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In den letzten Jahren lässt sich – vermutlich nicht zuletzt in Folge der eher enttäuschenden Befunde internationaler Vergleichsstudien wie PISA und IGLU – ein deutlicher Aufwärtstrend feststellen, was die Entwicklung von Förderprogrammen für Vorschule und Schule angeht. Während sich viele Verfahren auf die frühe Förderung von Kompetenzen beziehen, die die spätere Entwicklung von Schriftsprache und mathematischer Fertigkeiten in der Schule bedeutsam beeinflussen, richten sich andere Trainingsmaterialien speziell an Schulkinder. Im vorliegenden Band werden eine Reihe von Verfahren genauer beschrieben, die für die Förderung in Vorschule und Schule konzipiert wurden und sich entweder zur Verbesserung relevanter Vorläufermerkmale (etwa der phonologischen Bewusstheit bzw. der frühen Mengen-Zahlen-Kompetenz) im Kindergarten oder aber zur Förderung schriftsprachlicher und mathematischer Kompetenzen in der Schule anbieten. Bei der Auswahl der Verfahren wurde besonderer Wert darauf gelegt, dass die Fördermaßnahmen tatsächlich positiv evaluiert wurden, es also belegbar ist, dass sie nachhaltig positive Effekte aufweisen. Der Band eignet sich von daher Studierende und Dozenten aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich ebenso wie für pädagogisches Fachpersonal in Kitas, für Lehrkräfte verschiedener Schularten sowie Pädagogen und Psychologen, die in Beratungs- und Fördereinrichtungen arbeiten. Dieser Band ist unter der Reihenbezeichnung "Tests und Trends – Jahrbuch der pädogogisch-psychologischen Diagnostik" erschienen.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Marcus Hasselhorn
Wolfgang Schneider
(Hrsg.)
Förderprogramme für Vor- und Grundschule
Tests und Trends – Jahrbuch der pädagogisch-psychologischen Diagnostik
Band 14
Förderprogramme für Vor- und Grundschule
herausgegeben von Prof. Dr. Markus Hasselhorn, Prof. Dr. Wolfgang Schneider
Herausgeber der Reihe:
Prof. Dr. Markus Hasselhorn, Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Prof. Dr. Ulrich Trautwein
Prof. Dr. Marcus Hasselhorn,geb. 1957. 1977–1983 Studium der Psychologie und Pädagogik. 1986 Promotion. 1993 Habilitation. 1993–1997 Professor für Entwicklungspsychologie an der TU Dresden. 1997–2007Leiter der Abteilung Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Göttingen. Seit 2007 Leiter der Arbeitseinheit Bildung und Entwicklung am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main.
Prof. Dr. Wolfgang Schneider,geb. 1950. 1969–1975 Studium der Psychologie, Theologie und Philosophie. 1976–1981 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. 1979 Promotion. 1981–1982 Visiting Scholar an der Stanford University (USA). 1982–1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München. 1988 Habilitation. 1990–1991 Vertretung und seit 1991 Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische und Entwicklungspsychologie an der Universität Würzburg.
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Satz: Matthias Lenke, Weimar
Format: EPUB
1. Auflage 2016
© 2016 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-2772-0; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-2772-1)
ISBN 978-3-8017-2772-7
http://doi.org/10.1026/02772-000
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Vorwort der Reihenherausgeber
Kapitel 1 Förderung schulrelevanter Kompetenzen in Vorschule und Schule
1.1 Einleitung
1.2 Was sind schulrelevante Kompetenzen?
1.2.1 Bereichsübergreifende Kompetenzen
1.2.2 Bereichsspezifische Kompetenzen
1.3 Welche schulrelevanten Kompetenzen lassen sich wie erfolgreich fördern?
1.3.1 Vorschulische Förderung
1.3.2 Förderung im Schulalter
Literatur
Kapitel 2 Elternbasierte Sprachförderung im Vorschulalter: Das Lobo-Programm
2.1 Einleitung
2.2 Phonologische Bewusstheit
2.2.1 Das Konzept der phonologischen Bewusstheit
2.2.2 Phonologische Bewusstheit und Schriftspracherwerb
2.2.3 Ansätze zur Förderung der phonologischen Bewusstheit
2.3 Elternbasierte Sprachförderung im Vorschulalter: Das Lobo-Programm
2.3.1 Rahmenhandlung der Lobo vom Globo-Programme
2.3.2 Aufbau des Elterntrainings
2.3.3 Wirksamkeitsüberprüfung der Lobo vom Globo-Programme
2.4 Fazit und Ausblick
Literatur
Kapitel 3 „MARKO-T“ – Ein mathematisches Förderprogramm evaluiert an Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen
3.1 Einleitung
3.2 Förderkriterien
3.3 Das Trainingsprogramm MARKO-T
3.3.1 Anwendungsbereich und Aufbau des Programms
3.3.2 Trainingsprinzip: Strategiereflexion und metakognitive Kontrolle
3.3.3 Diagnostik von Lernausgangslage und Lernverlauf
3.3.4 Wirksamkeit des Trainings
3.4 Wirksamkeitsevaluation an Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen
3.4.1 Design
3.4.2 Stichprobe
3.4.3 Erhebungsinstrumente und Durchführung
3.4.4 Auswertungsmethode
3.4.5 Ergebnisse
3.5 Diskussion
Literatur
Kapitel 4 Entwicklungsorientierte Prävention von und Intervention bei Rechenschwäche mit „Mengen, zählen, Zahlen“ (MZZ)
4.1 Theoretischer Hintergrund
4.1.1 Entwicklungsmodell der Zahl-Größen-Verknüpfung (ZGV-Modell) nach Krajewski
4.1.2 Bedeutung mathematischer Basiskompetenzen für schulische Mathematikleistungen
4.1.3 Bedeutung von Arbeitsgedächtnis und exekutiven Funktionen für den Kompetenzerwerb
4.2 Entwicklungsorientierte Diagnostik mathematischer Basiskompetenzen im Kindergartenalter (MBK 0) und im Verlauf der ersten Klasse (MBK 1)
4.2.1 Aufbau
4.2.2 Gütekriterien
4.3 Förderung mit „Mengen, zählen, Zahlen“
4.3.1 Auf dem ZGV-Modell basierender Förderansatz
4.3.2 Berücksichtigung begrenzter kindlicher Ressourcen
4.4 Empirische Belege für die Wirksamkeit des MZZ in Kindergarten und Schule
Literatur
Kapitel 5 „Mina und der Maulwurf“ – Ein mathematisches Gruppentraining eingesetzt bei Kindern mit Sprachverständnisschwierigkeiten
