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Ein Schriftsteller und ein Arzt erfahren hautnah brutalen Hass und Gewalt gegen (das) Fremde. Maler streiten um Anerkennung und Verständnis - mal hilflos, mal aggressiv. Ein erfolgloser Komponist missbraucht sein Künstlertum als Alibi; ein Schauspieler bietet sich an, die Rolle Ihres Lebens zu übernehmen. Mit diesen und weiteren Figuren zeigt Hans-Joachim Pieper in seinen Geschichten einfühlsam, tiefgründig und humorvoll, wie prekär das Leben nicht nur für Künstler ist. Wie gehe ich den nächsten Schritt, wie erlebe ich mich selbst in der Welt - in Momenten der Einsamkeit und Verbundenheit, im Vertrauen auf und in Sorge um mein weiteres Leben und den Tod? Piepers literarische Geschichten verbinden philosophische Rationalität mit lyrischer Sensibilität und laden ein, das Leben aus neuen Perspektiven zu betrachten.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Fremde
Marlene oder: Beim ersten Mal da tut’s noch weh
Die Prostitution
Sein und Zeit
Ewige Werte
Frauen gibt es viele
Orthografie
Das Alibi
Die Vorstellung
Über die Wahrheit in der Literatur
Lebenskünstler
Meisterschaft
Das Vermächtnis
Der Autor
In einem südländischen Dorf an der Küste lebten als einzige Fremde ein Arzt und ein Schriftsteller gesetzten Alters. Der Arzt mochte wenige Jahre älter sein. Angezogen von der einfachen Lebensweise der Fischer und Kleinbauern, hatte er sich, aufgrund mütterlichen Erbes im Besitz einer stattlichen Villa, schon vor langem am Orte niedergelassen und durch bescheidenes Auftreten ebenso wie durch sachkundige Hilfeleistungen das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen. Doch obwohl einheimisches Blut in seinen Adern floss, blieb eine letzte, nicht zu überbrückende Distanz bestehen. Der Schriftsteller hingegen war erst vor einigen Jahren mit dem letzten Touristenstrom angekommen und, von der milden Atmosphäre und der Stille des heranrückenden Herbstes verführt, gewissermaßen hängengeblieben. Er übersiedelte aus seinem Hotel zunächst in eine kleine Privatpension. Inzwischen bewohnte er ein altes Haus in einer der engen Gassen, die steil zum Hafen abfielen. Niemand wusste, wovon er lebte. Man vermutete, dass er von Hause aus über Vermögen verfügte. Und statt es zu vergrößern – was vor allem die Jüngeren im Orte für das Natürlichste gehalten hätten – schien er es hier in der Abgeschiedenheit, selbst nicht mehr allzu weit vom Greisenalter entfernt, verleben zu wollen. Von daher betrachtete man ihn stets mit Skepsis. Erst seit er regelmäßig mit dem Arzt zu einer Flasche Wein und einer Partie Schach in der Taverne zusammentraf, genoss er etwas Ansehen, während die Stellung des Arztes durch diese Genossenschaft, allerdings kaum spürbar, angegriffen worden war.
Die beiden Fremden hatten sich erst spät einander angenähert. Zwei Jahre verstrichen, ohne dass sie mehr Worte als unbedingt nötig miteinander wechselten, dann machte es eine Erkrankung dem Schriftsteller erforderlich, den Arzt aufzusuchen. Dieser, der über den Ankömmling nicht mehr wusste, als ihm seine einheimischen Patienten berichteten, begrüßte ihn: „Ah, der Herr Philosoph!“ Denn so wurde der Schriftsteller von den Leuten genannt, weil er stets irgendwelchen Gedanken nachzuhängen schien und, wo er gerade war, Eintragungen in ein abgewetztes Schreibheft vornahm. Der Schriftsteller lachte, wurde jedoch sofort von einem kurzen trockenen Husten unterbrochen. Heiser erwiderte er: „Guten Tag, Dottore!“ Obwohl in diesem Landstrich keineswegs üblich, hatte man den Arzt mit diesem Titel, der eine Art allgemeiner Gelehrtheit ausdrücken sollte, bedacht. Es war bekannt, dass er neben seiner medizinischen Praxis zum Privatvergnügen geschichtlichen Studien nachging und auch in Rechtsstreitigkeiten den einen oder anderen Hinweis zu geben vermochte. Seinen historischen Untersuchungen zuliebe unternahm er zahlreiche Reisen ins Landesinnere, bei denen er oft tagelang wegblieb. Die Leute glaubten zu wissen, dass er diese Reisen stets mit einem Besuch in der Hauptstadt verband, wo er eine Geliebte haben sollte. So hatte sich bei den Männern des Ortes als Ausdruck für das Aufsuchen anrüchiger Frauen, denn dafür hielten sie eine solche Geliebte, die Redewendung „eine Reise machen“ oder auch „eine Studienfahrt unternehmen“ herausgebildet.
