FREI – Bester Sommer (FREI 1) - Sarah Welk - E-Book

FREI – Bester Sommer (FREI 1) E-Book

Sarah Welk

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Beschreibung

Spannender Reihenstart um eine Gruppe ungleicher Jugendlicher Dieses Buch ist der Auftakt einer Jugendbuchreihe um fünf ungleiche Teenager. Die ermutigende Coming-of-Age-Geschichte rund um den 14-jährigen Joshua, der sich aus seiner Komfortzone wagt und Freunde findet, ist ein ideales Geschenk für Jungen und Mädchen ab 12 Jahren. Das größte Abenteuer ist echte Freundschaft Berlin, Hamburg, Neapel, Wien … und jetzt: Rottloch. Soll das ein Witz sein? Joschuas Mutter ist eine erfolgreiche Künstlerin, die auf der Suche nach neuen Inspirationen häufig umzieht. Joshua hat sich daran gewöhnt, nirgendwo richtig dazuzugehören. Warum Freunde finden, wenn man in ein paar Monaten ohnehin wieder weg ist? Und nun also ab in ein Kuhdorf, in dem 8-Jährige Traktor fahren und der Jägerstammtisch regelmäßig im einzigen Wirtshaus am Platz tagt. Was hat sich seine Mutter nur dabei gedacht? Doch diesmal kommt alles anders. Die neue Schule in Rottloch ist anders. Was Joshua gemeinsam mit Nina, Nico, Koray und Nasrin während einer Projektwoche im Wald erlebt, will er nicht einfach so abhaken. Und darum muss seine Mutter endlich verstehen, dass ein Zuhause mehr ist als die ewige Suche nach dem immer Neuen. Zuhause ist für Joshua nämlich plötzlich genau das: Dorf. Schule. Rottloch.  Und Freunde. Fürs Leben. - Coming of Age-Story: Ein Adventure-Trip wird zur Reise zu sich selbst  - Originelle Erzählstimme: Großartig geschrieben von Sarah Welk  - Dieses Buch macht Mut: Positive und bestärkende Coming-of-Age-Geschichte  - Spannendes Schul-Setting: Ungewöhnlicher pädagogischer Ansatz gibt interessante Impulse - Voller Humor und Selbstironie: Stark, jugendlich, modern und direkt erzählt - Authentisch und witzig: Originelle Freundschaftsgeschichte der Gegensätze    Die Geschichte um Joshua und seine Freunde ist authentisch, bewegend, witzig und trifft immer den richtigen Ton.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sarah Welk

FREI

Bester Sommer

arsEdition

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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2025

© 2025 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, D-80801 München

Alle Rechte vorbehalten

Text: Sarah Welk

Umschlagggestaltung: Designbüro Lübbeke Naumann Thoben, Köln unter Verwendung von Illustrationen von Steffen Winkler

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44 b UrhG ausdrücklich vor.

ISBN eBook 978-3-8458-6673-4

ISBN Print 978-3-8458-5754-1

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für Mila und Martha

1

Hunger, Pipi, heiß. Also würde Sally jetzt sagen, aber die kommt ja erst heute Nachmittag nach.

RIESENHUNGER, denke ich und starre durchs Beifahrerfenster auf das Schild Landgasthof Rottloch – Heute Schnitzelbuffet im Saal auf der anderen Straßenseite. Außer einem Burger an der Autobahnraststätte habe ich nämlich seit heute Morgen nichts mehr gegessen.

Und ich muss MEGADRINGEND zur Toilette.

Und mir ist ULTRAHEISS. Aus meinen Shorts läuft der Schweiß, und meine Oberschenkel kleben am Beifahrersitz, obwohl ich im Turbotempo mit dem Bein wippe.

Was. Bitte. Macht. Meine. Mutter. Seit32MinutenindiesemLaden??

Mann, das kann doch alles nicht wahr sein.

»Willst du mit reinkommen?«, hat Mama gefragt und dabei beide Ellbogen aufs Lenkrad gestützt.

»Nee, was soll ich da drinnen«, habe ich gemurmelt und auf mein Handy gestarrt, weil mir nämlich nur noch ein Punkt bis zum Dragon-Highscore gefehlt hat.

»Keine Ahnung, schon mal Landluft schnuppern«, hat Mama gesagt und mich dabei so schräg von der Seite angegrinst, weil sie natürlich genau wusste, dass ich das null lustig finde.

