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Fünfundzwanzig Revolutionäre äußern sich zu ihren Prozessen, als Angeklagte und als Ankläger, meist in der Form eines Schlußworts. Die Staatsanwälte breiten eine reiche Auswahl von Tatbeständen aus, vom Vergehen gegen die Zensurbestimmungen bis zum Hochverrat, von der Zusammenrottung bis zum Mord, von der Brandstiftung bis zum bewaffneten Umsturz. Die Wahrheit aber ist, daß die Handlungen der Angeklagten mit keinem Strafgesetzbuch der Welt zu fassen sind. Nur gescheiterten Revolutionen ist mit der politischen Justiz zu begegnen. Die Urteile gegen die Autoren dieses Bandes reichen vom Freispruch bis zum Tod durch Erhängen; aber ihre Rechtskraft währt nur solange wie die Macht der herrschenden Klasse, die sie gefällt hat. Der Titel des Buches nimmt ihre Revision vorweg. Es steckt als Zitat in dem berühmten Schlußsatz aus Fidel Castros Verteidigungsrede vor dem Standgericht zu Santiago de Cuba: »Verurteilen Sie mich, meine Herren; darauf kommt es nicht an. Die Geschichte wird mich freisprechen.«
Die Auswahl beginnt mit Babeuf und endet mit Kurón und Modzelewski, zwei jungen Polen. Die beiden Grenzfälle des Buches signalisieren den Eintritt der bürgerlichen wie den der sozialistischen Revolution in eine reaktionäre Phase. Das Buch handelt also im wesentlichen vom revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie. Ein besonderer Platz wird den Führern der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt eingeräumt. Jedes der Plädoyers ist mit einem historischen Kommentar versehen. Ein Essay des Herausgebers beschließt den Band.
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Seitenzahl: 771
Veröffentlichungsjahr: 2021
Freisprüche Revolutionäre vor Gericht
Herausgegeben von
Hans Magnus Enzensberger
Suhrkamp
Frankreich 1797:François Noël, genannt Gracchus Babeuf
Vereinigte Staaten von Amerika 1831:Nat Turner
Frankreich 1832:Louis-Auguste Blanqui
Deutschland 1849:Karl Marx
Rußland/Deutschland 1850:
Michail Aleksandrovic Bakunin
Frankreich 1871:Charles-Théophile Ferré
Deutschland 1872:Wilhelm Liebknecht
Rußland/Frankreich 1883:Petr Alekseevič Kropotkin
Vereinigte Staaten von Amerika 1886:August Spies
Rußland 1884:Vera Nikolaevna Figner
Rußland 1887:Aleksandr Il'ič Ul'janov
Frankreich 1891:Leveillé
Rußland 1906:Alexander Parvus-Helphand
Rußland 1906:
Lev Davidovič Bronštejn, genannt Trockij
Deutschland 1914:Rosa Luxemburg
Deutschland 1919:Eugen Leviné
Italien 1923:Amadeo Bordiga
Indonesien/Niederlande 1928:Mohammad Hatta
Bulgarien/Deutschland 1933:
Georgi Michajlov Dimitrov
Cuba 1953:Fidel Castro
Iran 1958:Khosro Ruzbeh
Südafrika 1966:Abram Fischer
Frankreich/Bolivien 1967:Régis Debray
Polen 1965:Jacek Kuroń und Karol Modzelewski
Nachbemerkung
Dieser Prozeß ist der Prozeß der Französischen Revolution; von seinem Ausgang wird das Schicksal der Republik abhängen. Der Royalismus wacht an allen Ausgängen dieses Heiligtums. Seht, wie er alles belauert, was vorgeht! Wie die kleinsten Umstände, nach seinem Belieben zurechtgebogen, seinen Tausenden von Verbindungsleuten weitergegeben werden, die sie gierig aufnehmen und den Augenblick der Entscheidung herbeiwünschen. Zittert vor dieser Zeit, Ihr alle, die Ihr die Menschen liebt! es wird die Zeit der großen Rache sein. Seht, wie die Tür weitreichenden Verfolgungen offensteht; seht das allgemeine Signal für den Tod der Republikaner... Haben nicht schon die Ereignisse des Floréal als Vorwand dazu gedient, sie offen zu bekämpfen? Mein Name hatte bereits den verhängnisvollen Ruhm erlangt, eine Sekte zu bezeichnen, die sie alle umfaßte, die sie alle dem Dolche weihte... Die Beiworte Robespierristen, Terroristen, Jakobiner und Anarchisten waren verschwunden: das der Babouvisten hatte sie ersetzt. Die Mörder hatten vielleicht Anlaß, eine Zeitlang vor unserer Beseitigung zurückzuschrecken; sie mäßigten ihre Wildheit, sie hielten ein mit ihren wütenden Hieben oder nahmen ihnen zumindest die Stoßkraft. Aber die Waffenruhe, die sie gewährten, wird nur so lange dauern, bis sie unser Schafott erblicken. Macht Euch dann auf ein allgemeines Abschlachten gefaßt! ... Die Bezeichnung Führer, mit der sie uns beehren, mit der sie uns beschenken, wird ihnen als Vogelscheuche und Gespenst dienen, um allerorts die Mutlosigkeit und Verwirrung zu vergrößern; Bestürzung, Verzeiflung und Betäubung werden über unsere Freunde, über alle Anhänger der Freiheit kommen; und die royalistischen Schwerter, die man überall noch ungestrafter zur Schau tragen wird als bisher, werden endlich den Erdboden vom Geschlecht der Republikaner befreien und leicht und schnell nach dem Interregnum der Revolution die Capetingerherrschaft wiederherstellen. Als erstes wird man Tausende von guten Citoyens, alle eingeschriebenen Republikaner, wie in einer riesigen ersten Gruft auf meine angeblichen Missetaten hin in den Anklagebüchern begraben sehen... Traurige Prophezeiung! Doch so beklagenswert sie ist, sie kann in Erfüllung gehen. Wie viele andere sind im Laufe der Revolution nicht schon gemacht worden, aus denen man keinen Nutzen hat ziehen wollen! [...]
Es ist notwendig, meine Verteidigungsrede sinnvoll zu gliedern. Da man mich an allen Stellen der angeblichen Verschwörung hat finden wollen, werde ich gezwungen sein, die Angelegenheit im allgemeinen Zusammenhang zu behandeln. Es scheint mir empfehlenswert, dem Rahmen des Exposés der Staatsanwaltschaft vom 6. Ventôse zu folgen. Indem ich nacheinander ihre Darlegung mit den Beweisen vergleiche, die aus der Untersuchung der Aktenstücke und der während der Verhandlung gewonnenen Einsichten hervorgehen, wird es mir vielleicht gelingen, einen Anklageplan zunichte zu machen, der, das muß man zugeben, recht geschickt ersonnen ist. Ich werde zeigen, wie unbegründet zahlreiche seiner Parallelen sind, und alle schwachen Punkte eines Gewebes aufdecken, das sich fast nur auf Mutmaßungen, Annahmen und Möglichkeiten gründet. Ich werde Stein für Stein das Gebäude der angeblichen Verbrechen und nur in der Vorstellung vorhandenen zerstörerischen Pläne abtragen [...]
Was mich betrifft, so hat man es – obwohl ich ursprünglich als Anführer des angeblichen Komplottes bezeichnet worden war – zu Beginn des Exposés vom 6. Ventôse für richtig befunden zu sagen, daß es erst nach der Verhandlung möglich sein werde, genau zu bestimmen, welchen Anteil jeder der Angeklagten daran genommen haben mag.
Aber die Staatsanwaltschaft hat vor dieser Verhandlung und in demselben Schriftsatz nicht zu versichern gezögert, »es stehe nunmehr fest, die Unterlagen bewiesen bereits und es sei unmöglich zu leugnen, daß tatsächlich eine Verschwörung bestanden habe... « Diese vier letzten Worte sind in großen Buchstaben auf Seite zwei des Exposés hervorgehoben. Auf diese Weise hat man zweifellos vor allen Nachforschungen ein Vorurteil in die Seele der hohen Jury bringen und sie ohne Rücksicht auf das Beweismaterial daran hindern wollen, an der Existenz einer so schwerwiegenden Tatsache zu zweifeln.
Was war das Ziel jener Verschwörung? Das Exposé sagt es ebenfalls auf Seite zwei: »Die Regierung zu zerstören und die legitimen Autoritäten zu vernichten, zahllose Bürger dem Massaker auszuliefern und jegliches Eigentum der Plünderung preiszugeben.«
Welchen Eindruck hat eine solche Anschuldigung nicht im ersten Augenblick erwecken müssen! Heute, da die Zeit und das auf die Anklage gefallene Licht ihre wirkliche Bedeutung gezeigt haben, weiß man, woran man sich zu halten hat, und wir können uns die Mühe sparen, den Schrecken und die Entrüstung zu mildern, die eine solche Behauptung anfänglich hervorrufen mußte.
Wir können uns also den Fakten zuwenden und die Darstellung der Staatsanwaltschaft mit der unseren vergleichen.
Zu Beginn haben die Staatsanwälte zu definieren gesucht, »was das Verbrechen der Verschwörung ausmacht und welches die Züge sind, an denen man es notwendigerweise erkennt«.
Meine Verteidigung wird so aufgebaut sein, daß ich ihnen bei dieser Untersuchung folge.