5.1 Zusammenhänge zwischen Sprache und mathematischen Kompetenzen
5.2 Biene Mina – ein Gruppentraining zur Förderung der mathematischen Kompetenzen
5.2.1 Steckbrief zum Fördertraining
5.2.2 Trainingseffekte aus bisherigen Evaluationsstudien
5.3 Evaluationsstudie mit sprachlich auffälligen Kindern
5.3.1 Studiendesign
5.3.2 Stichprobe
5.3.3 Erhebungsinstrumente und Durchführung
5.3.4 Auswertung
5.3.5 Ergebnisse
5.4 Diskussion
Literatur
Kapitel 6 Evidenzbasierte Förderung schulischer Fertigkeiten am Computer: Lernspiele mit Elfe und Mathis
6.1 Chancen und Grenzen computerbasierter Förderung
6.1.1 Schulischer Einsatz von Lernsoftware: Eine Bestandsaufnahme
6.1.2 Der Computer als Lernmedium: Ergebnisse der internationalen Interventionsforschung
6.1.3 Mögliche Kriterien zur Auswahl von Fördersoftware
6.2 Generelle Gestaltung der Lernspielserie
6.2.1 Konzept der Übungsprogramme
6.2.2 Motivationale Elemente und Adaptivität
6.3 Beschreibung der einzelnen Lernspiele mit Elfe und Mathis
6.3.1 Rechenspiele mit Elfe und Mathis I und II
6.3.2 Denkspiele mit Elfe und Mathis
6.3.3 Lesespiele mit Elfe und Mathis
6.4 Fazit und Ausblick
Literatur
Kapitel 7 „Lautarium“ – ein computerbasiertes Trainingsprogramm für Grundschulkinder mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten
7.1 Theoretische Grundlagen und Forschungsstand
7.1.1 Phonologische Verarbeitungsfähigkeiten und ihre Bedeutung für den Schriftspracherwerb
7.1.2 Wirkungen von phonologischen Trainings und Kombinationstrainings mit phonologischen Anteilen auf die Lese-Rechtschreibleistungen bei Grundschulkindern
7.2 Das computerbasierte Trainingsprogramm Lautarium
7.2.1 Zielgruppe und Anwendungsbereich
7.2.2 Inhalte, Aufbau und Durchführung des Programms
7.3 Evaluationsstudien zum Lautarium
7.3.1 Studie 1: Prüfung der Validität der implementierten Aufgaben
7.3.2 Studie 2: Wirksamkeit des Lautarium-Trainings bei Kindern mit Lese-Rechtschreibstörung
7.3.3 Studie 3: Wirksamkeit des Lautarium-Trainings bei Erstklässlern mit schwachen bzw. mindestens durchschnittlichen Leseleistungen
7.8 Fazit und Ausblick
Literatur
Kapitel 8 „PHONIT“ – Ein Trainingsprogramm zur Förderung der phonologischen Bewusstheit und Rechtschreibleistung für den Grund- und Förderschulbereich
8.1 Rechtschreiberwerb und phonologische Bewusstheit
8.1.1 Stand der Forschung
8.1.2 Förderung der phonologischen Bewusstheit
8.2 Der PHONIT
8.2.1 Aufbau des Programms
8.2.2 Entwicklung und Evaluation
8.3 Der Einsatz des PHONIT im Regel- sowie Förderschulkontext
8.3.1 Einsatz bei Kindern im Grundschulalter an Regelschulen – Ergebnisse aus der Evaluierungsstudie
8.3.2 Einsatz bei Kindern mit Sprach- und Sprachverarbeitungsstörungen
8.4 Fazit
Literatur
Kapitel 9 Die Lautgetreue Lese-Rechtschreibförderung als Basis eines umfassenden Behandlungssystems bei Lese-Rechtschreibstörungen
9.1 Praxisbezogene Überlegungen zu theoretischen Grundlagen des Behandlungskonzepts
9.2 Konzeptbezogene Definition von Lauttreue – Häufigkeiten in der deutschen Orthografie
9.3 Sprachsystematischer Aufbau der Phonemstufen 1 – 6
9.4 Unterstützende Methoden beim Aufbau der lautorientiert/phonemischen Mitsprechstrategie – Lautgebärden und Rhythmisches Syllabieren
9.5 Von der Mitsprechstrategie zur orthografisch/morphemischen Begründungsstrategie
9.6 Sprachsystematischer Aufbau der Regelteile I-VI
9.7 Synergieeffekte und Effektivität
Literatur
Kapitel 10 „Das Marburger Rechtschreibtraining“ – Ein Förderprogramm für Kinder mit einer Lese- und/oder Rechtschreibstörung
10.1 Einführung
10.2 Theoretische Einordnung des Förderkonzeptes
10.3 Aufbau und Übungen des Marburger Rechtschreibtrainings
10.4 Umsetzung des MRT in der Praxis
10.5 Evaluation des MRT
Literatur
Kapitel 11 Computergestützte Ansätze zur Förderung der Leseleistung durch Manipulation individueller Lesezeiten
11.1 Zur Idee der Manipulation individueller Lesezeiten
11.2 Training der Lesebeschleunigung durch sequenzielles Ausblenden von Buchstaben
11.3 Training durch gezieltes Ausblenden von Wortstamminformationen
11.4 Grenzen und Potenziale
11.5 Ausblick
Literatur
Kapitel 12 „conText“ – Training des Leseverständnisses mithilfe semantischer Technologien
12.1 Leseverständnis: Bedingungsfaktoren und Fördermöglichkeiten
12.1.1 Determinanten verstehenden Lesens
12.1.2 Kognitive und metakognitive Strategien beim Lesen
12.1.3 Leseverständnisförderung durch Strategievermittlung
12.2 Technische Grundlagen der computerbasierten Leseverständnisförderung
12.2.1 Latente Semantische Analyse
12.2.2 Konstruktion intelligenter tutorieller Systeme
12.3 Aufbau und Durchführung von conText
12.3.1 Gestaltungsprinzipien
12.3.2 Grenzen des Ansatzes
12.4 Effektivität der Förderung
Literatur
Kapitel 13 „Calcularis“ – Eine adaptive Lernsoftware zur Matheförderung
13.1 Einleitung: Warum ein Computertraining?
13.2 Was steckt dahinter? Das theoretische Konzept
13.3 Wie funktioniert Calcularis?
13.3.1 Was man sieht …: Die Struktur des Programms und Merkmale der Spiele
13.3.2 … und was man nicht sieht: Der adaptive Algorithmus des Bayes-Netzes mit Beispielen verschiedener Lernpfade
13.4 Ist Calcularis wirksam? Ergebnisse der Evaluationsstudien
13.4.1 Studie 1: Trainingseffekte sind im Gehirn nachweisbar
13.4.2 Studie 2: Pilot-Studie mit Calcularis 1.0
13.4.3 Studie 3: Hauptstudie Calcularis 1.0
13.5 Praktische Anwendung: Einsatz in Schule, Lerntherapie oder zu Hause
13.5.1 Beispiele aus der Praxis
Literatur
Autorenverzeichnis
Seit dem Beginn der Neuen Folge der Reihe „Tests und Trends – Jahrbuch der pädagogisch-psychologischen Diagnostik“ im Jahr 2000 wurde in den nun mehr als 15 Jahren ihres Bestehens immer der neueste Stand diagnostischer Möglichkeiten in unterschiedlichen Inhaltsbereichen schulischen Lernens dokumentiert.
