucht definitiv männlichen Begleitschutz auf Eurer Reise ins unbekannte Marktgewimmel!“ Herausfordern sah er mich an. Ich blickte zu Madeleine hinüber und wir prusteten zugleich los. Jeb wusste, wie er uns zum Lachen bringen konnte. „Dann müssen wir damit leben, dass du uns begleitest, edler Ritter.“ Sein Grinsen wurde noch breiter, wenn das überhaupt noch möglich war.
Schwungvoll hängte wir uns an beiden Seiten bei Jeb unter und zogen ihn mit uns auf den vollen Marktplatz. Zu dritt schlenderten wir von einem Marktstand zum anderen. Von frischen Brotlaiben, Milch und Käse, bis hin zu den buntesten Stoffen und den fein verarbeiteten Schmuckstücken wurde alles Mögliche zum Verkauf angeboten. Die Frauen und Männer hinter ihren Ständen schenkten mir ein freundliches Lächeln, da sie alle wussten, dass ich des Königs Tochter war. Bei mir wurden die Verkäufer nie aufdringlich, um keine Probleme mit den königlichen Soldaten zu bekommen. Trotzdem wussten sie, dass ich eine gute Kundschaft abgab, da ich stets eine Kleinigkeit kaufte, um die schmackhaften Leckerbissen und weichen Stoffe den bettelnden Jungen und Mädchen zu schenken. Auf unserem Weg durch die Stadt schlossen sich immer mehr Kinder und Jugendliche an, um wie üblich auf der bunten Wiese vor den hohen Stadtmauern zu spielen.
Kurz vor dem großen hölzernen Tor blickte ich zur Stadtmauer hoch. Es befanden sich einige Soldaten auf ihrer Wachposition, jedoch machte mir das keine Sorgen. Die Soldaten waren immer dort oben, um die Sicherheit der Bewohner Onayas’ zu garantieren. Nur aufgrund dieser Wachposten erlaubte mir Vater diese Ausflüge ohne königlichen Geleitschutz hinter die Stadtmauern. Auch wenn Vater nicht wirklich begeistert von meinen Fluchtversuchen vor dem königlichen Gelehrten war, konnte er mich durch die Wachposten zumindest im Auge behalten. Noch immer bei Jeb untergehängt spazierten wir durch das schwere Tor und sahen den bereits vorgestürmten Kindern nach, wie sie auf der bunten Wieser herumtollten.
„Guten Morgen, Prinzessin.“ Ich sah zur grauen Mauer hinauf und fand meinen Blick in Halvars Gesicht wieder, der mich schüchtern angrinste. Halvar war der beste Freund meines Bruders Malik und befand sich mit ihm in der Ausbildung zum Soldaten für die königliche Armee. Genau wie mein Bruder konnte er sein Schwert schwingen, als läge es ihm im Blut, er hatte aber zugleich ein viel zu gutmütiges Herz, sodass ich ihn mir nicht im Krieg vorstellen konnte. In manchen Nächten, wenn ich mich aus meinem Zimmer in der Burg schleichen konnte, trafen wir uns im Wald auf einer Lichtung. Sowohl meine Schwertkünste als auch das zielgenaue Treffen mit kleinen Dolchen hatte er mir beigebracht. Auch wenn es mir als Königstochter untersagt war, das Kämpfen und Verteidigen zu erlernen, beschlossen ich und mein Bruder, dass ich diese Künste bei geheimen Treffen lernen würde. Ich war beiden, meinem Bruder und Halvar, dankbar, dass sie mir halfen, obwohl es ihnen teilweise viele Nerven zu kosten schien. „Es ist schon fast Mittag, aber danke.“ Scherzend schickte ich Halvar einen leichten Luftkuss zur Stadtmauer hinauf, dann wandte ich mich wieder mit Madeleine und Jeb unserem Weg über die Blumenwiese zu. Im Gegensatz zu den anderen wild umherhüpfenden Kindern schlenderten wir an den Waldrand und ließen uns auf das weiche dunkelgrüne Moos im wohligen Schatten fallen.
Zur gleichen Zeit entglitt uns allen ein langer Seufzer, denn wir wussten, dass wir solche friedlichen Momente nicht immer haben konnten. Ich legte mich auf den Rücken und blickte zwischen dem saftig grünem Blätterdach zum strahlend blauen Himmel hinauf. Heute war wieder einmal einer dieser Tage, an denen kein einziger weißer Wattebausch das Blau durchbrach. Entspannt schloss ich die Augen und lauschte der angenehmen Stille neben meinen Freunden. Auch sie schienen diesen ruhigen Moment vollends zu genießen. Nachdem wir einige Zeit nichts tuend nebeneinander im Moos lagen, räusperte sich Jeb: „Ich habe uns kleine Leckerbissen aus der Küche mitgenommen. Meine Ziehmutter war zwar ziemlich außer sich, als sie sah, dass ich mich an ihre frisch gebackenen Nussschnecken ranmachte, aber so schnell konnte sie nicht nach dem Besen greifen, hatte ich schon die Flucht ergriffen.“ Jebs Gesicht war wieder mit diesem bezaubernden Grinsen überzogen, als er den kleinen Stoffbeutel mit den noch warmen Nussschnecken auspackte. Schnell schnappten Madeleine und ich uns je eine und bissen genüsslich in den weichen Teig. „Mmh. So lecker“, entfuhr es mir und ich musste lächeln. „Wenn das nicht die besten Nussschnecken im ganzen Land, nein, sogar auf der ganzen Welt sind, dann weiß ich auch nicht!“ Jeb und ich stimmten Madeleine mit einem wohligen Brummen zu. Diese Nussschnecken waren wie der Himmel auf Erden. „Danke für deine Opferbereitschaft, diese Köstlichkeiten mitzunehmen“, stieß ich zwischen den nächsten beiden Bissen hervor und verschluckte mich beinahe. Jeb klopfte mir leicht auf meinen Rücken, während ich versuchte, nicht mehr zu husten. „Das soll aber nicht heißen, dass Ihr, Prinzessin, an diesem Genuss ersticken müsst!“ Er grinste schelmisch zu mir rüber und wir lachten lauthals wie auf ein Kommando.
Nachdem sich jeder von uns dreien jeden kleinen Krümel von den Fingern geleckt hatte, legten wir uns wieder zurück auf das weiche Moos. Ich legte meinen Kopf leicht schräg, um die beiden ansehen zu können. Man brauchte keine Worte, um zu wissen, dass das zwischen Madeleine und Jeb mehr als Freundschaft war. Dennoch versuchten sie, es sich neben mir nicht ankennen zu lassen. Madeleine meinte einst, sie würde niemals riskieren, unsere wertvolle Freundschaft zu ruinieren, um ihrem Herzen zu folgen. Wir seien eine Familie und nichts würde das ändern. Ich hatte ihr damals zugestimmt, obwohl ich mir mittlerweile bewusst war, dass ihre unschuldige Liebe zueinander nichts an unserer Beziehung zu dritt zerstören könnte.
