Franzi dreht durch - Viola Maybach - E-Book

Franzi dreht durch E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der neue Dr. Laurin – 55 –Franzi dreht durch

… und erfährt erst danach die ganze Wahrheit!

Viola Maybach

»Erledigt, Frau Aubacher«, sagte Leon Laurin, nachdem er seine hübsche junge Patientin gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft hatte. »Wann geht’s denn los mit dem so sehnlich erwarteten Urlaub?«

Franziska Aubacher strahlte ihn an. »Morgen. Ich bin schon richtig aufgeregt. Ehrlich, ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so auf einen Urlaub gefreut habe.«

»Dann wünsche ich Ihnen, dass er ein voller Erfolg wird und Sie sich gut erholen.«

»Oh, keine Sorge. Meine Freundin und ich werden jede Menge Spaß haben!«

Leon seufzte unwillkürlich, nachdem sie sich verabschiedet hatte. So jung und so unbekümmert waren Antonia und er auch einmal gewesen, vor beinahe zwanzig Jahren. Nicht zu fassen, wie schnell die Zeit vergangen war. Nun hatten sie vier Kinder im Teenageralter, Antonia arbeitete wieder als Kinderärztin, und er war immer noch in seinen beiden medizinischen Fachgebieten tätig, der Gynäkologie und der Chirurgie, aber er leitete außerdem die Kayser-Klinik im Münchner Südwesten – und alle drei Aufgaben erfüllte er gern und mit Leidenschaft. Er sah sich selbst als glücklichen Menschen an, aber jung und unbekümmert war er zweifellos nicht mehr, auch wenn man mit Mitte vierzig natürlich noch nicht alt war, schon gar nicht heutzutage.

Dennoch, die Begegnung mit Franziska Aubacher hatte ihn nicht nur nachdenklich, sondern auch ein wenig melancholisch gemacht. Mal wieder drei Wochen verreisen, auf sich zukommen lassen, was in diesen drei Wochen passieren würde, keine allzu weitreichenden Pläne machen, sich nicht um die Kinder sorgen oder um die Klinik – kurzum: Alles, was seinen Alltag ausmachte, für eine begrenzte Zeit hinter sich zu lassen, ja, das wäre schon schön. Er erinnerte sich kaum noch daran, wann er das letzte Mal diese Art von Urlaub gemacht hatte.

Natürlich waren sie mit den Kindern verreist, aber das war eigentlich noch stressiger als der Alltag zuhause gewesen. Er erinnerte sich an zwei Wochen an der Ostsee, wo sie ständig damit beschäftigt gewesen waren, eins der Kinder zu trösten oder aus dem zu tiefen Wasser zu fischen, Streit zu schlichten, Hunger zu stillen oder alle zusammen abzulenken von anderen Kindern, die etwas durften, was ihnen selbst verboten war …

Sie waren kaum zur Ruhe gekommen, vor allem Antonia nicht. Und natürlich hatte es – Urlaub hin oder her – immer wieder Anrufe aus München gegeben, die ihm beständig ein schlechtes Gewissen für sein langes Fortbleiben gemacht und also daran gehindert hatten, das zu tun, wozu der Urlaub eigentlich hätte dienen sollen: sich mal so richtig zu erholen.

Er musste lachen. So war das heute nicht mehr. Er hatte sich im Laufe der Jahre ein großartiges Team zusammengestellt, die Klinik würde eine gewisse Zeitlang auch ohne ihn funktionieren. Aber nun konnte Antonia nicht ohne weiteres weg, schließlich hatte sie sich nach langer Pause, in der sie nur für die Familie dagewesen war, mit einer eigenen Praxis selbstständig gemacht. Und die Kinder brauchten ihre Eltern, so kam es ihm zumindest vor, mehr denn je. Die Sorge um sie schien mit den Jahren eher größer zu werden. Früher war es um aufgeschlagene Knie und ›böse‹ andere Kinder gegangen, heute ging es um Lebensentscheidungen, die sich als richtig oder falsch erweisen konnten.

