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Beschreibung

Durch Kulturbegegnung, internationalen Wissenschaftsaustausch und interkulturelle Vergleiche sind Grenzen nationaler und westlicher Forschungsansätze deutlich geworden. In diesem Buch werden Beispiele für nachhaltige Wirkungen einer unkonventionellen Wissenschaftsförderung durch weitsichtiges Unternehmer- und Mäzenatentum vorgestellt. Deutsche und japanische Wissenschaftler behandeln in rechtswissenschaftlichen, soziologischen, historischen und psychologischen Beiträgen die kulturellen Bedingungen und Besonderheiten von Lebensqualität, Zufriedenheit und Glück. Sie zeigen, wie wirtschaftliches Handeln über ökonomische Interessen hinaus mit zivilgesellschaftlichem Engagement verbunden wird oder Wissenschaft wiederum auch durch ökonomische Interessen beeinträchtigt werden kann.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Wir danken der Werner Reimers Stiftung für ihre finanzielle Unterstützung.

Vorwort

Dieser Band wurde angeregt durch die gegenwärtige Diskussion um angemessene Forschungsförderung und den notwendigen Freiraum für Wissenschaft und Forschung. Private Stiftungen haben immer wieder dazu beigetragen, Freiräume zu schaffen, um Themen von wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung für innovative Forschungsvorhaben aufzugreifen. Hier werden Beispiele aus der Förderung von Arbeitsgruppen durch die Werner Reimers Stiftung behandelt. Die Stiftung arbeitet seit Jahrzehnten als ein Kleinod deutscher Stiftungsarbeit.

Dieser Band versucht aus der Perspektive verschiedener Disziplinen Aspekte von Lebensqualität, Lebenszufriedenheit und Glück zu diskutieren. Dabei wird deutlich, dass aus unternehmerischem Engagement sowohl zivilgesellschaftliches Tun als auch Förderung von Wissenschaften erwachsen kann, hier mit einer besonderen Perspektive auf nichtwestliche Kulturen. Werner Reimers hat mit seinem Unternehmertum und seinem Stiftungskonzept eine wichtige Grundlage dafür gelegt.

Die Herausgeber danken vor allem Frau Rothländer für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Planung und Vorbereitung des Bandes. Besonderer Dank gilt Nicole Stiehle, die mit großer Geduld und Gründlichkeit an der Lektorierung der Beiträge mitgewirkt hat, und die dann auch schließlich die Formatierung aller Beiträge für die Drucklegung übernommen hat.

Gisela Trommsdorff

Wolfgang R. Assmann

Konstanz

Bad Homburg

Oktober, 2014

 

Inhalt

Einführung

Gisela Trommsdorff

Förderwege interdisziplinärer humanwissenschaftlicher Forschung

Teil I

Gesellschaftliches Engagement und Kapitalismus

Jürgen Kocka

Zwischen Kapitalismus und Zivilgesellschaft.

Deutsche Unternehmer im 19. und 20. Jahrhundert

Florian Coulmas

Der Markt, die Wissenschaft und das Glück

Teil II

Sozial- und kulturwissenschaftliche Wirkungen zivilgesellschaftlichen Unternehmertums. Am Beispiel von Werner Reimers und der Werner Reimers Stiftung

Wolfgang R. Assmann

Werner Reimers, ein ehrbarer Kaufmann, Unternehmer, Kunstsammler, Mäzen und Stifter

Albrecht Graf von Kalnein

Vom Reiz des Fragens.

Werner Reimers zwischen Prosperität und Philosophie

Dieter Langewiesche

Warum war die Werner Reimers Stiftung etwas Besonderes?

Ein persönlicher Rückblick

Jürgen Kocka

Kleines Format und produktives Ambiente

Karl Ulrich Mayer

Die Arbeitsgruppe „Mathematik in den Sozialwissenschaften“ (MASO) in der Werner Reimers Stiftung 1974-1982

Hans-Joachim Kornadt

Deutsch-japanische Wissenschaftskooperation. Am Beispiel der Deutsch-Japanischen Gesellschaft für Sozialwissenschaften

Teil III

Sozialwissenschaftliche Beiträge zur Lebensqualitäts- und Zufriedenheitsforschung

Jürgen Schupp

Forty Years of Social Reporting and Quality of Life Research in Germany. A Look Back and Prospects for the Future

Wolfgang Jagodzinski

Methodological Issues in Life Satisfaction Research

Gisela Trommsdorff

Individuelle und kulturelle Unterschiede in Lebensqualität, Zufriedenheit und Glück

Teil IV

Lebensqualität, Zufriedenheit und Glück in Japan

Karen Shire

Die Subjektive Wende in der Sozialstrukturanalyse

Hiroki Harada

Die Zukunft der japanischen Atomenergiepolitik.

Glück oder Unglück für Japan?

Carola Hommerich and Jun Kobayashi

Are Satisfied People Happy?

Disentangling Subjective Well-Being in Japan

Yukiko Uchida, Yuji Ogihara, and Shintaro Fukushima

Interdependently Achieved Happiness in East Asian Cultural Context.

A Cultural Psychological Point of View

Stichwortverzeichnis

Autorenverzeichnis

Einführung

GISELA TROMMSDORFF

Förderwege interdisziplinärer humanwissenschaftlicher Forschung1

Abstract

Zunächst werden Aspekte interdisziplinärer Forschung und deren Probleme in den Humanwissenschaften behandelt. Dann wird auf Ziele und nachhaltige Wirkungen der interdisziplinär ausgerichteten Fördertätigkeit durch die Werner Reimers Stiftung eingegangen. Abschließend erfolgt eine Übersicht über die Themen des Bandes.

Probleme interdisziplinärer Forschungsförderung

Die mit Beginn der Bundesrepublik Deutschland einsetzende systematische institutionalisierte Forschungsförderung bezog sich vor allem auf die Natur- und Ingenieurwissenschaften und verwandte Disziplinen. Die Kultur- und Sozialwissenschaften kamen nur in sehr bescheidenem Masse in den Genuss offizieller Forschungsförderung. Eine besonders intensive Förderung in den 80er Jahren erfolgte mit erheblichen Mitteln durch die Einrichtung von 120 Sonderforschungsbereichen (jeweils bis zu 12 Jahren) durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Allerdings kamen nur 19 dieser Sonderforschungsbereiche (SFB) aus dem Bereich der Sozial- und Kulturwissenschaften.

Bei dieser Bevorzugung der Naturwissenschaften spielte sicher auch die an sich wohl begründete Forderung eine Rolle, dass möglichst nicht nur einzelne Themen einzelner Disziplinen gefördert werden sollten. Es sollte sich vielmehr möglichst um eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mehrerer Fächer handeln. Dem lag die richtige Einsicht zu Grunde, dass häufig gerade auf dem Überschneidungsbereich einzelner Fächer besonders aufschlussreiche Fragen und Fortschritte zu erwarten sind.

Dieses Ziel lässt sich nun allerdings in den Naturwissenschaften viel leichter als in den Geisteswissenschaften verwirklichen. Viele besonders interessante und für die Weiterentwicklung von Erkenntnissen relevante Probleme betreffen dort ohnehin mehrere Disziplinen zugleich. Entscheidend für die fruchtbare interdisziplinäre Zusammenarbeit ist dabei, dass diese Disziplinen letzten Endes in der Physik eine gemeinsame theoretische und methodische Grundlage haben, was für die gegenseitige Verständigung entscheidend ist.

