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Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. "Frau Mertens", sagte Antonia Laurin, als eine schmale Blondine ihr Sprechzimmer betrat. Nicole Mertens war Anfang vierzig, sah aber jünger aus. Normalerweise jedenfalls, nicht jedoch heute. Das lag an ihrem sorgenvollen Gesicht und den müden Augen, dachte Antonia. "Sie wollten mich sprechen? Wegen Mascha? " Antonia war Kinderärztin, sie betrieb die Praxis gemeinsam mit ihrer Kollegin Maxi Böhler. Nicole Mertens nickte. "Ja", antwortete sie mit leiser Stimme, "ich weiß mir keinen Rat mehr, Frau Doktor. Und Sie sind ja so gut mit ihr zurechtgekommen, deshalb habe ich auch um dieses Gespräch gebeten. Vielleicht können Sie uns einen Rat geben, meinem Mann und mir. Nicoles Tochter Mascha war nicht oft in der Praxis gewesen, aber bei jedem ihrer Besuche hatte sich Antonia lange mit ihr unterhalten. Das letzte Mal hatte sie Mascha vor etwa einem Monat gesehen, das Mal davor lag bestimmt schon ein halbes Jahr zurück. Vor einem Monat nun hatte Mascha ihr mitgeteilt, sobald sie ein Teenager geworden sei, werde sie zu einem 'richtigen' Arzt gehen. Antonia hatte ihr alles Gute gewünscht und angenommen, sie werde Mascha nicht wiedersehen. Sie erinnerte sich gut an dieses Gespräch, denn das Mädchen hatte in der Zeit zwischen den beiden letzten Besuchen einen unübersehbaren Sprung in der Entwicklung gemacht: Aus einem dünnen, wenn auch hübschen, aber dennoch insgesamt eher unscheinbaren Kind war eine selbstbewusste kleine Schönheit geworden. Mascha sah jetzt, wie viele Mädchen ihres Alters, eher aus wie siebzehn, und sie wusste, wie attraktiv sie war mit ihrem schlanken, trotzdem sehr weiblichen Körper und den langen hellblonden Haaren. Sie hatte ein Puppengesicht mit dunkelblauen Augen und Stupsnase, runden Wangen und einem hübsch geschwungenen Mund. Ganz bestimmt waren sämtliche Jungen, denen sie begegnete, sofort verliebt in sie. Antonia fiel jetzt auch wieder ein, wie überrascht sie gewesen war, als Mascha ihr Sprechzimmer betreten hatte.
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2022
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„Frau Mertens“, sagte Antonia Laurin, als eine schmale Blondine ihr Sprechzimmer betrat. Nicole Mertens war Anfang vierzig, sah aber jünger aus. Normalerweise jedenfalls, nicht jedoch heute. Das lag an ihrem sorgenvollen Gesicht und den müden Augen, dachte Antonia.
„Sie wollten mich sprechen? Wegen Mascha?“ Antonia war Kinderärztin, sie betrieb die Praxis gemeinsam mit ihrer Kollegin Maxi Böhler.
Nicole Mertens nickte. „Ja“, antwortete sie mit leiser Stimme, „ich weiß mir keinen Rat mehr, Frau Doktor. Und Sie sind ja so gut mit ihr zurechtgekommen, deshalb habe ich auch um dieses Gespräch gebeten. Vielleicht können Sie uns einen Rat geben, meinem Mann und mir.“
Nicoles Tochter Mascha war nicht oft in der Praxis gewesen, aber bei jedem ihrer Besuche hatte sich Antonia lange mit ihr unterhalten. Das letzte Mal hatte sie Mascha vor etwa einem Monat gesehen, das Mal davor lag bestimmt schon ein halbes Jahr zurück. Vor einem Monat nun hatte Mascha ihr mitgeteilt, sobald sie ein Teenager geworden sei, werde sie zu einem ‚richtigen‘ Arzt gehen. Antonia hatte ihr alles Gute gewünscht und angenommen, sie werde Mascha nicht wiedersehen.