Der Philosoph konsultierte an den folgenden Tagen regelmäßig den Arzt, und allmählich wurde ihr Umgang vertraulich. So erfuhr der Mediziner, dass sein neuer Patient Schriftsteller war, dass er wenige Monate nach dem Erscheinen eines erfolgreichen Romans – Monate, während deren er zahlreiche Vorträge und Lesungen absolviert hatte – eine bis dahin nicht gekannte Schwere und Trägheit der Gedanken, mit Lähmungserscheinungen der Hand einhergehend, empfunden hatte, die es ihm unmöglich machten, auch nur eine Seite zusammenhängenden Textes zu verfassen. Ermüdet und deprimiert war er hierher in die Ferien gefahren, und die Vorstellung, in dieser Fremde, wo niemand Ansprüche an ihn erhob, zu überwintern, hatte er so angenehm gefunden, dass er bis auf weiteres geblieben war. Auch konnte der Arzt bemerken, dass sein Gesprächspartner im Laufe der zwei Jahre seines Aufenthaltes alles Nordische abgestreift hatte und der Verkehr mit ihm sich leicht und angenehm gestaltete. Sie verabredeten für den Abend eine Partie Schach, und ohne dass darüber ein Wort verloren wurde, trafen sie sich fortan jeden Tag nach Sonnenuntergang in der Taverne, sofern der Arzt nicht studienhalber unterwegs war oder von einem Patienten benötigt wurde. Unausgesprochen entwickelte sich dabei das Verhältnis zweier reifer Männer, die einander schätzten, aber nicht bedurften, die voneinander lernen konnten, doch in dem sicheren Bewusstsein lebten, dass sie jahrelang Zeit haben würden, miteinander zu verkehren, und es nicht erforderlich war, die erste Zeit ihrer Bekanntschaft mit langatmigen Berichten oder tiefgreifenden intellektuellen Gesprächen zu belasten.
Der Philosoph hatte die Gewohnheit angenommen, auch an Tagen, an denen der Dottore auf Reisen war, sich auf dem gewohnten Platz in der Taverne einzufinden, die Figuren auf dem Schachbrett zu ordnen und zwischen langen Pausen, in denen er weit abschweifte – Pläne zu einem neuen Roman bedachte und verwarf oder auch nur in der Zeitung las –, einige Spielzüge durchzuprobieren. Dazu trank er einen Viertelliter. Oft auch zog er sein Schreibheft hervor, legte es vor sich auf den Tisch, um hin und wieder etwas zu notieren.
An einem solchen Abend war es, dass ein gedrungener, kräftiger Bauer, in der Hand einen zerknitterten Brief, die Schenke betrat und sich suchend umsah. Schließlich fragte er den Wirt nach dem Dottore. Der Wirt, ein gemütlicher rotwangiger Mann, erwiderte, der Dottore mache eine Reise. Bei dieser Antwort erhob sich ringsum Gelächter, der Bauer aber verzog betroffen das Gesicht. Er wollte schon wieder hinausgehen, als der Schriftsteller, der die Szene beobachtet hatte, ihn zurückrief. Er fragte ihn, worum es sich handelte, und forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Der Bauer zögerte, doch schließlich gab er sich einen Ruck, und zeigte dem Fremden das Schriftstück, das er in der Hand hielt. Der Schriftsteller überflog es, er erkannte sofort, dass es umgehend Antwort verlangte.