Sie haben ihrer Analyse eine Reihe von merkwürdigen Ausführungen oder »Betrachtungen über die Revolution« vorausgeschickt. Dies war notwendig als Vorspiel für die Konsequenzen, zu denen man gelangen wollte. Man mußte, um die Männer dieser Revolution mit Schande bedecken zu können, die Revolution selbst zu einem langen, allzu lange unbestraft gebliebenen Verbrechen machen. Ihre schönsten Tage, als sie über alle ihre Feinde triumphierte und am ruhmvollsten die Rechte des Volkes triumphieren ließ, sind die, deren Ergebnisse man mit den scheußlichsten Bildern darstellt. Unter dem Namen der Irreligion bedauert man ihren »Fanatismus«. Man nennt alle glücklichen Änderungen, die der Einrichtung der Republik folgen sollten, sozialen Umsturz. Alles, was unerläßlich war, um den Widerstand der Vaterlandsfeinde zu brechen, wird als Unordnung bezeichnet, als Brigantentum und als Mord. Die Gesetze, die dem Elend aufhelfen sollten, sind nur Verwüstungen. Alle, die zur Stärkung der Republik beigetragen haben, werden allgemein als Metzger bezeichnet, als Söhne der Anarchie, als verbrecherische Geschöpfe, als unerhörte Monster. »Alle, die sich selbst als Patrioten proklamierten (so wird dort wörtlich gesagt) – sie sind es, die das Vaterland zerrissen, verstümmelt und zerfleischt haben.«
Bei so diametral entgegengesetzten Anschauungen ist es nicht erstaunlich, daß die Ankläger und wir in allen Punkten anderer Meinung sind, daß sie und wir zu völlig verschiedenen Konsequenzen gelangen. Was sie das letzte Übel nennen, ist für uns das höchste Gut; was sie als grausames Verbrechen bezeichnen, ist für uns der Höhepunkt der Tugend. Und während sie Mitleid empfinden mit dem Kummer, den die Revolutionszeit einer kleinen Anzahl der Glücklichen dieser Erde vielleicht verursacht hat, haben wir über die Übel gestöhnt, die die Massen niemals aufgehört haben zu erleiden; wir haben über alle geweint, die die Hungersnot dahingerafft, über die nicht weniger Unglücklichen, die sie geschwächt hat, über alle, die durch infame Bankerottschwindel, Finanzgeschäfte und Manöver aller Art ihrer letzten Lumpen beraubt worden sind. Während jene Leute Tränen über die wenigen Opfer einer bevorzugten Kaste vergießen, rühren uns die Tausende von Republikanern, deren Blut an den Grenzen geflossen ist, und die vielen anderen, die man ungestraft seit der unheilvollen Reaktion ermordet hat. Unsere Ankläger nennen die Anhäufung aller Vorteile für diese, schon allein durch ihren Reichtum so starke Minderheit Ordnung; sie nennen die servile Abhängigkeit der meisten von dieser Handvoll Privilegierter Ordnung. Wir aber nennen dies Unordnung, weil es für uns nur dort Ordnung gibt, wo alle frei und glücklich sind.
Daher ist für unsere Ankläger der Wunsch, die von ihnen so verstandene Ordnung zu stürzen, um an ihre Stelle die von uns eben definierte zu setzen, gleichbedeutend mit Verschwörung.
Verschwörung, sagen sie, sei der Wunsch, die bestehende Regierung zu stürzen... Diese Definition kann man wörtlich in den ersten beiden Zeilen von Seite sechs des Exposés der Staatsanwaltschaft nachlesen.
Aber ist diese Definition richtig? ... Sollte nicht für unseren Fall eine richtige Definition des Wortes Verschwörung für die Verteidigung der Angeklagten von großer Bedeutung sein? [...]
Die größte Häresie in der Politik ist es vielleicht zu sagen, daß jeder Versuch, eine bestehende Regierung zu stürzen, bereits eine Verschwörung sei.
Diesem Grundsatz zufolge wären die Völker nämlich dazu verdammt, in Ewigkeit die Regierung zu behalten, die einmal etabliert ist, so verabscheuungswert und schlecht sie auch sein mag. Das Prinzip der Souveränität des Volkes ist damit völlig verleugnet; man fällt zurück in das System der Könige von Gottes Gnaden, und nach diesem System war der Aufstand vom 14. Juli 89, der eine bestehende Regierung stürzte, in der Tat eine verbrecherische Verschwörung. [...]
Ich sah unter dem gegenwärtigen Regime die Souveränität des Volkes mißachtet: Das Recht zu wählen und gewählt zu werden ist ausschließlich einigen Kasten vorbehalten. Ich sah die Privilegien wieder auftauchen: Neue, hassenswerte Unterscheidungen zwischen aktiven und passiven Bürgern sind aufgekommen. Ich sah alle Garantien seiner Freiheit vernichtet: Es gibt keine wirkliche Pressefreiheit mehr; kein Versammlungsrecht mehr; kein Petitionsrecht mehr; nicht mehr das Recht, Waffen zu tragen. Ich sah das kostbare, mit der Souveränität so eng verbundene Recht, Gesetze zu bestätigen, ebenfalls dem Volk genommen und einer zweiten Kammer überantwortet, während man doch die ganze Revolutionszeit über lauthals gegen das System der zwei Kammern geschrieen hatte. Ich sah eine sehr kleine Exekutive, die nicht vom Volk ernannt werden konnte. Ich sah dieses Organ mit großer Macht versehen, mit dem Recht, fast alle Volksvertreter abzuberufen und nach Belieben zu ersetzen. Ich sah die öffentliche Fürsorge, die öffentliche Erziehung vergessen... Die Verfassung, die unserer jetzigen vorausgegangen war, hatte mir ganz andere Dinge verheißen.
Ich hatte gesehen, wie jene Verfassung vernichtet, dafür die heutige gegen den Willen des Volkes eingesetzt worden war.
Jene war garantiert durch vier Millionen achthunderttausend sehr entschiedener, gänzlich freiwilliger und sehr einmütiger Wähler, diese dagegen stützt sich nur auf neunhunderttausend sehr zweideutige Stimmen.
Von einer Verschwörung gegen die legitime Autorität und gegen den verbindlichen Staatsvertrag des französischen Volkes konnte in meinen Augen also schon deshalb gar keine Rede sein.
Ich glaube bereits gezeigt zu haben, was es heißt, sich gegen die legitime Autorität zu verschwören, und einen allgemeinen Überblick über meine Absichten gegeben zu haben, die ferne davon, gegen eine solche Autorität gerichtet zu sein, immer ihre Existenz und Festigung zum Ziel hatten. Um diese meine Absichten besser zu verstehen, ist es nötig, ins Detail zu gehen. Ich werde daher eine Analyse meines Verhaltens in bezug auf das politische und revolutionäre Apostolat geben, das ich zu erfüllen hatte.
Man hat den Ursprung der angeblichen Verschwörung auf die Nummern meiner Zeitung Tribun du peuple zurückgeführt, die seit der Zeit des 13. Vendémiaire erscheint. Man hat sie zu einer der Hauptgrundlagen der Anklageschrift gemacht, und mehrere der anwesenden Angeklagten sind nur hier, weil sie diese Zeitung gebilligt, gelesen, abonniert und verteilt haben. Man hat die angebliche Verschwörung mit den Maximen in Zusammenhang gebracht, die ich darin gepredigt habe; die Prinzipien des allgemeinen Glücks, die ich entwickelte, die Lehre der wirklichen Gleichheit, die ich propagierte, die Schilderungen des allgemeinen Elends, das ich, wie man sagt, absichtlich übertrieben und zu Unrecht der Regierung zugeschrieben haben soll, während es doch nur das Ergebnis der Umstände gewesen sei... Man hat schließlich in dem Exposé vom 6. Ventôse gesagt, »daß diese Schriften als Mittel zur Verwirklichung eines geplanten Aufstandes angesehen werden, der das erste Ziel der Verschwörung ist«. Ich muß also auch von allen diesen Schriften sprechen, da sie eine notwendige Voraussetzung für meinen Ruf als Verschwörer sind. Ich muß sagen, was mich zur Veröffentlichung der Tatsachen und der Lehren, die man mir vorwirft, bestimmt, was mir als Motiv und Beweggrund gedient hat.
Nach dem 13. Vendémiaire merkte ich, daß die Masse des Volkes, einer Revolution müde, deren Schwankungen und Bewegungen ihm nur Unheil gebracht hatten, sich allmählich – das muß einmal ganz deutlich gesagt werden – »royalisierte«. Ich sah, daß in Paris die einfache und ungebildete Menge von den Feinden des Volkes tatsächlich dahin gebracht worden war, die Republik von Herzen zu verabscheuen. Diese Menge, die nur auf Grund ihrer sinnlichen Erfahrung zu urteilen imstande ist, war leicht zu folgendem Vergleich zu bringen: Was waren wir unter dem Königtum, was sind wir unter der Republik? Die Antwort fiel ganz zum Nachteil der letzteren aus. Daraus war es sehr naheliegend zu schließen, daß die Republik etwas Schlechtes und das Königtum ihr vorzuziehen sei. Weder in der neuen Form der Verfassung noch in den Anordnungen der Bevollmächtigten, die den öffentlichen Apparat zu bedienen bestimmt waren, sah ich Möglichkeiten, dieser Republik größere Verehrung zu verschaffen. Ich sagte mir: Sie ist verloren, wenn nicht irgendein Wunder sie rettet. Die Monarchie wird gewiß nicht zögern, sich ihrer zu bemächtigen. Ich blickte um mich und sah, daß viele niedergeschlagen waren, selbst unter den feurigsten, mutigsten Patrioten, die sich einst so erfolgreich um die Freiheit bemüht hatten. Der Anblick der allgemeinen Entmutigung, der völligen »Vermaulkorbung«, wenn man das sagen kann, ferner der Entwaffnung, der völligen Entäußerung aller Garantien des Volkes gegenüber den Handlungen der Regierenden, die Spuren kürzlicher Haft, die man fast allen energischen Leuten anmerken konnte, die undeutliche Überzeugung, die mir auch jene zu haben schienen, die nicht genau über ihre Überzeugungen nachdachten, daß nämlich die Republik im Grunde vielleicht doch keine so ausgezeichnete Sache sei; diese verschiedenen Gründe hatten bei fast allen eine völlige Gleichgültigkeit bewirkt, und jeder schien willig, sich dem Joch zu beugen. Ich sah niemanden bereit, den alten Mut wieder anzufeuern. Dennoch, sagte ich mir, existieren nach wie vor die alten Fermente des Eifers und der Nächstenliebe. Vielleicht gibt es doch noch Mittel und Wege, um den Untergang der Republik aufzuhalten. Wenn doch jeder seine Kräfte sammelte; wenn jeder täte, was er könnte! Ich werde meinerseits tun, wozu ich mich fähig fühle.