Eine solche unbestrittene gemeinsame Grundlage fehlt jedoch den Geisteswissenschaften weitgehend. Interdisziplinarität lässt sich daher dort nur sehr schwer verwirklichen (vgl. Trommsdorff, 2010). Wo sie dennoch – auch aus Antragsgründen z. B. für einen Sonderforschungsbereich – versucht wurde, war der Versuch nicht selten „künstlich“ und eher enttäuschend. Aus diesem Dilemma heraus wurde zuweilen statt der Forderung nach Interdisziplinarität von Transdisziplinarität gesprochen, ohne dass damit das eigentliche Grundproblem aus der Welt geschafft wurde. Freilich gibt es auch hervorragende Ausnahmen, wo die Zusammenarbeit auf gemeinsame konkrete Fragestellungen bezogen war. Einige solcher Ausnahmen werden in diesem Band genannt.

Wissenschaftler und Wissenschaftsförderer vertreten die Ansicht, dass Humanwissenschaften unverzichtbar sind für unsere Selbsterkenntnis, unsere Stellung in der Welt als Natur- und Geistes- und Kulturwesen. Unser kulturelles Bewusstsein und unsere Stellung zu den Mitmenschen erfordern Reflexion, die Kenntnis anderer Kulturen und anderer Zeiten und damit historisches und kulturelles Denken für unsere Selbstvergewisserung, in Verbindung mit der Einsicht, dass unsere Kultur nicht nur von den Ergebnissen naturwissenschaftlichtechnischer Forschung leben kann. Vielmehr sind die Geisteswissenschaften unverzichtbar, auch wenn sie nicht unbedingt unmittelbar zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. So hat der Wissenschaftsrat verschiedene Empfehlungen zu deren Förderung erarbeitet, das „Jahr der Geisteswissenschaften“ wurde ausgerufen und Kollegs für exzellente Forschung wurden gegründet.

Aus dieser Einsicht haben bereits zum früheren Zeitpunkt einige private Förderer den Weg der Stiftung beschritten und einzelne Projekte, sowie gelegentlich auch zusammenhängende Programme gefördert. Es ist nicht unbegründet anzunehmen, dass die Ergebnisse solcher geförderter Forschungen allmählich erkannt wurden und zu einer systematischen Bündelung von Forschungsförderung in größerem Rahmen bis zu den Exzellenzinitiativen führten.

Eine solche Initiative liegt auch der Werner Reimers-Stiftung zugrunde, von deren Besonderheiten und bis heute wirkenden Erfolge in diesem Band u. a. die Rede ist. Dieser Band repräsentiert daher beispielhaft sozial- und kulturwissenschaftliche Folgen unternehmerischen Engagements zur Förderung von Humanwissenschaften. Ohne das Unternehmer- und Mäzenatentum von Werner Reimers gäbe es die Werner Reimers Stiftung (WRS) nicht. Diese unternehmensverbundene kleine Stiftung wurde 1963 gegründet und verfolgt die gemeinnützigen Ziele des Stifters zur Förderung von Wissenschaften zum Menschen (vgl. Assmann in diesem Band).

Werner Reimers Interesse an anthropologischen Fragen und an kulturellen Besonderheiten des japanischen und ostasiatischen Denkens liegt seinem wissenschaftsorientiertem Mäzenatentum zugrunde, auf das im Rahmen des Jubiläumsjahres 2013 zu seinem 125. Geburtstag in verschiedener Weise zurück geblickt wurde. Einige der dort diskutierten Themen werden in diesem Band aufgegriffen und vertieft behandelt.

Somit wird erkennbar, dass Unternehmer- und Mäzenatentum, die sich bei Werner Reimers mit zivilgesellschaftlichem Engagement verbunden haben, einen Freiraum für innovatives und nachhaltiges wissenschaftliches Arbeiten schaffen können.

Förderung von Kultur- und Sozialwissenschaften

Werner Reimers wollte mit seiner Stiftung interdisziplinär orientierte wissenschaftliche Arbeiten zu anthropologischen Fragen und vor allem zu kulturellen Besonderheiten des japanischen und ostasiatischen Denkens anregen. Er hat die Grundlage für interdisziplinär zusammengesetzte Arbeitsgruppen geschaffen, die unbürokratisch eingeladen wurden und in einem besonderen, höchst angenehmen Ambiente tagen durften.

Die über mehr als drei Jahrzehnte vorrangig interdisziplinär ausgerichteten geistes- und sozialwissenschaftliche Tagungen der WRS bis zu Beginn der 90er Jahre waren von einer großen Begeisterung der beteiligten Wissenschaftler für innovative Fragen gekennzeichnet (vgl. Langewiesche, in diesem Band). Aufgrund der unternehmensbedingten Finanzierungsprobleme konnte die Stiftung die damalige Fördertätigkeit nicht weiter führen (Assmann, in diesem Band). In den drei Jahrzehnten wissenschaftlicher Fördertätigkeit entstand jedoch eine Vielzahl von eindrucksvollen und bis heute wirkenden Forschungsaktivitäten. Einige davon waren Grundlage für universitär eingebundene und drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte, die wiederum die Voraussetzung waren für erfolgreiche mittel- und langfristige Forschungsverbünde (vgl. Mayer, Kocka, sowie Schupp, in diesem Band). Teilweise sind dies Grundlagen für neu gegründete und heute einflussreiche weitere Forschungsinstitutionen. Dazu gehören interdisziplinäre Sonderforschungsbereiche sowie auf Dauer institutionalisierte sozialwissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen wie das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, das zu dem für diesen Band zentralen Thema „Lebensqualität“ wichtige Grundlagen geliefert hat, oder das Nationale Bildungspanel in Bamberg.

Als Beispiele für besonders erfolgreiche sozialwissenschaftliche Arbeitsgruppen, die die Professionalisierung der Sozialwissenschaften und ihrer Teildisziplinen sowie ihre Internationalisierung gefördert haben, ist die Arbeitsgruppe zur Methodenentwicklung in den Sozialwissenschaften zu nennen (vgl. dazu Mayer in diesem Band) und die Arbeitsgruppe zur Entwicklung sozialer Indikatoren (vgl. Schupp, in diesem Band). Soziale Indikatoren dienen der Messung und dem Vergleich von sozialen Phänomenen und von sozio-ökonomischen Wandel und sind eine Grundlage der Sozialberichterstattung u. a. über objektive und subjektive Lebensqualität (Zapf, 1972). Die Treffen der Arbeitsgruppe „Soziale Indikatoren“ wurden u. a. unterstützt durch die Werner Reimers Stiftung und die VolkswagenStiftung.

Daraus ging ein Sonderforschungsbereich (in Frankfurt und Mannheim) hervor, sowie eine Sektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und eine einflussreiche wissenschaftliche internationale Vereinigung, die „International Society for Quality-of-Life-Studies (ISQOLS)“. Auf diesen Aktivitäten baut das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin auf. Das SOEP ist inzwischen eine in ihren Forschungsthemen und Methoden expandierende und international vernetzte Dauereinrichtung (vgl. Schupp, in diesem Band; Schupp & Wagner, 2010). Dort werden u. a. auch Bedingungen und Folgen von Lebensqualität, Lebenszufriedenheit und Glück in der Lebensspanne und in verschiedenen sozio-ökonomischen und kulturellen Kontexten untersucht und die Daten für weitere wissenschaftliche Analysen zugänglich gemacht. Damit sind Voraussetzungen zu umfangreicher international vergleichender Erforschung zu Ausprägungen von Lebensqualität geschaffen. Lebensqualität ist somit auch ein Thema dieses Bandes.

Eine bescheidenere, aber dezidiert auf die Stifterinteressen ausgerichtete interdisziplinäre Arbeitsgruppe zur Sozialisation in Japan und Deutschland hat zum Austausch zwischen japanischen und deutschen Sozialwissenschaftlern und vor 25 Jahren zur Gründung einer wissenschaftlichen Gesellschaft geführt. Diese veranstaltet regelmäßig Konferenzen abwechselnd in Japan und Deutschland, aus der Publikationen hervorgehen (vgl. Kornadt, in diesem Band).

