FREI – Beste Freundschaft - Sarah Welk - E-Book

FREI – Beste Freundschaft E-Book

Sarah Welk

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Beschreibung

Spannender Jugendroman über eine Gruppe ungleicher Jugendlicher Ein inspirierendes und humorvolles Jugendbuch über echte Freundschaft, Familie und das Erwachsenwerden. Die Geschichte rund um die hilfsbereite Nasrin, die lernt, ihre eigenen Grenzen zu erkennen, ist das ideale Geschenk für Jungen und Mädchen ab 12 Jahren. Mit echten Freunden schaffst du alles! Nasrin hat ihr Leben gut im Griff: In der Schule ist sie eine Überfliegerin, zu Hause unterstützt sie ihren alleinerziehenden Vater und mit ihrer besten Freundin Nina an ihrer Seite kann sowieso nichts schiefgehen. Doch dann kommt der rätselhafte Joachim neu an ihre Schule – und in Nasrins Leben läuft alles aus dem Ruder. Warum benimmt sich der Neue ihr gegenüber bloß so merkwürdig? Und was ist plötzlich mit ihrem kleinen Bruder los? Nasrin versteht die Welt nicht mehr. Hat sie einen heimlichen Verehrer, so wie Nina das behauptet? Und während an der Schule immer mehr seltsame Dinge geschehen, muss Nasrin einsehen, dass sich manche Probleme doch nicht allein lösen lassen. Zum Glück hat sie ihre Freunde Nina, Nico, Joshua und Koray – und die stehen immer zu ihr, egal, wie brenzlig es wird … - Einfühlsame Coming-of-Age-Story: Über Freundschaft, Mut und die Suche nach dem eigenen Platz - Originelle Erzählstimme: Großartig geschrieben von Sarah Welk - Nimmt Teenager ernst: Das Thema mentale Gesundheit sensibel behandelt - Spannendes Schul-Setting: Ungewöhnlicher pädagogischer Ansatz gibt interessante Impulse - Voller Humor und Selbstironie: Stark, jugendlich, modern und direkt erzählt - Tolles Geschenk: Perfekt für Geburtstage, Weihnachten oder einfach zwischendurch Die Geschichte um Nasrin und ihre Freunde ist authentisch, einfühlsam und trifft immer den richtigen Ton.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sarah Welk

FREI

Beste Freundschaft

arsEdition

Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2025

© 2025 arsEdition GmbH,

Friedrichstraße 9, D-80801 München

arsedition.de/service

Text: Sarah Welk

Umschlaggestaltung: Designbüro Lübbeke Naumann Thoben, Köln, unter Verwendung von Illustrationen von Steffen Winkler

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Autoren- und Projektagentur

Gerd F. Rumler, München

ISBN eBook 978-3-8458-6845-5

ISBN Printausgabe 978-3-8458-5755-8

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für Mila und Martha

1

Ich hole Luft, und zwar richtig. Mein Bauch schiebt die blau-weißen Karos auf der Bettdecke nach oben, und jetzt dehnt sich mein Brustkorb auseinander, und das war’s. Mehr passt nicht rein.

Es gibt einen Mann, der kann elf Minuten lang die Luft anhalten, besser gesagt 11 Minuten und 35 Sekunden. Das ist Weltrekord.

Ich habe beim ersten Mal 62 Sekunden geschafft, das ist wahrscheinlich Minusrekord, aber weiß ja keiner. Und außerdem bin ich auch schon besser geworden, es gibt bei YouTube so ein Luft-Anhalten-Tutorial.

Schritt eins: So tief wie möglich einatmen, erst in den Bauch, dann in die Brust. Kleine Pause. Und jetzt kommt der Trick: Einfach mit der Zunge weiter Luft nach hinten durch den Hals schieben, als wäre die Lunge ein Ballon, der strammer werden soll. Und strammer. Stopp. Und jetzt muss ich nur noch ruhig werden. Klar, je ruhiger, desto weniger Energieverschwendung, und deshalb zähle ich meine Herzschläge, und zwar so langsam wie möglich.

92, 93, 94.

Vor meinen Augen schweben kleine rote Punkte, und ist doch komisch. Die sind zu. Eigentlich müsste ich einfach gar nichts sehen. Oder schwarz.

95, 96, 97, 98, 99.

Ich schnaube Luft aus und atme wieder ein, und das fühlt sich an wie trinken nach Durst.

Trotzdem. 99 Herzschläge sind ungefähr 99 Sekunden.

Gar nicht schlecht, elf mehr als gestern. Theoretisch könnte ich ab sofort also den kompletten Weg zur Schule die Luft anhalten, von unserer Fußmatte bis zum »Klasse 8c«-Schild an der Garderobe brauche ich ja nur 92 Sekunden. Und schon klar: Eigentlich ist das Quatsch, das mit dem Training. Luft anhalten braucht man für nichts, außer man will tauchen, und ich kann nicht mal schwimmen. Aber trotzdem. Wenn irgendjemand irgendwas kann, will ich immer wissen, ob ich das auch hinkriege. Und ob ich besser werde, wenn ich trainiere. Und es funktioniert.