Langsam drehte ich meinen Kopf in die andere Richtung und starrte gedankenverloren über die Wiese. Plötzlich fiel mir ein Schatten auf, der sich geduckt über die Stadtmauer bewegte. Ich setzte mich auf und kniff verzweifelt meine Augen zusammen, um mehr zu erkennen. Leider vergebens, da wir uns zu weit weg von der grauen Mauer befanden. Dennoch verfolgte ich die stockenden Bewegungen des Schattens weiter. Dann, wie aus dem nichts, schosse eine Gruppe ausgebildeter Soldaten hinter dem Schatten nach. Irgendetwas stimmte nicht. Ich konnte es fühlen, meine Magengrube zog sich schmerzend zusammen. Der Schatten lief weiter auf die Soldaten über dem hölzernen Stadttor zu. Ich wollte schon nach Halvar schreien, um ihn zu warnen, da drehten sie sich schon zu der herannahenden Gefahr um. Erleichtert atmete ich aus. Wenn Halvar etwas passieren würde, könnte ich das nicht verkraften.
Die Soldaten auf dem Wachposten zogen ihre stählernen Schwerter, die in der Sonne wunderschön glänzten. Nur ein paar Meter vor den bewaffneten Wachen sprang der Schatten über die Stadtmauer auf den mit leuchtendem Stroh befüllten Holzwagen eines Bauern, der gerade in die Stadt fuhr. Der Soldatentrupp, der ihn jagte, lief über die Treppe innerhalb der Stadtmauern hinunter, während die Wachen über die Mauer hinuntersahen und ihre Bögen spannten. Halvar hob die Hand als Zeichen, dass sie noch abwarten sollten. Der Schatten sprang aus dem Wagen heraus und riss Einiges an gelben Strohfetzen mit sich. Nun konnte ich erkennen, dass es sich um einen schwarzgekleideten Mann handelte, dessen Kampfkleidung mir unbekannt war. Dieser Mann war weder Teil unseres Königreiches noch der umliegenden Reiche. Der Schatten landete weich auf der staubigen Straße und rannte so schnell er konnte über die bunte Wiese auf den Wald zu. In seiner rechten Hand hielt er einen kleinen blutigen Dolch, den er wohl vorher in der Burg benutzt haben musste. Der Soldatentrupp jagte ihm nach, aus dem Stadttor hinaus und über die Wiese. Halvar gab nun seinen Bogenschützen das Zeichen, zu schießen, bevor der Mann außer Reichweite war. Der Schatten wich geschickt aus, dennoch traf ihn einer der Pfeile an der rechten Schulter und ein weiterer in der linken Wade. Kurz schien es, als würde sein Straucheln in einem Sturz enden, doch er fing sich und raste mit vor Schmerzen und Zorn verzerrtem Gesicht weiter zum Wald.
Der Mann war trotz der in seinem Fleisch steckenden Pfeile noch um einiges schneller als der Soldatentrupp meines Vaters und er steuerte direkt auf mich und meine Freunde zu. Plötzlich ergriff mich Panik und mir stieg die Galle vor Angst um Madeleine und Jeb den Hals hoch. „Er kommt auf uns zu!“ Ich drehte mich zu meinen Freunden, doch sie hatten die fliehende Gestalt noch nicht bemerkt. Verständnislos sahen sie mich beide an. Meine Hand schoss wie von einer anderen Gewalt gesteuert hoch und zeigte auf die herannahende Gefahr. Beide blickten in die ihnen gezeigte Richtung und als sie den schwarzen Mann sahen, weiteten sich ihre Augen furchtsam. Jeb schoss hoch und stellte sich abwehrend vor Madeleine und mich, doch wir wussten alle, dass er keine Kampfausbildung genossen hatte. Schon hörte ich Halvar von der Stadtmauer schreien: „Lauft schneller! Die Prinzessin ist ungeschützt am Waldrand.“ Wie auf sein Kommando wurde der Soldatentrupp etwas schneller, doch würden sie den Mann nicht mehr rechtzeitig erreichen können. Nun waren es nur mehr ein paar kurze Schrittlängen, bis der Mann bei uns sein würde. Meine Knie zitterten und ich musste mich konzentrieren, um mich noch auf den Beinen halten zu können. Ein kurzer Blick zu Madeleine reichte, um mir zu bestätigen, dass es ihr nicht anders erging. Jeb hingegen versuchte, stark und furchtlos zu wirken, auch wenn er nicht wirklich gefährlich aussah, so ganz ohne eine Waffe.
Der Schatten hatte nun auch die letzten Meter Abstand überwunden und stand uns ganz dicht gegenüber. Er musterte jeden einzelnen von oben bis unten mit einem abschätzigen Blick. Dann blieben seine Augen etwas zu lange auf meinem Gesicht hängen. Ein verwirrter Ausdruck huschte über sein Gesicht, aber genauso schnell war die emotionslose Maske wieder über seine Gesichtszüge getreten. Der Mann sah sich kurz nach den jagenden Soldaten um, die nun schon sehr nahe bei uns waren. Dann drehte er sich wieder in Richtung des Walden, doch bevor er weiterlief, blickte er mir noch einmal in die Augen und verschwand. Die Soldaten rannten nur bis zu uns, denn eine Verfolgung durch den Wald Katalynias war zwecklos.
Lange starrte ich noch auf die Stelle im dunklen Wald, wo er verschwunden war. Langsam nahmen die Vögelchen am Waldrand wieder ihr melodisches Gezwitscher auf und nichts deutete auf die außergewöhnliche Situation mehr hin. Nicht nur Jeb und Madeleine versuchten, mich aus meiner eisernen Starre zu befreien, sondern auch die Soldaten. Sanft zerrten sie mich zur Stadtmauer zurück.
Als wir durch das Tor kamen, hastete Halvar mir entgegen und wäre beinahe gegen mich geprallt. Seine dunklen Augen schienen jeden Zentimeter meines weiblichen Körpers nach jeder Art von Verletzung abzusuchen. Als er keine fand, drückte er mich erleichtert an sich und raunte mir so leise, dass es sonst niemand hörte ins Ohr: „Ich hatte solche Angst um dich, als ich euch drei am Waldrand sah. Ich … ich dachte, ich würde dich verlieren.“ Seine unsicheren Worte lösten etwas Unbehagen in mir aus. Das Gefühl in meiner Brust ließ sich nicht zuordnen und ich hatte auch keine Zeit, mich jetzt mit den auseinanderzusetzen. „Mir ist ja nichts passiert. Jeb war da und ich kann mich wehren, du hast mir selbst das Kämpfen beigebracht!“ Er drückte mich leicht von sich und sah mir tief in die Augen. Wir wussten beide, dass sogar ein unerfahrener Kämpfer Jeb mit einem Hieb aus dem Weg räumen könnte, wenn er wollte. Und was meine Kampfleistungen anging, war selbst mir bewusst, dass ich gegen einen Krieger ohne Waffe nicht die geringste Chance hätte.