Sie erinnerte sich gut an dieses Gespräch, denn das Mädchen hatte in der Zeit zwischen den beiden letzten Besuchen einen unübersehbaren Sprung in der Entwicklung gemacht: Aus einem dünnen, wenn auch hübschen, aber dennoch insgesamt eher unscheinbaren Kind war eine selbstbewusste kleine Schönheit geworden. Mascha sah jetzt, wie viele Mädchen ihres Alters, eher aus wie siebzehn, und sie wusste, wie attraktiv sie war mit ihrem schlanken, trotzdem sehr weiblichen Körper und den langen hellblonden Haaren. Sie hatte ein Puppengesicht mit dunkelblauen Augen und Stupsnase, runden Wangen und einem hübsch geschwungenen Mund. Ganz bestimmt waren sämtliche Jungen, denen sie begegnete, sofort verliebt in sie.
Antonia fiel jetzt auch wieder ein, wie überrascht sie gewesen war, als Mascha ihr Sprechzimmer betreten hatte. Im ersten Moment hatte sie das Mädchen nicht erkannt, und Mascha, auch das fiel ihr jetzt wieder ein, hatte sich über ihre Verwunderung gefreut. Antonia hatte sich fassungslos gefragt, wie sich ein Mensch in so kurzer Zeit so sehr verändern konnte. War das bei ihr auch so gewesen? Sie wusste es nicht mehr. Aber so war es ja wohl mit Schmetterlingen: Gerade noch eine unscheinbare Larve – und dann geschah das Wunder.
„Sie ist letzte Woche dreizehn geworden, sie hat ihre Periode bekommen, plötzlich sind ihr Brüste gewachsen, sie hat einen Freund, und sie will die Pille nehmen“, erklärte Nicole Mertens in einer atemlosen Aufzählung. „Und sie will nicht mehr zu Ihnen gehen, sondern zu einem …“
„… ‚richtigen‘ Arzt“, ergänzte Antonia die Worte von Maschas Mutter. „Das hat sie mir beim letzten Mal schon gesagt, Frau Mertens.“
„Wir haben jetzt jeden Tag Streit mit ihr“, klagte Nicole Mertens. „Sie will sich nichts mehr sagen lassen, ständig knallen bei uns zu Hause die Türen, sie schließt sich in ihrem Zimmer ein, hängt stundenlang am Handy und telefoniert mit ihren Freundinnen oder tauscht Nachrichten mit ihnen aus, und sie hat jetzt eben diesen Freund, den wir noch nicht einmal kennen. Sie sagt, das ist ihr Privatleben, wir sollen uns da raushalten. Jetzt haben wir Angst, dass sie allein zu einem Gynäkologen geht und den dazu bringt, ihr die Pille zu verschreiben.“
„Das wird kein verantwortungsvoller Arzt tun, Frau Mertens, weil er es nämlich gar nicht darf“, erwiderte Antonia. „Lassen Sie es sie versuchen, sie wird dann schon sehen, dass sie allein nicht weit kommt.“
„Mit dreizehn!“ Nicoles Stimme klang erschüttert. „Ich bin bestimmt nicht der Ansicht, dass man nur Sex haben darf, wenn man verheiratet ist, aber auch wenn sie jetzt so erwachsen aussieht: Sie ist trotzdem noch ein Kind. Und dieser Junge ist auch nicht viel älter, er ist vierzehn. Das ist das Einzige, was wir von ihm wissen. Wir fragen uns natürlich, was für ein Typ er ist, ob er sie bedrängt oder wieso sie auf einmal ständig von der Pille redet …“ Sie brach ab. „Sie sagt uns nicht einmal seinen Namen, sie redet sowieso praktisch überhaupt nicht mehr mit uns und wenn, dann hat sie neuerdings so einen patzigen Ton drauf …“
Antonia kam das alles sehr bekannt vor, denn sie wusste noch sehr gut, wie ihre ältere Tochter Kaja sich eine Weile aufgeführt hatte: Ständig hatte sie Streit mit ihrer fünf Jahre jüngeren Schwester Kyra gehabt und in der Familie für Spannungen gesorgt. Außerdem hatte sie mit aller Macht versucht, den ‚Haushaltsmanager‘ der Familie, Simon Daume, zu vergraulen, den sie hatten einstellen müssen, damit Antonia wieder arbeiten konnte. Kaja hatte nichts unversucht gelassen, ihre Mutter daran zu hindern, selbst vor falschen Anschuldigungen gegen Simon war sie nicht zurückgeschreckt. Das war für sie alle eine quälende Zeit gewesen. Ein Wunder eigentlich, dass Simon trotzdem geblieben war.
