Raunen dunkler Seelen - Isabella Kubinger - E-Book

Raunen dunkler Seelen E-Book

Isabella Kubinger

0,0
17,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Gerade erst haben sich die Drillinge Reena, Malik und Suna wiedergefunden, als die Welt im Chaos der Dämonen unterzugehen droht. Nach und nach ergreifen die dunklen Seelen Besitz von den unwissenden Menschen und bedrohen das friedliche Zusammenleben. Nichts und niemand kann sich vor den eisigen Krallen dieser teuflischen Schatten verstecken. Nur noch die Legende kann sie alle retten. Werden sich die Drillinge ihrem Schicksal noch rechtzeitig fügen und den Dämonen die Stirn bieten?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 545

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Impressum 2

Vorwort 3

Prolog 4

1. Kapitel 16

2. Kapitel 31

3. Kapitel 44

4. Kapitel 60

5. Kapitel 77

6. Kapitel 100

7. Kapitel 123

8. Kapitel 141

9. Kapitel 159

10. Kapitel 177

11. Kapitel 191

12. Kapitel 224

13. Kapitel 239

14. Kapitel 257

15. Kapitel 269

16. Kapitel 283

17. Kapitel 303

18. Kapitel 319

19. Kapitel 332

20. Kapitel 349

21. Kapitel 362

22. Kapitel 378

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-975-0

ISBN e-book: 978-3-99107-976-7

Lektorat: Mag. Katrine Hütterer

Umschlagfoto:Dmytro Tolokonov, Gilles Bizet, Photowitch, Bazruh, Rattasak Pinkaew, Akinshin | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorwort

„Was bist du gewillt, für deinen Wunsch zu zahlen?“

Das körperlose Raunen waberte um meinen vor Kälte zitternden Körper.

„Alles, ich mache alles.“

Keine Unsicherheit.

Ich war mir über die Folgen meiner Worte im Klaren.

Nun gab es kein Zurück mehr.

„Nun gut. So soll es sein.“

Ein unheilvolles Lachen ließ meine Sinne beben.

Meine Gedanken verschwanden in einer Wand aus Nebel.

Es war vollbracht.

Lilos Pakt

Prolog

Reena

„Lauf!“

Ich spürte, wie das Adrenalin durch meinen bebenden Körper sauste. Es füllte mich mit unmenschlicher Energie, schraubte die Muskelleistung auf hundertzwanzig Prozent, ließ mich jedes Detail erkennen, als wäre ich ein hungriger Adler auf Raubzug. Der keuchende Atem hinter mir bestätigte mir, dass Ellen mir folgte. Ohne mich umzudrehen, schnappte ich seine raue Hand und zog ihn weiter hinter mir her. Mir war klar, dass er bald zusammenbrechen würde.

„Reena. Lass mich los. Lass mich zurück. Ohne mich kannst du es schaffen!“

Die lähmenden Schmerzen waren ihm aus seiner stockenden Stimme anzuhören. Wäre ich nur eine Sekunde schneller gewesen. Konzentrierter. Hätte ich die Illusion nur noch einen Atemzug länger aufrechterhalten können, hätte ihn die Axt niemals erwischt. Dann würde er jetzt nicht mit einem tiefen Schnitt über den gesamten Rücken um sein Leben laufen müssen.

„Nein! Nur über meine Leiche. Du stirbst nicht unter meiner Obhut!“

Verzweifelt krallte ich mich noch fester in seinen dreckverschmierten Unterarm und rannte über die felsige Ebene. Ihre metallischen Schritte waren unüberhörbar. Die hohen Felswände trugen sie über jeden eisigen Gipfel. Zu viele. Es waren einfach zu viele.

Auch mir ging schon die Kraft langsam aus. Das wachsame Knistern kitzelte meine gefrorene Nase, doch ich musste noch warten. Nur noch ein kleines Stückchen.

„Reena. Bitte lass …“

„Wenn ich sage ‚spring‘, dann springst du, egal was dir dein gesunder Menschenverstand sagt.“

Mein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Ein klitzekleiner Fehler und wir sind tot, das war mir bis unter die Fingerspitzen klar. Perfektes Timing hieß es nun.

„Was? Was zum Teufel hast du vor?“

Er zweifelte. Natürlich. Doch ich konnte mich nicht auch noch um seine mentale Gesundheit sorgen.

„Vertrau mir.“

Das Beben der schweren Schritte unserer Verfolger pochte durch jeden meiner Knochen. Diese ganze Situation machte es mir nicht leichter, konzentriert zu bleiben, meine knisternde Energie zu bündeln und einen perfekten Plan zu entwerfen. Sie kamen näher. Beinahe konnte ich schon ihren heißen Atem im Nacken spüren. Ihren Wahnsinn. Ihren Drang nach unserem Leben. Unser Tod wäre nur ein weiterer Schritt zur kompletten Vernichtung reinen Lebens. Würden meine Geschwister ohne mich weiter machen? Sie müssten. Ohne sie würde es sich nurmehr um Tage, nein Stunden, handeln, bis die gesamte menschliche Rasse ausgerottet werden würde. Was übrig bliebe, wären leere Schalen, nutzlose Hüllen, bewohnt von Boshaftigkeit, Mordlust und tierischen Reizen. Untote. Zombies.

Allein diese schreckliche Vorstellung schnürte mir die Kehle zu. Ich würde alles geben, um diese grausame Prophezeiung umzukehren. Selbst wenn es mich mein Leben kosten würde. Ich wurde für diese Aufgabe auserkoren und ich werde mich meinem Schicksal nicht entgegenstellen.

„Reena!“

Ellens schrille Stimme riss mich wieder zurück in die Realität. In unsere Realität. Nur noch ein paar Schritte. Die uralte Magie in mir wartete nur mehr darauf, freigesetzt zu werden. Sich zu entfalten und ihre unschuldigen Seelen zu retten, um nicht wie die kleine Flamme einer Kerze zu erlöschen. Ein Schritt noch und dann …

„Spring!“

Meine heisere Stimme überschlug sich, während sich meine schmerzenden Fußsohlen noch stärker in den felsigen Untergrund bohrten. Ich konzentrierte mich nur mehr auf meine lebensrettende Aufgabe. Den Rest erledigten die müden Muskeln meines Körpers. Ob Ellen wirklich gesprungen war, konnte ich nicht sagen. Doch es wäre nun auch zu spät.

Der steinige Boden begann unter meinen Füßen wegzubrechen. Es fühlte sich an, als würde alles Stunden dauern. Zuerst wölbte sich der Boden nur leicht nach unten, dann fielen immer größere Felsbrocken hinab in eine unbekannte Schlucht. Hinter mir ertönten die erschrockenen Schreie der feindlichen Soldaten. Niemand hatte diese Wendung erwartet. Sie alle würden fallen. Fallen in eine tiefe Schlucht, die es überhaupt nicht gibt. Eine Illusion. Und doch so real, dass sie nicht mit dem Leben davonkommen würden. Jeder Einzelne würde sterben und sein Körper in meiner Illusion verschwinden.

Sanft landete ich auf einem der schwebenden Felsen. Er würde mich halten. Keine Frage. Jede Zelle, jede Faser gehorcht mir. Es war eine mächtige Illusion, doch solange ich sie kontrollierte, würde sie niemand durchbrechen können.

Hastig richtete ich mich auf. Wie aus weiter Ferne spürte ich die schleichende Erschöpfung durch meinen Körper kriechen. Meine zu dünnen Schlitzen zusammengekniffenen Augen suchten nach der einzigen Person, die gerade zählte. Ellen. Ich hatte nicht mitbekommen, wann ich seinen Arm losgelassen hatte. Verzweifelt versuchte ich, in der dicken Staubwolke etwas zu erkennen. Ellen darf nicht gefallen sein. Er muss leben. Frustriert krallte ich meine abgebrochenen Fingernägel in die weiche Handfläche. Der kaum wahrnehmbare Schmerz hielt meine Konzentration aufrecht.

„Ellen?“

Nichts. Meine schrille Stimme hallte von allen möglichem Steinwänden wider. Nur meine Stimme. Kein Rückruf, kein Schnaufen, Keuchen und oder Husten. Nichts.

„Ellen. Bitte. Ellen antworte doch.“

Langsam begann sich meine bereits schlechte Sicht zu trüben. Salzige Tränen rannen mir über die schmutzigen Wangen und fielen wie dicke Regentropfen in eine Schlucht, die es gar nicht geben dürfte.

„Ellen?“

Verzweifelt ließ ich die magische Illusion fallen. Die graue Staubwolke löste sich eilig auf und der hinabgefallene Untergrund schob sich wie ein Puzzle wieder zusammen. Verwoben in seiner eigentlichen Grundform, zeugte nichts mehr von dem grausamen Geschehen von vor ein paar Minuten. Die feindlichen Soldaten waren weg. Genauso wie Ellen. Ich war allein.

Vor 7 Monaten Suna

Ich muss mich zusammenreißen. Stark sein für die anderen. Für meine Freunde und Familie. Für meine Schwester. Sorgenvoll sah ich zu ihr hinüber. Tamo musste sie vor sich auf das Pferd setzen, weil sie beinahe bewusstlos vom Pferd gefallen wäre. Nun hing sie schlaff in Tamos Armen. Das sanfte Heben ihrer Brust ist das einzige Lebenszeichen, dass ich seit Stunden an ihr erkenne kann.

Natürlich war mir klar, dass wir sie bis auf die Knochen ausgehungert vorgefunden hatten. Selbst in Merlins Versteck hatte sie kaum etwas Brot gegessen. Es war, als hätte ihr Körper keinen Platz mehr für ausreichend Nahrung. Als würde ihr schmerzlicher Verlust jeden vernünftigen Gedanken ausmerzen und ihren Körper vollständig einnehmen.

