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Der Buchtitel lässt uns an starke Frauen denken und an ein Umdenken in der Gesellschaft. Liebe, Enttäuschung und der tägliche Versuch, sich zu behaupten, prägen viele Geschichten. Manche Situationen sind traurig, erstaunlich oder komisch, wie das Leben selbst. Frauen sind neugierig, reiselustig und reflektierend. Die Erzählungen beleuchten Kultur, menschliche Beziehungen und das soziale Zusammenleben und zeigen, wie individuell Frauen ihren Alltag erleben. Sie reagieren mit Mut, Zweifel oder einem Augenzwinkern. Stärke macht sie gleichzeitig verletzlich und echt. Geschichten von Frauenleben heute, mal lauter, mal leiser, mal zum Lachen. Inspiriert vom realen Leben und mit Fiktion verwoben.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Der Buchtitel lässt uns an starke Frauen denken, an ein Umdenken in der Gesellschaft und die Forderung danach. Unwürdige Behandlung ist stets präsent, in abgeschwächter oder geballter Form. Direkt und indirekt betroffen, erleben wir unseren Alltag individuell, bewerten Geschehnisse unterschiedlich, reagieren anders. Stärke macht uns gleichzeitig schwach und angreifbar. Auf die Frage, was uns als Frauen ausmacht, gibt es nicht nur eine Antwort. Das Buch ist vom realen Leben inspiriert, mit Fiktionalität angereichert. Geschichten von Frauen, mal lauter, mal leiser.
Carmen Gauger legt den Fokus auf zwischenmenschliche Geschichten und gesellschaftliche Themen. Für sie muss Kunst Mitteilung sein und zum Nachdenken anregen. Ihre Erfahrungen als individuelle Persönlichkeit, als Mutter, als Musik- und Deutschlehrerin, Chorleiterin und musikalisch-literarische Künstlerin verbindet sie in Romanen, Gedichten und Erzählungen. Mehr kann man auf Lesungen, bei musikalischliterarischen Programmen, in der Galerie der Familie Gauger und auf www.carmengauger.de erfahren.
„Frauen von heute warten nicht
auf das Wunderbare –
sie inszenieren ihre Wunder selbst.“
Katharine Hepburn
Lulu
Jessica
Carmen
Eva
Frau Stark
Katinka
Hilde
Marie
Monika
Astrid
Mechthild
Bettina
Erika
Rosalie
Silke
Ilona
Jule
Paula
Sie wusste nicht, was sie anziehen sollte. Auf alle Fälle wollte sie heute besonders jugendlich wirken. Sie schlüpfte in die schwarze Jeans, die schon ein bisschen ausgewaschen war. Das fliederfarbige Shirt und den dunkelblauen Blazer darüber. Den Amethyst ins rechte Ohr, die halblangen blonden Haare wüst toupiert. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Die Augen hatte sie stärker als sonst geschminkt. Schwarzer Mascara und violetter Lidschatten. Sie legte noch mal Wangenrouge auf. Mit den Wildlederboots war sie sieben Zentimeter größer. Sie würde beim Gas geben und Kuppeln auf die Absätze achten müssen.
Ihrem Mann drückte sie lieblos einen Schmatz auf die Wange. „Kann sein, dass wir noch irgendwo hingehen“, sagte sie.
„Amüsiert euch nur. Hauptsache, ihr findet danach irgendwo einen Platz. Heute ist Sonnabend.“ Es klang, als wäre er froh, mal seine Ruhe zu haben.
Bis in die Stadt hatte sie zwanzig Minuten zu fahren. Es würde keinen Stau geben, am Samstagabend. Den Wald hatte sie für sich allein. In den Dörfern waren die Bürgersteige hochgeklappt. Um die Zeit hockten die meisten mit ihrem Bier schon vor dem Fernseher. Aus den Fenstern drang bläuliches Licht. Am Himmel dekorierte das Abendrot seine Farben. Von rosa über rot und lila bis zum Blau. Was für ein Schauspiel!
Als sie am Hintereingang des Theaters vorbeifuhr, stand er schon da. Er sah gut aus. Sie hupte und er hob kurz den Arm. Sie bekam einen trockenen Mund.