Konstantin, zum Beispiel, ihr Ältester – er war wenige Minuten vor seiner Zwillingsschwester Kaja auf die Welt gekommen – hatte sich entschieden, doch nicht Arzt zu werden, um einmal gemeinsam mit Kaja die Leitung der Kayser-Klinik zu übernehmen. Stattdessen hatte er sich für eine Laufbahn als Schauspieler entschieden. Das war ein harter Schlag für seine Eltern gewesen, die sich natürlich Sorgen machten, dass dem Jungen ein Leben voller Enttäuschungen und Niederlagen bevorstand, ein Leben in ständiger Existenzangst. Aber Konny hatte sich nicht beirren lassen, und Talent schien er zu haben, er hatte ja sogar schon seine erste Filmrolle gespielt und dafür fast ausschließlich hervorragende Kritiken erhalten.

Und Kaja, so begabt, hübsch und eigensinnig. Wie würde sie mit Niederlagen umgehen? Noch schien sie alle Schwierigkeiten spielend zu bewältigen, aber so würde es nicht bleiben. Um Kevin, seinen jüngeren Sohn, der jetzt dreizehn war, machte er sich am wenigsten Sorgen. Kevin war ein Junge der eine große Gelassenheit ausstrahlte, außerdem hatte er einen wunderbaren Humor. Er würde, dachte Leon, ­immer irgendwie durchkommen. Blieb noch Kyra, mit elf Jahren die Jüngste. Kyra war ein Mensch voller Mitgefühl. Sie pflegte verletzte Tiere und ergriff, wenn es Probleme gab, grundsätzlich Partei für die Schwächeren. Sie wirkte selbst zart, beinahe zerbrechlich, aber sie war stärker, als man glaubte, wenn man sie sah. Und sie hatte in Peter Stadler, einem hochbegabten Jungen in ihrer Klasse, einen wunderbaren Freund gefunden …

Leon schrak auf, als seine Sekretärin fragte, ob er bereit sei für die nächste Patientin. »Ja, natürlich«, sagte er und straffte sich.

Er schob seine Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf Jana Berlinger, die ihm von ihrer beginnenden Menopause und den damit einhergehenden Beschwerden erzählte.

*

»Bist du traurig?«, fragte Kyra Laurin.

Simon Daume, der der Familie den Haushalt führte, hielt in seiner Arbeit inne. Wie jeden Tag, wenn Kyra als Erste aus der Schule nach Hause kam, hatte er die übrige Arbeit bereits erledigt und war längst in der Küche mit den Vorbereitungen fürs Abendessen beschäftigt. Das musste später dann nur noch gewärmt werden. Er hackte gerade Knoblauch.

»Ja«, antwortete er. »Bin ich. Lisa ist nur ein Jahr älter als du, und sie geht für ein ganzes Jahr in die USA. Ich bin traurig, sie so lange nicht zu sehen, und ich habe Angst, dass es falsch ist, sie gehen zu lassen. Vielleicht ist es zu früh für sie. Du weißt, ich bin für sie verantwortlich.«

Kyra nickte, natürlich wusste sie das. Simon und seine beiden Schwestern Lili und Lisa waren Waisen, ihre Eltern waren innerhalb eines halben Jahres beide gestorben, vor drei Jahren. Simon war da gerade neunzehn gewesen. Sie hatte sich schon oft vorzustellen versucht, wie es wäre, wenn es ihre Eltern plötzlich nicht mehr gäbe, und Konstantin, Kaja, Kevin und sie allein zurechtkommen müssten. Es war ihr nicht gelungen. Die Vorstellung allein war schon so schrecklich, dass ihr immer ganz schlecht wurde, wenn der Gedanke sie nur streifte.

»Aber sie wollte es doch gern«, sagte sie. »Und eure Tante wollte es auch gern, weil Lisa sie so an eure Mutter erinnert – und deshalb wird sie schneller wieder gesund, wenn Lisa bei ihr ist. Das ist ein ziemlich guter Grund für die Reise, finde ich.«

Simon lächelte plötzlich. »Ich möchte mal wissen, wie du das machst«, sagte er.