„Sie müssen so schnell wie möglich einen Brief schreiben“, sagte er zu dem Mann, der stehen geblieben war und nun nickte und die Achseln zuckte. Wie die meisten Leute des Ortes konnte er kaum schreiben, vor allem traute er sich nicht zu, die richtigen Worte zu finden. Der Schriftsteller zeigte erneut auf den leeren Stuhl ihm gegenüber, er lächelte und sagte: „Ich helfe Ihnen, wenn Sie wollen.“ Nach einer Pause setzte er hinzu: „Der Dottore wird erst in drei Tagen zurück sein.“ – Der Bauer verstand, dass der Brief früher geschrieben werden musste, doch er zögerte, sich dem Fremden anzuvertrauen. Da es jedoch um Geld ging, das man ihm vorenthalten wollte, kämpfte er sein Misstrauen nieder, und mit einem Fluch auf die hohen Beamten, die den armen Leuten keinen Cent gönnten, ließ er sich langsam auf den freien Stuhl herab.
Normalerweise wandten sich die Einwohner mit solchen Angelegenheiten an den Arzt. Einen Advokaten gab es am Orte nicht, und die wenigen, die einen solchen in der Stadt hätten bezahlen können, waren nicht ganz zu Unrecht von Misstrauen zerfressen und bezichtigten die Anwälte der Pfennigfuchserei, mit der sie einen armen Teufel eher zugrunde richteten, als ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Wie ein Arzt, sagten sie, leben die Advokaten vom Unglück der Menschen. Nur dass der Arzt unentbehrlich, sozusagen eine Naturnotwendigkeit sei, denn der Mensch habe nun mal einen Körper, der von Zeit zu Zeit erkranke, dass aber ein ehrlicher Mensch einen Advokaten benötige, dabei müsse es sich um eine Art Erfindung der Regierung und der Bürokraten handeln. Der Philosoph grinste, als der Bauer ihm diese Ansicht eröffnete, und bei all ihrer Naivität konnte er den wahren Kern dieser Einschätzung nicht bestreiten.
Hinter vorgehaltener Hand berichtete der Bauer nun über die Hintergründe der Angelegenheit, von der im Brief die Rede war. Seine Frau hatte ein Kind mit in die Ehe gebracht, das er nicht als seines angenommen hatte, so dass der Vater des Kindes, eines nunmehr vierzehnjährigen Jungen, verpflichtet blieb, Unterhaltszahlungen an die Mutter zu entrichten. Der Vater hatte nun Beschwerde erhoben und behauptet, der herangewachsene Junge arbeite für seinen Stiefvater auf dem Hof und müsse demzufolge auch von ihm entlohnt und versorgt werden. Da er über großen Einfluss verfügte, hatte er es durchsetzen können, dass man der Mutter des Jungen nur eine knappe Frist zur Stellungnahme gewährte, bei Überschreitung der Frist sollte der leibliche Vater aller Verpflichtungen dem Sohn gegenüber enthoben sein. Durch Verzögerungen der Postzustellung war die Frist nun auf drei Tage geschrumpft.
Obwohl das ganze Dorf von der Sache unterrichtet war, bemühte sich der Bauer um Vertraulichkeit. Er sprach leise, fast flüsternd, und sah sich immer wieder nach den anderen Gästen um. Die Männer schwiegen und verfolgten unverhohlen das Gespräch, wobei allerdings ihr Interesse weniger den ihnen bekannten familiären Problemen des Bauern als vielmehr der Tatsache galt, dass hier ein Fremder, der Philosoph, zu Rate gezogen wurde. Alle waren gespannt, wie er sich verhalten und wie die Sache sich weiterhin entwickeln würde.