Als Halvar die untypische Situation bewusst wurde, ließ er schnell die Hände fallen und ging ein paar hilflose Schritte zur Seite, um sich wieder wie ein Soldat zu benehmen. Erst jetzt erkannte ich den Verließgeneral in der Gruppe meiner Eskorte. Er gab Halvar mit einem kurzen Handwisch das Zeichen, sich wieder auf seine Position oben auf der Stadtmauer zu begeben. Dieser drehte sich abrupt um und stieg die Treppe nach oben. Der Verließgeneral erteilte auch Madeleine und Jeb die Befehle, sich wieder ihren Aufgaben in der Burg zu widmen, nahm mich dann in die Mitte der Gruppe und brachte mich zur Königsburg. Er meinte, ich solle mit ihm zu meinem Vater kommen, für den Bericht, aber ich entschied mich kurzerhand dagegen und lief auf mein von der Sonne mit Licht durchflutetes Zimmer. Erleichtert ließ ich mich auf mein weiches Himmelbett fallen. In den nächsten Stunden ging mir viel durch den Kopf und jedes Mal, wenn ein Dienstmädchen hereinkam, schickte ich sie sofort weg. Meine Eltern wussten, dass ich zu ihnen kommen würde, wenn ich reden wollte, deshalb versuchten sie es nicht einmal, mir in meinem kleinen behüteten Reich Gesellschaft zu leisten. Die einzigen Personen, die ich gerne sehen wollte, waren Madeleine und Jeb, welche heute wohl nicht mehr von ihren Tätigkeiten fortgehen durften, oder meinen Bruder, der erst am Abend von einem langen Ritt aus den umliegenden Dörfern kommen würde. Nun war ich also allein mit meinen Gedanken, die wirr in meinem Kopf schwirrten. Doch die Fragen, die mich am allermeisten beschäftigten, waren, wer dieser Mann war und warum er mich angesehen hatte, als würde er mich kennen.
2. Kapitel
Lorca
Hastig eilte ich zwischen den hohen Bäume weiter in den dunklen Wald hinein, der vor mir lag. Der Adrenalinkick ließ langsam nach und die Schmerzen, die die Pfeilspitzen in meinem Fleisch verursachten, vernebelten mir die Sicht. Kurzerhand entschied ich mich, hinter diesen Brombeersträuchern einen kurzen Stopp einzulegen und mir die Pfeile herauszuziehen. Ich lehnte mich mit der unverletzten Schulter gegen einen der alten Baumstämme und schloss meine schweißnassen Hände um den herausstehenden Teil des Geschosses. Das Stück Stoff, das ich mir in den Mund stopfte, sollte jeglichen Schrei, der mir entfahren könnte, abstumpfen. Obwohl ich nicht glaubte, im Wald verfolgt zu werden, wollte ich das Risiko nicht eingehen, verwundet entdeckt zu werden.
In meinen Gedanken sprach ich ein kurzes, flüchtiges Gebet, bevor ich die Zähne stark aufeinanderbiss und am Pfeilende zog. Anfangs dachte ich schon, ich würde bewusstlos auf den Waldboden voller Wurzeln und Moos fallen, doch beim letzten kräftigen Ruck glitt der Pfeil aus meinem roten Fleisch. Blut spritze aus der frischen Wunde und ich konnte nur hoffen, meinen Wadenmuskel nicht zu sehr in Fetzen zerrissen zu haben. Schnell wickelte ich mit einem weiteren Stück rauen Stoff von meiner Hose einen provisorischen Verband um die verletzte Stelle. Die stechenden Schmerzen schienen nicht aufzuhören und raubten mir einen Großteil meiner noch vorhandenen Kraft. Jedoch konnte ich mich noch nicht hier auf dem Moos hinlegen, um zu rasten, da ja noch eine zweite Pfeilspitze in meinem Körper steckte. Ich nahm mir das Stoffstück aus dem Mund, spuckten den ekeligen Geschmack aus und holte einige Male tief Luft. Dann stopfte ich den Fetzen wieder zwischen meine Zähne und hob meine Hände. Sofort durchfuhr mich ein betäubender Schmerz und ich musste feststellen, dass ich meine rechte Hand aufgrund des Geschosses nicht heben konnte. Das hieß, ich würde sie mit einer Hand entfernen müssen. Ich setzte einen weiteren Versuch, mich von meinen Qualen zu befreien, an und zog aus Leibeskräften am anderen Ende des Pfeils. Die Schmerzen wurden immer heftiger und übernahmen alle meine Sinne. Die Sicht verschwamm, die Geräusche des Waldes wurden durch ein Dröhnen ersetzt und ich spürte nur mehr, wie ich mit dem Kopf auf einer harten Wurzel aufschlug.
***
Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich nichts als gellende Schmerzen. Blinzelnd versuchte ich, meine Augen aufzubekommen und meine Umgebung nach nahenden Gefahren abzusuchen. Langsam richtete ich meinen gelähmten Körper auf, während ich weiter versuchte, zu erfassen, wo ich mich befand. Mein Kopf pochte stark. An der Stelle, an der ich auf der harten Wurzel aufgeschlagen war, hatte sich eine fette Beule gebildet. Vorsichtig fuhr ich mit den Fingern darüber und stellte fest, dass es nicht nur eine riesige Schwellung, sondern auch aufgeplatzt war und rotes getrocknetes Blut sich auf der Wunde befand. Schnell tastete ich nach der verletzten Wade und stellte fest, dass der Stoff bereits komplett mit meinem Blut vollgesaugt war und ich mehr Verbandzeug brauchen würde. Auch der noch immer in meinem Fleisch steckende Pfeil in meiner Schulter machte mir Sorgen. Wenn er sich nicht entfernen ließ, würde ich ihn wohl abbrechen müssen. Schnell hob ich die rechte Hand zum Pfeilende und knickte das Ende, damit das Holz durchbrach.
Die Schmerzen vernebelten mir zwar nicht mehr die Sicht, aber klar denken konnte ich dennoch nicht. Klar war auch, in diesem Aufzug konnte ich niemals den einzigen Fluchtweg nehmen. Meine letzte Möglichkeit zu überleben, war es, zurückzugehen und zu versuchen, nicht gefangen genommen zu werden und einen Heiler zu finden, der meine tiefen Wunden versorgen könnte. Ich war mir sicher, dass mich bald ein starker Fieberwahn überfallen würde, dann wären meine Chancen gleich null. Mit letzter Kraft zog ich mich am Baumstamm neben mir auf die wackeligen Beine. Es würde schwierig werden, unauffällig in die Stadt zu kommen, noch dazu, weil meine Wunden nicht so leicht zu verstecken waren. Dann fiel mir wieder das Mädchen von heute ein, das hinter diesem schäbig gekleideten Jungen gestanden hatte. Sie war wunderschön und zierlich wie jede Blaublütige in den Sonnenkönigreichen. Langsam schüttelte ich meinen Kopf. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, über ein Mädchen nachzudenken. Vielleicht sollte ich mir wo anders Hilfe suchen. Doch es war die einzige Möglichkeit, die mir noch offengeblieben war, weshalb ich mich langsam durch den dunklen Wald zurückbewegte. Genau dorthin, wo ich herkommen war.
Reena
Die Wunden sind tief. Er hat viel Blut verloren. Der Tod wird ihn sich holen!