„Alles gut bei dir? Soll ich mal wieder übernehmen?“

Eilig riss ich mich von dem traurigen Anblick meiner Schwester fort. Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich langsamer geworden war. Ohne Ellion anzublicken, wusste ich, dass er mich besorgt musterte. Ihm entging nicht die geringste Bewegung. Früher war mir nie klar gewesen, wie aufmerksam er seine nahe Umgebung musterte und sich über jegliches Detail eine Meinung bildete.

In Morodek war er immer so in sich verschlossen gewesen. Niemand wagte es, sich auch nur in seine Nähe zu stellen, geschweige denn, ihn anzureden. Ellion war immer schon ein Einzelgänger gewesen. Ein introvertierter Beobachter. Ein Zuhörer. Was auch hieß, er war wie geschaffen für die schwierigen Aufgaben eines Boten. Treu. Schweigsam. Unauffällig.

„Ja, alles gut. Ich mach mir nur ziemliche Sorgen um Reena. Sie muss etwas essen.“ Ich verspürte erneut meine nagende Frustration in mir aufkommen. Wenn ich etwas noch mehr hasste, als zu versagen, dann war das, nicht in der Lage zu sein, jemandem den man liebte, zu helfen.

„Mach dir keine Sorgen. Sie ist stark, sie schafft das schon.“

Ich bewunderte Ellion für seinen unbrechbaren Optimismus. Doch ich sah einfach nicht, wie Reena es lebend in unsere sichere Unterwelt schaffen sollte. Wir würden noch mindestens zwei Wochen durch die offenliegende neutrale Ebene reisen, bevor wir überhaupt versuchen würden, in die versteckte Unterwelt zu gelangen. Mir war Onkel Tamos Plan deutlich bekannt. Er würde sich nicht auf eine spontane Planänderung einlassen, dafür kannte ich meinen Onkel viel zu gut. Selbst mir war klar, dass es gerade noch zu gefährlich war, um mit Gewissheit sagen zu können, dass uns niemand verfolgte.

„Wie kannst du dir da nur so sicher sein. Sieh sie dir an! Sie besteht kaum mehr aus Haut und Knochen und nun hängt sie schon seit Stunden wie ein toter Hase in Tamos Sattel. Was ist, wenn sie nicht mehr zu sich kommt? Was, wenn sie in unseren Armen stirbt? Wäre dann alles umsonst gewesen? Unsere Bemühungen. Unsere Verluste. Unser vergossenes Blut. Die Gefahr, die wir auf uns genommen hatten.“

Hastig wischte ich mir eine salzige Träne aus dem Gesicht. Es sollte mir nicht unangenehm sein, meine Gefühle zu zeigen, besonders nicht vor den Menschen, die ich schon fast mein gesamtes Leben kenne, doch fühlte ich mich weiterhin zu verletzlich, wenn ich vor anderen weinte. Ich war schließlich eine Nyajamar. Man würde mich als weinerlicher Lappen, ertrinkend in Selbstmitleid nicht mehr ernst nehmen können.

„Sie wird es schaffen.“

Ellion erwartete keine Antwort mehr von mir. Schweigen. Etwas, wofür ich ihm sehr dankbar war. So konnte ich mich ohne schlechtes Gewissen wieder in meine verkorkste Gedankenwelt verkriechen. Es waren erst drei Tage vergangen. Drei sehr lange Tage, seit wir zu sechst das mächtige Reich von König Kan verlassen hatten. Drei verdammte Tage, seit König Kan den Lichten Reichen den Krieg erklärt hatte. Was wohl schon alles geschehen war? Wussten die anderen Königreiche über die bevorstehende Kämpfe Bescheid? Wurden Boten ausgesandt? Oder war nur ein ungutes Gefühl in der Luft, weshalb alle den Atem anhielten, lauschten und zu verstehen versuchten, was ihnen bevorstand?

Zwei Wochen waren viel zu lange. Ich konnte nur hoffen, dass niemand aus Aronien über Morodeks Existenz eingeweiht war. Die Unwissenheit der Lichten Königreiche würde uns noch etwas Zeit verschaffen. Zeit, die wir definitiv brauchen würden, um uns auf die bevorstehenden Kämpfe vorzubereiten.

Sanft führte ich mein Pferd um die nächste Biegung. Der verwachsene Pfad war gerade einmal breit genug, um zwei ausgewachsene Reittiere nebeneinander halten zu können. Seit Jahren benutzten morodekische Boten die längst in Vergessenheit geratenen Wege, um möglichst unauffällig zwischen den Reichen der Oberwelt zu reisen. Die meisten Menschen benutzen die breiten Handelswege und Hauptstraßen, auf welchen meist ein stetiges Treiben herrschte. Kleine Händler und arme Bauern fühlten sich dort geschützter, da hier hinterlistige Überfälle nicht auf der Tagesordnung standen.

Neben mir schreckte ein rotbraunes Eichhörnchen von seinem Fund hoch und rannte blitzschnell auf den nächsten Baum zu. Weit weg von möglichen Gefahren. Außer Reichweite von dem großen Unbekannten. Genauso fühlte ich mich auch gerade. Auf der Flucht vor König Kans Männern, die wahrscheinlich noch nicht mal mitbekommen hatten, dass wir die stinkenden Gassen ihrer monströsen Hauptstadt verlassen hatten.

Schnell. Verlass den Weg.

Verwirrt sah ich mich um. Was war das nur für eine merkwürdige Stimme? Doch niemand meiner müden Begleiter schien das geheimnisvolle Flüstern vernommen zu haben. Tagträume. Ich war erschöpft und mein Geist spielte mir schon Spielchen vor. Genervt schüttelte ich meinen Kopf.

Schnell. Es bleibt keine Zeit. Vertraue und verlass den Weg.

Die Dringlichkeit in dem Flüstern hatte drastisch zugenommen und ohne, dass ich für mich selbst entscheiden konnte, ob ich der verrückten Stimme in meinem Kopf vertrauen möchte, hatte mein Körper das Steuer übernommen und riss kräftig an den Zügeln. Ich führte mein Pferd mitten in das nächste Gebüsch. Verdammt. Das würde mehr als ungemütlich werden.

„Suna? Was machst du?“

Tamo und Lorca hatten angehalten und sahen mich mit fragenden Augen an. Wie sollte ich ihnen das nur erklären? ‚Eine geheimnisvolle Stimme hatte in meinem Kopf zu mir gesprochen und als ich nicht tat, was sie wollte, begann sie Herr über meinen Körper zu werden.‘ Ganz klar, sie würden mich für zu erschöpft halten und ab nun Ellion reiten lassen. Doch ich spürte ganz genau, dass etwas Wahres daran war. Alles in mir zog sich schmerzhaft zusammen. Ich konnte beinahe fühlen, wie sich mein mageres Frühstück seinen Weg nach oben herausbahnte. Irgendetwas näherte sich uns. Irgendetwas, dem nichts an unserem Wohlbefinden lag.

„Ich weiß es nicht. Aber bitte vertraut mir, wir müssen von diesem verdammten Weg herunter. Ich kann es euch nicht erklären, aber ich weiß es einfach.“

Bettelnd sah ich sie an. Irgendetwas stimmte nicht, ob nun mit mir oder diesem verwachsenen Pfad war nun auch schon egal. Lange würde ich so nicht mehr durchhalten. Jede Faser, jeder Muskel verkrampfte. Ich hatte Schmerzen in Körperarealen, von denen ich noch nicht mal wusste, dass man dort derartige Schmerzen verspüren konnte. Langsam begann sich nun auch meine Sicht zu verschlechtern. Schwarze Punkte sirrten vor meinen Augen und ließen alles aufs Unkenntliche verschwimmen.

„Suna? Geht es dir gut?“

Ohne zu antworten, übernahm die merkwürdige Stimme wieder meinen gesamten Körper und lotste das Pferd weiter in die dichten Büsche hinein. Ich selbst spürte nicht, wie mich die spitzen Dornen aufschnitten, ich konnte es nur an Ellions Gejammer und Geklage heraushören. Warum er bisher noch nicht abgesprungen war, war mir ein Rätsel. Vielleicht aber wollte er mich auch einfach nicht allein lassen. Mit einer derartigen Verwirrung würde ich mir auch um die geistige Gesundheit des betroffenen Mitmenschen Sorgen machen.

„Folgt ihr. Sie sagt die Wahrheit. Wenn wir uns nicht beeilen, war alles umsonst.“

Es war kaum mehr als ein leises Krächzen. Als würde ein Toter nach Jahren wieder zu sprechen beginnen. Als würde man eine eingerostete Maschine, ohne sie vorher zu ölen, zum Laufen bringen. Wie eine verstimmte Geige. Und trotzdem schwang so viel Ernsthaftigkeit in Reenas Worten mit, dass man ihr nur Glauben schenken konnte. Die Autorität einer wahren Prinzessin. Ich war mir sicher, Reena wäre eine gute Königin geworden.

„Na gut, dann machen wir eben einen kurzen Abstecher ins Dornengebüsch“, meinte Onkel Tamo nun wenig überzeugt. Doch allein der Gedanke, dass meine ausgemagerte Schwester genau jetzt wieder aus ihrer Ohnmacht aufwachte, war schon Zeichen genug.

Als hätte das geheimnisvolle Flüstern unsere etwas unfreiwillige Entscheidung gutgeheißen, ließen meine schmerzhaften Krämpfe nach. Ellion und ich waren nun schon weit in das stachelige Dornengebüsch vorgedrungen, als wir endlich auf eine kleine Lichtung trafen, die sich perfekt für drei Pferde und sechs Reiter eignen würde. Zufall? Ich denke nicht.