Gut, egal, mein kurzer Schulweg ist auf jeden Fall super. Unterricht fängt um acht Uhr an, ab nächster Woche sogar erst um halb neun. Für Badezimmer brauche ich 22 Minuten. Bereitgelegte Klamotten anziehen zwei Minuten. Frühstück 14 Minuten. Noch mal online auf den Vertretungsplan gucken: zwei Minuten. Checken, ob ich alles eingepackt habe: zwei Minuten. Schuhe und Jacke anziehen: zwei Minuten. Macht 44 Minuten plus sechs Minuten Zeitpuffer für Unvorhergesehenes. Das heißt, mein Wecker klingelt um sieben und alles ist entspannt. Normalerweise.

»Nasrin«, flüstert eine Stimme. »Alles okay bei dir?«

Von der Tür fällt ein Streifen Licht auf den Teppich.

»Ja.« Ich reiße den Kopf vom Kissen. »Klar. Wie spät ist es, Baba?«

»Schon zehn nach sieben«, flüstert er. »Aber mach in Ruhe. Passt doch noch alles.«

Ich drehe den Kopf zur Seite.

Und Moment mal eben.

Hier passt rein gar nichts.

»Papa«, sage ich. »Wo ist mein Wecker?«

»Keine Ahnung«, ruft er aus dem Flur. »Ich hab ihn nicht.«

Und Mann, ich krieg hier noch zu viel. Vor genau acht Stunden war mein Wecker noch da. Er stand auf dem Nachttisch, und zwar exakt, wo er hingehört, und seine Zahlen haben grün durch die Dunkelheit geleuchtet. Ebenso das »A« für Alarm. Einhundert Prozent. Mein. Wecker. War. Noch. Da.

»Arad«, fauche ich.

»Hä?«, macht er und seine Tolle wippt im Küchenlicht.

»Du weißt genau, was ich meine.« Ich knalle seine Stuhllehne mit Ruck nach vorne an den Tisch. »Und du sollst nicht kippeln.«

»Alter«, sagt er und macht diese »Reg-dich-ab-Mann«-Geste mit den Fingern vor der Brust. »Du bist hier nicht erziehungsberechtigt.«

»Wo ist mein Wecker?«, frage ich.

»Woher soll ich das wissen?« Arad kippt seinen Stuhl wieder nach hinten. »Ich brauch keinen Wecker. Ich wach von Natur auf.«

»Ha!«, macht Papa und spuckt fast seinen Kaffee in die Spüle. Ich gucke aufs Fensterbrett, und das glaube ich ja wohl nicht.

»Was ist das denn?«, sage ich. Auf einmal ist es still und nur der Kühlschrank surrt weiter vor sich hin. Arad guckt von meinem Gesicht zur Fensterbank und dann wieder zu mir.

»Wie?«, fragt er und schüttelt den Kopf. »Bist du dumm? Das ist ein Wecker.«

»Ja«, fauche ich. »Meiner. Aber wie kommt der dahin?«

»Ach so, den meinst du«, antwortet er und grapscht ein Mohnbrötchen aus dem Korb. »Hab ich mir geliehen. Meiner ist kaputt.«

»Deiner ist kaputt«, wiederhole ich.

»Deshalb hab ich mir deinen geholt, jetzt fällt’s mir wieder ein, vielen Dank fürs Ausleihen«, leiert Arad und beißt dabei von seinem Brötchen ab.

Manchmal glaube ich wirklich, der tickt nicht richtig. Ich habe Arad den Wecker nicht geliehen. Der ist heute Nacht in mein Zimmer geschlichen und hat ihn mir einfach geklaut.

»Un-jetz-gug-nich-scho-wida-so«, nuschelt Arad und ein Stück Mohn-Teig-Matsch fällt aus seinem Mund auf die Tischplatte. »I-leih-di-au-imma-alles.«

»So!«, ruft Papa. »Jetzt ist Schluss. Ihr hört jetzt bitte auf zu streiten. Und wisch das weg, Arad.«

»Ich«, sage ich und fast bleibt meine Stimme weg vor Wut, »hab überhaupt nichts gemacht. Arad hat meinen Wecker GEKLAUT. Und jetzt rotzt der hier auch noch auf den Tisch, das ist widerlich.«

»Ich rotz überhaupt nicht auf den Tisch.« Arad würgt ein Riesenstück Brötchen auf einmal runter. »Du provozierst mich, und deshalb hab ich meine Gesichtsmuskeln nicht unter Kontrolle.«

»Bitte!«, sagt Papa und knallt seine Tasse ins Spülbecken. »Das halte ich um die Uhrzeit wirklich noch nicht aus. Ihr macht euch jetzt fertig, und zwar sofort. Und heute kommst du nicht zu spät zur Schule, Arad, verstanden? Linda hat mich schon wieder angesprochen.«

Arad zieht hinter Papas Rücken eine Grimasse in meine Richtung und am liebsten würde ich ihn vom Stuhl schmeißen.

