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Seit jeher beschäftigen sich Menschen mit den großen Fragen des Lebens: Was bedeuten Freiheit, Alter und Tod, Gott, Kultur und Moral? Welche Vorstellungen haben wir von der Natur oder dem Wesen der Zeit? Solange es Menschen gibt, wird es auch Philosophie geben. Philosophieren ist unverzichtbar. Es ist Staunen, Fragen, Suchen nach Antworten. Philosophieren ist Lust am aufrichtigen Denken, am Streben nach einem aufrichtigen Leben. Hans-Joachim Pieper hat Grundfragen der Philosophie in zahlreichen Vorträgen und Diskussionen beleuchtet. Fachlich fundiert und gut verständlich formuliert sprechen seine Essays Fachleute und interessierte Laien gleichermaßen an. Wenn Sie dieses Buches lesen, werden Sie nicht mehr fragen: Philosophie, was soll das? Vielmehr werden Sie sich fragen: Wie konnte ich jemals ohne Philosophie leben?
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Statt eines Vorworts: Was macht eigentlich die Philosophie?
1. Womit beschäftigt sich die Philosophie?
2. Philosophie als Lebenskunst und Philosophie als Wissenschaft
3. Philosophie heute
I. Welchen Geschmack hat die Freiheit?
1. Der Geschmack der Freiheit
2. Freiheit in der Perspektive der Philosophie
3. Der Determinismus als spekulative Idee
4. Die spekulative Idee der unbedingten Freiheit
5. Grundzüge bedingter Freiheit
II. Freiheit zum Freitod
1. Jean Amérys Diskurs über den Freitod
2. Selbsttötung in der Geschichte der Philosophie
3. Selbsttötung und Freiheit
4. Grenzen des Rechts zur Selbsttötung
5. Beistandspflicht und der Respekt vor Selbstbestimmung
III. Ethik des Helfens
1. Der barmherzige Samariter
2. Das Beispiel Jonathan Swifts
3. Das Dilemma der Hilfe
4. Der Mann in der U-Bahn
5. Resümee
IV. Das Schöne und die Kunst Eine Einführung in die Philosophische Ästhetik
1. Platon und die Idee des Schönen
2. Kant: Das interesselose Wohlgefallen
3. Das Schöne und die moderne Kunst
V. Zurück zur Natur!? Überlegungen zum menschlichen Unbehagen an der Kultur
1. Klassische Kulturkritik: Seneca und Rousseau
2. Das Unbehagen an der Kultur: Weitere Faktoren
3. Was ist Kultur? – Die Kultur und ihre Errungenschaften
4. Ein Denkfehler in der Kulturkritik
5. „Vorwärts zur Kultur!“
VI. Ich denke, doch wer bin ich? Die Frage nach der Person und der persönlichen Identität
1. Tatort: Numerische und qualitative Identität
2. Die mentalistische Ich-Auffassung
3. „Das Ich ist unrettbar“
4. Die Reanimation des Ichs
VII. Was ist die Zeit? Antworten aus der Philosophie
1. Vorbemerkung zur Ontologie der Zeit
2. Zeit und Erkenntnistheorie
3. Zeit und Leben, Leben und Zeit
VIII. „Manchmal frage ich mich, ob es mich gibt!“ Gottesbeweise in der Philosophie
1. Die klassischen Beweisverfahren
2. Der ideentheoretische Gottesbeweis nach Descartes
3. Der
letzte
Gottesbeweis
4. Kritik der Gottesbeweise
5. Die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes
6. Die Existenz Gottes als moralisches Postulat
IX. Unfall oder Glücksfall? Betrachtungen über das Alter
1. Altersbilder
2. Das Alter als gesellschaftspolitisches Problem
3. „Was ist denn geschehen? Das Leben – und ich bin alt geworden.“
X. Weiterleben im Tode? Fragen und Antworten diesseits der Religionen
1. Sokrates/Platon: Beweise für die Unsterblichkeit der Seele
2. Epikur: Der Tod ist für uns ein Nichts
3. Seneca: Trost für die Hinterbliebenen
4. Kant/De Sade: Der Tod in Zeiten der Aufklärung
5. Freud: Gefühle im Konflikt
6. Weiterleben im Tode?
Literatur
Der Autor
Was macht eigentlich …? So fragt man nach Menschen, von denen man lange nichts gehört hat. Was macht der oder die eigentlich? Leben die noch? Und wenn ja, wie geht es denen denn so? – Man kann die Frage aber auch anders verstehen, indem man die Betonung auf „eigentlich“ legt. Was macht der oder die eigentlich, sprich, womit beschäftigen die sich genau? Auf diese doppelte Weise können wir auch nach der Philosophie fragen: Was macht eigentlich die Philosophie? Gibt es sie noch und wie steht es denn so um sie? Oder: Was genau macht eigentlich die Philosophie, was genau ist eigentlich Philosophie? Erwarten Sie nicht, dass ich diese Fragen erschöpfend und zu Ihrer Zufriedenheit beantworte. Das ist im Rahmen eines ein Vorwort vertretenden Essays sicher nicht möglich. Allerdings könnte ich diese Fragen wohl auch dann nicht erschöpfend beantworten, wenn ich sehr viel Zeit und sehr viel Raum zur Verfügung hätte.
Ich möchte in drei Anläufen skizzieren, worum es in der Philosophie geht und wie es heute um sie steht. (1.) Als erstes ist es sinnvoll zu rekonstruieren, mit welchen Fragen die Philosophie sich traditionellerweise beschäftigt, worum es in der Philosophie immer schon ging. Danach (2.) will ich versuchen, das Spannungsfeld zu umreißen, in dem das Verständnis von Philosophie sich bewegt. Dazu möchte ich zwei sehr unterschiedliche Auffassungen skizzieren, die nach meinem Verständnis allerdings komplementär sind: Philosophie als Wissenschaft und Philosophie als Lebenskunst. Und schließlich (3.) versuche ich eine Einschätzung der aktuellen Lage der Philosophie: Fristet sie ein Schattendasein wie manche Sport-, Pop- und Filmstars vergangener Zeiten, nach denen man gelegentlich fragt: Was machen die eigentlich? Oder ist sie tagesaktuell in unserem Bewusstsein?
Gibt es sie noch, die Philosophie? Welche Bedeutung hat sie für Sie und mich, und welche Bedeutung hat sie für unsere Zeit?