»Was denn?«

»Wie du es schaffst, immer die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu finden.«

Kyra errötete, aber er konnte sehen, dass sie sich über seine Worte freute. Sie strich sich die dunklen Haare aus dem schmalen Gesicht. »Ich habe nur gesagt, was du mir selbst erzählt hast: Als Lili und Lisa in den Ferien in Amerika waren, ist es eurer Tante gleich viel besser gegangen. Vorher hatte sie einen Schlaganfall gehabt und konnte kaum noch gehen und sprechen, und dann ist so etwas wie ein Wunder geschehen. Und das lag daran, dass Lisa ganz so aussieht wie eure Mutter, als sie noch ein Kind war, und Lisa wollte von eurer Tante ganz viel von früher hören, weil sie ja erst neun war, als eure Mama gestorben ist.«

Simon wandte sich wieder dem Knoblauch zu. »Ja, so war das, und es stimmt außerdem, dass Lisa gerne ein Jahr zu unseren Verwandten ziehen will. Sie ist seit dem ersten Aufenthalt dort viel selbstbewusster geworden. Und es tut ihr gut, mit Tante Elisabeth zu reden, ich glaube, es hilft ihr, ihren eigenen Platz in der Welt zu finden.« Er lächelte Kyra an. »Du erinnerst mich manchmal an sie, weißt du?«

Kyra blieb ernst. »Ich glaube, du hilfst mir, meinen Platz in der Welt zu finden«, sagte sie. Aus dem Mund einer Elfjährigen klangen diese Worte zugleich komisch und rührend, aber sie meinte sie ernst, das sah er ihr an.

»Dir helfen viele Menschen dabei«, erwiderte er, nun ebenfalls ernst. »Deine Eltern, deine Geschwister, dein Freund Peter – du hast Glück, weißt du das?«

Sie nickte. »Ihr hattet nicht so viel Glück.«

»Nein, hatten wir nicht, aber jetzt geht es uns gut. Und dass wir unsere Verwandten in den USA wiedergefunden haben, war dann schon ein großes Glück – für uns und für sie.« Er holte tief Luft, als er das Brett mit dem Knoblauch von sich schob. »Ich hoffe, die Entscheidung, Lisa in die USA zu schicken, war richtig. Sie weiß jedenfalls, dass sie jederzeit zurückkommen kann, wenn sie es vor lauter Heimweh nicht mehr aushält.«

»Ihr werdet sie bestimmt vermissen, Lili und du«, sagte Kyra, »aber ihr könnt ja ganz oft mit ihr telefonieren.«

»Das werden wir auch tun, wir müssen nur immer den Zeitunterschied berücksichtigen. Denn wenn sie vielleicht gerade Heimweh hat und gern mit uns reden würde, liegen wir wahrscheinlich im Bett und schlafen noch – und umgekehrt. Aber das spielt sich sicher ein.«

Er nahm sich die Auberginen vor, die bereits gewaschen vor ihm lagen. Es sollte gefüllte Auberginen geben – für Kyra mit Gemüse-, für die anderen mit Hackfleischfüllung. Sie hielt bislang eisern an ihrem Entschluss fest, weder Fleisch noch Fisch zu essen, damit ihretwegen kein Tier mehr sterben musste. Er bewunderte sie für ihr Durchhaltevermögen. Die Familie unterstützte sie, alle aßen weniger Fleisch als früher, aber ganz darauf verzichten, wie Kyra, wollte sonst niemand. Vegan allerdings wollte auch Kyra nicht leben, dazu liebte sie Käse, Eier und Joghurt zu sehr.

Kyra trank ihren gemischten Obst- und Gemüsesaft, den er ihr jeden Tag zubereitete, aus. »Der war nicht so lecker wie gestern«, sagte sie. »Da war kein Obst drin, oder?«

»Doch, aber ich habe die Trauben weggelassen, deshalb war er weniger süß.«

»Ach so. Ich muss eine kurze Begebenheit aus dem Alltag auf Englisch schreiben, aber bis jetzt ist mir noch keine eingefallen. Weißt du eine?«

»Soll es eine wahre Begebenheit sein, oder kannst du auch eine erfinden?«

»Ich glaube, ich kann auch eine erfinden.«

»Müssen bestimmte Wörter darin vorkommen?«

Kyra schüttelte den Kopf. »Aber natürlich nur die, die wir schon kennen. Ich finde, das ist eine doofe Aufgabe.«

»Ich finde sie eigentlich ganz schön, und mir fällt sogar eine wahre Begebenheit ein, über die du schreiben könntest.«

»Welche denn?«

»Schreib von der Katze«, schlug Simon vor. »Von der verletzten Nachbarkatze, die du zusammen mit deinen Eltern gerettet hast und die seitdem noch öfter zu Besuch kommt als vorher.«

Kyras Augen leuchteten auf. »Das ist eine richtig gute Idee, Simon!«, rief sie.

