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Beschreibung

Das Leben meiner Großeltern: Was weiß ich darüber? Diese Frage wollte Wolfram Schneider-Lastin für sich und sein privates Umfeld beantworten. Doch es geschah Unerwartetes: Seine Familienerinnerungen waren für viele seiner Freundinnen und Freunde ein Anstoß, sich selbst zu erinnern und eigene Geschichten zu erzählen. Lange Zeit Verschüttetes kam zutage, zeithistorisch Spannendes, Berührendes, aber auch Schmerzhaftes. Die Idee – inzwischen zu einem Buch­projekt geworden – zog weitere Kreise und Wolfram Schneider-Lastin begann, gezielt auf Schriftstellerinnen und Schriftsteller zuzugehen und sie nach ihren Großeltern zu befragen. So ist eine vielfältige Sammlung von Erzählungen entstanden, in der sich das 20. Jahrhundert in seinen schrecklichen Facetten spiegelt, aber auch in Momenten von Glück. Die Spuren­suche der Enkelkinder führt quer durch die Schweiz, nach West- und Ostdeutschland, Österreich, Italien, Ungarn, Polen, Israel und Pakistan.

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EPUB
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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Wolfram Schneider-Lastin (Hg.)

Fragen hätte ich noch

Geschichten von unseren Großeltern

Herausgeber und Verlag danken folgenden

Institutionen für die finanzielle Unterstützung:

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für

Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre

2021 bis 2025 unterstützt.

© 2024 Rotpunktverlag, Zürich

www.rotpunktverlag.ch

Umschlagbild: Hannes Binder

Lektorat: Anina Barandun

Korrektorat: Lydia Zeller

eISBN 978-3-03973-046-9

1. Auflage 2024

Inhalt

Zu diesem Buch

ANDREAS KOSSERT »Ist es nicht herrlich, unser Lodz?«

ESTHER BANZ Ausgeschlossen

ALEX CAPUS Gefährliche Klippen, sichere Häfen

HELMUT PUFF Vom Nachleben

HANSPETER MÜLLER-DROSSAART für immer

CHRISTA PRAMESHUBER Die Krücken meines Großvaters

DANIELA ENGIST Die schwarze Braut

WOLFRAM SCHNEIDER-LASTIN Der Kobus

ZORA DEL BUONO Nonno Pietro

NELIO BIEDERMANN Das Gurkenglas

ROMANA GANZONI Mein Neni

VERENA DOLOVAI Bilder eines Sommers

GERRIT SCHNEIDER-LASTIN Meine Großmutter aus dem Westen

THOMAS SARBACHERMein Großvater und sein Enkel

ODED FLUSS Was zu beweisen war

WASEEM HUSSAIN Niwala

MARTIN KUNZ Ein Lebenskünstler?

ARIELA SARBACHERZ Großes Kino

ROSWITHA GASSMANN Zu Fuß nach Paris … wirklich?

HERRAD SCHENK Die Kunst des Lebens

GOTTFRIED HORNBERGERZ Ein Theologe in bewegten Zeiten

ALICE GRÜNFELDERZ Elis, wohin willst du?

FABIO ANDINA Die Entscheidung meines Großvaters

SABINE BIERICH Die geheimnisvolle Tür im Haus meines Großvaters

RUTH WERFELZ Ein Familienleben aus Bildern

KLEMENS RENOLDNER Am Kap der Guten Hoffnung

MARKUS KNAPP I could have done more

CHRISTIAN RUCH Hitlers Hand

ANDRÉ SEIDENBERG Das Cello meines Großvaters

ANKE WINTER Der Großvater, an den ich mich nicht mehr erinnern wollte

Zu diesem Buch

Am Anfang stand der Corona-Lockdown. In dieser Zeit des erzwungenen Stillstands begann ich, die Geschichte meiner süddeutschen Großväter aufzuschreiben. Ich wollte ihr bewegtes Leben, vor allem während des Nationalsozialismus, festhalten und das Erinnerte innerhalb der Familie weitergeben. Der Gedanke an eine Publikation lag mir fern. Die niedergeschriebene Geschichte meines Großvaters mütterlicherseits habe ich anschließend an einige Freunde und mir nahestehende Bekannte geschickt.

Da geschah etwas völlig Unerwartetes. Der Text wirkte bei den Adressatinnen und Adressaten wie ein Auslöser, sich ihrerseits zu erinnern, und sie erzählten mir, unaufgefordert und spontan, von ihren eigenen Großvätern und Großmüttern. Es war, als träfe meine Geschichte einen Nerv, als öffnete sie ein verschlossenes Ventil. Lange Verschüttetes kam zutage, Berührendes, historisch Interessantes, aber auch Schmerzhaftes. Innerhalb kurzer Zeit entstand die Idee, diese Geschichten über die »vorletzte Generation« zu sammeln und zu publizieren. Ich fragte gezielt Schriftstellerinnen und Schriftsteller, aber auch Menschen aus anderen Berufen an, ob sie sich an diesem Projekt beteiligen wollten – und die meisten haben begeistert zugesagt. Der Stein, den ich ins Wasser geworfen hatte, schlug Wellen. Selbst Menschen, die durch andere von dem Projekt erfuhren, fragten mich von sich aus an, ob sie ihre Geschichte beisteuern dürften. Auf diese Weise kamen die dreißig Geschichten zusammen, die in diesem Buch versammelt sind.

