Frag mich später noch mal - Leeanne Slade - E-Book
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Leeanne Slade

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Beschreibung

Wie weit würdest du gehen, um die Liebe deines Lebens zurückzugewinnen?

Nach der Scheidung ihrer Eltern hat Kitty sich geschworen, niemals zu heiraten. Als ihr Freund Archie ihr dennoch einen Heiratsantrag macht und eine pompöse Verlobungsfeier plant, bekommt sie eine Panikattacke. Kitty sieht nur einen Ausweg: Sie werden die nächsten drei Monate getrennte Wege gehen, danach soll Archie seinen Antrag wiederholen. Kitty nimmt sich fest vor, in der Zwischenzeit ihre Gefühle zu ordnen und beim zweiten Anlauf Ja zu sagen. Aber was sollte dagegensprechen, den Sommer mit ihrem gut aussehenden Kollegen Leo zu verbringen und ein bisschen Spaß zu haben?

Das großartige RomCom-Debüt von Leeanne Slade – der Nr.-1-Bestseller aus England.

Für alle, die diese Tropes lieben:
•Runaway bride
•Friends with benefits
•Love triangle
•Office romance

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

Seit sieben Jahren lebt Kitty zusammen mit ihrem Freund Archie in Bristol, wo sie in einer Werbeagentur arbeitet. Wenn es nach Kitty ginge, könnte alles so bleiben, wie es ist. Doch Archie hat andere Pläne: Völlig unerwartet macht er ihr einen Heiratsantrag – dabei hat Kitty von Anfang an klargestellt, dass sie niemals heiraten will. Statt Ja oder Nein zu sagen, schlägt sie Archie einen Deal vor: Sie werden die nächsten drei Monate getrennte Wege gehen. Über den Sommer dürfen beide tun und lassen, was sie wollen, danach soll er seinen Antrag wiederholen. Mit ihrem Kollegen Leo will Kitty sich nur die Zeit vertreiben und ein bisschen Spaß haben. Zehn unverbindliche Dates, die für beide nichts zu bedeuten haben. Danach wird sie ihren Archie heiraten – oder doch nicht?

Autorin

Leeanne Slade stammt aus Southampton, wo sie den Großteil ihres Lebens verbracht hat. Sie arbeitet in der Werbebranche, ist Mutter, Ehefrau und Autorin von romantischen Komödien. Ihr Romandebüt »Frag mich später noch mal« landete bei Audible auf Platz 1.

Leeanne Slade

Frag mich später

noch mal

Roman

Aus dem Englischen von Angela Koonen

Die englische Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »The Rebound« bei Audible Originals.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Dataminings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2024

Copyright © 2022 by Leeanne Slade

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2024

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlagmotiv: © FinePic®, München

Redaktion: Anja Lademacher

LS · Herstellung: ik

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN: 978-3-641-30411-9V001

www.goldmann-verlag.de

Prolog

Zehn Jahre zuvor

Jede Erfahrung ist eine Gelegenheit zu lernen, heißt es.

Tja.

An dem Morgen, als mein Vater auszog, lernte ich zweierlei.

Erstens, erfolgreich den Geschossen auszuweichen, die meine Mutter aus dem Schlafzimmerfenster schleuderte.

Noch im Pyjama sprangen Dad und ich barfuß durch unseren Vorgarten. Mit ausgestreckten Armen versuchte ich zu fangen, woran sein Herz hing, zum Beispiel den olympiatauglichen Tennisschläger, mit dem er ganz bestimmt eines Tages spielen wollte, ohne dass es bisher dazu gekommen war, und seine gesammelten, in limitierter Auflage erschienenen National-Geographic-Hefte. Seine karierten Hemden segelten über uns hinweg und landeten in den Rosenbüschen vor unserem Haus.

Als seine antike Rolex aus dem Fenster sauste, flog ich wie eine Weltklasse-Torhüterin über den Rasen und fing sie knapp über dem Boden auf. Es gab keinen Applaus, keinerlei Anerkennung, denn Dad bekam die Glanzleistung gar nicht mit, weil in diesem Moment eine Badehose in seinem Gesicht landete.

Der Postbote, der gerade auf seiner morgendlichen Runde bei uns vorbeikam, sicherte sich auf der Backsteinmauer an der Straße den Platz mit der besten Sicht auf das Drama. Denn Derek und Diane Harris hatten einen Showdown, wie ihn das Kaff noch nicht erlebt hatte.

Dad pellte sich seine Badehose vom Gesicht und raufte sich die grau melierten Haare. »Herrgott noch mal, Diane, beruhig dich endlich! Du machst dich ja lächerlich.«

»Beruhigen? Beruhigen? Du hast mich betrogen!« Mums Stimme gellte durch die Straße. Falls jemand hier heute ausschlafen wollte – keine Chance.

»Ich habe dich nicht betrogen. Du wolltest dich scheiden lassen. Du hast gesagt, es ist vorbei. Was hätte ich sonst tun sollen?«

Es stimmte, das hatte sie gesagt – heute Morgen, letzten Monat, vor zehn Jahren. Und er hatte es genauso oft gesagt. Sie hatten es nur nie durchgezogen. Bis jetzt. In meinen siebzehn Jahren hatte ich bei mindestens fünfzig Gelegenheiten einen von ihnen sagen hören Ich will die Scheidung!, und das waren nur die Male, bei denen ich zufällig dabei war. Damit etwas daraus wurde, musste mein Vater wohl erst jemanden kennenlernen. Das war es, was im Hause Harris den Dritten Weltkrieg auslöste: ein Geständnis am frühen Morgen, das ich durch meine Zimmerwand hörte. »Ich habe jemanden kennengelernt, Diane …«

Das war keine große Überraschung, denn die Ehe meiner Eltern hatte mehr Höhen und Tiefen zu bieten gehabt als die spektakulärste Achterbahn der Welt. Nach einem Streit gab es immer eine Atempause von ein paar Wochen – manchmal mit eisigem Schweigen, dann wieder voll falscher Freundlichkeit –, bis einer der beiden das nächste Gezeter auslöste. Und dazu brauchte es nicht viel. Mal war es die kaputte Spülmaschine, was Dads Schuld war, weil er den Kundendienst nicht angerufen hatte, mal die beiläufige Bemerkung von Mum, der Star von Grey’s Anatomy sei der attraktivste Mann, den sie je gesehen habe.

Dad wandte sich an mich, wobei er seine Badehose wie ein rotes Fähnchen schwenkte. In der anderen Hand hielt er seine Zahnbürste, deren Borsten mit Katzenkacke bestrichen waren. »Kitty, bitte, sprich mit deiner Mutter. Sie ist ja vollkommen irre!«

Ich schleppte mich zu ihrem Schlafzimmer hoch, in dem Hurricane Diane gewütet hatte. Die Schubladen der Kommode lagen auf dem Boden, Dads Seite des Schranks war leer gefegt. Sein orthopädisches Nackenkissen hatte das meiste abbekommen. Die Daunen schwebten in der Luft wie Pollen. Rockstars im Heroinrausch richteten nicht annähernd eine solche Verwüstung an.

Ich war mit dem Gefühl aufgewachsen, dass die Beziehung meiner Eltern ein schlimmes Ende nehmen würde, und die permanente Angst davor bestimmte mein gesamtes Verhalten, war so eingefleischt, dass ich sie kaum mehr bemerkte. Doch in dem Moment, in dem es tatsächlich zum Schlimmsten kam, fühlte ich mich seltsam gefasst, als hätte ich mich mein Leben lang auf den Moment vorbereitet, in dem ihre Ehe endgültig in die Binsen gehen würde.

Mums Schultern bebten, während sie Seiten aus dem abgegriffenen Taschenbuch herausriss, das einmal Dads Bettlektüre gewesen war.

»Mum?«, sagte ich von der Tür aus.

Sie hatte die nächsten Seiten schon gepackt, hielt aber inne. Als sie mich sah, warf sie das Buch aufs Bett und brach in Tränen aus. Ich ließ sie ein paar Minuten lang weinen, strich ihr über den Kopf und rieb ihr den Rücken, wie sie es bei mir früher getan hatte, wenn ich krank war. Schwarzer Johannisbeersaft und Zeichentrickfilme würden hier allerdings nichts ausrichten.

»Deinen Vater zu heiraten war der größte Fehler meines Lebens, Kitty. Bis dass der Tod euch scheidet? Dass ich nicht lache!« Ihre Augen waren verquollen und gerötet. Sie starrte mich an, bis ich verständnisvoll nickte. Dann setzte sie sich etwas aufrechter hin, warf die Haare zurück und machte weiter, wo sie aufgehört hatte – riss die Seiten aus dem Krimi, als wären sie Kapitel ihres gemeinsamen Lebens. »Sag deinem Vater, ich nehme ihm alles.« In demselben beiläufigen Ton rief sie mich sonst zum Abendessen. »Das Haus, den Wagen, seine Pension. Ich hoffe, er und seine Neue haben einen guten Anwalt. Den wird er nämlich brauchen.«

Und wer kriegt mich?, dachte ich, auch wenn ich fast achtzehn war. Die Antwort lautete also wahrscheinlich: keiner.

