Frauenzimmer -  - E-Book

Frauenzimmer E-Book

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Beschreibung

Die Koffer packen und in einer Nacht- und Nebelaktion ein neues Leben beginnen, zum Fahnenappell stramm stehen, zwischen Kindererziehung und Ehe sich selbst finden oder loslassen, was Schmerz bereitet, Träume wahr werden zu lassen und zwischen all dem die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu feiern - Frausein ist nichts was man erklären kann. Frausein bedeutet Mut. Im alltäglichen, wie in den Vorstellungen, die wir von unserer Zukunft haben, losgelöst von gesellschaftlichen Rollenbildern und kommerziellen Stereotypen. Sich selbst die beste Freundin zu sein, zu definieren was Freiheit bedeutet und groß zu denken erfordert den Blick nach innen um von dort nach außen zu wachsen. Wir bringen in »Frauenzimmer« Künstlerinnen, Mütter, Geschäftsfrauen und andere inspirierende Persönlichkeiten zusammen, Frauen, die im echten Leben so wohl nie zueinander gefunden hätten. In persönlichen Essays und Geschichten erzählen sie aus ihrem Leben. Das macht »Frauenzimmer«, zum ersten Buch der Whispering Voice x erLeben Reihe, zu einer Allegorie auf die heutige Kultur. Mit den persönlichen Geschichten und interaktiven Elementen wird »Frauenzimmer« zu einem gemeinsamen Erlebnis zwischen Leser*innen und Autor*innen, das uns nicht nur verstehen lässt, was Frausein im Jahr 2022 bedeutet. Es schafft Verbundenheit.

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Frausein ist ein Rhythmus

Christine Kirks

Mutig und schön

Larissa Kiemlen

Von kleinen Wundern und rundem Käse

Trish Doubek

Was ich dir sagen will

Franziska Hermann

Lieben gelernt

Chiara Meisberger

Ein bisschen mehr sein, ein bisschen weniger kämpfen

Cathy Zimmermann

Von Prinzen, Pferden und der Reise zu dir selbst

Ronja Görtler

Den eigenen Weg gehen

Madeleine Chantal

Leben fühlt sich wie fliegen an

Julia Wahl

Wachstum im Schatten der Angst

Sarah Weinand

Up and up only

Jackie Sharon Tamblyn

Jeder Moment ist Neujahr

Kathy Ursinus

Ich würde schreiben müssen, umam Leben zu sein.

Vorwort

Ein Vorwort? Das gehört sich doch, oder? Nun, abgesehen davon, dass wir Herausgeberinnen dieses inspirationsgeladenen Buchs in allem einen Unterschied machen wollen, halten wir uns auch nur bedingt an vermeintliche buchsatztechnische Vorgaben. Ganz besonders, wenn wir es einfach anders besser fühlen können und der Überzeugung sind, dass eine etwas andere Form der Begrüßung von DIR einen sehr viel größeren Impact hat.

Nur so konnten wir unsere Message aus allen Richtungen und Blickwinkeln dieser Welt so zauberhaft, und nicht nur »ordnungsgemäß« verpacken. Und nur so bekommst du auch schon auf diesen ersten Seiten, auf denen eigentlich ein »richtiges« Vorwort stehen sollte, den besten Eindruck, um was es im »Frauenzimmer« geht, was unsere Intention ist und welche Rolle wir und vor allem DU dabei spielst. Wir wollen dich hiermit exklusiv in unsere Gedankenwelt mitnehmen, die uns die Arbeit an diesem großartigen Buch mehr als versüßt hat. Gedanken, die wir, Vera & Sindy, via E-Mail ausgetauscht haben – was aber der Tiefe der Message keinen Abbruch tat. Ganz im Gegenteil.

Aber lies selbst und erfahre, wie das »Frauenzimmer«, in dem du schon mittendrin bist, sich mit diesen unglaublich wertvollen und erfahrungsreichen Erlebnissen & Erkenntnissen für eine bewusstere Frauenwelt, weniger »Regeln« und vor allem weg von Perfektion füllen konnte.

Meine liebe Vera,

es wird mal wieder Zeit, dir eine E-Mail zu schreiben, die nicht nur mit Deadlines und bürokratischem Blabla zu tun hat. Heute sind wir dran. Du und ich. In dem ganzen »Durcheinander« unserer tollen Projekte und allem, was erledigt werden muss, kann man sich mal schnell aus den Augen verlieren – sich selbst und manchmal auch sein Warum.