Mit pochendem Herzen schreckte ich in meinem weichen Bett hoch. Mein dünnes Nachthemd klebte durch den ganzen Schweiß an mir. Es war nur ein Albtraum, versuchte ich mir einzureden. Doch mein Bauchgefühl zeigte mir, dass es nicht nur ein verstörender Traum sein konnte. Verwirrt ließ ich meinen Blick durch mein dunkles Zimmer gleiten. Es war mitten in der Nacht und der Mond stand hell am Himmel. Ich versuchte mich, mit regelmäßigen, tiefen Atemzügen etwas zu beruhigen und stand auf, um auf den Balkon ins Freie zu treten. Der Marmor unter meinen nackten Zehen war eiskalt, doch das spürte ich kaum. Mein Herz fand zurück zu einem regelmäßigen Rhythmus und selbst mein Atem ging nicht mehr, nur stoßweise.
Das unscharfe Bild des verletzten Mannes von heute, wie er in seinem eigenen Blut auf dem Waldboden lag, wollte mir nicht aus dem Kopf gehen. Was war an diesem Menschen so besonders, dass er selbst meine Träume zu stehlen versuchte. Bevor ich noch weitere Gedanken an dieser Illusion verschwenden konnte, blickte ich auf die Stelle am Waldrand. Kein Wind störte die friedliche Stille, die sich über das Reich gelegt hatte. Doch plötzlich sah ich etwas aufblitzen, nur eine Bewegung, sodass ich mir anfangs nicht mal sicher sein konnte, ob es eine Einbildung war. Eine gruselige Nachwirkung meines realen Traumes. Ich kniff die Augen zusammen und konzentrierte meine Sinne darauf, etwas in der weiten Ferne zu erkennen. Nach einigen Sekunden wollte ich mich schon wegdrehen, als ich den Schatten nun deutlicher sah. Der Waldrand. Dieser jemand schien verletzt zu sein und humpelte langsam aus dem dunklen Wald heraus. Es bestanden keine Zweifel, dass dies der flüchtende Mann von heute sein musste. Er ging noch ein paar Schritte auf die offene Wiese und mir schien, als würde er seinen Blick zu mir richten. Doch wie sollte er mich aus dieser weiten Entfernung auch nur sehen können. Meine Fantasie ging mit mir durch.
Ich beobachte ihn, wie er einfach nur zwischen den leicht schaukelnden Grashalmen und Blumen dastand. Es sah so friedlich aus und mir kam es vor, als könnte nichts diesen Moment zerstören. Doch dann sackte er in sich zusammen und fiel wie ein Mehlsack in das hohe Gras. Mir stockte der Atem. Aus Gewohnheit kniff ich mich selbst in den Oberarm und wie üblich zuckte ich kurz zusammen. Nein, ich träumte nicht! Das hier war echt. Es war real. Ohne zu zögern, lief ich in mein Zimmer zurück, nahm mir schnell meinen Mantel und sauste hinaus auf den Gang. Alles lag ruhig und friedlich vor mir. Niemand rührte sich. Keiner hat irgendetwas von dem Mann auf der bunten Wiese mitbekommen. Eilig sprintete ich in das Krankenzimmer und ging durch den kleinen Raum auf den alten Eberholzschrank zu. Schwungvoll riss ich ihn auf und suchte nach Verbandszeug, Faden, Nadel, Wundcremen und Mixturen gegen Fieber und Entzündungen. Schnell packte ich alles Nützliche in einen Stofffetzen zusammen, schloss den Schrank und rannte wieder auf den leeren Gang hinaus. Mit schnellen Schritten erreichte ich die Dienstbotenkammer. Während ich hindurcheilte, fiel mir ein, dass ich eine Feldflasche mit Wasser gut gebrauchen könnte. Also blieb ich kurzerhand stehen und blickte mich suchend nach einer Flasche um. Ich dachte schon, dass hier keine aufbewahrt wurde, als mir eine in der der dunklen Ecke neben der schmutzigen Kleidung auffiel. Ich beeilte mich, die Flasche zu füllen, und nahm meinen Weg über die Dienstbotentreppe wieder auf. Meine nackten Zehen schmerzten schon von dem rauen kalten Gestein unter meinen Füßen, aber meine Gedanken überschlugen sich und gaben mir die notwendige Kraft, schneller voranzukommen. Ich schoss um die nächste Ecke und lief über den Marktplatz. So leer hatte ich diesen Stadtteil noch nie gesehen. Tagsüber war hier zu jeder Jahreszeit geschäftiges Treiben vorzufinden. Ohne auf die Umgebung zu achten, jagte ich die mir bekannten Wege auf das schwere Stadttor zu, das sich nun wie das Maul eines Drachens vor mir aufbaute. Meine Blicke glitten entlang der hohen Stadtmauern. Auch zu dieser gottlosen Zeit befanden sich eine Handvoll Soldaten auf ihren Wachpositionen. Das könnte ein Problem werden. Dann kam mir ein unglücklicher Gedanke, wie eine Vision, dass es schon zu spät sei, weil die Krieger meines Vaters ihm schon das Herz mit einem stählernen Schwert durchstoßen hatten. Schnell schüttelte ich diesen schrecklichen Gedanken wieder weg und lief kurz vor dem Tor nach rechts. Nachts war das Tor fest verschlossen und es zu öffnen, würde unnötige Aufmerksamkeit auf mich und mein verbotenes Vorhaben lenken, die ich nicht gebrauchen konnte. Meine Augen suchten verzweifelt nach dem Abfluss, der auf dieser Seite der Stadtmauer nach draußen verlaufen sollte. Als ich das rostige Gitter erblickte, stürzte ich darauf zu und zwängte meine zierlichen Finger durch die kleinen Löcher und zog aus Leibeskräften an dem Metall. Anfangs bewegte es sich kaum, doch dann lockerte es sich und ich konnte es leicht anheben. Ich glitt in das dunkle Loch und verschloss den Eingang wieder mit dem rostbraunen Gitter. Der ekelige Gestank von Abfall und Ausscheidungen stieg mir in die Nase und ich kniff mir mit der freien Hand die Nasenflügel zusammen. Verkrampft konzentrierte ich mich auf das weiche Licht, das durch den nächsten Einstieg hereinfiel, um nicht über den Schlamm nachzudenken, durch den meine nackten Füße stapften. Als ich endlich auf der anderen Seite ankam, kletterte ich die Mauer etwas nach oben, um die Gitter auf dieser Seite anzuheben. Das Glück war auf meiner Seite und ich konnte durch die Lücke nach draußen gelangen.
Erleichtert atmete ich die kühle Nachtluft ein und stürmte geduckt durch das hohe Gras. Ich traute mich nicht, zur Stadtmauer hochzublicken, da ich befürchtete, jeden Moment entdeckt zu werden. Doch keiner schrie mir nach und ich erreichte den Waldrand. Rasch suchte ich die Wiese nach dem Mann ab. Mein Blick streifte aufmerksam über das hohe Gras. Dann sah ich eine auffällige Stelle in der Wiese und rannte darauf zu. Vor mir lag der schwarzgekleidete Mann von heute Nachmittag, doch nun sah er keineswegs mehr bedrohlich aus. Es war nur noch ein zusammengesackter, blutiger Körper eines Menschen. Eilig kniete ich mich neben ihn und packte meinen kleinen Beutel mit den Arzneimitteln aus. Sorgfältig legte ich alles übersichtlich auf den Stofffetzen und band mir mit einem Lederband das lange blonde Haar aus dem Gesicht.