Der Schriftsteller holte einige Informationen nach. Er erfuhr, dass der Junge noch zur Schule ging, fleißig und gescheit sei und nur in den Abendstunden ein wenig auf dem Feld aushelfe, wie es eben bei Bauern üblich sei, wo jedermann mit Hand anlegen müsse. Dadurch schien ihm zwar weder die Gesetzeslage noch die Frage der Gerechtigkeit ganz eindeutig. Da er aber wusste, dass es in einem Rechtsstreit nicht um Gerechtigkeit, sondern um die Wahrnehmung von Interessen ging und dass die Menschen hier, obwohl sie schlitzohrig waren und kleine Geschäfte machten, wo sie konnten, im Umgang mit Behörden völlig hilflos waren, entschied er doch sogleich, was zu tun war. Er entwarf einen Brief, in dem die Frau des Bauern erklärte, ihr Sohn gehe als ein fleißiger und guter Junge zur Schule, und wenn ihn jemand auf dem Feld gesehen habe, so betätige er sich dort zu seinem Vergnügen und keineswegs, weil er dazu angehalten werde. Neben dem vielen Lernen, setzte er hinzu, brauche ein kräftiger Junge gerade in diesem Alter auch die Bewegung an frischer Luft. Keinesfalls sei er ein Angestellter ihres Mannes und diesem zu irgendwelchen Arbeiten verpflichtet. Der Schriftsteller bemühte sich, Klarheit der Aussage mit einem schlichten Ausdruck zu verbinden. In einem Postskriptum führte er sich selbst als Zeugen auf und erklärte, die oben gemachten Angaben der Frau bestätigen zu können. „Ihre Ausführungen entsprechen in jedem Punkte der Wahrheit“, schloss er den Brief und unterschrieb ihn mit seinem vollen Namen und Titel. Nachdem der Bauer den Brief gelesen und überall herumgezeigt hatte, schlug der Schriftsteller vor, ihn auf seiner Schreibmaschine zu schreiben: „Ihre Frau kann am Morgen zu mir kommen, unterschreiben und ihn sofort zur Post tragen.“ Dass ein Brief auf einer Maschine getippt werden sollte, bedeutete eine kleine Sensation. Der Arzt hatte sich stets damit begnügt, derartige Schreiben in seiner gleichmäßig geschwungenen Handschrift abzufassen, nun aber sollte ein Brief so aussehen, als käme er selbst von einer Behörde.
Zufrieden ging der Bauer nach Hause, um seiner Familie zu berichten. Der Schriftsteller blieb noch ein Weilchen sitzen. Er dachte daran, dass er diesen Brief vor allem des Kindes und der Mutter wegen entworfen hatte. Denn es war abzusehen, dass ihre Situation unerträglich würde, sollte der Beschwerde des Vaters stattgegeben werden. Hinsichtlich des Erfolges war er zuversichtlich. Die Frist zu wahren, bedeutete schon den halben Sieg. Im Übrigen vertraute er darauf, dass ein verständiger Beamter die Angelegenheit ähnlich beurteilen würde wie er, und was dann noch fehlen mochte, glaubte er, seiner internationalen Reputation überlassen zu dürfen.
Wie vereinbart kam die Frau am nächsten Morgen zu ihm, setzte in unbeholfenen Zügen ihren Namen unter den Brief und brachte ihn im Laufschritt auf die Post. Tatsächlich erhielt die Familie weiterhin die Zuwendungen, die ihr zustanden, und nach wenigen Wochen traf ein Schreiben ein, in dem es hieß, die Beschwerde des leiblichen Vaters sei niedergeschlagen.
Der Schriftsteller – da viele den Brief mit seiner Unterschrift gesehen hatten – wurde von nun an nach der Abkürzung Dr. phil. mit dem Titel Dottore Philosoph angesprochen. Gegenüber dem einfachen Dottore des Arztes schien das zunächst eine Auszeichnung zu bedeuten. Doch lag darin wohl eher eine Einschränkung, wobei Dottore dafür stand, dass der Gemeinte Briefe schreiben und mit den Behörden umgehen konnte, Philosoph aber weiterhin jene Eigenart bezeichnete, sich still seine Gedanken zu machen und von Zeit zu Zeit etwas in seinem Heft zu notieren, eine Eigenart, die den Einheimischen stets fremd blieb und die auch vom Schriftsteller selbst als Ausdruck seiner Verschlossenheit gegenüber anderen empfunden wurde. Und wenn auch sein Ansehen so gewachsen war, dass die Leute künftig gleich zu ihm kamen, wenn sie Probleme hatten, die Schreibarbeit erforderten, und ihn baten, einen schönen Brief mit der Maschine zu machen, so wäre doch selbstverständlich niemand auf den Einfall gekommen, sich etwa im Krankheitsfall an ihn zu wenden. Er war zuständig für jene künstlichen, von Bürokraten erfundenen Schwierigkeiten, seine Position war mit der naturerzwungenen Unentbehrlichkeit des Arztes nicht zu vergleichen.