Ich muss zugeben, dass ich mich, seit wir den Verlag gegründet haben, wie eine andere Person fühle. Es ist fast so, als hätte ich einen Schalter umgelegt und von heute auf morgen entschieden, die Frau zu sein, die ich mir vorgestellt habe, als ich jung war.

Weißt du, Liebes, ich habe einfach nicht gewusst, dass ich so sein kann: so zielstrebig, so klar und so verdammt gewillt, mir die Nächte um die Ohren zu schlagen. Ich war immer so gut darin, Projekte zu beginnen, doch noch besser darin, sie auch wieder zu vergessen. Für die meiste Zeit meines Lebens habe ich mich dafür geschämt, wie ein Fähnchen im Wind zu sein. Denn genau so habe ich mich gefühlt: willkürlich, unberechenbar und gesteuert durch eine unsichtbare Macht von außen.

Es gab nur zwei Dinge, derer ich mir immer sicher war:

1. Ich würde schreiben müssen, um am Leben zu sein.

2. Der Sinn des Lebens wird uns dort gewahr, wo wir uns anderen verletzlich zeigen.

Mit diesen zwei Wahrheiten bestückt kam ich aber bis jetzt nicht besonders weit im Leben. Meine akademische Ausbildung und mein Beruf als Sozialpädagogin haben mir nicht geschadet, doch haben sie in all ihrer weltlichen Logik für mich keinen Sinn ergeben. Die Resonanz hingegen, die wir auf unsere Arbeit mit Whispering Voice erhalten, gibt mir ein tiefes Gefühl von Sicherheit. Noch nie zuvor habe ich mich so sehr auf dem richtigen Weg gefühlt, wie ich es heute tue.

Die Fähigkeit, mich immer wieder neu zu erfinden, zog sich, ohne das Bewusstsein dafür zu haben, durch mein ganzes Leben. Die einzige Konstante, die mir über all die Jahre blieb, war ich und die Zeit, zu schreiben. Und so blieb mir das Chaos der Welt im Herz stecken und verursachte dort einen Schmerz, der vielen Menschen hoffentlich erspart bleibt.

Ich muss die Welt einmal durch meinen Körper fließen und aus meiner Hand laufen lassen, bevor ich mich selbst in ihr verstehen kann. Der Tag, an dem Whispering Voice entstanden ist, war der Moment, in dem ich erkannt habe, dass ich nun die Verantwortung habe, meinem eigenen Wert mit Loyalität zu begegnen.

Mit anderen Worten: Wären wir einfach nur ein Verlag, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis ich meine E-Mails kürzen würde und ich mich langsam entziehen müsste. Ich würde auf Partys gehen, ohne Goodbye zu sagen. Doch das hier ist anders.

Weißt du, der Grund dafür, dass ich Sozialarbeiterin war, ist, dass ich eine schreckliche Neugierde für den Menschen habe. Doch wenngleich immer gesagt wird, man solle der Welt offen begegnen, und zwar mit Fragen statt mit Antworten, habe ich das Gefühl, dass Neugierde nicht wirklich immer gewollt ist. So oft werden Fragen eher als Urteil verstanden als als ehrlicher Versuch, sich miteinander zu verbinden. Das finde ich schade.

Mit Whispering Voice haben wir nicht nur einen Ort geschaffen, an dem Fragen einzig und allein aus der Neugierde stammen und von allen Urteilen losgelöst sind. Wir haben damit einen Ort geschaffen, an dem Menschen gehört werden können, auch die mit den ganz zarten und leisen Stimmen. Das ist für mich sinnvoll, insbesondere weil diese Stimmen in einem Raum ohne Perfektionsgedanken widerhallen.

Vera, ich möchte diesen Ort nicht mehr verlassen. Doch habe ich Angst, dass die vielen Deadlines, der Druck und der viele Austausch diesen wundervollen Raum blockieren könnten. Wie gehst du damit um? Wie kann uns Whispering Voice gelingen bzw. erhalten bleiben, ohne dass wir uns verlieren? Wie können wir sicherstellen, dass sich all diese flüsternden Stimmen in ihrem Moment der Verletzlichkeit sicher fühlen?