Mensch, warum bist du denn aufgeregt?, fragte sie sich. Sie bog um die Kurve und versuchte, zwischen den Häuserzeilen einen Parkplatz zu finden. Ziemlich am Ende der schmalen Straße bugsierte sie ihren Suzuki in eine Lücke.
Sie beeilte sich. Wer weiß, wie lange er schon wartete. In Sichtnähe ging sie langsamer. Wesentlich größer als sie, den Kopf leicht nach vorn gebeugt, stand er lässig am Hintereingang und lächelte. Er begrüßte sie betont ungezwungen, verstummte aber gleich danach. Sie schwatzte drauflos.
Die menschenleeren Straßen, das Abendrot. Sie tauschten Belanglosigkeiten aus und betraten das Foyer. Er hatte ihr die Tür geöffnet. Ungewöhnlich heutzutage, dachte sie.
Ein Stehtisch war noch frei. Er brachte ihr ein Wasser, trank selbst jedoch nichts. Dass sie bemerkte, wie er sie musterte, verbarg sie. Als sich ihre Augen trafen, fühlten sich beide ertappt. Sie blickten sich um. Langsam füllte sich das Foyer.
Überwiegend ältere Herrschaften bevölkerten die niedrigen Bänke. Sie unterhielten sich leise. Eine Gruppe Jugendlicher studierte die Aushänge zum Spielplan. Einer von ihnen deutete auf ein schrilles Plakat und sagte etwas, was nicht bis zum Tisch der beiden drang. Die Jungen lachten laut und handelten sich strafende Blickte ein. Eine ältere Dame mit einer lila Strähne im grauen Haar schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Es kümmerte keinen, weder das Kopfschütteln, noch die auffällige Strähne.
Nach dem dritten Klingeln setzte sich der Besucherstrom langsam in Bewegung. Über den Türen zum Saal waren auf Täfelchen die Nummern der Platzreihen zu lesen. Sie hatte sich mehrmals vergewissert, ob wirklich „Parkett links“ auf den Karten stand, „zweite Reihe, Platz 8 und 9“.
Links war wichtig. Die Platzanweiserinnen achteten streng darauf, dass man ihren Anweisungen folgte. Bei Zuwiderhandlungen wurde man sehr bestimmt abgewiesen und zurück auf die andere Seite des Foyers geschickt. Die musste man noch vorm Schließen der Türen erreicht haben, sonst hatte man das Nachsehen.
Einmal war sie in letzter Minute ins Theater gestürzt. Obwohl an der falschen Tür gelandet, hatte sie sich nicht abwimmeln lassen und war schnell durchgehuscht.
Diesmal war sie zwar rechtzeitig im Theater, auch auf der richtigen Seite, wollte aber die älteren Herrschaften vorlassen. Sie stolperte und er fing sie im letzten Moment auf. Beide lachten. Die Platzanweiserin guckte missbilligend.
Sie selbst strich ihren Blazer glatt, wobei er ihr half, und schlüpfte mit ihrem Begleiter als Letzte in den Saal. Er legte seine Hand auf ihren Rücken und schob sie leicht vorwärts. „Gleich geschafft.“ Sie lächelte dankbar.
Es war noch hell im Zuschauerraum. Jeder sah, dass sich die beiden an den bereits Sitzenden vorbeiquetschen mussten, Entschuldigungen murmelnd. Die engen hölzernen Klappsitze knarrten. Mit klopfendem Herzen und hochrotem Kopf setzte sie sich auf Platz 8. Er auf Platz 9. Als sie sich einsortiert hatten – letztes Flüstern, Rascheln und Husten abgeklungen waren – wurde es dunkel. Man hörte ein Handy aus einem Lautsprecher rechts oben an der Bühne klingeln. Eine Stimme folgte: „Guten Abend, liebe Gäste! Schalten Sie bitte Ihre Handys und Fotoapparate aus. Bild- oder Videomitschnitte sind nicht erlaubt. Wir wünschen Ihnen angenehme Unterhaltung.“
Platz 9 flüsterte: „Das müssen sie immer sagen. Nichts Neues.“ Als ob sie das nicht wüsste! Sie war mit Sicherheit öfter im Theater als er!