Bevor ich mich daran machte, den geheimnisvollen Fremden zu verarzten, holte ich nochmals tief Luft. Dann durchforstete ich meine Erinnerungen nach den Stellen, an denen er von den Pfeilen getroffen wurde. Zuerst widmete ich mich seiner rechten Schulter. Vorsichtig legte ich die Stelle frei und sah mir den übergebliebenen Rest des Geschosses in seinem Fleisch an. Es hatte sich bereits leicht entzündet, dennoch musste die Spitze schleunigst entfernt werden. Ich legte meine Hände um das Holz und zog mit meiner ganzen Kraft den restlichen Pfeil heraus. Der Mann zuckte kurz zusammen, kam jedoch nicht zu Bewusstsein. Schnell legte ich das blutige Stück Holz und Eisen in die Wiese und begann, mit sauberen Tüchern und Wasser die Wunde zu reinigen. Anschließend nähte ich das klaffende Loch zusammen und schmierte eine stinkende Salbe auf das verletzte Fleisch. Zum Schluss legte ich ihm vorsichtig einen Verband über die Wunde, um sie vor weiteren Infektionen zu schützen. Ich musste grinsen. Meine Tante Magarete wäre stolz auf mich, wenn sie wüsste, wie sorgfältig ich seine Wunden behandelte. Nun rückte ich ein Stück hinunter und suchte sein Bein ab. Da ich keine Verletzung fand, betastete ich das andere Bein und fand an seiner Wade sofort eine geschwollene Stelle. Ich schnitt die schwarze Hose auf und versuchte, den Stofffetzen von der Wunde herunterzugeben. Der Stoff war tropfnass von seinem Blut. Kein Wunder, bei so einem hohen Blutverlust konnte er nur zusammenbrechen. Auch hier säuberte, nähte und verband ich die Verletzung. Als ich fertig war, packte ich die mitgebrachten Sachen wieder in meinen Stoffbeutel und wollte schon aufstehen, als er sich bewegte. Er drehte sich zur Seite und sah mich mit festem Blick an. „Suna?“ Ich sah ihn fragend an, doch er sprach nicht mehr weiter. Meine Augen blieben auf seiner Stirn hängen, auf der eine fette, blutverkrustete Beule prangte. Auch diese Wunde sollte versorgt werden, weshalb ich mich ihm vorsichtig näherte. Als er meine Bewegung wahrnahm, zückte er seinen kleinen blutverschmierten Dolch und richtete ihn auf mich. Abwehrend hob ich meine Hände, denn ich hatte keinen blassen Schimmer, ob er mich überhaupt verstehen konnte, wenn ich katalynisch, der Sprache des Reiches, zu ihm sprach. Ich beschloss, trotz der Waffe noch ein Stückchen näher heranzurücken. Zwar ließ er den Dolch nicht aus seinem starken Griff, aber er erlaubte mir, näher zu kommen. Als meine kalten Hände seine Stirn berührten, zuckte er kurz zusammen, doch dann beobachtete er mich nur mehr unter zusammengekniffenen Augen. Vorsichtig begann ich, auch diese Wunde zu säubern, zu nähen und zu verbinden. Dann packte ich die Gegenstände wieder zusammen und wollte schon gehen, als er mich am Arm zurückriss. Trotz der Verletzungen war er immer noch ein Krieger mit viel Kraft, die ich nicht unterschätzen durfte. Er sagte nichts, aber seine Augen glitzerten dankbar und meine Haut brannte an der Stelle, an der seine eisigen Finger meinen Arm umschlossen. Wir sahen uns lange Zeit nur tief in die Augen. Irgendetwas an diesem Mann faszinierte mich zutiefst. Ob nun seine kampfbereite Haltung und die stolze hochnäsige Ausstrahlung, die ihn umgab, oder dieses furchtlose Glitzern in seinen wässrig blauen Augen, ich konnte es nicht sagen. Unerwartet riss er sich von mir los und humpelte mit angespannten Schultern auf den Wald zu. Überrumpelt konnte ich mich keinen Zentimeter bewegen.
Bevor er in der Finsternis verschwand, drehte er sich noch einmal um und sah mich wieder mit diesem verwirrten Blick an. Unausgesprochene Worte lagen zwischen uns. Die kühle Nachtluft schien förmlich vor Spannung zu knistern. Bevor ich ihn fragen konnte, wie er hieß, bewegte er sich trotz der frischen Wunden, geschmeidig wie ein Panther weiter und der dunkle Wald verschluckte ihn gänzlich. Lange Zeit blieb ich kerzengerade vor dem Waldrand stehen. Rührte mich keinen Millimeter. Wie eine zu Eis gewordene Statue. Ich konnte keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Nach einer Ewigkeit spürte ich, wie die unangenehme Kälte sich einen Weg durch meinen kleinen Körper zu bahnen versuchte. Ich gab mir selbst einen Ruck und trat, von den Ereignissen aufgewühlt, meinen Rückweg an.
3. Kapitel
Malik
„Junge, du bist ja schon so groß geworden. Einen richtigen Mann haben sie aus dir herausgeholt. Ich bin ja so stolz auf dich!“, Aarons Stimme hallte in hohen schrillen Tönen an unsere schon fast tauben Ohren, als er zum zigtausendsten Mal die liebevollen Worte seiner Großtante wiederholte. Er war nicht sehr begeistert gewesen, sie zu sehen. Seinen gruseligen Lagerfeuergeschichten nach zu urteilen, hatte diese ältere Dame unheilvolle Stimmungsschwankungen, die sich nicht einfach kalkulieren ließen. Doch wir hatten großes Glück, denn an diesem sonnigen Tag schien sich ihre Stimmung durch unseren kleinen Besuch nur noch weiter anzuheben und wir wurden geradezu mit süßen Leckerbissen überschüttet.
Allein beim Gedanken an die duftenden Blaubeerküchlein und die knusprigen Zimtschnecken lief mir das Wasser im Mund zusammen und ich legte mir die linke Hand auf den noch vollen Bauch. Während Aaron wie ein tosender Wasserfall die Geschehnisse von heute noch einmal aufzählte, spielte ich selbst den Tag, angefangen vom Ritt im kühlen Morgengrauen, durch. Alle Dörfer, die wir durchritten hatten, schienen für den kommenden heißen Sommer vorbereitet zu sein. Mir waren keine einzigen Beschwerden über kahle Felder, tote Rinder oder Hunger zu Ohren gekommen und die Menschen, denen wir auf unserem Ritt begegnet waren, schienen satt und zufrieden. Vater würde sich über diese positiven Neuigkeiten freuen. Ein glücklicher Bauer war für das Reich sehr wichtig. Glückliche Untertanen plus perfekte Wetterbedingen bedeuteten eine ertragreiche Ernte.