»Du kriegst von mir gar nichts mehr«, zische ich. »Keine Kopfhörer, keine Stifte, nichts. Kannst du vergessen. Und ich geb dir auch keine Nachhilfe mehr.«

Arads Mund formt ein Ooohh und mit den Augen sagt er quasi »Das ist aber schaaaade«, aber Papa kriegt das nicht mit, weil doof ist er nicht. Arad, meine ich.

Aber auf die Reihe kriegt er trotzdem nichts. Der geht mir so was von auf den Keks, und das wird immer schlimmer. Keine Ahnung, als er klein war, war er zumindest niedlich, wenigstens ab und zu. Wenn er wollte, dass ich mit ihm Softeis kaufen gehe zum Beispiel, weil er nicht allein über die Straße durfte, aber ich schon. Oder wenn er nachts nicht schlafen konnte und zu mir ins Zimmer geschlichen ist und da auf einmal stand, im Dunkeln, mit seinen strubbeligen Haaren und schwitzigen Wangen und den abgeschmusten Teddys Fred und Flod unter dem Arm.

Das war kurz nach der Sache mit Mama und wir waren noch gar nicht so lange in Deutschland. An viele Dinge aus der Zeit erinnere ich mich gar nicht richtig. Aber ich weiß noch, dass mein Garderobenhaken in der Grundschule einen Marienkäfer-Aufkleber hatte und ich kein Deutsch konnte und immer gefroren habe. Und ich erinnere mich daran, wie gut Arad gerochen hat, wenn er zu mir ins Bett gekrabbelt ist, nach frischem Frottee-Pyjama und irgendwie süß.

Tja. Und jetzt müffelt er einfach nur noch vor sich hin, weil er nie Deo benutzt und seine Socken heimlich zwei Wochen lang trägt, und wenn ich sage, dass er die mal Papa in die Wäsche geben muss, ächzt er rum und verdreht die Augen und macht seine »Du bist hier nicht die Mutter«-Sprüche und ich könnte ihm eine reinhauen.

Ernsthaft. Ich tu’s nicht, aber ich könnte. Ganz egal, wo er ist, noch egaler, was er macht: Chaos. Arad isst auch nie das Schulbrot, das Papa ihm schmiert, aber direkt wegschmeißen tut er es auch nicht. Stattdessen lässt er es im Rucksack, bis es schimmelt, und dann wirft er heimlich die ganze Brotdose in den Müll. Und wenn Papa dann fragt, wo eigentlich die ganzen Behälter sind, verdreht Arad die Augen und sagt: »Äh, keine Ahnung«, und fertig.

Und neuerdings hat Arad ständig überall Stress und es interessiert ihn noch nicht mal. Er kommt zu spät zur Schule. Oder er hängt auf dem Schulhof rum und geht nicht zum Unterricht. Oder er vergisst sein Sportzeug. Oder seinen Schlüssel. Oder er denkt an den Schlüssel, aber verliert ihn dann.

Ich meine: WHY? Ich bin 14 Monate älter als Arad und ich kriege das ja auch hin. Aber Arad benimmt sich, als wäre er fünf und nicht 13. Und ich kapiere einfach nicht, warum ihm alles egal ist. Er schadet sich doch nur selbst, wenn jeder genervt von ihm ist.

»Nasrin?« Arad schiebt seinen Kopf in mein Zimmer.

»Was«, blaffe ich und gucke weiter in den Spiegel.

»Sorry«, sagt Arad.

Ich knote das Tuch in meinem Nacken und sehe zu ihm hinüber.

»Echt jetzt«, sagt Arad. »Sorry. War doof mit dem Wecker.«

»Sag: War richtig, richtig doof«, antworte ich und lege das rechte Tuchende quer über meinen Kopf.

Arad verdreht die Augen.

»War richtig, richtig doof«, wiederholt er.

»Sag: Ich bin viel dümmer als Nasrin und ein kompletter Vollidiot«, sage ich, stecke das Tuch fest und grinse ihn an.

»Du kannst mich mal«, antwortet er und grinst jetzt auch.

»Was willst du?«, frage ich.

»Ich brauche deinen Tuschkasten«, antwortet er. »Nur für heute. Und danach mach ich ihn sauber und bring ihn dir zurück.«

»Schwör«, sage ich.

»Ich schwör«, antwortet er.

2

Der Wind pfeift um die Ecke, und zwar richtig. Kaum zu glauben, dass Nina und ich und die anderen vor ein paar Wochen noch im Wald übernachtet haben. Die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht, aber warm ist anders, und so früh am Morgen riecht die Luft noch feucht und nach Laub und Erde und kein bisschen nach Spätsommer.

»Brr«, mache ich und schließe die Haustür ab und von den Socken kriecht Gänsehaut über meine Schienbeine.

»Ey«, ruft Nina und umarmt mich von hinten. »Warum bist du denn so spät dran heute? Mann, das Tuch ist ja super! Und das hast du bei Lisa gefunden?«

»Arad hat meinen Wecker geklaut«, sage ich und schiebe den Schlüssel in meine Tasche.