Sie erinnerte sich auch an Kajas abweisendes Verhalten ihr selbst gegenüber. Wann hatte das angefangen? Mit fünfzehn etwa … Jetzt waren Kaja und ihr Zwillingsbruder Konstantin sechzehn. Sie hatten also etwas länger Ruhe gehabt als Maschas Eltern.
Bis jetzt war keins ihrer anderen Kinder in ähnlicher Weise schwierig geworden, und Kaja hatte sich zum Glück längst wieder beruhigt. Aber natürlich konnte niemand sagen, was ihr und ihrem Mann Leon in dieser Hinsicht noch bevorstand. Kyra war elf, Kevin dreizehn – und ob es bei Konstantin nicht noch einen Pubertätsausbruch geben würde, war auch nicht sicher.
„Aber was könnte ich tun, Frau Mertens? Mir hat Mascha, als sie vor einem Monat das letzte Mal hier war, gesagt, dass sie nicht mehr kommt, sobald sie dreizehn geworden ist. Ich hatte mir also schon gedacht, dass das ihr Abschiedsbesuch hier bei mir war. Und wenn sie nicht kommt, kann ich auch nicht mit ihr reden.“
„Sie hat Ihnen das schon gesagt?“ Nicole Mertens fiel aus allen Wolken. „Das wusste ich nicht. Ich wusste nicht einmal, dass sie allein bei Ihnen war.“
„Sie will jetzt offenbar selbstständig und erwachsen sein, das ist ja erst einmal nichts Schlechtes, finde ich.“
„Doch!“, widersprach Nicole leidenschaftlich. „Sie hat nicht verstanden, dass ‚Erwachsensein‘ auch etwas mit ‚Verantwortung übernehmen‘ zu tun hat. Und sie ist überhaupt nicht erwachsen, sie sieht nur leider so aus. Und wir machen uns große Sorgen um sie, wir merken ja, wie sie auf Männer wirkt. Sie genießt das natürlich, diese bewundernden Blicke, die Pfiffe, die Aufmerksamkeit, das verstehen wir auch. Aber vor allem haben wir Angst um sie. Und es macht uns Kummer, dass sie sich so vor uns verschließt.“
„Die Pubertät ist für alle eine Herausforderung“, sagte Antonina. „Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede, und dabei sind mein Mann und ich bis jetzt noch ziemlich glimpflich davongekommen. Zwingen Sie sich dazu, möglichst gelassen zu bleiben, auch wenn es Ihnen schwerfällt. In der Pubertät, so müssen Sie das sehen, sind Kinder nicht zurechnungsfähig. Das ist tatsächlich so. Der ganze Körper wird umgebaut, alles gerät erst einmal in Unordnung. Ihre Tochter sieht aus wie eine junge Frau, deshalb denkt sie, sie ist jetzt tatsächlich eine. Sie müssen sie, auch wenn sie sich wehrt, beschützen, und das können Sie am besten, wenn Sie Streit möglichst vermeiden und ihr vermitteln, dass Sie für sie da sind. Sie wird sie bald wieder brauchen, glauben Sie mir. Und seien Sie ruhig strikt, was abendliches Ausgehen betrifft. Sie denkt, sie kann allein auf sich aufpassen, aber auch das ist natürlich ein Irrtum.“
Nicole Mertens stieß hörbar die Luft aus, bevor sie langsam sagte: „Es hat mir gutgetan, mit Ihnen zu reden, Frau Doktor. Ich weiß ja, dass unsere Probleme nichts Besonderes sind, andere Leute haben die auch, aber meine Freundinnen tun alle so, als liefe mit ihren Kindern alles völlig glatt.“ Sie biss sich auf die Lippen, bevor sie leiser hinzusetzte: „Manchmal wünschte ich, Mascha wäre das hübsche, aber unauffällige Mädchen geblieben, das sie noch vor einem halben Jahr war. Wir haben zuerst gar nicht mitbekommen, welchen Entwicklungssprung sie plötzlich gemacht hat, bis mein Mann eines Tages sagte, dass einer seiner Kollegen Mascha nicht aus den Augen gelassen hätte, als sie ihm zufällig begegnet sind. Er hat richtig Angst bekommen – wir beide haben Angst bekommen.“