Sein Lächeln verdrängte die Spur von Unmut. Sie nickte.
Der Vorhang öffnete sich. Die auf der Bühne wie Statuen Sitzenden bewegten sich plötzlich. Sechs Meter vor ihnen geilte eine Vollbusige den vor ihr knienden Herrn auf. Sie zog ihn an ihre entblößte Brust und lachte aufreizend, als er keuchend unverständliche Worte ausstieß. Auf Sitz 8 in der zweiten Reihe entstand Irritation. Zusätzlich Gemurmel im Zuschauerraum.
Aus den Tiefen der Kulissen trat ein Tierbändiger in die Szene, eine halbnackte Frau peitschend, die sich an seinem Geschlecht rieb: „Hereinspaziert in die Menagerie, / Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslustʼgen Frauen, / Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen / Die unbeseelte Kreatur zu schauen, / Gebändigt durch das menschliche Genie.“
„Was soll das? Sauerei!“, rief jemand aus dem Publikum.
Auf Sitz 9 übertrug sich die Unruhe von Sitz 8. Sie flüsterte: „Ach Gott, ich bin nicht vorbereitet. Ich weiß gar nicht, worum es geht.“ Sie zog verlegen ihre Augenbrauen hoch. Was würde er von ihr denken? Gerade heute?
„Wir müssen das nicht unbedingt sehen. Wenn es nicht auszuhalten ist, gehen wir lieber.“
Sie nickte zustimmend. Er stand auf und zog sie amüsiert hoch.
„Hinsetzen oder ab durch die Mitte“, zischte einer auf Reihe vier. Die beiden verließen gebückt Reihe zwei. Kichernd huschten sie durch die Tür.
Im Foyer prusteten sie los. „Am besten, wir trinken noch was“, sagte er. Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, ging er voraus. Im Theatercafé war noch kein Betrieb. Sie ließen sich in die tiefen Samtsessel fallen, deren dunkles Weinrot auf der Sitzfläche und den Armlehnen bereits rosa schimmerte. Darüber verloren sie kein Wort, denn sie waren froh, überhaupt Platz gefunden zu haben. Das Café wurde stark frequentiert, besonders nach den Vorstellungen.
„Es ist mir peinlich, dass ich Lulu vorgeschlagen habe. Andere Stücke standen auch noch auf dem Spielplan“, sagte sie, wobei sie rot wurde. Sie zupfte verschämt an ihrem Shirt und achtete nervös auf den Lichtfall der Hängelampe. Im jugendlichen Gesicht ihres Gegenübers zeichnete der Lichtstrahl die wenigen Vertiefungen hart nach. Sie lehnte sich zurück. Diesem unbarmherzigen Licht wollte sie sich nicht aussetzen.
„Wenn die anderen vier aus der Zwölften nächstes Mal wieder Zeit haben, entscheiden wir gemeinsam, was wir uns anschauen“, sagte er entschlossen.
„Es war außerdem überhaupt nicht so schlimm gewesen, Frau Ranowski.“ Die Anrede holte sie in die Realität zurück.
Da trat die Serviererin an den Tisch, lächelte ihn an und fragte: „Sie sind wohl heute mal mit Ihrer Mutti da, Marcel?“
Es fing plötzlich an zu nieseln. Den Schirm hatte Jessica im Toyota gelassen. Das Smartphone auch. Sie fand die Hausnummer nicht. Wen sie auch fragte – jeder schickte sie woanders hin. Sie hatte doch vorhin noch auf das Navi geguckt! Das Gebäude musste ganz in der Nähe sein. Sie war spät dran. Und dann die Nässe von oben! Sie bedeckte ihren Kopf mit dem Shopper und versuchte aufgeregt die Straßenzeile nach der 13 abzusuchen. Da drüben, direkt gegenüber, stand groß und breit: AROUND THE LIFETIME. Das müsste die 13 sein.