Ich freu mich, von dir zu lesen, und drücke dich aus der Ferne.

Mit Liebe

Sindy |

Liebe Sindy,

über deine Mail und den erfrischenden Mix aus Projektorganisation und UNS freue ich mich sehr. Ich liebe unsere Synergie, daher ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich oft kneifen muss, um wirklich sicher zu sein, dass das, was gerade bei uns passiert, Wirklichkeit ist. In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, einen eigenen Verlag zu gründen, Autorin zu sein und anderen eine Bühne zu bieten, die sie wiederum nicht für möglich gehalten hätten.

Vor allem konnte ich nicht erahnen, wie das Gefühl der Erfüllung an unserer Arbeit mich täglich übermannt. Ich hatte bereits von ähnlichen Zuständen gelesen, ja, so ganz für bare Münze genommen hatte ich das ehrlicherweise nicht. Und jetzt finden wir uns hier wieder: mittendrin statt nur dabei. Oder so ähnlich.

Die Natürlichkeit, mit der sich alles fügt, und damit meine ich die Entscheidungen, die wir treffen, und die Resonanz, die wir dadurch erfahren, gibt mir das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Die Ausbildung bei der Bank, das Studium zur Wirtschaftsingenieurin, der Job im Change-Management und schließlich die unzähligen Reisen und der Versuch der Selbstfindung als Freelancer, jeder einzelne Teil davon ein »Dazwischen«, das mich zu uns führen sollte.

Whispering Voice ist der Ort, an dem unsere Träume ein Zuhause gefunden haben und an dem wir die Träume anderer wahr werden lassen. So wunderbar diese Zeilen klingen mögen, genauso beängstigend können sie in den kleinen schwachen Momenten sein. Weil, wie du sagst, bringt all die Freude eine große Verantwortung mit sich.

Es ist ein Leichtes, ein Unternehmen zu gründen, einem vorgegebenen Plan, Trends und Leitfäden zu folgen. Ein Business und damit unsere Werte zu verkörpern und zu leben, statt sie lediglich zu Werbezwecken zu nutzen, das steht auf einem anderen Blatt.

Wir leben unsere Werte und Vorstellungen, setzen Grenzen und stellen die Integrität unserer Autorinnen und die unsere an vorderste Stelle. Das erfordert Mut, viel Mut. Genau hinzusehen und die richtigen Fragen zu stellen, ebenfalls. Genauso, ehrliches Interesse an meinen Mitmenschen zu zeigen. All das erfordert Mut. Empfindest du das auch so? Was du über die ungewollte Neugier schreibst, stimmt mich nachdenklich.

Seit wir wieder auf Reisen sind und ich beinahe täglich mit neuen Menschen in Kontakt komme, ist mir besonders eine Sache aufgefallen: dass ehrliches Interesse zwei Emotionen auslöst. Die Dankbarkeit, gesehen zu werden, und das Misstrauen, ich würde etwas von meinem Gegenüber wollen. Letzteres lässt mich sehr deutlich die Trennung spüren, die mehr und mehr Einzug hält. Dabei sind doch dafür die eigenen Geschichten da, dafür, dass man sie teilt und sich darüber verbindet. Einfach so, des Menschseins wegen.

Mit Whispering Voice haben wir einen Ort geschaffen, den wir nicht mehr verlassen müssen. Es ist ein Ort, den wir gerade erst beginnen einzurichten. Ein Raum, den wir mit Leben, Vielfalt und der Verbundenheit füllen, nach der wir uns alle so sehnen.

Manchmal liege ich nachts im Bett und denke über unsere Projekte nach, sorge mich um Deadlines oder ähnliches. Schätzungsweise gehört das einfach dazu. Wenn ich dann am nächsten Morgen mein Postfach öffne und neben Anfragen und Nachrichten von Johanna (unserer guten Seele, ich bin so dankbar für sie), deine Mails lese, weiß ich, dass wir uns gar nicht verlieren können. So sehr sind wir in dem, was wir tun, wir selbst. Damit geben wir jedem in unserem Raum die Sicherheit, dasselbe zu tun. Meinst du nicht?