Die Großväter und Großmütter, die im Mittelpunkt der Erzählungen stehen, lebten im 20. Jahrhundert mit all seinen Höhen und Tiefen. Und es zeigt sich, dass kaum eine der Geschichten ausschließlich privat sein kann, sondern dass die gesellschaftlichen Bedingungen und politischen Umstände immer in das private Leben hineinwirkten.

Das Verhältnis der erzählenden Enkelkinder zu ihren Großeltern ist ganz unterschiedlich, es reicht von Zuneigung und Verbundenheit über Bewunderung bis hin zu Ablehnung und Hass. Selbst wenn ein Enkel erst nach dem Tod des Großvaters oder der Großmutter geboren wurde oder diese nur als kleines Kind erlebt hat, wirkt das Leben der Großeltern bewusst oder unbewusst in der Enkelgeneration weiter.

Viele Geschichten sind Ausdruck des Versuchs, sich in fortgeschrittenem Alter zu erinnern beziehungsweise die noch vorhandenen eigenen und fremden Erinnerungen zusammenzutragen, ein Versuch, der nicht selten in Ernüchterung endet, im Bedauern, die Großeltern nicht über ihr Leben, ihre Erfahrungen und Erlebnisse befragt zu haben, solange das noch möglich war. In einigen Erzählungen ist auch vom Schweigen in der Familie die Rede, welches durch das Niederschreiben der Geschichte durchbrochen wird.

Die Autorinnen und Autoren kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da ihre Großeltern zum Teil aber in anderen Ländern lebten, finden sich im Buch auch Geschichten aus Italien, Frankreich, Polen, Tschechien, Ungarn, der Ukraine, Israel, Pakistan und der DDR. Und es zeigt sich, dass die Krisen des 20. Jahrhunderts, in erster Linie die beiden Weltkriege, der Holocaust, Flucht und Vertreibung, in den verschiedenen Ländern zu ganz unterschiedlichen Schicksalen führten.

Die Vielfalt des vorliegenden Buchs ergibt sich auch aus den unterschiedlichen Berufen der Autorinnen und Autoren. Viele von ihnen sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Daneben finden sich aber auch Schauspieler, Mediziner oder Menschen aus ganz anderen Kontexten. Die unterschiedlichen Herangehensweisen und Ausdrucksformen machen die Lektüre des Buchs, wie ich hoffe, abwechslungsreich und spannend.

Die Geschichten sind authentisch, persönlich und gehen unter die Haut. In einer Zeit der Geschichtsvergessenheit und tiefgreifender politischer Veränderungen tut Rückbesinnung not. Daher sind diese Erinnerungen, die in keinem Geschichtsbuch zu finden sind, wichtig und, wenn man so will, zeitlos aktuell.

Ich bin den Autorinnen und Autoren, die mir ihre Geschichten anvertraut haben, außerordentlich dankbar. Und ich danke sehr herzlich dem Rotpunktverlag Zürich, der an das Buch von Anfang an geglaubt und seine Entstehung nach besten Kräften unterstützt hat, vor allem der Verlagsleiterin Patrizia Grab und der Lektorin Anina Barandun. Dem bekannten Schweizer Illustrator Hannes Binder sei Dank für das gelungene Cover.

Zürich, im Sommer 2024

Wolfram Schneider-Lastin

Andreas Kossert»Ist es nicht herrlich, unser Lodz?«

Meine Großmutter Else passte nicht an diesen Ort. Stets schien sie am falschen Platz zu sein. Die westdeutsche Provinz, wohin sie die Wogen des 20. Jahrhunderts gespült hatten, blieb ihr fremd. Wie ein Schuh, der nicht passen wollte, war es nicht ihr Ort, nicht ihr Land und nicht ihre Zeit.

Meine Großmutter entstammte einer anderen Epoche. Vieles an ihr blieb unergründlich, geheimnisvoll, exotisch und furchtbar altmodisch. In ihrem Garten wuchsen seltsame Kräuter, zu denen Boretsch, Estragon, Liebstöckel und Unmengen Dill gehörten. Dill nutzte sie als kulinarische Allzweckwaffe, die sie schonungslos einsetzte. Und der Knoblauch unterschied sie endgültig von den deutschen Köchinnen. Ihre Küche kam nicht ohne Knoblauch aus, lange bevor er – so die Legende – dank den türkischen Gastarbeitern in den deutschen Kochtöpfen Einzug hielt. Dutzende von dicken, teils noch erdigen Knoblauchknollen hingen in ihrem Freisitz – so nannte sie die überdachte Terrasse – an Haken und Schnüren von den Holzbalken. Täglich kaute sie eine Knoblauchzehe, ihr Patentrezept für eine gesunde Lebensführung. Wenn wir in den Sommerferien bei ihr Urlaub machten, saß sie abends mit uns im Freisitz unter den Knoblauchbündeln. Dann hatte sie bereits ihr Tagwerk erledigt und war eigentlich schon bettfertig. Über ihrem Nachthemd trug sie einen hellblauen gesteppten Hausmantel mit Blumenmuster, der auf uns schrecklich altertümlich wirkte. Ihre silberne Haarpracht hatte Else für die Nacht mit einem Netz bedeckt, während ihre braun-glatte Haut dick mit Nivea eingecremt war. Sie schwor auf das Original mit dem weißen Schriftzug auf blauer Dose.