Als ich wieder nach draußen trat, war die Menschenmenge vor unserem Haus größer als beim Dorffest, und unser neugieriger Nachbar Bill spazierte im Garten umher wie bei einem Garagenflohmarkt. Er hob eine von Mums geliebten, unersetzlichen Katzenfigürchen auf, die jetzt unseren Rasen zierten, und blickte der Sphinx-Katze tief in die Augen. »Wie viel soll die kosten?«

»Die kannst du meinetwegen haben«, sagte Dad.

Als er einen Fünfer dafür nehmen wollte, trat ich dazwischen. Das ganze Fiasko ließ sich nur auf eine Weise beenden, und ich hasste mich dafür, es zu sagen. »Ich denke, du gehst jetzt besser, Dad.«

»Liebend gern«, brüllte er zum Schlafzimmerfenster hoch. Diesmal gab es keinen neuen Vergeltungsschlag. Endlich war Ruhe.

Dad gab mir ein Abschiedsküsschen und versprach, dass das zwischen uns nichts ändern und er mich immer liebhaben würde.

Ich wollte ihm glauben. Wirklich.

Doch als ich ihn wegfahren sah, begriff ich, dass es mit unserer Familie vorbei war. Wir drei, das war Geschichte. Aus und vorbei.

Er verschwand in eine Seitenstraße und aus meinem Leben. Es saugte mir die Luft aus der Lunge. Noch während sich die Gaffer verzogen, um ihre morgendlichen Tätigkeiten wiederaufzunehmen, stand ich wie angewurzelt auf dem Bürgersteig und sah, wie die Ampel von Rot auf Gelb auf Grün sprang. Als käme er vielleicht doch zurück. Als würde ich gleich in meinem Bett aufwachen und feststellen, dass ich das alles nur geträumt hatte.

Was also war das Zweite, das ich an diesem Tag lernte?

Dass man nie, nie, nie, unter gar keinen Umständen heiraten sollte.

1

Manche Dinge im Leben passieren zwangsläufig. Zum Beispiel dass man seine Periode bekommt, wenn man eine weiße Hose trägt. Dass man seinen Friseur bittet, die Haare nur zwei Zentimeter zu kürzen, und man nachher mit zehn Zentimetern weniger dasteht. Dass es an der Tür klingelt, sobald man mit dem Hintern die Klobrille berührt.

»Archie, kannst du bitte aufmachen?«, rief ich aus dem Bad. Keine Antwort. »Archie?« Vor zehn Minuten hatte er noch auf unserem Bett gelegen und unsere traditionelle Donnerstagabendpizza bestellt, während ich die Wäsche aufhängte. Aber jetzt war von ihm nichts zu hören.

Ich brach den Weltrekord im Schnellpinkeln, sauste zur Tür und riss sie auf, als Joseph, der junge schlaksige Bote von Donnie’s Pizza, schon kehrtgemacht hatte und den Gartenweg hinunterging. Er lachte, als er mich in meinem unordentlichen Zustand sah. Halb von der Tür verdeckt sah ich hastig an mir herunter, ob meine Unterhose rausguckte. Zum Glück nicht.

»Ich habe ernsthaft überlegt, die Polizei zu rufen. Ich dachte, wenn ihr eure Donnerstagabendpizza nicht annehmt, seid ihr sicher tot.«

Ein grausiger Gedanke. Ich nahm zwanzig Pfund aus dem Glas, das mit »Pizzakasse« beschriftet war, und gab sie ihm. Ich hielt die Hand für das Wechselgeld hin. Zwei sechsunddreißig wie immer.

Als ich die Tür schloss, kam Archie. In einer dunklen Jeans und dem Hemd, das ich ihm am Tag zuvor hatte bügeln sollen. Seine rotblonden Haare hatte er sich aus dem Gesicht gestrichen, sein albernes Grinsen war hinreißend.

»Seit wann ist das der Dresscode für einen Pizzaabend auf der Couch?«, fragte ich lachend. Sonst machte ich mich gern darüber lustig, dass er immer aussah, als käme er gerade vom Strand. Seine Muschelkette legte er nie ab, und Boardshorts trug er sogar im Winter. Ich hatte längst vergessen, dass er eine Jeans besaß.

»Ich, äh, die habe ich zufällig gegriffen.«

Ich wusste, dass er log, nur nicht warum.

Unsere Donnerstagabendpizzatradition hatte vor sieben Jahren begonnen, an dem Donnerstag, als ich mit einem abgenutzten Koffer bei ihm einzog, der so vollgestopft war, dass er mir unterwegs in den Zügen zwischen Maldon Essex und Bristol Temple Meads zweimal aufsprang. Wir waren zwanzig und unsterblich verliebt, und Archie hatte mich auf dem Bahnsteig abgeholt. Auf seinen zotteligen Haaren saß eine schwarze Schiebermütze, und er hielt ein zerknittertes Stück Pappe hoch, auf dem »Liebe meines Lebens« stand.

Ich lächelte so breit, dass es wehtat, und rannte auf ihn zu wie eine Soldatenbraut im Kriegsfilm. Ich sprang ihm in die Arme, schlang die Beine um seine Taille und küsste ihn, als hätte er mir gerade das Leben gerettet.

Ich brauchte dreißig Minuten, um auszupacken und mich in seinem behaglichen Leben, hundertsiebzig Meilen von meinem Elternhaus entfernt, einzurichten. Wir feierten das, indem wir bei Donnie’s an der Ecke von Fishponds Hauptstraße Pizza bestellten. Der Teig war klitschig, und in der Salami waren so dicke Knorpelstücke, dass sie unmöglich vom Schwein sein konnte, sondern ohne Zweifel von einem viel stärkeren Tier, einem Bären oder Ochsen. Wir hatten die fettigen Kartons vor uns aufgeklappt, aßen im Schneidersitz auf dem Parkettboden und küssten uns nach jedem Bissen. Es war ein Neuanfang. Eine neue Ära. Perfekt.

Seit jenem Abend bestellten wir jeden Donnerstag nach der Arbeit – bei Regen, Sonne, Hagel oder Sturm – Pizza bei Donnie’s. Einmal stürmte und schneite es so heftig, dass die Lieferboten mit dem Moped nicht vom Fleck kamen. Archie zog meine alten UGG-Boots an, die ihm zwei Nummern zu klein waren, und stapfte durch zehn Zentimeter hohen Schnee zur Pizzeria, um unsere gewohnte Bestellung abzuholen: eine große Salamipizza, eine Schachtel Kartoffelspalten und einen Becher Knoblauchkräuterdip. Triumphierend kam er zurück und übergab mir unser Abendessen mit Schneeflocken an den langen Wimpern und dem Lächeln eines Helden. »Wenn meine Liebste Pizza will, bekommt sie Pizza.«

An dem Abend verliebte ich mich noch ein bisschen mehr in ihn.

Man könnte meinen, dass solche Gewohnheiten schnell langweilig werden. Ich dagegen fand sie tröstlich. Wie eine warme Umarmung am Ende eines harten Tages, ein warmes Essen an einem kalten Abend. Montags Lasagne, dienstags Chinapfanne, mittwochs Fischauflauf, freitags Hähnchencurry. Ich brauchte mir nie Gedanken zu machen, was als Nächstes kam.

So glaubte ich jedenfalls …

Archie nahm meine Hand und öffnete die Tür zu unserem Wohnzimmer – das verdächtig ordentlich wirkte. Seine Sporttasche mit den Fußballklamotten, die auf dem Ledersofa einen festen Platz hatte, stand seltsamerweise nicht dort. Es herrschte ein weiches, gemütliches Licht (der Dimmschalter, den er schon seit Jahren hatte auswechseln sollen, funktionierte plötzlich), und so herrschte in der grauen Junggesellenbude eine warme Atmosphäre.

»Hast du geputzt?« Ich hatte nicht unverschämt klingen wollen, doch wegen seiner langen Arbeitstage als Vertreter und weil er dienstagsabends mit seinem Fünfer-Team Fußball spielte, mittwochs die Jugendmannschaft trainierte, freitags zum Kricket und samstags mit den Jungs rausging, war meistens ich diejenige, die den Staub von seinem kinogroßen Fernseher wischte und verirrte Zehennagelschnipsel vom Teppich saugte. Man kann Feministin sein, auch wenn man mehr Zeit mit Putzen verbringt als mit dem Kampf gegen das Patriarchat, oder?

»Hab ich«, sagte er. »Ich wollte, dass du heute mal die Füße hochlegen und dich entspannen kannst. Lass dich einfach drauf ein.«

Ehe ich fragen konnte, worauf ich mich einlassen sollte, küsste er mich. Mit Hingabe und Begierde. Wie bei unseren ersten Dates.