»Nicht dein Ernst.« Nina kichert. »Zum Glück ist mein Bruder noch klein.«

»Kannst dich schon mal freuen«, murmle ich. »Und das Tuch war bei Lisa im Umzugskarton.«

»Nicht dein Ernst!«, ruft Nina noch mal und reißt die Augen auf. »Du hast immer so ein Glück! Ich finde da nie was.«

Ich zucke mit den Schultern und hake mich bei ihr ein. Also stimmt schon, dass ich bei Lisa öfter Sachen entdecke als Nina. Aber ich gucke auch anders als sie, und zwar langsam einen Ständer nach dem anderen durch. Nina rennt stattdessen quer durch den Laden und schiebt Kleiderbügel von links nach rechts nach links und drei Minuten später sitzt sie auf irgendeinem Sessel und quatscht Lisa voll.

Lisa ist echt der beste Laden in Rottloch. Wobei es in der Innenstadt außer ihr sowieso nur drei halbwegs interessante Geschäfte gibt. Woolworth, aber da stinkt es nach Plastik. Dann Gelato Conti, die haben das beste Snickers-Eis der Welt. Und dm. Da probieren Nina und ich manchmal Wimperntusche aus, wenn keiner guckt, und wir kaufen Gesichtsmasken und solche Sachen.

Die anderen Geschäfte in Rottloch braucht eigentlich kein Mensch. So was wie Rikes Wollmaus, da gibt’s halt Wolle. Oder Fleischerei Müller. Die haben – Überraschung – Wurst.

Aber Lisa macht Wohnungsauflösungen und kauft alles, was sonst keiner mehr haben will. Und danach stellt sie die Sachen in ihren Laden, oder besser gesagt, sie stopft sie in ihren Laden. Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt kein anderes Geschäft, das so voll mit Kram ist. Und deshalb stehen da dann 17 unterschiedliche Kaffeekannen im Regal neben alten Büchern und Sporttaschen und Trockenblumen und Schneiderpuppen und alles riecht nach alt und Staub.

Jeder freie Quadratmeter ist mit Möbeln und Kleiderständern zugestellt, an denen alte Bademäntel und Omahosen und Riesenblusen hängen, und als Nina und ich das erste Mal bei Lisa waren, wären wir fast rückwärts wieder rausgestolpert. Aber genau in der Sekunde ist Lisas Mann reingekommen und hat zwei Umzugskarton durch den Eingang gewuchtet, und Lisa hat gerufen: »Könnt ihr gerne durchsehen. Vielleicht ist ja was dabei für euch!«

Nina und ich haben uns angeguckt und die Kartons aufgeklappt, und da lag sie. Eine Jacke. Eine nigelnagelneue Nike-Jacke mit Kapuze, und die kostet in normalen Läden eigentlich 249 Euro. Ich habe sie rausgezogen und Lisa hingehalten und möglichst unschuldig geguckt und gefragt: »Äh, hier, was soll die kosten?« Und Lisa hat noch nicht mal richtig hochgesehen und geantwortet: »Pff, keine Ahnung. Zehn Euro?« Und wie krass ist das denn bitte?

Tja, und seitdem gehen Nina und ich ständig zu Lisa und gucken, was neu reingekommen ist, und ganz ehrlich: Das ist das Coolste. Wie Weihnachten, nur noch besser. Ich habe da schon solche Supersachen gefunden und gestern eben das Tuch. Das ist keine tolle Marke, aber die Farbe ist perfekt, und das hat nur 50 Cent gekostet. 50 Cent!

»Apropos Klamotten«, sagt Nina und zieht im Gehen ihr Smartphone aus der Tasche. »Wie findest du das?«

»59 Euro. Ganz schön viel Geld für ein T-Shirt«, antworte ich und schaue dabei auf das Foto auf ihrem Display.

»Geht«, murmelt sie. »Josh fand das super und der hat bald Geburtstag. Oder ist das übertrieben, wenn ich ihm so was Großes schenke?«

»Keine Ahnung«, seufze ich. Nina redet ständig von Josh und was soll ich sagen. Es ist kompliziert. Sie findet ihn super und er sie auch, aber die beiden sind kein Paar, obwohl keiner kapiert, warum eigentlich nicht. Ich meine, als Josh, Nico, Koray, Nina und ich während der Projektwoche im Sommer zusammen im Wald übernachtet haben, haben Josh und Nina sogar nebeneinander in einem Bett geschlafen. Ihr Kopf auf seiner Schulter und alles war klar. Also dachte ich wenigstens.

Nina bleibt stehen und sieht mich von der Seite an.

»Also«, seufze ich und nehme ihr das Handy aus der Hand und wische nach links zum nächsten T-Shirt-Bild. »Was hast du von ihm zum Geburtstag gekriegt?«

»Zimt-Duftkerzen«, antwortet Nina und kaut auf ihrer Locke. »Und einen Kino-Gutschein für zwei Personen. Hab ich aber noch nicht eingelöst. Vielleicht war das von ihm ja gar nicht so gemeint, dass wir da zusammen hingehen. Vielleicht sind das auch einfach nur zwei Tickets und er hat keine Lust.«

»Nicht dein Ernst«, sage ich. »Frag ihn doch einfach.«

»Nein!«, ruft Nina und reißt die Augen auf.