Ich sah kurz über die rechte Schulter, um mich zu vergewissern, dass Ragnar und Elian noch auf ihren Trakehner hinter mir und Aaron her ritten. Beide sahen vom langen Tagesritt erschöpft aus. Doch als ich sie fragend ansah, grinsten mich beide nur dumm an. Ihnen fehlten wohl auch schon die Nerven für Aarons Geplapper. Eine Bitte für ein paar entspannende Schweigeminuten auszusprechen, war jedoch undenkbar. Das wäre vergleichbar mit einem Fausthieb ins Gesicht. Ihn so zu verletzten, wollte ich auf keinen Fall und wie ich annahm, Ragnar und Elian ebenso nicht. Deshalb ritten wir schweigend neben Aaron her und ließen ihn die kühle Nachtluft durch seine schon bekannten Geschichten füllen.
Wir erklommen gerade den letzten felsigen Hügel, bevor der feste Untergrund der sanften Wiese weichen würde. Die Aussicht von hier oben war atemberaubend. Vor uns lag eine weite Ebene aus hohem Gras, dann folgte ein kleiner Streifen Wald und dahinter konnte man schon die kunstvoll erbauten Türme der Hauptstadt Onayas sehen. Mein Herz machte einen Sprung. „Kommt schon! Wer als erster beim Stadttor ist.“ Ich ließ die Zügel schnellen und stürmte den Hügel hinab. Meine Begleiter brauchten einige Sekunden, um das Gesagte zu verstehen und ritten dann eilig hinter mir her. Jede Müdigkeit war nun überwunden und wir lieferten uns zu viert ein rasantes Wettrennen. Ragnar hatte schnell aufgeholt und wir beide lieferten uns einen wilden Kampf um den ersten Platz. Aaron und Elian versuchten verzweifelt, mit uns mithalten zu können und gleichzeitig nicht der letzte Reiter zu sein. Ich setzte mich an die Spitze und ritt ungebremst auf die niedrigen Bäume zu. Als ich die ersten Hindernisse hinter mir ließ überraschte mich Ragnar von der Seite und ich konnte gerade noch rechtzeitig dem stacheligen Brombeerstrauch ausweichen. Schnell fasste ich mich wieder und eilte ihm nach. Unser fröhlicher Kampf um den Sieg ging weiter, bis schlussendlich Ragnar ganz knapp vor mir das hölzerne Tor erreichte. Wild schnaufend stiegen wir von unseren Trakehnern ab und führten die Tiere zum kleinen Bach, der sich vor der Stadtmauer auf den geheimnisvollen Wald zu schlängelte. Auch Elian, der stumm grinste, und Aaron, der ihn finster anfunkelte, gesellten sich nach Luft ringend zu uns. Verlieren zählte nicht wirklich zu Aarons Stärken.
Nachdem die Pferde sich sattgetrunken hatten, führten wir sie durch das schwere Stadttor, wo wir von den Soldaten auf den Wachposten freundlich begrüßt wurden. Immer noch schweigend stellten wir die Trakehner in ihre Boxen, gaben ihnen zu fressen, hoben die Ledersättel und die dunklen Reitdecken von ihren Rücken und begannen, sie ausgiebig zu striegeln. Mein Tier zuckte dabei genüsslich mit den Ohren. Ich würde mich beeilen müssen, meinem Vater Bericht zu erstatten, wenn ich noch nach Reena sehen wollte. Was sie wohl heute gemacht hatte. Bestimmt war sie dem königlichen Gelehrten weggelaufen, um keine langweiligen Privatstunden durchhalten zu müssen. Bei dem Gedanken an meine lebensfrohe Schwester musste ich grinsen.
Rasch erledigte ich meine Arbeit im dunklen Stall, der nur von den wenigen Fackeln erleuchtet wurde. „Gute Nacht. Wir sehen uns morgen beim Schwerttraining.“ Meine Freunde riefen ähnliche Abschiedsgrüße aus den Pferdeboxen, doch ich hatte nur mehr das Ziel, zu meinem Vater zu kommen. Ohne nachzudenken, platzte ich in das stickige Arbeitszimmer des Königs. Er sah mich über einen Stapel Papiere hinweg gereizt an. „Guten Abend. Nun, hast du irgendwelche wissenswerten Neuigkeiten oder geht es unseren Einwohnern glänzend?“ Mein Vater wusste, dass ich unbedingt noch zu Reena wollte. Meine Zwillingsschwester und mich zu trennen, ist nach wie vor ein beinahe unmögliches Vorhaben. „Nein, alles bestens. Keine Beschwerden. Alle satt und gesund.“ Er nickte zufrieden und stand müde von seinem Arbeitstisch auf. Nach wenigen Schritten hatte er den Tisch umrundet und klopfte mir auf die Schulter. Von einer liebevolleren Geste konnte ich nur träumen. Vater war eben mehr König als Familienmensch. „Schlaf gut, Vater!“ Ich drehte mich um und lief wieder auf den sich schon leerenden Gang. Wie aus weiter Entfernung nahm ich noch die tiefe Stimme und das „gute Nacht“ des Königs wahr. Mit rasendem Tempo rannte ich auf das Zimmer meiner Schwester zu, wobei ich beinahe über meine eigenen Füße gestolpert wäre. Schwungvoll riss ich die Zimmertür auf und trat ein. Reena lag ausgestreckt in ihrem braunen luftigen Kleid auf dem weichen Himmelbett. Anscheinend hatte sie einen harten Tag hinter sich. Ich entschied mich, ihr diese Ruhe zu gönnen, gab ihr einen leichten Kuss auf die Stirn und schlich mich wieder auf den Gang hinaus. Ich nahm mir vor, noch vor dem täglichen Frühstück zu ihr zu gehen und sie mit Fragen zu durchlöchern. Meine schweren Lider ließen sich kaum mehr offenhalten. Daher beeilte auch ich mich, meine Gedanken dem Land der Träume zu überlassen. Kaum hatte ich eine gemütliche Position unter meiner weichen Decke gefunden, war ich auch schon weggetreten.
Reena
Folge deinem Herzen. Hör nicht auf, zu suchen. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du verstehen!
Lautes Klopfen an meiner dünnen Zimmertür ließen mich aus dem Traumland mit den flüsternden Stimmen aufschrecken. Nach meinem nächtlichen Ausflug verbrachte ich noch lange Zeit damit, meine schmutzigen und blutverschmierten Füße zu säubern und die Kleidung unter einem Schmutzwäschestapel verschwinden zu lassen. Als ich mich dann erschöpft in mein Bett fallen ließ, begann sich der Himmel bereits etwas zu erhellen und der neue Tag brach unaufhaltbar über das Königreich herein. Dennoch fand ich in den wenigen Stunden etwas erholsamen Schlaf, den meine tauben Füße dankend begrüßt hatten.