Eines Abends, als er aus der Taverne nach Hause kam, vermisste der Schriftsteller sein Notizbuch. Wie sonst hatte er es neben das Schachbrett auf den Tisch gelegt. Da er allein war, hatte er – gedankenarm und etwas verstimmt – mehr getrunken als gewöhnlich. Er nahm an, das Heft liegengelassen zu haben, und sicher, es am nächsten Tag zurückzubekommen, dachte er nicht mehr darüber nach. Er erfrischte sich ein wenig, ging dann, vom Wein leicht benommen, noch einmal hinaus und stieg die Treppe hinauf zum Ende der kleinen Gasse, wo vor dem kantigen Felsen des dahinter aufragenden Berges als letztes das alte, von Verfall bedrohte Haus stand, in dem Joana wohnte. In der Dunkelheit wirkte es wie eine graue Ruine. Auf dem Balkon hing Wäsche zum Trocknen, neben dem Eingang waren Haufen von Unrat aufgetürmt. Die Tür führte gleich in den niedrigen Wohnraum, in dem eine Waschmaschine, ein Tisch, dahinter ein Sofa mit verschlissenem Polster und ein flimmernder Fernseher dicht beieinanderstanden. Hinter einem fleckigen Vorhang befanden sich ein Waschbecken und eine Kochstelle.
Joana hatte ihren Mann vor einigen Jahren, kurz bevor der Schriftsteller in den Ort gekommen war, durch einen Unfall verloren und war nun gezwungen, sich mit Hilfe einer geringen staatlichen Unterstützung durchzuschlagen, die sie durch gelegentliche Handarbeiten und indem sie den Fischern beim Entladen der Boote half, aufzubessern versuchte. Sie war eine kräftige Frau an die fünfzig. Im dichten schwarzen, nunmehr von langen grauen Strähnen durchzogenen Haar, in ihren vollen sinnlichen Lippen und großen tiefbraunen Augen war auch heute noch ihre einstige Schönheit zu ahnen, wenn diese auch von jener etwas groben Art war, wie sie attraktiven Frauen eigen ist, die früh ihr hübsches Gesicht und ihren wohlgeformten Körper als Vorzüge erkannten und – ohne innere Festigkeit der Begierde der Männer ausgesetzt, auch davon angelockt – sich nur durch eine gewisse Plumpheit und erzwungene Härte zu wehren vermochten. Ihr etwas schwerfälliger Leib – sie war groß und eine Spur stämmig – verstärkte diesen Eindruck, und da sie von Zeitschriften und Filmen, die sie gesehen hatte, sich angehalten fühlte, ihren Gebärden die übertriebene Anmut einer Schauspielerin überzustülpen, entstand ein befremdender Kontrast zwischen der Robustheit ihrer Natur und den Versuchen, ihr großes offenes Gesicht mit der kindlichen Süße, ihre kräftigen Glieder mit der zerbrechlichen Grazie eines Models auszustatten. Eines Tages war sie gekommen, um den Dottore Philosoph in einer Sache, die ihre staatliche Unterstützung betraf, zu befragen. Der Schriftsteller regelte das Problem schnell zu ihren Gunsten, und als Dank lud sie ihn zum Abendessen ein.
Joana hatte eine Tochter: Marija, ein sechzehnjähriges, im Unterschied zur Mutter eher zierliches Mädchen. Gleich bei der ersten Begegnung hatte der Schriftsteller das Mädchen liebgewonnen, und während er sein Verhältnis zu Joana, die fast an sein eigenes Alter heranreichte, pflegte, entwickelte sich zwischen Marija und ihm eine lebhafte, von Vater- und Tochtergefühlen geprägte Sympathie. Leichte Verliebtheit mochte dabei eine Rolle spielen, denn obgleich der Altersunterschied beträchtlich war, lernte das Mädchen in dem Schriftsteller einen Mann kennen, der sich in allem nicht nur von ihrem leiblichen Vater, sondern auch von allen übrigen Männern des Dorfes abhob. Nie hatte sie ihn jähzornig oder ungehalten gesehen, und in seinen Berichten und Erzählungen schöpfte er aus einem der Tochter eines Fischers unermesslich erscheinenden Wissensschatz.