»Gut, egal«, sage ich und gucke noch einmal aufs Display. »Schenk ihm einen Verzehr-Gutschein für zwei Maxiportionen Popcorn plus Cola plus Taco-Chips plus M&M’s. Und dann redet ihr sowieso schon über Kino, und du kannst sagen, dass du doch auch noch seinen Gutschein hast.«

»Mann, Nasrin«, seufzt Nina und lächelt mich an. »Du bist so schlau.«

»Hab dich lieb«, sage ich und gebe ihr das Handy zurück und drehe mich zum Schuleingang, und Moment mal eben. Was ist da denn los?

3

»Das ist doch Freddie, oder?«, frage ich und deute mit dem Kinn zum Vorplatz. Nina dreht den Kopf und in derselben Sekunde rennt sie los.

»Ey!«, rufe ich, aber Nina wartet nicht und sie wird auch nicht langsamer, und kein Wunder. Da vorne bei Ninas Bruder Freddie steht nämlich ein Typ, den habe ich hier noch nie gesehen. Und in dieser Sekunde fällt Freddie hin, und das sah aus, als hätte der andere ihn gestoßen. Das klingt jetzt nicht megaspektakulär, aber dieser Jugendliche ist ungefähr so alt wie wir, also 14, und mindestens einen Kopf größer. Und Freddie geht in die erste Klasse und ist sechs Jahre alt, und welcher Jugendliche schubst bitte einen Sechsjährigen?

»EY!«, brüllt Nina und wird noch schneller. »Was wird das denn? Tickst du nicht ganz richtig?«

Der Typ lässt die Arme sinken und dreht sich zu uns um. Er ist ziemlich groß, mindestens 1,80 würde ich sagen, und jede Wette trainiert der. Die Jungs, die ins Gym gehen, sehen alle gleich aus. Klar, nicht alle natürlich, aber der hier schon. Jogginghose, breite Schultern, breite Beine, Locken, aber nur oben, und ich glaube nicht, dass die echt sind. Als ich vor Kurzem bei »Vier Haareszeiten« war, hat die Friseurin gesagt: »Ich fass es nicht, echt jetzt. Hier kommen neuerdings ständig Fünfzehnjährige rein und wollen Dauerwelle. Dauerwelle! Am Anfang dachte ich, die machen Witze.« Vorher hatte ich ehrlich gesagt noch nie darüber nachgedacht, ob Locken echt sind oder nicht.

»Was willst du denn?«, fragt der Typ und mustert Nina, als hätte er in Wahrheit »Du kleine Maus« gesagt. Dabei zieht er eine Seite von der Lippe nach oben.

»Fass meinen Bruder nicht an«, zischt Nina und stößt ihm so schnell beide Hände vor die Brust, dass er nach hinten taumelt und fast über seinen Rucksack stolpert.

»Der ist einfach durchs Beet gelaufen«, ruft Freddie und stellt sich genau hinter Nina. »Und jetzt ist meine Sonnenblume kaputt.«

Und das stimmt. Mitten durch die Erde vor der Eingangstreppe ziehen sich Spuren von Kreppsohlen und in einem der Abdrücke liegen gelbe Blütenblätter neben einem abgeknickten Stängel. Das Beet haben die Erstklässler gemacht. Die dürfen sich jedes Jahr Blumen aussuchen, und dann haben die Gartentage, da lernen sie erst alles über Pflanzen und danach gestalten sie den Schulhof.

»Und das ist richtig schlimm!«, ruft Freddie jetzt und zeigt an Ninas Hüfte vorbei auf die Sonnenblumenreste. »Blumen können nämlich Sachen fühlen, genau wie Menschen, das stimmt wirklich, das hatten wir in Gartenkunde! Und jetzt ist die tot!«

»Mein Gott«, ächzt der Typ. »Meine Blume hat Gefühle, ich hab auch Gefühle! Womit hab ich das verdient, Scheiß-Hippie-Schule.«

»Na ja«, sage ich und stelle mich direkt neben Nina und mein Herz pocht bis hoch in meine Schläfen, und ganz ehrlich, ich hasse das. Ich hasse es, wenn solche Sachen passieren. »Die Hippie-Bewegung ist in den späten Sechziger- jahren in den USA entstanden, die Schule hier gibt es erst seit 1987«, rede ich schnell weiter. »Und die hat auch kein Hippie gegründet, sondern die Ida-Müller-Stiftung. Womit du allerdings recht hast: Pflanzen haben keine Schmerzrezeptoren.«

»Alter«, grunzt der Typ und mustert mich vom Kopftuch bis zu den Knien und zurück. »Ich muss weg.«

Und damit dreht er sich auf dem Absatz um und drückt die Tür zur Schule auf, als wäre hier gerade rein gar nichts passiert.