Nach Immanuel Kant (1724-1804) gibt es drei Hauptfragen, mit denen sich die Philosophie auseinandersetzt: (1.) Was kann ich wissen? (2.) Was soll ich tun? (3.) Was darf ich hoffen? Er fügt hinzu: Diese Fragen werden zusammengehalten von einer vierten Frage, und die lautet (4.): Was ist der Mensch? (Kant 1983/5 [Logik], 448) Damit hat Kant die Fragen formuliert, die für die wesentlichen philosophischen Disziplinen bis heute leitend sind. „Was kann ich wissen?“ ist die Grundfrage der Erkenntnistheorie. „Was soll ich tun?“, danach fragt die Ethik oder Praktische Philosophie. „Was darf ich hoffen?“, diese Frage repräsentiert die Metaphysik. Und „Was ist der Mensch?“, damit haben wir die Problemstellung der Philosophischen Anthropologie vor uns. Lassen Sie mich diesem Katalog philosophischer Disziplinen noch eine hinzufügen: die Ästhetik.
Für Kant münden, wie gesagt, alle diese Fragen in die Frage nach dem Wesen des Menschen. Damit hat er – meines Erachtens zu Recht – zum Ausdruck gebracht, dass Philosophieren – ohne deshalb anthropozentrisch sein zu müssen – um den Menschen kreist, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Alles Philosophieren, alles Fragenstellen, Nachdenken und Forschen gründet darin, dass der Mensch nicht einfach instinkt- und gengesteuert vor sich hinlebt, sondern dass er sich in der Welt orientieren, dass er die Welt zu seinen Gunsten (und Ungunsten) verändern kann und muss. Er kann sich Gedanken machen, kann seine Gedanken in Wörtern und Begriffen festhalten und sie an andere weitergeben, sie mit anderen teilen. So hat er ein ungeheures Reservoir von Wissen angehäuft, Alltagswissen ebenso wie hochkomplexe wissenschaftliche Erkenntnisse. Entscheidend ist jedoch, dass Menschen sich nicht nur im Einzelnen und Ganzen über die Welt Gedanken machen können. Menschen sind vom Ansatz her ein bisschen schizophren. Sie können zu sich selbst auf Distanz gehen. Sie können sich über sich selbst, über das eigene Handeln, über die eigene Position in der Welt, aber auch über die eigenen Gedanken Gedanken machen. Anders gesagt: Menschen sind reflexiv. Sie sind Wesen, die in einem Selbstverhältnis stehen, die sich selbst zum Thema, sogar zum Gegenstand ihrer Entscheidungen und ihres Handelns machen können.
Schon im Alltag stoßen wir darauf. Als ob wir neben uns stünden, fragen wir uns manchmal selbst: „Was redest du denn da?“ Wir sprechen uns im Spiegel an: „Meinst du nicht, es wäre besser, etwas mehr Sport zu treiben, um ein paar Kilo abzunehmen?“ Wir gehen mit uns zu Gericht: „Wie konntest du dich so gehen lassen?“ – „Wie konntest du ihm (oder ihr) so etwas nur antun?“ Und wir können Vorsätze fassen und planen, unser Leben in Zukunft zu ändern.
Diese Fähigkeit zur Selbstdistanz und Selbstreflexion ist der Keim aller Philosophie, und insofern kann man sagen: Philosophie ist letztlich der Versuch des Menschen, sich über sich selbst Rechenschaft abzulegen, über seine Stellung in der Welt, über sein Handeln und Verhalten, über seine Fähigkeiten und Möglichkeiten und über den Sinn und Zweck seines Daseins. Deshalb hat Kant recht daran getan, die Frage nach dem Menschen als die Klammer alles Philosophierens dem klassischen Kanon – der Erkenntnistheorie, Ethik und Metaphysik – hinzuzufügen.
Nebenbei kommt darin auch eine kritische Note zum Ausdruck: Da wir immer nur aus der Perspektive des Menschen philosophieren und Wissenschaft betreiben können, ist es ratsam, sich erstens darüber klar zu werden, was der Mensch selbst eigentlich ist, und zweitens darüber, dass alles, was wir über die Welt sagen, zugleich auch immer etwas über uns selbst sagt, darüber, wie wir die Welt sehen und möglicherweise sehen müssen.
Was ist der Mensch? Diese Frage, dieser Impuls, sich über sich selbst inmitten der Welt Gedanken zu machen, bildet die Initialzündung und das Ziel aller Philosophie. Das lässt sich auch an den klassischen philosophischen Disziplinen zeigen. Wir stehen uns gleichsam selbst gegenüber, wenn wir fragen: Was soll ich tun? Welches Handeln gegenüber anderen ist angemessen? Gibt es Werte und Normen, denen wir uns unbedingt unterstellen sollten? Gibt es Gut und Böse, und wenn ja, welche Handlungen, welche Gesinnungen sind gut und welche nicht? Wir wollen wissen, was und wie der Mensch ist. Aber wenn wir uns selbst befragen, welche Handlungen, welche Arten des Zusammenlebens gut und richtig sind, dann wollen wir auch wissen, wie der Mensch sein und leben sollte. Diese normative Frage ist die Grundfrage der philosophischen Ethik, der Praktischen Philosophie und der Moralphilosophie im engeren Sinne.
Für die Tradition, in spezifischer Weise auch noch für Kant, war diese Frage direkt mit einer anderen von Kant genannten Grundfrage verknüpft: „Was darf ich hoffen?“ Was darf ich hoffen, wenn ich mich um Tugendhaftigkeit, Anstand, Aufrichtigkeit bemühe und das alles auch in beträchtlichem Maße erreiche? Wenn ich die Forderungen der Moral so weit wie möglich erfülle, gibt es dann eine Belohnung? Gibt es eine höhere Gerechtigkeit als die, die wir auf Erden kennen?
Daran lässt sich leicht eine ganze Reihe sogenannter letzter Fragen anschließen, Fragen der Metaphysik, Fragen also, die über das hinausgehen, was wir mit unseren Sinnen, mit unserem Verstand, mit unseren Wissenschaften seriös beantworten können. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es eine unsterbliche Seele? Gibt es einen Gott? Hat die Welt einen Anfang und ein Ende? Woher kommt die Welt? Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Hat die Welt ein Ziel und einen Sinn? Gibt es einen Sinn für das menschliche Leben insgesamt und für unser ganz persönliches Dasein? Auch solche Fragen resultieren daraus, dass wir uns über uns selbst Gedanken machen können, Gedanken darüber, woher wir stammen, warum und wozu es uns überhaupt gibt. Auch diese Fragen zielen auf Antworten, die das Wesen des Menschen und seine Stellung in der Welt näher charakterisieren sollen. Auch mit diesen Fragen kreist der Mensch um sich selbst und seine Bestimmung.