„Deshalb sage ich: Passen Sie auf, dass Sie Ihrer Tochter immer wieder vermitteln, dass Sie für sie da sind. Ich glaube, das ist wichtig.“
„Wir werden es versuchen.“ Nicole erhob sich. „Dankeschön, Frau Doktor, dass Sie sich so viel Zeit für mich genommen haben.“ Sie zögerte kurz, bevor sie noch eine Frage anschloss: „Dürfte ich wiederkommen, wenn … wenn ich noch einmal jemanden zum Reden brauche?“
„Ja, natürlich dürfen Sie das. Auch Mascha kann mich jederzeit aufsuchen, obwohl ich schätze, das wird sie nicht tun.“ Antonia lächelte bei diesen Worten, Nicole hingegen errötete. „Es ist mir wahnsinnig peinlich, dass sie zu Ihnen gesagt hat, sie würde ab jetzt zu einem ‚richtigen‘ Arzt gehen“, gestand sie. „Das klingt ja, als wären Sie keine richtige …“
Antonia unterbrach sie. „Das muss Ihnen nicht peinlich sein, ich habe das schon richtig verstanden, und ich finde es nicht schlimm. Kinder wollen irgendwann keine Kinder mehr sein, das ist doch verständlich, und dann ist eine Kinderärztin eben nicht mehr ‚richtig‘.“
Als Nicole Mertens gegangen war, fragte sich Antonia, ob sie erfahren würde, wie es mit Mascha weiterging.
*
Jenny Siebenthaler saß ratlos neben ihrer dreizehnjährigen Tochter Mimi, die seit einer Viertelstunde nicht aufhören konnte zu weinen. Sie wusste noch nicht einmal, was diesen offenbar tiefen Kummer ausgelöst hatte, denn Mimi hatte bislang nur einige unzusammenhängende Sätze herausgebracht. Alles, was Jenny begriffen hatte, war, dass es offenbar um Mascha ging, Mimis beste Freundin seit Kindergartenzeiten.
Die beiden Mädchen hingen zusammen wie Pech und Schwefel. Sie waren zusammen eingeschult worden, hatten in der Klasse immer nebeneinandergesessen und waren nach vier Grundschuljahren gemeinsam auf eine höhere Schule gewechselt, wo sie wiederum zusammengeblieben waren. Nichts hatte sie trennen können, obwohl es, wie in jeder so engen Freundschaft, auch immer mal wieder Streit gegeben hatte, aber die Versöhnung hatte nie lange auf sich warten lassen.
Jenny hatte Mascha ins Herz geschlossen, so wie Mimi bei Maschas Eltern immer willkommen war. Die beiden Mädchen hatten sich über einen langen Zeitraum ganz ähnlich entwickelt, beide waren hübsch, Mascha blond, Mimi dunkelhaarig, aber sie waren auf die eher unauffällige Art hübsch gewesen. Auch mit zwölf hatten sie noch ziemlich kindlich ausgesehen, was Jenny ganz schön gefunden hatte.
Aber diese Zeiten waren nun vorbei, denn in den letzten Monaten hatte es bei Mascha einen unübersehbaren Entwicklungssprung gegeben. Ihre Figur war sehr weiblich geworden, die blonden Haare trug sie lang, sie kleidete sich anders, und sie schminkte sich auch. Als sie Nicole, Maschas Mutter, einmal darauf angesprochen hatte, war diese in Tränen ausgebrochen und hatte ihr gestanden, Mascha ließe sich neuerdings von ihren Eltern nichts mehr sagen. ‚Sie ist völlig verändert, Jenny, wir erkennen sie kaum wieder.‘
Jenny ahnte, dass diese Entwicklung mit Mimis Tränen zu tun haben musste. Mimis Körper war noch immer dünn und ohne sichtbare Kurven, ihr Gesicht war nach wie vor kindlich, sie fand Schminke ‚albern‘. Das bedeutete: Ihre beste Freundin entfernte sich von ihr, und das tat natürlich weh. Doch Jenny sagte nichts von ihren Vermutungen, sie wollte, dass Mimi ihr sagte, was ihr so zu schaffen machte.