Auf jeden Fall ist sie dann in dem Laden verschwunden, weil der Landgasthof ja unserem neuen Vermieter gehört und wir da den Schlüssel abholen sollten.

Und ich dachte, alles klar, gleich fahren wir zu unserem neuen Haus. Also mal wieder zu unserem neuen Haus. Meine Mutter und Sally und ich fahren eigentlich ständig zu neuen Häusern. Ich bin vierzehn, und mir fallen direkt elf Städte ein, in denen wir schon gewohnt haben. Neapel, Wien, Berlin, Hamburg, wieder Neapel, Dortmund, Kiel, Köln, wieder Berlin, Köln, noch mal Hamburg. Und jetzt: Rottloch.

ROTTLOCH. Wer bitte will in Rottloch wohnen? Also ich schon mal nicht.

»Joshua«, hat Mama vor ein paar Wochen mit ihrer Armer-Junge-so-schlimm-isses-doch-gar-nicht-Stimme gesagt, und dabei wollte sie mir auch noch den Rücken kraulen, »jetzt warte doch erst mal ab. Du hast noch nie auf dem Land gelebt, also kannst du gar nicht wissen, wie es da ist. Da wohnen auch andere Vierzehnjährige, die müssen ja auch irgendwas machen den ganzen Tag. Und außerdem habe ich ein sensationelles Haus gefunden, mit Riesengarten und Blick über die Felder. Da kriege ich den Kopf wieder frei und neue Ideen, hundertpro. Und du kannst überall klettern, weißt du, wie viele Bäume da rumstehen? Da brauchst du keine Boulderhalle mehr, ich schwör!«

»Mama«, habe ich gezischt. »Hast du gerade ›Ich schwör‹ gesagt? Hör auf damit, das ist echt peinlich. Und ICH BIN NICHT FÜNF. Ich klettere nicht auf Bäume.«

»Und die Schule in Rottloch ist einfach unglaublich«, hat Mama weitergeredet und dabei so versonnen aus dem Fenster auf die Straßenlaterne geguckt.

Und da hatte ich direkt keinen Bock mehr. Also null Lust, mich weiter zu unterhalten. Und deshalb habe ich das Handy ganz nah vor meine Augen gehalten, als hätte ich ein Sehproblem, und nur noch »Schön für dich« gemurmelt.

»Joshua«, hat Mama geseufzt. »Jetzt leg doch mal das Ding weg, ich rede mit dir. Willst du hier eigentlich noch eine Abschiedsparty machen?«

Aber ich habe nichts gesagt, sondern bin einfach aufgestanden.

»Wo willst du denn hin?«, hat Mama gerufen. »Jetzt hau doch nicht schon wieder ab!«

»Pissen«, habe ich gezischt und die Badezimmertür hinter mir zugeknallt.

Sie kapiert es einfach nicht. Wie kann sie bitte auf die Idee kommen, dass ich eine Abschiedsparty machen will?

Ich war gerade mal fünf Monate in meiner Schule in Hamburg, und mit den anderen aus meiner Klasse ist es so, wie wenn ich beim Bouldern in der Schlange stehe. Da sind die Leute vor mir und hinter mir ja auch nicht automatisch meine Freunde, nur weil wir zufällig am selben Ort sind und uns dort ab und zu sehen. Die sagen höchstens mal so was wie: »Und, läuft bei dir?«, und ich murmle: »Läuft«, und fertig.

Und ich würde die wohl kaum ZU EINER PARTY EINLADEN. Ich habe einfach keine Lust mehr, mir ständig neue Freunde zu suchen. In Neapel und Wien war das noch anders, aber da war ich auch noch klein. Da habe ich gar nicht kapiert, dass wir nicht lange bleiben werden, und zwar einfach deshalb, weil Mama und Sally nie irgendwo lange bleiben.

Bei Mama hat es mit dem Beruf zu tun, sie ist ja Künstlerin und überall zu Hause, sagt sie immer. Also überall, wo sie Inspiration findet. Was immer das sein soll, ist mir auch egal. Und Sally zieht eben mit, sie ist seit zwölf Jahren mit meiner Mutter zusammen und studiert noch. Sagt sie. Ich habe eigentlich noch nie gesehen, dass sie irgendwas studiert. Sie schmeißt bei uns den Haushalt und organisiert alles, und das ist auch gut, denn sonst würde hier nur Chaos herrschen.