»Pflanzen haben keine Schmerzrezeptoren?«, sagt Nina langsam und guckt mich schräg von der Seite an. »Dein Ernst jetzt, Nasrin?«

»Äh ja«, nuschle ich und merke, wie meine Wangen heiß werden. »Also nein. Eigentlich wollte ich was anderes sagen.«

»Ah«, macht Nina, aber sie guckt mich nicht an, sondern legt Freddie den Arm um die Schultern.

»Eigentlich wollte ich sagen: Spinnst du, lass den Kleinen in Ruhe«, murmle ich.

»Ich bin nicht klein«, ruft Freddie.

»Der hat ihn geschubst, Nasrin«, sagt Nina, und jetzt sieht sie richtig zu mir herüber. »Was war das denn für ein Idiot?«

»Der hat mich nicht geschubst«, ruft Freddie.

»Klar hat der dich geschubst«, antwortet Nina. »Das hab ich doch gesehen.«

»Hat er nicht«, ruft Freddie und rennt die Treppe nach oben und weg ist er.

Nina seufzt und schüttelt den Kopf. »Brüder, ey«, murmelt sie.

»Das kannst du aber mal laut sagen«, antworte ich und schiebe meinen Arm wieder in ihren. Und dann grinsen wir uns an und mehr brauchen wir gar nicht zu reden. Weil ich nämlich weiß, dass sie gerade gar nicht wirklich sauer auf mich war. Und sie weiß, dass ich zu viel kriege, wenn solche komischen Sachen passieren, und ich dann immer einfach losrede und manchmal eben auch schräge Dinge sage.

Auf der anderen Seite: Es hat ja funktioniert, der Typ ist abgehauen. Und dass er mich jetzt für einen Nerd hält, ist mir eigentlich egal.

Und außerdem stimmt das wirklich, das mit den Schmerz- rezeptoren. Und das mit der Stiftung auch. Ida Müller war eine megareiche Frau aus Rottloch, und dann ist sie gestorben und ihr Mann hat die Schule gegründet. Nicht nur gegründet, der hat das ganze Haus bauen lassen und auch die Regeln festgelegt. Besser gesagt: Das hatte Ida Müller schon alles vor ihrem Tod aufgeschrieben und er hat das dann umgesetzt.

Die Geschichte kennt hier jeder, nämlich dass Ida Müller früher Schulversagerin war, und damals gab es ja sogar noch Prügelstrafe. Sie hat auf jeden Fall nichts hingekriegt und ist vier Mal sitzen geblieben und dann von der Schule geflogen, aber beruflich hatte sie trotzdem Megaerfolg mit dem Import von Kaffeemaschinen aus Italien und hat richtig viel verdient. Tja. Und dann ist sie gestorben und hat ihr ganzes Geld der Stiftung vermacht, damit in Rottloch eine Schule gegründet wird, in der kein Kind Angst haben muss.

Deshalb gibt es bei uns zum Beispiel keine Zensuren und auch keine Hausaufgaben und sitzen bleiben kann auch niemand. Und ich meine, wie verrückt ist das bitte? Dass ein einzelner Mensch so viel Geld hat, dass der einfach eine ganze Schule baut und auch noch festlegt, wie da alles funktioniert? Aber gut, für uns ist das jetzt natürlich super.

4

»Morning, ihr Hasen! Schönstes Wetter, beste Laune. Bei euch auch alles gut?«, ruft Linda und breitet die Arme aus. Durch die Glaswand fällt Sonne in die Aula, und zwar genau auf die Bühne und auf Linda, und das wirkt, als würde sie im Scheinwerferlicht stehen.

Linda ist die Schulleiterin, aber sie sieht nicht so aus. Sie ist erst 25 und trägt immer nur Hoodies und Sneaker. Wenn man sie auf dem Schulhof von hinten sieht, kann man echt denken, die geht in die Zehnte, und einmal ist Nico drauf reingefallen. Da hat er Nina und Linda verwechselt und Linda von hinten mit beiden Armen umklammert und im Kreis geschleudert. Aber gut, war nicht so schlimm. Nico ist nur knallrot geworden, und das war glaube ich das erste Mal in seinem Leben. Sonst ist dem gar nichts peinlich.

»Ey«, brüllt er jetzt durch die Aula, als wäre er allein hier. »Ladies! Bei mir ist noch Platz!«

Und klar, er meint Nina und mich, und deshalb schieben wir uns zu ihm durch und ich bin komplett außer Atem. Wir sind alle Treppen bis in den dritten Stock gerannt, und schade eigentlich, dass es nicht auch Rutschen nach oben gibt. Nach unten schwingen sich ja von jeder Etage Glasröhren durch die offene Eingangshalle. Als ich das bei meiner Einschulung zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, ich spinne. Aber kein Spaß, wir können hier wirklich aus allen Etagen nach unten in die Halle rutschen. Fast wie im Schwimmbad, nur ohne Wasser. Es gibt sogar Zeitmesser, der Schulrekord liegt bei drei Stockwerken in 7,1 Sekunden.