Der hier vorliegende 14. Band der Neuen Reihe beschäftigt sich im Unterschied dazu mit Möglichkeiten der Förderung von schulrelevanten Kompetenzen, die schon im Vorschulalter identifiziert werden können, und von schulischen Kompetenzen. Während in den bislang vorliegenden Bänden unserer Reihe großer Wert darauf gelegt wurde, sprachliche, schriftsprachliche und mathematische Kompetenzen in unterschiedlichen Altersgruppen zuverlässig zu diagnostizieren, geht es im vorliegenden Band darum, Fördermaßnahmen in unterschiedlichen Inhaltsbereichen vorzustellen, die sich im Rahmen von wissenschaftlichen Evaluationsstudien als effektiv erwiesen haben. Es werden Trainingsprogramme vorgestellt, die für den Einsatz in Vorschule und Schule geeignet scheinen. Während die für den Vorschulbereich entwickelten und hier näher beschriebenen Verfahren mehrheitlich die mathematische Kompetenzentwicklung betreffen, wurden für den schulischen Bereich vor allem Programme berücksichtigt, die Lese- und Rechtschreibförderung anbieten. Der Überblick ist sicherlich nicht umfassend, da gerade in jüngerer Zeit eine ganze Reihe von Förderprogrammen publiziert worden ist. Für die Berücksichtigung im vorliegenden Band war jedoch maßgeblich, dass sich die Programme in der Praxis bereits bewährt haben.
Insgesamt gesehen bietet der vorliegende Band einen Überblick über interessante neuere und teilweise auch schon länger verfügbare Förderprogramme, die sich in Vorschule und Schule sinnvoll einsetzen lassen.
Wir hoffen sehr und sind insgesamt auch zuversichtlich, dass dieser Band dazu beitragen kann, einer breiten Leserschaft relevantes Wissen über effektive Fördermaßnahmen zu schulrelevanten Kompetenzen zu vermitteln, wie sie sich für den Vorschul- und Schulbereich anbieten.
Frankfurt, Würzburg und Tübingen, im November 2015
Marcus Hasselhorn,
Wolfgang Schneider
und Ulrich Trautwein
Marcus Hasselhorn und Wolfgang Schneider
Zusammenfassung
Die gezielte Förderung schulrelevanter Kompetenzen im Vorschul- und Schulalter rückt insbesondere im Rahmen der Diskussion, wie ein inklusives Bildungssystem praktisch umgesetzt werden kann, immer mehr in den Fokus der pädagogischen Praxis und der Öffentlichkeit. Förderprogramme zur individuellen Förderung schulrelevanter Kompetenzen könnten in diesem Kontext zu einem wichtigen Werkzeug für Lehrkräfte an Regelschulen oder sogar für frühpädagogische Fachkräfte werden. Im vorliegenden Beitrag wird zunächst skizziert, was man unter schulrelevanten Kompetenzen versteht. Dabei wird insbesondere auf die Unterscheidung zwischen bereichsübergreifenden und bereichsspezifischen Kompetenzen eingegangen. Anschließend werden einige allgemeine Antworten zur Frage gegeben, welche schulrelevanten Kompetenzen sich wie fördern lassen.
Für eine langfristig erfolgreiche Teilhabe an unserer Gesellschaft müssen Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Der Erfolg des Lernens der Schriftsprache, der Arithmetik, aber auch aller anderen schulischen Anforderungen hängt von einer Reihe allgemeiner und spezifischer kognitiver Voraussetzungen ab. In den letzten Jahrzehnten wurden spezifische Vorläuferkenntnisse und -fertigkeiten der Schriftsprache sowie einige mathematische Basisfertigkeiten identifiziert, die besonders relevant sind. Gemeinsam mit der Funktionstüchtigkeit des Arbeitsgedächtnisses sind sie mitentscheidend dafür, wie gut Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Wenn dann der schulisch angeleitete Erwerb von Schriftsprache und Mathematik eingesetzt hat, wird die Bedeutung der Vorläuferkenntnisse und frühen Fertigkeiten durch Kenntnisse und bereichsspezifische Fertigkeiten abgelöst. All diese Kenntnisse und Fertigkeiten fassen wir im Folgenden unter dem Begriff der schulrelevanten Kompetenzen zusammen.
In diesem Beitrag werden zunächst diese schulrelevanten Kompetenzen skizziert, wobei zwischen bereichsübergreifenden und bereichsspezifischen schulischen Kompetenzen unterschieden wird. Anschließend wird auf die grundlegenden |2|Diskussionen der letzten Jahrzehnte zum erfolgreichen Trainieren schulrelevanter Kompetenzen in Schule und Vorschule bzw. zum Aufbau und zur Verbesserung dieser Kompetenzen durch Förderprogramme eingegangen.
Erfolg schulischen Lernens hängt nicht nur von geeigneten Lernangeboten ab, sondern auch von einer Reihe individueller Voraussetzungen, die sich grob in kognitive und motivational-volitionale Kompetenzen unterscheiden lassen (Hasselhorn & Gold, 2013). Kompetenzen werden nach Weinert (2001) als kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Lösung von Problemen bezeichnet, verbunden mit motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften, diese in variablen Situationen zu nutzen. Ausgehend von dieser Definition haben sich Wissenschaftler damit beschäftigt, für viele Schulfächer Kompetenzmodelle zu formulieren, empirisch erfassbar zu machen und kompetenzförderliche Unterrichtskonzepte zu entwickeln. Im Zentrum des von Weinert in die Diskussion eingebrachten Kompetenzbegriffs stehen kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten. Diese kognitiven Voraussetzungen eines Individuums sind entscheidend dafür, was wie lernbar ist. Verändern diese sich z. B. mit dem Alter oder infolge eines durchgeführten Förderprogramms, so verändert sich auch das Lernpotenzial des Individuums.
Was aber sind die kognitiven Voraussetzungen, die für das Lernpotenzial entscheidend sind? Lange Zeit schien es eine einfache Antwort auf diese Frage zu geben. Sie lautete: Intelligenz ist die wichtigste kognitive Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. Will man eine möglichst sparsame Antwort auf diese Frage haben, so ist es durchaus angemessen, diese Antwort zu geben. Dennoch hat die Forschung der letzten Jahrzehnte gezeigt, dass eine differenzierte Sichtweise auf die kognitiven Kompetenzen von Lernenden von größerer praktischer Nützlichkeit ist. So hat zwar der psychometrische Fokus auf der allgemeinen Intelligenz den Vorteil, das diese Fähigkeit in allen erdenklichen schulischen Lernkontexten hilfreich ist und daher mehr Intelligenz auch zu höherem Lernerfolg führt. So belegen z. B. zahlreiche Studien die besondere Bedeutung der Intelligenz für die Vorhersage schulischer Leistungen (s. Übersicht bei Rost, 2009). Insgesamt weisen die Befunde darauf hin, dass etwa 30 % bis 45 % der Schulleistungsvarianz in der Grundschule durch Intelligenzunterschiede erklärt werden können. Steigern lässt sich der Prozentsatz aufgeklärter Varianz allerdings, wenn man intellektuelle Kompetenzen aus der Perspektive der Informationsverarbeitung betrachtet. Informationsverarbeitungsanalysen schulischer Lernprozesse haben dabei ergeben, dass zwischen bereichsübergreifenden und bereichsspezifischen Kompetenzen zu unterscheiden ist. Während erstere sich auf Kompetenzen beziehen, die in sehr viel verschiedenen Lerndomänen sich als leistungsdienlich erweisen, dabei allerdings nur einen begrenzten Varianzanteil aufzuklären |3|imstande sind, sind letztere nur in wenigen Lerndomänen (bereichsspezifisch) hilfreich, tragen dort allerdings oft zu einem hohen Prozentsatz aufgeklärter Varianz bei.