Sie kam nicht über die Straße. Rush Hour. Ein Irrer verfolgte den anderen Irren. Das Schmutzwasser von der Straße spritzte weit. Nach links, zur Fußgängerampel, wollte sie nicht erst rennen. Also geradeaus in die Spur. Gehetzt riss Jessica die Tür auf. Ein Café? Die Serviererin hantierte am Tresen, obwohl niemand an den stylischen Tischen saß.
„Die neurochirurgische Praxis? Wo ist die?“
„Im dritten Stock. Kommen Sie. Durch diese Tür hier und dann im Flur in den Fahrstuhl.“
Jessica bedankte sich und verschwand im Aufzug. Unter der Maske wurde es warm und feucht. An der Rezeption der Praxis kicherten zwei junge Frauen, Mund und Nase vorschriftsmäßig bedeckt. Jessica wartete, leicht gestresst. Barmer-Karte, Überweisungsschein hin – Datenschutzinfo, Anamnesebogen her. In Deutschland schreibt man sich zu Tode, dachte sie, als sie alles gelesen und ausgefüllt hatte.
Im rundumlaufenden langen Flur tauchten mundgeschützte Patienten und Schwestern auf, die sofort wieder rechts und links in Behandlungsräumen verschwanden. Ein lässiger Typ – schwarzer Hoody und dunkle Jeans – gockelte selbstbewusst zwischen den jungen Frauen umher. Jessica verstand nicht, was er sagte. Sie öffnete das Fenster. Die Dame rechts von ihr nickte. Tolle Pumps, dachte Jessica, passend zum feinen Mäntelchen! Am Montag hatte sie das gleiche Modell anprobiert. Fuchs & Schmidt – teure Eleganz. Leider war Jessicas Größe nicht mehr vorrätig gewesen.
Nachdem sie den Schreibkram abgegeben hatte, wies man sie ins zweite Wartezimmer. Dort saßen mehrere Patienten. Diesmal steuerte Jessica gleich aufs Fenster zu. Keiner sagte was, als sie es sperrangelweit aufriss. Die feuchte, kalte Oktoberluft war sogar unter der Maske zu spüren. Kaum saß sie, wurde sie aufgefordert, ins Behandlungszimmer zwei zu gehen und die Tür offen zu lassen. Sie hörte, wie hinter ihr jemand das Fenster schloss.
Sie stürmte ins Behandlungszimmer. Mit einem Blick erfasste sie den kleinen Raum. Niemand drin und sehr unaufgeräumt. Oh Gott, etwa eine Abstellkammer?, dachte sie entrüstet. Hatte sie sich versehen? Sie ging noch mal raus. Da stand tatsächlich „Behandlungszimmer 2“ an der Tür.
Ist doch richtig, stellte sie fest. Sie ging wieder hinein und öffnete auch hier das Fenster. Sie nahm die Maske ab, beugte sich hinaus und holte tief Luft. Die Abgase waren selbst im dritten Stock noch zu riechen. Egal – besser als die abgestandene Luft hier drin, dachte sie.
„Wieso haben Sie das Fenster aufgerissen?“ Erschrocken drehte sie sich um.
Der Typ in Schwarz stand in der Tür und starrte sie unverhohlen an.
„Frische Luft muss sein!“ Wie aus der Pistole geschossen war Jessicas Antwort gekommen. Sie grinste den Typ an. Er zog die linke Augenbraue hoch, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand wieder. Wer war das überhaupt? Vielleicht hätte sie sich doch lieber still hinsetzen sollen, anstatt im fremden Zimmer eigenmächtig zu lüften. Sie kippte das Fenster und setzte sich so, dass sie gegenüber die offene Tür im Auge behielt.
Links neben der Tür stand eine Liege. Darauf lagerten mehrere große Papiertüten, mit irgendwas gefüllt. Unter der Liege drängten sich größere Pappkartons – der Inhalt hätte sie interessiert. Neben ihr der Schreibtisch quoll über. Ein Stoß Zeitschriften direkt vor ihr. Obenauf ein Lifestyle-Hochglanz-Journal aus den USA. Auf Englisch. Sie hob es an. Darunter weitere bunte Zeitschriften. Daneben ein Packen einzelner loser Blätter – Medizinisches. Rechts davon Zettel und Formulare zwischen mittelgroßen Modellen der Halswirbelsäule und des Schädels. Ein Laptop ganz links, betriebsbereit. Neben dem weißen Schreibtisch, in der Ecke zum zweiten Fenster, stand ein Karton, aus dem der Ärmel eines Sweatshirts heraushing.