Das klingt jetzt so, als würde ich Sally nur super finden, weil sie kocht und solche Sachen, aber das stimmt nicht. Sally ist in Ordnung und sie war eben schon immer da. Und sie bleibt für immer da. Sie versteht auch, dass ich keine Freunde habe oder besser gesagt keine Freunde haben will. Zumindest fragt sie nicht ständig nach. Nicht wie Mama.

Ich wüsste auch gar nicht, worüber ich bei einer Abschiedsparty reden sollte. Früher habe ich über so was nicht nachgedacht, aber irgendwann hat das eben angefangen, besonders mit Mädchen.

Wenn ich zum Beispiel vor der Schule Anna Herwig am Fahrradständer treffe, muss ich ja irgendwas sagen, weil wir uns schließlich kennen, sie ist in meiner Klasse. So. Und jetzt könnte ich einfach »Hi« rufen, und dann antwortet sie »Hi«, und ich frage vielleicht noch, ob sie Mathe gemacht hat, und fertig. Klingt einfach, aber nur eigentlich.

In Wahrheit stehe ich dann nämlich da wie ein Idiot mit meinem Fahrradschloss in der Hand und in meinem Kopf rattert es und ich will auf KEINEN FALL irgendwas Peinliches sagen. Und je länger ich nachdenke, desto weniger fällt mir ein, und am Ende sage ich gar nichts oder irgendwas komplett Bescheuertes. Und Anna zieht nur eine Augenbraue nach oben, als würde sie denken: Was für ein Idiot.

Und stimmt ja auch. Also ich kann schon verstehen, dass sie das denkt, weil ich mich ja auch wie ein Idiot benehme. Und ich weiß überhaupt nicht, warum das bei mir so ist, weil andere haben das nicht.

Tom Riefling zum Beispiel. Der denkt, glaube ich, über gar nichts nach und alle finden den super. Ich meine: WARUM? Zum Beispiel in Physik, da guckt er einfach so in der Gegend rum, und plötzlich grinst Anna ihn an, und er kritzelt irgendwas auf einen Zettel, den wir dann heimlich zu ihr durchgeben, und sie zieht ihre Pulloverärmel über die Hände und faltet ihn auseinander. Und in der nächsten Pause stehen die beiden dann zusammen am Fahrradständer und lachen sich kaputt.

Ich meine: WHAT?? Was zum Teufel hat Tom Riefling AUF DIESEN ZETTEL GESCHRIEBEN??? Ich habe Keine. Fucking. Ahnung. Und genau das ist mein Problem.

Aber das habe ich Mama logischerweise nicht erzählt. Auch nicht, als sie abends schon wieder von dieser Abschiedsparty angefangen hat.

»Was meinst du denn zu der Idee?«, hat Mama gefragt und in Sallys Richtung geguckt.

»Tja«, hat Sally geantwortet und mit den Schultern gezuckt. »Wenn Josh keine Party will, finde ich das okay. Das kann er doch selber entscheiden.«

Und da habe ich nur die Augenbrauen hochgezogen und Mama angeguckt und Biddeschön, da hörst du’s gedacht.

»Mann, ey«, hat Mama geseufzt und die Augen verdreht. »Hauptsache, ihr seid euch einig. Aber ganz ehrlich, Josh: Ich finde das nicht gut, dass du dich immer so absonderst. Weißt du, Menschen brauchen andere Menschen. Und ich hoffe wirklich, dass du an deiner neuen Schule Freunde finden wirst.«

»Die ist übrigens echt toll«, hat Sally gesagt und mich von der Seite angesehen.

»Ha, ha«, habe ich gemacht.

»Nee«, hat Sally geantwortet. »Dieses Mal wirklich. Das ist ein ganz neuer pädagogischer Ansatz, das klang echt spannend, als Pola und ich uns die Schule angeguckt haben.«

»Mönsch, Sally, du Spielverderberin«, hat Mama geseufzt. »Das sollte doch eine Überraschung für Josh werden.«

»Pola«, hat Sally geantwortet. »Du wolltest, dass das eine Überraschung wird. Ich habe gesagt, Josh ist nicht mehr sechs, der findet es besser, wenn er weiß, was ihn erwartet.«

»Ist ja gut!«, hat Mama gerufen und abwehrend beide Hände in die Luft gehalten. »Also, Josh: An deiner neuen Schule können die Kinder richtig viel mitbestimmen.«

»Die Kinder«, habe ich nur gesagt.