Als bereichsübergreifend bezeichnet man Kompetenzen, die in unterschiedlichen Situationen und Inhaltsbereichen beim Erwerb von Wissen, bei der Verarbeitung relevanter Information sowie bei der Lösung neuer Probleme genutzt werden können. Dazu gehören vor allem Techniken und Strategien des Lernens, insbesondere allgemeine Fertigkeiten der Planung, Steuerung, Überwachung und Bewertung eigenen Lernens. Diese werden in der pädagogisch-psychologischen Forschung unter den Konstrukten Metakognition und Selbstregulation subsumiert (vgl. Hasselhorn & Labuhn, 2008). Insbesondere bei Anforderungen einer subjektiv mittleren Schwierigkeit tragen metakognitives Wissen und entsprechende Fertigkeiten zur Reflexion über den eigenen Lernprozess und zur Nutzung bzw. Regulation von zielgerichteten Lernaktivitäten bei. Metakognitives Wissen und die entsprechenden Fertigkeiten unterliegen deutlichen Entwicklungsveränderungen bis über das Jugendalter hinaus und lassen sich durch geeignete Maßnahmen durchaus beeinflussen (vgl. Schneider, 2015).
Neben dieser strategischen Facette bereichsübergreifender Kompetenzen hat sich insbesondere das Konstrukt des Arbeitsgedächtnisses als bedeutsam erwiesen. (vgl. Hasselhorn & Grube, 2007). Das Konstrukt basiert auf der Vorstellung, dass wir über eine Art Kurzzeitspeicher verfügen, der uns ermöglicht, Gesehenes oder Gehörtes vorübergehend zu speichern und zu verarbeiten. Der Fokus dieser Betrachtungsweise liegt auf der den Lern- und Denkprozessen zugrunde liegenden Verarbeitungskapazität. So erfordern anspruchsvolle Aufgaben nicht nur den Rückgriff auf Wissen und den Einsatz angemessener Strategien, sondern noch etwas viel Grundlegenderes: die Aufrechterhaltung von Informationen. Empirisch liegen mittlerweile erste Hinweise darauf vor, dass der Erwerb grundlegender schulischer Fertigkeiten wie beispielsweise Lesen besser auf der Basis von Arbeitsgedächtnistests als durch Tests zur Erfassung der allgemeinen Intelligenz vorhersagbar ist (z. B. Alloway & Alloway, 2010). Defizite im Arbeitsgedächtnis können sowohl zu Lese- Rechtschreibproblemen als auch zu Problemen im mathematischen Bereich führen (Schuchardt, Kunze, Grube & Hasselhorn, 2006).
Neben den skizzierten bereichsübergreifenden schulrelevanten Kompetenzen kennt man mittlerweile eine Reihe von bereichsspezifischen Vorläufern des erfolgreichen Lernens von Lesen, Schreiben und Rechnen. So haben vor mehr als |4|drei Jahrzehnten kanadische, amerikanische und skandinavische Arbeitsgruppen die Entdeckung gemacht, dass man aus der Qualität früher phonologischer Verarbeitung beim Kind vorhersagen kann, wie gut es lesen und schreiben lernen wird. Phonologische Verarbeitung ist die Bezeichnung für verschiedene Kompetenzen im Umgang mit der Lautstruktur von Sprache. Neben dem bereits vorgestellten Verarbeiten sprachlich-klanglicher Informationen im Arbeitsgedächtnis lassen sich zwei weitere Komponenten der phonologischen Informationsverarbeitung unterscheiden: die phonologische Bewusstheit und die Geschwindigkeit des Zugriff auf sprachliche Einträge im Langzeitgedächtnis.
Phonologische Bewusstheit bezeichnet die Fähigkeit, bei der Wahrnehmung, der Verarbeitung, dem Abruf und der Speicherung von sprachlichen Informationen Wissen über die Lautstruktur der Sprache heranzuziehen. Zur phonologischen Bewusstheit gehört die Erkenntnis, dass Sätze aus Wörtern und Wörter aus Silben bestehen, und die Fähigkeiten, Reime zu erkennen, Wörter in einzelne Laute zu zerlegen sowie mehrere Laute zu einem Wort zusammenzufügen. Die Lautanalyse spielt beim Schreiben eine wichtige Rolle, die Fähigkeit zur Lautsynthese ist besonders für das Lesen bedeutsam. Diese höheren Fähigkeiten der phonologischen Bewusstheit werden in der Regel erst im Schriftsprachunterricht erworben, wenn erstmals ausdrücklich die Aufmerksamkeit der Kinder auf die formale Struktur der Sprache gelenkt wird.
Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die von uns hier vorgenommene Klassifizierung der phonologischen Bewusstheit als eher bereichsspezifische Kompetenz in neuerer Zeit kontrovers diskutiert wird. So finden sich in der neueren Literatur vereinzelt Hinweise darauf, dass die frühe phonologische Bewusstheit auch Kompetenzen im mathematischen Bereich vorhersagen kann (vgl. Landerl & Kaufmann, 2008; Schneider, Küspert & Krajewski, 2013). Dieser Frage sollte in weiteren Arbeiten gezielt nachgegangen werden.
Die Geschwindigkeit beim Zugriff auf das Langzeitgedächtnis basiert auf der Fähigkeit, visuelle Symbole in eine lautsprachliche Struktur zu übertragen, um ihre Bedeutung aus den sprachlichen Einträgen im eigenen Langzeitgedächtnis abzurufen. Beim Lesen und Schreiben müssen Zuordnungsregeln von Phonemen zu Graphemen bzw. umgekehrt aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen werden. Neben den Komponenten der phonologischen Informationsverarbeitung hat sich in jüngerer Zeit auch der Wortschatz, die Vertrautheit mit Schriftsprache und die frühe Kenntnis einzelner Buchstaben als hilfreiche Voraussetzung für den erfolgreichen Einstieg in Lese- und Rechtschreibprozesse herausgestellt. Diese Erkenntnis ließ sich insbesondere aus Längsschnittstudien ableiten, die im Vorschulalter einsetzten und weit in die Schulzeit hineinreichten.
In einer neueren Arbeit von Ennemoser, Marx, Schneider und Weber (2012) wurden die Ergebnisse zweier ähnlich gelagerten Längsschnittstudien kombiniert, |5|um genauere Aufschlüsse über die Relevanz unterschiedlicher Vorläufermerkmale für die spätere Lese- und Rechtschreibkompetenz zu gewinnen. Beide in die Analyse einbezogenen Längsschnittstudien erstreckten sich vom letzten Kindergartenjahr bis zum Ende der Grundschulzeit. In beiden Studien wurden vor Schulbeginn neben der nicht sprachlichen Intelligenz (logische Denkfähigkeit) die drei oben genannten Merkmale der phonologischen Informationsverarbeitung sowie Aspekte der linguistischen Kompetenz (z. B. Wortschatz, semantisches Wissen, grammatikalische Kompetenz) einbezogen. Als schulische Kriteriumsmaße fungierten die Lesegeschwindigkeit, das Lese- und Textverständnis und die Rechtschreibleistung. Als wichtigstes Ergebnis ließ sich festhalten, dass die Lesegeschwindigkeit bis zum Ende der vierten Klassenstufe am besten durch die vor Schulbeginn erfasste Geschwindigkeit der sprachlichen Informationsverarbeitung (Benenngeschwindigkeit) vorhergesagt werden konnte, weiterhin auch durch die phonologische Bewusstheit. Beide Vorläufermerkmale lieferten auch einen bedeutsamen Beitrag für die Vorhersage der Lesekompetenz, doch erwies sich hier die linguistische Kompetenz als vergleichsweise stärkster Prädiktor. Schließlich stellte die früh erhobene phonologische Bewusstheit das wichtigste Vorhersagemerkmal für die spätere Rechtschreibleistung dar, gefolgt von Arbeitsgedächtnis und Intelligenz.