Eine Tür klackte. Jessica blickte zum Flur. Gegenüber öffnete sich das Behandlungszimmer 1. Ein Herr in Weiß komplimentierte eine Dame hinaus. Im Gegensatz zu ihr trug er keine Maske. Einen Moment ruhte sein Blick auf Jessica. Dann rief er die nächste Patientin auf. Ob das der Neurochirurg ist? Hoffentlich bin ich auch bald dran. Was soll die Zwischenlagerung in dieser Bude?, fragte sie sich.
Jessica drehte sich samt Stuhl um und saß nun mit dem Rücken zum Schreibtisch. Vor ihr stand ein Sideboard, im gleichen Stil wie Schreibtisch und Liege. Die Flächen weiß und an den Kanten dunkelgrau abgesetzt. Nicht das übliche Praxismöbel. Chic! Bestimmt nicht billig und schon in der Abstellkammer, dachte sie. Neben dem Sideboard hing ein Regal mit Matchbox-Modellautos: Supersportwagen von Porsche, Triumph, Mercedes und Maserati.
Aha, ein Auto-Freak! Deshalb also hier und in den Fluren teure Flitzer. Ein weißer Glasrahmen schützte die farbigen Kunstblätter.
Das würde ihr keiner glauben. Ein Neurochirurg mit Sportwagen-Spleen! Das fiel sofort ins Auge. Wo hat der Arzt die altbewährten Tafeln versteckt? Die Körperabbildungen, auf denen Adern, Lymphe, Knochen oder Muskeln übersichtlich bezeichnet waren? Selbst Infotafeln über Zecken, Mücken und deren Vorkommen in Deutschland hingen nirgendwo. Keine Aufforderung zu Impfungen jeglicher Art. Nichts, nur schnittige Wagen.
Sie stand auf und stellte sich vor die Liege, die offene Tür im Auge, auf Schritte und Geräusche lauschend. Sie machte hektisch einige Aufnahmen von den Autos an der Wand, guckte in Kartons und Einkaufstüten, die neue Jeans und Shirts enthielten. Hoffentlich kommt jetzt nicht der Doktor herüber, dachte sie.
Vierzig Minuten waren vergangen. Wieso ließ der Arzt sie so lange warten? Gegenüber, im Behandlungszimmer eins, gaben sich die Patienten die Klinke in die Hand.
Jessica stand auf. Bewegung musste sein. Auf dem Sideboard standen Geschenke mit Dankesbekundungen. Zwei Doktorpüppchen mit großer Brille und Stethoskop. Mehrere Whiskyflaschen, eine davon mit Metalletikett. Rotwein in der Holzbox, gleich drei Flaschen. Trockenblumen-Bouquets. Notfallschokolade. Schlüsselanhänger. Zwei Ansteckbuttons mit der Aufschrift SUPER BRAIN – einer in Blau, einer in Rot. Und über all dem thronten silberne Pokale für die Teilnahme an Oldtimerrallyes.
Der Weißkittel da drüben fährt wahrscheinlich einen schnellen Sportwagen und einen Oldtimer. Alte reiche Männer in teuren Oldtimern sind nichts Ungewöhnliches, konstatierte Jessica. Ein Faible für Oldtimer hatte sie auch. Ein Faible ist aber leider noch kein Oldtimer. Bei einer Rallye hatte sie mal ein Los gekauft und stark gehofft, den Hauptpreis zu gewinnen: Eine Fahrt im Oldtimer – mit Chauffeur. Das Los hatte sich als Niete entpuppt.
Jessica fiel ein, dass von den 800 000 Oldtimern die Hälfte noch auf Deutschlands Straßen umher kurvte. Die drückten zwar das Geschwindigkeitslimit stark nach unten, aber die Abgas-Emission nach oben. Die armen Grünen! Die armen Lehrer! Die Freitage werden weiterhin der Future gewidmet sein!, dachte sie.