Erst recht können wir die Frage hier einordnen, die Kant in seiner Auflistung als erste stellt: „Was kann ich wissen?“ Dass wir uns über uns selbst Gedanken machen können, hat die besondere Note, dass wir auch über unsere Gedanken nachdenken können. Wir können das, was wir denken, glauben, vermuten und wissen, selbst wieder zum Gegenstand der Überlegungen machen und uns fragen: Woher wissen wir denn das, was wir da vermeintlich wissen? Warum glauben wir, dass es wahr ist? Und wie weit erstrecken sich überhaupt unsere Möglichkeiten, Wissen und Einsichten zu erlangen?
Für die neuere Philosophie etwa seit dem 17. Jahrhundert – seit Descartes (1596-1650), spätestens aber seit Kant – steht diese Frage, das Problem der Erkenntnistheorie, in der Philosophie an erster Stelle. Bevor ich über die Welt, über das richtige Handeln und erst recht über die „letzten Dinge“ etwas Sinnvolles sagen kann, sollte ich mir Klarheit darüber verschaffen, was ich bzw. was wir Menschen überhaupt erkennen können, ob es nicht Grenzen gibt, über die all unser Erkenntnisstreben, all unsere Wissenschaften nicht hinausgelangen. Die Erkenntnistheorie bzw. Erkenntniskritik hat die Metaphysik in ihrer Funktion als prima philosophia, als Erste Philosophie, abgelöst. In der Erkenntnistheorie fragt das Denken nach sich selbst, nach den eigenen Formen, Grundlagen und Grenzen. Hier fragen wir danach, ob unser Denken mit der Wirklichkeit übereinstimmt, ja, ob wir über eine Welt außerhalb unseres Denkens überhaupt sinnvoll sprechen können oder ob nicht unser Denken – vielleicht sogar unsere Sprache – die Grenzen unserer Welt bezeichnet.
Was kann ich wissen? Mit dieser reflexiven Frage wird dem Menschen vollends bewusst, wie außergewöhnlich seine Lage ist. Er kann sich über diese seine Lage Gedanken machen. Und nicht nur über diese Lage, sondern auch darüber, wie und was er davon überhaupt wissen kann. Zugleich wird er sich seiner Beschränktheit und Endlichkeit bewusst. Inmitten eines schier grenzenlosen Universums, eines unendlichen Spektrums von möglichem Wissen muss er sich eingestehen, dass er nicht weiß, ob er die Welt angemessen erfasst, dass er nicht weiß, woher er selbst und die Welt überhaupt kommen, dass er nicht weiß, ob sein Leben einen Sinn hat, ob er selbst und sein ganzes Denken und Erkennen nicht vielleicht – wie bei einem Computer – das Ergebnis elektronischer bzw. biochemischer Schaltkreise sind, die bei aller Bedeutung, die er ihnen verleiht, schlechterdings nichts bedeuten.
Allerdings weiß er bei alledem auch nicht, ob Fragen dieser Art überhaupt einen Sinn haben. Doch den Sinn solcher Fragen zu bezweifeln, nützt nicht viel, solange diese Fragen sich stellen. Und darin besteht das einzigartige Schicksal des Menschen, dass diese und andere Fragen sich ihm stellen. Der Mensch hat das Privileg zu philosophieren, aber er ist auch verurteilt dazu. Deshalb ist die Philosophie unmittelbar mit dem Denken verknüpft, und solange das Leben von Menschen durch Denken, durch Fragen und Forschen bestimmt ist, solange wird es auch Philosophie geben.
Ich habe eingangs in den Kanon der philosophischen Disziplinen (Erkenntnistheorie, Ethik, Metaphysik und Philosophische Anthropologie) noch eine weitere Disziplin eingefügt: die Ästhetik. Auch mit Gefühl und Wahrnehmung und mit dem Wesen des Schönen und Erhabenen hat sich die Philosophie schon sehr früh, spätestens seit Platon (428/427-348/347 v. Chr.), beschäftigt. Zu einem eigenständigen Gebiet der Philosophie wurde die Ästhetik aber erst im 18. Jahrhundert. Der emotionale Zugang zur Welt, insbesondere die ästhetische Erfahrung im engeren Sinne, die Erfahrung von Schönem und Erhabenem in Natur oder Kunst, stellt eine weitere Besonderheit menschlichen Erlebens dar. Auch die hierhergehörenden Fragen – was berührt den Menschen ästhetisch, was ist Kunst, welche Einsichten eigener Art können die Künste vermitteln? –, auch diese Fragen reihen sich ein in die Überlegungen, mit denen der Mensch zu sich selbst auf Distanz geht und sich mit sich selbst, mit seiner Stellung in der Welt auseinandersetzt.
Kunst und anderes ästhetisches Verhalten selbst zur Philosophie zu zählen, wäre unangemessen, auch wenn es in manchen Fällen eine gewisse Berechtigung hätte: in der Literatur etwa bei Robert Musil (1880-1942), in der bildenden Kunst bei Marcel Duchamp (1887-1968). Aber die systematische Beschäftigung mit dem Wesen ästhetischer Welterfassung und ihren Grundlagen ist durchaus eine Aufgabe der Philosophie. Philosophie ist nicht nur eine Reflexion des Menschen auf sich selbst, sondern auch eine Reflexion auf die Formen, in denen der Mensch sich selbst und die Welt interpretiert, wie Sprache, Bild, Wissenschaft, Religion oder Kunst.
Damit haben wir einen Eindruck vom Kreis der Fragen gewonnen, mit denen sich die Philosophie in ihren Hauptdisziplinen seit jeher beschäftigt: mit den Grundlagen unseres Wissens und Erkennens in der Erkenntnistheorie, mit der Frage nach dem richtigen Handeln und Sein in der Praktischen Philosophie bzw. Ethik, mit den „letzten“ Fragen, den Fragen nach Ursprung und Sinn von Mensch und Welt, in der Metaphysik und mit dem Wesen des ästhetischen Erlebens und der Kunst in der Ästhetik. Alle diese Disziplinen haben nicht nur eine lange Tradition, sondern sind auch in sich vielfältig differenziert. Vor allem aber sollte man im Auge behalten, dass sich die vierte von Kant formulierte Frage „Was ist der Mensch?“ durch alle diese Disziplinen hindurchzieht und ihnen inneren Zusammenhalt gibt.