Es ließen sich eine Reihe weiterer Beispiele nachhaltiger Förderung nennen, wie u. a. die im Zusammenhang mit dem weltweitem demographischen Wandel entstandene Initiative einer inzwischen 19 Länder umfassenden internationalen Vergleichsstudie zum Wertewandel in Bezug auf Kinderwunsch und intergenerationale Beziehungen (u. a. Trommsdorff & Nauck, 2010).

Eine besondere Rolle kam der über Jahre hinweg tagenden Arbeitsgruppe zur Strafrechtsreform mit einer Kerngruppe sozialwissenschaftlich engagierter Rechtswissenschaftler zu („Alternativentwurf eines Strafgesetzbuches“). Die hier gewonnenen Ergebnisse waren auch Grundlage für rechtspolitische Entscheidungen.

Herausragende Beispiele für die geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Förderung sind u. a. die Einrichtung der Arbeitsgruppen zur Max Weber Gesamtausgabe oder zur „Modernen Sozialgeschichte“, wo insbesondere auch M. Rainer Lepsius, ein langjähriges Mitglied des wissenschaftlichen Beirates, eine einflussreiche Rolle übernommen hatte, und zur „Theorie und Geschichte“ (Kocka, in diesem Band). Die Arbeitsgruppe „Poetik und Hermeneutik“2 hat die Literaturwissenschaft maßgeblich beeinflusst mit nachhaltigen Folgen wie u. a. der Einrichtung des SFB “Literatur und Anthropologie“ in Konstanz und der Entwicklung weiterer einflussreicher Forschungsschwerpunkte.

Um Aleida Assmann zu zitieren: „ Was die positiven Wirkungen der damaligen WRS Aktivitäten auf die Forschungen am Fachbereich Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz angeht, so muss man hier das Bild der kommunizierenden Röhren benutzen. Mithilfe der WRS konnte die Konstanzer Literaturwissenschaft mit ihren Themenbereichen Rezeptionsforschung, Fiktionstheorie und literarischer Anthropologie durch den extraterritorialen Intensiv-Austausch mit weiteren ausgewählten Kollegen eine ganz neue interdisziplinäre Integrationsform und damit auch eine höhere Qualitätsstufe für die einzelnen Forscher erreichen.“ (Persönliche Mitteilung durch E-Mail vom 1.9.2014).

Eine systematische Übersicht über die zahlreichen Arbeitsgruppen der WRS, ihre Themen und ihre Wirkungen steht allerdings bis heute aus. Eine solche – für Dokumentationszwecke unbedingt wünschenswerte – Übersicht würde jedoch immer noch unvollständig sein, wenn nicht das besondere Ambiente der Werner Reimers Stiftung vermittelt werden würde. Dies hat die Treffen zu einer wissenschaftlichen und auch persönlichen Bereicherung werden lassen (Langewiesche in diesem Band). Diese Besonderheit hat wohl auch dazu beigetragen, dass sich aus den interdisziplinären Arbeitsgruppen in einigen Fällen Initiativen für längerfristige Forschungsprogramme entwickelten.

Aus der Werner Reimers Stiftung selbst sind zudem wissenschaftliche Einrichtungen hervorgegangen, wie die für einige Jahre aktiven „Reimers-Konferenzen“ mit interdisziplinären Diskussion zur Auswahl vielversprechender substantieller Themen für Forschungsprojekte. Jung und bereits sehr erfolgreich ist das „Forschungskolleg Humanwissenschaften“ der Goethe-Universität Frankfurt in Kooperation mit der Werner-Reimers-Stiftung, für das die WRS substantielle Mittel bereit stellt (vgl. Assmann in diesem Band).

Die Beiträge dieses Bandes machen deutlich, welche nachhaltigen Wirkungen von dem Stifter auf die heutige Forschungslandschaft ausgegangen sind. Einige der hier mitwirkenden Autoren durften selbst als Mitglieder oder Organisatoren von Arbeitsgruppen in der Reimers Stiftung tagen – mit Gewinn für ihre eigene weitere wissenschaftliche Entwicklung, die Offenheit für interdisziplinäre Forschung gefördert hat (vgl. Trommsdorff, 2010).

In dem besonderen Ambiente der Reimers Stiftung konnte sich Kreativität und Innovation entfalten. Der großzügige Freiraum zog Wissenschaftler an, die im engagierten Austausch innovative Forschungsinitiativen entwickelt konnten, ohne die Gängelung und Kontrolle, die sonst üblich für staatliche Förderung ist (und sein muss). Einen Niederschlag findet diese Freiraum schaffende Förderung in der neuerdings erfolgten Ausschreibung des Kosellek-Preis durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Kosellek war ein einflussreiches Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der WRS.

Insgesamt lässt sich also sagen, dass die gänzlich unbürokratische Förderung von Arbeitsgruppen durch die Reimers-Stiftung den fruchtbaren Freiraum geschaffen hat, der den wissenschaftlichen Austausch zwischen den Disziplinen zu den verschiedensten Themen anregen und innovative Forschung stimulieren konnte. Dies hat sich nachhaltig auf die heutige Forschungslandschaft in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften (bis hin zur praktischen Gesellschaftspolitik) ausgewirkt.

Übersicht zum Inhalt des Bandes

Dieser Band gibt einen Einblick in ausgewählte direkte und indirekte Folgen früherer unkonventioneller Förderung durch eine Stiftung. Der Band richtet sich an Wissenschaftler und Praktiker, an Dozenten und Studierende, die zum einen Folgen einer unkonventionellen Wissenschaftsförderung von interdisziplinärer und international orientierter Sozialwissenschaften nachvollziehen wollen, und die zum anderen ein sozialwissenschaftlich fundiertes und über eigene kulturelle Wertvorstellungen hinausgehendes Verständnis von Lebensqualität gewinnen wollen. Dass die Kapitel der international zusammengesetzten Autorengruppe teilweise nicht in der jeweiligen Muttersprache der Autoren geschrieben sind,3 unterstreicht das Bemühen, sprachliche und kulturelle Grenzen zu überwinden.

Die hier behandelten Themen haben ihre Wurzeln in der Wissenschaftsförderung durch die Reimers Stiftung, die im Jahre 2013 ihr 50-jähriges Jubiläum zeitgleich mit dem 125. Geburtstag des Stifters Werner Reimers gefeiert hat. Die Beiträge des Bandes verdeutlichen beispielhaft die nachhaltigen und fruchtbaren Wirkungen der Werner Reimers Stiftung.

Der Titel „Forschung fördern. Am Beispiel von Lebensqualität im Kulturkontext“ weist auf eine Aussage dieses Bandes hin, dass durch Wissenschaftsförderung und Unternehmertum Lebensqualität, subjektives Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und Glück entstehen kann, wobei die Zusammenhänge in verschiedene Richtung gehen können. Dabei stehen hier nicht-ökonomische Bedingungen von Lebensqualität im Vordergrund, was die Bedeutung von sozialen und psychologischen Indikatoren unterstreicht. Die hier diskutierten sozialwissenschaftlichen Theorieansätze und Methoden beziehen sich u. a. auf Aspekte und Bedingungen von Lebensqualität in Prozessen sozialen und kulturellen Wandels. Dabei werden Aspekte von Lebensqualität behandelt, die ausdrücklich nicht primär an Zielen von Wirtschaftswachstum orientiert sind.

Durch den internationalen Wissenschaftsaustausch und durch interkulturelle Vergleiche sind die Grenzen nationaler und westlicher Forschungsansätze deutlich geworden. Daher werden hier aus Sicht verschiedener Disziplinen die kulturellen, historischen, rechtswissenschaftlichen, soziologischen und psychologischen Bedingungen und Besonderheiten von Lebensqualität, Zufriedenheit und Glück unter besonderer Berücksichtigung von Japan im asiatischen Kontext behandelt (vgl. Tov & Diener, 2009).