Das Erscheinungsbild meiner Großmutter entsprach kaum dem einer Land-Oma ihrer Generation, von denen viele Kittelschürze trugen und geduckt gingen. Else schien vom Schicksal nicht gebeugt, sondern schritt kerzengerade durchs Leben, ohne dass es künstlich wirkte. Sie war von kleiner Statur mit vollem Busen. Ihr dunkler, mediterraner Teint wurde durch ihre grünen Augen verstärkt. Mal strahlte sie, mal lächelte sie freundlich, aber gelegentlich blickte sie auch so streng, dass sie ihr Umfeld einschüchterte. Eine aus der Zeit gefallene Dame, die meistens ein Kostüm trug, manchmal moderne Hosen. Ihr Innerstes fremdelte mit dem Ort, an dem sie zu leben gezwungen war, das spürte jeder. Else kam aus der Großstadt. Gezwungenermaßen lebte sie nun in einem Dorf, doch im Herzen hielt sie der großen Stadt – ihrer Stadt – die Treue: Lodz.

Mit jedem Satz verriet sie sich. Ein merkwürdiges Deutsch. Manchmal fanden wir es ulkig, manchmal war es uns einfach peinlich. Seltsame Wörter kamen über ihre Lippen, die sie aus ihrer Vergangenheit mitgebracht hatte und mit tiefer Stimme klar und deutlich betonte. Ihr R rollte sie halsbrecherisch hart, sprach von Hiehnern und Kiehen, von der Tramwaj, von Gamaschen und Manchesterhosen, ein wenig war bei ihr a bissl, den Teekessel nannte sie czajnik. Die Enkel waren ihre wnuczki, Bonbons landrinkes – ich erinnere mich besonders an die polnischen Kuhbonbons, krówki, die an den Zähnen klebten –, das Finanzamt das urząd skarbowy. Else sprach das Amalgam einer multiethnischen Textilmetropole, die Mundart der deutschsprachigen Minderheit im polnischen Lodz, einen Dialekt, der gespeist war aus verschiedenen deutschen Mundarten, gespickt mit polnischen und jiddischen Wörtern.

Lodz, das polnische Manchester, wie manche die zweitgrößte Stadt Polens nannten, war ihr ganzer Stolz. Dorthin führten alle ihre Erzählungen. Bereits als Kind kannte ich die Straßen jener Stadt im fernen Osten, ohne je dort gewesen zu sein. Ihre Namen klangen wie Musik in meinen Ohren. Ausgangspunkt war stets die schnurgerade Hauptstraße, die die Metropole von Süd nach Nord durchzog, die Piotrkowska, an deren Ende sich der imposante Freiheitsplatz – Plac Wolności – mit Rathaus und evangelischer Trinitatiskirche anschloss. Den großen Markt im weitgehend jüdisch geprägten Bałuty, den Bałucki Rynek, den Else Bazares nannte, stellte ich mir wie einen orientalischen Souk vor. Noch vertrauter klangen die Namen jener Orte, an denen sie aufgewachsen war. Sie rezitierte die Straßennamen wie ein Lied … Aleksandrowska, Zgierska, Sierakowskiego. Zum Hintergrundrauschen meiner Kindheit gehörten die Stadtteile Żubardz, Bałuty, Radogoscz, Żabieniec … Wie im Schlaf konnte ich alle Namen aussprechen, ohne damals auch nur ein Wort Polnisch zu beherrschen. Nirgendwo auf der Welt gab es für Else einen vergleichbaren Ort. Jener Mikrokosmos in der mittelpolnischen Tiefebene blieb ihr mentales Koordinatensystem, obwohl er unerreichbar geworden war.

Else war ein Kind des späten Zarenreichs, als Lodz am westlichen Ende des russischen Imperiums lag. Ihre Eltern waren wohlhabend, zu ihrem Vermögen zählten Mietshäuser und Baugrundstücke. Früh erfuhr ich von den Textilmagnaten, die einst den Wohlstand von Lodz begründet hatten und deren Fabriken die Stadt prägten, hörte von Scheibler & Grohmann, von Buhle, von Poznański. In Lodz tickten die Uhren anders. Die Fabriksirenen gaben den Tagesablauf an, was anderswo die Kirchenglocken taten. Die Lodzer Fabriken verfügten über unterschiedliche Signaltöne, damit die Arbeiter sie ihrem Arbeitgeber zuordnen konnten. Else erzählte vom jüdischen Lodz, von ihren Spielfreundinnen Ester und Hannele, dem Nachbarn Kraut Mojsze, vom Laubhüttenfest Sukkot mit den eigens zum Fest errichteten Zelten auf Straßen und in Hinterhöfen, von Mazze und Pessach. Von ihren polnischen Nachbarn, von festlichen katholischen Prozessionen, von Pan Artur, Pani Borkowska, von Marysia und Tosia. Von Besuchen im feinen Grand Hotel schwärmte Else ebenso wie von den Einladungen bei ihrer geliebten Tante Meissnern, die sie in ihrer prachtvollen Stadtwohnung mit Bergen von Kuchen verwöhnte. Von der Armut der Mietshäuser, in denen Arbeiterfamilien mit vielen Kindern auf engstem Raum lebten und wo noch ein Handwebstuhl in den dunklen Wohnstuben stand. Elses Erzählungen waren so eindrücklich, dass ich die Geräusche der Hinterhöfe, das Kindergeschrei und das Klappern der Weberschiffchen zu hören glaubte.

Als junge Frau erlebte sie glückliche Jahre in der Zweiten Polnischen Republik. Doch der 1. September 1939 veränderte alles. Vom ersten Tag an war der Zweite Weltkrieg für Else kein fernes Geschehen. Das Grauen fand buchstäblich vor ihrer eigenen Haustür statt. Die deutschen Besatzer hatten Elses Heimatstadt zur Zentrale für Deportationen und Massenmord erkoren. Bereits 1940 errichteten sie unweit von Elses Wohnung das erste Getto für die jüdische Bevölkerung. Aus Lodz machten die Nazis Litzmannstadt. Es sollte Symbol für unvorstellbare Verbrechen werden.