Was die philosophischen Reflexionen auf den Weg bringt, ist der Mensch mit seinem ursprünglichen Staunen und Fragen, mit seiner Fähigkeit, sich selbst zum Thema zu machen, sich selbst in Frage zu stellen. Und das Bemühen, die Stellung, die Möglichkeiten und Sinnbestimmungen des Menschen in der Welt zu erfassen, ist es, worauf diese Reflexionen hinauslaufen. Philosophie entspringt dem Versuch des Menschen, sich Klarheit über sich selbst zu verschaffen, und die Ergebnisse der Philosophie lassen sich als Mosaiksteine begreifen in dem sich über die Jahrtausende entwickelnden Bild, das der Mensch von sich entwirft. Diese Aufgabe, sich selbst in der Welt zu positionieren, stellt sich immer wieder neu. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Philosophie nicht ausstirbt und dass mit der Philosophie jede Generation, ja jeder einzelne Mensch, in mancher Hinsicht immer wieder von vorne beginnt.
Wenn man die Philosophie zu einer Tätigkeit erklärt, an der eigentlich kein Mensch vorbeikommt, an der also auch mehr oder weniger alle Menschen irgendwie beteiligt sind, ruft man nicht selten Widerspruch hervor. Nicht nur den Widerspruch von Menschen, die sich die Philosophie gerne vom Hals halten möchten, sondern auch und gerade den Widerspruch von Menschen, die sich von Berufs wegen mit der Philosophie beschäftigen. Denn Philosophie ist nicht nur der urmenschliche Impuls, zu staunen und zu fragen, sich mit sich selbst und der Welt auseinanderzusetzen. Philosophie ist auch eine wissenschaftliche Disziplin, und aus deren Augen betrachtet, gehört längst nicht alles zur Philosophie, was herauskommt, wenn sich philosophische Laien über Gott und die Welt Gedanken machen.
Von alters her, schon seit der klassischen griechischen Zeit, lassen sich (mindestens) zwei Auffassungen von Philosophie unterscheiden, die sich gelegentlich bekämpfen, die aber nach meinem Dafürhalten zusammengehören und beide ihre Berechtigung haben. Blicken wir zweitausend Jahre zurück in die Gründerzeit der Philosophie! Verkürzt gesagt, stehen sich hier gegenüber: Philosophie als Lebenskunst, als Dialog und lebendiges Frage- und Antwortspiel auf der einen Seite. Dafür stehen z. B. Sokrates (469-399 v. Chr.) und seine Vorläufer. Und Philosophie als systematisch betriebene Wissenschaft auf der anderen Seite. Dafür stehen Platon und Aristoteles (384-322 v. Chr.), die anders als Sokrates zahlreiche Schriften verfasst haben, nicht nur Anhänger und Schüler hatten, sondern Schulen bzw. Akademien gegründet haben und die mit ihrer systematischen Beantwortung philosophischer Fragen sowohl die Kerndisziplinen der Philosophie als auch die Grundlagen für die künftigen Wissenschaften erarbeitet haben. So sind etwa von Aristoteles nicht nur Werke zur Logik, Ethik, Staatstheorie und Metaphysik überliefert, sondern auch zur Dichtkunst und zur Physik.
Verständlicherweise sehen sich heutige Berufsphilosophen – und das sind in erster Linie die Philosophieprofessorinnen und -professoren an den Universitäten – primär in dieser Tradition, der Tradition von Platon und Aristoteles. Als Vertreter und Repräsentantinnen der wissenschaftlich-akademischen Philosophie haben sie zum einen die Aufgabe, zu bewahren, das, was in der Philosophiegeschichte an Einsichten erreicht wurde, im Bewusstsein zu halten und möglichst immer besser zu verstehen. Zum anderen obliegt es ihnen, das Instrumentarium und die Methode des philosophischen Denkens – Sprache, Logik, Argumentationsformen usw. – zu verfeinern und sie auf aktuelle Themen der Gesellschaft und der Wissenschaften anzuwenden. Vereinfachend kann man sagen: Philosophie als Wissenschaft ist zu einem großen Teil Philosophiegeschichte. Dabei steht die Hermeneutik im Vordergrund: das verstehende Auslegen von Gedanken. Zum anderen ist sie aber auch systematische Philosophie: das Bemühen, mit den Mitteln der Philosophie aktuelle Fragestellungen zu lösen bzw. die klassischen Disziplinen der Philosophie – z. B. Erkenntnistheorie – gegenwartsbezogen zu bearbeiten. Auch heute stellt sich ja noch die Frage: „Was können wir wissen?“ Aber sie stellt sich anders und verlangt andere Antworten als etwa noch vor 250 Jahren bei Kant, der zwar die Physik Newtons gekannt hat, von Relativitätstheorie und Quantenphysik, von der Evolutionstheorie, Genetik und Neurobiologie aber noch nichts wissen konnte.