Ich rieb mir die noch von Schlaf verklebten Augen, um mich an das grelle Licht der wärmenden Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster in mein Zimmer fielen, zu gewöhnen. Das Klopfen erklang ein weiteres Mal und ließ mich genervt aufstöhnen: „Ich bin munter. Komm rein!“ Unbekümmert fuhr ich mit den gespreizten Fingern durch mein leicht verknotetes Haar, während sich Madeleine durch die Tür zu mir hereinschob. Erwartungsvoll schaute sie mir in die Augen, als wüsste sie bereits von meinem geheimen Ausflug. Nervös erwiderte ich ihren Blick und versuchte, mir meine innere Unruhe nicht anmerken zu lassen, als sie zum Bett schlich und sich neben mir in die weiche Decke fallen ließ. Sollte ich mir eine Ausrede für mein heimliches Herumschleichen ausdenken? Eigentlich sollte ich ihr alles erzählen können. Wir waren schließlich beste Freunde. Oder?
Mit verträumtem Glitzern in ihren blaugrünen Augen starrte sie die kunstvoll verzierte Zimmerdecke an, während ich mich ihr entgegendrehte und meinen schweren Kopf auf meiner Hand abstütze. Aha, also lag es doch nicht an meinem nächtlichen Ausflug. Ich musste grinsen. „So, so, hat sich da jemand das überdimensional große Herzchen meines loyalen Dienstmädchens geklaut?“ Sie sah mich böse an, doch ich wackelte nur vielsagend mit meinen hellen Augenbrauen. „Das stimmt überhaupt nicht. Mein Herz ist immer noch an Ort und Stelle!“ Eingeschnappt verschränkte sie ihre zierlichen Arme über der üppigen Brust. Doch sie konnte ihre Maske nicht lange aufrechterhalten, schon überzog ein glückliches Grinsen ihre roten Lippen.
„Komm schon! Sag es mir doch einfach, dein Geheimnis ist bei mir sicher. Außerdem würde ich so oder so herausfinden, wer dieser Jemand ist!“ Wir wussten beide, dass nichts, was in Onayas’ Straßen und Winkeln passierte, vor mir versteckt werden konnte. Ich besaß ein geschultes Auge für scheinbar unsichtbare Dinge, hatte einst meine Mutter gemeint. „Nun ja, also … ich … wir … also … Jeb hat mich geküsst!“ Beschämt versuchte sie, meinem Blick zu entkommen, indem sie ihren zarten Armreif begutachtete, als hätte sie ihn noch nie zuvor gesehen. Ich legte meine warme Handfläche auf ihre Wange und drehte ihr mit roten Flecken übersähtes Gesicht in meine Richtung. Vereinzelt fielen ihr lose Strähnen ins Gesicht, die ich ihr sanft hinter die elfenhaften Ohren strich.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll! Schon vor Wochen ist mir zwischen euch beiden diese neuartige Zärtlichkeit aufgefallen und bitte glaube mir, ich habe nichts dagegen auszusetzen, aber bitte überlasst mich nicht mir selbst!“ Natürlich hatte ich Angst, sogar mehr als nur ein bisschen, meine beiden besten Freunde aufgrund ihrer neugewonnenen Liebe zueinander zu verlieren. Schon die bloße Vorstellung, ohne diese wundervollen Menschen über den Marktplatz zu schlendern, raubte mir den Atem und ließ meine fließende Bewegung ins Stocken kommen.
„Reena, wir würden dich doch nie allein lassen. Du bist meine beste Freundin, meine Schwester.“ Von unseren wilden Emotionen gesteuert zogen wir uns in eine feste, warme Umarmung, die ich so dringend gebraucht hatte. Nun, da dieses heikle Thema angesprochen war, fühlte ich eine unbewusste Last von mir wegfallen.Tu das nicht. Sie wird nicht verstehen, wie du das tust.Das unbekannte Flüstern aus meinen verschwommenen Träumen drang an meine Ohren. Ich hielt inne, um mich zu vergewissern, dass nur ich diese vom Wind herbeigetragenen Worte verstanden hatte. Als hätte jemand mein Vorhaben, Madeleine von dem verletzten Schatten zu erzählen, erraten. Mir war selbst auch bewusst, dass ich ein hohes Risiko eingehen würde, sie in diese unklare Geschichte einzuweihen und sie ihr noch dazu verständlich zu erklären.
Sorglos rollte sie sich aus meiner Umarmung, denn sie musste wieder an ihre Arbeit in der Wäscherei. Schnell verabschiedeten wir uns voneinander und so leise wie sie gekommen war, schlüpfte sie wieder aus meinem gemütlichen Zimmer hinaus. Auch ich musste mich zwingen, aus dem wohlig warmen Bett zu steigen und mich in meine gemütlichen Kleider zu werfen. Mein leerer Bauch knurrte bereits und ich machte mich auf den Weg in die dampfende Küche, um mir ein paar frische Leckerbissen zu stibitzen.
***
Nach dem anstrengenden Kampftraining der Soldaten hatte Malik endlich Zeit, zu mir zu kommen. Er erzählte mir eifrig vom gestrigen Tag und stellte mir im Anschluss genauso viele Fragen über meine üblichen Beschäftigungen. Als ich ihm von dem flüchtenden Schatten erzählte, wurde meine Bruder nervös und rutschte ungeduldig auf seinem Sitzplatz neben mir umher. Natürlich machte er sich Sorgen. Aber ich konnte ihn durch ein paar weitere Worte beruhigen und wir unterhielten uns genauso fröhlich wie zuvor. Das dampfende Abendessen ließen wir uns in mein Zimmer bringen, um weiter ungestört gemeinsam unsere Zeit verbringen zu können. Außerdem hatte ich keine Lust, unseren Eltern zu begegnen, denn auch sie mussten bereits von dem Vorfall am Waldrand in Kenntnis gesetzt worden sein, was hieß, dass sie sich neue, strengere Sicherheitsmaßnahmen für mich überlegen würden. Wenn diese nicht bereits in Kraft getreten waren.
Nach weiteren etlichen Stunden verabschiedete sich Malik müde von mir und verschwand in den leeren Gängen der Königsburg in sein eigenes Zimmer. Sofort musste ich wieder an gestern Nacht denken … wie ich dem fremden Mann, trotz gezückter Waffe, die blutige Wunde auf seiner Stirn säuberte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine sauberen Verbände und die stinkende Wundsalbe viel geholfen hatten. Wenn er sich ausruhen würde, könnten die tiefen Wunden gut abheilen, aber dort draußen im dunklen Wald lauerten unzählige Gefahren und sowohl trinkbares Wasser als auch Essen waren in seiner derzeitigen Verfassung schwer aufzutreiben. Kurzerhand entschied ich mich, geduckt in die königliche Küche zu schleichen und in den vollen Vorratskammern ein paar Lebensmittel zu entwenden. Dann holte ich noch schnell neue Verbände und die stinkende Wundsalbe von gestern. Alle Dinge in einem Tuch zusammengewickelt, lief ich nun wieder meinen bekannten Weg durch die Stadt zur hohen Stadtmauer, sprang dieses Mal mit meinen ledernen Stiefeln in den Kanal hinab und rannte geduckt auf den vor mir liegenden Waldrand zu. Heute würde ich meine nackten Zehen nicht von Unrat befreien müssen. Nur die stinkenden Stiefel würde ich wohl wie ein ekeliges Ungetüm verschwinden lassen müssen.