Schimpfend sprang mein Begleiter von unserem Pferd. Ellion sah aus, als wäre er in einen mannshohen Dornenbusch hineingefallen. Doch ich würde genauso aussehen. Zerkratzt und die staubige Kleidung zerrissen und mit etlichen neuen Löchern bestückt. Mein gesamter Körper juckte von den kleinen Schnitten. Auch die anderen kamen murrend zu uns dazu und sahen nicht wirklich begeistert von unserem kleinen Ausflug aus. Nur Reenas leuchtende Augen ließen mich in dieser Situation lächeln. Egal was es war, dass uns hier hergebracht hatte, es hatte meine Schwester wieder aufgeweckt. Nicht nur das, sie sah besser aus, gesünder. Als würde ein Schönheitsschlaf wirklich Wunder bewirken.

Onkel Tamo hob sie vorsichtiger als eine wertvolle zerbrechliche Vase zu Boden und stützte sie noch, aus Angst, sie könnte in sich zusammenbrechen. Ich fühlte wie eine schwere Last, ein tonnenschwerer Stein, von meinem Rücken fiel, als ich sie in meine Arme schloss. Auch sie drückte mich ganz fest an sich, als würde sie sicherstellen wollen, dass ich nicht bloß ein schöner Traum wäre. Eine einfache Illusion. Eine Fata Morgana.

„Du hast sie auch gehört, oder?“

Es war kaum mehr ein Flüstern. Ich war mir anfangs gar nicht sicher, ob ich mir das nur eingebildet hatte. Reena drückte mich sanft von sich und sah mich aus hoffnungsvollen Augen an. Sie wollte nicht allein sein. Nicht allein mit etwas derartig Merkwürdigen. Und doch fühlte sich die geheimnisvolle Stimme wie ein fester Teil von mir an. Ich brachte kaum ein vernünftiges Nicken zusammen, doch Reena hatte es gesehen. Zufrieden schloss sie mich wieder in ihre zierlichen Arme. Bis vor ein paar Sekunden war mir nicht bewusst gewesen, wie sehr ich eine liebevolle Umarmung gebraucht hatte. Jemanden, der mich sogar ohne Worte verstand.

Wie aus dem Nichts erklang nun das laute Getrampel von einer Hand voll Pferden. Es hätte mich nicht überraschen sollen, schließlich hatte uns das magische Flüstern vorgewarnt. Und doch richteten sich nach und nach die winzigen Härchen auf meinen Armen auf. Was wäre wohl gewesen, hätten Onkel Tamo und Lorca länger gezögert? Oder Reena wäre nie aufgewacht und hätte mich nicht in meiner wirren Aussage unterstützt? Hoffentlich ließen sich unsere frischen Spuren nicht durch das stachelige Dornengebüsch erkennen. Hier, auf dieser winzigen Lichtung, umgeben vom schmerzlich spitzen Stacheln, würden wir komplett in der Falle sitzen. In einer selbsterkorenen Falle.

Das laute Aufschlagen der Hufe wurde nun durch eine unruhige Diskussion abgelöst. Unsere tödlichen Verfolger suchten verzweifelt nach unserer richtigen Fährte. Doch wie es aussah, wollte es ihnen einfach nicht gelingen. Unser Glück. Gereizte Befehle folgten. Es handelte sich eindeutig um aroniesische Soldaten. Wenn ich mich nicht täuschte, dürfte es sogar König Kans Spezialeinheit sein. Tödlicher, als die meisten lichten Kriegereinheiten. Nur war niemand derartig daran gewöhnt, mit den schützenden Schatten in jeder Umgebung zu verschmelzen, als morodekische Bewohner.

Jedes daumenlutschende Kleinkind in Morodek beherrschte das lebensrettende Spiel, sich zu verstecken und eins mit dem Schatten zu werden. Mit seiner Umgebung zu verschmelzen. Außerhalb von der abgesicherten Hauptstadt der Unterwelt lagen viele unheilvolle Wälder und abgelegene Dörfer, die regelmäßig von verkrüppelten, hungrigen Albträumen aufgesucht werden. Wer es dort überlebt, hat überall eine größere Chance nicht frühzeitig ermordet zu werden.

Ich hatte nicht mitbekommen, dass ich die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Erst als die verärgerten Stimmen der verfeindeten Soldaten leiser und nur mehr von sanftem Wind zu uns getragen wurden, stieß ich den angehaltenen Atem aus meinen Lungen heraus.

„Gut. Das wäre geschafft. Trotzdem sollten wir uns nicht ewig hier aufhalten. Kümmert euch um die frischen Kratzer, esst etwas und dann brechen wir wieder auf. Ich möchte heute Nacht hinabsteigen. Wenn es weiterhin bewölkt bleibt, können uns weder Sterne noch Mond verraten“, erklang der neue Befehl von Tamo.

Vorfreude regte sich in meiner leeren Magengrube. Zuhause. Endlich wieder ein Ort, wo ich mich wohl fühlen würde. Wo ich nicht hinter jedem krummen Baum einen bewaffneten Feind erwartete, der meiner Familie gefährlich werden könnte. Gespannt lauschten wir den angenehmen Geräuschen des Waldes. Alles schien so friedlich. Selbst die kleinsten Tierchen wagten sich wieder aus ihren Verstecken und reckten ihre schnuppernden Nasen zum dichten Laubdach.

Ich riss mir einen dünnen Fetzen von meinem ausgewaschenen Hemd herunter und gab etwas lauwarmes Wasser aus meinem ledernen Wasserschlauch darauf. Unbeeindruckt reinigte ich die oberflächlichen Kratzer an Armen, Beinen und Gesicht. Meine Schwester war dabei weniger gelassen. Sie zuckte, wie ein an Land liegender Fisch, während sich Onkel Tamo um ihre zarte Haut kümmerte. Aus dem Augenwinkel sah ich wie sich Ellion zusammenreißen musste, nicht zu lachen, während Lorca ihn finster musterte. Da hatte sich wohl jemand zu ihrem persönlichen Beschützer erklärt.

Irgendwie konnte ich mir meinen großen, kriegerischen Bruder nicht mit einer lichten Prinzessin vorstellen. Und nicht nur mit irgendeiner, sondern meiner Drillingsschwester. Doch auch jetzt sah ich weiterhin das wunderschöne Funkeln in seinen wässrig blauen Augen, wenn er Reena ansah, welches mir vor Wochen schon aufgefallen war, wenn er über sie sprach.

Hoffentlich empfand sie dasselbe für ihn. Es würde mir das Herz zerreißen, seine gebrochenen Blicke immerzu zu sehen, falls seine Liebe nicht geteilt werden würde.

1. Kapitel

Malik

Platsch.

Genervt fuhr ich mir mit der kalten Hand übers Gesicht. Musste das sein? Ich wollte doch nur schlafen und nicht mit der unerträglichen Realität konfrontiert werden, in der ich wie ein hilfloses, dummes Hündchen an der viel zu kurzen Leine geführt wurde.

Platsch.

Energischer als zuvor zuckte mein steifer Körper von der kühlen Berührung des Wassertropfens. Musste genau über der Stelle, wo ich mich schlafen gelegt hatte, Wasser von der Decke tropfen? Mit geschlossenen Augen drehte ich meinen unbeweglichen Körper in eine angenehmere Position. Doch nichts half. Weiterhin tropfte es gemächlich auf mich herab, der harte Boden war feucht und uneben und die frostige Kälte zog sich trügerisch ihren Weg durch meinen Körper.

Irgendetwas war hier vollkommen falsch. Eigentlich sollte ich mich in einem luxuriösen Zimmer, welches inoffiziell als meine gemütliche Gefängniszelle galt, befinden. Auch Aaron und Halvar sollten sich mit mir dort aufhalten.

Hatten sie uns über Nacht in echte Kerkerzellen umquartiert? Hatten sich Kiral Theron und Jeb neue Maßnahmen für ihre Gefangenen überlegt? Nein. Das hätte ich mitbekommen. Plötzlich schossen mir die Erinnerungen an die wenigen Stunden vor meinem Wegnicken wieder ein.

Ein fremder Soldat, welcher sich als Corvin vorgestellt hatte, war mit seinen bewaffneten Leuten gekommen, um mich und meine Freunde zu befreien. Wir waren in das unterirdische Abwassersystem geklettert. Von hier aus sollten wir unbemerkt aus der Hauptstadt der Glasscherben Ebene gelangen.

Endlich machten sowohl Gestank als auch Wassertropfen einen Sinn. Seufzend rieb ich mir über die müden Augen. Wirklich erholsam konnte ich diese Nacht nicht bezeichnen. Nach und nach gewöhnten sich meine brennenden Augen an die schwarze Finsternis. Ich erkannte meine beiden Freunde, wie sie halb aufeinander lagen und schliefen. Beide schnarchten leise im Chor. Ihr verkrüppelter Anblick ließ mich schmunzeln. Zumindest waren mir diese beiden Spezialisten geblieben.

Forschend ließ ich meinen Blick weiterschweifen. Keiner von Corvins Soldaten schlief. Sie alle starrten nur finster vor sich her. Nur Corvin selbst schien sich auf seine Aufgabe, welche das auch immer war, zu konzentrieren. Mit zurückgezogenen Schultern stand er an der kalten Mauer und sah fokussiert auf ein zerknülltes Blatt Papier. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Art Stadtplan. Immer wieder drehte er den Plan in verschiedene Richtungen. Als würden sich dadurch seine Probleme erklären lassen.