In den letzten Jahren ist die Suche nach analogen basalen Vorläufern der Schulmathematik intensiviert worden. Mittlerweile liegen auch dazu eine Reihe von theoretischen Entwürfen vor, in denen mathematische Basisfertigkeiten und deren Entwicklung in den ersten Lebensjahren ausführlich beschrieben werden (vgl. Krajewski & Ennemoser, 2013). Zu diesen Basisfertigkeiten, die sich im Verlauf der Vorschulzeit qualitativ verfeinern und quantitativ stetig verbessern, zählen beispielsweise ein Verständnis von Zahlen und Zahlwörtern und die Verknüpfung von Zahlwörtern mit Mengen sowie die Fähigkeit zum Mengenvergleich. Auch beim Erwerb mathematischer Kompetenzen im Grundschulalter handelt es sich um eine komplexe Sequenz kumulativer Lernprozesse. Beispielsweise ist für die Beherrschung der Grundrechenarten die Qualität basalen arithmetischen Wissens entscheidend (vgl. Grube, 2005): Wer früh über ein vollständiges und hochautomatisiert nutzbares Wissen hinsichtlich der Ergebnisse von Addition, Subtraktion, Multiplikation und Dvision verfügt, besitzt einen enormen Vorteil beim Bewältigen auch von komplexeren Rechenanforderungen.
Die Hoffnung, durch gezielte Förderung bereichsübergreifender kognitiver Kompetenzen Kinder und Jugendliche in die Lage zu versetzen, alle schulischen (später auch beruflichen) Anforderungen besser zu bewältigen, hat Pädagogen immer wieder inspiriert. Schon vor mehr als einem Jahrhundert wurde die Idee |6|der formalen Bildung diskutiert, der zufolge stets mehr gelernt als gelehrt wird. Unterricht in geeigneten formal-bildenden Fächern – so die Annahme – sollte neben dem Kenntniszuwachs in den Fächern auch eine allgemeine Verbesserung des Lern- und Denkvermögens nach sich ziehen. In seiner Präzisierung der Theorie der formalen Bildung hat Ernst Lehmensick (1926) die Unterscheidung zwischen funktionaler Bildung und methodischer Schulung eingeführt. Unter funktionaler Bildung verstand er die Bemühungen der Stärkung allgemeiner geistiger Kräfte, während sich die methodische Schulung auf das Einüben allgemeiner Techniken und Strategien des Lernens bezieht. Zu den interessantesten und erfolgreichsten Ansätzen dieser Art in Deutschland gehört das in den 1980er-Jahren von Karl Josef Klauer entwickelte Förderprogramm „Denktraining“. Im Rahmen des Denktrainings lernen die Kinder spielerisch Grundstrukturen wie Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zu erkennen und angemessene Lösungs- und Kontrollprozesse auszuführen. Die von Klauer und Phye (2008) zusammengefassten Studien zeigen auf, dass das Denktraining bei Kindern nicht nur zu leichten Intelligenzsteigerungen führen kann, sondern dass auch Transfereffekte auf das schulische Lernen nachweisbar sind. Insbesondere für Kinder mit allgemeinen Lernschwächen ist dieses Programm daher sicherlich ein geeignetes Mittel für individuelle Fördermaßnahmen. Möglicherweise ist die Wirksamkeit dieses Ansatzes darauf zurückzuführen, dass im Rahmen des Denktrainings Techniken und Denkheuristiken vermittelt werden, die starke Ähnlichkeit mit metakognitiven Strategien haben, deren Vermittlung sich insbesondere in der Sekundarstufe als sehr sinnvoll zur allgemeinen Förderung erwiesen haben (vgl. Mähler, Hasselhorn, Schreblowski & Hager, 2007; Schneider & Artelt, 2010).
Noch relevanter als die Intelligenz scheint die Kapazität bzw. die Funktionstüchtigkeit des Arbeitsgedächtnisses für die erfolgreiche Bewältigung schulischer Anforderungen zu sein (s. o.). Daher ist der Gedanke nahe liegend, das Arbeitsgedächtnis als zentrale bereichsübergreifende schulrelevante Kompetenz zu trainieren. Fördermaßnahmen zur Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses setzen vor allem bei den drei Komponenten des Arbeitsgedächtnisses, dem phonologischen Arbeitsgedächtnis, den zentral-exekutiven Kontrollprozessen sowie dem Wissen über die Funktionsweise des eigenen Gedächtnisses an (Mähler & Hasselhorn, 2001; Melby-Lervåg & Hulme, 2013). Die Befunde zur Förderung von Arbeitsgedächtnisfunktionen sind allerdings wenig vielversprechend. Zwar konnten Arbeitsgedächtnistrainings in vereinzelten Studien, beispielweise bei Kindern mit im Vorhinein niedrigen Arbeitsgedächtnisleistungen (Holmes, Gathercole & Dunning, 2009), Effekte auf die Leistungen bei Arbeitsgedächtnisanforderungen erzielen, doch sind diese Effekte in der Regel nur gering und zeigen sich lediglich kurzfristig (Melby-Lervåg & Hulme, 2013). Zudem finden sich bei Arbeitsgedächtnistrainings selten Transfereffekte auf andere Lern- und Leistungsbereiche (z. B. Alloway, 2012). Dies spricht dafür, dass die Grundkapazitäten des Arbeitsgedächtnisses kaum durch zeitlich überschaubare Trainings verändert werden können.
|7|So kommt es nicht von ungefähr, dass die erfolgreichsten Förderprogramme im Vorschul- und Schulalter vor allem an bereichsspezifischen schulrelevanten Kompetenzen ansetzen.
Frühe Förderung schulischer Kompetenzen ist Prävention von individuellem Bildungsmisserfolg, wobei je nach Anlass unterschiedliche Ebenen zum Tragen kommen, die als universelle (primäre), selektive (sekundäre) und indizierte (tertiäre) Präventionen bezeichnet werden (vgl. Ziegenhain, 2008). Universelle Präventionen beziehen sich auf Angebote, die allen Kindern bzw. Familien zur Verfügung stehen (z. B. Kindergarten). Frühförderung im eigentlichen Sinne bezieht sich auf Angebote, die selektiv für bestimmte Risikogruppen konzipiert sind und durch die ein ungünstiger Entwicklungsverlauf im Einzelfall verhindert werden soll (z. B. Sprachförderangebote für Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, Grundschulförderklasse). Liegen schließlich bereits diagnostizierte Störungen oder Beeinträchtigungen vor, so sind indizierte Interventionen zur Kompensation der Defizite angebracht.