Sie schaute auf die Uhr. Schon wieder eine halbe Stunde um.
Aber besser in der staubigen Bude geschnüffelt als unter der stickigen Kohlendioxidglocke drüben im Wartezimmer gehangen, beruhigte sie sich. Ihr Blick zum Flur erfasste regen Patientenwechsel im Behandlungszimmer 1.
Ist der alte Arzt in Weiß etwa nicht für mich zuständig? Er hätte mich doch schon längst aufrufen müssen! Wenn nicht bald einer erscheint, haue ich ab, nahm sie sich vor.
Sie wandte sich wieder den Pokalen zu. Um die Gravur zu entziffern, stellte sie sich auf Zehenspitzen. „Pechvogelpokal, Oldtimerrallye – Warin 2018“, las sie.
Wieso Pechvogel? Hatte ihm eine Fahrraddraisine die Vorfahrt genommen? Wurde er ein Insektenopfer? Überquerten Schafe die Straße oder hatte der Doc etwa seinen Otter wechseln wollen? Sie stellte sich den alten Doktor aus dem Behandlungszimmer 1 im Kampf mit der unschuldigen Natur vor. Jessica aber war immer noch allein in der verrückten Bude. Man hatte sie vergessen. Anderthalb Stunden waren vergangen. Sie hatte alles erkundet. Sie war bereit für den Doc. Sie ging zum Fenster, öffnete es noch mal ganz weit, nahm die Maske ab und atmete tief die Abgas geschwängerte Luft ein.
„Haben Sie endlich genug gelüftet? Dann können Sie das Fenster jetzt schließen“, hörte sie eine Stimme an der Tür. Den Unterton ignorierend, drehte sie sich erfreut um. The Man In Black! Der Gockel!
Mit dem hatte sie gar nicht mehr gerechnet.
„Sind Sie Doktor Augehl?“
„Ja, setzen Sie sich.“
Ohne weißen Kittel, ohne schützende Maske nahm er Platz, und zwar an seinem überladenen Schreibtisch. Am PC erschien Jessicas Halswirbelsäule, in die er sich vertiefte. Die Gelegenheit für Jessica, ihn zu mustern. Anfang fünfzig, wie sie, die großporige Haut sonnengebräunt, dunkle Augen. Das schwarze Haar mit Pomade gezähmt, schlaff in den Schultern. Der wohlgenährte Bauch fiel erst beim Sitzen ins Gewicht. Mehrere Schwimmringe quetschten sich aus der Taille.
Bei der Figur ein tailliertes Hemd! Aber wenigstens in Schwarz. Das verschlankt!, ging es ihr durch den Kopf. Jessica zwängte sich gleichfalls in Schwarz, wenn sie mal ein paar Kilo zu viel hatte. Dr. Augehl machte keinerlei Anstalten, sich Jessica zuzuwenden. Er studierte ihre CD-Rom, Jessica den Mann vor ihr. Verwirrendes Logo auf dem Hemd: Ein weißes Schaf, das an einer breiten Schleife hing. Das Logo hatte sie noch nie gesehen.
Hier wird man auf edle Art zur Schlachtbank geführt oder zumindest geschoren, brachte sie für sich auf einen Nenner. Der Blick zu seinen Schuhen war durch den Schreibtisch verbaut.
Jessica schaute neugierig zum Monitor. Seltsam, den eigenen Schädel mit der kurvigen Halswirbelsäule vor sich zu sehen. Schwarz – weiß – grau. Daraus wurde sie nicht schlau. „Was ist festzustellen?“ Jessica beugte sich nach vorn.
„Ich schaue mir Ihre MRT-Aufnahme an. Sie stören mich.“ Erschrocken schwieg sie. Weitere fünf Minuten vergingen.