Als hätte Corvin meinen aufmerksamen Blick gespürt, sah er mich aus funkelnden Augen an. Ich fühlte mich wie ein offenes Buch. Der fremde Soldat schien kaum älter als ich zu sein und doch strahlte er ein übermächtiges Wissen und Erfahrung aus. Jemanden wie ihn wollte man nicht zu seinen Feinden zählen.

Gedankenverloren wandte ich mich wieder der stinkenden Finsternis zu. Lange würden wir wohl nicht mehr hier unten im Dreck warten. Hoffte ich zumindest. Ich wollte nur mehr aus dieser verdammten Stadt heraus. Weit weg von diesem jungen Herrscher und diesem verdammten Lügner Jeb. Allein ein winziger Gedanke an ihn brachte die aufgestaute Enttäuschung in mir zum Brennen.

Wie konnte ich mich nur so derartig in einem Menschen irren? War ich derartig blind vor Liebe gewesen? Nur würden mir die ganzen Selbstzweifel nun auch nicht weiterhelfen. Ich musste mich auf meine Aufgaben konzentrieren. Zuerst herausfinden, wo sich Reena derzeit aufhielt und sie dann aus den tödlichen Fängen der Piraten holen. Dann würde ich ihr so schonend wie möglich den Tod ihrer besten Freundin beibringen müssen, wie auch den jahrelangen Verrat von Jeb. Wenn das erledigt wäre, müssten wir irgendwie unsere verschollene Mutter befreien und dann, zu guter Letzt, wäre da noch dieser aufkommende Krieg, für den sich alle mir bekannten Königreiche aufrüsteten.

Räuspernd setzte sich Corvin neben mich auf den nassen Steinboden. Trotz seiner eisigen Distanziertheit strahlte der Krieger eine beruhigende Gelassenheit aus, die sich sanft um mein inneres nervöses Chaos legte. Verwundert musterte ich sein in die schwarze Dunkelheit gerichtetes Gesicht.

„Glaubt mir, ich verstehe eure Sorgen“, raunte er. Wollte er gerade wirklich den Einfühlsamen spielen? Ich brauchte sein Mitleid nicht.

„Ach ja?“ Meine zischende Stimme war unbeabsichtigt aggressiv. Doch Corvin überging meine gefühlbetonte Frage mit einem einfachen Achselzucken.

„Meine gesamte Familie, jede einzelne Person, die mir am Herzen liegt, befindet sich gerade auf der gefährlichen Mission, deine zauberhafte Schwester zu retten. Also wag es ja nicht, mir zu unterstellen, ich wüsste nicht was es heißt, nichts tun zu können.“ Seine Geduld mit mir war im Wanken. Ich konnte es so deutlich spüren, wie das unangenehme Kribbeln um mein pochendes Herz.

„Das wusste ich nicht“, gestand ich etwas beschämt. Ich hatte keine Ahnung, was er sich von mir erwartete. Informationen? Hilfe?

„Woher denn auch? Ihr seid nur ein Prinz aus einem der lichten Königreiche, der sich seit Wochen auf der Flucht vor seinem eigenen Land befindet, weil er einen der gefährlichsten Männer unserer Zeit befreit hat. Ihr wisst einen Dreck, was außerhalb eures geliebten Königreiches passiert“, fuhr er mich an.

Als hätte sich mit einem falschen Wort die ganze Lage verändert. Wütend und frustriert sah ich ihn nun direkt an. „Nun, wenn ich so unwissend bin, wie du mich gerade darstellst, dann klär mich doch auf, allwissender Retter meiner Wenigkeit.“ Das mir nun schon so vertraute Knistern kehrte zurück in meine Adern. Es gab mir Kraft, verlieh mir äußerste Konzentration auf alles in meinem nahen Umfeld. Doch nun wusste ich es auch schon zu kontrollieren. Die Magie wartete auf meinen Befehl. Dieses Mal würde ich Corvin nicht grillen. Vorher würde er mir noch einiges erklären müssen.

„Kurz nachdem ich auf meine Mission in die Glasscherben Ebene beordert wurde, kam die Nachricht in unsere Kommandozentrale, dass Prinzessin Reena von den Piraten geschnappt wurde. Doch erst als herauskam, wo sie hingebracht wurde und ein Befreiungsplan ausgetüftelt war, wurde mir einer unserer schnellsten Boten hinterhergeschickt. Er sollte mich nicht nur über die schrecklichen Neuigkeiten informieren und mich noch vor Grenzschließung nach Morodek zurückholen, sondern auch benachrichtigen, wenn etwas schiefginge und mein Onkel oder meine Geschwister nicht mehr zurückkämen, und ich somit übergangsweise zum obersten Fürsten der Unterwelt erhoben werden würde. Euch zu befreien war ein spontanes Vorhaben, das uns die schon äußerst schwierige Ausreise noch um einiges verschlimmert hatte. Also tut mir den Gefallen, und seid etwas weniger der unausstehliche, arrogante Prinz, den Ihr mir gerade so gut vorspielt.“

Es schwang kein bisschen Bedauern in seiner Stimme mit und doch fühlte ich mich ein kleines bisschen schuldig. Corvin hatte mich trotz hohem Risiko befreit. Obwohl er mich und meine Freunde weder kannte noch eine großartige Bezahlung erwarten konnte. Und doch verstand ich kein bisschen, warum er mir nun seine gesamte Lebensgeschichte erzählte.

„Warum erzählst du mir das alles?“

Schnaubend drehte er sich mir wieder zu und grinste mich an. „Um das zu verstehen, müsste ich dir einiges mehr erzählen, wofür wir derzeit definitiv keine Zeit haben. Aber eines kann ich dir sagen, wenn mein Onkel, oberster Fürst von Morodek, persönlich an der Rettung deiner Zwillingsschwester interessiert ist, muss es einen sehr guten Grund haben. Da kann es nicht schaden, auch ihren königlichen Bruder zu retten. Hoffentlich liege ich mit meiner Einschätzung nicht allzu falsch und in dir steckt mehr als ich derzeit in dir sehe.“

Autsch. Das hatte gesessen. Der Typ sprach nicht nur in Rätseln, sondern war selbst eines. Na wunderbar. Doch ich kam nicht dazu, mich darüber zu ärgern. Schwungvoll hob er sich vom kalten Boden ab und richtete sich an unsere kleine Versammlung.

„Wir brechen auf. Packt euer Zeug zusammen und bewaffnet euch. Ich bin mir sicher, wir werden noch auf die eine oder andere Überraschung treffen. Kiral Theron liebt Spielchen, also lasst uns unsere ersten Züge setzen.“

Zustimmendes Gemurmel erklang von allen Seiten. Nur Halvar, Aaron und ich sahen uns verwirrt an. Was sollte das nun schon wieder heißen? ‚Den ersten Zug setzen‘? Ich fühlte mich ja wie beim Schachspielen mit Ragnar. Vielleicht war das einfach eine Sache, auf die diese fremden Soldaten standen. Mit steifen Schritten gesellte ich mich zu meinen beiden Freunden. Ihre neugierigen Blicke schienen Löcher durch meinen menschlichen Körper zu fressen. Sie hatten mein Gespräch mit dem Anführer unseres überraschenden Rettungstrupps gesehen. Nun zappelten beide vor mir herum und platzten beinahe vor Neugierde. Nun, dies würde warten müssen. Für Erklärungen war gerade einfach keine Zeit.

***

Seit Stunden, zumindest fühlte es sich für mich nach einer halben Ewigkeit an, wanderten wir schweigend durch die matschige Brühe hintereinander her. Ich sah kaum meine eigene Hand, deren steifen Finger sich krampfhaft um das abgenutzte Heft meines Dolches krallten. Zurzeit hatte ich ihn mit der Spitze nach unten gerichtet, um meinen von der Dunkelheit verschluckten Vordermann nicht aus Versehen zu erstechen, doch wäre ich trotzdem für einen feindlichen Angriff mehr als bereit.

Corvins Worte über das Spielchen spielen hallten gruselig durch meinen Kopf. Ich fühlte mich mehr wie in einer der alten Horrorgeschichten, die Reena und ich immer gemeinsam von reisenden Händlern erzählt bekommen hatten. Damals war es mir nie in den Sinn gekommen, dass Erwachsene derartig ticken würden, wenn es um die endgültige Ausschaltung der verfeindeten Kräfte ging.

„Macht euch bereit!“, hallte die befehlshabende Stimme des morodekischen Kriegers von den feuchten Wänden ab. Es würden zwar sicher noch ein paar Abbiegungen auf uns warten, bevor wir aus diesem stinkenden Loch kriechen würden, aber dann wäre das Risiko zu hoch und unser Überraschungsmoment, wenn alles schiefginge, ungenutzt verstrichen..

Wie jagende Panther stapften wir, darauf bedacht, so wenige Geräusche wie möglich zu machen, weiter durch die Dunkelheit. Was ein Ding des Unmöglichen zu sein schien, da jeder Schritt von einem ekelhaften Schmatzer begleitet wurde. Nur mit großer Mühe konnte ich mich davon abhalten, über den genaueren Inhalt dieser stinkenden Brühe nachzudenken. Ich zählte jede noch so kleine Biegung mit. Wenn es nötig wäre, würde ich Halvar und Aaron hier irgendwie wieder rausbringen. Auch wenn die fremden Soldaten bis jetzt keinen Grund für Zweifel an ihrer guten Tat geboten hatten, wollte ich Corvin und seinen Männern nicht bedingungslos vertrauen.