Wie gesagt: Die meisten akademischen Philosophinnen und Philosophen blicken lieber auf Platon und Aristoteles zurück als auf die in der griechischen Tradition ebenfalls stark vertretene Gestalt des „Lebensphilosophen“. Sokrates wird dabei noch weithin akzeptiert. Als Hauptprotagonist von Platons Dialogen lässt er sich ohnehin nicht ignorieren. Aber schon das bekannte von Sokrates überlieferte Statement „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ verträgt sich nicht gut mit dem Anspruch auf wissenschaftliche Erkenntnis. Andere griechische Lebensphilosophen haben Weisheiten hinterlassen, die sich die anerkannte Berufsphilosophie noch weniger gern ins Ahnenbuch schreiben möchte. Von Diogenes von Sinope etwa (ca. 405-Ende der 320er-Jahre v. Chr.), der in einem Fass gelebt haben soll, ist nicht nur eine angebliche Begegnung mit Alexander dem Großen überliefert. Dieser Anekdote zufolge soll Alexander der Große sich zu Diogenes in Korinth begeben haben. „Diogenes lag eben an der Sonne. Als aber so viele Leute auf ihn zukamen, reckte er sich ein wenig in die Höhe und sah Alexander starr an. Dieser grüßte ihn freundlich und fragte, womit er ihm dienen könnte.“ Und Diogenes versetzte: „Geh mir nur ein wenig aus der Sonne!“ „Davon soll Alexander so sehr betroffen gewesen sein und, ungeachtet der ihm bewiesenen Verachtung, den Stolz und die Seelengröße des Mannes so sehr bewundert haben, daß er, als seine Begleiter beim Weggehen darüber scherzten und lachten, ausrief: ‚Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein.‘“1 Wie gesagt: Von Diogenes ist nicht nur diese Anekdote überliefert. Es wird auch gesagt, dass er alles öffentlich getan haben soll. So auch das Onanieren, was er mit den Worten kommentierte: „Könnte man doch so durch Reiben des Bauches sich auch den Hunger vertreiben.“ (Diogenes Laertius 1998, 329)
Von solchen Zuspitzungen einmal abgesehen: Gestalten wie Diogenes von Sinope, aber auch Sokrates, stehen für mindestens drei zum Geiste der Philosophie gehörende Motive. (1.) Sie verkörpern das lebendige Fragen, das Staunen über die Welt und die Herausforderungen des Lebens. Sie stehen dafür, dass Fragenstellen für die Philosophie beinahe noch wichtiger ist, als Antworten zu geben. „Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens“, hieß es später bei Martin Heidegger (1889-1976; Heidegger 1962, 36). Und Karl Jaspers (1883-1969), einer der bekanntesten Vertreter der deutschen Existenzphilosophie, hat Philosophie definiert als „Suchend auf dem Wege sein“ (Jaspers 1980, 36). Diese Bewegung permanenten Fragens und Suchens finden wir gerade im Ursprung der Philosophie, und zwar bei nicht ganz hoffähigen Gestalten wie Diogenes und Sokrates. (2.) Zum zweiten führen diese Gestalten uns vor Augen, dass Philosophie bzw. Philosophieren nichts ist, das nur hinter geschlossenen Akademietüren stattfinden sollte. Sie betrieben Philosophie in aller Öffentlichkeit, auf dem Marktplatz, und sie bezogen dabei alle möglichen Menschen ein. Sie konfrontierten jeden mit ihren philosophischen Weisheiten, sie suchten das Gespräch vielleicht nicht mit allen, aber doch mit vielen. Philosophie ist öffentlich, heißt das. Und sie ist etwas, das jeden Menschen angeht, womit sich jeder beschäftigen sollte und wobei jeder Mensch das Recht hat, nach eigenen Vorstellungen vorzugehen. Philosophie ist eine öffentliche und zugleich höchst persönliche Sache. (3.) Was den philosophischen Ansatz solcher Vertreter der Philosophie zudem von der akademischen Philosophie unterscheidet, ist der Umstand, dass sie Philosophie nie als bloße Denksportaufgabe betrachten. Sie zielen nicht nur auf das richtige Denken und Sprechen. Ihnen geht es um eine philosophische Lebensweise. Denken und Leben wollen sie in Übereinstimmung bringen. Bescheidenheit und Unabhängigkeit zum Beispiel wollten Philosophen wie Diogenes und Sokrates nicht nur predigen, sondern auch leben. So soll Diogenes, der ohnehin so gut wie nichts besaß, auch noch sein Trinkgefäß weggeworfen haben, als er Kinder aus der hohlen Hand trinken sah. Sokrates soll sich sein Leben lang bemüht haben, die ethische Tugend, die er lehrte, auch selbst zu verkörpern. Legendär sind seine Tapferkeit, sein Durchhaltevermögen und seine Selbstbeherrschung. Aus Treue zu seiner philosophischen Überzeugung ist Sokrates sogar in den Tod gegangen. Obwohl er hätte fliehen und seiner Hinrichtung entgehen können, hielt er es für seine Pflicht, den Gesetzen, unter denen er sein Leben verbracht hatte, zu gehorchen, obwohl ihm nun offensichtlich Unrecht geschah. Philosophie bedeutet hier Anleitung zum richtigen Leben und das Befolgen dieser Anleitung. Alle diese Aspekte, die nicht nur in der griechischen und römischen Antike, sondern in der Philosophiegeschichte immer wieder anzutreffen sind, gehören auch heute noch zu den genuinen Impulsen der Philosophie. Philosophie ist eine akademisch-wissenschaftliche Disziplin. Aber Philosophie ist auch das individuelle, persönliche und in öffentlichen Diskursen sich abspielende Staunen und Infragestellen, und sie ist auch der Versuch, nicht nur Antworten auf die Frage nach dem richtigen Leben zu finden, sondern auch richtig zu leben, sprich, sich eine philosophische Lebensführung zu eigen zu machen.
Mögen sich die beiden Grundrichtungen der Philosophie – die akademische und die auf die Lebensführung gerichtete – auch gelegentlich bekämpfen: Sie gehören doch zusammen; nur zusammen machen sie den vollen Gehalt dessen aus, was wir unter Philosophie verstehen. Denn Philosophie ist die Liebe zur Weisheit, nicht nur das Streben nach Wissen, und zur Weisheit gehört außer dem Wissen auch, dass sie persönlich errungen werden muss und dass sie sich auch im Handeln, in einer „weisen“ Lebenshaltung ausdrückt.
Wo steht die Philosophie mit alledem heute? Ist sie, die schon oft Totgesagte, wirklich tot? Davon kann nicht die Rede sein. In jeder Hinsicht erfreut sich die Philosophie ihres Daseins, und dies sogar auf einem recht ansehnlichen Niveau. Natürlich ist nicht alles Philosophie, wo Philosophie draufsteht. Manches Unternehmen bedient sich des Begriffs „Philosophie“, um das zu bezeichnen, was man früher Profil, Strategie oder auch Unternehmenskultur genannt hat. Aber dass man inzwischen regelmäßig von einer Firmen- oder Unternehmensphilosophie spricht, zeigt, dass „Philosophie“ zunehmend positiv besetzt ist.