Insbesondere für die Prävention von Schulversagen sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten verschiedene pädagogisch-psychologisch begründete und empirisch bewährte Ansätze vorgelegt worden. Ein klassisches Beispiel für selektive Maßnahmen bei Risikopopulationen sind die in den 1960er-Jahren im Rahmen der Diskussion zur kompensatorischen Erziehung entwickelten Head-Start-Programme für soziale benachteiligte Kinder im Vorschulalter in den USA. Der Nutzen solcher Maßnahmen mit Breitenwirkung ist lange kontrovers diskutiert worden, da es zunächst den Anschein hatte, dass kurzfristige Steigerungen z. B. der Intelligenz bald wieder verloren gingen. Einige Langzeitstudien, wie z. B. das Perry Preschool Program zur Förderung drei- bis vierjähriger sozial benachteiligter afro-amerikanischer Kinder (Weikart & Schweinhart, 1997), führten jedoch zu ermutigenden langfristigen Effekten im Sinne besseren Schul- und Berufserfolgs und Vermeidung krimineller Karrieren, was offenbar stärker durch die frühe vorschulische Prävention als durch spätere Interventionen zu erklären war.
Die vielleicht größte Erfolgsgeschichte pädagogisch-psychologischer Forschung zur präventiven Förderung schulrelevanter Kompetenzen dreht sich um das Training phonologischer Bewusstheit zur Prävention von Lese-Rechtschreibschwächen in der Grundschule. Diese Trainingsprogramme basieren auf sprachlich-spielerischen Übungen und sollen in kurzen täglichen Sitzungen im letzten Kindergartenhalbjahr durchgeführt werden. In groß angelegten Evaluationsstudien haben sich entsprechende Förderprogramme als kurz- und langfristig effektiv erwiesen (vgl. zum Überblick Schneider & Marx, 2008). Hier sei allerdings angemerkt, dass neuere Metaanalysen zu Evaluationsstudien im deutsch|8|sprachigen Raum größere Unterschiede in den Erfolgsquoten registrierten, die möglicherweise mit der Art der Umsetzung der Programme und der Erfahrenheit von Erzieherinnen zusammenhängen (z. B. Fischer & Pfost, 2015; Wolf, Schroeders & Kriegbaum, im Druck). Die Nachhaltigkeit der Fördermaßnahmen scheint insbesondere dann gegeben zu sein, wenn das pädagogische Fachpersonal gezielt und ausführlich in die Förderprogramme eingearbeitet wird und die erforderliche Motivation zur Umsetzung der Maßnahmen im Kindergartenalltag gegeben ist.
Ein aktuelles Hauptaugenmerk im deutschen Sprachraum gilt der Entwicklung von Sprachförderprogrammen, die zur Erweiterung des Wortschatzes, zur Verbesserung der Begriffsbildung, der syntaktischen Fähigkeiten und der Lautdiskrimination beitragen. Offensichtlich gilt für Kinder mit sprachlichen Entwicklungsverzögerungen, dass die Wirksamkeit früher Sprachförderprogramme umso größer ist, je früher mit der Intervention begonnen wird (Yoder, 1999). Inwiefern solche Programme zur Sprachförderung langfristig Schulversagen verhindern können, ist ungeklärt; ältere Studien mit Programmen zur Sprachförderung kommen zu eher bescheidenen Ergebnissen (vgl. Schmidt-Denter, 2002). Mittlerweile hat man erkannt, dass die Programme an Wirksamkeit gewinnen, wenn es gelingt, die Eltern mit in die Förderung einzubeziehen. Der Beitrag von Rißling, Petermann und Melzer in diesem Band informiert über ein aktuelles Beispiel dieses erweiterten Ansatzes.
In jüngster Zeit sind auch die relevanten Vorläufer des erfolgreichen Erwerbs grundlegender arithmetischer Fertigkeiten erforscht worden. Erste Schritte einer mathematischen Frühförderung zielen auf das Verstehen des Zahlenraumes und auf die Mengenbewusstheit von Zahlen und Zahlrelationen. Ein im Rahmen pädagogisch-psychologischer Grundlagenforschung entwickeltes Erfolg versprechendes Förderkonzept in diesem Bereich ist das vor kurzem vorgelegte Würzburger Trainingsprogramm „Mengen, zählen, Zahlen“; es dient zur vorschulischen Förderung der Mengenbewusstheit von Zahlen und Zahlrelationen und wird von Krajewski und Simanowski in diesem Band ausführlicher beschrieben. Ein alternatives Förderprogramm ist das Programm MARKO-T. Ehlert und Fritz berichten in diesem Band von einer erfolgreichen Evaluation dieses Programmes bei Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen.
In jüngster Zeit wurden viele Programme entwickelt und/oder evaluiert, die gezielt bereichsspezifische schulrelevante Kompetenzen fördern. Etliche von ihnen werden in diesem Band vorgestellt. Dazu zählen die computerbasierte Förderung des Lesens und Rechnens mit den Lernspielen „Elfe“ und „Mathis“ (Lenhard & Lenhard, in diesem Band), das computerbasierte Trainingsprogramm „Lautarium“ für Kinder mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (Klatte, Steinbrink, Bergström |9|& Lachmann, in diesem Band), das Trainingsprogramm „PHONIT“ zur Förderung der phonologischen Bewusstheit im Grundschulalter (Stock, in diesem Band), das Behandlungssystem der lautgetreuen Lese-Rechtschreibförderung von Reuter-Liehr (in diesem Band), das Marburger Rechtschreibtraining (Schulte-Körne, in diesem Band), das Programm „conText“ zur Förderung des Leseverständnisses (Lenhard & Lenhard, in diesem Band). Lindberg, Nagler, Bar-Kochva und Hasselhorn (in diesem Band) berichten darüber hinaus über aktuelle „Fading“-Ansätze zur computerbasierten Förderung von Leseflüssigkeit und basalen Lesestrategien. Diese Arbeiten verdeutlichen, dass wir mittlerweile über eine größere Palette von Förderansätzen zur Verbesserung von schriftsprachlichen Leistungen verfügen, die an unterschiedlichen Problemschwerpunkten ansetzen und jeweils belegen können, dass sie in der Tat effektiv sind und zu nachhaltigen Verbesserungen führen. Diese positive Bewertung gilt auch für die in diesem Band vorgestellten und im Bereich der Mathematik erprobten Maßnahmen, nämlich die Förderprogramme „Mina und der Maulwurf“ (Ehlert & Fritz, in diesem Band) und „Calcularis“ (von Aster, Käser, Kohn, Kucian & Vögeli, in diesem Band).
Aus den unterschiedlichen Beiträgen zu diesem Band sollte erkennbar sein, dass innerhalb der letzten Jahre im Bereich der Förderung schulrelevanter Kompetenzen in Schule und Vorschule größere Fortschritte erzielt werden konnten. Die Forschungslage ist insgesamt sehr vielversprechend, und es bleibt zu hoffen, dass sich der Trend zur Entwicklung und Bereitstellung wissenschaftlich fundierter Förderprogramme auch in den kommenden Jahren fortsetzt.