Der Band umfasst vier Abschnitte zu diesen Themenbereichen.

1. Gesellschaftliches Engagement und Kapitalismus.Im ersten Kapitel wird von historischen Besonderheiten gesellschaftlichen Engagements und den Zusammenhängen zwischen Kapitalismus und Zivilgesellschaft ausgegangen. Kocka zeigt, dass wirtschaftliches Handeln keineswegs nur ökonomischen Interessen dienen muss. Vielmehr ergibt die historische Analyse, dass auch die Förderung von Wissenschaft, Lebensqualität und Glück eine wichtige Zielsetzung von Unternehmern gewesen ist. Allerdings kann Wissenschaft auch durch ökonomische Interessen beeinträchtigt werden. Daher diskutiert Coulmas im folgenden Kapitel aktuelle Fragen der Ökonomie und Wissenschaft im Zusammenhang mit Glück und greift anschaulich die Vorstellungen von Werner Reimers zu den erforderlichen Freiräumen für die Forschung auf.

2. Sozial- und kulturwissenschaftliche Wirkungen zivilgesellschaftlichen Unternehmertums am Beispiel von Werner Reimers und der Werner Reimers Stiftung.Zunächst stellt W. R. Assmann den Lebensweg von Werner Reimers vor und beschreibt den Unternehmer, Sammler und Mäzen, einen „ehrbaren Kaufmann“ und Stifter, der über wissenschaftliche Förderziele hinaus auch kunsthistorische Interessen (mit seiner ostasiatischen Kunstsammlung) verfolgt hat. In diesem Beitrag wird auch die Entwicklung der Werner Reimers Stiftung skizziert. Daran schließt sich der Beitrag von Graf von Kalnein an, der das Denken von Werner Reimers und seiner Lebensphilosophie darstellt. Die folgenden Kurzbeiträge von Langewiesche, Kocka, Mayer und von Kornadt belegen jeweils für die verschiedenen Bereiche der Kultur- und Sozialwissenschaft die unverzichtbar weit reichenden wissenschaftlichen Wirkungen der Werner Reimers Stiftung.

3. Sozialwissenschaftliche Beiträge zur Lebensqualitäts- und Lebenszufriedenheitsforschung4.In diesem und dem nächsten Abschnitt werden Grundlagen der Forschung zum Wohlbefinden und Glück behandelt. Schupp gibt einen Überblick über die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Forschung in Deutschland zur Lebensqualität und subjektiven Zufriedenheit (subjective wellbeing). Diese ist eng verbunden mit der beeindruckenden Entwicklung des Sozio-ökonomischen Panel (GSOEP), das in einem großen interdisziplinären und internationalen Forschungsverbund integriert ist. Am Beispiel von repräsentativen Panelstudien des Sozio-oekonomischen Panel diskutiert Schupp u. a. die Bedeutung der Messung von subjektiven (und nicht nur ökonomischen) Indikatoren sowie ihre Relevanz für die Sozialberichterstattung und praktische Gesellschaftspolitik jenseits von ökonomischen Wachstumszielen.

Im folgenden Beitrag zu methodologischen Aspekten der Lebenszufriedenheitsforschung greift Jagodzinski konkrete Fragen der Messprobleme auf und diskutiert u. a. Fragen zu den wechselseitigen Zusammenhängen von materiellen Faktoren der Lebensqualität und den subjektiven Bedingungen für Lebenszufriedenheit. Überlegungen für zukünftige Forschung zu Lebensqualität, Zufriedenheit und Glück diskutiert Jagodzinski unter Bezug auf grundlegende methodologische und methodische Anforderungen an sozialwissenschaftliche Forschung zu diesem Thema.

Der Beitrag von Trommsdorff gibt einen Überblick über die Forschung zur subjektiven Lebensqualität mit den Aspekten von Zufriedenheit und Glück. Es werden Bedingungen von Lebensqualität sowie deren Folgen für die individuelle Entwicklung und für interpersonale soziale Beziehungen diskutiert. An Beispielen von Untersuchungen in nichtwestlichen Gesellschaften wird die zentrale Bedeutung des kulturellen und sozio-ökonomischen Kontextes für die subjektive Lebensqualität verdeutlicht. Damit wird der interdisziplinäre Zugang zum Thema Lebensqualität erweitert durch einen interkulturell vergleichenden Ansatz, der im folgenden Abschnitt am Beispiel der Besonderheiten in Japan mit fünf Beiträgen weiter ausgeführt wird.

4. Lebensqualität, Zufriedenheit und Glück in Japan. Shire diskutiert Bedingungen und Folgen von Veränderungen der japanischen Sozialstruktur und ihre subjektive Bedeutung mit Implikationen für subjektive Lebensqualität. Hier werden Probleme des sozio-ökonomischen Wandels erörtert, von denen anzunehmen ist, dass sie die Lebensqualität der japanischen Bevölkerung beeinflussen werden. Dann folgt ein Bericht von Harada über die, bis heute in der Bevölkerung umstrittene Atomenergiepolitik nach der Fukushima-Katastrophe. Dieser sachkundige Bericht gibt einen Einblick in den Umgang der Institutionen mit Krisen und Unglück in Japan. Welche Folgen die Dreifachkatastrophe für die Lebensqualität der japanischen Bevölkerung hat, ist Gegenstand umfangreicher Studien (z. B. Tiefenbach & Kohlbacher, 2014), kann aber heute noch nicht abschließend beantwortet werden. Hommerich und Kobayashi diskutieren Ähnlichkeiten und Unterschiede in subjektiven Bewertungen von Zufriedenheit und Glück auf der Grundlage repräsentativer Erhebungen in Japan. Die Autoren zeigen, dass in Japan vor allem alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede in der subjektiven Bedeutung dieser Aspekte von Lebensqualität zu berücksichtigen sind. Im letzten Kapitel zu diesem Thema erörtern Uchida, Ogihara und Fukushima Fragen zu kulturspezifischen Vorstellungen von Glück in Japan. Sie zeigen auf, wie spezifische kulturelle Werte in Glücksvorstellungen eingehen und erörtern die Bedeutung des kulturellen Kontextes im Rahmen ostasiatischer Werte für die subjektive Lebensqualität.

Mit diesen Studien stellen sich neue Herausforderungen an die Lebenszufriedenheits- und Glücksforschung, die bisher vor allem von westlichen Perspektiven ausgegangen ist. Kulturbezogene Ansätze, die Bedingungen und Folgen von Lebensqualität im sozio-kulturellen Kontext untersuchen, erlauben über ethnozentrische Sichtweisen hinaus zu gehen und bislang kaum beachtete Möglichkeiten für eine aktive Gestaltung von Lebensqualität wahrzunehmen. Dafür ist jedoch die Förderung interdisziplinärer Forschung unerlässlich.

Literatur

Neuffer, M. (2014). Drinnen und Draußen. Poetik und Hermeneutik 1963-2013. Zeitschrift für Ideengeschichte, 8(2014),3, S. 114-118.

Schupp, J., & Wagner G. G. (2010). Ein Vierteljahrhundert Sozio-oekonomisches Panel (SOEP): Die Bedeutung der Verhaltenswissenschaft für eine sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Längsschnittstudie. In B. Mayer, & H.-J. Kornadt (Hrsg.), Psychologie – Kultur – Gesellschaft (S.239-272). Wiesbaden: VS Verlag.

Tiefenbach, T., & Kohlbacher, F. (2014). Happiness in Japan in times of upheaval: Empirical evidence from the National Survey on Lifestyle Preferences. Journal of Happiness Studies, 1-34. doi: 10.1007/s10902-014-9512-9.