»Mmm«, seufzte ich und rieb die Nasenspitze an seiner. »Wofür war das?«

Es war nicht so, dass wir keinen Sex mehr hatten. Den hatten wir. Nur nicht so oft, wie ich es bei zwei verliebten Siebenundzwanzigjährigen erwarten würde. Ich hatte das ein paar Mal gegoogelt, wenn ich plötzlich Angst bekam, unsere Beziehung könnte gestört sein, die begrenzte Schlafzimmeraktivität könnte für ein größeres Problem stehen. Laut den Suchergebnissen waren solche Flauten normal. Eine vorübergehende Durststrecke. Vollkommen gesund. Trotzdem war es immer eine willkommene Überraschung, wenn wir es doch wieder taten.

»Weil ich dich liebe, Kitty.« Archie lachte und warf den Kopf zurück. Seine gute Laune machte mich enorm an.

Ich lehnte mich an ihn, um mehr zu bekommen, und er tat mir den Gefallen und drückte genießerisch meinen Hintern. Doch als ich ihm das Hemd aufknöpfen wollte, griff er nach meinen Händen.

Eine vorläufige Zurückweisung. »Komm und setz dich«, sagte er. »Ich möchte mit dir über etwas reden.«

Er führte mich zum Sofa, wo die Pizza vor uns auf dem Tisch lag, drehte sich zu mir um und legte seine Hände auf meinen Schoß. Sie zitterten, und sein Gesichtsausdruck war anders und unergründlich.

Er ist todkrank.

Nein, sei nicht albern.

O Gott, er macht mit mir Schluss.

Ich fühlte Übelkeit aufsteigen und atmete tief durch. Das Essen roch nicht mehr appetitlich, sondern als stünde mir die schlimmste Nacht meines Lebens bevor.

Beruhige dich, Kitty, wahrscheinlich will er nur fragen, ob er auf dem großen Fernseher das komische Ballerspiel spielen darf, auf das er so steht.

»Ist alles okay?«, fragte ich.

»Mehr als okay.« Er zog den Schritt seiner Jeans zurecht und rückte näher.

Ich sah die goldenen Sprenkel in seinen braunen Augen, den Amorbogen seiner Oberlippe, seinen schelmischen Blick. Er führte etwas im Schilde, so viel war klar. Beim letzten Mal, als er mich so ansah, hatte er mich mit einem Wochenendtrip nach London überrascht. Und obwohl er mich an jenem Samstag zu einem Arsenal-Spiel nach Wembley mitschleppte, wurde es ein schönes Wochenende.

Ich überlegte gerade, ob ein Fußballturnier bevorstand, als er endlich die Pizzaschachtel aufklappte und mir auf den Schoß legte. Ich nahm mir ein Stück und biss herzhaft hinein. Er keuchte verblüfft. Ich wollte schon fragen, was los war, doch da bemerkte ich ihn.

Mitten auf der Pizza in dem tomatenroten Fett lag ein Diamantring.

»Kitty Harris«, begann Archie förmlich. »Ich liebe dich, obwohl du Ananas auf Pizza für akzeptabel hältst, obwohl du meine Boxershorts einlaufen lässt und weil du immer so süß schnaubst, wenn du etwas lustig findest.« Er hielt inne, als erwartete er, dass ich lache. Doch ich war wie versteinert. Ich starrte in einem fort auf den Ring. »Ich weiß, du hasst das ganze romantische Zeug, und ich auch. Darum dachte ich, der beste Ort hierfür ist das eigene Zuhause, das wir uns hier geschaffen haben, der Ort unserer schönsten Erinnerungen. Ich liebe dich so sehr, du bist diejenige, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will.«

Trotz meines fassungslosen Schweigens strahlte er mich weiter an. »Also?« Er zog den Ring aus der Pizza, wischte ihn am Ärmel ab und hielt ihn mir hin wie Oliver Twist seine Suppenschale für einen Nachschlag. »Was sagst du, Kitty? Willst du meine Frau werden?«

Ich sperrte den Mund auf, so weit, dass ein bisschen zerkaute Pizza herausfiel und auf dem Sofa landete. Der Diamantring blitzte wie ein Laserstrahl. Prinzessschliff. Fantastisch. Er war genau das, was ich mir als Zwölfjährige gewünscht hätte. Doch als Zwanzigjährige wusste ich, dass er mehr Kosten nach sich ziehen würde, als auf dem Preisschild gestanden hatten.

Archie guckte selbstsicher und erwartungsvoll. Er ahnte nichts von der Angst, die durch meinen Körper jagte. Sekunden dauerten Stunden. Altbekannte Gedanken kamen in mir hoch.

Ehen halten nicht. Ich will nicht heiraten. Aber ich will ihn. Wie kann es sein, dass ich diesen Mann so sehr liebe, aber nicht sehen will, wie ein schlichtes Ja sein Gesicht erstrahlen lässt? Was stimmt nicht mit mir?

»Das kommt so unerwartet.« Ich versuchte, den Wahnsinn hinauszuzögern.

Archie lachte. »Unerwartet? Kitty, wir sind schon ewig zusammen. Heute ist unser Jahrestag. Hast du wirklich kein bisschen damit gerechnet?«

Unser Jahrestag? Hatte ich komplett vergessen. Ich musste an unsere erste Begegnung in London denken. Ich hatte damals meine Freundin Emma besucht, die seit Kurzem am University College studierte. Archie arbeitete für eine Firma, die Fotokopierer herstellte, und war in ihrem Auftrag geschäftlich unterwegs. Emma wollte mir die Stadt zeigen, mich für ein paar Tage aus Essex rausholen. Ich wollte vor allem aus meinem Kopf raus. Die Scheidung meiner Eltern war gerade abgeschlossen. Zu Hause gab es keine Liebe mehr, nur noch Trauer.

Archie fiel mir auf, als wir in der Warteschlange am London Eye standen und er mich anstarrte. Wir landeten in derselben Gondel des Riesenrads, und als wir über Big Ben in der Luft schwebten, rückte er neben mich. Mein Herz schlug schneller, die Zeit blieb stehen. Er erzählte mir, dass eigentlich die Glocke Big Ben hieß und nicht der Glockenturm, und ich tat, als hätte ich das nicht gewusst. Ein umwerfender Mann, der nur mich anlächelte? Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Zwei Monate später packte ich meine Sachen und fuhr einmal quer durch England, um mit ihm zusammenzuziehen. Er hatte ein großes Haus in Bristol mit erschwinglichen Hypothekenraten, zu dem ihm seine Eltern verholfen hatten, und ich fühlte mich verloren und einsam und hatte Angst, für immer in Essex festzusitzen. Archie war genau das, was ich brauchte, und kam wie gerufen. Bei ihm einzuziehen, sei das Vernünftigste, hatte er gesagt. Mir nach sieben Jahren einen Heiratsantrag zu machen, hielt er wohl auch für das Vernünftigste.

Bei Archie fühlte ich mich wie die glücklichste Frau der Welt. Er lachte immer über meine albernen Witze und verteidigte mich in jeder Lage. Er unterstützte mich finanziell, ohne dass ich mich deswegen klein fühlen musste, und nahm mich auf wunderschöne Reisen mit. Als ich mir einmal den Magen verdorben hatte, hielt er mir die Haare im Nacken zusammen, und es schien ihm nichts auszumachen. Ein Leben lang mit ihm zusammenbleiben? Ich könnte es schlechter treffen.

»Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Das war nicht das prompte Ja, das er erwartet hatte. Also wurde er noch förmlicher und kniete vor mir nieder. »Sag Ja.« Lächelnd hielt er mir den Ring vors Gesicht, fast konnte ich in den Facetten mein Spiegelbild sehen.

Ich hörte die Uhr auf dem Kaminsims ticken. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ein Verlobungsring auf einer Pizza. Das war ein Scherz, oder? Bestimmt würde er gleich auf eine versteckte Kamera zeigen und »reingefallen« rufen! Das war so absurd, dass ein kleines Lachen in mir hochgluckste, und Archie hielt das für Entzücken. Vielleicht nickte ich auch, oder mein Kinn sank herab, vielleicht blinzelte ich ein Ja im Morsealphabet, wer weiß? Jedenfalls jubelte er, und der Ring steckte an meinem Finger, und es war eine abgemachte Sache. Die künftige MrsArchie Smithson. Er griff zum Handy und knipste meine Hand, ohne auf die Pizza zu achten, die inzwischen mit dem Belag nach unten auf dem Teppich gelandet war, die Tomatensoße war hochgespritzt, und das Zimmer sah aus, als wäre hier ein Mord geschehen.

»Kitty, du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt.« Er schlang die Arme um mich, und gerade als ich dem Irrsinn ein Ende machen, ihm erklären wollte, dass ich eigentlich nicht Ja gesagt hatte und gern mit ihm darüber reden würde, tippte er mit dem Finger auf »Teilen«. #überglücklich #ichhabsie #siehatJagesagt.