Sieben Mal. Sieben Biegungen. Davon drei nach links und vier nach rechts. Ich wiederholte diese Zahlen wie ein altes Mantra. Zu sehr auf meine konzentrierten Gedanken fokussiert, prallte ich ungebremst in einen morodekischen Soldaten vor mir hinein. Statt mich darauf gereizt anzumaulen, beließ er es auf ein drohendes Knurren. Ich biss mir auf die Zunge, um keine Entschuldigung von mir zu geben. Erstens schickte es sich nicht für einen Prinzen, sich für seine Taten zu entschuldigen. Zweitens würde jedes gesagte Wort eine Chance zum Fliehen vernichten können.

Wir waren endlich angekommen. Es dauerte keine fünf Wimpernschläge, als auch schon ein kleiner Spalt an der tropfenden Decke geöffnet wurde und uns etwas frische Nachtluft und schimmerndes Mondlicht geschenkt wurden. Mein Herz macht dabei wilde Freudensprünge. Unsere Freiheit war zum Greifen nahen und doch würde uns noch ein langer, komplizierter Weg bevorstehen. Zumindest konnten wir endlich diese bestialisch stinkenden Tunnelsysteme hinter uns lassen.

Nacheinander erklommen wir die eiserne Leiter und hoben uns aus der unangenehm riechenden Kanalisation heraus. Ausgespuckt wurden wir dabei in einer abgelegenen, einsamen Gasse in einem der äußeren Stadtviertel. Selbst hier, weit entfernt vom modernen Machtzentrum, konnte man den ungeheuren Reichtum der Glasscherben Ebene spüren. Die rötlich braunen Hausmauern waren säuberlich aneinandergereiht und von etlichen Balkonen drang der Duft blühender Rosen zu uns herab. Aus keinem einzigen Fenster schien Licht auf die leeren Gassen.

Es war also mitten in der Nacht. Zwar neigte es bereits zu den frühen Morgenstunden, dennoch war es noch weit zu früh, um aus den warmen Bettlaken zu kriechen und sich auf den Weg zur Arbeit zu machen.

„Kein Schnee? Wie ist das möglich? Hier sollte doch schon mindestens Ende Herbst sein?“ Aarons verwunderte Stimme legte sich wie ein tiefer Schatten über diese Erkenntnis. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Wir befanden uns hinter der eisigen Gipfelebene und selbst im sonnigen Katalynia könnten wir mittlerweile schon die letzten schneefreien Tage zählen. Dieses geheimnisvolle Land war mehr als nur merkwürdig und tief in mir drinnen machte sich das ungute Gefühl breit, dass uns Kiral Theron noch etliche Schwierigkeiten verschaffen würde.

Geduckt schlichen wir nun über gepflasterte Wege weiter hinaus aus der schlafenden Stadt. Es schien mir nun zur unbewussten Gewohnheit zu werden, ungesehen verschwinden zu wollen. Nur lagen wir, oder zumindest meine beiden Freunde und ich, im klaren Nachteil, da wir nicht wirklich eine Ahnung von dem irrgartenähnlichen Aufbau von Calor hatten.

„Sscht!“

Wie auf ein Kommando verharrten wir alle in unserer an die raue Mauer gepressten Haltung. Gespannt hielt ich meinen Atem an und lauschte in die ruhige Nachtluft. Nichts. Falschalarm? Gut möglich, da wir unter extremer Spannung standen, würde selbst das Fiepen eines grauen Mäuschens für Aufregung sorgen. Ich nutzte den vorübergehenden Halt, um mit meinen zusammengekniffenen Augen die umliegenden Häuserdächer abzusuchen. Wieder nichts.

„Weiter!“, drang Corvins Stimme an mein Ohr. Doch ich nahm unsere wieder in Bewegung gekommene Gruppe nur im Hintergrund wahr. Rehbraune Augen starrten mich unentwegt aus einem der gegenüberliegenden Fenster an. Ich hatte noch nie so viel Bedauern, Wut und Hoffnungslosigkeit auf einmal gesehen. Trotz Jebs Verrat an mir und meiner Familie, regten sich erwartungsvolle Gefühle in meiner kribbelnden Magengrube.

Plötzlich veränderte sich Jebs emotionaler Blick in eine gefühlskalte Maske. Neben ihn gesellte sich ein dunkel gekleideter Soldat und richtete ein metallenes Rohr in unsere Richtung. Solch eine Waffe hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Ja, die tödlichen Schusswaffen im Süden waren mir bestens bekannt. Doch ein derartiges massives Gerät verhieß nur noch mehr Zerstörung.

„Runter!“ Ich hörte meine panische Stimme wie in einem furchtbaren Traum. Verwirrte Blicke musterten mich empört. Ich war schließlich nicht ihr Anführer. Wieso sollte ich meine Stimme in diesem befehlshabenden Ton an sie richten?

Plötzlich ging alles ganz schnell. Ein explosiver Ton fraß sich in meine Ohren und hinterließ ein taubes Gefühl. Panik brach aus. Wildes Geschrei. Weitere Schüsse fielen, doch ich konnte mich einfach nicht vom Platz bewegen. Ich fühlte mich wie versteinert. Eingefroren durch den kühlen Blick des Mannes, der trotz seines miesen Verrates weiterhin Gefühle in mir auslöste, die mir den letzten Rest meines Verstandes und Überlebenswillens zu rauben schienen. Eine menschliche Salzsäule.

Wie in Zeitlupe flogen die metallischen Geschosse an mir vorbei und durchbohrten jedes erdenkliche Material, das ihnen in den Weg kam. Je länger ich meine vor Enttäuschung triefenden Augen auf den ehemaligen Stallburschen richtete, desto mehr schien er eine undurchdringbare Mauer um sich selbst zu bauen. Es könnte auch alles nur reine Einbildung sein. Sehr wahrscheinlich wollte ich mir einfach nur einreden, Jeb hätte etwas

Ähnliches für mich empfunden, wie ich für ihn. Ich war so naiv.

Klebrige Finger schlossen sich um mein offenliegendes Handgelenk und navigierten mich durch den undefinierbaren Hagel aus tödlichen Patronen. Es glich schon einem Wunder, dass mein menschlicher Körper nicht wie eine hölzerne Zielscheibe durchlöchert wurde. Erst als ich durch den verkrampften Griff des Mannes zu Boden gerissen wurde, wurde mein Geist ebenfalls wieder in die grausame Realität zurückkatapultiert. Mein Blick wurde von Jeb weggerissen und die Sicht deutlich und klar.

Fluchend rollte sich Corvin über das schmutzige Pflaster. Eine der metallischen Kugeln hatte seinen Oberschenkel gestreift und eine blutende Wunde hinterlassen. Eilig rappelte ich mich auf und schob mich hilfestellend unter seinen vor Schmerzen bebenden Körper. Dankend nickte er mir zu, während nun ich an der Reihe war, den schnellsten Weg außer Reichweite der unbekannten Geschosse zu finden.

Immer wieder wurden wir nur knapp verfehlt. Mauerteile rieselten auf unsere ungeschützten Körper herab, als würde es Asche schneien. Trotz des typischen Anführerblickes, sah ich dem morodekischen Krieger seinen Verlust an. Gemeinsam sprangen wir über die leblos zusammengesackten Körper seiner Männer. Ihr frisches Blut klebte unter unseren ledernen Fußsohlen. Für sie war es bereits zu spät. Das beständige Knistern, das ich in jeder lebenden Person spürte, hatte sie bereits verlassen. Diese Erkenntnis wog schwer. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich das so genau wusste. Ein gut versteckter Teil in mir brachte mich lediglich dazu, es zu glauben und zu akzeptieren.

Endlich schossen Corvin und ich gemeinsam um die nächste rostbraune Häusermauer in eine unmenschlich enge Gasse und rannte einfach, ohne zu wissen wohin, weiter. An ihrem Ende stießen wir dann auf Aaron, Halvar, Eleonora und Yann. Die Einzigen, die Jebs versteckten Angriff überlebt hatten. Zu viele mussten wegen dieser verdammten Rettungsaktion ihr Leben lassen und ich kannte diese Leute nicht einmal. Sie waren mir nie etwas schuldig gewesen und doch starben sie nun, weil ich leben sollte. Frust breitete sich in mir aus. Ich würde keinen einzigen der Überlebenden noch blutend zurücklassen. Egal, was es kosten würde.

„Wir müssen hier raus. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt, um in euer verstecktes Land zu kommen“, richtete ich schnaufend meine Stimme an die drei morodekischen Soldaten.

„Folgt mir.“ Schon flitzte Eleonora in unglaublicher Geschwindigkeit die schützenden Häusermauern entlang. Mühsam versuchte ich, mit Corvin an mich gestützt, der jungen Kriegerin nachzulaufen. Die oberflächliche Schusswunde machte ihm mehr zu schaffen, als man erwarten würde. Wenn mich nicht alles täuschte, war die tödliche Kugel vorher in Gift getunkt worden. Heiße Schweißperlen kullerten mir die Stirn und den Rücken hinunter. Unser kleines Rennen um Leben und Tod stellte sich als kräfteraubender heraus, als ich in dem stinkenden Abwasserkanal angenommen hatte.

Hinter mir vernahm ich getrost das angestrengte Schnaufen meiner beiden Freunde. Wären sie unter Jebs Befehl gefallen, hätte ich mich noch in dieser Nacht auf einen todessicheren Vergeltungstrip begeben.

Vor uns endete die gepflasterte Gasse in unregelmäßig angereihten Stufen. Des Öfteren hätte Corvin uns beide beinahe gemeinsam mit den Köpfen voraus nach unten geschickt. Nur mit Mühe hielten uns Aarons kräftige Hände von einem derartig fatalen Sturz ab. Meter für Meter eilten wir zwischen den still liegenden Häusern hindurch. Immer wieder erblickte ich unheilvolle schwarze Silhouetten auf den umliegenden Häuserdächern. Ihre bösartig glitzernden Augen brannten sich auf meine Kopfhaut. Doch kein einziger weiterer Schuss fiel. Es fühlte sich an, als würden wir exakt dorthin fliehen, wo Jeb uns haben wollte. Je weiter wir kamen, desto stärker verbreitete sich dieses ungute Gefühl in meiner Magenenge.