Mich beschäftigt gerade das Gefühl, dass eigentlich alles schneller gehen müsste, sehr. Manchmal spüre ich, wie ich mir selbst Druck auferlege, und denke, wir müssten schon weiter sein, schon mehr Bücher verlegt haben usw. Dabei stehen wir kurz davor, das Frauenzimmer-Projekt in die Welt hinauszugeben, und auch für die nächsten Buchprojekte ist das Fundament schon gelegt …

Kannst du nachvollziehen, was ich meine? Kennst du diesen Druck auch? Wie gehst du damit um?

Alles Liebe und viel Sonne aus Portugal, ich kann es nicht erwarten, wieder von dir zu lesen.

Deine Vera |

Hallo mein Herzl,

ich sitze gerade mit meinem Laptop auf meinem Bett, während der Regen auf das Dach prasselt. Auf Bali bricht die Regensaison an und bringt damit auch eine Zeit der Innenkehr und Reflexion. Genau das brauche ich auch, denn das Jahr war einfach verrückt bzw. ist es noch.

Ich habe heute morgen bereits über einige der Texte erneut hinüberlesen, mir die ersten Entwürfe des Covers angesehen und bin dabei von vielen Emotionen überwältigt worden. Dass wir letzte Woche eine harsche Kritik an einem der Texte bekommen haben, daran habe ich ganz schön zu knabbern. In mir kam so viel das Gefühl auf, versagt oder mit dem Projekt einen Fehler gemacht zu haben.

Der Text sei dies nicht und das nicht und auch sonst nicht lesbar oder gut genug. Ich kann sie verstehen, die Stimmen des Perfektionismus, aber ich muss sie nicht mögen und ich muss ihnen auch nicht recht geben.

Du hast recht, Vera, mit der Gründung des Verlages haben wir uns ganz schön was auf die Schultern gepackt, doch muss ich zugeben, dass das eine Gewicht besser zu stemmen ist als das andere.

Ich mache mir nichts aus Deadlines. In den fünf Jahren, in denen ich mein Leben mit dem Schreiben von Geschichten unterhalte, ist diese Art Druck zu einer Art Energiequelle geworden, aus der ich Inspiration und Klarheit für meine Worte schöpfe.

Die für mich größere Herausforderung erkenne ich deutlicher, je näher der Tag der Veröffentlichung rückt. Denn es stimmt, wir sind nicht perfekt und wollen es auch nicht sein. Trotzdem hat mich die Kritik so angefasst.

Weißt du, Liebes, es ist so einfach, sich den Wert der Integrität irgendwo hinzuschreiben, aber ihn zu leben und zu meinen, ist was anderes.

»Nobody said it was easy.«

Meine Integrität wurde oft getestet, doch meistens betraf es nur mich und meine Taten. Mit Whispering Voice ist das anders. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, flüsternden Stimmen Gehör zu verschaffen.

Erinnerst du dich noch, als wir vor circa einem Jahr telefonierten und über die Bedeutung einzelner Schicksale sprachen?

»Es wäre so schade, wenn nur den Menschen zugehört wird, die auch das Talent haben, frei zu reden oder kreativ zu schreiben.«

Du hast mit dieser Aussage den Grundstein für unsere Philosophie gelegt, dafür, dass wir Menschen eine Stimme verleihen, und zwar unabhängig von ihrer Fähigkeit, Literaturnobelpreise zu gewinnen oder makellose Essays zu verfassen.

Wir schenken Stimmen Gehör, aber die Stimmen der Perfektion verstummen deswegen nicht, auch in mir nicht.

Ich schäme mich, das zuzugeben, aber manchmal hat mich der Druck, dass es das perfekte Buch werden müsste, dazu gebracht, an den wundervollen Texten unserer Frauen rumzubasteln, nur um dann in Demut und Scham alles rückgängig zu machen. Alles polieren und die Echtheit rauszunehmen, um den Eindruck von Perfektion zu erwecken, so ist das Leben nicht und so sind auch wir nicht.

In den letzten Jahren habe ich viel gelernt, aber keine Lektion ist wichtiger, als dass es für mich nichts Schöneres gibt, als sich auf der Ebene von Authentizität zu begegnen und anderen trotz der eigenen Fehler die Hand zu reichen.