Mein verkrampftes Ich-versuche-glücklich-zu-gucken-Gesicht wurde auf seinen ständig wachsenden Social-Media-Seiten von Hunderten fremder Leute geliked. Dann tippte er auf »Anrufen« und feierte das Ereignis mit seiner Mutter und seinen Schwestern, erzählte allen die gute Nachricht – dass ich mein Handy währenddessen im ersten Stock am Ladekabel hängen ließ, schien ihn nicht zu irritieren. Natürlich waren alle begeistert. Ich saß benommen auf dem Sofa und beobachtete, wie die Sache ihren Lauf nahm, war froh, dass meine Eltern keinen Social-Media-Account hatten und dass niemand in meiner Firma Archie folgte, weil ich das Ganze so noch ein paar Stunden verdrängen konnte.

Der Tag hätte zu den glücklichsten meines Lebens zählen können, von dem ich mir wünschte, er möge nie enden, doch stattdessen dachte ich nur: Kann ich mich jetzt endlich ins Bett verkriechen?

2

Am nächsten Morgen kam mir das alles viel realer vor. Um ein Uhr früh legte Archie endlich das Handy weg, zufrieden, dass er die Neuigkeit überall verbreitet hatte. Wir leerten die staubige Flasche Dom Perignon, die für eine besondere Gelegenheit auf unserem Kühlschrank gestanden hatte. Er trank auf uns, und ich trank, um den Schrecken hinunterzuspülen. Wir hatten Sex. Dabei sagte er immerzu, wie sehr er mich liebte, und ich sagte es auch. Dieselben Worte, völlig andere Gefühle.

Vor Sonnenaufgang stand ich auf und nahm den ersten Bus in die Stadt, noch bevor mein irrtümlicher Verlobter die Augen aufmachte. Mich beschäftigte noch immer derselbe Gedanke, der mir schon durch den Kopf gegangen war, als ich im gemeinsamen Bett wach gelegen und Archies Champagnerschnarchen gelauscht hatte.

Ich glaube nicht, dass ich das durchziehen kann.

Archie und ich hatten durchaus schon darüber gesprochen. Er kannte alle hässlichen Details der unglücklichen Ehe meiner Eltern. Wusste, dass ich mir geschworen hatte, nie so zu enden wie sie, nie zu heiraten, den Menschen, die ich liebte, niemals eine quälende Scheidung zuzumuten. Doch wenn wir über uns redeten, erklärte ich ihm jedes Mal, dass ich ihn liebe und niemand anderen wolle, wir hätten uns gesucht und gefunden, und ich könne mir nichts Schöneres vorstellen, als den Rest meines Lebens mit ihm zu verbringen.

Das manifestierte Missverständnis steckte am vierten Finger meiner linken Hand.

Ich liebte ihn mehr, als ich für möglich gehalten hatte, doch das änderte nichts daran, dass ich nicht heiraten wollte. Weder jetzt noch irgendwann später.

Aber wie sollte ich Nein sagen, wenn der Mann, mit dem ich zusammenlebte, ein kleines Vermögen für einen Diamantring ausgegeben hatte und mich bat, für immer die Seine zu werden?

Darüber zerbrach ich mir den Kopf. Ich schloss die Augen und lehnte mich an das beschlagene Busfenster. Irgendwie musste ich die acht Stunden in der Agentur durchstehen. Ich würde einfach auf Autopilot schalten. Eins nach dem anderen tun.

Ich schloss die Tür auf, drückte auf den Lichtschalter und betrachtete den schäbigen, kleinen Raum. Arrival Advertising Agency. Die meisten Leute glauben, in einer Werbeagentur wäre alles Glanz und Glamour. Preisverleihungen und Sektfrühstück. Fotoshootings an exotischen Orten und Werbetafeln am Leicester Square. Arrival war das genaue Gegenteil: staubige, zusammengewürfelte Schreibtische, schiefe Aktenschränke und unbequeme, harte Stühle, wie man sie auch in der Aula einer Grundschule findet. Es sah aus, als wäre die Zeit seit dem gestrigen Siebzehn-Uhr-Exodus stehen geblieben, als stünde man auf einem Trödelmarkt und nicht in einer aufstrebenden Werbeagentur.

Die Räumlichkeiten befanden sich zusammen mit fünfzehn anderen Firmen in einem braunen Backsteingebäude am Rand des Hafens. Ich hatte mal jemanden im Aufzug sagen hören, das Gebäude sehe aus wie ein Scheißhaufen, und das ein bisschen gemein gefunden. Es war nicht das allerhübscheste, aber von meinem Schreibtisch im achten Stock sah ich, wie der Avon in Kurven Richtung Innenstadt floss, die gotischen Türme der Kathedrale und das Treiben in den Restaurants und Cafés im Hafenviertel. Kaum hatte ich mich gesetzt, vibrierte mein Handy. Julia, Archies Mutter.

Willkommen in der Familie, Mrs Smithson! Archie sagt, ihr werdet heute gegen acht bei uns sein. Bin schrecklich aufgeregt! Ich hoffe, der Ring passt, dachte, vielleicht ist er zu klein? Ich habe schon mit Reverend John gesprochen, er kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen. Du bist doch getauft, oder? Und ich denke an Rosen!!! Küsschen, Küsschen, Küsschen xxx

Davon hatte mir keiner etwas gesagt. Ich hatte gehofft, Archie und ich könnten zu Hause bei unserem Freitagabendhähnchencurry ein ehrliches Gespräch führen, ich wollte den Abend nicht bei seiner Familie in Exeter verbringen, Smalltalk mit einem Priester durchstehen und mich für meine molligen Finger rechtfertigen müssen.

Das Büro kam mir auf einmal enger vor und viel zu warm.

Mir wurde schummrig, und ich musste mich auf dem Schreibtisch abstützen. Ich wusste, wie die Sache laufen würde. Die nächsten fünfzig Jahre zogen vor meinem inneren Auge vorbei. Ich sah uns an derselben Straße wohnen wie seine Eltern, und anfangs waren wir glücklich in unserer Frischvermähltenblase. Er wusch das Geschirr ab, ohne dass ich ihn darum bat, und ich trug meine sexy Slips, obwohl die Spitze höllisch kratzte. Doch dann kamen all die Kinder, die wir haben mussten. Schrecklich viele Kinder. Meine Vagina würde nie wieder dieselbe sein. Und natürlich ließ ich meine Karriere sausen, um auf sie aufzupassen, weil Archie schließlich das Geld nach Hause brachte und ich im mittleren Management einer erfolglosen Werbeagentur nicht genug verdiente, um vierstellige Summen für die Kinderbetreuung auszugeben. Ich war allein zu Hause, ständig gereizt, und es dauerte nicht lange, bis er sich woanders vergnügte. Mal ein spätes Meeting, mal ein paar Drinks mit Kollegen nach der Arbeit. Wir stritten, wurden scharf und persönlich. Nach und nach erkaltete die Liebe, wir hielten uns an glücklichen Momenten fest, während die Jahre verstrichen. Wir litten unter der Last unserer Verpflichtung, und dann wurde aus uns ein wandelndes Klischee. Ein kaputtes Zuhause. Eine gescheiterte Ehe.

Die Liebe, die wir einander geschworen hatten, war tot und begraben. Ruhe in Trübsal.

Und in diesem Moment begannen die Schmerzen. Ein Funke schoss aus meiner Brust in die Hüfte und das Bein hinunter. Hinter der linken Brust begann ein nagender Schmerz. Zuerst dachte ich, es wäre ein Frauenproblem, hätte mit dem Zyklus zu tun, aber je länger es anhielt, desto mehr Angst bekam ich.

Ich brauchte Wasser. Ich fasste mir an die Brust und zerrte an den Bügeln meines BHs, während ich unseren Bürokasten verließ und zur Gemeinschaftsküche humpelte, einem kleinen Raum im achten Stock, von dem jeder im Gebäude angezogen wurde, weil es dort den besten Kaffee gab und der Snackautomat mit guter Schokolade bestückt war. Gott sei Dank war es so früh, dass noch keiner dort war.

Ich hielt die Hand unter den kalten Wasserstrahl. Ich rieb mir den Nacken. Wie viele Leute wussten inzwischen von der Verlobung? Ein paar Hundert? Ein paar Tausend? Wenn ich sie wieder löste, würde ihn das völlig fertigmachen, total demütigen. Er würde mir nie verzeihen.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto schlimmer wurden die Schmerzen.

Meine Knie schlugen auf den kalten grauen Fliesen auf. In nebligen Erinnerungen tauchte jedes Erste-Hilfe-Video auf, das ich jemals geguckt hatte, ich sah die Fernsehärzte vor mir. Das Gegenmittel? Blut in den Kopf laufen lassen. Sofort. Ich drehte mich auf den Rücken und streckte die Beine in die Luft. Dadurch wurde es nur schlimmer. Ich legte mich auf die Seite, wusste aber nicht mehr, wie die stabile Seitenlage aussah. Darum hob ich den Hintern an und krümmte mich zusammen, wie ich es bei Bauchschmerzen tat, sodass ich mit Stirn, Knien und Zehen den Boden berührte.

Wenn ich jetzt sterbe, brauche ich das nicht durchzustehen.

Im Nachhinein betrachtet ein bisschen zu dramatisch. Doch meine Brust stand in Flammen, meine Hände waren taub, alles tat weh. Ich war fest davon überzeugt, dass der Sensenmann gleich in die Küche käme, um mich mitzunehmen und in den Hades zu tragen.