Ich ergreife das Wort in meinem Tribun du peuple. Ich sage allen: Hört zu; diejenigen unter euch, die durch die zahllosen öffentlichen Kalamitäten offenbar zu dem Schluß gekommen sind, daß die Republik nichts tauge und das Königtum vorzuziehen sei, haben recht, ich gebe es zu. Ich schreibe es Buchstabe für Buchstabe und mit großen Lettern: Es ging uns besser unter den Königen als unter der Republik. Aber man muß verstehen, um was für eine Republik es sich handelt. Eine Republik wie die, die wir bisher gesehen haben, taugt gar nichts, da ist kein Zweifel. Aber, meine Freunde, das ist nicht die Republik. Die wahre kennt ihr noch gar nicht.
Nun gut! Wenn ihr wollt, werde ich versuchen, sie euch darzustellen, und ich bin fast sicher, daß ihr sie verehren werdet.
Die Republik ist nicht ein Wort oder eine Reihe von Worten ohne Bedeutung. Die Worte Freiheit und Gleichheit, die man immer wieder in euren Ohren hat klingen lassen, haben euch in den ersten Tagen der Revolution bezaubert, weil ihr dachtet, sie bedeuteten etwas Gutes für das Volk. Sie sagen euch nun nichts mehr, weil ihr seht, daß sie nur als nichtige Redensarten und als Verzierungen einer verlogenen Denkweise dienten. Ihr müßt wieder lernen, daß sie dennoch etwas für die meisten sehr Wertvolles, bedeuten können und müssen.
Die Revolution, so fuhr ich fort zum Volk zu sprechen, ist ein Akt, dessen Resultat nicht null und nichtig gemacht werden darf. So viel Blut kann nicht geflossen sein, nur um eine noch üblere Lage für das Volk zu schaffen. Wenn ein Volk eine Revolution macht, dann hat das Zusammenspiel der schlechten Einrichtungen die besten Kräfte der Gesellschaft so bis zum Äußersten getrieben, daß die meisten der nützlichen Mitglieder nicht mehr in derselben Situation verharren können. Sie fühlen sich nicht wohl in dieser Lage, sie brauchen eine Veränderung, und sie handeln, um sie zu bewirken. Die Gesellschaft hat recht in diesem Fall, denn sie schafft sich ihre Institutionen nur dazu, um durch die Massen und für sie so glücklich wie möglich zu sein: Das Ziel der Gesellschaft ist das allgemeine Glück.
Dieser Devise, das fügte ich hinzu, die aus dem ersten Paragraphen der Verfassung aus dem Jahre I der Republik stammt, bin ich immer gefolgt, ihr werde ich immer folgen.
Auch die Revolution hat kein anderes Ziel, als das Glück der größten Zahl zu ermöglichen; wenn also dieses Ziel nicht erreicht ist, wenn das Volk nicht die von ihm gesuchte bestmögliche Lage erkämpft hat, dann ist die Revolution noch nicht zu Ende, was auch immer die sagen und wünschen mögen, die nur die Absicht haben, ihre Herrschaft an die Stelle einer anderen zu setzen; oder aber, wäre die Revolution zu Ende, dann wäre sie weiter nichts gewesen als ein großes Verbrechen.
Dann versuchte ich zu erklären, wie das allgemeine Glück, das Ziel der Gesellschaft, oder das Glück der größten Zahl, das Ziel der Revolution, beschaffen sein könnte.
Ich suchte nach Gründen dafür, warum zu bestimmten Zeiten die größte Zahl ins Unglück gerät. Diese Untersuchung führte mich zu folgendem Ergebnis, das ich in einer meiner ersten Nummern nach dem 13. Vendémiaire zu veröffentlichen wagte.
»Es gibt Zeiten, in denen eine mörderische soziale Ordnung bis zur letzten Konsequenz führt, nämlich dazu, daß die Gesamtheit des gesellschaftlichen Reichtums unter den Händen einiger weniger begraben liegt. Der Frieden, der von selbst da ist, wenn alle glücklich sind, wird dann notwendigerweise gestört. Wenn die Massen nicht mehr existieren können und ihnen alle Mittel zum Leben entzogen sind, wenn sie dann in der Kaste, die alles an sich gerissen hat, nur der Unmenschlichkeit begegnen, dann ist die Zeit der großen Revolutionen gekommen, dann brechen jene denkwürdigen Epochen an, die in den Büchern der Zeit prophezeit sind, in denen eine allgemeine Umwälzung des Eigentumssystems unvermeidlich, in denen der Aufruhr der Armen gegen die Reichen so notwendig wird, daß er durch nichts mehr aufgehalten werden kann.«
Ich hatte gesehen, daß auch vor mir, für ihre Hauptakteure, das Ziel der Revolution darin bestanden hatte, die Übel der alten, schlechten Einrichtungen zu beheben und das Glück der Gesellschaft zu verwirklichen. Ich hatte sogar unter diesem Gesichtspunkt die Zeugnisse eines unserer Gesetzgeber und Philosophen sorgfältig gesammelt, der in der Blüte der Jahre gestorben ist. Man hat aus dieser schlichten Zitatensammlung einen Anklagepunkt gegen mich zu machen versucht, obwohl sie ganz offensichtlich wortwörtlich von wohlbekannten Texten abgeschrieben war. Dieser Anklagepunkt findet sich auf Seite → des zweiten Bandes der Anklageschrift. Da man diese Texte gegen mich anführt, wird es mir gewiß erlaubt sein, einiges daraus zu meiner Rechtfertigung wiederzugeben:
»Das Glück ist eine neue Idee in Europa ... Duldet nicht, daß es einen Unglücklichen oder einen Armen im Staat gibt...; Europa soll lernen, daß ihr keinen Unglücklichen, keinen Unterdrücker mehr auf französischen Boden wollt... Die Unglücklichen sind die wahre Großmacht der Erde; sie haben das Recht, als Herren zu den Regierungen zu sprechen, die sie vernachlässigen... Die Not bringt das arbeitende Volk in die Abhängigkeit seiner Feinde. Können Sie sich vorstellen, daß ein Reich fortbestehen kann, wenn die Beziehungen zwischen den Bürgern in Widerspruch zur Form der Regierung geraten? ... «
Ich druckte diese Lichtstrahlen in meinen Blättern ab. Ich wollte damit dem Volk zeigen, welches Ergebnis die Revolution haben müsse. Ich glaubte sehr deutlich die Antwort des Volkes zu sehen. Es war bereit, diese Republik zu lieben. Ich wage zu behaupten, daß meine Schriften viel dazu beitrugen, die Hoffnungen auf eine solche Republik im Volk zu wecken und es vom Royalismus abzubringen. In wessen Augen hätte ich damit nicht ein gutes Werk getan? Aber Sie haben Ihre Maximen überspitzt, könnte man mir sagen... Das wird sich zeigen.
Die Staatsanwaltschaft hat auf Seite → des Zusatzes zu ihrem Exposé eine Schrift mit dem Titel vorgelegt: Analyse der Doktrin Babeufs. Von dieser Doktrin ist an einigen Stellen der Prozeßkorrespondenz sehr viel die Rede, und man hat in ihr den Höhepunkt aller sozialen Umsturzideen gesehen. Es ist also nützlich, diese Schrift ganz besonders zu untersuchen.
»Die Natur«, so heißt es darin, »hat jedem Menschen das gleiche Recht auf den Besitz aller Güter gegeben.
Das Ziel der Gesellschaft ist es, diese Gleichheit zu verteidigen, die im Naturzustand oft von dem Starken und dem Bösen angegriffen wird, und durch die Mitwirkung aller den allgemeinen Besitz zu vergrößern.
Die Natur hat jedem die Verpflichtung auferlegt zu arbeiten. Niemand kann sich der Arbeit entziehen, ohne zum Verbrecher zu werden.
Arbeit und Besitz müssen für alle da sein.
Es herrscht Unterdrückung, wenn einer sich abarbeitet und ihm alles fehlt, während der andere im Überfluß schwimmt, ohne etwas zu tun.
Niemand kann sich die Güter der Erde oder der Industrie für sich allein aneignen, ohne zum Verbrecher zu werden.
In einer Gesellschaft, die diesen Namen verdient, darf es weder Reiche noch Arme geben.
Die Reichen, die nicht zugunsten der Bedürftigen auf Überfluß verzichten wollen, sind die Feinde des Volkes.
Niemand darf durch die Anhäufung aller Mittel einen anderen der für sein Glück notwendigen Erziehung berauben: Erziehung muß für alle da sein.
Das Ziel der Revolution ist es, die Ungleichheit zu zerstören und das Glück aller herbeizuführen.
Die Revolution ist noch nicht zu Ende, da die Reichen alle Güter an sich reißen und alleine befehlen, während die Armen wie wahre Sklaven arbeiten, im Unglück schmachten und im Staat nichts gelten.«
Auf die mir während der Verhandlung gestellte Frage hin habe ich erklärt, daß dieses Schriftstück nicht von mir abgefaßt sei, daß ich es aber, da es eine genaue Analyse der von mir proklamierten Prinzipien gibt, gebilligt und erlaubt habe, daß man es druckte und veröffentlichte. Tatsächlich ist es eine getreue Zusammenfassung der Lehre, die ich in den verschiedenen Nummern meiner Zeitung verbreitet habe.