„Mir gefällt das gar nicht. Sie beobachten uns bloß, als hätten sie weiterhin die Fäden in der Hand“, sprach ich meine Sorgen laut aus.

„Da könntest du auch sehr gut recht behalten. In Calor geschieht nichts, was nicht in Kiral Therons Sinne ist. Es ist nun an uns, sie das bis zum Schluss glauben zu lassen und im letzten Moment unauffindbar von der Bildfläche zu verschwinden.“ Trotz der quälenden Schmerzen konnte sich Corvin ein verschmitztes Lächeln abringen. Der Mann wusste, was er tat. Hoffentlich auch seine verbliebenen Männer, denn er schien immer mehr sein Bewusstsein zu verlieren.

Endlich nahmen die schrägen Stufen ein Ende und der Weg öffnete sich wieder in einer breiteren Gasse. Obwohl ich keinen blassen Schimmer von dem irrgartenähnlichen Aufbau der mächtigen mysteriösen Hauptstadt hatte, konnte ich nun doch erahnen, dass wir uns nun in den äußeren Teilen aufhielten. Die Häuser verloren an Höhe und ermöglichten eine bessere Sicht auf den sternenklaren Nachthimmel, der immer mehr von der aufgehenden Sonne vertrieben wurde. Erste orange-rote Striemen hießen den neu geborenen Tag willkommen. Lange würde es nicht mehr dauern, bis auch die ersten nichtsahnenden Einwohner der Glasscherben Ebene erwachen würden. Uns lief die Zeit davon.

Zu sechst sprinteten wir durch die noch leeren Straßen von Calor. Stets begleitet und beobachtet von den kampfbereiten Männern auf den roten Ziegeldächern. Sie waren wie unheimliche Geister und doch so viel mehr. Nur eine einzige Bewegung und die metallischen Röhren würden wieder einen tödlichen Schuss abfeuern. Mir war mehr als bewusst, dass wir wie perfekte Zielscheiben umherliefen.

„Schnell. Da!“ Noch während Eleonora rannte, schoss ihr in Leder gehüllter Arm zur Seite und zeigte uns die besagte Richtung an. Ohne anzuhalten, stürmten wir nach rechts durch eine enge Öffnung in der Mauer. Nur mit Aarons Hilfe hoben wir Corvin, der nun komplett das Bewusstsein verloren hatte, durch das zerstörte Mauerwerk. Jeweils eine Seite stützend, trugen wir den schlaffen Körper weiter.

Die junge Kriegerin hielt uns mit gehetztem Blick die hölzerne Tür auf, die uns wieder auf einer engen Seitengasse ausspuckte. Damit hatten wir etwas Zeit erkauft. Hoffentlich genug, um den geheimen Eingang zu der mir unbekannten Welt zu erreichen. Deutlich langsamer als zuvor eilten wir unserer letzten Hoffnung entgegen. Doch selbst mir war klar, wie unwahrscheinlich es war, dass wir dieses Spiel gewinnen würden. Wenn es der Wahrheit entsprach, was Corvin in unserem luxuriösen Gefängnis über Jeb gemeint hatte, standen unsere Chancen bei null oder noch weniger. Einem der gefährlichsten Männer der Lichten Welt, dem persönlich auserwählten Wächter des Kirals, war man nun mal unterlegen. Noch dazu in seiner Heimatstadt.

Wir bogen um die nächste Ecke, als wir abrupt zum Stehenbleiben gezwungen wurden. Vier tiefschwarze Löcher der gefährlichen Schusswaffen waren auf uns gerichtet. Eine winzige Bewegung und jemand würde mit dem Leben bezahlen. Schon wieder. Ich blickte direkt in die rehbraunen Augen von Jeb. Er hatte seine beschützenden Mauern um seine Gefühle wieder aufgebaut. Nur eine unbesiegbare Entschlossenheit war aus seiner geraden Haltung herauszulesen. Unbändige Wut brach in mir aus. Ich konnte den Wall an Gefühlen nicht mehr zurückhalten.

„Worauf wartest du? Bring es zu Ende.“ Verbittert biss ich mir auf die rauen Lippen. Seinen Richter herauszufordern, war vielleicht nicht die beste Taktik. Ich wollte nicht, dass meine Freunde leiden müssen.

Jeb trat aus der geschützten Reihe seiner angriffsbereiten Männer und stellte sich so nahe vor mich hin, dass unsere Gesichter nur Millimeter voneinander entfernt waren. Ich konnte seinen heißen Atem auf meinen zusammengepressten Lippen spüren. Was wollte er? Wollte er sich noch mehr an meinen naiven Gefühlen ergötzen? Meine knisternden Nervenenden waren bis zum Zerreißen gespannt. Mein menschlicher Körper stand unter magischen Strom, welcher auf sein Opfer entladen werden wollte.

„Tu es! Lass uns brennen“, flüsterte Jeb. Verwirrt sah ich ihn an.

„Tu es. Du weißt was ich meine!“ Es war mehr als ein Befehl. In seinen Augen glitzerten Verzweiflung und Hass. Doch warum nur? Warum ließ er uns gehen?

Unsichtbare Verbindungen wurden hergestellt und ich ließ die unfassbare Energie auf unsere Gegner umleiten. Schreiend fielen sie zu Boden, zuckten wie an Land gespülte Fische. Es dauerte nicht lange und sie lagen leblos neben ihren tödlichen Schusswaffen. Nur Jeb stand noch vor mir. Weder er noch ich ließen den jeweils anderen aus den Augen.

„Geht! Euch bleibt nicht viel Zeit.“ Noch während der ehemalige Stallbursche zu uns sprach, wandte er sich zum Gehen ab. Halvar brachte ein erstauntes Raunen heraus. Der Rest stand sprachlos neben mir.

„Was ist mit dir?“ Ohne zu denken waren diese Worte aus meinem Mund geplatzt. Ich hatte keine Ahnung, was ich damit bezwecken wollte. Doch ein Teil von mir, wollte ihn immer noch beschützen.

„Irgendjemand muss euch noch etwas Zeit verschaffen.“

Eine einfache Feststellung, und doch würde dieses Vorhaben schwerwiegende Auswirkungen auf sein Leben haben. Für mich stand die Entscheidung fest.

„Wir schaffen das schon!“ Verwundert drehte Jeb sich zu mir um. Erneut ließ ich meine knisternde Energie auf einen anderen Körper überspringen. Nur war ich dieses Mal weitaus vorsichtiger. Es war Detailarbeit, die volle Konzentration erforderte. Sein sterblicher Körper sollte nicht unmenschlich verstümmelt werden. Ohne einen Laut von sich zu geben, brach er in sich zusammen. Das sanfte Heben seiner Brust war das einzige Zeichen von Leben.

„Warum hast du das getan?“, drang die empörte Stimme von Yann an mein Ohr. Es war mir egal.

„Los, weiter!“

Eleonora war viel zu geschockt und befolgte einfach meinen neuen Befehl, während sich Yann weiterhin genervt über meine spontane Aktion beschwerte. Sie wussten nur nicht, dass ich es mir nie verziehen hätte, hätte Jeb nun diesen Verrat zu unseren Gunsten auf seine Schultern geladen. Mein Herz hatte wohl weiterhin noch seine Finger im Spiel.

2. Kapitel

Reena

Nachdem ich die brennende Prozedur des Wundenreinigens über mich ergehen lassen hatte und mich nun noch mehr wie eine kleine nichtsnutzige Prinzessin fühlte, biss ich nun in das harte Stück Brot, das mir Tamo gereicht hatte. Das Kauen war beinahe ein Ding des Unmöglichen, so ausgetrocknet wie diese Teigmasse bereits war. Von den gewohnten Brötchen keine Spur. Doch wenn ich ehrlich mit mir selbst war, wann hatte ich denn das letzte Mal eine ordentliche königliche Mahlzeit zu mir genommen. Wochen? Monate? Seit wann war ich denn so pingelig?

Dem verfärbten, fallenden Blätterdach nach zu urteilen, müsste es mindestens schon Mitte Herbst sein. Wenn nicht sogar später. Das Schockierende an der ganzen Sache war bloß, dass meine geplatzte Hochzeit im heißen Hochsommer stattgefunden hatte. Immer wieder stahlen sich freundliche braune Augen in mein Sichtfeld. Augen, die mir mehr Geborgenheit versprachen, als mir je zuvor geschenkt worden war. Augen, in die ich mich verlieben hätte können. Nur würden diese wunderschönen Augen nie wieder das Licht der Welt erblicken. Erloschen.

Tief einatmen. Langsam wieder ausatmen. Meine emotionalen Erinnerungen an den beschützerischen Krieger brachten die aufgebauten Mauern um mein schmerzendes Herz immer wieder fast zum Einstürzen. Etwas, das ich mir nicht leisten konnte. Nein, nicht durfte. Ragnar war tot. Damit musste ich mich abfinden.

Das Einzige was mir noch blieb, waren die wenigen schönen Momente, die ich mit ihm geteilt hatte. Die Erinnerung an sein ehrliches Lächeln, an das herausfordernde Funkeln in seinen Augen. Ragnar war nie müde geworden, mich vor nahenden Gefahren zu beschützen. Er hatte von Anfang an gewusst, welche Risiken mein Schutz aufbringen würde.