Tov, W., & Diener, E. (2009). Culture and subjective well-being. In E. Diener (Ed.), Culture and subjective well-being: The collected works of Ed Diener (pp. 9-42). Dordrecht, Germany: Springer.

Trommsdorff, G. (2010). Gegenseitige Bereicherung psychologischer und sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Forschung. Eine kulturvergleichende Perspektive. In B. Mayer, & H.-J. Kornadt (Eds.), Psychologie – Kultur – Gesellschaft (pp. 273-313). Wiesbaden: VS Verlag.

Trommsdorff, G. (2014). Interdisciplinary aspects of well-being in changing societies. Proceedings of the 12th Meeting of the GJSSS. Bad Homburg, May 2013. Konstanz, unpublished manuscript.

Trommsdorff, G., & Nauck, B. (2010). Introduction to special section for Journal of Cross-Cultural Psychology: Value of children: A concept for better understanding cross-cultural variations in fertility behavior and intergenerational relationships. Journal of Cross-Cultural Psychology, 41 (5-6), 637-651.

Zapf, W. (1972). Zur Messung der Lebensqualität. Zeitschrift für Soziologie, 1(4), 353-376.

1 Hans-Joachim Kornadt danke ich für wertvolle Hinweise.

2 Vgl. Neuffer (2014) zu einer im Frühjahr 2014 durchgeführten Tagung zu Poetik und Hermeneutik.

3 Hier wird durchgängig eine geschlechtsneutrale Sprache verwendet.

4 Im Jubiläumsjahr der WRS 2013 wurde u. a. eine internationale Tagung zu „Interdisciplinary aspects of well-being in changing societies“ durchgeführt (Trommsdorff, 2014). Diese Tagung hat dazu angeregt, einige Aspekte zu dem Thema in den Abschnitten 3 und 4 im vorliegenden Band vertieft auszuführen.

Teil I

Gesellschaftliches Engagement und Kapitalismus

JÜRGEN KOCKA

Zwischen Kapitalismus und Zivilgesellschaft. Deutsche Unternehmer im 19. und 20. Jahrhundert5

Abstract

Werner Reimers hat Unternehmererfolg und zivilgesellschaftliches Engagement verbunden. Im 19. Jahrhundert haben erfolgreiche Unternehmer andere Formen des Engagements praktiziert, vor allem in ihren Gemeinden und Regionen, durch Schenkungen und gesellschaftliche Partizipation. In den großen Mananager-Firmen des gegenwärtig dominanten Investoren-Kapitalismus stehen der Verknüpfung von Geschäftserfolg und Allgemeinwohl-Engagement Hindernisse entgegen, mit denen frühere Eigentümer-Unternehmer nicht konfrontiert waren. Der Vortrag diskutiert das komplizierte Verhältnis von Marktwirtschaft und Zivilgesellschaft im Wandel der Zeit an ausgewählten Beispielen und generell. Reimers steht dabei im Vordergrund.

Von Werner Reimers als Stifter wissen wir weniger als über andere bedeutende Stifter seiner Zeit wie Körber, Beitz oder Mohn. Aber wir wissen einiges. Bekannt ist die großbürgerliche Herkunft des 1888 Geborenen aus einer Hamburgischen Kaufmannsfamilie, die vor allem im Überseehandel ihr Glück gemacht hatte. In diesem Milieu wurde er sozialisiert, er lernte im väterlichen Geschäft wie bei befreundeten Firmen im Ausland, und war bald, zunehmend selbstständig, in Japan mit Vermittlungs- und Agenturgeschäften befasst. Nach Deutschland zurückgekehrt, wandte sich der „mit technischem Gespür begabte Kaufmann“ dem industriellen Bereich zu und baute, im zweiten Versuch, ab 1928 in Bad Homburg, zunächst als Niederlassung eines englischen Mutterunternehmens, bald aber als eigene Firma, die P.I.V. Antrieb Werner Reimers Kommanditgesellschaft, später GmbH, auf, die sich auf die Herstellung stufenlos regelbarer Getriebe für alle möglichen Antriebe von Maschinen und Fahrzeugen spezialisierte, und später auch andere Antriebs- und Steuerungsgeräte baute. Die Firma wurde zum Welterfolg. Am Anfang (1928) beschäftigte sie 17, 1945 aber fast tausend Mitarbeiter. Nach dem Zusammenbruch 1945, einer politisch bedingten Zwangspause für den Gründer und dem sofort anschließenden Neustart wuchs sie erneut, wurde zum größten Gewerbebetrieb Bad Homburgs und beschäftigte 1965, als Reimers starb, 1800 Mitarbeiter. Reimers hatte sich als geschäftstüchtiger, erfolgreicher Unternehmer erwiesen, dem es gelang, hoch qualifizierte Ingenieure zu gewinnen und internationale Marktlücken zu nutzen, der sein Unternehmen sehr direkt und persönlich leitete, wenn er es auch in den letzten Jahren als angenehm empfand, nicht mehr jeden Tag in der Firma sein zu müssen. Er hinterließ, als er 1965 starb, ein technologisch und betriebswirtschaftlich wohl bestelltes Feld, ein gelungenes Werk.

Wir wissen des Weiteren, dass Reimers mehr wollte als den geschäftlichen Erfolg. Der 22-Jährige vertraute seinem Tagebuch an, er wolle „ein gebildeter, angesehener Kaufmann werden, erfolgreich, um Kunst und Wissenschaft mit (seinen) Mitteln zu helfen, um auch dadurch mein Teil zur Entwicklung der Menschheit beizutragen“. Der über Siebzigjährige fragte einen seiner Gäste: „Der Lebenserfolg kann auch zum Gefängnis werden, meinen Sie nicht auch?“ Er versuchte, diesem Gefängnis zu entkommen. Immer wieder hat er große philosophische Fragen auf seine Art angesprochen, die Entstehung und den Sinn des Lebens, das Verhältnis von westlicher und östlicher Zivilisation betreffend. Er wusste, dass er selbst nicht das Rüstzeug besaß, dieses Terrain zu bearbeiten. Ein paar Jahre lang hat er versucht, mit seinen großen Ressourcen entsprechende Forschungen im etablierten Wissenschaftsbetrieb, in Kooperation mit der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft in Frankfurt, zu implantieren. Das misslang, musste misslingen, denn das große Format seiner Fragen stand quer zur arbeitsteiligen Organisation moderner Wissenschaft. Doch Reimers fand den Rat von Wissenschaftlern, Autoren und Sachkennern, die ihm stattdessen halfen, 1963 die „Werner Reimers-Stiftung für anthropogenetische Forschung“ zu gründen, in Verbindung mit ausgewiesenen Wissenschaftlern, aber doch mit großer Skepsis gegenüber der „professoralen“, allzu spezialisierten Normalwissenschaft, der die Stiftung langfristig dann doch sehr gedient hat. Reimers wollte mit dieser Stiftung, deren erstes Programm seine persönliche Handschrift trug, auf das intellektuelle Leben einwirken, neues Wissen mit neuen Verfahren im Hinblick auf das „Gesamtbild des Menschen“ generieren und „an geeignete Kreise“ weitervermitteln. Er gründete seine Stiftung als Instrument der Gestaltung, keineswegs nur zur Förderung von Forschungen, die dritte Personen sich ausdenken und an die Stiftung herantragen würden. Er hatte eine Idee, ein in gewisser Hinsicht utopisches Programm. Wie sich dies in seinem Kopf entwickelt hat, wird aus den Quellen nicht klar. Die frühe Auseinandersetzung mit ostasiatischer Kultur dürfte dazu beigetragen haben, vielleicht auch die Erfahrung der tiefen Zäsur von Krieg und Zusammenbruch.