Diese Lehre scheint der wichtigste und grundlegendste Teil der Verschwörung zu sein. Sie ist es, die in der Anklage unter dem Titel »Plünderung des Eigentums« auftaucht, die die Staatsanwälte in Schrecken versetzt und die sie daher mit haßerfüllten Worten bedenken: Sie nennen sie nacheinander »Agrargesetz«, »Banditentum«, »Verwüstung«, »Desorganisation«, »schreckliches System«, »furchtbarer Umsturz«, »Verkehrung der sozialen Ordnung«, »grausamer Plan«, dessen einzige Ergebnisse notwendigerweise sein müßten: »die Zerstörung des Menschengeschlechts; die Rückkehr zu allem, was es im wilden Zustand, bei einem Nomadendasein in den Wäldern geben würde...; die Abkehr von aller Kultur, aller Industrie...; eine sich selbst ausgelieferte Natur...; Starke, die als einziges Gesetz ihre Überlegenheit über die Schwachen anerkennen; Menschen, die um des Erfolges willen wilder als die Tiere werden und sich wütend um die Nahrung streiten, die sie finden...« (Seite → des Exposés)
Es ist sicher, daß dies der Hauptpunkt der Anklage ist. Alles andere ist nebensächlich oder davon abgeleitet. Wer das Ziel will, will auch die Mittel. Um an ein Ziel zu gelangen, ist es unvermeidlich, alle Hindernisse zu besiegen. Was nun die Hypothese der genannten Veränderung anbelangt, so ist nicht zu bezweifeln – ob man sie nun wie die Staatsanwaltschaft eine Zerrüttung jeder sozialen Ordnung nenntoder sie mit den Philosophen und großen Gesetzgebern als höchste Wiedergeburt des Menschen bezeichnet–, daß sie nur verwirklicht werden könnte, indem man die bestehende Regierung stürzt und alles unterdrückt, was sich widersetzt. Dieser Umsturz und diese Unterdrückung wären also nur sekundär, eine unvermeidliche Folge und ein notwendiges Mittel zur Erreichung des Hauptzieles; d. h. der Einführung dessen, was die Philosophen und wir das allgemeine Glück nennen und was unsere Ankläger als Verwüstung und Plünderung bezeichnen. Es ist also mathematisch bewiesen, daß der Teil der Anklage, der sich auf den angeblichen Plan stützt, das so verschieden beurteilte System einzuführen, der wichtigste, ja beinahe der einzige ist, da alle anderen von ihm abzuleiten sind. [...]
Um zu beurteilen, ob unser System wirklich so schlecht, so zerstörerisch und verdammenswert ist, wie die Staatsanwälte behaupten, sollte man, Bürger und Geschworene, einige der Gründe hören, die ich im Laufe meiner Aufklärungsarbeit zu meiner Legitimation angeführt habe. Außer der bereits erwähnten Analyse, die, wie schon gesagt, nicht von mir stammt, aber von mir für gut befunden und übernommen wurde, habe ich selbst in einer meiner Schriften eine Rechtfertigung dieser Lehre gegeben ... Ich werde sie Euch getreulich darlegen. Bürger und Geschworene, ich werde Euch ein offenes und aufrichtiges Geständnis machen. In bezug auf die Idee der Gesellschaft, von der heutzutage jeder durchdrungen ist, gibt es vielleicht einiges in meiner Darlegung, was Euch schockieren wird. Ich bitte Euch, beunruhigt Euch nicht, bevor Ihr mich bis zu Ende angehört habt. Man sollte meine Seele und meine Absichten richten; darum bitte ich Euch, Eure Aufmerksamkeit auf den Grund meines Herzens und das letzte Ziel meiner Wünsche zu lenken. Ich hoffe, es gelingt mir, Euch zu zeigen, daß meinen Überlegungen über die sozialen Maximen immer die reinste Liebe zum Menschen zugrunde gelegen hat. Hier also die vertrauensvolle Erklärung, die ich glaube Euch machen zu müssen über die Art, wie ich in meinen Schriften das Ziel und die Motive des Zusammenschlusses der Menschen in einer staatsbürgerlichen Ordnung proklamiert habe.
»Das Los des Menschen (sagte ich im Tribun du peuple, Nr. 35, Seite →), das Los des Menschen sollte sich beim Übergang vom Naturzustand zum sozialen nicht verschlimmern, sondern verbessern.
Ursprünglich gehört der Boden niemandem, seine Früchte allen. Die Einrichtung des Privateigentums ist eine Überlistung der Einfachen und der Guten; die Gesetze dieser Einrichtung mußten zwangsläufig Glückliche und Unglückliche, Herren und Sklaven schaffen. [...]
Wenn der Boden niemandem gehört; wenn die Früchte allen gehören; wenn der Besitzanspruch einer kleinen Anzahl nur das Ergebnis einiger betrügerischer und das Grundrecht brechender Einrichtungen ist, so folgt daraus, daß dieser Besitzanspruch einer kleinen Anzahl ein Übergriff ist; es folgt daraus also, daß zu jeder Zeit alles, was ein Einzelner über das hinaus, was er zur Ernährung braucht, an Boden und Früchten der Erde an sich reißt, der Gesellschaft gestohlen ist.«
Und nach und nach und in dem festen Glauben, daß es wichtig sei, keine Wahrheit vor den Menschen zu verbergen, erkannte ich die folgende und veröffentlichte sie:
»Alles, was einem Mitglied der Gesellschaft zur täglichen Befriedigung seiner elementaren Bedürfnisse fehlt, hat er durch Plünderung verloren: an die Wucherer, die das Gemeingut an sich gerissen haben.
Alles, was ein Mitglied der Gesellschaft über die tägliche Befriedigung seiner elementaren Bedürfnisse hinaus besitzt, hat er durch Diebstahl an anderen Gliedern dieser Gesellschaft erworben, die er notwendigerweise ihres Anteils am Gemeingut beraubt hat.
Erblichkeit und Veräußerlichkeit sind menschheitstötende Einrichtungen.
Die Überlegenheit an Talenten und Geschicklichkeiten ist nur eine Chimäre, ein Köder. Sie wird bei Verschwörungen gegen die Gleichheit und das Glück der Menschen immer zu Unrecht ins Feld geführt. Das Verlangen nach einer größeren Belohnung für denjenigen, dessen Aufgabe einen höheren Grad an Intelligenz, Hingabe und Anspannung erfordert, ist absurd und ungerecht; dies alles hat nichts mit dem Fassungsvermögen seines Magens zu tun.
Es gibt keinen Grund, der den Anspruch auf eine Belohnung rechtfertigt, die die individuellen Bedürfnisse übersteigt.
Der Wert der Intelligenz ist weiter nichts als eine Ansichtssache, und es muß vielleicht noch untersucht werden, ob der Wert der rein natürlichen, physischen Kraft nicht genau so groß ist.
Es sind die Intelligenten, die dem Auffassungsvermögen ihres Gehirns einen so hohen Preis gegeben haben, und wenn die Starken ebenso verfahren wären, so hätten sie zweifellos festgesetzt, daß das Verdienst der Arme das des Kopfes aufwiege, daß die Müdigkeit des ganzen Körpers nicht weniger wert sei als die Müdigkeit eines einzigen wiederkäuenden Teiles.
Ohne diese Gleichsetzung gibt man den Intelligenteren, den Geschickteren die Erlaubnis, sich zu bereichern, den Anspruch, ungestraft die weniger Intelligenten zu berauben.
Auf diese Weise ist im Sozialgefüge das Gleichgewicht des Wohlstandes zerstört und verkehrt worden, denn nichts ist leichter zu beweisen als die Maxime, daß es dem einen nur gelingt zu viel zu haben, indem er dafür sorgt, daß anderen zu wenig bleibt.
Alle unsere bürgerlichen Einrichtungen, unsere gegenseitigen Tauschgeschäfte sind nur Akte eines beständigen Raubzuges, autorisiert von barbarischen Gesetzen, in deren Schatten wir einzig damit beschäftigt sind, uns gegenseitig auszuplündern.
Unsere Verbrechergesellschaft zeitigt aufgrund ihrer abscheulichen Grundvereinbarungen alle Arten von Lastern, Verbrechen und Mißgeschicken, gegen die sich einige aufrichtige Männer vergebens verbünden, ohne jedoch triumphieren zu können, weil sie das Übel nicht bei der Wurzel anpacken und nur Palliative aus dem Vorrat der falschen Ideen unserer organisierten Verderbtheit anwenden. Es ist also klar, daß alles, was diejenigen besitzen, die mehr haben als ihren individuellen Anteil am Gemeingut der Gesellschaft, Diebstahl und Usurpation ist; und somit ist es gerecht, ihnen die Beute wieder wegzunehmen.
Selbst wenn einer beweisen könnte, daß er allein durch seine natürlichen Kräfte fähig ist, soviel wie vier andere zu leisten, und wenn er daraufhin den Lohn von vier Leuten fordern wollte, so wäre er damit bereits ein Verschwörer gegen die Gesellschaft, da er mit seinem Verlangen das Gleichgewicht der Gesellschaft zerstören und die kostbare Gleichheit zunichte machen würde.
Die Klugheit gebietet allen Mitgliedern der Gesellschaft, einem solchen Menschen Einhalt zu tun, ihn zu verfolgen wie eine Seuche der Gesellschaft und ihn zumindest so weit zu bringen, daß er nur die Aufgabe eines Einzelnen verrichtet, damit er auch nur die Entlohnung eines Einzelnen verlangen kann.
Nur unser Geschlecht hat den mörderischen Wahnsinn der Unterscheidung nach Verdienst und Wert eingeführt, und nur wir kennen Unglück und Entbehrungen.