Mimi war auf den Namen Miriam getauft worden, aber niemand nannte sie so, auch Jenny nicht. Ihre Tochter war ‚Mimi‘, seit sie zum ersten Mal versucht hatte, ihren eigenen Namen auszusprechen.
Jenny legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich, was Mimi sich widerstandslos gefallen ließ – ein deutliches Zeichen dafür, wie tief ihre Verzweiflung war.
Endlich schien die Tränenflut abzuebben. Mimi putzte sich die Nase und wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers über die Augen. „Das ist nur die Schuld von Joe!“, sagte sie. Sie sprach den Namen englisch aus. Es war der erste klar verständliche Satz, den sie herausbrachte, seit sie aus der Schule nach Hause gekommen war.
„Wer ist Joe?“, fragte Jenny verwirrt.
„Maschas Freund!“ Mimi spuckte die Worte beinahe aus. „Sie will nur noch mit ihm zusammen sein, deshalb hat sie jetzt keine Zeit mehr für mich. Er erzählt ihr dauernd, dass sie das schönste Mädchen auf der ganzen Welt ist, und deshalb ist sie total verknallt in ihn. Sie will sich seinetwegen sogar die Pille verschreiben lassen, das hat sie mir selbst gesagt.“
Jenny schluckte. Von einem Joe war bislang noch nie die Rede gewesen, das musste eine neue Entwicklung sein. Die Worte ‚total verknallt‘ und ‚Pille‘ in diesem Zusammenhang erschreckten sie beinahe noch mehr als Mimis Tränen. Die beiden Mädchen waren doch erst dreizehn Jahre alt!
Sie blickte Mimi von der Seite an. Mimi hatte sich mit acht zum ersten Mal in einen Jungen verliebt und danach jedes Jahr ungefähr einmal. Das waren Kinderlieben gewesen, die ihre Freundschaft mit Mascha nicht berührt hatten. Aber wenn man dreizehn war und aussah wie eine sehr junge Schönheitskönigin, bedeutete ‚total verknallt‘ und ‚Pille‘ mit Sicherheit etwas anderes als eine unschuldige Kinderliebe.
Sie versuchte, sich Mimi – die jetzige Mimi – im Zustand von ‚total verknallt‘ vorzustellen. Es gelang ihr nicht. Mimi war immer noch ein Kind. Mascha war keins mehr. Die beiden Freundinnen, die einander so lange ähnlich gewesen waren, waren es nun nicht mehr. Sie ahnte, was das für Mimi bedeuten musste, und es tat ihr in der Seele weh, ihre Tochter so verzweifelt zu sehen. Immerhin wusste sie jetzt, dass sie mit ihren Vermutungen über den Ursprung von Mimis Kummer nicht ganz falschgelegen hatte – nur war es leider noch schlimmer als befürchtet. Ihr fielen keine tröstenden Worte ein, so sehr sie auch danach suchte.
„Ich wünsche ihm den Tod!“, stieß Mimi hervor. Die Worte kamen aus tiefstem Herzen.
„Mimi!“, sagte Jenny erschrocken. „Sag so etwas nie wieder! Er hat sich in Mascha verliebt, das hat er doch nicht getan, um dich zu verletzen.“
„Von mir aus kann er in sie verliebt sein“, erwiderte Mimi, „aber deshalb muss er uns ja nicht auseinanderbringen. Das tut er aber und deshalb …“ Immerhin, sie sprach es nicht noch einmal aus.
„Zum Auseinanderbringen gehören aber doch zwei, oder nicht? Wenn Mascha immer noch Zeit mit dir verbringen wollte, könnte sie das tun.“