Als Lodz am 19. Januar 1945 befreit wurde, stand Else als Deutsche auf der Seite der Geächteten. Aus ihrem Haus gejagt, war sie mit ihren Kindern – sieben und drei Jahre alt – und ihrer Mutter obdachlos. Dann wurden alle einheimischen Deutschen inhaftiert. Else kam in ein sowjetisches Arbeitslager. Ihre größte Sorge galt ihren Kindern, von denen sie im Lager getrennt war. Die Kleinen überlebten, indem sie von sowjetischen Soldaten Essenreste erbettelten. Was Else im Lager erlebte, behielt sie für sich. Nur manchmal deutete sie an, dass sich viele internierte Frauen das Leben nahmen. Doch Else gab nicht auf, unermüdlich kämpfte sie für ihre Familie. Nach gut einem Jahr nutzte Else ihre russischen Sprachkenntnisse, um auf abenteuerliche Weise aus dem Lager zu entkommen. Auf einem sowjetischen Militär-LKW floh sie mit ihren Kindern und ihrer Mutter quer durch Polen. Mehr als zwei Jahre einer Odyssee lagen hinter ihr, als sie 1947 über das Rote Kreuz erfuhr, dass ihr Mann, mein Großvater Paul, den Krieg überlebt hatte.

Höchste Zeit, endlich von Paul zu erzählen. Er war zu diesem Zeitpunkt aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden und schlug sich als Knecht bei einem Bauern durch. Zuvor war Paul Soldat in der polnischen Armee gewesen, hatte 1939 gegen die Deutschen gekämpft und war in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Später galt er als »Volksdeutscher« und musste in eine neue – die deutsche – Uniform schlüpfen. Zwei Uniformen, in einem Krieg.

Wie Else war auch Paul noch im Zarenreich geboren, doch eigentlich waren beide mit Leib und Seele Kinder der Zweiten Polnischen Republik, die 1918 das geschundene Land wiedererstehen ließ. Beide sprachen fließend Russisch, aber Polnisch – das war ihre Sprache. Wenn sie miteinander Polnisch redeten, erlebten wir bei Else und Paul eine seltsame Verwandlung. Plötzlich waren sie ganz andere Persönlichkeiten. Solange mein Großvater lebte, war Polnisch allgegenwärtig, vor allem dann, wenn wir etwas nicht verstehen sollten. Auf Polnisch kam selbst der ansonsten wortkarge Paul in Plauderlaune. Wenn die weit verstreut lebenden Verwandten, die Tanten Tabea, Olga, Genia, Lydia, Wanda und Leokadia oder die Onkel Roman, Ludwik und Zenon auf Besuch kamen, dominierte der weiche Klang der polnischen Sprache, schienen alle lebendiger, authentischer und um vieles gelöster. Meine Großeltern sangen mit mir die Nationalhymne Noch ist Polen nicht verloren – Jeszcze Polska nie zgineła, die ich irgendwann auswendig und fehlerfrei singen konnte. Im Esszimmer sangen wir gemeinsam, Else und Paul hatten stets Tränen in den Augen. Beide waren völlig unmusikalisch, vor allem Else sang schief, aber deutlich hörbar, wofür sie insbesondere am Heiligabend berüchtigt war. Das fehlende Talent tat ihrer Leidenschaft für das polnische Liedgut aber keinen Abbruch.

Nachdem sie sich zwei Jahre nach Kriegsende wiedergefunden hatten, lebten Else und Paul still und unauffällig, blieben unter sich. An ihrer urbanen Prägung hielten sie jedoch beharrlich fest. In dem kleinen Ort besaßen sie nach dem Tierarzt den zweiten Telefonanschluss, 1951 folgte das erste Auto, das dreirädrige Fabrikat Tempo, das im Winter mit Backsteinen geheizt wurde. Schließlich bauten sie, weil sie vorankommen wollten, ein Siedlungshaus am Ortsrand, wo die Gemeindeverwaltung den »Pollacken« Flächen zugewiesen hatte, um ihre einförmigen Neubauten errichten zu können. In dieser Siedlung lebten allesamt Entwurzelte, und sie sprachen alle ein altertümliches Deutsch. Manche Frauen trugen tief ins Gesicht gezogene Kopftücher. Von Urlauben habe ich nichts gehört, die Gartenpflichten hätten es ohnehin nicht gestattet. Vielleicht ein Tagesausflug mit dem Reichsbund, dem Roten Kreuz oder der Kirchengemeinde. Allen Bewohnern war gemeinsam, dass sie keine Gräber hatten. Sie kamen als deutsche Fremde in einem fremden Deutschland an. Und sie hatten nicht nur ihre Gräber zurücklassen müssen, sondern ihr ganzes gelebtes Leben.