Es darf kein Mangel an Dingen herrschen, die die Natur allen gibt, für alle erzeugt, es sei denn als Folge unvermeidlicher Katastrophen, und in diesem Fall müssen die Entbehrungen von allen gleich getragen und geteilt werden.
Die Erzeugnisse der Geschicklichkeit und des Genies werden von dem Augenblick an, da Erfinder und Arbeiter sie hervorgebracht haben, ebenfalls zum Eigentum aller, zum Eigentum der gesamten Gesellschaft; deswegen, weil sie ihrerseits von früheren Erfindungen des Genies und der Geschicklichkeit zehren, von denen die neuen Erfinder und Arbeiter im sozialen Leben profitiert und die ihnen bei ihren Entdeckungen geholfen haben.
Da die erworbenen Kenntnisse das Eigentum aller sind, müssen sie ebenfalls unter alle aufgeteilt werden.
Nur aus Böswilligkeit, aus Vorurteil und Gedankenlosigkeit kann man bestreiten, daß die gerechte Aufteilung des Wissens die Menschen fast in ihren Möglichkeiten und sogar in ihren Talenten beinahe gleich machen würde.
Erziehung ist eine Ungeheuerlichkeit, wenn sie ungleich, wenn sie das ausschließliche Erbteil eines Teiles der Gesellschaft ist: denn dann wird sie in den Händen dieses Teiles zu einer Ansammlung von Maschinen, zu einem Arsenal von Waffen aller Art, mit deren Hilfe diese Gruppe gegen die andere, unbewaffnete kämpft, sie folglich leicht erdrosseln, täuschen, berauben und auf die beschämendste Weise in Ketten legen kann.
Es gibt keine wichtigere Wahrheit als die, die der Philosoph mit folgenden Worten verkündet hat: ›Ihr mögt so lange es Euch gefällt über die beste Form der Regierung streiten, Ihr werdet nichts erreichen, solange Ihr nicht die Keime der Habgier und des Ehrgeizes zerstört habt.‹
Die sozialen Einrichtungen müssen darauf hinzielen, daß sie dem Individuum die Hoffnung nehmen, jemals durch seine Geistesgaben reicher, mächtiger und vornehmer zu werden als ein anderer.
Es muß, um es genauer zu sagen, gelingen, das Schicksal in Ketten zu legen; das Los eines jeden unabhängig von Zufällen und glücklichen oder unglücklichen Umständen zu machen; jedem Einzelnen und seinen Kindern, so zahlreich sie auch sein mögen, das Notwendige zu sichern, aber auch nur das Notwendige; und allen die Möglichkeit zu versperren, daß er jemals mehr als den eigenen Anteil an den Natur- und Arbeitsprodukten erlangen könnte.
Dies ist nur zu erreichen, wenn man eine allgemeine Verwaltung, eine Kommune, einrichtet; das Privateigentum abschafft; jeden Menschen auf sein Talent und seine Geschicklichkeit beschränkt; ihn zwingt, die Früchte seiner Arbeit in Naturalien an kommunale Magazine abzugeben; wenn man eine einfache Versorgungsbehörde einrichtet, die ein Verzeichnis aller Personen und Dinge führt und die letzteren mit der allergrößten Gerechtigkeit verteilt und an den Wohnort jedes Bürgers bringen läßt.
Diese Form der Verwaltung, die durchführbar ist, wie die Erfahrung zeigt, da man sie auch bei den 1 200 000 Männern unserer zwölf Armeen praktiziert hat (was im kleinen geht, ist auch im großen möglich), diese Form der Verwaltung ist die einzige, die ein universelles, unveränderliches, ungeteiltes Glück schaffen kann: das allgemeine Glück, Ziel der Gesellschaft.«
»Diese Verwaltung«, so fuhr ich fort, »würde alle Grenzen, Hekken, Mauern, Türschlösser, Streitereien, Prozesse, Diebstähle, Morde, alle Verbrechen verschwinden lassen; Gerichte, Gefängnisse, Galgen und Strafen, die Verzweiflung, die alle diese Übel hervorrufen; Neid, Eifersucht, Unersättlichkeit, Stolz, Betrug, Doppelzüngigkeit, kurz alle Laster; dazu (und dieser Punkt ist zweifellos grundlegend) den nagenden Wurm der allgemeinen, individuellen, immerwährenden Sorge in jedem von uns um das Schicksal des andern Tags, des nächsten Monats, des kommenden Jahres, um unser Alter, unsere Kinder und Kindeskinder.«
So, Bürger und Geschworene, sah das Bild aus, das mein Geist sich bemühte von den Gesetzen der Natur zu geben. Ich glaubte, diese Dinge auf unsterblichen Seiten geschrieben zu sehen. Ich enthüllte sie und veröffentlichte sie. Da ich die Menschen liebte und überzeugt war, daß die von mir entworfene soziale Ordnung ausschließlich ihr Glück bedeuten würde, hätte ich sie natürlich gerne bereit gesehen, diese anzunehmen. Aber ich gab mich nicht dem allzu anmaßenden Dünkel hin, sie dazu bewegen zu können; man braucht nur einen Augenblick lang über die zahllosen Leidenschaften nachzudenken, die uns in dieser korrupten Zeit unterjochen, um einzusehen, daß die Chancen für eine mögliche Durchführung meines Projekts kleiner als eins gegen hundert sind. Auch der furchtloseste Anhänger eines solchen Systems wird davon überzeugt sein. [...]
Ich habe im ersten Teil meiner Rechtfertigung die verschiedenen Motive gezeigt, die mich bei meiner Aufgabe als politischer Schriftsteller nach der denkwürdigen Zeit des Vendémiaire leiteten.
Ich glaubte den Royalismus bekämpfen zu müssen, der nahe daran war, einen sicheren Sieg davonzutragen, da er sich der Geister aller Gesellschaftsklassen bemächtigt hatte.
Um in der Masse des Volks die Liebe zur Republik wieder zu erwecken, fühlte ich die Notwendigkeit, nach einem neuen revolutionären Ansatzpunkt zu suchen. [...]
Daher hielt ich es für erforderlich, dem Volk nicht nur den Plan einer völlig demokratischen Republik vorzustellen, die fähig wäre, das Glück aller zu sichern, sondern ihm auch als Kontrast das Bild des schrecklichen Elends unter der aristokratischen Republik beständig vor Augen zu stellen. Und so setzten sich meine Schriften aus diesen beiden Hauptteilen zusammen.
Ich habe den ersten geschildert, ich werde dasselbe mit dem zweiten tun. Überall wird man sehen, daß bis dahin in meiner Handlungsweise nichts eigentlich Verschwörerisches war.
Hätte ich doch ein kaltes Herz gehabt, unfähig sich von dem Anblick der allgemeinen Leiden rühren zu lassen! Doch ich wurde persönlich dafür bestraft, daß ich die furchtbare Hungersnot und alles Unglück des Jahres III leidenschaftlich verdammte. Zu jener schrecklichen Zeit saß ich wegen meiner Schriften vom Ende des Jahres II und vom Beginn des Jahres III im Gefängnis von Arras (Schriften, in denen ich mich mit all meinen Kräften gegen die Verbrechen der Reaktion gewandt hatte); meine Frau und drei unglückliche Kinder hatte ich ohne Hilfe und in der traurigsten Verzweiflung zurücklassen müssen. In der Finsternis meines exilähnlichen Aufenthaltsortes erfuhr ich, daß diese heißgeliebten Kinder, für die ich die zärtlichsten Gefühle hegte, mit so vielen anderen litten und zugrunde gingen an der schrecklichen Hungersnot, die das Werk des Volksmörders Boissi-d'Anglas gewesen ist. Ich hatte eine siebenjährige Tochter; bald bekam ich die herzzerreißende Nachricht, daß sie an den Folgen der mörderischen Kürzung der Rationen auf zwei Unzen Brot gestorben war. Als ich meine beiden anderen Kinder im Fructidor wiedersah, fand ich sie so geschwächt, daß ich sie nicht wiedererkannte. Das Bild, das sich mir in meiner eigenen Familie bot, fand ich in hunderttausend anderen um sie herum bestätigt. Ich erkannte deutlich die noch sehr ausgeprägten Spuren der allgemeinen Entkräftung, die den größten Teil der Pariser Bevölkerung befallen, die fast alle Gesichter ausgetrocknet hatte und die immer noch die Körper zum Wanken brachte. Was sage ich? Das System des Hungers herrschte immer noch ganz offenkundig; man hatte nur die Tagesration um einige Unzen erhöht. Die Entwertung des Papiergeldes und andere Manöver setzten den letzten Kräften des Volkes noch weiter zu.