Schließlich ist klar, dass Reimers sein Unternehmen einerseits und seine Stiftung andererseits in einem engen Wechselverhältnis sah: „Ich möchte, dass die Geschäftsleitung und Belegschaft das Bewusstsein erhalten, nicht nur für die Firma… zu arbeiten,… sondern auch für einen idealen Zweck, etwas, das der Allgemeinheit, der Sicherung unserer Kultur zugutekommt“ – so Reimers in einem nicht zur Veröffentlichung bestimmten Brief von 1962 und ganz ähnlich in einer späteren Adresse an die Belegschaft. Umgekehrt machte er die Stiftung von der Firma abhängig. Reimers war kinderlos und setzte die Stiftung als Alleinerbin ein. Die Stiftung blieb auch mit ihren regelmäßigen Einnahmen –anders als im Fall anderer Stiftungen – eng an den Erfolg der Firma gebunden. Entsprechend musste sie ihre Tätigkeit einstellen, als die Firma 2001, 36 Jahre nach dem Tod ihres Gründers, in die Insolvenz ging6.

Versteht man unter „Kapitalismus“ eine Form des Wirtschaftens, die auf individuellen Eigentumsrechten und dezentralen Entscheidungen beruht, in der die Koordination über Preise, Wettbewerb und Kooperation auf Märkten geschieht, und in der Kapital, damit auch Investition, Rentabilität und Wachstum grundlegend sind, dann war Reimers ein kapitalistischer Unternehmer, und zwar ein erfolgreicher.

Versteht man unter „Zivilgesellschaft“ eine soziale Sphäre, in der freiwilliges und selbstständiges, selbstorganisiertes Engagement von Individuen und Gruppen für allgemeine Belange stattfindet, beispielsweise in Vereinen und Initiativen, und zwar weder nach den Gesetzen des Marktes mit Streben nach Lohn oder Gewinn, noch nach der Logik und unter der Regie staatlicher Politik, sondern in eigener Verantwortung über die Wahrnehmung der eigenen partikularen Interessen hinaus, dann war und ist die Gründung einer Stiftung wie der Reimerschen ein Akt des zivilgesellschaftlichen, man kann auch sagen: des bürgerschaftlichen Engagements. Reimers, der überdies durch Schenkungen und Zuwendungen im Homburger Umfeld und anderswo mäzenatisch wirkte, war also nicht nur ein kapitalistischer Unternehmer, sondern auch ein zivilgesellschaftlicher Aktivist.

Wie passt beides zusammen? Blicken wir in die Geschichte. Der Kapitalismus setzte sich in Deutschland in breiter Front erst als Industriekapitalismus durch, also mit der Industrialisierung. Die erste Industrialisierungsphase – das war das zweite Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, jedenfalls in einigen Regionen, so im Rheinland und in Westfalen, am Niederrhein und in Köln, in Wuppertal und Solingen, in Bielefeld oder dann auch im Ruhrgebiet. Nehmen wir die dortigen Textilindustriellen, Eisen- und Maschinenfabrikanten, Zechenherren und Eisenbahndirektoren, aber auch Großkaufleute und Bankiers als Beispiel.

Die von Beckeraths, Henckels, Herstatts, Harkorts, Haniels, Krupps und Mevissens sind uns als harte, profitorientierte, meist arbeitswütige, immer durchsetzungsstarke Unternehmer bekannt, die ihren partikularen Vorteil konsequent verfolgten, sich im Konkurrenzkampf resolut durchsetzen, Kapital und Vermögen anhäuften und wenig zimperlich auf die Arbeitskraft ihrer Arbeiter zugriffen, sie ausnutzten, ausbeuteten und beherrschten. Das waren nicht sehr gebildete, meist aus Kaufmanns- und Handwerkerkreisen stammende Kapitalisten, mit wenig Interesse an Kunst, Wissenschaft und raffiniertem Lebensstil. Doch sie führten auch ein Leben außerhalb ihres Geschäfts, welches für sie wichtig war und mithalf, ihren Anstrengungen, Kämpfen und Erfolgen als Unternehmer Sinn zu geben: einerseits ihr intensives Familienleben, andererseits ihr bürgerschaftliches Engagement in Kirchen, Vereinen und den Selbstverwaltungsorganen ihrer Gemeinden. Es fiel dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz (1868) schwer, die Industriellen und Kaufleute der Industriestädte zu Spenden für die Universität Bonn anlässlich ihres 50. Jubiläums zu überreden; das war nicht ihre Welt. Aber als Presbyter oder Kirchmeister waren sie freiwillig tätig, für den Ausbau ihrer Kirchen spendeten sie viel. Oft waren sie Stadtrat und vielleicht auch Handelsrichter zugleich. Neben der eigenen Zeit gab man auch eigenes Geld an die eigene Gemeinde, in Form von Spenden für die Feuerwehr, das Wasserwerk oder die neue Gasanstalt wie auch für mildtätige Stiftungen, das Kranken- und Altersheim. In Elberfeld und anderswo engagierte man sich direkt in der Armenpflege und im fürsorgerisch-disziplinierendem Versuch, Arbeitslose wieder der Arbeit zuzuführen – und damit zugleich die Verwendung städtischer Mittel zu begrenzen, die man über Steuern und Spenden schließlich selbst aufgebracht hatte. Vielleicht trat man auch der lokalen Organisation des Zentralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen bei, im spannungsreichen Jahrzehnt vor der Revolution und danach. Im Übrigen gehörte man städtischen Vereinen an, die Namen wie „Casino“, „Societät“ oder „Harmonie“ trugen und auch Ärzte, Beamte und Gelehrte als Mitglieder zählten, nicht aber Arbeiter und kleine Handwerker, schon aufgrund hoher Mitgliedsbeiträge. Hier diskutierte man über öffentliche Dinge und auch über Geschäfte.

Der Kapitalismus dieser frühen Unternehmer war zielstrebig, entschieden und hart, zugleich aber über Familie und bürgerschaftliches Engagement eingebettet ins gesellschaftliche Leben der Stadt. In vielen Hinsichten bezog ihr Kapitalismus daraus seine Kraft. In anderen Städten und Regionen lässt sich, mit bezeichnenden Unterschieden, Entsprechendes beobachten (Zunkel, 1962).

Vieles davon setzte sich im Kaiserreich zwischen 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg fort, manches aber auch nicht. Das Vereinswesen zwar nahm an Umfang weiterhin zu, aber auch an innerer Differenzierung: die Vereine der besser Gestellten wurden noch exklusiver. Die Religiosität der Wirtschaftsbürger war insgesamt rückläufig; die gemeindliche Selbstverwaltung wurde professioneller, staatlicher, bürokratischer und entfernte sich damit vom unmittelbar-persönlichen Engagement der einzelnen Unternehmer. Die Leiter der an Umfang zunehmenden Handels- und Industriefirmen, der Banken und Transportunternehmen tendierten immer eindeutiger dazu, sich auf ihre Geschäfte zu konzentrieren und ihre „Unabkömmlichkeit“ zu betonen. All das trug zur Schwächung der geschilderten Symbiose von Kapitalismus und Zivilgesellschaft auf Gemeindeebene bei.

Aber es gab starke gegenläufige Tendenzen, die das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmern – einigen Unternehmern – neu belebten und dafür verantwortlich waren, dass wir im Rückblick das Kaiserreich, vor allem das späte Kaiserreich, trotz all seiner Obrigkeitslastigkeit und Militarisierung, zugleich als Hoch-Zeit der Zivilgesellschaft und des großbürgerlichen Mäzenatentums sehen – wobei unter Mäzenatentum oder Philanthropie die Bereitstellung privater Mittel für öffentliche Zwecke und somit eine Variante zivilgesellschaftlichen Engagements zu verstehen ist.