Die Kraft des Menschen liegt in der Fähigkeit, zu seiner Verletzlichkeit zu stehen, anstatt sie zu verstecken, und unsere Frauen haben mich allesamt genau daran erinnert. Es gibt keine Käufer, Leser, Editors oder Kritiker, die uns das nehmen können, und DAS ist es, worum es geht.

Ich kann es nicht erwarten, Vera, weiter zu wachsen und mehr Menschen dieses Geschenk zu machen, und dafür bin ich bereit, Kritik einzustecken. Ich akzeptiere alle Kritik, die unsere Herangehensweisen, Themenauswahl oder UNSERE Texte kritisieren oder UNS nicht mögen, aber ich habe mir versprochen, mich immer schützend vor die Menschen zu stellen, die sich im Schutzraum unserer Projekte vulnerabel zeigen.

So was habe ich zuvor noch nie empfunden. Für mich ist es das Zeichen, dass Whispering Voice mein Weg ist. Ich bin schon jetzt zu einem besseren Menschen geworden, wenngleich mir Deadlines auch schon die ein oder andere Nacht geraubt haben.

Eine Unsicherheit bleibt jedoch: Meinst du, uns wird es gelingen, unseren Ansatz deutlich zu machen? Glaubst du, dass Menschen bereit sind, Perfektion loszulassen, um sich der Welt ihres Gegenübers zu öffnen?

Ich wünsche es mir so sehr!

Ich werd mir jetzt einen Tee machen und auf der Terrasse dem Regen lauschen.

Ich lieb dich und uns!

Flüsterndes Küsschen

Sindy |

Meine Liebste,

der Gedanke, dass wir beide unsere Aufenthaltsorte nach den meisten Sonnenstunden im Jahr auswählen und beide das vielseitige Herbstwetter und die Stimmung der Jahreszeit vermissen, amüsiert mich. Die leuchtenden, bunten Blätter der Bäume, Kastanien, die sich über Straßen und Wege verteilen und ich als Kind viel zu gerne aufgesammelt habe, und der Duft von Veränderung und Reflexion, der in der Luft liegt. Es geht dem Ende des Jahres zu, mit bunten und grauen regnerischen Tagen, die drinnen mit einem guten Buch und einer heißen Tasse Kaffee richtig gemütlich sind. Ja, ich vermisse das gerade. Irgendwie ein bisschen paradox, findest du nicht auch?

Da es heute im sonnigen Portugal ein bisschen geregnet hat, habe ich die Zeit genutzt und mir die letzten Korrekturen, die uns Sandra geschickt hat, angeschaut und mir Gedanken über deine Zeilen gemacht. Wir widmen uns in voller Hingabe unseren Autoren und Projekten. Gemeinsam als Team holen wir die Schönheit aus jedem Text heraus und unterstützen dort, wo unsere Hilfe gefragt ist. Die Arbeit mit und an Texten verfolgt ja nicht das Ziel des Verändern-Wollens, sondern das Ziel, die Integrität jeder Frau (im »Frauenzimmer«) zu wahren und gleichzeitig sichtbar zu machen. Ich bin sehr dankbar, dass wir das möglich machen können und ein wunderbares Team im Rücken haben, das unsere Vision mit uns lebt.

Dennoch ist Kritik ein großes Thema, insbesondere im künstlerischen Bereich. Wie du weißt, mag ich es simpel und versuche, jeden Lebensbereich so einfach wie möglich zu gestalten. Manch einer findet es spannend, wenn Dinge kompliziert werden, ich für meinen Teil finde es nur anstrengend.

Deshalb habe ich mich entschieden, immer das Beste zu geben, denn dann kann ich mit Kritik gut umgehen. Ich kann nur dann lernen, habe mir nichts vorzuwerfen und bin bereit aufzunehmen, was ich künftig besser machen kann. Natürlich schreibt sich das immer sehr leicht und es gibt auch Momente, in denen ich dem nicht gerecht werde. Das sind dann die Gespräche und Kommentare, die mir wehtun und ich anschließend daran zu knabbern habe. Nicht, weil jemand etwas an meiner Arbeit, einem Text oder einer Idee auszusetzen hat, sondern weil ich mir eingestehen muss, dass ich nicht mein Bestes gegeben habe. Wie bereitest du dich auf Kritik vor?