Es gab also gleichzeitig persönliche Gründe und Erwägungen im allgemeinen Interesse, um die unheilvollen Zeiten und die ihnen vorausgegangenen leidenschaftlich anzuprangern, und ich war nur allzu bereit, die nächsten Nummern meiner Zeitung mit eindringlichen Schilderungen dieses Elends zu füllen. So überließ ich mich meinem ganzen Groll gegen die infamen Menschenschinder und Erfinder aller Projekte, die das Volk zugrunde richten, es herabsetzen und ihm Ketten aller Art schmieden sollten. Ich hatte meinen jammervollen Bildern einen sehr ergreifenden Hintergrund geben können. Es handelte sich um die Bittschriften der klagenden Mütter, die sich in den unheilvollen Tagen aufgerieben hatten, um für ihre sterbenden Kinder Hilfe bei den Volksabgeordneten zu erbitten. Bürger und Geschworene! Unabhängig von dem Wunsch, den Ihr fühlen werdet, meine Motive zu verstehen, wird es Euch von Nutzen sein, daß Ihr auch die wertvollen Zeugnisse aus jenem Teil unserer Revolutionsgeschichte kennenlernt, der zu diesem Prozeß gehört. Von Euern Amtsstuben aus habt Ihr Paris nicht gesehen und sein Elend im Jahr III nicht erfahren; Ihr habt Euch nur eine sehr unvollständige Vorstellung von seiner katastrophalen Lage machen können; die Auswirkungen der schrecklichen Erschütterung, die es damals erlitt, waren zwar überall zu spüren, aber sie waren im Mittelpunkt des Geschehens, in Paris, unvergleichlich schwerwiegender. Es ist notwendig, Euch diese denkwürdigen Tatsachen wahrheitsgetreu zu schildern, so daß sie sich Euch tief einprägen; das ist schon deshalb nötig, sage ich, weil diese Tatsachen mit der Affaire jener Männer, die Ihr zu richten habt, eng verknüpft sind. Hört also die Bittschriften aus der Hungersnot des Jahres III, die ich im Firmaire des Jahres IV in meine Zeitung einzuschieben begann, um mit ihrer Hilfe alle Forderungen durchzusetzen, die ich zugunsten des Volkes erheben wollte. [...] »Das Volk«, wird dort gesagt, »fühlt, wie seine Eingeweide zerrissen sind durch die Not. Es hat seine Möbel, seine Kleider, die der Kinder verkauft, um noch einige Stunden lang ein Leben festzuhalten, das ihm entgleitet. Der einzige Besitzer des Getreides verweigert seinem Nächsten, selbst zum Preis von Gold, den Lebensunterhalt, der ihm fehlt. Der Arme stirbt im Angesicht des Überflusses, der nicht mehr für ihn da ist und an den er nicht zu rühren wagt, nicht rühren kann. Der reiche Aufkäufer ruht, mit Köstlichkeiten übersättigt, ruhig auf seinen Mehlsäcken, die seine Habgier ungestraft inmitten der allgemeinen Verzweiflung aufhäuft... Der infame Aktienspekulant bettet sich auf Berge von Gold und Assignaten, die er entwertet, um sie sich anzueignen, auf die ungerechten Früchte seiner täglichen Raubzüge und seiner verschlingenden Habgier. Die schreckliche Hungersnot, geschaffen durch das entvölkernde System der Konterrevolution, reißt sowohl die jetzige Generation wie auch die noch nicht geborene ins Grab. – Der Wert der Assignaten ist durch die Entwertung, der ihr der Machiavellismus der Verschworenen aufgedruckt hat, durch die Manöver der mörderischen Spekulation, die immer noch erlaubt oder gelitten wird, auf fast nichts herabgesunken. Der Preis aller Lebensmittel hat sich um das Hundertfache gesteigert. Es wäre nur billig, wenn der Preis einer ehrlichen Arbeit im selben Verhältnis stiege. Aber unter den Bürgern, die die trostlosen Raubzüge des Hungers und das allgemeine Sterben überlebt haben, wird derjenige, der nur ein durchschnittliches Einkommen hat, mit aller Härte betroffen. Er ist ohne Hilfsmittel. Es bleibt ihm nur die Verzweiflung und der Tod.
Wie lange wird diese Raserei der Feinde des Volkes dauern? Wie lange wird sie stumm und ohnmächtig bleiben?«
Wie schon gesagt, diente mir dieser Text zur Unterstützung aller meiner Beschwerden gegen das mannigfaltige Unrecht, das man dem Volk antat, und von da an sah die Regierung in mir einen Verschwörer, und von da an verfolgte sie mich und gab überall Anweisung, mich gefangenzunehmen, ohne den geringsten Respekt für die Pressefreiheit, die ich nur in dem Maß in Anspruch nahm, in dem sie jedem Bürger zustehen muß, und ohne ein anderes Beweismittel gegen mich zu haben als meine Zeitung. Die Maßnahmen dieser Regierung waren nicht geeignet, mich zu beruhigen, umso weniger, da sie, als alle ihre Bemühungen und Nachforschungen mich zu fassen, umsonst waren, die Unverschämtheit besaß, meine Frau zu verhaften, sie ihren Kindern zu entreißen, die allein und völlig verlassen in einer Dachkammer zurückblieben, sie festzuhalten bis sie vor ein Geschworenengericht kam, und all dies nur, weil man hoffte, sie werde mich denunzieren und meinen Zufluchtsort entdecken. [...]
Bürger und Geschworene, ich werde nicht nochmals mit aller Ausführlichkeit auf die verschiedenen Beweise zu meiner Verteidigung eingehen; ich muß Euch jedoch eine Analyse geben und die wichtigsten Tatsachen zusammenfassen, deren unvermeidliche Erörterung im Laufe der Diskussion Euch vielleicht den Überblick hat verlieren lassen. Ich habe Euch zuerst gezeigt, wer ich bin... Ich habe Euch ein Geständnis meiner politischen Überzeugungen abgelegt. Ich habe Euch gesagt, welche Prinzipien, welche Lehren mir lieb waren, welchen Lehrern ich meine Einsichten verdanke. Ich habe Euch daraufhin in die Zeit des Vendémiaire zurückgeführt, zu der ich darlegte, was auch viele andere Beobachter sahen, daß nämlich das Feuer der Freiheit erloschen war; daß das Volk, hauptsächlich in Paris, der Revolution müde, in der Erkenntnis, daß die unsere nur sein Elend vergrößert hatte, im übrigen irregeleitet von der Menge der Sittenlosen, von allen infamen Verderbern der öffentlichen Meinung, die damals als einzige die Möglichkeit hatten, es zu lenken; daß das Volk, sage ich, beeinflußt von allen diesen Gründen, völlig royalistisch war; ich habe Euch gesagt, daß ich dazu beitragen wollte, es aus diesem Zustand der Entmutigung herauszubringen, die die Republik mit ihrem baldigen Untergang bedroht; daß ich, um es wieder an sie zu binden, ihm glaubte sagen zu müssen, daß die wahre Republik anders sei als die, die seine üble Lage nur noch weiter verschlimmert hatte; daß ich ihm von den großen Prinzipien, den Ideen des Glücks sprach, die ihm neu waren, die aber schon seit langem von Weisen und Philosophen proklamiert worden sind; daß ich öffentlich eine Lehre vertreten habe, von der ich, das gebe ich nochmals zu, sehr gewünscht hätte, sie in die Tat umsetzen zu können, denn ich bin überzeugt davon, daß sie das allgemeine Glück bringen würde; von der ich jedoch wohl weiß, und heute mehr denn je (als Ergebnis der Einsichten, die man durch Überlegung gewinnt und die der Umgang mit weisen und erfahrenen Männern noch mehr fördert) – von der ich aber wohl weiß, daß sie sich inmitten von so viel Geschrei, so vielen Leidenschaften und Vorurteilen, die um die alten Institutionen eine nicht zu durchbrechende Schranke bilden, nicht verwirklichen läßt; es ist und bleibt aber dieselbe Lehre, die mit so viel Freimut von den anderen Aposteln der Gleichheit, von Mably, Diderot, Rousseau, Helvétius usw., vertreten worden ist.
Ihr habt gesehen, daß dennoch die Regierung der Republik, weniger vertrauensvoll und argwöhnischer als die der Könige, in mir, einem sehr schwachen Schüler dieser großen Männer, einen fürchtenswerten Sektierer gesehen und mich als solchen schon lange vor der Zeit des Floréal verfolgt hat.
Dieser Zeit wenden wir uns jetzt zu; man zeigt eine Verschwörung an, und ich werde zu ihrem Anführer erklärt. Ihr habt gesehen, wie leicht ich diesen Titel des Anführers von mir weisen kann. Zwei andere Säulen des Gebäudes der angeblichen Verschwörungbrechen ebenfalls zusammen: das Diktatoriat und das Tribunat; die angebliche Organisation eines Aufstandsdirektoriums wird lediglich vermutet; wir hätten, so heißt es, den Plan gefaßt, die Regierungzu stürzen, aber bald wird deutlich, daß es sich nur um ein Projekt handelt, das auf keine Weise ausgeführt worden ist. Man erkennt, daß die angeblich Handelnden dieser angeblichen Organisation, die man auf schlichten Verdacht hin angeklagt hat, mit ihr gar nichts zu tun haben; die simple Einrichtung einer patriotischen Korrespondenz tritt an die Stelle des angeblichen Direktoriums; sie beschäftigt sich unter dem Namen »Société des Démocrates« vor allem mit der Regeneration der öffentlichen Meinung im Sinne der Demokratie und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die perfiden Machenschaften einer mächtigen Partei, die alles dransetzt, um die Republik zu stürzen und uns wieder einen Herren zu geben; eine perfide Person, lanciert von den Mördern der Republik und unterstützt von einem Gefolge von kleineren Verrätern, taucht auf, und durch tausend abscheuliche Tricks gelingt es ihr, Männern, die immer nur ihr Vaterland geliebt haben, etwas anzuhängen, sie des Hochverrats anzuklagen und folglich die Ächtung aller Freunde der Freiheit zu proklamieren; am Ende einer einjährigen Haft erlaubt man den Angeklagten endlich zu beweisen, daß sie Opfer einer schrecklichen Intrige sind, daß sie nur gegen die Feinde des Vaterlands gekämpft und sogar, wie unbestreitbar zwingende Beweisstücke zeigen, auf alles verzichtet haben, was nicht ausschließlich darauf gerichtet ist, die abscheulichen Pläne der Sklaven und Zuhälter der Könige zunichte zu machen. [...]