Der Sensenmann kam nicht. Nein, es passierte etwas Schlimmeres. Etwas viel Schlimmeres.

Die Spitze eines braunen Lederschuhs traf mich am Knöchel, mit einem dumpfen Schlag landete ein erdrückendes Gewicht auf meinen Waden. »Uff, Scheiße!«, ächzte der Mann, der auf mich geplumpst war. Wir jaulten beide vor Schmerzen und Verblüffung auf.

Ich verbarg mein Gesicht zwischen den Ellbogen. Wenn ich ihn nicht sehen konnte, würde er mich auch nicht sehen. Ich erkannte seine Stimme nicht. Er war keiner meiner Kollegen. Durch den schmalen Spalt zwischen Ober- und Unterarm sah ich seine Füße, die sich hastig entfernten. Ich hörte, dass er sich den Kopf rieb und plötzlich innehielt, weil ich nicht reagierte wie ein normaler Mensch. Vielleicht dachte er, ich hätte durch den Aufprall das Bewusstsein verloren.

»Alles okay?«, fragte er.

Ich sah ihn noch immer nicht an. Keuchend versuchte ich zu grüßen. »Hi.« Es klang wie hrrrrrr. Ich streckte alle viere von mir, sodass ich dalag wie ein Seestern. Kalte Fliesen am Brustbein war sicher keine gängige Behandlung bei Brustschmerzen, aber einen Versuch war es wert.

Ich spürte, dass er sich über mich beugte, doch er fasste mich nicht an. »Äh, hallo«, grüßte er. Er kniete sich neben mich. Seine Armbanduhr tickte hinter meinem Ohr. »Kann ich Ihnen helfen?« Er klang enorm besorgt.

»Alles gut«, keuchte ich.

Er schwieg eine Sekunde. »Äh, ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich denke, das ist nicht wahr. Warum sonst liegen Sie mit dem Gesicht auf dem Boden, der dreckiger ist als eine Klobrille?«

O Gott, kann er nicht einfach abhauen?

»Mir ist was runtergefallen.« Ich klang, als hätte ich einen Herzinfarkt.

Er blickte sich um. Da war nichts außer dem überquellenden Mülleimer und einem schimmligen Klecks Tomatensoße. »Ich eröffne Ihnen das nur ungern, aber wenn das wahr ist, hat es die Maus schon weggeschleppt. Hier liegt nichts.«

Es wurde noch schlimmer. Er hielt mir die Hand hin, um mir aufzuhelfen, und mir wurde klar, dass es sich nicht länger vermeiden ließ. Schließlich blickte ich in sein Gesicht. Makellose Haut, große blaue Augen. Dunkelbraune Haare, die so weich aussahen, dass ich mir vornahm, ihn nach seinem Shampoo zu fragen, sobald ich nicht mehr sterben würde.

Er pflückte einen verirrten Apfelkern von meiner Wange. »Hallo«, sagte er noch einmal und musterte mich wie ein Arzt bei einer Untersuchung.

Als ich ihn erkannte, schluckte ich schwer.

Er war der heiße Laptoptyp. Den schmeichelhaften Spitznamen hatte mein Kollege Tristan ihm verpasst, weil er oft in dem frei zugänglichen Sitzungsraum vor sich hin tippte und superschicke Anzüge trug, als hätte er Tom-Ford-Aktien. Ich kannte ihn aus einem anderen Grund. Er war der Head of Client Services bei Element, Arrivals Erzfeind. Es war kein Zufall, dass unsere erfolglose Agentur in demselben Gebäude saß wie Element, die führende Werbefirma außerhalb Londons. Als Nisha den Mietvertrag abschloss, glaubte sie, es würde uns inspirieren, ganz in der Nähe einer der Besten der Werbebranche zu arbeiten. Wir würden auf ihren teuren Rockschößen bis an die Spitze reiten. Im Moment hinkten wir jedoch mit gebrochenem Bein hinterher. Die Element-Mitarbeiter waren intelligent und hatten akademische Abschlüsse. Sie hatten eine glänzende Referenzliste mit Kunden aus der ganzen Welt vorzuweisen, die so lang war wie mein Arm. Arrival hatte Clippers, eine Kette von vier örtlichen Friseuren, und Trinity, einen Nachtclub in Swindon, auf den mehr Razzien als Gäste kamen. Für Element war Arrival der kleinste Fisch im kleinsten Teich und einfach nur peinlich.

Und wir wollten so sehr sein wie sie, dass es ebenfalls nur peinlich war.

Von Weitem hatte ich ihn immer für Ende zwanzig gehalten, aber aus der Nähe betrachtet schätzte ich ihn auf über dreißig. Fünfunddreißig vielleicht? Er hatte Lachfältchen in den Augenwinkeln. Erinnerte an den Hollywood-Typ der Fünfziger. Klassisch, gepflegt.

Das genaue Gegenteil von Archies relaxtem Surfer-Stil. O Archie. Bei dem Gedanken zog es mir wieder das Herz zusammen. Ich fragte mich, ob es noch mit meinen Organen verbunden war oder frei gegen meine Rippen hüpfte wie ein Tischtennisball.

Er nahm meine Hände und drückte sie, als er mich hochzog, und obwohl er mich wahrscheinlich mühelos hätte hochheben können, da ich nur halb so viel Masse hatte wie er, war ich wohl schwer wie ein Baumstamm, denn sein Gesicht lief rot an und seine Oberarmmuskeln wölbten sich. Warum hatte mich ausgerechnet jemand von Element finden müssen? Für die waren wir sowieso schon ein Witz. Da fehlte bloß noch das Gerücht, dass Arrivals Campaign Manager bizarre Gymnastik auf dem Boden der Gemeinschaftsküche machte.

Als ich den Rücken straffte, lächelte er. »Na bitte.«

Ich schluckte, aufgewühlt vor Scham und Schreck. Dank seiner Hilfe stand ich nach zehn Minuten endlich aufrecht, um dann zu bemerken, … dass er vor mir auf einem Bein kniete. Sofort ging es wieder los. Ich fasste mir an die Brust und sank zu Boden. »Ich kann das nicht, ich kann nicht heiraten.«

»Das wäre ja auch ein bisschen vorschnell.« Seine Augen blickten schärfer, sein Mund wurde weicher. »Ich würde gerne zumindest Ihren Vornamen kennen, bevor ich Ihnen einen Antrag mache.«

Ich wollte lachen, konnte aber nicht. »Ich habe das Gefühl, dass mein Herz zerspringt.«

Sein Gesichtsausdruck wechselte von belustigt zu panisch. Anscheinend sah ich schrecklich aus. »Okay, okay, das wird wieder, ich gehe nicht weg.« Er holte sein Handy hervor und fing an zu wählen.

Ich bekam furchtbare Angst, dass mich noch mehr Leute so sehen würden. Tief in meinem Innersten wusste ich, dass ich nicht sterben würde – immerhin atmete ich noch –, und schon der Gedanke, dass meine Kollegen vor dem Gebäude eintreffen und sehen könnten, wie ich mit einer Sauerstoffmaske auf dem Gesicht in einen Notarztwagen geladen wurde, war demütigend.

Wisst ihr noch, wie Kitty den Herzinfarkt vorgetäuscht hat? Was für eine Drama Queen!

Ich hielt die Hand über sein Telefon. »Moment noch. Bitte.«

Seine Augen waren so blau, wie man sich das Meer im Paradies vorstellt, und sie wurden schmal, als er mich erneut musterte. »Ist das schon mal vorgekommen? Brauchen Sie etwas?«

Ich schüttelte den Kopf.

Seine langen Finger spreizten sich an meinen Schulterblättern, und eine Sekunde lang dachte ich, er würde mir auf den Rücken schlagen. Stattdessen sagte er etwas Sonderbares: »Gucken Sie auf den Boden.«

Das verwirrte mich. Ich lag auf dem Bauch am Boden, ich konnte gar nichts anderes tun, als auf den Boden zu gucken. Dann erklärte er etwas deutlicher, was er meinte: »Oder auf die Schränke oder auf Ihre Finger. Konzentrieren Sie sich auf etwas direkt vor Ihnen.«

Ich blickte auf seine Füße und widerstand dem Drang, ihm weiter in die Augen zu sehen, denn das wäre gerade nicht hilfreich. Er trug elegante Budapester, aber die Schnürsenkel waren ein bisschen morsch und die Sohlen abgelaufen.

»Okay gut. Was riechen Sie? Außer dem faulenden Fleisch im Mülleimer.« Stirnrunzelnd griff er in seine Tasche, holte einen Behälter mit Obstsalat hervor, zog den Deckel ab und hielt ihn mir unter die Nase. Der Geruch von Ananas, Mango und Bananen stieg auf. Sein Vormittagssnack. Würde er den noch essen, nachdem ich darauf geatmet hatte?

»Ein. Aus. Schön langsam. So ist es gut.«

Es funktionierte. Mein Atem wurde ruhiger.

Zehn Sekunden vergingen. Zwanzig. Dreißig.