Ich hätte mir noch mehr Zeit mit diesem wundervollen Menschen gewünscht. Das zeigt wieder einmal, wie sehr man die gemeinsamen Erlebnisse mit geliebten Menschen genießen sollte. Dies stellte sich nur in den letzten Wochen als eine gewisse Herausforderung heraus, da ich durch ständige Todesangst, Hunger und Einsamkeit etwas abgelenkt war.

Missmutig kaute ich weiter angestrengt auf meiner wenig nahrhaften Mahlzeit herum. Ich fühlte mich matt und ausgelaugt. Natürlich war mir klar, dass mein ausgehungerter Körper nach lebenswichtigen Nährstoffen verlangte. Unsere wenigen Optionen waren auch nicht unbedingt vielversprechend. Eine spontane Flucht entsprach eben nicht der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse.

„Hej. Darf ich mich setzen?“ Wieder einmal verlor ich mich in den geheimnisvollen Augen von Lorca. Dem verletzten Krieger, dem ich in den warmen Sommernächten durch meine verbotenen Ausflüge das Leben gerettet hatte. Dem ich wahrscheinlich unbewusst mein Herz geschenkt hatte, nur hatte ich eben nie erwartet, ihm jemals wieder gegenüberzustehen. Mein wild pochendes Herz schien bei seinem kampfbereiten und gleichzeitig so beschützerischen Anblick auszusetzen. Wie konnte das sein? Wie konnten zwei so starke Gefühle für zwei verschiedene Personen parallel überleben? Müsste nicht das eine das andere auslöschen?

Ein kaum sichtbares Nicken war das Einzige, was ich zustande brachte. Da wären wir nun schon bei meinem zweiten innerlichen Konflikt angekommen. Nach den Wochen der grausamen Gefangenschaften, hatte ich mich verändert. Ob zum Guten oder zum Schlechten war schwer zu beurteilen. Hoffentlich mehr zum Positiven.

„Wie geht es dir?“ Eine ehrliche Frage. Innerlich fing ich laut an zu lachen. Dafür gebe es tausende von Antworten. Wie ging es mir wirklich? Einsamkeit fraß mich innerlich auf. Wut, Enttäuschung und Verlust schnürten mir die Kehle zu. Angst, um jeden der sich mit mir aufhielt oder mit mir in irgendeiner Verbindung stand. Panische Angst um meinen geliebten Bruder und meine Mutter. Und da wäre noch die unheimliche Gabe, die tief in meinem blutigen Inneren schlummerte und immer wieder unkontrollierbar an die Oberfläche kam. Flüsternde Stimmen, die durch meine Gedanken schlichen und zu irgendeinem Zeitpunkt zu sprechen begannen.

„Ganz gut, schätze ich.“ Ich traute mich nicht, ihm in die sorgenvollen Augen zu sehen, während ich diese unglaubwürdige Lüge über die Lippen brachte. Grundsätzlich würde ich mich als grottenschlechte Lügnerin bezeichnen, doch dieser morodekische Krieger schien sich noch weniger in die Irre führen zu lassen. Kaum merklich schien die angestaute Anspannung von seinem Körper zu fallen. Glaubte Lorca mir etwa? Erstaunt traute ich mich nun, den morodekischen Krieger von der Seite anzublicken.

„Du brauchst mir nicht die Wahrheit zu sagen, wenn du nicht willst, aber bitte spuck nicht mit Lügen auf mich herab.“ Enttäuschung und Frust. Ich hatte ihn verletzt. Nur fehlte mir die Kraft, diesen Fehler wieder in Ordnung zu bringen.

„Es tut mir leid.“ Mein Kopf drohte zu platzen. Etliche Stimmen in mir drängten mich dazu, mich Lorca zu öffnen. Doch ein weitaus stärkerer Teil von mir sperrte sich gegen dieses gierige Bedürfnis nach Verständnis. Ich war noch nicht bereit, meinen Schmerz zu teilen. Diese Leute, Fremde, sie hatten schon genug zu tun, um sich dann auch noch um die emotionale Lage einer hilflosen Prinzessin zu kümmern.

„Keine Sorge, mich wirst du nicht so schnell wieder los. Genauso wenig wie deine Schwester.“ Mit einem kurzen Nicken deutete er auf Suna hin, die wohl in ihren eigenen Gedanken versunken auf ihrem Brot herumkaute. „Und Onkel Tamo.“ Mein Blick glitt zu dem älteren Krieger, der keineswegs zu unterschätzen war. „Auch wenn wir uns noch nicht so gut kennen und alle Schwächen und Stärken voneinander im Schlaf aufzählen könnten, zählst du trotzdem zur Familie und wir schützen unsere Familie. Koste es, was es wolle.“

Seine aufmerksamen Augen hielten meinen Blick fest. Strichen sanft um meine von den letzten Wochen ausgehungerte Seele. Lorca wieder so neben mir sitzen zu haben, war besser als jeder wundheilender Verband. So gerne würde ich mich darin fallen lassen. Doch das würde unsere weltbewegenden Probleme auch nicht aus dem Weg räumen.

„Danke“, flüsterte ich kaum hörbar.

Bis zu unserem erneuten Aufbruch saßen wir schweigend nebeneinander. Jeder schwebte in seiner eigenen, verwirrenden Blase. Die nun getrockneten Kratzer auf meiner nackten Haut spürte ich kaum mehr. Nur der nagende Hunger schien kein sichtbares Ende zu nehmen.

„Komm.“ Hilfsbereit streckte mir Lorca seine von der Erde schmutzige Hand hin, um mir wie ein echter Gentleman aufzuhelfen. Mutter würde ihn lieben. Er hatte genau das richtige Maß an kriegerhafter Ernsthaftigkeit, menschlicher Fürsorge und liebevoller Einfühlungsgabe. Dankend schloss ich meine zittrigen Finger um seine und ließ mich schwungvoll auf meine Beine ziehen.

„Reena reitet mit mir. Natürlich nur, wenn das für dich in Ordnung geht, Onkel“, schoss es wie aus einem dieser metallenen Schießrohre aus seinem Mund. „Und natürlich muss es auch für dich in Ordnung gehen.“ Lorca traute sich kaum, mir in die Augen zu sehen, so sehr hatte er vor meiner Entscheidung Angst. Oder eher wollte er keine Abfuhr bekommen. Verletzung seines Stolzes oder so.

Mein noch vor Trauer verkrampftes Herz führte einen galloppähnlichen Marathon auf und drohte, mir jede einzelne Rippe qualvoll zu zerbersten. Hoffnungsvoll wandte ich mich Tamo zu, doch dieser konzentrierte sich vollends auf das befestigte Sattelzeug auf seinem zufrieden schnaufenden Pferd. Nur der breite Grinser auf seinen aufgeplatzten Lippen zeigte, dass er nichts dagegen auszusetzen hatte.

Erfreut begannen auch meinen trockenen Lippen, sich zu einem echten Lächeln zu formen. Es fühlte sich gut an. In all den dunklen Tagen, in denen man nicht mal wusste, ob es gerade Tag oder Nacht war, hatte ich schon beinahe verlernt, glücklich zu sein.

„Ja, ich würde gerne mit dir reiten.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich Lorca sichtlich entspannte. Er hatte nicht mit einer Zustimmung gerechnet. Nur warum nicht? Konnte er nicht sehen, dass es, seit wir uns das erste Mal außerhalb der Mauern von Onayas gegenüber gestanden hatten, um mich geschehen war? Unser herzzerreißender Abschied damals konnte nicht einfach spurlos an ihm vorbeigegangen sein.

„Gut. Mira, dann reitest du nun mit mir. Macht euch fertig, wir haben heute Nacht noch eine lange Strecke vor uns.“ Zustimmendes Gemurmel war Antwort auf Tamos Befehl. Wenn alles nach Plan verlaufen würde, würde ich schon bald Fuß in das geheime und unvorstellbar gut gesicherte Land setzen. In die wunderbare Heimat meiner Schwester. Endlich würde ich mit eigenen Augen die Wunder, von denen mir Lorca in etlichen Nächten erzählt hatte, bestaunen können.

Von dort müsste ich dann auch die notwendige Hilfe bekommen können, um meinen zurückgelassenen Bruder vor unserem angeblichen Vater, dem falschen König von Katalynia, zu warnen und ihn aus seinen hinterlistigen Klauen zu befreien.

Plötzlich schoss es mir wieder ein. Malik befand sich doch schon längst nicht mehr in den finsteren Mauern der Hochkönigsburg. Irgendwo weit im Norden, hinter den schneebedeckten Bergen würde er seine eigenen schlauen Pläne, um zu mir zu gelangen, entwerfen. Hoffentlich würde er dabei nicht in irgendeine versteckte Falle tappen. Ich konnte nur hoffen, dass ihn Onkel Tamos Leute noch rechtzeitig vor kreativen Martyrerplänen abhalten können.

Während Lorca seine braune Stute von der stacheligen Hecke holte, sah ich mich wieder nach Suna um. Sie hatte schon lange keinen Laut mehr von sich gegeben. Ehrlich gesagt wusste ich auch nicht, wie nahe sie ihren gefallenen Freunden gestanden hatte. Ich war hin- und hergerissen, zwischen dem Gefühl, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten, und ihr mehr Platz für sich selbst zu geben. Eigentlich, wenn ich noch mehr darüber nachdachte, war ich so sehr in meinem eigenen inneren Schmerz verloren gegangen, ohne zu merken, wie es meinen noch immer fremden Begleitern ging. Meiner neuen Familie. Jeder hier musste eine ganz individuelle Vorgeschichte mit den toten Kriegern gehabt haben.