Es liegt mir fern, Bürger, mich an Euer Gewissen mit einer Sprache zu wenden, die es nötigen könnte. Erhaltet Euch die Freiheit Eures Urteils, aber hört auch auf die Stimme des allgemeinen Interesses und auf die Eures eigenen, auf die Stimme der Billigkeit und der Wahrheit! ... Alle diese Stimmen rufen Euch zu: Seid gerecht, betrachtet den Unschuldigen, der vor Euch steht; betrachtet das Vaterland; betrachtet Euch selbst. Bedenkt, daß die Männer, die Ihr Euch zu verdammen anschickt, Denkmäler hinterlassen werden, die ihren Ruf bezeugen und den Euren! ... Welche Ziele ihrer Schriften atmet nicht die reinste Menschenliebe, den Durst nach dem Glück der Menschen, den Feuereifer für die Gerechtigkeit? Geschworene und Republikaner! Wollt Ihr das Nahen der völligen Gegenrevolution beschleunigen? Wollt Ihr den Massenmördern ein schreckliches Zeichen geben? Seht die riesige Kette von Verhaftungen, die sich durch ganz Frankreich zieht! Seht das erste große Blutopfer, das die Unglücklichen fällen soll, die unter dem Namen Gute Staatsbürger in den Listen der Anklagebücher aufgeführt sind! Seht, wie sich das Massaker unmerklich unter den Vorzeichen der triumphierenden Monarchie ausbreitet und auch die kleinsten Akteure dessen erreicht, was die Zeitungen bereits schamlos die achtjährige Revolte nennen!... Ja, schon sehen sich an manchen Orten die Gemäßigten, die Güter der Krone erworben haben, straflos den Dolchen der Königstreuen ausgeliefert; wohin wird es erst kommen, wenn der Monarchismus durch den exemplarischen Fall seiner erbittertsten Feinde kühn geworden ist! Zwietracht wird auf Zwietracht folgen, und inmitten der neu entstehenden Parteien wird zweifellos das zerstückelte Frankreich, wie das unselige Polen, den verschiedenen Briganten zur Beute fallen, die die Trümmer des Landes unter sich aufteilen werden. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, manchem Haß abzuschwören, unsere Meinungsverschiedenheiten zurückzustellen, alle Kräfte der Republik in einem Punkte zu vereinen, wirklich an das zu denken, was sie bis zu ihrem Namen hin bedroht, und wenigstens ihn noch einmal zu retten, diesen verehrten Namen! Wenn jedoch unser Tod beschlossene Sache ist; wenn die Schicksalsuhr für mich geschlagen hat; wenn meine letzte Stunde im Buch der Zeiten für diesen Augenblick bestimmt ist – ich erwarte sie, diese Stunde, seit langem. Seit dem ersten Revolutionsjahr fast ständig ein Opfer meiner Liebe zum Volk; nie vor dem Gefängnis sicher; vertraut mit dem Gedanken an die Folter, an den gewaltsamen Tod, der fast immer das Los der Revolutionäre ist, wie kann mich dieses Ereignis noch schrecken? [...]
Biographische Angaben
François Noël Babeuf, genannt Gracchus B., geboren 1760 in Saint-Quentin. Sein Vater war aus der französischen Armee desertiert und hatte es in den Diensten der österreichischen Kaiserin Maria Theresia bis zum Major gebracht. Nach seiner Rückkehr in die Heimat verarmte die Familie, der Vater wurde Taglöhner. Die Legende weiß zu berichten, er habe seinem Sohn auf dem Sterbebett den Plutarch gegeben und ihm Gaius Gracchus als Vorbild hingestellt: so soll Babeuf zu seinem Pseudonym gekommen sein. Das war 1780.
Am Vorabend der Revolution arbeitete er als Gehilfe eines Land vermessers in Roye; er hatte eine Frau, zwei Kinder, seine Mutter, seine Brüder und Schwestern zu versorgen. Er schrieb viel. In einem Brief an den Sekretär der Akademie von Arras aus dem Jahr 1787 findet sich eine erste Äußerung von »sozialistischer« Tendenz. Während der entscheidenden Tage hielt Babeuf sich in der Hauptstadt auf; er hat am Sturm auf die Bastille teilgenommen. Er war damals commissaire à terrier zu Roye. Diese Stellung machte es ihm zur Pflicht, die Privilegien der Priester und Adeligen den Bauern gegenüber durchzusetzen; kaum war die Revolution ausgebrochen, verbrannte er das Archiv seiner Behörde. Fortan lebte er als Publizist. Es war ein gefährliches Leben. Schon im Jahr I der Revolution wurde er zweimal verhaftet, einmal wegen eines Pamphlets gegen die Vorrechte der Aristokraten und gegen die Salzsteuer, ein anderesmal wegen seiner Zeitung, des Correspondent picard. Immer wieder wurde er in öffentliche Ämter gewählt, immer wieder ausgeschlossen, suspendiert und gerichtlich verfolgt.
1794, nach dem Thermidor, gründete er sein wirkungsvollstes und enragiertestes Blatt, Le Tribun du peuple. Seitdem wurde ständig nach ihm gefahndet. Im Gefängnis begegnete er gleichgesinnten Radikalen, darunter Lebois, der mit seiner Zeitung Journal de l'égalité, später L'Ami du peuple, die Tradition Marats fortsetzte. 1795 Gründung der Société des Egaux. In diesem Club, der seinen Sitz im Pantheon hatte, verkehrten auch die übriggebliebenen Jakobiner; Bonaparte ließ ihn im Febuar 1796 schließen. Ein Polizeispitzel berichtet, Babeuf habe »den Aufstand, die Revolte und die Verfassung von 1793« gepredigt. Von nun an ging B. zu einer rücksichtslosen Propaganda-Offensive gegen die Regierung über. Die Nummer 40 des Tribun, die bereits illegal gedruckt wurde, bezeichnete das Kabinett des Directoire als eine Meute von »Hungerbringern, Blutsaugern, Tyrannen, Henkern, Hochstaplern und Schwindlern«. Vom 11. April an war Paris mit Plakaten übersät, die »Babeufs Doktrin«, eine frühe Form des Kommunismus, verkündeten. Sein Lied Mourant de faim, mourant de froid wurde überall gesungen. Tausende von Proletariern unterstützten die Agitation; in der Hauptstadt liefen Gerüchte um, die Garnison der Grenelle-Kaserne sei zum Aufstand bereit. Babeuf und seine Leute planten die bewaffnete Insurrektion. Sie wollten am 11. Mai zuschlagen. Am Tag zuvor wurde B. zusammen mit Darthé, Buonarroti, Lindet, Amar, Vadier, Drouet und anderen verhaftet: der Geheimpolizei war es gelungen, einen Spitzel in die Verschwörung einzuschleusen.
Der Hochverratsprozeß fand in Vendôme statt, vor einem eigens zu diesem Zweckerrichteten Höchsten Gerichtshof. Das Verfahrenwurde monatelang verschleppt, weil die Regierung die Reaktionen der Massen fürchtete. Schon beim Abtransport der Gefangenen aus Paris kam es zu Versuchen, sie gewaltsam zu befreien, die von Truppen niedergeschlagen wurden.
Der Prozeß begann im Februar 1797. Die Anklage stellte Babeuf als Rädelsführer und Hauptschuldigen hin. Seine Mitverschworenen wurden teils in die Verbannung geschickt, teils aus taktischen Gründen freigesprochen. Nur B. und Darthé wurden zum Tod verurteilt. Nach dem Urteilsspruch soll Babeuf versucht haben, sich mit einem zinnernen Dolch, den sein Sohn ihm ins Gefängnis geschickt hatte, zu erstechen. Er brachte sich eine entsetzliche Wunde bei, aber er starb nicht an dieser Verletzung, sondern am andern Morgen, dem 27. April 1797, unter der Guillotine.
Kommentar
Babeuf sah die Große Französische Revolution vor die Hunde gehen. Damit wollte er sich nicht abfinden. Von Anfang an war er einer ihrer kühnsten und radikalsten Köpfe gewesen. Und von Anfang an hat er ihre historische Mission verkannt. Das war die Inthronisierung der Bourgeoisie als der neuen herrschenden Klasse. Babeufs Konflikt mit der Staatsgewalt hatte hier seine Wurzel, ein Konflikt, der keinen Kompromiß und keine Versöhnung zuließ. Lange Zeit wollte Babeuf nicht glauben, daß der Widerspruch zwischen den Verheißungen der Revolution und der Realität der Ersten Republik antagonistisch war. Er nahm die Rhetorik der Jakobiner beim Wort, die keine Klassen mehr kannte, nur noch das Volk, die Menschheit, und er berief sich Zeit seines Lebens auf die Lehren der Aufklärung, auf Helvétius, Mably und Diderot. Der Grund der Repression, die ihn von Anfang an verfolgt hat, war einfach und äußerst solide: es war die ökonomische Ungleichheit der von der Monarchie befreiten Franzosen. Und sobald er diesen Zusammenhang durchschaut hatte, ging Babeuf entschlossen zum Angriff auf die heilige Kuh der Französischen Republik über: zum Angriff auf das Privateigentum.
Nach dem Thermidor, dem Umschlag der Revolution in die Phase der Reaktion, spitzte der Konflikt sich zu und wurde lebensgefährlich. Die fünf Politiker des Directoire warfen die »Ideale« von 1793 ganz offen über Bord. Es war ihre Aufgabe, die Eroberungen der Bourgeoisie zu konsolidieren. Sie waren nichts weiter als das ausführende Organ einer Gruppe von Finanzleuten, die mit der Inflation, der Goldwährung, dem enteigneten Grundbesitz der Aristokratie und den Staatsausgaben beispiellose Geschäfte machten, während die Plebejer auf den Straßen von Paris an Kälte und Unterernährung starben.