»Mann, Josh«, hat Mama geseufzt. »Die Jugendlichen. Die Jugendlichen an deiner neuen Schule können richtig viel mitbestimmen.«

»Toll«, habe ich gemurmelt und mein Handy aus der Tasche gezogen.

Und dann ging es endlich um was anderes, Sally und Mama haben über Kunst geredet und dass Mama sich weiterentwickeln und ab sofort mehr im virtuellen Raum arbeiten will und blabla und langweilig und ich habe nicht mehr zugehört.

»Ach so, Josh«, hat Mama irgendwann gesagt und in meine Richtung geguckt. »Eine letzte Installation mache ich hier aber noch. Die soll Teil einer Gemeinschaftsausstellung werden. Das Ganze ist für einen guten Zweck, deshalb habe ich zugesagt, obwohl mir das eigentlich alles zu viel ist.«

»Hm«, habe ich gemacht und am Handybildschirm auf Dragon gefeuert, weil wen interessiert das bitte.

»Die Erlöse der Ausstellung gehen an bedürftige Familien«, hat Mama gesagt und dabei an die Decke gestarrt.

»Ich habe noch keine echte Idee, aber seit heute zumindest eine grobe Richtung im Kopf. Sag mal, könnte ich ein paar alte Sachen und Fotos von dir haben?«

»Hä?«, habe ich gemacht und in derselben Sekunde den Booster gewonnen, also dreißig Sekunden lang doppelte Punktzahl für jeden Treffer.

»Falls ich die am Ende wirklich verwende, würde ich dein Gesicht natürlich unkenntlich machen«, hat Mama weitergeredet. »Du würdest mir damit echt helfen.«

»Hmm«, habe ich gemurmelt und mit beiden Daumen abwechselnd aufs Display getrommelt, und das waren 10.000 Punkte in 15 Sekunden.

»Josh!«, hat Mama gerufen und ist aufgesprungen. »Ich rede mit dir, verdammt noch mal. Jetzt packst du das Ding weg, und zwar sofort!«

Und dabei hat sie quer über den Tisch nach meinem Smartphone gegriffen und es mir weggerissen.

»Mama«, habe ich gebrüllt und bin auch aufgesprungen. »Tickst du nicht ganz sauber? Gib das sofort zurück, das ist meins!«

»Joshua«, hat Mama ganz leise gesagt, aber nicht nett leise, sondern gefährlich leise. »Wie redest du denn mit mir? Habe ich zu dir vielleicht schon mal ›Tickst du nicht ganz sauber‹ gesagt?«

»Mama«, habe ich geschrien und nach meinem Handy gegrapscht. »Ich hab Booster und die Zeit läuft ab. Ich kann auf Platz eins der Rangliste kommen!«

»Vergiss es«, hat Mama gezischt und mein Handy in die Küchenschublade gefeuert. »Bevor du nicht wieder normal bist, bleibt dein Handy hier.«

»Du kannst mich mal«, habe ich geschrien und bin vom Sofa aufgesprungen und rausgerannt. »Du und dein Gelaber und deine Scheißkunst. Mach doch, was du willst!«

Tja, was soll ich sagen. Also hätte ich in diesem Moment geahnt, was aus der ganzen Sache wird, wäre ich verdammt noch mal sitzen geblieben.

2

Vielleicht hätte ich misstrauisch werden sollen, als mein Globus nicht mehr auf der Fensterbank stand. Der, den ich von Mama gekriegt habe, bevor wir zum ersten Mal nach Neapel gegangen sind.

Aber auf der anderen Seite: Wer kommt denn auf so was? Auf so eine komplett bescheuerte Idee, meine ich. Also, außer Mama, meine ich.

Sie hat überhaupt nicht mehr über die Ausstellung geredet. Nicht beim Abendbrot, nicht am nächsten Tag und die ganzen nächsten Wochen auch nicht. Und für mich war das Thema abgehakt, denn ich hatte das logischerweise nicht ernst gemeint, als ich gesagt habe: Mach, was du willst.

Mir ist nämlich schon klar, was dabei rauskommt, wenn Mama erst mal loslegt. Wenn die einen Einfall hat, ist sie wie besessen und kann an nichts anderes mehr denken. Keine Ahnung, es kann zum Beispiel sein, dass sie am Tisch aus dem Fenster starrt und plötzlich aufspringt und in ihr Atelier rast. Und dann bleibt sie dort und kommt nicht zum Mittagessen und auch nicht zum Abendbrot, sondern stattdessen hören wir tagelang nur Hämmern und Schweißen und laute Musik.