Der Schriftsteller verharrte kurz und sah die Gasse hinab. In einem Hauseingang steckten zwei alte Frauen die Köpfe zusammen. Aus dem offenen Fenster hörte er es klappern, und er wusste, dass Marija das Geschirr vom Abendessen abwusch, während Joana es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte, um fernzusehen. Als er eintrat, wandte sie kurz den Kopf. „Ah, Dottore Philosoph“, nickte sie, „setz dich. Du kommst spät. Wir sind mit dem Essen fertig.“ Der Schriftsteller setzte sich auf einen Stuhl, Marija sah hinter dem Vorhang hervor und lächelte ihm zu. Obwohl der Schriftsteller schon seit mehreren Monaten regelmäßig zu ihr kam, hatte Joana ihn nie mit seinem Namen angesprochen. Auch im Bett nannte sie ihn nur, wie ihn alle Einheimischen nannten, nur manchmal verkürzt mit seinem früheren Titel „Philosoph“, und nach dem Höhepunkt ihrer Lust, in Momenten der Zärtlichkeit, strich sie ihm über die Brust und flüsterte „Dottore, Dottore“ in sein Ohr.
Sie waren beide erfahren genug, um sich darüber im Klaren zu sein, dass ihre Verbindung nicht viel mehr als eine Zweckgemeinschaft darstellte. Beide waren sie einsam, ihre Randstellung im Dorf hatte sie zusammengeführt. Außerdem spürten sie beide noch ein starkes geschlechtliches Verlangen, und so waren sie schon am ersten Abend, nachdem sie gegessen und Wein getrunken hatten, nachdem Marija zu Bett gegangen war, hemmungslos und gierig ineinander gestürzt. Das geschah in diesem Raum, auf dem Sofa, während der Fernseher lief. Selten übernachtete der Schriftsteller bei ihr, denn das Schlafzimmer im ersten Stock war nur durch einen Vorhang von der engen Kammer des Mädchens abgetrennt.
Marija sprach den Mann, der zu ihrer Mutter kam, überhaupt nicht an. Aber sie lauschte mit leuchtenden Augen, wenn er von seiner Heimat und anderen Ländern berichtete, die er von Reisen kannte. Manchmal spazierte sie auch mit ihm an langen Nachmittagen durch die Zypressenwälder und Pinienhaine, an der schroffen Küste entlang oder kreuz und quer über die Hänge, an denen mit dunkelroten Trauben der Wein wuchs. Er erzählte ihr Geschichten, die er geschrieben hatte oder schreiben wollte. Manchmal lachte sie laut auf, manchmal auch stimmte sie das Gehörte so traurig, dass sie unwillkürlich nach der Hand des Mannes griff, und sie waren dann von weitem anzusehen wie ein Vater mit seiner Tochter oder auch wie ein etwas sonderbares Liebespaar. Und während Marija in dem älteren Mann sowohl einen Vater erblickte wie auch einem bisher nicht gekannten Menschenschlag begegnete, fühlte der Schriftsteller sich durch ihre Milde und Sanftheit, durch die Geschmeidigkeit ihrer Glieder und die Frische ihrer Haut an die Geliebten seiner Jugend erinnert. Hin und wieder ertappte er sich bei dem Gedanken, dass sein Leben, hätte er dieses Mädchen früher kennengelernt, eine völlig andere Richtung genommen hätte. In ihr schien die Frau zu reifen, nach der er sich unentwegt gesehnt und die er nie gefunden hatte.
Von den Dorfbewohnern wurde all das mit einer Mischung aus Missbilligung und Spott betrachtet. Wie über den Arzt machten die Männer ihre Witze auch über den Schriftsteller, von dem es hieß, dass er sich bei Tag mit der Tochter, bei Nacht mit der Mutter vergnüge. Und in ganz anderem Sinne, als sie es