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Julia-Katharina Rißling, Franz Petermann und Jessica Melzer
Zusammenfassung
Sprache ist zentraler Bestandteil unserer Kultur. Die meisten Kinder bewältigen die Anforderungen des Laut- und Schriftspracherwerbs ohne Schwierigkeiten. Ist die Sprachentwicklung jedoch beeinträchtigt, beeinflusst dies die soziale und emotionale Entwicklung und die gesellschaftliche Teilhabe eines Kindes. Selbstverständlich hängt auch der Erfolg aller Bildungsangebote von der korrekten Beherrschung der Sprache ab. Die Förderung sprachlicher Kompetenzen stellt somit ein zentrales Thema im Vor- und Grundschulalter dar, mit hoher Relevanz für das Bildungssystem und hoher Bedeutsamkeit für die klinische Praxis. Die Entwicklung von Präventions- und Förderprogrammen ist daher von besonderer Bedeutung. Eine wichtige Verbindung zwischen der gesprochenen Sprache und der Schriftsprache bildet die phonologische Bewusstheit. Sie gilt als guter Prädiktor der späteren Leseleistung und Förderungen der phonologischen Bewusstheit wirken sich positiv auf den Schriftspracherwerb aus. Programme, welche die Eltern aktiv in die Förderung mit einbeziehen, sind bisher jedoch die Ausnahme. Als Training für Eltern von Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren setzt das Lobo-Programm an dieser Stelle an: In speziellen Kursen werden die Eltern durch spielerische Übungen angeleitet, ihren Kindern zu Hause die Lautstruktur der Sprache zu vermitteln und so für den späteren Schriftspracherwerb erforderliche Kompetenzen zu fördern.
Sprache ermöglicht die Aneignung von Wissen, die Vermittlung von Gedanken und Gefühlen und ist in verschiedenen Formen zentraler Bestandteil unserer Kultur. Bei ungestörter sprachlicher Entwicklung beherrscht ein Kind die zentralen Strukturen und Regelhaftigkeiten seiner Erstsprache mit etwa vier bis fünf Jahren (von Suchodoletz, 2013b). Im weiteren Entwicklungsverlauf werden die lautsprachlichen Fähigkeiten erweitert und ein Kind erhält zunehmend Zugang zur Schriftsprache (Fox-Boyer, Glück, Elsing & Siegmüller, 2014; Klicpera, Schabmann & Gasteiger-Klicpera, 2013).
Die meisten Kinder bewältigen die Anforderungen des Laut- und Schriftspracherwerbs ohne Schwierigkeiten. Ist die Entwicklung dieser Kompetenzen jedoch beeinträchtigt, beeinflusst dies erheblich die psychische und emotionale Entwick|14|lung sowie die schulische Bildung und die gesellschaftliche Teilhabe (u. a. Petermann & von Suchodoletz, 2009). Defizite im Laut- und Schriftspracherwerb stehen dabei in einem engen Zusammenhang (Botting, Simkin & Conti-Ramsden, 2006; Ricketts, 2011). So ist etwa die Hälfte aller Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche auch von lautsprachlichen Problemen betroffen (Rückert, Kunze, Schillert & Schulte-Körne, 2010; von Suchodoletz, 2013a). Der PISA-Bericht 2012 zeigt zudem, dass trotz teils deutlicher Verbesserungen im Vergleich zu den Vorjahren weiterhin 14 % der Schülerinnen und Schüler in Deutschland im Lesen nicht über das notwendige Grundkompetenzniveau verfügen (OECD, 2013).
Diagnostik und Förderung sprachlicher Kompetenzen sind somit zentrale Themen im Vor- und Grundschulalter, mit hoher Relevanz für das Bildungswesen und hoher praktischer Bedeutsamkeit für die Prävention bei Entwicklungsstörungen. Es existieren jedoch nur wenige standardisierte Förder- und Präventionsprogramme für diesen Entwicklungsbereich, die auch in ihrer Wirksamkeit empirisch überprüft sind (Koglin, Fröhlich, Metz & Petermann, 2008).
Sprachförderung soll Kindern mit umgebungsbedingten Sprachauffälligkeiten, zum Beispiel aufgrund von mangelnder sprachlicher Anregung oder aufgrund von Mehrsprachigkeit, optimale Bildungsbedingungen ermöglichen (Schrey-Dern, 2014). Insbesondere im Hinblick auf die Einschulung sollen durch vorschulische Förderungen die sprachlichen Fähigkeiten trainiert werden, um einen optimalen Schulstart zu ermöglichen und um Defiziten beim Schriftspracherwerb vorzubeugen. Die Entwicklung von Präventionsprogrammen und Maßnahmen, die eine frühe Identifikation von Risikokindern ermöglichen, ist dabei von besonderer Bedeutung. Eine wichtige Verbindung zwischen der gesprochenen Sprache und der Schriftsprache und somit auch einen bedeutsamen Präventionsansatz bildet die phonologische Bewusstheit, da sie die Zuordnung von Buchstaben zu Lauten ermöglicht (Schulte-Körne, 2011; Zourou, Ecalle, Magnan & Sanchez, 2010). Insbesondere im Vorschulalter sowie in den ersten Schuljahren zeigen Trainings zur phonologischen Bewusstheit positive Effekte auf die sprachliche Entwicklung sowie die schriftsprachlichen Kompetenzen eines Kindes.
Die phonologische Bewusstheit bezieht sich auf die Einsicht in die lautsprachliche Struktur der Sprache und bezeichnet die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit unabhängig vom Inhalt des Gesagten auf formale Aspekte der Sprache zu richten, |15|diese wahrzunehmen und zu manipulieren (Ptok et al., 2008; Petermann, Fröhlich, Metz & Koglin, 2010). Kinder lernen, dass Sprache in kleine Einheiten zerlegt sowie zu größeren, komplexeren Einheiten zusammengesetzt werden kann. Dabei entsteht im Laufe dieser Entwicklung ein immer differenzierteres und explizites Bewusstsein. So erwerben bereits Kinder im Vorschulalter ein implizites Wissen darüber, dass Reime gleich klingen oder Wörter in Silben zerlegt werden können. Diese Fähigkeit wird als phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne bezeichnet (Schäfer, 2014; Schnitzler, 2008). Aufbauend auf diesen Fähigkeiten entwickeln die Kinder zunehmend auch ein Bewusstsein für kleinere sprachliche Einheiten, was als phonologische Bewusstheit im engeren Sinne bezeichnet wird und vor allem durch die Fähigkeit zur Phonemsynthese und Phonemanalyse gekennzeichnet ist (Ptok et al., 2007). Abbildung 2.1 gibt einen Überblick über den Aufbau der phonologischen Bewusstheit im engeren und im weiteren Sinne.
Abbildung 2.1: Konzept der phonologischen Bewusstheit im engeren und weiteren Sinne (nach Petermann et al., 2010, S. 35)
Die phonologische Bewusstheit bildet die Schnittstelle zwischen dem Laut- und Schriftspracherwerb (Zourou et al., 2010). So ist sie für die Wortanalyse und Dekodierungsfähigkeit von Bedeutung und stellt eine bedeutsame Hilfe beim Erlernen des alphabetischen Systems dar (Ptok et al., 2008). Darüber hinaus bleibt sie als wichtige Teilkomponente der Sprachentwicklung und des Schriftspracherwerbs über die gesamte Grundschulzeit hinweg relevant und stellt einen wichtigen Ansatz für die Förderung laut- und schriftsprachlicher Kompetenzen dar (Schnitzler, 2008).