Positive Erwartungen weckt die Philosophie auch in anderen Bereichen. Insbesondere die Ethik hat sich in vielen gesellschaftlichen Feldern als die Disziplin geltend gemacht, an die man sich in moralischen Fragen, in Fragen der Verantwortung, des richtigen Entscheidens und Handelns zumindest pro forma wendet. Die Ethik im Allgemeinen setzt sich mit der Begründbarkeit von Werten und Normen auf prinzipieller Ebene auseinander. Sie fragt z. B.: Gibt es universell gültige moralische Normen? Wie lassen sich moralische Normen grundsätzlich begründen? Wie lassen sie sich mit dem tatsächlichen Leben vermitteln? In welchem Verhältnis stehen Moral, Recht und Staat zueinander? Diese prinzipiell und abstrakt reflektierende Ethik hat sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zusätzlich in eine Vielzahl konkreter, sog. Angewandter Ethiken differenziert. Es gibt eine Medizin- und Bioethik, eine Ökoethik, Technikethik, Wirtschaftsethik, Tierethik, Roboterethik usw. In Angewandten Ethiken werden moralisch-ethische Richtlinien formuliert, die sowohl die Grundlagen und Grenzen der jeweiligen Handlungsbereiche als auch das konkrete menschliche und zwischenmenschliche Verhalten in diesen Handlungsbereichen betreffen. In der Medizinethik etwa werden einerseits grundsätzliche Fragen diskutiert, z. B. an welchem Menschenbild man sich orientieren soll, ob alle denkbaren und machbaren Therapie- und Optimierungsmöglichkeiten auch umgesetzt werden sollen usw. Andererseits werden hier auch konkrete Überlegungen darüber angestellt, wie das Verhältnis zwischen Arzt oder Ärztin und Patienten aussehen sollte und wie man Pflegebedürftigen die angemessene Hilfe zukommen lässt, ohne sie in ihrer persönlichen Würde zu verletzen. Dass das alles nicht nur an Universitätsinstituten und Philosophenschreibtischen stattfindet, lässt sich unter anderem daran erkennen, dass in zahlreichen Kliniken Ethikkommissionen eingerichtet wurden. Bei der Bundesärztekammer ist die Zentrale Ethikkommission angesiedelt. Auf Bundesebene wurde 2008 per Gesetz der Deutsche Ethikrat eingesetzt und löste den 2001 gegründeten Nationalen Ethikrat ab.
Lange Zeit als schwer verständlich, abgehoben und überflüssig angesehen, wird also die Philosophie wieder als eine Disziplin mit eigenen Kompetenzen anerkannt. Das gilt auch für Bereiche der modernen Naturwissenschaft. Die philosophische Erkenntnistheorie hat die Entwicklungen in der Physik, insbesondere seit den revolutionären Veränderungen durch die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, stets begleitet. Zur Wissenschaftstheorie spezialisiert, ist die Philosophie daran beteiligt, geeignete Verfahren zu entwickeln, um die Ergebnisse komplexer Forschung zu interpretieren und Modelle zu entwerfen, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse veranschaulichen können. In der Neurobiologie und Gehirnforschung findet ein Austausch zwischen Expertinnen und Experten aus Biologie, Medizin, Psychologie und Philosophie statt. Hier arbeitet man an der Schnittstelle von Geist und Materie, hier hat man es mit Korrelationen, mit Wechselwirkungen zwischen neuronalen Vorgängen auf der einen und persönlichem Bewusstsein und Erleben auf der anderen Seite zu tun. Hier geht es letztlich auch um Fragen wie: Was ist Bewusstsein? Was ist eine Person? Was ist das Ich?
Aber auch in anderen Lebensbereichen spielt die Philosophie eine Rolle: als Rechtsphilosophie, Staatsphilosophie, Religionsphilosophie u.a.m. Dass die Philosophie in so unterschiedlichen Bereichen unterwegs sein kann, lässt sich damit erklären, dass sie zu einem großen Teil eine Wissenschaft oder „Disziplin ‚zweiter Ordnung‘“ (Rosenberg 2009, 18) ist. Damit ist nichts anderes gemeint als das schon beschriebene Phänomen: Man kann sich im Denken, besonders im philosophischen Denken, auf das Denken selbst – auch auf bestehende Gedankensysteme – beziehen. Während sich z. B. die Biologie direkt mit Phänomenen des Lebens beschäftigt, stellt die Philosophie der Biologie die Frage, wie die Biologie das eigentlich macht. Die Philosophie hat eine Kernkompetenz darin, nach Grundlagen zu fragen: Was wird in der Biologie unter Leben verstanden und warum? Welche Methoden werden verwendet? Was kann man mit diesen Methoden in den Blick bekommen und was vielleicht nicht?
Die Philosophie fragt nach den Grundlagen, und sie versucht, die zahlreichen Einzelergebnisse der Wissenschaften zu einem widerspruchsfreien Ganzen zusammenzufügen. Neben ihrem methodischen Rüstzeug weist die Philosophie eine jahrtausendealte Tradition der Interpretation auf, und eher als die zum Teil sehr spezialisierten wissenschaftlichen Fachgebiete gibt der philosophische Überblick zu erkennen, welche Konsequenzen sich aus erzielten Resultaten für andere Bereiche und letztlich für das Selbstverständnis des Menschen ergeben. Viele Naturwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen sind für solche Überlegungen offen. Solange die Philosophie sich davor hütet zu glauben, die Welt lasse sich aus einem philosophischen System, aus einem fertigen Gedankengebäude restlos erklären, solange die Philosophie sich vor Ignoranz und Arroganz hütet, wird es in etlichen Bereichen der Wissenschaft weiterhin fruchtbare Zusammenarbeit geben.
Das ist nicht alles, was es Positives über das derzeitige Bild der Philosophie zu sagen gibt. Der Nimbus des Schwerverständlichen wurde der Philosophie nicht zuletzt auch deshalb genommen, weil es immer mehr gut verständliche Bücher zu philosophischen Themen gibt. Angefangen mit Richard David Prechts Bestseller „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ gibt es eine ganze Reihe populärwissenschaftlicher Darstellungen der Philosophie, die von vielen Menschen gelesen werden und denen auch philosophische Fachleute Respekt zollen.2 Es gibt Philosophiesendungen im Radio und im TV, Philosophiemagazine, die man in jeder Bahnhofsbuchhandlung bekommt, und unzählige Blogs, Podcasts und andere Philosophieseiten im Netz. Das alles zeigt, dass sich Philosophie einer gewissen Popularität erfreut.
Nicht zu vergessen sind hier auch die „Philosophischen Cafés“, die sich in den achtziger Jahren von Frankreich ausgehend verbreitet haben und von denen sich auch in Deutschland einige dauerhaft etablieren konnten. Im Philosophischen Café diskutieren – unter sanfter Leitung einer Moderatorin oder eines Moderators – philosophische Laien, aber auch Fachleute, über ein vorgegebenes Thema. Das ursprüngliche, zur Philosophie gehörende Fragen und Antworten, das Dialogische, der Gedanke, dass Philosophie jeden Menschen betrifft und deshalb öffentlich sein sollte: Diese Aspekte kommen im Philosophischen Café nachdrücklich zur Geltung.