Und irgendwann ist Mama dann wieder da, etwas blasser und schmaler als vorher, aber auch zufrieden irgendwie. Und wenn Sally und ich dann gucken, steht im Atelier ein Riesenungetüm-Kunstwerk, das aus lauter alten Gegenständen besteht, aus Einkaufswagen und Plastiktüten und Kleidungsstücken und Schlafsäcken, aber das erkennt man erst auf den zweiten Blick, weil nämlich alles weiß lackiert ist.

Auf jeden Fall ist Mama völlig egal, dass dieses Ding NIE IM LEBEN durch irgendeine Tür passt, und sie zuckt einfach mit den Schultern und sagt: »Das Schild fehlt noch. Die Skulptur heißt ›Homeless‹.« Also so war das zumindest bis vor ein paar Monaten. »Es geht bei Kunst nicht um den praktischen Wert«, sagt Mama immer, »sondern um den tieferen Sinn.« Und keine Ahnung, was das bedeuten soll, aber ich frage auch nicht nach, weil sonst fängt Mama sofort an zu reden und hört nicht mehr auf, über WAHRHEITINDERKUNST und OFFENHEIT und BLABLABLA.

Eigentlich wollte ich aber was ganz anderes erzählen. Also: Mein Globus war weg, aber sonst alles wie immer. Ich bin zur Schule gegangen und habe rumgesessen und mit keinem geredet, und dann bin ich wieder nach Hause gefahren und Bouldern gegangen. Bis auf letzten Dienstag, da war Wandertag. Wandertag heißt nicht, dass man wandern geht, sondern nur, dass die Klasse irgendwas unternimmt. Die Parallelklasse ist ins Jumphouse gefahren, aber die haben ja auch Herrn Müller, und der ist super. Und wir Frau Kruppke. Und Frau Kruppke ist, tja, Frau Kruppke eben.

»Kinder«, hat sie ein paar Tage vorher gerufen, und die merkt noch nicht mal, dass da schon alle genervt sind. »Kleine Planänderung für Dienstag. Wir gehen doch nicht ins Naturkundemuseum, sondern ins Beuys-Forum für moderne Kunst. Die haben sich kurzfristig bei uns gemeldet, weil im Beuys-Forum am Mittwoch eine ganz tolle Ausstellung eröffnet wird, und wir bekommen am Wandertag nun eine exklusive Vorabführung für Schulklassen.« Und dabei hat sie ganz aufgeregt die Haarnadeln zurück in ihren grauen Dutt gesteckt, als wäre eine kostenlose Vorabführung ungefähr so aufregend wie, keine Ahnung, ein Sack Geld, den jemand in die Klasse kippt.

»Das ist wirklich etwas Besonderes«, hat sie gerufen. »Da stellen die bedeutendsten Künstler der Gegenwart ihre Werke aus, und ihr seid die Ersten, die sie zu Gesicht bekommen. Das ist doch toll. Seid bitte rechtzeitig da, wir treffen uns um Punkt acht Uhr vor dem Gebäude.«

Joaa, und das haben wir dann gemacht. Ich war früh dran und habe mich auf einen Stein vor den Eingang gesetzt. Direkt hinter der Glasfront stand eine riesige Skulptur, die aussah, als wäre sie aus Butter, aber in echt war das Plastik, und ernsthaft jetzt, was soll der Scheiß.

»Guten Morgen!«, hat Frau Kruppke gerufen, als alle da waren. »Wir bleiben bitte zusammen, gleich kommt der Guide, der uns hineinlässt!«

Und da ist auch schon ein Typ hinter der Glasscheibe aufgetaucht und hat mit Riesenaufwand die Tür aufgeschlossen, erst eine Sicherung unten und dann eine oben, und danach musste er auch noch einen Riegel zur Seite schieben, als würde er in seinem Laden, keine Ahnung, eine Special-Edition Jordans für 2000 Euro das Paar sichern und keine Plastikbutter.

»Hallo und herzlich willkommen im Beuys-Kunstforum«, hat er uns begrüßt. »Schön, dass ihr da seid.«

Und dann ging es los: Das Beuys-Kunstforum wurde eröffnet 1987 und ist eines der bedeutendsten Museen für moderne Kunst und blablablablubbblubbblubb. Dieser Museums-Fred hat vor sich hin geredet und wir sind einfach hinter ihm hergetrottet. Im Eingang stand in riesigen Buchstaben Family Affairs, und so hieß jetzt also die Ausstellung.