Weißt du, wir haben in diesem Projekt so viel gelernt und das ist toll. Mit jedem Schritt wachsen wir mehr zusammen und Whispering Voice wird mehr WIR. Das zeigt sich auch darin, dass wir alles, was damit zu tun hat, schützen wollen, wie eine Löwenmama ihre Jungen. Was die Kritik bezüglich der Perfektion angeht, stimmen wir wie in den meisten Themen vollkommen überein. Die Verbundenheit, die wir schaffen wollen, entsteht meiner Meinung nach durch das Zusammenbringen echter Menschen. Echter Frauen.

Wir haben ja ganz bewusst unterschiedliche Frauen für das Projekt Frauenzimmer zusammengebracht. Frauen, die im echten Leben wohl so nie zueinander gefunden hätten und die wirklich Mut beweisen, dabei zu sein. Wenn ich überlege, dass davon nur drei Frauen routiniert im Schreiben sind und alle bereit waren, sich der Aufgabe zu stellen und sich ehrlich, echt und verletzlich zu zeigen, bekomme ich Gänsehaut. Sie öffnen den Raum für viele andere, die sich mit ihnen identifizieren, wiedererkennen oder inspirieren lassen können. Gleichzeitig unterstreichen sie unsere Ansicht: Jede:r hat eine Geschichte zu erzählen, die berührt. Einfach wow.

Zu sehen, wie nun alle Fäden zusammenlaufen, alle Texte fertig sind, das Design steht und die Illustrationen gezeichnet sind, macht schon so richtig Lust auf das nächste Projekt. Mensch, bin ich gespannt, für welches Thema wir uns entscheiden werden.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich vor Projektstart von Frauenzimmer unterschätzt hatte, wie es sein würde, 12 Frauen, 12 Geschichten, das ganze Drumherum und das, was bei Projektstart und wenn man das fertige Buch in den Händen hält, nicht sichtbar ist, zu koordinieren und dem gerecht zu werden. Kommende Woche steht schon das erste Interview zum Buch an, darauf freue ich mich besonders und bin dankbar, dass so viele Menschen Lust haben, unser Projekt zu unterstützen und unsere Message nach außen zu tragen.

Das gibt mir auch ein gutes Gefühl zu dem, was du sagst. Ich glaube schon, dass die Menschen bereit sind, Perfektion gehen zu lassen, um sich dem Gegenüber zu öffnen. Weißt du warum? Weil es menschlich ist. Keiner ist perfekt und wenn es so wäre, wäre es langweilig. Ich denke, wenn wir uns im Kollektiv darauf einigen, zu jeder Zeit unser Bestes zu geben, müssen wir nicht mehr perfekt sein oder einer Perfektion nacheifern. In dem Moment, in dem das geschieht, lässt der Druck nach und wir schenken uns einen freien, wilden Kopf mit ausreichend Platz für Kreativität und Potentialentfaltung. Es gibt keinen Grund »nicht perfekt« mit »minderwertig« gleichzustellen, ich finde das wird oft falsch verstanden.

Im Zuge des Frauenzimmer-Projekts habe ich auch oft darüber nachgedacht, ob ich eine Frau oder ein Rolemodel habe, zu dem ich aufsehe oder das mich besonders inspiriert. Die Antwort darauf spiegelt sich auch in unseren Werten wider. Mich inspirieren Menschen, die integer sind. Deshalb lieben wir dieses Projekt. Jede dieser wunderbaren Frauen ist integer und zeigt uns und allen Leser:innen, wie sie gelernt haben, Integrität zu leben und sich selbst die beste Freundin zu sein, und das ist großartig!

Bäm! Wie ich gerade so unsere Mails durchscrolle, bin ich total geflasht und kann es nicht erwarten, »Frauenzimmer« endlich in den Händen zu halten.

Mit diesem Gedanken gehe ich jetzt zu Bett. Hoffentlich schläft die Kleine heute mal besser, für den Endspurt könnte ich ein bisschen Schlaf gebrauchen, hehe.

Liebe für dich, meine Süße! Ich bin sehr dankbar, eine so liebe Freundin und die beste Geschäftspartnerin mit dir gefunden zu haben.

Drück dich,

Vera |

https://vimeo.com/user120765391/welcome-frauenzimmer

»Ein konventionelles

Vorwort? Nicht mit uns.