Um die große Bedeutung der Ethik bzw. der Praktischen Philosophie hervorzuheben, spreche ich gerne von den „Drei U’s“ der Praktischen Philosophie: Sie ist (1.) unverzichtbar, (2.) unabweisbar und (3.) unverlierbar. Aber ich denke: Was für die Praktische Philosophie gilt, das lässt sich für die Philosophie im Ganzen behaupten. Wenn wir mit Kant festhalten können, dass es in der Philosophie letztlich um den Menschen geht, darum, was der Mensch ist, was seine Stellung in der Welt ausmacht und wie er sich zu sich selbst und seinen Mitmenschen verhalten soll, dann kann man in der Tat sagen: Philosophie ist unverzichtbar, unabweisbar und unverlierbar. Unverzichtbar, weil es zum Wesen des Menschen gehört, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, weil der Mensch weder allein noch in Gesellschaft lebensfähig wäre, wenn er sich nicht fragend und suchend um Orientierung bemühte, um Orientierung in der Welt, Orientierung in der Lebensgestaltung und um Orientierung darüber, was überhaupt in den Bereich seines Denkens und Erkennens fällt. Unabweisbar ist Philosophie aus ähnlichen Gründen: Ob man will oder nicht, philosophischen Fragen kann man nicht ausweichen. Alltägliche und lebenspraktische Fragen wie die, welchen Beruf wir ergreifen, welche Lebensform wir wählen, wie wir mit Krankheit und Tod umgehen sollen, was eigentlich die Natur ausmacht und warum uns ein Bild von van Gogh so berührt: Diese Fragen führen uns früher oder später zur Philosophie und ihren grundsätzlichen Fragen nach dem richtigen Leben, den Möglichkeiten der Erkenntnis, dem Sinn des Lebens und dem Wesen der ästhetischen Erfahrung. Wer sich über sein Leben und die Welt Gedanken macht, kommt um die Philosophie nicht herum. Philosophie ist unverzichtbar und unabweisbar. Und sie ist auch unverlierbar. Das heißt nicht, dass philosophische Theorien von ewiger Wahrheit und ewigem Wert seien. Aber das philosophische Fragen kann nicht verloren gehen, solange Menschen denken. Und wer sich mit Philosophie beschäftigt und dabei zu selbst geprüften Ansichten gelangt, der wird bemerken, dass diese Beschäftigung eine Bereicherung darstellt, die ihn für den Rest seines Lebens begleitet. Vor allem die sich dabei herausbildende Fähigkeit, sein Leben verantwortungsbewusst selbst zu bestimmen und zu gestalten, kann zu einem „Besitz“, einem Charakteristikum unserer Persönlichkeit werden, das wir nicht wieder verlieren.
Philosophie ist also unverzichtbar, unabweisbar und unverlierbar. Das sind gewichtige Argumente für die Philosophie. Ich möchte noch ein Geständnis hinzufügen. Philosophinnen und Philosophen sind in Wahrheit verkappte Hedonisten. Sie sind auf Genuss aus. Denn Philosophie, das liebende Streben nach Weisheit – das hat schon Sokrates gewusst – ist ein erotisches Streben. Philosophie ist die Freude und Lust an der Betätigung und den Einsichten des Denkens. Philosophie beginnt mit Staunen und Wissbegierde, mit dem Wissenwollen, wie die Welt, das Leben und man selbst beschaffen und warum und wozu sie überhaupt vorhanden sind. Philosophie ist Staunen, Fragen, Suchen nach Antwort. Und sie ist darin der Erotik verwandt, dass sie nicht nur von diesen Antworten Lust und Befriedigung erwartet, sondern dass bereits das Suchen, das Denken und Experimentieren selbst Lust bereiten. Philosophie ist die Lust am aufrichtigen Denken, am Streben nach einem aufrichtigen Leben.
Wenn Sie sich noch einmal die „Drei U’s“ der Philosophie vor Augen führen – ihre Unverzichtbarkeit, ihre Unabweisbarkeit und ihre Unverlierbarkeit – und wenn Sie sich vergegenwärtigen, welch große Lust das Philosophieren bereitet, dann werden Sie kaum noch fragen: Philosophie, was soll das und was macht die eigentlich? Sie werden sich dann vielmehr fragen, wie Sie jemals ohne Philosophie leben konnten.
1http://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Sinope. Nach Plutarch: Alexandros 14. Vgl. Diogenes Laertius 1998, 310.
2 Ich denke an Bücher von Peter Bieri („Das Handwerk der Freiheit“; „Wie wollen wir leben?“), Michael Hampe („Das vollkommene Leben“), Michael Sandel („Gerechtigkeit“) und anderen.
Wer erinnert sich nicht an die von dynamischer Musik unterlegten Auftritte des „Marlboro-Man“, der auf dem Rücken eines stolzen Pferdes vor der Kulisse einer imposanten Landschaft – einer Wüste oder eines Canyons – den Geschmack von Freiheit und Abenteuer versprach, den er beim Inhalieren von Nikotin und Teer auf der Zunge zu spüren vermeinte? Ein herber, rauer Geschmack scheint der Freiheit zu eigen. Er erinnert an Wildnis, an Verwegenheit und an Männer, die sich lange nicht rasiert und vermutlich ebenso lange nicht gewaschen haben. Auch mit süßen Versprechungen lockt die Freiheit. Süß schien die Freiheit der „freien Liebe“ – jedenfalls in den Zeiten vor AIDS –, süß das Baden an den Stränden der Freikörperkultur. Süß wie Ananas und Bananen mag der Geschmack der Freiheit denen vorgekommen sein, die sich von der Freien Marktwirtschaft vor allem die Freiheit des Reisens versprochen haben, die Freiheit unbeschränkten Zugangs zu den Konsumgütern dieser Welt, vielleicht auch die Freiheit, aus dem eigenen Leben selbsttätig etwas zu machen. Viele von ihnen haben statt der Süße der Freiheit die bitteren Pillen der wirtschaftlichen Globalisierung zu schmecken bekommen.
Wie auch immer sie schmecken mag, Freiheit ist ein hohes Gut. Niemand möchte sie missen, viele hätten gerne mehr davon. Aber was verbinden wir mit dem Begriff der Freiheit? Wann fühlen wir uns denn eigentlich frei? Wenn wir tun und lassen können, was wir wollen? Wenn wir unsere Zeit selbst gestalten können? Wenn wir – nicht zuletzt finanziell – unabhängig sind? Wenn wir uns ungehemmt geben können, wie wir sind? Wenn wir spontan sind? Wenn wir einen wohl überlegten Entschluss in die Tat umsetzen? Wenn niemand uns Vorschriften macht? Wenn wir in den Tag hineinleben oder uns selbstvergessen einer Tätigkeit hingeben können?