Die Finsternis zwischen den Bäumen riss ihr gieriges Maul nach mir auf und drohte, mich zu verschlucken. Ich hatte keine Ahnung, wo ich diesen Mann suchen sollte und ob er sich überhaupt noch hier in der umliegenden Gegend aufhielt. Unschlüssig trat ich von einem Bein auf das andere. Es schien mir keine gute Idee zu sein, allein und unbewaffnet durch einen gefährlichen Wald zu spazieren. Noch dazu gab es unendlich viele Verstecke. Die alle nach ihm zu durchkämmen, würde mehr Zeit beanspruchen, als diese kurze Nacht besaß.
Plötzlich hörte ich ein kaum wahrnehmbares Knacken eines trockenen Astes, das mich unkontrolliert zusammenfahren ließ. Wie ein kleines Schäfchen stand ich vor den riesigen Bäumen und konnte mich keinen Zentimeter bewegen. Mit langen, tiefen Atemzügen versuchte ich, mich zu beruhigen und die lähmende Angst zu ignorieren. Prüfend tasteten meine Augen die Gegend ab und erfassten einen grauen Schemen inmitten der Brombeersträucher. Als der Mann erkannte, dass ich ihn anstarrte, trat er zurückhaltend, aber mit einer gewissen kriegerischen Stärke zu mir vor. Erwartungsvoll blieb er in einem sicheren Abstand zu mir stehen und schien meinen Körper allein durch seinen Blick durchzuleuchten. Langsam ging ich in die Hocke und breitete das raue Tuch auf dem Moos vor mir aus, um ihm zu zeigen, was ich mitgebracht hatte. Ich verhielt mich wie bei einem scheuen Tier, das ich mit Essen zu mir zu locken versuchte. Unschlüssig beäugte er die Gegenstände, entschied sich aber dann nach längerem Überlegen, dass er mich als vertrauenswürdig einstuften könne und setzte sich mir gegenüber.
Zuerst reichte ich ihm die mitgebrachten Brotscheiben mit dem weichen Käse, die er gierig verschlang, als hätte er bereits seit Tagen keinen Krümel mehr zu beißen bekommen. Was wahrscheinlich auch der Wahrheit entsprach. Während er auch die Nussschnecke verspeiste, sah ich nach seinen Wunden. Auf seiner Stirn befand sich eine saubere Kruste, die bereits zu verheilen schien. Mit einer schnellen Handbewegung schmierte ich eine dicke Schicht der Paste darüber, die vor drohenden Infektionen schützen sollte. Dann ging ich um ihn herum und löste vorsichtig meinen Verband von der Schulter. Die Wunde war immer noch eitrig und schimmerte rötlich um die frische Naht. Mit einem frischen Tuch und etwas darauf geträufeltem Wasser reinigte ich die Verletzung, überzog sie mit einer dicken Schicht Wundsalbe und verband die Schulter mit einem neuen Verbandstuch. Seine misstrauischen Blicke spürte ich hin und wieder auf mir. Dabei kribbelte es unheilvoll auf meiner Haut.
Erst als der geheimnisvolle Mann seine ausgiebige Mahlzeit beendet hatte, beobachtete er mich nun interessiert, wie ich mich an den Verband über seiner Wade ranmachte. Vorsichtig löste ich auch hier das Tuch von der klebrigen Wunde, doch ein leichtes Zucken und die Anspannung in seinem Oberkörper zeugten von den Schmerzen, die dabei verursacht wurden. Auch hier saß die Naht beinahe perfekt, doch eiterte die Verletzung um einiges mehr als bei der Schusswunde auf seiner Schulter. Trotzdem wusch ich das verkrustete Blut und den Eiter weg, trug eine noch dickere Schicht der stinkenden Wundsalbe auf und nahm frisches Verbandszeug zum Umwickeln.
Ich spürte, wie sich sein Blick heiß in meinen Hinterkopf bohrte. Meine Versuche, dieses kribbelnde Gefühl zu ignorieren, scheiterten kläglich und selbst mein Kopf schien mir nicht mehr zu gehorchen. Meine Augen fanden sich in einem blauen Himmel wieder, die mich wie immer mit diesem verwirrten Ausdruck anstarrten. Ich wurde einfach nicht schlau aus ihm und stand enttäuscht auf, als ich keine vernünftigen Antworten auf meine ungestellten Fragen bekam. War auch klar, sein Geist würde wohl kaum mit mir in ein lockeres Gespräch verfallen. Dummes Mädchen. Selbstbewusst schritt ich auf die ruhig vor mir liegende Wiese zu, bereit, meinen Weg zurück anzutreten. Nach wenigen Schritten vernahm ich ein lautes Rascheln hinter mir, was bedeutete, dass auch er auf die Beine gekommen war.
„Warte!“, er kam auf mich zu gehumpelt. „Wie heißt du?“ Also sprach er doch meine Sprache und hätte jedes meiner Worte verstanden, wenn ich mich dazu entschieden hätte, doch mit ihm zu quatschen. „Reena, einfach nur Reena.“ Ich wollte ihm nicht meinen vollständigen Namen geben, denn dann wäre sofort klar, dass ich die königliche Tochter war. Reena Magdalena Beauvul. Schrecklich. Kein gewöhnliches Mädchen besaß einen Doppelnahmen und schon gar nicht den weltweit bekannten Nachnamen der königlichen Adelsfamilie von Katalynia.
„Reena“, nachdenklich fuhr er sich mit der Handfläche über die kleinen Bartstoppeln auf seinem Kinn, „nun, dann sollte ich dir wohl danken.“ Verblüfft sah ich ihn an. Das hatte ich nicht von einem stolzen Krieger, wie er einer war, erwartet. Hilflos suchte ich nach den passenden Worten, um ihm zu antworten, doch er wandte sich einfach ab und verschwand ohne einen weiteren Blick über die Schulter im dunklen Wald.
***
Diese geheimen Abstecher wurden zu einer bezaubernden Gewohnheit. Seinen Namen, Lorca, verriet er mir, als ich in der dritten sternenklaren Nacht auf dem moosbewachsenen Waldboden auf ihn wartete. Meist versorgte ich seine Wunden, die unter meiner sorgfältigen Versorgung prächtig verheilten, mit schnellen Handgriffen. Nach meinen Vorhersagungen würden spätestens in ein paar Monaten nur mehr kleine weiße Narben auf seiner blassen Haut sichtbar sein. Auch die unangenehme Stille zwischen uns beiden wurde mit immer mehr Worten und Geschichten aus unserer Kindheit erfüllt. Er war dennoch sehr zurückhaltend und schmückte seine Kindheitserinnerungen mit weniger Emotionen und Details aus. Im Gegensatz zu mir. Ich verlor mich direkt in einem Schwall aus unterschiedlichsten Worten. Mir fielen Buchstabenkombinationen ein, die ich noch nie zuvor in meinem kurzen Leben verwendet hatte. Ein weiteres wichtiges Detail, das er vor mir nicht aussprach, war, in welchem Reich er geboren wurde und warum er von den Soldaten meines Vaters durch Onayas geflüchtet war. Weder sein Akzent noch seine beinahe geisterhaft blasse Haut ließen auf eine mir bekannte Umgebung schließen.