Ohne Skript. Dafür mit

jeder Menge Spaß und

Herzlichkeit, ein paar

persönliche Worte von

uns an dich.«

Frausein ist einRhythmus

Christine Kirks

Ich bin in meinem Leben nie gefragt worden, was das Frausein für mich bedeutet. Ehrlich gesagt habe ich mich auch selbst nur sehr selten gefragt, wie viel von dem, was mich ausmacht, damit zu tun hat, dass ich als Mädchen geboren wurde. Irgendwie hat das in meinem Erwachsenwerden nur eine untergeordnete Rolle gespielt, mein Geschlecht.

Zugegeben, in den 60er-Jahren aufgewachsen, war es mir kein Geheimnis, was von Frauen in der Gesellschaft grundsätzlich erwartet wurde. Kinder gebären. Den Haushalt schmeißen. Und zwischen Kochen und Backen noch die Kinder erziehen. Das klassische Rollenbild war mir bekannt, genauso wie die Tatsache, dass es hier, in einer urigen Kleinstadt im Osten, wo ich groß geworden bin, anders aussah als »dort drüben im Westen«.

Frausein, das war in der DDR nichts Besonderes, und auch, wenn man es sich heutzutage kaum mehr vorstellen mag, war eben genau das auch das Einfache. Ja, Frauen und Männer waren irgendwie gleichgestellt.

Ich wünschte mir, die Gründe dafür lägen in der heute allgegenwärtigen Gleichberechtigungsbewegung, doch die Wahrheit ist leider eine andere. Das DDR-Regime hat sich nicht dafür interessiert, ob du Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen warst. Das Einzige, was zählte, war, nach deinen Fähigkeiten zu arbeiten, deinen Beitrag zum kollektiven Wohl zu leisten und gegebenenfalls zum Fahnenappell strammzustehen. Bestenfalls würdest du dabei einen überzeugenden Eindruck machen, ob im Kleid oder im Anzug, egal, solange du so warst wie die anderen. Uniformität war der Maßstab und diese Uniformität manifestierte sich auch darin, wie wir einander wahrnahmen.

In einem Land, das so deutlich durch eine Mauer vom Rest der Welt abgegrenzt war, verschwammen wiederum die Grenzen zwischen den Geschlechtern so sehr, dass ich fast keine Chance hatte, mich als Individuum, geschweige denn als Frau wahrzunehmen.

Es ist gut möglich, dass ich die Idealvorstellungen, die ich an die Menschen hatte, heute mit meinen kindlich naiven Erinnerungen und Wahrnehmungen vermische.

Möglicherweise sind meine Erfahrungen auch isoliert, weil jede Familie einen eigenen Kosmos darstellte. Und in meinem Kosmos gab es einfach keine großen Unterschiede. Die Männer waren, wenn gerade nötig, Hausmänner, und die Frauen, wenn gerade nötig, Hausfrauen. An manchen Tagen hat mich meine Mutter zur Schule gebracht und an anderen mein Vater. Meinem Vater habe ich manchmal beim Holzhacken zugesehen und manchmal beim Staubsaugen.

Ich weiß nicht, ob mein Familienkosmos mir eine falsche Idee davon gegeben hat, was Mädchensein und Frauwerden bedeutete. Vielleicht waren wir auch eine außergewöhnliche Familie, die Gleichberechtigung gelebt hat, bevor diese für die breite Masse definiert wurde. Doch wenn ich den Hintergrund und die Wurzeln meiner Familie betrachte, ist das unwahrscheinlich. Denn tatsächlich erlebt habe ich meine Eltern als dem DDR-System angepasst und untergeordnet. Viele andere Möglichkeiten hatten sie auch nicht.

Ja, es ist wohl Ironie, dass die Gleichberechtigung der Frauen in der DDR in der Verfassung festgeschrieben war. Fast klingt es sogar so, als hätte hinter der Mauer ein Wunder stattgefunden. Hat es aber nicht.

Wenn ich zurückschaue, frage ich mich auch, wie viel von meinem Frauenverständnis politisch beeinflusst war. Letztlich ist es doch die Gesellschaft, die maßgeblich dazu beiträgt, wie wir uns Konzepten wie dem »Frausein« annähern, oder?