Zum einen wurden die Bürger reicher, und das galt vor allem für die oberste Schicht des Wirtschaftsbürgertums, die großen Kaufleute, Bankiers und Industriellen. Während ihr tätiges Engagement in Kirchen-, Gemeinde- und Vereinsämtern abnahm – übrigens auch ihre Bereitschaft zur Übernahme eines politischen Mandats –, wuchsen ihre Fähigkeit und ihre Bereitschaft Mittel für Spenden, Schenkungen und Stiftungen bereitzustellen. Gewissermaßen fand eine Monetarisierung ihres bürgerschaftlichen Engagements statt. Parallel dazu wurde die öffentliche Darstellung erworbenen Reichtums akzeptabler, zumindest wenn sich dies im Hinblick auf gute Zwecke rechtfertigen ließ. Mit mäzenatischen Großtaten ließ sich im ganzen 19. Jahrhundert öffentliche Anerkennung gewinnen. Im Kaiserreich haben öffentliche Instanzen – von den Direktoren großer öffentlicher Museen und den Bürgermeistern spendenhungriger Städte bis hinauf zum Landesherren und zum Kaiser – ihre Anstrengungen verstärkt, durch Gewährung öffentlicher Anerkennung reiche Bürger für mäzenatische Leistungen zu gewinnen.

Der Löwenanteil der durch Mitgliedsbeiträge in einschlägigen Vereinen, durch Spenden, Schenkungen und Stiftungen aufgebrachten mäzenatischen Mittel wurde weiterhin sozialen Zwecken zugeführt. Unternehmer und andere Bürger gründeten Wohnstiftungen für Arbeiterfamilien, sie brachten Mittel für Krankenhäuser und Volksbäder, Alten- und Witwenheime, Kleinkinderbewahranstalten und Suppenküchen auf. Die seit den 1860er Jahren zunehmenden Klassenspannungen, der Aufstieg der Arbeiterbewegung und die bürgerliche Furcht vor der gewaltsamen Entladung sozialer Spannungen verstärkten die Bereitschaft zum philanthropischen Engagement für soziale Zwecke, auch und gerade bei vielen Unternehmern. In einigen wenigen Fällen kam es zu großzügigen und wegweisenden Stiftungen mit radikal-reformerischer Stoßrichtung, die einen Weg der Vermittlung im sich verschärfenden Großkonflikt zwischen Kapital und Arbeit suchten. Hervorzuheben ist die von Ernst Karl Abbe gegründete Stiftung für die Arbeiter des Carl-Zeiss-Werkes in Jena von 1889, und vor allem, am bedeutendsten, das „Institut für Gemeinwohl“, das Wilhelm Merton in Frankfurt 1890 gründete: ein Bündel von sozialen Einrichtungen, gemeinwohlorientierten Unternehmen und sozialwissenschaftlichen Forschungsstätten, das er in Verbindung zu dem von ihm geleiteten Großkonzern „Metallgesellschaft“ aufbaute, um Ansätze zur Lösung der „Arbeiterfrage“ zu erkunden und Sozialreform zu praktizieren. Zwischen 1896 und 1914 steckte Merton drei Millionen Mark in dieses Projekt. In der klassengespaltenen Gesellschaft des Kaiserreichs blieben die Erfolge solcher Reformansätze begrenzt, zumal sie nur von Minderheiten im Arbeitgeberlager vertreten wurden.

Doch das Spektrum der Zwecke bürgerschaftlichen Engagements verbreitete sich. Im Kaiserreich wurde die bürgerschaftliche Förderung der Kunst immer wichtiger, u. a. praktiziert von städtischen Kunst-, Museums-, Musik- und Theatervereinen, in denen der Anteil der Wirtschaftsbürger im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kräftig wuchs. Im künstlerischen Bereich blieben städtische und staatliche Förderungsmaßnahmen bis zum Ersten Weltkrieg noch sehr begrenzt, das bürgerschaftliche Engagement fiel hier sehr ins Gewicht – ein wichtiger Raum für die Realisierung bürgerlichen Gestaltungswillens auch gegen den Einfluss der Höfe und Obrigkeiten, ein Feld, auf dem Wirtschafts- und Bildungsbürger auf Engste zusammenrückten. 67 Mäzene, darunter Adolf de Neufville und Mayer Carl Rothschild finanzierten den monumentalen Neubau des Frankfurter Theaters um 1870. Am spektakulärsten waren die millionenschweren Zuwendungen herausragender Kunstmäzene wie James Simon und Eduard Arnhold, ohne deren großzügige Schenkungen die Berliner Museumslandschaft, so Wilhelm Treue, weiterhin provinziell geblieben wäre.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wandte sich das bürgerschaftliche Engagement der Wissenschaftsförderung zu, und wieder waren wohlhabende Unternehmer führend. Es sei an die Gründung der „Deutschen Orientgesellschaft“ 1898 und die Unterstützung ihrer großen Expeditionen durch Emil Rathenau, Rudolf Mosse und andere erinnert, an die Familie Warburg und die „Hamburger Wissenschaftliche Stiftung“ von 1907 und an die Gründung der Kaiser Wilhelm Gesellschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft) in Berlin 1911 in Form einer Public Private Partnership mit starker Teilnahme von Vertretern der Wirtschaft. Kaufleute, Bankiers und Industrielle förderten die Entwicklung von Handelshochschulen vor und nach 1900, auch dort wo sie sich wie in Köln zu Universitäten entwickelten. Die Gründung der Frankfurter Universität unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, aus bürgerschaftlichem Engagement, nicht aufgrund obrigkeitsstaatlicher Initiative, verdankte sich an erster Stelle den ganz erheblichen Zuwendungen von wirtschaftsbürgerlichen Mäzenen wie Leo Gans, Mathilde Rothschild und Wilhelm Merton.

Zunehmend griff bürgerschaftliches Engagement über den Raum der jeweiligen Stadt, in der es entstand, hinaus. Immer verdankte es sich der engen Kooperation zwischen Besitz und Bildung, Wirtschafts- und Bildungsbürgern. Oft wurde es als Alternative zur obrigkeitsstaatlichen Gängelung initiiert, oft aber auch in Verbindung mit staatlichen Initiativen. Unternehmer waren führend, ihre Motive vielgestaltig: Gestaltungswillen, Selbstdarstellungsbedürfnis und das Streben nach öffentlicher Anerkennung, im Fall von Stiftungen der Wunsch nach dem Erinnert-werden und insofern Weiterleben über den eigenen Tod hinaus. Auch der Kampf um Deutungshoheit spielte eine Rolle und – in jenen Zeiten des Dreiklassenwahlrecht, das die politische Partizipation an das versteuerte Vermögen band – der Anspruch der Bürger auf „ihre“ Stadt, die sie gewissermaßen zu besitzen glaubten. Bisweilen taucht auch Dankbarkeit als Motivation auf: man will dem Gemeinwesen etwas zurückgeben. Überdies spielte oftmals die Verquickung von privatwirtschaftlichen und gemeinnützigen Interessen eine produktive Rolle. Am Beispiel Wilhelm Mertons in Frankfurt lässt sich zeigen, wie seine Rolle als Generaldirektor eines Weltkonzerns mit seiner Rolle als hervorragender Mäzen und seinem zivilgesellschaftlichen Engagement zusammenhing. Zwischen 1890 und 1915 führte ihn fast jeden Morgen der Weg erst zu seiner Villa am Kettenhofweg – jedenfalls solange dort das Institut für Gemeinwohl untergebracht war – bevor er sein Büro im Konzernsitz der Metallgesellschaft in der Bockenheimer Landstraße aufsuchte (Roth, Merton, 2010, S. 124). Juden waren unter den wirtschaftsbürgerlichen Mäzenen besonders stark vertreten: aufgrund der sehr starken Tradition sozialer Gesinnung in dieser Minderheit; weil ihnen andere Formen öffentlicher Anerkennung oftmals versperrt waren; weil sie so ihre bisweilen in Frage gestellte volle Zugehörigkeit zum Gemeinwesen dokumentieren und Ressentiments begegnen konnten; zum Teil aber auch als Festigung ihrer häufig von ihnen selbst ambivalent beurteilten jüdischen Identität.