Bei seiner Aktion gegen die offene Klassenherrschaft verfügte Babeuf weder über eine zureichende Theorie noch über eine aussichtsreiche Strategie. Seine Doktrin war populistisch und egalitär, sein Organisationsmodell das der Verschwörung, seine Methoden des politischen Kampfes die Agitation und der Staatsstreich. Man hat ihn den ersten Kommunisten genannt. Das ist allenfalls eine Halbwahrheit. Die Klassengesellschaft, gegen die er kämpfte, konnte Babeuf nicht anders beschreiben als durch den Gegensatz von Arm und Reich. Eine ökonomische Wissenschaft, auf die sein Kampf sich hätte stützen können, gab es nicht. Dem Materialismus der Aufklärung fehlte die historische Dimension; sie konnte sich den Gang der Geschichte nur nach dem säkularisierten Schema der christlichen Theologie denken; die befreite Gesellschaft nur als Rückkehr zu einem Urzustand, der durch den Sündenfall verlorengegangen war. Den religiösen Kern dieser Vorstellung hatte die Aufklärung aufgelöst, eine objektive Dialektik der Geschichte jedoch nicht entdeckt. So vermochte sie die gegenwärtige Verfassung der Gesellschaft, ihren Klassencharakter, nur mit moralischen Kategorien, durch den Streit zwischen Tugend und Verbrechen erklären.
In seiner Rede vor Gericht hat Babeuf ein klares, in vieler Hinsicht beunruhigendes Bild von der neuen, klassenlosen Gesellschaft entworfen, für die er kämpfte. Ihre zwangshaften, paramilitärischen Züge erklären sich eben daraus, daß seine Absichten mit der gesellschaftlichen Realität durch keine Geschichtstheorie vermittelt waren. Der Knoten war nicht zu lösen, er mußte mit Gewalt durchgehauen werden. An diesem Versuch ist die Gesellschaft der Gleichen gescheitert; ihr Projekt dürfte aber die revolutionären Bewegungen tiefer beeinflußt haben, als man gemeinhin glaubt.
Was Babeufs Taktik vor Gericht angeht, so ist sie dem Temperament des Mannes ganz konträr, nämlich vorsichtig, defensiv, beinahe ängstlich. Er hat die Existenz der Verschwörung geleugnet und sich auf seine publizistische Rolle zurückgezogen; für die intellektuelle Urheberschaft an der Agitation der Gruppe übernahm er zwar die volle Verantwortung, stellte sie jedoch gleichzeitig als folgenlos hin (als eine Lehre, von »der ich wohl weiß, daß sie sich inmitten von so viel Geschrei, so vielen Leidenschaften und Vorurteilen, die um die alten Institutionen eine nicht zu durchbrechende Schranke bilden, nicht verwirklichen läßt«). Überhaupt wirkt der römische Ton seiner Rede eigentümlich gepreßt. Nicht Furcht oder Enttäuschung erklären Babeufs Haltung vor Gericht. Er nahm vielmehr auf seine mitangeklagten Genossen Rücksicht, die er zu belasten fürchtete und zu retten hoffte. Diese Zurückhaltung und der verzweifelte Appell an die Einheit aller republikanisch Gesinnten haben möglicherweise einige der Mitverschworenen vor der Guillotine bewahrt, aber weder seine Richter noch die Nachwelt überzeugen können. Der Schrecken, den Babeufs Doktrin im Bürgertum hervorrief, läßt sich schwer beschreiben. Wie tief dieser Horror ging, geht schon daraus hervor, daß seine Rede neunzig Jahre lang unveröffentlicht blieb: sie erschien zum ersten Mal 1884 im Druck, in einer wissenschaftlichen Publikation. Die Auflage belief sich auf dreihundert numerierte Exemplare.
Quelle. Victor Advielle, Histoire de Gracchus Babeuf et du Babouvisme, d'après de nombreux documents inédits. Paris 1884. (Die Rede füllt den ganzen zweiten Teil des dreibändigen Werkes.)
Aus dem Französischen von Julia Kirchner.
Literatur. Pages choisies de Babeuf. Recueillies, commentées, annotées avec une Introduction et une Bibliographie critique par Maurice Dommanget. Paris 1935.
Philippe Buonarroti, Conspiration pour l'Egalité, dite de Babeuf, suivie du procès auquel elle donna lieu, et des pièces justificatives, etc. Zwei Bände. Bruxelles 1828. (Neuausgabe, mit einem Vorwort von Georges Lefèbvre, Paris 1957).
Adolf Schmidt, Pariser Zustände während der Revolutionszeit von 1789 bis 1800. Jena 1874.
Adolf Schmidt, Tableau de la Révolution française. Vier Bände. Leipzig 1867-70.
Lorenz Stein, Die Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich. München 1921.
Daniel Guerin, La Lutte des classes sous la Première République, 1793 bis 1797. Paris 1949. Neuauflage Paris 1969.
So wie er es selbst am Abend seiner Einlieferung ins Gefängnis vorgeschlagen hatte, besuchte ich Nat am Dienstag, dem 1. November, mit Erlaubnis des Gefängniswärters, als er, ohne irgendwie gefragt worden zu sein, seine Erzählung mit den folgenden Worten begann:
Sir, Sie haben mich gebeten, von den Beweggründen zu sprechen, die mich zu dem jüngsten Aufstand, wie Sie es nennen, veranlaßt haben. Um dies zu tun, muß ich in die Tage meiner Kindheit zurückgehen und sogar in die Zeit vor meiner Geburt. Ich bin am 2. Oktober vergangenen Jahres einunddreißig geworden und wurde als Eigentum von Ben. Turner geboren, der in dieser Gegend lebt. In meiner Kindheit ereignete sich etwas, das einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte und die Grundlage zu der Begeisterung legte, die für viele, Schwarze und Weiße, zu einem so verhängnisvollen Ende gekommen ist und für die ich nun am Galgen büßen werde. Es ist notwendig, hier von diesem Umstand zu erzählen, so geringfügig er erscheinen mag; denn er war der Anfang jenes Glaubens, der mit der Zeit gewachsen ist, und auch jetzt, Sir, in diesem Kerker, kann ich mich, hilflos und verlassen wie ich bin, nicht davon losmachen. Als ich vier oder fünf Jahre alt war und mit anderen Kindern spielte, erzählte ich ihnen etwas, das nach den Worten meiner Mutter, die gelauscht hatte, vor meiner Geburt geschehen war – Ich blieb jedoch bei meiner Geschichte und berichtete einige Dinge, die sie in ihrer Meinung noch bestätigen – andere, die davon hörten und wußten, daß diese Dinge geschehen waren, zeigten sich sehr erstaunt und sagten daraufhin, so daß ich es hören konnte, ich würde gewiß ein Prophet werden, da der Herr mir Dinge gezeigt habe, die vor meiner Geburt geschehen seien. Und mein Vater und meine Mutter bestärkten mich in diesem meinem ersten Eindruck, indem sie in meiner Gegenwart sagten, ich sei zu etwas Großem bestimmt. Das hätten sie immer gedacht, wegen gewisser Male auf meinem Kopf und auf meiner Brust gedacht [einige Auswüchse, die, wie ich glaube, nicht ungewöhnlich sind, besonders bei Schwarzen, da ich mehrere damit gesehen habe. Was ihn betrifft, so hat er sie entweder weggeschnitten oder sie sind fast verschwunden]. Meine Großmutter, die sehr fromm war, und an der ich sehr hing, mein Herr, dem die Kirche gehörte, und andere religiöse Leute, die in das Haus kamen und die ich oft beim Gebet sah, bemerkten, glaube ich, mein eigenartiges Benehmen und meine für ein Kind ungewöhnliche Intelligenz und äußerten, ich hätte zu viel Verstand, um mich erziehen zu lassen, und wenn man es täte, so wäre ich für niemanden als Sklave etwas nütze – Man kann leicht vermuten, daß für ein ruheloses, wißbegieriges Gemüt wie meines, das alles beobachtete, was vorging, die Religion das Thema war, auf das es gelenkt wurde, und obwohl vor allem dieses Thema meine Gedanken beschäftigte, gab es doch nichts, was ich sah oder hörte, worauf sich meine Aufmerksamkeit nicht gerichtet hätte. – Die Art, wie ich Lesen und Schreiben lernte, beeinflußte nicht nur mich selbst sehr, da ich es mir mit der größten Leichtigkeit aneignete, so daß ich mich nicht erinnern kann, das Alphabet gelernt zu haben – sondern setzte auch die Familie in Erstaunen, denn eines Tages, als man mir ein Buch zeigte, damit ich zu weinen aufhörte, begann ich die Namen verschiedener Dinge zu buchstabieren – das war eine Quelle des Wunders für alle in der Nachbarschaft, vor allem für die Schwarzen – und diese Art zu lernen wurde dauernd gefördert durch alle möglichen Gelegenheiten – als ich groß genug zur Arbeit war, dachte ich währenddessen über viele Dinge nach, die mir in den Sinn kamen, und jedesmal wenn sich eine Gelegenheit bot, in ein Buch zu sehen, wenn die Schulkinder ihre Stunden hatten, fand ich viele Dinge, die mir meine fruchtbare Phantasie schon vorher gezeigt hatte; alle Zeit, die nicht meines Herren Dienst gewidmet war, verbrachte ich entweder im Gebet oder mit Experimenten, die mich, obwohl ich sie nicht richtig ausführen konnte, doch von ihrer Durchführbarkeit überzeugten, wenn ich das richtige Material hätte. [Als er über die Art der Herstellung dieser verschiedenen Dinge befragt wurde, fand man ihn gut über das Thema unterrichtet.] Ich hatte in meiner Jugend keinen Hang zum Stehlen, auch nicht späterhin – Doch so groß war schon in dieser frühen Zeit meines Lebens das Vertrauen der Schwarzen aus der Nachbarschaft in meinen überlegenen Verstand, daß sie mich oft zu irgendeiner Schurkerei mitnahmen, um für sie zu planen. Ich wuchs unter ihnen auf mit dem Vertrauen in meinen überlegenen Verstand, und dieser war ihrer Meinung nach, wie die schon erwähnten Umstände in meiner Kindheit gezeigt hatten, durch göttliche