„Komm, ich helfe dir.“

Ich hatte wieder einmal nicht mitbekommen, wie sich der morodekische Krieger zu mir gestellt hatte. Nun deutete er auf die sanfte Stute neben sich, als ich ihn nur verwirrt musterte. Was war nur los mit mir? Hatten mich alle guten Geister verlassen?

„Geht schon, danke“, brachte ich irgendwie heraus.

Schwungvoll hievte ich mich in den ledernen Sattel und wartete, dass sich Lorca zu mir gesellte. Als wäre es ein Tanz für sich, schwang er sich hinter mir hinauf. Ich spürte ganz deutlich, wie sich seine trainierten Brustmuskeln anspannten. Es war schön zu merken, dass nicht nur er eine einzigartige Wirkung auf mich hatte. Jede Faser, jedes Stückchen Haut begann unter seinen unbewussten Berührungen zu kribbeln. Als stünden wir unter Strom.

Sachte legte er seine muskulösen Arme um meine Taille und nahm die ledernen Zügel in die Hände. Freudiges Kribbeln überzog meine hochsensiblen Sinne. Lorca so nahe zu sein, lenkte mich auf eine gute Art und Weise von der einschüchternden Realität ab. Es zeigte mir, dass trotz der nicht enden wollenden Hölle immer ein Funken Glück und Hoffnung zu finden war. Man musste nur daran festhalten. Darum kämpfen.

Onkel Tamo ritt gemeinsam mit Mira voraus, während meine Schwester mit ihrem nie lachenden Reitpartner das konzentrierte Schlusslicht bildete. Es war ein langsames Aus-dem-Versteck-kriechen. Etliche Male hob Tamo seinen rechten Arm mit einem Tempo, dass er damit jeden seine Nahkampfgegner k.o. geschlagen hätte. Daraufhin hielten wir immer gespannt die Luft an und lauschten nach auffälligen Geräuschen.

Selbst als wir die stachelige Dornenhecke, oder besser gesagt das gemeingefährliche Dornenfeld, verlassen hatten, ging es nicht recht viel schneller voran. Tamo ließ sich Zeit. Nur warum? Ich dachte, wir hätten noch einen langen Weg vor uns und hatte er nicht vorhin gemeint, dass wir noch in diese wolkenverhangene Nacht in den Tiefen der Erde verschwinden wollten? Noch dazu, wie sollte ein solcher Eingang leicht zugänglich und gleichzeitig unauffällig versteckt für Unwissende und Suchende sein? Egal, wie gut etwas verborgen war, die Wahrscheinlichkeit, dass trotzdem jemand darüber stolpern würde, war dennoch vorhanden.

Ein schriller Pfiff ließ mich hochschrecken. Wir waren nun an den ungeschützteren Waldrand gekommen. Das offenliegende Weideland breitete sich wie eine unheilvolle Masse vor uns aus. Dort würden wir leichte Beute für jeden unserer Gegner sein. Doch auch unsere tödlichen Verfolger würden nicht lange unbemerkt bleiben.

Verwirrt beobachtete ich, wie Tamo und Suna sich mit wilden Gesten und herumwerfenden Armen unterhielten. Es sah mehr nach einem stummen Schauspiel für Kleinkinder aus. Einem unwichtigen Spiel. Doch ich ahnte schon, dass es sich hierbei um viel Wichtigeres handelte. Warum sonst würden sie sich nicht trauen, die Diskussion laut zu führen? Wir hatten also Gesellschaft. Doch woher wussten sie das?

Mit zusammengekniffenen Augen scannte ich die umliegende Umgebung mit all ihren heimtückischen Schatten ab, doch ich konnte keine nahende Bedrohung finden. Nichts deutete auf feindliche Soldaten hin. Kein Schaben von Hufen, kein leises Pfeifen, keine zischenden Befehle, keine bewegenden Schatten. Alles war ruhig. Nicht auffallend ruhig, so als würde die Welt die Luft anhalten für das, was geschehen würde. Nein, es war einfach friedlich.

Melodisches Vogelgezwitscher, trockene Blätter raschelten dort, wo sich ein kleines graues Mäuschen zu verstecken versuchte. Sogar ein rotbraunes Eichhörnchen wagte sich schüchtern den nächsten moosbewachsenen Baumstamm herunter. Schnuppernd nahm es unsere starke Präsenz wahr, stufte uns aber als unbedrohlich ein und wandte sich nun seiner Futtersuche zu.

Vorsichtig stupste ich Lorca mit meinem knochigen Ellbogen in die Seite. Sofort hatte ich seine bedingungslose Aufmerksamkeit. Sogar aus dem Augenwinkel konnte ich die Sorge in seinen funkelnden Augen nicht ignorieren. Irgendetwas stimmte nicht und ich wollte nun endlich auch eingeweiht werden.

„Was ist los?“, formte ich lautlos mit meinen Lippen. Ich hatte schon die Befürchtung, dass er es nicht verstehen würde. Schließlich hatte ich keine Ahnung, wie gut er sich im Lippenlesen schlagen würde. Lorca rückte noch näher an mich heran, was mir schon als ein Ding der Unmöglichkeit erschien. Zwischen uns war definitiv kein Platz mehr gewesen.

„Suna spürt fremde Essenzen auf uns zukommen. Schnell. Wahrscheinlich sind es König Kans Gul.“ Während er sprach, berührten seine weichen Lippen meine empfindliche Ohrmuschel. Ich konnte mich kaum auf seine lautlosen Worte konzentrieren, so sehr lenkte mich seine Nähe vom Hier und Jetzt ab. Ich fühlte, wie sich meine letzten Gehirnzellen verabschiedeten und zu einer trüben Brühe verwandelten.

Ungünstig. Sehr ungünstig. Reiß dich zusammen. Warum mussten meine Hormone auch nur eine solche Gewalt über meinen menschlichen Körper haben? Ich sollte mich konzentrieren. Jetzt.

„Was meinst du mit ‚sie spürt Essenzen‘?“ Angestrengt versuchte ich, meine piepsige Stimme so leise wie möglich zu halten. Es schien mir äußerst unpassend, unnötig Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Schließlich war ich so oder so schon eine schwerwiegende Last in dieser Mission.

Lorca stieß einen Seufzer aus, worin ich direkt die schwere Last von Verantwortung und Verlusten mitschwingen hörte. „Ich schätze, dass auch du spezielle Fähigkeiten hast. Suna, ich weiß nicht, wie ich das verständlich erklären soll, kann die Lebensenergie von jedem einzelnen Menschen spüren. In diese elektrisch geladenen Ströme eingreifen. Am besten, du fragst sie mal selbst danach. Suna kann das weitaus besser erläutern als ich.“

Nach und nach sickerte die Bedeutung seiner Worte in meinen Verstand. Einerseits glaubte ich zu verstehen, was mir Lorca erzählen wollte, andererseits fühlte ich mich wie vom Pferd gestoßen und links liegen gelassen. Es machte irgendwie auf seltsame Art und Weise Sinn, andererseits war es meilenweit entfernt von logisch.

„Was tun wir jetzt?“ Die einzige Frage, die mir gerade nicht zu unkompliziert schien, um sie deutlich in Worte zu fassen.

„Gute Frage. Das versuchen wir gerade herauszufinden. Leider bietet sich uns hier nicht wirklich ein einladendes Versteck, in dem wir ausharren könnten.“ Schützend legte er seinen linken Arm um meinen Bauch und drückte mich komplett an sich. Die ledernen Zügel umklammerte er beinahe schon krampfhaft. Seine rechte Hand wanderte unaufhaltsam an den abgewetzten Griff seines Schwertes. Lorca würde mich beschützen, das stand außer Frage. Auch die anderen unseres kampfbereiten Trupps würden ihr Leben für das meine geben.

Doch was konnte ich tun? Ich wollte nicht nur zusehen. Ich wollte ihnen helfen.

Wildes Geschrei hallte zwischen den blätterlosen Bäumen hervor. Mindestens sieben maskierte Gestalten rasten auf uns zu. Alle bestens bestückt mit den fiesen Schusswaffen aus der Glasscherben Ebene. Gul. Sie sahen genauso aus, wie die, die in den stinkenden Gassen Aroniens Ragnars Leben beendet hatten. Seelenlose Marionetten eines gefühlskalten Königs. Lebende Tötungsmaschinen.

Panische Angst breitete sich in meinem Körper aus. Lähmte mich. Nur die herzzerreißende Erinnerung an Ragnars Tod ließ mich klar und deutlich denken. Wie von der grellen Sonne geblendet, kniff ich meine Augenlider so fest zu, wie es nur möglich war. Ich konzentrierte mich nur mehr auf eines. Keine neuen Verluste.

Lass es einfach zu. Gib ihr Raum zum Atmen. Deine Sinne werden folgen.

Als würde mein Geist, meine Seele, mir zustimmen, begann alles in mir und um mich zu vibrieren. Farben begannen zu leuchten, Pflanzen sich zu verformen, der weiche Untergrund sich aufzulösen und die Luft um uns verdichtete sich zu einem tödlichen Nebel. Es war, als wüsste mein Verstand, was zu tun war. Ich traute mich nicht, die Augen zu öffnen. So nahm ich nur das schmerzerfüllte Geschrei wahr.

Erst als der letzte qualvolle Laut erstickt war, begann ich vorsichtig meine Augen zu öffnen. Was sich mir nun offenbarte, ließ mich meinen Atem anhalten. Alles, was sich mein Kopf noch wenige Sekunden vorher ausgemalt hatte, Farben, Formen, verblasste langsam. Die schwarz gekleideten Gul lagen verrenkt am Boden. Ihre grausigen Masken waren teilweise zur Seite gerückt und gaben einen Einblick auf die schäumenden Münder und rot geäderten Augen. Vergiftet.