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Vor welche Aufgaben stellt uns heute der im Lukasevangelium mit der Geburt Jesu verkündete Friede? Gott verheißt der ganzen Menschheit ein Leben in Fülle und Gerechtigkeit. Wir erfahren jedoch immer wieder, dass ein solches nicht von selbst entsteht und auch nicht erzwungen werden kann. Lange Zeit haben wir hoffen dürfen: Nie wieder Krieg in Europa! Friede zwischen Nationen und Religionen ist auf unserem Kontinent beinahe zur Selbstverständlichkeit geworden. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat das Vertrauen auf diesen gesellschaftlichen und zwischenstaatlichen "Normalfall Friede" tief erschüttert. Darf man angesichts dessen noch auf den verkündeten Frieden hoffen? Und wie ginge das überhaupt im Schatten eines grausamen, ungerechten Krieges? --- Das aktuelle Heft der Theologisch-praktischen Quartalschrift rückt komplexe Fragen nach dem Frieden in den Mittelpunkt. Mit unterschiedlichen Akzentsetzungen nähern sich die Autor:innen der Beiträge dem Thema und erschließen vielfältige biblische, historische, ethische, pädagogische, ökumenische und interreligiöse Aspekte. Die weihnachtliche Friedensbotschaft kann dabei auch heute einen ermutigend Ausklang bilden, gerade dann, wenn ihr Aufgabencharakter bewusst wird: Friede nimmt seinen Anfang im Herzen eines jeden Menschen – in Herzen, die auf ein gutes Miteinander hin geformt und gebildet werden können.
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Schwerpunktthema Friede
Editorial
Klara-Antonia Csiszar
Das biblische Plädoyer für Frieden
Georg Fischer
Die Begegnung des Franz von Assisi mit dem Sultan – ein Friedensgespräch?
Volker Leppin
Christliche Friedensethik in weltkirchlicher Perspektive. Das zentrale Problem der Gewalt in unseren Beziehungen
Markus Patenge
Fünf Elemente der ukrainisch-orthodoxen Friedensethik im Kontext des Krieges
Lyudmyla Ivanyuk
Theologie des Friedens in der Russischen Kirche
Alexej Černyi
Auf den Spuren des Friedens: Der Mensch als Statthalter Gottes?
Sule Dursun-Akdeniz
Der Buddhismus – die friedlichste aller Religionen?
Peter Ramers
Befähigung zur Gemeinwohlorientierung als Beitrag zur Friedensbildung
Judith Könemann / Christian Fischer
„Heute ist der wahre Friede vom Himmel herabgestiegen“. Zur Friedensbotschaft der römischen Weihnachtsliturgie
Stephan Wahle
Abhandlung
Rechte Normalisierung als Herausforderung für Kirchengemeinden. Analyse, Positionsbestimmung und Handlungsperspektiven
Jan-Hendrik Herbst
Literatur
Das aktuelle theologische Buch
Nicole Stockhoff
Besprechungen
Ausgewählte Neuerscheinungen
Katholische Privat-Universität Linz Universitätsnachrichten Studienjahr 2022/23
Register
Impressum
Jede Ausgabe der Theologisch-praktischen Quartalschrift greift ein aktuelles Schwerpunktthema auf, versammelt kompetente Autorinnen und Autoren und versucht eine lebendige Verbindung unterschiedlichster Gesichtspunkte aus Religion, Kirche und Gesellschaft zu leisten. Der Rezensionsteil informiert über neueste theologische Literatur.
Einzelhefte können zum Preis von € (D) 12,– / € (A) 12,40 beim Verlag bestellt werden.
Die ThPQ ist auch als eBook zum Preis von € 9,99 erhältlich.
Weitere Informationen sowie alle Ausgaben unter: verlag-pustet.de/thpq
ThPQ digital · digibib.verlag-pustet.de
Alle Einzelausgaben der ThPQ ab 2017 oder das Digitalabo stellen wir Ihnen ab sofort in unserer Digitalen Bibliothek mit Inhaltsverzeichnis, Editorial, zur Volltextrecherche oder zum Sofortdownload zur Verfügung!