Die Effekte des damaligen bürgerlichen Engagements sind kaum zu überschätzen. Ohne sie wäre das Kaiserreich etwas anderes geworden. Und in vielem fußt auch noch die Bundesrepublik auf Grundlagen der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Kultur, die im Kaiserreich gelegt worden sind.

In der Ära der Weltkriege kam es zur Schwächung, zum Rückbau, zur Erosion des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Mit der Demokratisierung des politischen Lebens der Städte verblasste nach 1918 die faktische Dominanz des städtischen Bürgertums. Nun wurde oftmals als städtische Aufgabe wahrgenommen oder doch deklariert, was früher großteils freiwilligem Engagement der Bürger überlassen worden war: soziale Einrichtungen und der Betrieb der Museen als Beispiele. Die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg, die Geldentwertungen nach beiden Kriegen, die Krisen und Störungen des wirtschaftlichen Wachstums reduzierten die Vermögen, die früher mäzenatisches, philanthropisches Engagement ermöglicht hatten. Es hätte den Prinzipien der nationalsozialistischen Diktatur wie auch den Prinzipien der späteren kommunistischen Diktatur in Deutschland widersprochen, Spielräume für autonome bürgerliche Stiftungen und selbstständiges bürgerschaftliches Engagement zu gewähren, gar zu pflegen. Vielmehr gehörte die selbstorganisierte Zivilgesellschaft zu den Opfern der Diktaturen. Die Ausraubung, Vertreibung und Ermordung der Juden vernichtete eine wichtige soziale Basis, auf der sich viel bürgerliches und insbesondere wirtschaftsbürgerliches Mäzenatentum über die Jahrzehnte entfaltet hatte. Von den langfristigen Folgen dieser deutschen Selbstverstümmelung hat sich das bürgerschaftliche Engagement nie wieder ganz erholt.

Zwar gab es 1945 auch auf diesem Gebiet keine wirkliche „Stunde Null“. Aber das Stiftungswesen lag danieder. Im wirtschaftlichen Aufschwung der fünfziger Jahre regte es sich langsam neu. Unter „Stiftungen“ wurde vieles verstanden, vor allem auch kirchliche, kommunale und staatlich gelenkte Organisationen. Die Motive zur Gründung von Stiftungen im wirtschaftlichen Bereich waren und sind vielfältig. Die Suche nach Steuervorteilen, die Hoffnung auf Vorteile für den eigenen Betrieb und das Ziel der Lösung des Nachfolgeproblems gehörten, gehören dazu. Stiftungen konnten als Kompromiss zwischen Staats- und Privateigentum angestrebt werden, so im Falle des Volkswagenwerks und der Gründung der VW-Stiftung 1961. Die volle Wiederherstellung unternehmerischer Eigentumsrechte nach ihrer Beschneidung im Zuge der Entnazifizierung konnte durch die Einrichtung von Stiftungen erleichtert werden. In einem solchen Zusammenhang drängte Adenauer die Familie Thyssen dazu, ihre wieder erlangten Vermögen teilweise in eine Stiftung einzubringen. Die Fritz-Thyssen-Stiftung wurde 1959 gegründet und mit Aktien im Wert von 100 Mio. DM ausgestattet. Die amerikanischen Stiftungen, besonders Ford, Rockefeller und Carnegie, setzten sich auch in Europa für den Stiftungsgedanken ein. John McCloy und Shephard Stone drängten Alfried Krupp und Berthold Beitz zu entsprechenden Schritten. Sie machten darauf aufmerksam, dass der Name John D. Rockefeller in den USA äußerst unpopulär gewesen sei, als dieser im frühen 20. Jahrhundert die Rockefeller Stiftung gegründet habe. Jetzt dagegen werde der Name Rockefeller hoch geschätzt und in öffentlichen Ehren gehalten. Es ging also in jenen Jahrzehnten des Kalten Kriegs auch um die Legitimierung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse durch zivilgesellschaftliche Konzessionen (Berghahn, 2001, S. 197). Daneben – und wieder zunehmend – spielten die Stiftungsmotive ihre Rolle, die oben bereits genannt wurden: Gestaltungswillen, der Wunsch nach dem Tod erinnert zu werden, Verantwortungsbewusstsein, das Bedürfnis, etwas Vernünftiges zu tun, und zwar über den ökonomischen Erfolg hinaus, der Voraussetzung war, aber nicht alles sein sollte. Wie es Kurt Körber, der erfolgreiche Hamburger Zigarettenmaschinenfabrikant, Stifter und agile Mann der Öffentlichkeit publikumsbewusst darstellte, nachdem er bereits eine Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Engagements eingegangen war: „Deshalb habe ich mir, als die Aufbauleistung für mein Unternehmen getan war, die Frage gestellt: Ist dies alles? Kann es für mich das einzige Lebensziel sein, ein Unternehmen zu einem beachtlichen und erfolgreichen Faktor in meiner Branche zu entwickeln? Darf sich ein Unternehmer in einer Zeit engster Verflechtung von Wirtschaft und Gesellschaft auf sich selbst beschränken? Hat er darüber hinaus nicht weitgehende soziale und kulturelle Pflichten?“ Er gründete – ebenfalls kinderlos! – die Körberstiftung. Seit 1959 beeinflusste er sie drei Jahrzehnte lang kräftig in seinem Sinn und nutzte sie für wechselnde gemeinnützige Aufgaben –von der Organisation von Schülerwettbewerben unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, über die Auslobung von Preisen an Künstler und Wissenschaftler und die öffentlichkeitswirksamen Bergedorfer Gespräche, bis hin zur Ausbildung von Unternehmernachwuchs für die Entwicklungsländer und die Errichtung sozialer Einrichtungen in der Hamburger Region. Er verzahnte die Rolle des erfolgreichen Unternehmers mit der des erfolgreichen Stifters, beide Rollen förderten sich gegenseitig. „Für mich ist die Stiftung nicht irgendein persönliches Hobby, … sondern meine Lebensaufgabe sehe ich darin verwirklicht, dass ich die ökonomische Zielsetzung, nämlich … materielle Gewinne zu erzielen, verbunden habe mit der sozialkulturellen Zielsetzung, die Gesellschaft, in der und von ich lebe, durch gemeinnützige Aktivitäten zu stärken.“ Ralf Dahrendorf rühmte ihn in der Paulskirche: Er war „aus dem Stoff, aus dem freie Gesellschaften gemacht werden.“ (Schreiber, 2009, S. 124, 145, 213).

Mich erinnert vieles am gestaltenden Stifter Körber an den zwanzig Jahre älteren gestaltenden Stifter Reimes, dem aber nur zwei Jahre blieben, um seine Stiftung zu formen und für seine Visionen zu nutzen, nicht drei Jahrzehnte wie Körber, der überdies sehr viel mehr an gezielter Selbstdarstellung hinterlassen hat und deshalb leichter zitiert werden kann.

Die Zahl der Stiftungen ist immens angestiegen. Während in den 1950 und 60iger Jahren nur 36 bzw. 55 Stiftungen pro Jahr neu gegründet wurden, betrug die Zahl der Neugründungen pro Jahr in den 90er Jahren 347 und nach 2001 mehr als tausend. Die allermeisten sind privat, der Anteil der öffentlichrechtlichen ist minimal. Die rasante Aufwärtsentwicklung der letzten Jahre hat viel mit den Reformen des Stiftungsrecht zu tun, die zwischen 1997 und 2003 den Deutschen Bundestag passierten, sehr stark auf die Initiative der Grünen hin. Was die