Else und Paul lebten für ihre Kinder und Enkel, aber irgendwie blieben sie in sich eingekapselt. Heute frage ich mich, warum sie nicht noch einmal einen Neuanfang in einer Großstadt wagten. Vermutlich fehlte ihnen die Kraft. Stadtmenschen im Exil, so kamen sie mir vor. Anders als andere Deutsche ihrer Generation erzählten sie von den deutschen Verbrechen während des Krieges. Else berichtete von der katholischen Herz-Jesu-Kirche in der Altstadt von Lodz, die von den deutschen Behörden als Pferdestall entweiht wurde. Noch heute höre ich ihre eindringlichen Worte, wenn sie sich über diese unvorstellbare Gotteslästerung empörte. Doch ihre Geschichten passten nicht, waren nicht willkommen. Etwa die von Zosia, dem polnischen Kindermädchen, das Elses weinenden Sohn im Kinderwagen auf Polnisch tröstete, als ein vorbeikommender deutscher Soldat sie auf offener Straße ohrfeigte und den Kinderwagen umstieß. Else hatte die Transporte ins Vernichtungslager Chełmno gesehen. Anders als viele Deutsche im »Reich«, wie sie sagte, hatte sie einiges gesehen und davon berichtet. Für ihre polnischen Nachbarn, deren Sohn im KZ Dachau inhaftiert war, führte sie die Korrespondenz ins Lager. Über den Verlust ihrer Heimat jammerte Else nie, weil sie wusste, wie alles angefangen hatte.

Bis zu ihrem Tod war Else mit keinem Menschen per Du, außer mit ihren nächsten Verwandten. Ausnahmslos. Und dabei blieb es. Jahrzehntelange Nachbarschaften pflegte sie, man besuchte sich auf ein Schwätzchen, auch zum Kaffee, aber stets blieb es beim Sie. Uns Enkeln war das mitunter peinlich, weil unsere Großeltern aus der Reihe tanzten und immer auffielen. Meine Großmutter blieb eine strikte Gegnerin des inflationären Du. Każdy furman będzie mi tykać?, sagte sie einmal entgeistert über die ihrer Meinung nach grassierende Duzerei, was so viel bedeutet wie: »Soll ich mich von Hinz und Kunz duzen lassen?« Mit Else war das nicht zu machen.

Nach Pauls Tod blieben Else noch einige Jahre. Wir sprachen immer häufiger Polnisch miteinander, sie half mir bei meinem Polnisch-Studium. Dabei merkte ich, wie wunderbar ihr Polnisch war, wie mühelos sie komplizierte Sachverhalte ausdrücken konnte, die ihr im Deutschen häufig Mühe bereiteten. Else sprach ein etwas altertümliches, aber einwandfreies Hochpolnisch. Patriotische Gedichte, Abzählreime und Lieder flossen unaufhörlich aus ihr heraus. Litwo! Ojczyzno moja! Litauen, meine Heimat! kannte sie in- und auswendig. Vor allem das Nationalepos von Adam Mickiewicz hatte es ihr angetan. Als sie starb, lag eine Taschenbuchausgabe davon, die ich ihr einmal aus Polen mitgebracht hatte, auf ihrem Nachttisch. Die ersten Seiten von Pan Tadeusz konnte Else auch dann noch mühelos rezitieren, als sie bereits dement war. Polnisch blieb die Sprache ihres Herzens.

Als Else längst in einem Pflegeheim lebte, verfügte sie zunächst noch über erstaunliche körperliche Kräfte. Regelmäßig lief sie aus dem Heim davon. Eine Zeit lang sehr regelmäßig, was Heimpersonal wie Familie jedes Mal in helle Aufregung versetzte. In Pantoffeln und Bademantel war Else dann unterwegs auf Waldwegen, Land- und Bundesstraßen. Einmal fand man sie auf einer Autobahnauffahrt. Obwohl sie keine Orientierung hatte, obwohl sie nicht wusste, wo oder wer sie war, fand die Polizei Else immer nur in einer Himmelsrichtung – immer Richtung Osten. Else wollte nach Hause, zu ihrer Mama, erzählte sie den Polizeibeamten. Dann, kurz vor ihrem Tod, hörte sie plötzlich auf, Deutsch zu sprechen. Ein Funkspruch der örtlichen Polizei bei der Suche nach Else lautete: »Sie spricht nur Polnisch.«

Als ich sie kurz vor ihrem Tod besuchte, gingen wir gemeinsam in die italienische Eisdiele Venezia, umgeben von Fachwerkhäusern, Renaissance-Rathaus und gotischer Stadtkirche. Genüsslich löffelte Else ihren gemischten Eisbecher, ihre glatte Haut glänzte in der Frühlingssonne. Lächelnd richtete sie ihren Blick zunächst auf mich und dann auf jene Sehenswürdigkeiten, zeigte auf das imposante Fachwerk, auf Kirche und Rathaus. Dann fragte sie voller Stolz: »Ist es nicht herrlich, unser Lodz? Hier unsere Piotrkowska-Straße, dort unsere Trinitatiskirche, dahinter unser Plac Wolności.« Sie schien glückselig. Else war zu Hause – und ich hoffe inständig, dass diese Gewissheit in ihr wohnte, als sie wenige Tage später starb.

Esther BanzAusgeschlossen

Es ist der 30. August 2013. Ich sitze mit meiner Mutter in einem Regionalzug Richtung Erstfeld. Obwohl noch nicht Mittag, ist es bereits drückend heiß im Waggon, in dem wir als Einzige Platz genommen haben. Wir schauen aus dem Fenster, auf das Türkis und Dunkelblau des von hohen Bergen umgebenen Urnersees, auf den Glitzer, der auf der Oberfläche des klaren Wassers tanzt, und wir staunen darüber, wie deutlich sich die Flanken und Spitzen im Wasser spiegeln. »Das ist der Oberbauenstock«, sagt meine Mutter, »dort hinten, der Fulen.« Sie kennt auch die Täler, Böden und Sattel dazwischen. Es war mir immer schon schleierhaft, wie sie sich all diese Namen merken konnte. Ich komme aber nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn sie ruft: »Da! Lueg, schnäll! Da isch dis Großmami uf d Wält cho!«