Verzicht. 3/2023. ISBN 978-3-7917-3419-4
Simon Butticaz: Verzicht und Enthaltsamkeit im Frühchristentum • Christian Hornung: Askese und Enthaltsamkeit in der Alten Kirche • Michael Rosenberger: Wie Verzicht glücklich machen kann • Matthias Möhring-Hesse: Weniger ist mehr ungerecht • Torsten Meireis: Abschied von der „imperialen Lebensweise“ • Fabian J. Stangl / René Riedl: Digital Detoxing gegen digitalen Stress • Karl Gabriel: Die vielen Gesichter der Religion in der Weltgesellschaft
Illusion Europa? Heft 2/2023. ISBN 978-3-7917-3418-7
Ingeborg G. Gabriel: Illusion Europa? • Clemens Sedmak: Würde atmen. Die beiden Lungenflügel Europas • Oliver Hidalgo: Die Zerrissenheit Europas • Regina Elsner: Orthodoxie im postsowjetischen Raum • Peter G. Kirchschläger: Perspektiven einer „europäischen Wertegemeinschaft“ • Marco Schrage: Die militärische Invasion in der Ukraine • Martin Kammerer: Vom Staunen zum Glauben
Schöpfung. Heft 1/2023. ISBN 978-3-7917-3417-0
Synodalität. Heft 4/2022. ISBN 978-3-7917-3342-5
Musik. Heft 1/2024. ISBN 978-3-7917-3482-8
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Im 20. Jahrhundert haben wir den Menschen kennengelernt wie bisher vielleicht noch keine Generation vor uns. Nach den Gräueln des Zweiten Weltkrieges haben viele gehofft, dass Menschen in ihren hart errungenen demokratischen Gesellschaften in der Lage sein werden, Gewaltpotenziale schon früh zu erkennen und friedlich zu entschärfen: im nationalen Kontext, in Europa, aber auch darüber hinaus. Der (west-) europäische Raum war vom Glauben geprägt, mit dem „Friedensprojekt Europa“ einen Rahmen entwickelt zu haben, dessen Strukturen, Bündnisse, Wirtschaftskonstellationen, Sicherheitsvorkehrungen und Schutzmechanismen dafür Sorge tragen, dass die heranwachsenden Generationen nie wieder das Unmenschliche im Menschen erfahren und hautnah erleben müssen. Es bildeten sich postheroische Gesellschaften aus, in denen pazifistische Welt- und Wertvorstellungen für viele zur neuen Selbstverständlichkeit wurden.
Niemand wollte sich vorstellen, dass Krieg noch eine Handlungsoption sein könnte. Der russischen Annexion der Krim im Jahr 2014 wurde dementsprechend keine grundsätzliche Bedeutung für den Frieden in Europa beigemessen: Sie wurde gemeinhin als periphere, bilaterale Angelegenheit abgetan – bis zum 24. Februar 2022. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine, mit dem Wandel der Wahrnehmung von einem „Konflikt am Rande“ zu einem „Krieg mitten in Europa“ wurde bewusst, dass auch das Friedensprojekt Europa auf dem Spiel steht.
Die Kirchen haben erkannt, dass sie in der gegenwärtigen Situation eine entschiedene Position einnehmen müssen: Wie geht es mit dem Frieden in unseren Herzen und in Europa weiter angesichts der konkreten Erfahrung des Krieges und des massenhaften Erleidens von Gewalt? Wie kann Weihnachten jetzt als ein Fest der Menschwerdung Gottes gefeiert werden und welche Botschaft des Friedens hat dieses Fest heute – und morgen?
Im Lukasevangelium verkünden die Engel den Frieden (Lk 2,14), den Gott durch die Geburt Jesu der ganzen Menschheit anbietet. In diesem göttlichen Angebot eröffnet sich die Fülle des Lebens in Frieden und Gerechtigkeit. Gerade die katholische Kirche definiert sich in der Spurtreue Christi als Anwältin des Friedens und der Gerechtigkeit und setzt sich ein für die Armen, die Kleingemachten und die Unterdrückten; sie ist bemüht, als Friedensstifterin in der Welt zu agieren. Frieden kann jedoch nicht erzwungen werden, er entsteht nicht von selbst, sondern hat seinen Anfang im Herzen der Menschen und beginnt mit der Hoffnung, miteinander im Guten leben zu können, einander gut ‚leiden‘ zu können. Die Ereignisse der letzten Jahre bringen theologische, aber auch kirchliche Diskurse dazu, über die Rolle von Theologien und Kirchen angesichts des Unfriedens in der Welt und in den Herzen nachzudenken. Und sie werfen dringliche Fragen auf: Wie können Theologie(n) und Kirche(n) gerade auch mitten im Unheil die Hoffnung auf Frieden aufrechthalten? Wie können sie dazu beitragen, dass diese Hoffnung in der Welt als Realität zur Geltung kommt – und Hass und Gewalt überwindet?