Stunden später, so kam es mir vor, hatte ich mich endlich beruhigt. Mein Kopf war klar, meine Lunge arbeitete normal. Wir ließen erleichtert die Schultern sinken.

»Brauchen Sie noch etwas?«, fragte er.

»Wasser bitte.«

Plötzlich fehlte mir seine Körperwärme. Er stellte einen Stuhl neben mich. »Falls Sie sitzen möchten. Aber nur keine Eile.«

Ich kroch auf den Stuhl, ein ziemlich jämmerlicher Anblick, stützte die Ellbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände und kämpfte gegen die Tränen an. Er füllte mir ein Glas mit kaltem Wasser und gab es mir. Ich hielt es mit beiden Händen. Ich hatte so lange auf dem Boden gelegen, dass meine Arme und Beine kribbelten.

»Sie sehen schon besser aus«, meinte er.

»Schlechter auszusehen wäre auch eine Herausforderung.« Ich trank in großen Schlucken. »Keine Ahnung, was das gerade war.«

Da er jetzt neben mir stand, konnte ich ihn aus nächster Nähe betrachten. Sein weißes Hemd und die frisch gebügelte graue Hose waren makellos. Mein schwarzer enger Rock war hochgerutscht, ein Träger meines rosa BHs war zu sehen. Meine Haare waren ein riesiges blondes Vogelnest, und meine feuchtkalte Haut sorgte sicher nicht für eine strahlende Erscheinung. Ich sah verheerend aus. Doch darauf achtete er gar nicht. Sein prüfender Blick war auf mein Gesicht gerichtet.

»Haben Sie häufiger solche Panikattacken?«

Ich schnaubte spöttisch. Ein Spritzer Wasser landete auf meinem Knie. Das war keine Panikattacke, ich hatte mir bloß etwas eingefangen. Und nichts gefrühstückt. Vielleicht war die Pizza nicht ganz in Ordnung gewesen. Es konnte alle möglichen Ursachen haben, wenn man sich zittrig und schwach und weinerlich fühlte … Dann fiel mein Blick auf den Ring an meinem Finger, und ich erstarrte.

»Kein Grund, sich zu schämen. Das haben überraschend viele Menschen. Wenn Sie wollen, kann ich jemanden …«

Ich hielt ihn am Unterarm zurück. Schlimm genug, dass er mich so gesehen hatte. Wenn er seinen Kollegen – oder schlimmer noch, meinen Kollegen – davon erzählte, würde mich hier keiner mehr ernst nehmen. »Ich will nur eins: so tun, als wäre das nicht passiert.«

Er blickte auf meine Hand an seinem Arm. »In Ordnung«, sagte er langsam. »Wenn Sie es so haben wollen, meine Lippen sind versiegelt.«

Angesichts der Tatsache, dass Element die schlimmsten Typen auf diesem Planeten als Mitarbeiter anheuerte, ging ich davon aus, dass auf sein Wort so viel Verlass war wie auf eine morsche Hängebrücke. Bis zur Mittagspause würde jeder vom CEO bis zur Reinigungskraft von dem Vorfall wissen.

Er tat so, als wäre er beschäftigt, räumte im Gemeinschaftskühlschrank herum, ordnete die Tassen, faltete ein feuchtes Geschirrtuch zusammen und legte es hin. Die Küche sah fast wieder wie neu aus.

Als es unerträglich peinlich wurde, dass ich weiter schweigend dasaß, schaute er auf seine Uhr. »Ich habe um acht einen Kundentermin. Den könnte vielleicht ein anderer übernehmen, aber es sind nur noch zwei Minuten bis dahin, und die erwarten, dass …«

»Sie brauchen meinetwegen nicht hierzubleiben.«

Er zögerte eine Sekunde lang, dann gab er nach. Mit einem unbeholfenen »Man sieht sich« ging er zum Aufzug.

Ich saß benommen da, bis sich auf dem Gang Schritte und Stimmen näherten. Ich flüchtete in den Toilettenraum und kümmerte mich um mein grässliches Aussehen, dann verließ ich das Gebäude, um frische Luft zu schnappen, und sah den Pendlern zu, die wie Ameisen zu ihrem Bestimmungsort eilten. Mein Handy vibrierte, aber ich hatte nicht die Energie, mich weiteren Glückwünschen von Archies Freunden oder Verwandten zu stellen. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Panikattacke gehabt. Ich schaltete das Gerät aus. Durfte nicht riskieren, eine zweite auszulösen.

Nachdem ich die vergangene Stunde in die dunkelsten Tiefen meines Gedächtnisses verbannt hatte, ging ich durch unser kleines Büro und wünschte allen einen guten Morgen. Ich lächelte und tat, als gäbe es den brennenden Schmerz in meinem Magen nicht. Aber als ich mich an meinen Schreibtisch setzte, wo ein Berg von Arbeit mit zeitnahen Abgabeterminen und langweilige Kreativ-Briefings auf mich warteten, konnte ich nicht aufhören, auf den Störenfried an meiner linken Hand zu starren, auf diesen Ring, von dessen Gegenwert eine vierköpfige Familie ein Jahr lang leben könnte.

Ich dachte daran, dass Diamanten durch ungeheuren Druck entstanden.

Doch das tröstete mich auch nicht wirklich.

3

Archie holte mich um fünf von der Arbeit ab und hielt mir die Tür seines noblen weißen Range Rover auf. Er sah ungeheuer glücklich aus, und ich wäre am liebsten zurück ins Büro gerannt und hätte mich im Materialschrank versteckt.

»Hi, Baby.« Er schmatzte mir einen feuchten Kuss auf die Wange. »Oder soll ich sagen, hi, Verlobte?«

Plötzlich waren die Schmerzen wieder da. Ich hatte sie den größten Teil des Tages unterdrücken können, indem ich den Ring im Stiftebecher liegen ließ, mein Körpergewicht in Zucker zu mir nahm und so laut beruhigende klassische Musik hörte, dass mir die Trommelfelle wehtaten. Doch jetzt steckte der Ring wieder am Finger, und die Realität drohte mich umzuhauen. Ich hielt mich an ihm fest. Ich schmiegte die Wange an seine Schulter, schlang die Arme um seine schmale Taille und atmete den heimeligen Duft seines holzigen Rasierwassers ein. So konnte ich noch ein paar Minuten lang tun, als würde ich uns nicht alles verderben.

Wir fädelten uns stadtauswärts in den Verkehrsstrom ein, und Archie hob meine Hand, um seine Anschaffung zu bewundern. »Wie ist der Ring bei den anderen angekommen?«

»Toll.« Mein Lächeln war so kurz wie meine Lüge. Ich hatte ihn mit keinem Wort erwähnt. Meine Freunde bei Arrival hätten die Geschichte aufgesaugt, hätten gejubelt und geweint und im Firmennetzwerk einen Ordner für die Hochzeitsplanung eingerichtet. Und genau deshalb konnte ich ihnen die Sache nicht erzählen. Ich durfte sie nicht auch noch enttäuschen.

Archie drehte sich zu mir um und runzelte die Stirn. »Ist irgendwas?«

Die Gelegenheit, etwas zu sagen, tat sich auf, und ich versuchte, sie zu ergreifen, mir die Worte abzuringen, doch als ich ihm in die Augen sah, brachte ich es nicht fertig. Ich hätte ebenso gut einem Welpen eine geladene Pistole an die Schläfe drücken können. »Es war ein anstrengender Tag«, antwortete ich.

»Das kannst du laut sagen. Mein Telefon hat keinen Moment stillgestanden. Und ich genauso wenig. Mein Foto von uns hat über dreitausend Likes bekommen. Mein bestes Ergebnis.« Dreitausend Leute wussten von unserer Verlobung. Dreitausend Leute freuten sich darüber …

Archie schrie die gute Nachricht also von den Dächern, und ich hütete sie wie ein tödliches Geheimnis. Was zur Hölle war mit mir los?

»Dieses Wochenende«, erzählte er weiter, ohne etwas von dem Sturm zu ahnen, der sich in mir zusammenbraute, »wird es eine kleine Überraschung für dich geben, wenn wir ankommen. Mach ein verblüfftes Gesicht. Du weißt ja, wie gern meine Mum in die Vollen geht.«

Allerdings. Für seinen Geburtstag letzten Monat hatte sie ein ganzes Casino gemietet. Meine Schuldgefühle wurden immer schlimmer.

»Und morgen will ich voll in den Planungsmodus gehen.« Er hüpfte auf seinem Sitz. »Ich dachte, wir machen einen Spaziergang zu der Kirche, in der meine Eltern geheiratet haben. Ich habe deine Wanderschuhe eingepackt. Und hinterher gehen wir in den Pub am Fluss. Wir können dort ein Festzelt aufstellen lassen, auch wenn ich nicht glaube, dass es groß genug ist. Wir brauchen Platz für mindestens zweihundert Leute, und da sind die Abendgäste noch nicht eingerechnet.«

Im Wagen wurde es immer wärmer. Ich zog meine Jacke aus. Es half nicht. »Ziemlich heiß hier drinnen, oder?«

»Mir nicht.« Er nahm die Verzweiflung in meiner Stimme nicht wahr. »Und am Sonntag gibt es zur Feier des Tages eine Grillparty mit meinen Schulfreunden. Ich habe zuerst Nein gesagt, aber sie wollen den Junggesellenabschied planen. Prag oder Amsterdam. Ich bin schon voll aufgedreht. Meine letzte Gelegenheit, die Freiheit auszukosten.« Er stieß mir scherzhaft gegen den Arm.