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen, die in der Geschichte der Philosophie um die Freiheit geführt worden sind, mögen solche Assoziationen oberflächlich, zum Teil auch widersprüchlich erscheinen. Man denke etwa an den Gegensatz von sogenannter Spontaneität und wohl überlegtem Handeln. Tatsächlich gehören diese Vorstellungen von Freiheit fast ausnahmslos in den Bereich der Handlungsfreiheit, der Freiheit also, die darin besteht, das, was man will, was man wünscht oder begehrt, auch umsetzen zu können. Insofern ist dieser Blick auf die Freiheit natürlich beschränkt. Dennoch treffen die genannten Aspekte durchaus wichtige Momente der Freiheit.
Die philosophische Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff leistet vor allem die Differenzierung und Klärung grundsätzlicher, oft stillschweigend übergangener Fragen: In welchem Sinne können wir überhaupt von Freiheit sprechen, und in welchem Sinne sprechen wir jeweils tatsächlich von ihr? Gibt es Freiheit überhaupt, ist sie überhaupt möglich? Wenn es sie gibt, worin besteht dann das Wesen der Freiheit? Welche Arten von Freiheit sollten wir unterscheiden? In welchem Verhältnis steht die Freiheit zu unserem Selbst, zu unserer Person? Reflexionen dieser Art – Fragen nach den ungeklärten Voraussetzungen unserer alltäglichen Rede von Freiheit – können unser Verständnis von Freiheit erweitern. Wer sich damit beschäftigt hat, wird gewiss nicht mehr so leichtfertig mit dem Freiheitsbegriff umgehen, wie es die Werbung manchmal tut (wenn es z. B. heißt: „Die Freiheit nehm’ ich mir!“). Aber man muss auf die landläufigen Vorstellungen von Freiheit auch nicht verzichten, und man kann das vertiefte, philosophisch „unterfütterte“ Verständnis von Freiheit durchaus konkret im Leben verorten.
Wenn wir uns mit dem Begriff der Freiheit aus Perspektive der Philosophie beschäftigen, sollten wir also zunächst versuchen, den Begriff zu differenzieren. Dazu bieten sich einige Unterscheidungen an:
2.1. Zunächst die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit. Dabei ist mit negativer Freiheit die bloße Abwesenheit einschränkender und bestimmender Faktoren gemeint. Zum Beispiel kann ich mich den Einflüssen der Gesellschaft, des Elternhauses, der geltenden moralischen Normen usw. so weit wie möglich entziehen. Dieses Verständnis von Freiheit ist jedoch insofern nur negativ, als die Freiheit hier allein in der Ablehnung, der Zurückweisung von Bedingungen besteht. Ein positives Freiheitsverständnis ist erst dann gewonnen, wenn die Befreiung von Fremdbestimmung und der dadurch erlangte Spielraum der Selbstbestimmung auf die Verwirklichung eines selbst gewählten Zieles ausgerichtet werden. Neben der Freiheit von bedarf es auch der Freiheit zu etwas.
Einen klassischen Ausdruck findet die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit in der Moralphilosophie Immanuel Kants (1724-1804). Der negative Aspekt von Kants Freiheitsbegriff besteht in der Zurückweisung aller Ansprüche unserer egoistischen Bedürfnisse und Triebe, unseres sog. Glückseligkeitsstrebens. Für eine moralisch wertvolle Entscheidung dürfen diese Motive nach Kant keine Rolle spielen. Man muss sie zurückweisen, geradezu demütigen. Ihre Ansprüche auf die Bestimmung des Willens werden „negiert“, von ihnen sollen wir uns so weit wie möglich freihalten. Dennoch muss der Wille von etwas bestimmt sein, vor allem dann, wenn er eine moralisch qualifizierte Entscheidung treffen soll. Er braucht einen positiven Bestimmungsgrund. Den bekommt er laut Kant aus der reinen Vernunft, und zwar in Form des Sittengesetzes bzw. des kategorischen Imperativs. In seiner vermutlich bekanntesten Formulierung lautet dieses Gesetz: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ (Kant 1983/6 [GMS], 61) Die allgemeine, wesentlich abstraktere Formel dieses Gesetzes verlangt: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (Kant 1983/6 [KpV], 140)
Ich möchte mich hier nicht ausführlich mit Kants Moralphilosophie beschäftigen, sondern nur das hervorheben, was für unseren Zusammenhang von Belang ist. Die Freiheit hat auch für Kant eine negative und eine positive Seite. Negativ ist die Abwehr aller Antriebe der Sinne oder, wie Kant auch sagt, aller Antriebe des unteren Begehrungsvermögens. Motive, die daraus entspringen, haben in einer moralischen Entscheidung nichts zu suchen. Positiv hingegen ist das Gesetz, das die Vernunft sich selbst auferlegt, das Sittengesetz bzw. der kategorische Imperativ. Diese Freiheit, die Selbstbestimmung oder Selbstgesetzgebung aus reiner praktischer Vernunft, heißt dementsprechend Autonomie. Kants Begriff der Autonomie – verstanden als Selbstgesetzgebung der Vernunft – liefert ein eindrucksvolles Beispiel eines Freiheitsbegriffs, der negative und positive Freiheit verbindet: die Negation oder Zurückweisung aller Antriebe der Sinnlichkeit und die positive Bestimmung durch ein reines Gesetz der Vernunft. Die vorbehaltlose Befolgung dieses Gesetzes wird von Kant auch als Pflicht bezeichnet. Handlungen aus Freiheit und Handlungen aus Pflicht fallen für Kant im Begriff der autonomen, von der Vernunft gebotenen Handlung zusammen.
2.2. Eine andere wichtige Unterscheidung bzgl. des Freiheitsbegriffs besteht darin, Wahlfreiheit, Handlungsfreiheit und Willensfreiheit auseinander zu halten.
2.2.1. Die Frage nach der Wahlfreiheit möchte ich dabei nur kurz berühren, da sie sich weitgehend auf Aspekte zurückführen lässt, die in den Zusammenhang der Handlungs- bzw. der Willensfreiheit gehören. Wahlfreiheit bedeutet die Freiheit, in einer Situation zwischen verschiedenen Optionen wählen zu können. Dazu ist ein gewisser Handlungsspielraum erforderlich. Ich kann nur dann zwischen verschiedenen Optionen wählen, wenn auch tatsächlich verschiedene Optionen bestehen. Wenn etwa auf einer Speisekarte nur eine Vorspeise angegeben wird, ist meine Wahlfreiheit in dieser Hinsicht merklich eingeschränkt. Insofern stellt sich die Wahlfreiheit als ein Teilaspekt der Handlungsfreiheit