»Sag ich doch.«

»Ich weiß sogar, was ›verletzt‹ auf Englisch heißt, das hatten wir schon.«

»Alle Wörter, die du nicht kennst, musst du umschreiben, das geht auch. Du könntest zur Not auch schreiben, dass die Katze krank war oder so …«

Kyra sprang auf. »Ich hole mir ein Blatt und schreibe die Geschichte zuerst mal vor«, sagte sie. »Das kann ich doch hier machen? Oder willst du Radio hören?«

»Nein, nein, ich freue mich, wenn ich Gesellschaft habe, das weißt du doch.«

Kyra verschwand und kehrte gleich darauf mit Papier und Bleistift zurück. »Ich nenne die Geschichte: ›A cat in our garden‹ – wie findest du das? ›Eine Katze in unserem Garten‹? Oder klingt das langweilig?«

»Überhaupt nicht!«, erklärte Simon mit Nachdruck.

Als er die Auberginen gefüllt und abgedeckt in den Kühlschrank gestellt hatte, war Kyra mit ihrer Geschichte fertig. Er hatte hin und wieder einen Gedanken oder auch ein englisches Wort dazu beigesteuert, aber im Großen und Ganzen hatte sie sie allein geschrieben. Sie war sogar länger geworden als gefordert. Kyra strahlte vor Stolz.

Es fiel Simon erst auf, als er auf dem Heimweg war, dass er tatsächlich in der letzten Stunde nicht ein einziges Mal an den bevorstehenden Abschied von seiner jüngsten Schwester gedacht hatte – dank Kyra.

*

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich mich freue!«, sagte Franziska Aubacher am nächsten Tag, griff nach der Hand ihrer Freundin ­Kristin Vollmer und drückte sie so fest, dass Kristin aufschrie. »Ich glaube, ich bin direkt verrückt vor Freude. Drei Wochen Gran Canaria! Sonne, Meer, gutes Essen, tanzen, ausgehen, sich amüsieren, lange schlafen …«

»Und hoffentlich ein paar nette Männer für einen schönen Ferienflirt kennenlernen«, setzte Kristin hinzu.

Sie sahen sich an und mussten beide lachen. Ja, sie waren fest entschlossen, ihren Urlaub von der ersten bis zur letzten Minute in vollen Zügen zu genießen. Seit zwei Stunden flogen sie nun schon Richtung Süden, bald würden sie die Hälfte der langen Strecke hinter sich gebracht haben. In etwas mehr als zwei Stunden würde ihr Flugzeug in Las Palmas landen. Der Kapitän hatte ihnen bereits mitgeteilt, dass das Wetter auf der größten kanarischen Insel allen Ansprüchen sonnenhungriger Nordeuropäer genügte: 30°, wolkenloser Himmel, ruhiges Meer. So war es seit Tagen, und die Vorhersagen verhießen: Eine Änderung war erst einmal nicht in Sicht. Höchstens etwas heißer konnte es noch werden.

Franziska und Kristin waren beide fünfundzwanzig Jahre alt, und sie arbeiteten beide in einer Hausverwaltungsfirma, wo sie gemeinsam das Büro managten. Sie waren gut, die Arbeit machte ihnen Spaß, und sie hatten nette Chefs und eine ebenfalls nette Chefin. Es gab immer sehr viel zu tun, aber das fanden sie besser, als im Büro zu sitzen und sich zu langweilen. Vielleicht würden sie sich später sogar einmal selbstständig machen, aber das war Zukunftsmusik. Vorerst gefiel es ihnen dort, wo sie waren, sehr gut. Überdies wussten sie natürlich, dass sie noch eine Menge zu lernen hatten.

Dass sie gleichzeitig Urlaub nehmen konnten, war unter den gegebenen Umständen nicht selbstverständlich gewesen, aber da im Sommer erfahrungsgemäß weniger zu tun war und da sich überdies eine Aushilfe, die öfter bei ihnen einsprang, wenn die Arbeit sie zu überwältigen drohte, bereit erklärt hatte, die drei Wochen zu überbrücken, hatten die Chefin und die beiden Chefs, wenn auch widerstrebend, zugestimmt.

»Aber das wird jetzt nicht zur Regel! Im Grund können wir nicht gleichzeitig auf euch beide verzichten, das ist euch hoffentlich klar?«