Joaa, was soll ich sagen, alles maximal uninteressant. Nur im fünften Raum kam ein bisschen Stimmung auf, da hing nämlich ein Riesenfoto mit zwei Nackten, und die waren mindestens 60, also ein uralter Typ neben einer uralten Frau, und die liegen im Bett und schlafen.

»Alter, ist das widerlich!«, hat Tom Riefling gerufen und sein Handy rausgezogen. »Was da alles hängt, ey!«

»Tom«, hat Frau Kruppke gezischt und sich vor ihm aufgebaut. »Jetzt ist Schluss. Das ist ein Selbstporträt der Künstlerin mit ihrem Mann. Und was da hängt oder nicht, geht dich gar nichts an.«

»Sorry mal eben«, hat Tom gesagt. »Ich dachte, wir sollen uns das angucken. Aber ohne Meinung, oder was?«

»Tom, ich warne dich«, hat Frau Kruppke gerufen, aber da hat sich schon der Museums-Typ eingemischt und gesagt, natürlich soll hier jeder seine Meinung sagen, auch dafür ist Kunst da, um miteinander ins Gespräch zu kommen, und rödelladödel, und Tom darf auch ein Handyfoto von dem Bild machen, nur bitte ohne Blitz.

So. Und was jetzt kommt, glaubt kein Mensch. Wenn das in einer Serie vorkäme, würde ich denken: Als wenn. So was passiert einfach nicht im wirklichen Leben. Mir wird immer noch heiß und kalt, wenn ich daran denke, und ich kriege sofort hektische Flecken am Hals. Falls außer mir noch jemand Ausschlag von Peinlichkeit kriegt, lieber nicht weiterlesen. Oder erst wieder ab Kapitel 3.

In den nächsten Raum bin ich als Letzter gekommen. Vor mir haben sich alle zusammengedrängt, und auf einmal war es unruhig, und plötzlich ging auch noch ein Song an. Fühlst du das auch in Endlosschleife. Ich höre das gerne, aber Mama ist davon megagenervt und sagt immer, sie kapiert nicht, was dieser sexistische Müll soll.

In der ersten Sekunde dachte ich sogar noch, irre, ist da vorne Apache 207 oder was, aber klaro, dass das Quatsch war, weil was sollte der denn hier?

Aber manchmal hat man ja plötzlich so ein komisches Gefühl. Eigentlich ist alles wie vorher, aber trotzdem spürt man, dass irgendwas falsch ist. Also schlimm ist. Also, dass gleich irgendwas Schlimmes passiert.

Keine Ahnung, warum, aber ich habe »Sorry, darf ich mal« gesagt und mich nach vorne durchgedrängelt.

Und da habe ich es gesehen. Ich habe es gesehen und gleichzeitig nicht gesehen, ich habe einfach nur gestarrt, und mein Gehirn war zu langsam, und meine Ohren haben gerauscht, wie wenn man im Urlaub so eine Muschel dranhält.

Denn dort vorne stand eine Skulptur.

Ein Mensch aus Glas. Oder Plastikschrott, keine Ahnung, ist auch egal, auf jeden Fall durchsichtig.

Großer Kopf, lange Arme und Beine, riesiger Oberkörper.

Und statt Organen hatte da irgendjemand Gegenstände installiert.

Einen Leuchtglobus als Magen.

Ein gewundenes Kletterseil als Gehirn.

Zerbrochene und neu zusammengesetzte Handyhüllen als Lungen.

Und das waren nicht irgendwelche Gegenstände.

Das waren meine Gegenstände.

Und genau in der Sekunde dröhnte plötzlich wieder der Song los, Fühlst du das auch in Endlosschleife, und ich schwöre, nie wieder in meinem Leben höre ich das Lied freiwillig. Denn hinter der Skulptur sind nun Bilder aufgeblitzt, einfach so auf der weißen Wand.

Und zwar nicht irgendwelche Bilder.

Fotos. Von. Mir.

Fühlst du das auch? – Joshua mit drei Jahren NACKT IN EINER BLECHWANNE.

Fühlst du das auch? – Joshua ohne Vorderzähne bei seiner Einschulung.

Fühlst du das auch? – Joshua mit Idiotenbrille mit dem abgeklebten Auge.

Fühlst du das auch? – Joshua bei irgendeiner Mottoparty von Sally und Mama IN EINEM RÜSCHENKLEID.