Ich ließ das Fenster ein Stück herunter. Dichte Abgase schlugen mir ins Gesicht. Als Archie anfing, laut über das Farbschema und die Brautjungfernkleider nachzudenken (rot-weiß wie der FC Arsenal und Chiffon und Hochsteckfrisuren, die meinen wuscheligen Locken ähnelten), überlegte ich, aus dem fahrenden Wagen zu springen.

»Archie, ich muss dir etwas sagen.«

Er sah mich erwartungsvoll an. Ich senkte den Blick, damit ich seine braunen Augen, in die ich mich damals verliebt hatte, nicht sehen musste. Ich hatte ihm alles gegeben, aber dazu konnte ich mich nicht durchringen. Ich werde uns beiden das Herz brechen. Bitte, hass mich nicht dafür.

»Ich bin mir nicht so sicher … ob … ich … bereit …« Ich versuchte, meine schwankende Stimme in den Griff zu kriegen. »Ob ich … das …« Es kam kaum hörbar heraus. »… heiraten will.«

Er zog die Brauen zusammen. »Sag das noch mal.«

Ich holte noch einmal tief Luft. »Ich will nicht heiraten.«

Ich sah es ihm an, als der Satz zu ihm durchdrang. Eine Regung huschte über sein Gesicht, er kniff die Lippen zusammen, seine Augen wurden schmal. »Du willst mich nicht heiraten?«

Sein gekränkter Ton brannte in meiner Brust. »Es liegt nicht an dir, ehrlich. Nur an mir. Du weißt, dass mir vor der Ehe graut. Schon immer.«

Er schüttelte den Kopf, sein Gesicht wirkte angespannt. »Es liegt nicht an dir, sondern an mir? Kommst du mir wirklich damit?«

Ich neigte mich über die Mittelkonsole, legte beide Hände auf seinen Oberschenkel. Nach drei kurzen Sätzen hatte ich es schon verbockt. »Nein. Ich meine, ja. Aber das meinte ich nicht.« Ich fluchte innerlich, weil ich mich nicht besser vorbereitet hatte. »Ich bin nur total nervös. Ich hatte mir vorgenommen, nie zu heiraten. Das Ganze hat mich völlig unvorbereitet erwischt.«

Er schloss die Faust um das Lenkrad. »Das Ganze?! Du redest, als wäre das ein Todesurteil.« Er kaute auf der Unterlippe. »Du hast gesagt, du willst für immer mit mir zusammen sein. Ich wäre der Einzige. Sag mir, dass ich mir das nicht eingebildet habe.«

»Nein, ich habe das gesagt. Und ich habe es ernst gemeint.« In dem folgenden Schweigen ging ich tief in mich. Ich hasste es, das zu sagen, hasste es, mir das einzugestehen, aber die Wahrheit ließ sich nicht länger verleugnen. »Das bedeutet aber nicht, dass ich heiraten will. Ich will nicht, dass wir so werden wie meine Eltern. Ich will nicht so enden wie sie. Das kommt für mich nicht infrage.«

Meine Eltern hatten mir den Traum von der glücklichen Ehe nicht nur verdorben, sie hatten ihn vernichtet. Man sollte meinen, dass man im Erwachsenenalter besser mit der Scheidung seiner Eltern klarkommt, weil man die entsprechende Reife und Lebenserfahrung besitzt, weil man inzwischen begriffen hat, dass nicht jede Liebe ewig hält. Doch ich war nicht nur ein Scheidungskind, sondern meine Eltern betrachteten mich auch als Vermittlerin, als Schiedsrichterin bei ihren Zankereien und Grausamkeiten. Ich erlebte nicht nur mit, wie ihre Liebe einen langsamen Tod starb, sondern ich handelte auch das Ende ihrer Ehe aus.

Anstatt als Kind durch eine geschlossene Schlafzimmertür oder durch Kopfhörer und wummernde Musik abgeschirmt zu sein, stand ich mittendrin, war Zeuge ihrer bösen Blicke, hitzigen Streits, ihrer ständigen Ich liebe dich nicht mehr. Ich saß immer in der ersten Reihe. Für mich stand fest, dass ich das kein zweites Mal erleben wollte.

Es ist egal, ob man das mit sechs oder mit sechsundfünfzig erlebt. Wenn man weiß, dass die Eltern einander nicht mehr ertragen können, stirbt etwas in einem. Bei mir war es der Glaube an das Eheglück.

»Wir werden nicht wie sie, Kit«, widersprach er schnell. »Unter anderem weil wir uns lieben. Du vergleichst Äpfel mit Birnen.«

»Du glaubst, zwischen meinen Eltern war es immer so? War es nicht. Du solltest mal das Video von ihrer Hochzeit sehen. Sie sind nicht wiederzuerkennen, so glücklich waren sie. Mein Vater, der jeden Spektakel verabscheut, trug einen Anzug in einem grellen Hellblau, und meine Mutter tat, als schmeckte ihr der Obstkuchen, nur weil das sein Lieblingskuchen war. Ich habe ständig weinend im Bett gesessen, während sie sich nebenan gefetzt haben. Ich wünschte mir, sie wären wieder das glückliche Paar, ich hätte alles dafür gegeben. Doch dahin gab es kein Zurück. Das musste ich auf leidvolle Art begreifen.«

Darauf konnte er nichts erwidern. Sein Blick huschte von der Straße zu mir und wieder zurück, und dabei murmelte er: »Ich kann es nicht glauben.«

Davon abgesehen sagte er den Rest der Fahrt nichts mehr, und ich auch nicht. Ich hatte schon genug angerichtet.

Wir hielten vor dem Anwesen der Smithsons, einem riesigen viktorianischen Bau mit kreisrunder Auffahrt und Erkerfenstern so groß wie in einem Kaufhaus. Als er mich zum ersten Mal nach Hause mitbrachte, machte er mit mir die komplette Besichtigungstour und erzählte, dass seine Mutter alle Räume gestaltet hatte, von den importierten Holzböden bis zu den Gardinenstangen aus Messing. Dass in einem Safe im Arbeitszimmer ein Füller lag, der zu kostbar war, um ihn zu benutzen. Ich verschwieg ihm, dass das Geld seiner Familie für mich das Unattraktivste an ihm war. Ich hatte Glück, ihn zu haben, und natürlich schätzte ich seine Großzügigkeit – ich dankte ihm ständig. Doch während ich damit aufgewachsen war, Coupons auszuschneiden und beim Wocheneinkauf meiner Mutter den Taschenrechner zu halten, kannte Archie nur dieses verschwenderische Leben.

Etwas so Simples, wie mein schwer verdientes Geld für eine Taxifahrt auszugeben, machte mich nervös, wogegen Archie sich für seinen Wagen jedes Jahr ganz selbstverständlich ein Upgrade leistete, zum Beispiel Ledersitze, eine Metallic-Lackierung oder den neusten technischen Schnickschnack, den er nicht mal benutzte. Seine Familie war genauso. Für mich war Geld begrenzt, eine Pechsträhne jederzeit möglich. Für sie war es ihr Status, ein Anrecht. Die Smithsons mit ihren Designerklamotten und den Fernreisen strahlten die Überzeugung aus, dass Geld und Glück ein und dasselbe waren. Ich verriet keinem, dass ich seine Mutter bei meinem ersten Besuch im Badezimmer weinen sah.

Während wir parkten, stand Julia Smithson schon an der Haustür zwischen den beiden perfekt geschnittenen Hortensien. Sie hielt ein Glas Whiskey in ihrer manikürten Hand und schwenkte es in Archies Richtung, wie um zu sagen: Komm und hol es dir! Die andere Hand war leer. Für mich hatte sie nichts. Hinter ihr im Hausflur schwebten Luftballonherzen. Mir wurde flau.