Die Aula ist voll bis zum letzten Platz. Sogar auf dem Fußboden sitzen Leute, und kein Wunder. Zur Schulversammlung sind immer alle von der ersten bis zur 13. Klasse eingeladen, aber normalerweise kommen nicht so viele. Wenn es mal wieder darum geht, dass wir zu viel Toilettenpapier verschwenden oder ob wir eine Ausstellung zur Römerzeit machen wollen, ist das ja auch nur mittelinteressant. Aber gestern ist Linda höchstpersönlich durch alle Klassen gegangen und hat uns aufgefordert, heute auf jeden Fall zu erscheinen.

»Ehrlich, Schnuggels«, hat sie gesagt und geheimnisvoll geguckt. »Ich verrate noch nicht, worum es geht. Aber wenn ihr nicht kommt, bereut ihr das, ich schwör.« Linda ist die einzige Erwachsene, die »Ich schwör« sagen kann, ohne dass es peinlich ist. Ohne dass man dieses fiese Gefühl im Bauch kriegt und nur noch denkt: »Bitte! Bitte rede nicht so, du bist alt, und wenn du so redest, wird alles noch viel schlimmer!«

Nina schiebt sich durch die Reihen und ich hinterher und alle machen Platz. Alle bis auf Sonnenblumen-Kreppsohle, der guckt uns entgegen und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Hallo?«, sagt Nina und legt den Kopf schief. »Können wir mal durch, bitte?«

»Klar«, murmelt er und zieht in Zeitlupentempo die Beine ein. Ernsthaft jetzt, was soll so was?

»Bist du eigentlich neu?«, fragt Nina, und dabei sieht sie sich in der Aula um, und ich glaube, sie sucht Josh.

»Ja«, sagt er.

»Ah«, antwortet Nina. »Welche Klasse?«

»8b«, sagt er, und alles klar. Unsere Parallelklasse also.

»Und wo warst du vorher?«, fragt Nina.

»Woanders«, sagt er.

»Ich meine, auf welcher Schule«, fragt Nina und bindet sich ihre Haare zu einem Vogelnestdutt zusammen, und anscheinend merkt sie gar nicht, dass der nicht reden will. Oder es ist ihr egal.

»Lass mal weitergehen«, sage ich und stupse sie von hinten in den Rücken.

»Ah«, sagt der Typ und mustert mich, als wäre ich eine Art Kartoffelkäfer. »Die Kopftuchfrau mit den Schmerzrezeptoren.«

»Lustig«, antwortet Nina und verzieht keine Miene. »Nicht. Merkste selber, ne?«

Und damit schiebt sie sich an ihm vorbei und ich hinterher und sage nichts. Stattdessen gucke ich Kreppsohle an und zucke die Schultern und aus Versehen lächle ich ein bisschen.

Er lächelt zurück, aber so war das überhaupt nicht gemeint. Ich wollte einfach keinen Streit. Mannomann, warum können nicht immer alle nett zueinander sein, und zwar von selbst. Dann wäre das Leben echt leichter.

»Wer war das denn?«, flüstert Nico und rutscht auf der Fensterbank zur Seite.

»Kompletter Vollidiot«, zischt Nina und lässt sich neben ihn fallen.

»He, he«, macht Nico. »So sieht der auch aus.«

»Na ja«, sage ich und setze mich neben die beiden. »So richtig kennen wir den eigentlich noch gar nicht. Der ist neu.«

»Moment mal.« Nina starrt mich von der Seite an. »Aber du hast schon gehört, was der gerade zu dir gesagt hat, oder? Kopftuchfrau, der tickt doch nicht ganz sauber. Und was ist mit der Sache mit Freddie?«

»Ja schon«, murmle ich und wühle in meiner Hosentasche nach Kaugummi. »War bescheuert von ihm. Aber eigentlich haben wir das Ganze geklärt.«

»Wir haben gar nichts geklärt.« Nina verzieht das Gesicht, als würde sie auf Schimmelkäse beißen. »Mann, Nasrin, du kannst auch einfach mal sagen, wenn du was blöd findest. Oder jemanden.«

Ich zucke mit den Schultern, und egal jetzt. Ich denke über so was nicht nach. Und ich will auch nicht drüber reden. Gerade nicht und generell nicht.

»Ich glaube, wenn bei dir mal jemand einbricht«, sagt Nina, und ich finde, sie könnte langsam aufhören, »dann haust du ihm nicht auf die Mütze, sondern sagst: ›Oh, entschuldigen Sie bitte, ich glaube, Sie haben sich in der Tür geirrt.‹«

Nico lacht, aber nee, würde ich nicht machen. Wenn so was passiert, dann renne ich nämlich ins Zimmer von Arad, schiebe die Kommode vor die Tür und rufe die Polizei. Also falls Papa nicht da ist. Für alles zusammen brauche ich 11,4 Sekunden, und die Nummer von der Rottloch-Wache habe ich im Handy extra unter Kurzwahl eingespeichert. Aber das sage ich jetzt ganz sicher nicht, weil erstens keine Lust und zweitens räuspert sich vorne auf der Bühne gerade Linda und hebt die Hände in die Luft.