Mama hat zwar bei jedem Bild mein Gesicht geblurrt, aber ich war trotzdem deutlich zu erkennen. Kam mir jedenfalls so vor. Anna hat die Augen zusammengekniffen und Linda irgendwas zugeflüstert. Zum Glück hing wenigstens nirgends Mamas Name, sonst hätten die anderen das sofort kapiert. Also, dass ich das bin. Also, dass nur ich das sein kann auf den Fotos.

»Die Erschafferin dieses Werks heißt Pola Berlin«, hat nun der Museumstyp gerufen, und am liebsten wäre ich zu ihm gestürzt und hätte ihm den Mund zugehalten. »Sie ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Es heißt ›Mutterliebe‹.«

Und da habe ich noch gehofft. Ich habe immer noch gehofft, dass wir einfach weitergehen in den nächsten Raum und alles ist gut. Aber dann hat Tom Riefling sich zu mir umgedreht, und das war’s. Er hat mich angegrinst, und zwar so, dass ich jeden einzelnen seiner weißen Zähne sehen konnte, und am liebsten hätte ich ihn geschlagen.

»Berlin?«, hat er so ganz lang gezogen gefragt. »Die heißt Beeerlin mit Nachnamen??«

»Joshua!«, hat nun Lea geschrien, wer sonst. »Ist die Skulptur von deiner Mutter? Bist du das auf den Fotos?« Und dabei hat sie mit dem Finger auf mich gezeigt, als hätte sie mich persönlich erfunden.

»Das gibt’s doch nicht!«, hat der Museumstyp gerufen und die Augen aufgerissen. »Du bist der Sohn von Pola Berlin? Meine Güte, wie findest du denn ihr Kunstwerk? Das muss für dich doch ein unglaubliches Gefühl sein, dass dir eine so eindrucksvolle Skulptur gewidmet worden ist!«

Tja, was soll ich sagen. Da bin ich gegangen. Einfach so. Ich habe mich auf dem Absatz umgedreht und bin zur Tür marschiert. Und dabei habe ich so getan, als würde ich nichts hören, und habe auch nicht geantwortet, als Tom mit Zwitscherstimme »Muuutterliebe« hinter mir hergerufen hat. Und auch nicht, als Anna Herwig zu Linda »Krass, oder, dass man mit so einem Müll Geld verdienen kann« gesagt hat.

Ich bin ohne anzuhalten quer durchs Museum gegangen und dann gerannt, vorbei an den Nackten und der Plastikbutter und dann raus und auf mein Fahrrad und bin nach Hause gerast, als wären 1000 Rieflings hinter mir her. Die sehen mich nicht wieder. Nie. Mehr. Wieder. Und ich werde nie, nie, niemals wieder mit einem von denen reden.

»Mama«, habe ich geschrien und die Tür zu ihrem Atelier so aufgerissen, dass die hinten an die Wand geknallt ist.

»Joshua«, hat Mama gerufen, und vor Schreck ist ihr der Tee umgekippt, aber nicht auf die Computertastatur gelaufen. »Was ist denn los?«

»Was los ist?«, habe ich gejapst, und ganz ehrlich, das fühlte sich an, als würde jedes einzelne Wort aus meinem Hals springen und Mama direkt ins Gesicht. »Soll das ein Witz sein? Du machst mich zum Idioten der ganzen Klasse und fragst mich, was los ist?«

»Wie meinst du das?«, hat Mama gefragt und dabei langsam die Arme sinken lassen.

»Wie ich das MEINE?«, habe ich geschrien, und ganz ehrlich, ich wusste überhaupt nicht, wohin mit mir. »Mama! Die lachen sich alle tot über mich. Du bist einfach so was von peinlich!«

»Äh«, hat Mama gestottert, und ich konnte in ihrem Gesicht sehen, dass sie total verwirrt war. Sie hat mich nur angestarrt und gar nichts mehr gesagt.

»MUTTERLIEBE?«, habe ich gebrüllt. »Beuys-Kunstforum??«

»Moment«, hat Mama gesagt und sich auf einen Sessel sinken lassen. »Du warst in der Ausstellung? Mit deiner Klasse? Warum? Die ist doch noch nicht mal eröffnet!«

»Was weiß ich, warum«, habe ich geschrien und dabei hat sich sogar meine Stimme überschlagen. »Scheiß-Voraberöffnung am Scheiß-Wandertag. WIESO hast du das gemacht? Und WARUM hast du mir nichts davon erzählt?«

»Ich wusste das nicht«, hat Mama gerufen. »Josh, wirklich nicht, das musst du mir glauben. Wie soll ich denn auf die Idee kommen, dass ausgerechnet du mit deiner Klasse in so eine Ausstellung gehst? Und außerdem habe ich dich doch anonymisiert, man kann dich überhaupt nicht erkennen auf den Bildern!«

»Mama«, habe ich gejapst. »JEDER kann mich erkennen. Die anderen haben genau drei Sekunden gebraucht, um zu sehen, dass ich das bin!«

»Was ist denn hier los?«, hat plötzlich Sally gesagt.