Mich stört hier gleichfalls manches. Vor allem habe ich meine Zeit nicht gestohlen, dachte sie verärgert. Unruhig rutschte sie auf dem Stuhl hin und her, drückte ihren Rücken durch, weg von der Lehne. Aufrecht sitzend starrte sie den Doktor an. Ohne die Augen vom PC zu lassen, sagte er unbeeindruckt: „Ich las Ihren Anamnesebogen. Sie sind eine Führungskraft und Sie sind eine Frau. Bestimmt problematisch, nichts sagen zu dürfen.“
Ein Macho! Gut, wie du willst! Revanche! Kannst du haben!, dachte Jessica. Sie schaltete den Angriffsmodus ein: „Vorsicht, Herr Doktor! Ich schreibe. Wenn’s nottut, auch Leserbriefe an die Schweriner Volkszeitung.“
Der Doktor schaute amüsiert auf. Er drehte den Monitor in ihre Richtung und erklärte die Stellung der einzelnen Wirbel, eingebettet im Nervenwasser. An manchen Stellen begann es zu versiegen, was die Leitfähigkeit der Nerven einschränkte und die Schmerzen auslöste. „Hab’ bestimmt zu intensiv Sport getrieben. Bin zu häufig gestürzt. Ich zeige Ihnen mal, welche Ausgleichsgymnastik ich mir ausgetüftelt habe.“
Jessica stand auf, winkelte den linken Arm an, legte die Hand hinter den Kopf, ans Ende der Halswirbelsäule. Mit der anderen Hand ergriff sie den linken Ellenbogen und zog ihn in Richtung Rücken. Der Doktor hob die rechte Augenbraue. Er war not amused. Ehe sie die zweite Übung starten konnte, sagte er: „Die Gymnastik können Sie lassen. Irgendwelchen Sport sowieso. Damit schädigen Sie Ihre Knochen noch mehr.“
Sport ist Mord – das musst gerade du sagen, dachte sie. Das passt zu dir, adipös, wie du bist. Enttäuscht setzte sie sich wieder.
Er nahm das Modell der Halswirbelsäule zur Hand, veränderte die Winkel und begründete anhand der Wirbelstellung Jessicas Knochenschmerzen.
„Warum tragen Sie eigentlich keine Maske, Herr Doktor?“
Genervt lehnte er sich zurück. Er ließ sich Zeit mit der Antwort.
„Ich habe ein vermindertes Lungenvolumen und werde diesbezüglich keine Info an meiner Behandlungstür aushängen.“
„Mein Mann hat ebenfalls ein vermindertes Lungenvolumen und trägt trotzdem eine Maske.
Das ist ja schließlich Vorschrift in diesen Zeiten.“
Der Doktor war nicht auf Krawall gebürstet. Trotzdem sagte er mühsam beherrscht:
„Stehen Sie auf. Wir gehen beide an die Tür. Da ist mehr Platz. Nehmen Sie meine Hand und drücken Sie zu, so fest es geht. Jetzt die andere. Ich drücke nun von außen gegen Ihre Arme und Sie versuchen, sich aus der Umklammerung zu lösen.“
Jessica ließ ihre Kräfte spielen. Stolz strahlte sie den Doktor an.
„Sie sind fit. Vergleichen Sie sich mal mit anderen Frauen Ihres Alters. Bisschen auf den Körper hören und Maß halten. Eine Operation an der Halswirbelsäule ist nicht nötig.“
Aber mir schlafen die Hände nachts ein, wenn ich eingerollt im Bett liege, wollte sie rufen. Das „Aber“ war ihr schon entschlüpft, doch der Doktor hatte bereits die Türklinke in der Hand, drehte sich noch mal um, zog beide Augenbrauen hoch und sagte:
„Mal was anderes. Hatten Sie nicht den unbändigen Drang, hier aufräumen zu müssen?“
„Which languages do you speak? “ Der Schreck fuhr ihr in die Glieder. Blitzschnell wog sie in Gedanken die Antworten ab. Gäbe sie zu, nur wenig Englisch zu können, dann würde ihr Nachbar sie trotzdem weiterhin in dieser Sprache ansprechen, falls er kein Deutsch konnte. Wollte sie ihre mangelnden Sprachkenntnisse verschweigen, dann wäre es peinlich, nur die Muttersprache zu sprechen. Ein Gespräch käme vielleicht gar nicht erst in Gang. Das wäre schade.