Unser Zug hatte kurz am Bahnhof Flüelen, Kanton Uri, gehalten. Jetzt fährt er langsam weiter, und was ich dem Zeigefinger meiner Mutter folgend sehe, ist ein stattliches Gebäude. Als Erstes fallen mir die gelb-schwarz gestrichenen Läden aus massivem Holz auf. Dann die dicken, uralten Steinmauern, schließlich der zweistöckige Aufbau mit weißem Verputz und vier Giebeln, obendrauf ein Türmchen. »Lustig«, sage ich, »ds Großmami, in diesem … was ist das überhaupt? Ein Turm? Ein altehrwürdiges Gemeindehaus? Ein Tell-Museum?« Tell wäre nicht ganz unpassend, immerhin befinden sich Tellsplatte und Tellskapelle in nächster Nähe. Aber meine Mutter entgegnet ganz nüchtern: »Ein Schloss.« Und sie kennt auch seinen Namen: »Rudenz.« Ich reagiere mit einem Lachen, vielleicht klingt es ein wenig spöttisch.

Es ist eben so: Von meiner Großmutter Anniette wusste ich damals nicht viel mehr, als dass sie in Luzern wohnte, 1979 gestorben ist und dass sie das wenige Geld, das sie hatte, gut einzuteilen wusste. Meine Mutter wird das von ihr gelernt haben. Ich war acht Jahre alt, als wir meine Großmutter zum letzten Mal besuchten. Ich erinnere mich an den Geruch von Schwarztee mit weißem Zucker und Milch. Und an ihre kurzen, runden, bestrumpften Beine. Und die Fußgelenke, die faltig in engen, aber immerhin weichen Hausschuhen steckten. Ich erinnere mich an eine sitzende Frau, die lieb und sanft zu mir war, mit der ich aber kaum je alleine Zeit verbracht hatte. Sie war zu alt, als ich noch zu klein war. Und sie war längst tot, als ich sie selbstständig hätte besuchen können. Ich erfuhr erst vor wenigen Jahren, dass sie in begüterten Verhältnissen aufgewachsen war. Und dass sie durch ihre Vermählung mit Franz Xaver Wiedemann, einem deutschen Einwanderer, automatisch ihr Schweizer Bürgerrecht verlor. »Heiratsregel« hieß das damals.

Wissen konnte ich das an jenem 30. August 2013 noch nicht. Das Buch der Historikerin Silke Margherita Redolfi über die Ausbürgerung von Schweizerinnen, die einen Ausländer heirateten, ist genau in jenem Jahr erschienen. Und niemand in der Familie meiner Mutter hat je erwähnt, dass das auch meine Großmutter betraf.

Der Arni-Stausee ist unser Ziel an diesem Tag. Ich stehe mit meiner Mutter bei der Talstation der Luftseilbahn an, die uns hochtragen soll. Die schmale rote Kabine schwebt heran und bald darauf mit uns in die Höhe. Es trennen uns keine fünf Meter mehr von der Bergstation, da zeigt meine Mutter mit ihrem Wanderstock bergwärts und sagt: »Dort, direkt am See, steht ein Ferienhaus, in dem ich als Kind manchen Sommer verbracht habe. Mein Großvater war ja einst für den Bau dieses Sees mitverantwortlich, habe ich dir das nie erzählt? Dass er Leiter des Elektrizitätswerks Altdorf war?« »Hast du nicht«, entgegne ich und verstehe selber nicht, warum das so gereizt klingt. »Ach so«, sagt sie nur, »er hat hier und dort einen Bau oder eine Elektrifizierung verantwortet, auch Zahnrad- und Straßenbahnen. Meine Mutter, also deine Großmutter, musste als Kind deshalb immer wieder umziehen, von der Innerschweiz nach Bern, von dort nach Zürich und davor oder danach – so genau weiß ich es nicht mehr – in den Kanton Glarus. Irgendwann ließen sie sich dann dauerhaft in Luzern nieder.«

Mir blieb Luzern stets fremd – ein Ort, der allein mit meiner Großmutter verbunden war. Dass zu ihr einst auch ein Mann gehörte, war mir nicht bewusst, ich hatte ihren Franz Xaver nie kennengelernt. Ich wusste einzig, dass er selbstständiger Schneidermeister war, ursprünglich aus Deutschland stammte und an dem Tag, an dem er sein Geschäft schloss, um in Pension zu gehen, im Bus einen tödlichen Herzinfarkt erlitt.

Es ist nicht weit von der Bergstation der Luftseilbahn bis zum See. Aber meine Mutter atmet an diesem Augusttag 2013 schon nach wenigen Schritten tief und schwer, die Hitze drückt. Sie setzt sich auf eine Bank und nimmt einen Schluck Wasser. »Morgen würde mein Vater 121 Jahre alt«, keucht sie. Dann schaut sie mich von der Seite an und sagt mit leiser, brüchiger Stimme: »Sie riefen uns ›Wiedemännli, Wiedemännli …‹« Ihre Stimme bricht ab, hastig gräbt sie in ihrem Hosensack nach dem Stofftaschentuch, das sie immer dabeihat.