Die Beiträge nähern sich aus verschiedenen Richtungen der Dynamik des Friedens. Der Bibelwissenschaftler Georg Fischer lädt uns in die biblische Welt ein. Sie kennt das Unmenschliche, die Realität von Krieg und Gewalt und ihre zerstörerische Macht, doch ist auch sie von der Botschaft des Friedens geprägt und will Menschen in ihrer Fähigkeit ansprechen, ihn in die Welt hineinzutragen. Volker Leppin entführt uns an einen wirkmächtigen Punkt in der Geschichte des Christentums: Der Besuch des Franz von Assisi bei Sultan al-Malik al-Kamil während des Fünften Kreuzzuges wird bis heute oft als Paradebeispiel eines Friedensgesprächs verstanden. In der Dekonstruktion der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte dieser Begegnung werden Wunschbilder und Anmaßungen sichtbar – und dennoch kann sie als Impuls dienen, den Frieden zwischen Religionen, Konfessionen und Nationen gegenwärtig zu machen. Markus Patenge entwickelt im Bewusstsein der vielen Gesichter von Gewalt Elemente für eine weltkirchlich relevante Friedensethik und ihre Entfaltung in Kooperation mit Akteur:innen auch anderer Friedensinitiativen.
Vier Kurzbeiträge bieten die Möglichkeit, spezifische Perspektiven von Religionen und Konfessionen kennenzulernen. Der Einladung, ihre Gedanken zum Frieden zu teilen, folgten die ukrainisch-orthodoxe Theologin Lydmyla Ivanyuk, der russisch-orthodoxe Theologe Alexej Černyi, die Islamwissenschaftlerin Sule Dursun-Akdeniz und der Religionswissenschaftler Peter Ramers. Die Absagen von angefragten jüdischen Theolog:innen ist hier besonders zu bedauern. Deutlich kann mit diesen Einführungen in unterschiedliche Friedensvorstellungen werden, dass sie gute Folgen zeitigen können – und Konsequenzen haben sollten.
Welche Bedeutung Bildung für einen nachhaltigen Frieden hat, zeigen Judith Könemann und Christian Fischer. In dem, wie Menschen geformt werden und sich selbst formen, erweisen sich Friedenssicherung und gemeinwohlorientierte Handeln als verschränkte Bedingungen gelingenden Zusammenlebens. Mit dem Beitrag des Liturgiewissenschaftlers Stephan Wahle klingt das Themen- heft „Friede“ hoffnungsvoll aus: Er präsentiert die Universalität des Friedens in der weihnachtlichen Botschaft und geht den liturgischen Spuren nach, die das Geheimnis des Weihnachtsfestes in dieser universalen Trageweite erblicken, verstehen und in die Welt tragen lassen. Und schließlich kann auch der „Freie Beitrag“ im Kontext eines friedlichen Miteinanders gelesen werden: Jan-Hendrik Herbst zeigt Strategien und Handlungsoptionen für Kirchengemeinden auf, um „Rechter Normalisierung“ zu begegnen.
Liebe Leser:innen,
der Kairos provoziert uns, über die Tragweite des kirchlichen und theologischen Auftrages angesichts des Unheils in der Welt nachzudenken und das Thema Friede in seiner ganzen Komplexität an uns heranzulassen. Wir hoffen, dass wir Ihnen mit unserem „Weihnachtsheft“ für dieses Nachdenken eine spannende, interdisziplinäre Lektüre anbieten.
Gedenken wollen wir an dieser Stelle Winfried Haunerlands, dessen Tod Anfang August uns tief betroffen machte. Als Liturgiewissenschaftler wirkte er von 1996 bis 2001 an unserer Universität; von 1998 bis 2002 war er Chefredakteur der ThPQ. Die Redaktion spricht seinen Angehörigen, Weggefährten, Schüler:innen und allen um ihn Trauernden ihr Beileid aus. Möge er in Frieden ruhen.
Das Jahresende steht bevor, so möchte ich Ihnen im Namen der Redaktion für Ihr Interesse, Ihre Neugier und Treue danken und Ihnen schon jetzt für 2024 alles Gute wünschen. Bleiben Sie uns auch im neuen Jahr als Leser:innen treu – die Theologisch-praktische Quartalschrift wird Sie wieder mit hochaktuellen Themen begleiten!
Ihre Klara-Antonia Csiszar
Im Namen der Redaktion
Einem Teil dieser Ausgabe liegen Prospekte des Verlags Friedrich Pustet bei. Wir bitten um Beachtung.