Archie zog den Zündschlüssel ab. Er wartete ein paar Augenblicke, dann sprach er zur Windschutzscheibe und klang verzweifelt. »Ich will heiraten, Kit. Ich will eine Familie und eine Ehefrau. Ich will von der Arbeit nach Hause kommen, wo drei kleine Kinder auf mich warten, die mir mit ausgestreckten Armen entgegenrennen. Ich will mir ein Heim, ein Leben schaffen, auf das ich stolz sein kann. Ich will, was meine Eltern haben. Stabilität und Sicherheit. Ich will für meine Frau sorgen, sie mit Geschenken überhäufen, sie behandeln wie eine Königin. Ich will eine große Hochzeit, meine Liebe mit allen feiern, die ich kenne. Ich will das jetzt, und ich will es mit dir.«

»Und ich wünschte, ich könnte dir das geben. Aber ich weiß nicht, ob ich das kann.« Ich spürte, wie mein Herz zerbrach, und sah eine Träne auf meinen Schoß fallen. »Eine Heirat ändert alles. Das habe ich erlebt. Jeder denkt, der Hochzeitstag ist der Beginn eines glücklichen Lebens. Das ist er nicht. Mit dem Hochzeitstag beginnt die harte Arbeit. Es hat seinen Grund, warum über die Hälfte aller Ehen mit einer Scheidung endet, Archie …«

Seine Mutter klopfte an das Fahrerfenster. Wie immer im unpassendsten Moment. »Huhu!«

Archie hob den Zeigefinger. »Gib uns eine Minute.« Sie blickte mich stirnrunzelnd an und vermutete richtig, dass die unangebrachte Verzögerung meine Schuld war. Sie machte auf ihren teuren High Heels kehrt und stöckelte zur Haustür zurück.

Archie betrachtete den Verlobungsring. »Drinnen gibt es eine Überraschungsparty. Alle, die mir wichtig sind, warten darauf, uns zu gratulieren. Und du sagst, du willst das alles nicht?«

»Ich will dich, so wie es jetzt ist. Brauchen wir wirklich eine große schicke Hochzeit, um zu beweisen, dass wir uns lieben? Denk auch mal an das Geld, das wir sparen würden. Ich hab mich heute Morgen so aufgeregt, nachdem deine Mum mir das mit den Rosen und dem Reverend geschrieben hat, dass ich eine Panikattacke bekam. Es war schrecklich.«

Er ließ den Kopf hängen und starrte finster auf seine Hände. So aufgewühlt hatte ich ihn nur einmal erlebt, damals war sein Großvater gestorben. Er hielt sich krampfhaft am Pult aufrecht und brach mitten in der Trauerrede zusammen. Er fand mich unter den Trauergästen, wir sahen uns in die Augen, und irgendwie war es okay. Er setzte seine Rede fort und gab seinem Großvater einen beeindruckenden Abschied. Ich schaffte es immer, ihm über eine Situation hinwegzuhelfen, seinen Schmerz zu heilen. Doch diesmal fügte ich ihm Schmerz zu.

»Ich versuche, das zu verstehen, wirklich«, sagte er. »Unser Zusammenleben ist wunderbar. Du liebst das ruhige Leben genauso sehr wie ich, wir lachen über dieselben Witze, da ist Heiraten der logische Schritt. Außer …« Er musterte mich einen Moment lang zweifelnd, und im Schein der untergehenden Sonne, sah ich ein Glitzern in seinen Augenwinkeln. »Willst du eigentlich mit mir Schluss machen? Traust dich aber nicht und sagst deshalb all diese Dinge? Ist es das?«

»Nein!«

Er wischte eine Träne weg. Ich habe mich nie so sehr gehasst wie in dem Moment. »Vielleicht sollten wir Schluss machen. Ich dachte, wir sind auf einer Wellenlänge. Ich dachte, wir sind ein Team. Aber offenbar habe ich mich geirrt.«

»Archie …«

Ich sah die Wut in ihm aufsteigen, sein abschätziges Kopfschütteln, als er die Entscheidung fällte. »Wenn du nicht stark genug bist, es zu tun, dann tue ich es.« Er umfasste den Türgriff und drehte sich von mir weg. Er wollte mich verlassen, damit ich ihn nicht verließ. Ich war im Begriff, ihn zu verlieren. Nein, nein, nein. Ich bekam keine Luft, konnte nicht denken.

Ich hielt ihn am T-Shirt fest. »Gib mir Zeit!«, schrie ich. Er hielt inne, einen Fuß draußen, den anderen noch im Wagen. Verzweifelt redete ich weiter, mit heiserer, schwacher Stimme. »Gib mir Zeit bis zum Ende des Sommers, dann frag mich noch mal.«

Es kam mir vor wie eine Stunde, bis er sich endlich wieder umdrehte und sich in seinem Sitz zurücklehnte, um mich anzuhören. »Bis zum Ende des Sommers?«

Ich überlegte hastig und entwickelte den Vorschlag beim Reden. »Wir verbringen die nächsten drei Monate getrennt, ich ziehe aus, wir reden nicht miteinander. Ich werde alles Nötige tun, um meine Angst zu überwinden. Ich gehe zum Therapeuten, lasse mich hypnotisieren, werfe drei Münzen in einen Wunschbrunnen, was auch immer.«

»Eine Beziehungspause?« Er zuckte widerstrebend die Achseln. »Ich weiß nicht, Kit. Das kommt mir vor wie … ein Boxenstopp auf dem Weg zum endgültigen Bruch.«

Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und küsste ihn auf den Mund, sagte ihm mit meinem Körper, wie sehr ich ihn liebte, wie sehr ich ihn brauchte und dass ich absolut alles tun würde, um ihn zu behalten. »Ist es nicht. Ich will mit dir zusammen sein. Ich will dich heiraten wollen, wirklich. Aber ich brauche Zeit, um dahin zu kommen. Bitte, gib sie mir.« Es klang, als wäre ich mir sicher, dass es klappen würde. Woher ich die Überzeugung nahm, weiß ich nicht. Über zehn Jahre lang war ich fest entschlossen gewesen, niemals Ja zu sagen. Wie sollte ein langer Sommer daran etwas ändern? Doch das war die einzige Karte, die ich noch ausspielen konnte. Ich wollte Archie auf keinen Fall verlieren.

Er schloss die Augen, drückte seine nasse Wange an meine und dachte darüber nach. »Wenn du das brauchst, dann tue ich es.« Er küsste mich noch einmal. Ich hätte niemals erwartet, einen solchen Kuss von ihm zu bekommen: einen Abschiedskuss. »Waren wir jemals so lange getrennt?«, fragte er.

»Noch nie.« Die Nächte, die wir getrennt verbracht hatten, konnte ich an einer Hand abzählen. Unzertrennlich von Anfang an. »Ich weiß gar nicht, wer ich ohne dich bin. So kommt es mir vor.«

Er lachte spöttisch. »Vielleicht müssen wir das tun. Vielleicht tut uns das gut.«

»Ja«, sagte ich. »Und die Zeit wird im Nu vorbei sein. Drei Monate, um dann für immer zusammen zu sein.« In Wirklichkeit wollte ich das so sehr wie ein Loch im Kopf, aber ich tat, als sähe ich es optimistisch.

Archie lehnte sich zurück und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht, aber er konnte seine Gekränktheit damit nicht überspielen. »Also läuft es so: kein Kontakt, keiner muss sich rechtfertigen. Wir sind kein Paar. Was passiert, passiert. Und am 1.September treffen wir uns, und ich frage dich noch mal, ob du mich heiraten willst. Und dann sagst du Ja.«

Ich atmete einmal tief durch. »Dann sage ich Ja«, versprach ich. War das die beste Idee meines Lebens, oder hatte ich gerade ein Versprechen gegeben, das sich nicht halten ließ?

Meine Augen füllten sich mit Tränen. Mir gingen hundert Fragen durch den Kopf: Wo werde ich solange wohnen? Was, wenn wir uns über den Weg laufen? Was, wenn ich meine Meinung ändere, bevor die drei Monate um sind? Und was, wenn nicht? Doch bei Archies resolutem Gesichtsausdruck verkniff ich mir, etwas davon anzusprechen. Die Angst, dass es aus sein könnte zwischen uns, brachte mich fast um.

Als ich ihm den Ring zurückgab, küsste er mich auf die Stirn, dann stieg er aus. Er holte die Tasche, die er für mich gepackt hatte, aus dem Kofferraum und stellte sie mir vor die Füße. Er ließ Kopf und Schultern hängen, konnte mir kaum in die Augen sehen. »Ich, äh, ich sage drinnen Bescheid und fahre nach Hause. Schreib mir, wann du deine Sachen holen willst, damit ich dann nicht in der Wohnung bin.«

Ehe ich etwas dazu sagen konnte, ging er ins Haus und ließ mich in der Auffahrt stehen. Ich wusste nicht, wohin und wen ich anrufen könnte. Von drinnen hörte ich Jubel, der abrupt abbrach. Ich wartete nicht ab, wie seine Leute auf die Neuigkeit reagierten, dass ich ihrem geliebten Archie das Herz gebrochen hatte.

4

Mir wäre es wirklich lieber gewesen, er hätte mich noch zum Bahnhof gebracht, bevor wir mit der ganzen Kein-Kontakt-Sache anfingen. Da mein Konto so gut wie leer war und ich eine Fahrkarte, Miete und wahrscheinlich einen teuren Therapeuten würde bezahlen müssen, war eine Taxifahrt ein unerschwinglicher Luxus. Da war es gut, dass Archie meine Wanderstiefel eingepackt hatte. Als ich die acht Kilometer bis zum Bahnhof hinter mich gebracht hatte, zeigte mein Schrittzähler im Handy an, dass ich über achtzehntausend Schritte gelaufen war. Meine persönliche Bestleistung. Juchhu....Ende der Leseprobe