Es ist um 1940 herum. Meine Großmutter Anniette, ihr Ehemann Franz Xaver Wiedemann und ihre Kinder wohnen in dem Mehrfamilienhaus, das sie kurz vor Kriegsausbruch vor allem mit geliehenem Geld hatten kaufen können. Es steht im Luzerner Wesemlin-Quartier. Die Kinder gehen zur Schule, die Familie kommt finanziell mehr schlecht als recht über die Runden. Franz Xaver hatte mit Kriegsbeginn seine Stelle als Herrenschneider bei einem angesehenen Modefachgeschäft verloren. Von einem Tag auf den anderen fehlte ein geregeltes Einkommen. »Die Deutschen haben sie natürlich als Erste entlassen«, wird mir eine Tante später einmal sagen. Damals gab es noch keine staatlich geregelte Arbeitslosenversicherung. Als Ausländer hatte Franz Xaver auch kein Anrecht auf Schweizer Sozialhilfe. Meine Großmutter, die durch ihre Heirat keine Schweizerin mehr, sondern nun ebenfalls Deutsche und von sozialer Absicherung ausgeschlossen war, genauso wenig. Vielleicht hatte sie sogar Angst davor, armengenössig zu werden. Damals verbannte man nicht wenige »Fremde«, wenn sie Kosten verursachten oder nicht so lebten, wie die Behörden sich das vorstellten. Unter ihnen auch Schweizerinnen, die wegen ihrer Heirat ausgebürgert worden waren.

Noch bevor meine Mutter und ihr Bruder als Kinder verstehen konnten, was los war, hörten und spürten sie es. Ein verbaler Angriff nur, aber er traf immer wieder, Tag für Tag. Es waren die Kinder im Quartier, die riefen. Ob sie sich das auch bei ihren Eltern getrauten, weiß meine Mutter nicht mehr.

Sie schnäuzt sich laut und lange. Dann rezitiert sie den Reim. »Er ging so«, sagt sie, holt Luft und setzt an, viel zu leise, als dass ich verstehen könnte. Sie nimmt einen neuen Anlauf. Und ich höre: »Wiedemännli, Wiedemännli, schiiiß …« Sie stoppt. Umklammert ihren Wanderstock. Holt wieder Luft, und dann ruft sie ihn beinahe, diesen Vers: »Wiedemännli, Wiedemännli, schiiiß is Pfännli, rüer din Dräck is Schwabeländli!« Und sie brüllt ihn noch einmal, schneller jetzt, roher, härter: »Wiedemännli! Wiedemännli! Schiiiß is Pfännli! Rüer din Dräck is Schwabeländli!«

Bitter ist das Schluchzen meiner Mutter, wie sie inmitten der prächtigen Berge zittrig dasitzt, mehr als siebzig Jahre, nachdem sie sich damit beschmutzen und beschämen lassen musste. Ich lege einen Arm um ihre Schultern, aber es entspannt sie nicht. Später werde ich Freundinnen erzählen, dass dies der erste innige Moment zwischen uns erwachsenen Frauen war, an den ich mich erinnern kann.

Vielleicht hätte meine Mutter an jenem Tag noch mehr erzählt, wenn diese eine Erinnerung sie nicht so überfallen und gequält hätte. Vielleicht hätte sie mir sogar von der tragischen Wende in der Geschichte meiner Großmutter erzählt. Aber sie war erschöpft. Sie wollte nach Hause. Ganz kurz zeigte sie mir noch das Ferienhaus ihrer Kindheit. Ich erkenne es auf einer Fotografie, die ich nach ihrem Tod entdecke, darauf abgebildet Anniette, die Tochter des Innerschweizer Stausee-Pioniers, damals selber noch ein Kind.

An einem Wintertag im Jahr 2019 besuche ich meine Mutter in der Kur. Sie war in den Jahren davor vergesslicher geworden – ich wollte endlich den Faden wieder aufnehmen, unser Arnisee-Ausflug war in den Jahren dazwischen nie mehr Thema gewesen, auch nicht ihr Zusammenbruch dort. Wir setzen uns in einen Aufenthaltsraum mit intensiv grüner Wandtapete. Sie wirkt aufgeregt. Wie oft hatte sie schon ausgerufen: »Ein Buch könnte ich schreiben!« Jetzt fragt sie mich: »Stellst du Fragen?« Ich erwidere: »Fang einfach an, wo immer du anfangen willst.«

Sie fängt in Deutschland an, wo sie selber nie gelebt hat: »Mein Vater stammte aus einer Bauernfamilie im Allgäu.« Zwischen den Kriegen war Franz Xaver als junger Schneider nach Luzern gekommen, ein Kriegsverwundeter. Im Ersten Weltkrieg hatte er einen Armdurchschuss erlitten. Die Versehrtheit war auch ein Glück, wie sich herausstellen sollte, denn sie bewahrte ihn davor, im Zweiten Weltkrieg erneut eingezogen zu werden. Er war längst in der Schweiz sesshaft, als er 1930 Anniette kennenlernte und sie 1931 heirateten. 1932 bekamen sie ihr erstes Kind, Irma. Meine Mutter.

Die grüne Tapete passt so gar nicht zu meiner Mutter und lenkt mich ab. Angestrengt konzentriere ich mich auf das, was sie erzählt. Denn jetzt kommt sie auf die Herkunft Anniettes zu sprechen: »Sie war aus ganz anderen Verhältnissen, wie ich dir ja schon erzählt habe. Ihre Mutter war eine Dahinden aus Weggis, in einer Chronik sind die Wurzeln unserer Familie bis ins 16. Jahrhundert dokumentiert.« Sie nestelt an ihrer Bluse herum, wie sie das so oft macht. »Erst nachdem die ›Heiratsregel‹ gelockert wurde, konnte sich meine Mutter wieder einbürgern lassen.«

Ich frage sie, was es für ihre Mutter und für sie selbst bedeutet habe, dass sie all die Jahre auf dem Papier Fremde im eigenen Land gewesen waren, und erst noch Deutsche während des Zweiten Weltkriegs. Sie schaut mich lange schweigend und mit kühlem Blick an. Dann sagt sie, als ob sie gedanklich ganz woanders wäre: »Es bedeutete nichts.« Wie, nichts? Ich bin perplex und setze zur nächsten Frage an, um mehr zu erfahren. Aber meine Mutter ist plötzlich sehr müde. Sie will sich schlafen legen, sofort. Ich begleite sie wortlos in ihr Zimmer und fahre nach Hause, nun selber müde und stumpf.