»Frag sie!«, habe ich gebrüllt und auf Mama gezeigt. »Ganz tolle Idee!«

»Ja«, hat Mama gesagt, und auf einmal klang sie nicht mehr kleinlaut, sondern sauer. »Richtig, Josh. Ich habe mir das ausgedacht, ich ganz allein. Ich wollte da morgen mit dir zusammen hingehen und … Ach verdammt. Ja okay, wahrscheinlich war das bescheuert von mir. Aber irgendwie habe ich gedacht, vielleicht freust du dich sogar darüber.«

»Na klar«, habe ich geschrien und mich dabei fast an meiner eigenen Spucke verschluckt. »Hat super funktioniert! Danke Mama!«

Und schon habe ich mich umgedreht und bin in mein Zimmer gerannt und habe die Tür hinter mir zugeknallt, dass fast die Wand auseinandergebrochen ist.

Tja, und das war’s. Danach bin ich einfach nicht mehr zur Schule gegangen, und Sally hat gesagt, ist in Ordnung, sind ja eh nur noch ein paar Tage bis zu unserem Umzug nach Rottloch. Und nun bin ich also hier. In diesem Kaff. Mit Mama. Oder besser gesagt ohne Mama. Denn die ist ja noch immer im Gasthof verschwunden.

3

Gut. Also ich geh da jetzt rein. Was soll schon passieren, ich marschiere einfach durch die Landgasthof-Rottloch-Tür und suche Mama. Da ist ja nichts dabei. Und falls ich sie nicht finde, kann ich einfach jemanden fragen. Aber warum sollte ich sie nicht finden? Die sitzt ja nicht im Keller.

Ich klettere aus dem Transporter, und zwar ohne nach hinten zu gucken, denn da kommt sowieso keiner. Kein Auto und kein Bus, nix. Und niemand hupt. Stattdessen zwitschert ein unsichtbarer Vogel in der Mittagshitze vor sich hin und auf dem Bürgersteig leuchten blaue Altpapier-Mülltonnen in der Sonne, und echt jetzt, Mama, in Rottloch ist aber richtig was los.

»Spinnst du?«, schreit eine Stimme durch die Stille, und schon quietschen Bremsen, und auf einmal steht da ein Aufsitzrasenmäher, und zwar exakt einen Zentimeter neben meinem rechten Knie.

»Äh!«, mache ich und starre erst auf mein Knie und dann auf den Fahrer, und was ist das denn für ein Zwerg? Kein Witz, der ist höchstens sechs und sein Kopf steckt unter einem riesigen Motocross-Helm mit giftgrünem Totenkopf über dem Visier.

»Du stehst auf meiner Strecke«, schreit der Junge und stiert mich durch den Sehschlitz an. »Und jetzt ist meine ganze Bestzeit kaputt.«

»Äh«, mache ich noch mal und schüttle den Kopf, und keine Ahnung, was das wird, aber anscheinend fahren in Rottloch schon Kinder Rasenmähertrecker-Rennen.

»Mann«, zischt der Junge und dreht sich um. Er rückt die Ziegelsteine hinter sich auf dem Sitz wieder gerade. »Sitzkontakt«, murmelt er dabei. »Ich bin zu leicht. Die Steine drücken das Polster nach unten. Der Motor geht erst an, wenn man vierzig Kilo wiegt.«

»Ah«, antworte ich, obwohl ich gar nichts kapiere.

»Willst du mitfahren?«, fragt der Junge. »Dann lass ich die Steine hier. Aber du sitzt hinten.«

»Lass mal«, sage ich. Ich drehe mich zum Gasthof um und drücke gegen das Heute Schnitzelbuffet-Schild an der Eingangstür.

»Du musst ziehen«, ruft der Knirps hinter mir her. »Das ist bei Kneipen immer so. Die Türen gehen nach außen auf, damit man leichter Besoffene rausschmeißen kann, sagt Papa.«