Mangelnde phonologische Fähigkeiten werden als Ursache für die Entwicklung von Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben diskutiert (Brunner & Stuhrmann, 2013; Klicpera et al., 2013; Zourou et al., 2010). Sind Phoneme schlecht im phonologischen Arbeitsgedächtnis repräsentiert, wird der Ablauf der Graphem-Phonem-Zuordnung erschwert, was wiederum Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb zur Folge haben kann (Linkersdörfer, 2011).
Verschiedene Studien konnten nachweisen, dass die phonologische Bewusstheit einen wichtigen Prädiktor der späteren Leseleistung darstellt und sich Förderungen der phonologischen Bewusstheit positiv auf den Schriftspracherwerb auswirken (u. a. Bus & van IJzendoorn, 1999; Ehri et al., 2001). Dabei scheinen sich Ansätze, die einen Schwerpunkt in der Vermittlung der Graphem-Phonem-Zuordnung in Kombination mit der Förderung der phonologischen Bewusstheit aufweisen, besonders förderlich auf die Entwicklung schriftsprachlicher Fähigkeiten auszuwirken (Klicpera et al., 2013; Küspert, Weber, Marx & Schneider, 2007; Schäfer, 2014). Eine aktuelle Metaanalyse zur Wirksamkeit von Programmen zur Förderung der phonologischen Bewusstheit von Fischer und Pfost (2015) für den deutschen Sprachraum belegt die kurzfristige Wirksamkeit auf die phonologische Bewusstheit von Kindern. Langfristig zeigen sich Fördereffekte auf die Rechtschreibleistung, wobei die Effekte für den deutschsprachigen Raum insgesamt geringer ausfallen als in vergleichbaren englischsprachigen Analysen (Fischer & Pfost, 2015). Die Autoren sehen eine mögliche Erklärung für diese abweichenden Ergebnisse in der unterschiedlichen Orthografie: Im Vergleich zum Englischen gestaltet sich die Graphem-Phonem-Korrespondenz im Deutschen deutlicher, sodass eine spezielle Förderung geringere Effekte auf die Lesekompetenz zeigt als bei inkonsistenter Graphem-Phonem-Korrespondenz (Fischer & Pfost, 2015; Goswami, Ziegler & Richardson, 2005). Kempert et al. (2015) verweisen hier jedoch auf verschiedene Längsschnittstudien zur Förderung der phonologischen Bewusstheit, die positive Effekte auf die Lese- und Rechtschreibung auch bei Sprachen mit transparenten Orthografien belegen. Die Autoren betonen die Notwendigkeit, die Ergebnisse vorschulischer und schulischer Fördermaßnahmen getrennt zu betrachten, um eindeutigere Aussagen treffen zu können (Kempert et al., 2015).
Zur Förderung der phonologischen Bewusstheit liegen verschiedene Ansätze vor. Es muss zwischen additiven Förderkonzepten der phonologischen Bewusstheit und freien, alltagsintegrierten Erziehungskonzepten unterschieden werden (Schäfer, 2014).
|17|Alltagsintegrierte Maßnahmen fördern die Kinder in alltäglichen Situationen, in denen Kommunikationsanlässe geschaffen werden und die Fachkräfte als sprachliche Vorbilder agieren (Jungmann, Koch & Etzien, 2013). Nach Ruberg und Rothweiler (2012) soll die Förderung dabei angepasst an den Entwicklungsverlauf der Kinder erfolgen und in natürlichen Kommunikationssituationen eine Anregung zum Sprechen bieten. Typische Übungen zur phonologischen Bewusstheit, wie Reim- und Klatschspiele, würden somit in den Alltag integriert werden.
Additive Förderkonzepte verstehen sich als programmgestützte Maßnahmen. Je nach Schwerpunkt der Programme werden verschiedene Sprachbereiche oder vorsprachliche Basisfähigkeiten nach einem vorgeschriebenen Zeitplan mit standardisierten Materialien gefördert (Jungmann et al., 2013). Kany und Schöler (2010) fordern als zentrale Standards für Förderprogramme Transparenz, eine methodisch kontrollierte Konstruktion, klare Durchführungshinweise sowie Informationen zu den Anforderungen an die Anwender und den jeweiligen Anwendungsbereichen. Zudem sollte die Wirksamkeit empirisch belegt sein. Es existieren jedoch nur wenige standardisierte Förder- und Präventionsprogramme für diesen Entwicklungsbereich, die diese Forderungen erfüllen (Koglin et al., 2008). Zu den bekanntesten und am besten evaluierten Programmen im Bereich der Förderung der phonologischen Bewusstheit und sprachlicher Kompetenzen gehören das „Heidelberger Elterntraining“ (Buschmann, 2011), das Programm „Hören, lauschen, lernen“ (Küspert & Schneider, 2006) und die „Lobo vom Globo-Programme“. Die Lobo vom Globo-Programme bestehen aus insgesamt drei Trainings zur Förderung der phonologischen Bewusstheit und sprachlicher Kompetenzen. Die Programme können aufeinander aufbauend oder jedes für sich eingesetzt werden und ermöglichen sowohl ein elternbasiertes Training (Petermann et al., 2010) als auch eine kindergartenbasierte Förderung (Fröhlich, Metz & Petermann, 2010) und ein Training zur Förderung in der Schule (Metz et al., 2010).
Bei der Förderung der phonologischen Bewusstheit unterscheiden sich die Ansätze nicht nur hinsichtlich ihrer konzeptuellen Grundlage, sondern auch hinsichtlich des Alters der geförderten Kinder und dem Durchführungssetting. So sind Programme, die die phonologischen Fähigkeiten eines Kindes zu Beginn der Grundschulzeit fördern, relativ selten; bieten jedoch den Vorteil, dass sie aufgrund der Schulpflicht alle Kinder erreichen. Insbesondere bei Kindern, die Schwierigkeiten in der laut- oder schriftsprachlichen Entwicklung aufweisen, zeigen schulische Förderungen oft jedoch nur begrenzte Effekte, weil der Leistungsabstand zwischen den Gleichaltrigen bereits zu groß ist (Küspert, 2007). Ein Großteil der Förderprogramme ist daher speziell auf das Vorschulalter ausgerichtet, wobei sich hier wiederum die Mehrheit auf eine Förderung im Kindergarten bezieht. So können im Kindergartenalltag viele Situationen genutzt werden, um sprachanregende Momente zu schaffen und Erzieher haben die |18|Möglichkeit, die Entwicklung vieler Kinder zu beobachten und die Entwicklungsverläufe zu vergleichen (Fröhlich, Metz et al., 2010). Auch additive Förderkonzepte setzen an diesem Punkt an und zielen darauf ab, gut in den Kindergartenalltag integrierbar zu sein. So bietet sich zum Beispiel der Einsatz entsprechender Förderprogramme im Rahmen der Schulvorbereitung an (Fröhlich, Metz & Petermann, 2009).