Es dauert ein paar Tage, bis die angeforderten digitalisierten Akten aus dem Bundesarchiv in meinem Postfach eintreffen. Kaum sind sie da, öffne ich die Dokumente zu meiner Mutter und ihren Geschwistern. Ich lese oben auf einem der Blätter, eingemittet: »Erleichterte Einbürgerung«. Der Stempel besagt, dass es sich um das Jahr 1953 handelt.

Auch meine Großmutter wollte sofort ihr Bürgerrecht zurückhaben, nachdem die frauenfeindliche »Heiratsregel« Ende 1952 endlich gemildert worden war. Die Entrechtung galt nur für Frauen – rund 85’000 Schweizerinnen, die vor 1953 einen Ausländer geheiratet hatten, waren davon betroffen. Was verloren diese Frauen alles? Und ihre Kinder?

Ich sehe in den Unterlagen, dass die Polizei Erkundigungen zum Leumund meiner Großeltern eingeholt und über ihre finanziellen Verhältnisse Buch geführt hatte. Ich lese von Betreibungen. Mir fällt wieder ein, was ich inzwischen im Buch von Silke Margherita Redolfi gelesen habe: dass die »Heiratsregel« auch dazu diente, missliebige Personen aus der Schweiz auszuweisen: »Halt machte dieses Vorgehen auch vor früheren Schweizerinnen nicht.« Selbst die Abschiebung von Kranken gehörte, so schreibt die Historikerin, »noch im Zweiten Weltkrieg zur Strategie der Vermeidung von Kosten«. Besonders schlimm traf die Ausbürgerung Schweizer Jüdinnen, die während des Kriegs im Ausland lebten. Die hiesigen Behörden retteten sie nicht vor der Verfolgung durch die Nazis.

Ich könnte die Geschichte hier beenden. Auch meine Mutter ist inzwischen tot. Aber wir leben in einer Zeit, in der grundrechtliche Errungenschaften wieder zu kippen drohen. Auch in diesem Land, das sich so gerne in seinen mythischen Heldengeschichten sonnt: in der widerständigen Freiheit eines schillerschen Tell – und im einenden Versprechen einer »humanitären Tradition«. Dieses Selbstverständnis wird von Generation zu Generation weitergegeben wie ein bedingungsloses Erbe. Das hat auch etwas Selbstgefälliges und macht vielleicht ein wenig stumpf gegenüber all jenen, die nicht dazu gehören dürfen, die man nicht teilhaben lässt.

Gerade als ich das umfangreiche Dokument wieder schließen will, fällt mir eine kleine Information auf. Als Geburtsort von Anna Josefina Maria Wiedemann, geborene von Rotz, lese ich: »Altdorf«. Meine Großmutter Anniette mag also als Kleinkind in jenem Schloss in Flüelen gehen und sprechen gelernt haben, dort geboren ist sie nicht. Ein Prinzessinnen-Märchen werde ich meinen Nachgeborenen also nicht erzählen können, wenn sie nach meiner Großmutter fragen – dafür eine wahre Geschichte.

Alex CapusGefährliche Klippen, sichere Häfen

Seltsam, wie ähnlich meine Großväter einander waren. Beide waren groß gewachsene und freundliche, aber schweigsame und in sich gekehrte Männer. Der eine rauchte Pfeife, der andere filterlose Parisiennes carrées. Beide trugen Anzug und Krawatte, ohne Hut gingen sie nicht aus dem Haus.

Mag sein, dass sie in ihrer Jugend anders und unterschiedlich gewesen waren; ich habe sie erst als alte Männer gekannt. Bei Tisch waren sie wortkarg, das Gespräch überließen sie den Frauen und Kindern. Als ich klein war, fand ich sie geheimnisvoll. Später neigte ich zu der Vermutung, dass ihre Schweigsamkeit weniger ein Zeichen von Tiefsinn war als vielmehr nur von Schweigsamkeit. Und Einsamkeit. Einsamkeit wohl vor allem.

Ihre Geburtsstätten liegen tausend Kilometer auseinander. Der eine ist 1900 in Guingamp in der Bretagne zur Welt gekommen, der andere 1899 in Seewen im Basler Hinterland. Soweit ich weiß, haben ihre Wege sich nur einmal für ein paar Stunden gekreuzt, anlässlich der Hochzeit meiner Eltern in Paris. Gestorben sind sie kurz nacheinander gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Langlebigkeit verdanken sie vermutlich günstigen Genen, gewiss auch eigener Tüchtigkeit und nicht zuletzt der Fürsorge ihrer Frauen. Hinzu kam biografisches Glück – eine glückliche Synchronisation ihrer Lebensläufe mit der Weltgeschichte, könnte man sagen, ohne die es meine Eltern, mich und meine Geschwister nie gegeben hätte. Und unsere Kinder und Kindeskinder auch nicht.