»So!«, ruft sie. »Guten Morgen zusammen. Heute ist ein großer Tag. Nach dieser Sitzung wird die Ida-Müller-Schule womöglich nicht mehr die alte sein.«

Ein paar von den Kleinen scharren mit den Füßen und einer aus der Siebten kippt rückwärts vom Stuhl, aber das passiert öfter.

»Schön, dass so viele von euch gekommen sind«, fährt Linda fort. »Das war bei den letzten Schulversammlungen ja nicht immer so. Aber heute habe ich eine echte Sensation für euch! Oder besser gesagt: Nicht ich habe die Sensation für euch. Sondern Hans Müller. Einen großen, lauten, donnernden Applaus für Herrn Müller bitte!« Und dabei macht sie einen Schritt nach hinten, und neben ihr steht ein alter Mann auf, also ein richtig alter Mann. Mit grauen Haaren und krummem Rücken, und nun schiebt er in winzigen Trippelschrippen seinen Rollator nach vorne an den Bühnenrand, und hoffentlich stirbt der nicht gleich.

»Guten Morgen«, sagt er mit brüchiger Stimme.

»Lauter«, ruft irgendjemand von hinten, und wer war das denn? Das ist echt unhöflich, finde ich, schließlich steht da nicht Linda.

Nun springt noch eine Frau auf, die habe ich noch nie gesehen, und anscheinend ist das seine Pflegerin. Auf jeden Fall geht sie nach vorne und stellt das Mikro richtig ein und lächelt den alten Mann an und er nickt ihr zu.

»Guten Morgen«, wiederholt er, und jetzt knarrt seine Stimme so richtig laut durch die Aula und er grinst, und auf einmal sieht er aus, als wäre er zwölf und hätte richtig Spaß. »Wir kennen uns noch nicht. Ich bin Dr. Hans Müller und vor 40 Jahren habe ich diese Schule bauen lassen.«

Und krass. Das ist also Hans Müller. Ich habe den noch nie gesehen, und ehrlich gesagt habe ich manchmal gedacht, den gibt es gar nicht wirklich.

»Alter«, murmelt Nina. »Ich glaub, der ist hundert.«

»Gestern bin ich 99 Jahre alt geworden«, ruft Hans Müller ins Mikro, als hätte er Nina gehört. »Und da wollte ich mir was Besonderes schenken.«

»Was soll das?«, flüstert Nico und schüttelt den Kopf. »Sollen wir jetzt singen oder was?«

»Psst«, machen Nina und ich genau gleichzeitig, und nun richtet Hans Müller sich auf, also wenigstens ein bisschen.

»Ich will euch nicht unnötig auf die Folter spannen«, sagt er. »Mein Geschenk an mich ist eigentlich ein Geschenk an euch. Und zwar 99 000 Euro.«

»What?«, japst Nico.

»Richtig gehört«, sagt Hans Müller, als wäre er Nicos Gedankenecho, und grinst, dass seine Augen zwischen tausend Knitterfalten verschwinden. »Ich schenke euch 99 000 Euro. Ich habe keine Kinder, ich sterbe sowieso bald und was soll ich mit dem ganzen Geld. Da dachte ich mir: Schenk es der Schule. Das hätte Ida gefallen.«

Und jetzt reden alle durcheinander und das Fußscharren wird richtig laut und Ninas Bruder Freddie ruft: »Das ist fast eine Million!«

»Leute, Leute.« Linda hebt auf der Bühne beide Arme in die Luft, als würde sie ein Flugzeug einweisen. »So geht das nicht! Ihr müsst schon bis zum Ende zuhören.«

Und jetzt räuspert sich Hans Müller und hustet kurz, und dann erklärt er, wie er sich die Sache gedacht hat. Und zwar so: Er gibt uns 99 000 Euro. Und wir können mit dem Geld machen, was wir wollen.

Und ja, das klingt komplett absurd. Wenn ich das meiner Tante erzähle, weiß ich jetzt schon, was die sagt. Die guckt mich von meinem Computerbildschirm aus an und zieht die nachgemalten Augenbrauen nach oben und ruft: »Nasrin, das ist doch keine Schule. Ich hab Amir hundertmal gesagt, dass er euch auf normales Gymnastikum schicken soll, so heißt das in Deutschland, ja? Du willst doch studieren! Und auf so ein Ischi-Uschi-Anstalt lernst du doch nichts.«

Eigentlich meint sie Wischi-Waschi-Anstalt, aber solche Sachen verwechselt sie manchmal, weil sie schon lange nicht mehr hier lebt und nur noch mit mir und Arad Deutsch spricht.

Aber das stimmt nicht. Also alles. Denn erstens gibt es in Rottloch überhaupt kein Gymnasium, also kann ich auch nicht hingehen. Und zweitens kann auf unserer Schule zwar keiner sitzen bleiben und es gibt keine Zensuren und keine Hausaufgaben. Aber es ist trotzdem eine ganz normale Schule. Nur, dass wir eben alles selbst beschließen, und zwar in der Schulversammlung.