Georg Fischer
Der biblischen Lebenswelt ist die Realität von Gewalt und Konflikt nicht fremd. Vor diesem Hintergrund artikulieren die Schriften der Bibel die Botschaft eines Gottes, der sich für Frieden und Versöhnung einsetzt und diese schenkt. Georg Fischer setzt sich in seinem Beitrag mit dem facettenreichen biblischen Gottesbild auseinander und rückt die befremdliche Vorstellung vom kriegerischen Gott angesichts des umfassenden Plädoyers der Bibel für Frieden ins rechte Licht. Wer sich von dieser Botschaft prägen lässt, sich für gerechte Verhältnisse einsetzt und so zum Frieden beiträgt, „wird zu-frieden werden“. (Redaktion)
Wir befinden uns im Krieg – genauer gesagt, in vielen Kriegen auf verschiedenen Gebieten, und das nicht erst seit der Corona-Pandemie oder dem brutalen Überfall auf die Ukraine. Seit Urzeiten der Menschheit gibt es Kämpfe und Konflikte; das wohl älteste Steinbauwerk auf der Erde, der neolithische Turm im Tell es-Sultan bei Jericho, mag schon Verteidigungszwecken gedient haben.1 Viel früher, in paläolithischer Zeit, sind Waffen belegt, Keulen, Speere, später auch Pfeil und Bogen, die für die Jagd genutzt wurden, aber auch gegen Menschen eingesetzt werden konnten.
Streite und Auseinandersetzungen verschiedenster Intensität begegnen in nahezu allen Bereichen des Lebens auf der Welt. Pflanzen kämpfen um Zugang zu Licht und Wasser, Tiere um Reviere und Ressourcen, und Menschen, als Einzelne und in Gruppen, um Vorteile jeglicher Art gegenüber Anderen: Es gibt Rivalitäten um Partner, Konkurrenz unter Firmen, Ringen um Gleichstellung der Geschlechter, Konflikte zwischen den Generationen, Angriffe unter Akademikern und Akademikerinnen in den Wissenschaften, Wirtschaftskriege zwischen Ländern, Gegnerschaft bei politischen Parteien, Feindschaft unter Religionen, Vormachtstreben großer Nationen …
Diese nie aufhörenden und oft noch zunehmenden Feindseligkeiten führen einerseits zu bedeutsamen Leistungen, neuen Entwicklungen, Klärungen unterschiedlicher Auffassungen2 und anderem mehr. Anderseits fügen sie enormen Schaden zu, verursachen ungeheures Leid und lösen bei Vielen Angst und Unsicherheit aus. Die sich auch heute noch ausweitenden Dimensionen3 zeigen die negativen Folgen all dieser Konflikte gravierender als mögliche gute Auswirkungen: Die Menschheit insgesamt und unzählige konkrete Menschen verlieren viel mehr durch Kämpfe und Konflikte, als sie gewinnen.
Für eine Behandlung dieser Thematik scheint die Bibel manchen wenig geeignet, weil sie doch selbst voll von Streit, Gewalt und Kriegen ist.4 Noch dazu gibt es Aufforderungen zum Töten von Feinden, wie in Dtn 7,2 mit dem Vollstrecken des „Banns“, und Erzählungen, die von dessen Ausführung berichten, etwa Jos 8,26.5 Doch gerade die Ausführlichkeit, die diesem Thema in der Bibel gewidmet wird, bietet auch eine Chance; sie ist nämlich der ‚dunkle Hintergrund‘, vor dem viele ihrer Schriften eines ihrer Lieblingsanliegen breit entfalten: die Botschaft eines zu Frieden und Versöhnung bewegenden und diese schenkenden Gottes. Von daher erscheint die Bibel insgesamt als ein einziges großes Plädoyer für diese Botschaft. Das Folgende will einige Hauptaspekte davon vorstellen.
Das Vielen bekannte hebräische Wort שלום (schalom) hat ein sehr weites Bedeutungsspektrum. Es umfängt neben „Frieden“ auch folgende Inhalte: Gedeihen, Unversehrtheit, Wohlergehen, Befinden, Freundlichkeit,6 außerdem Heil, Glück.7 Von daher ist jeweils der Kontext der biblischen Stellen im Blick auf das Thema zu berücksichtigen. Umgekehrt gibt es andere Wörter oder Ausdrücke in der Hebräischen Bibel, die ebenfalls „Frieden“ besagen können, wie etwa נוח (nuach) im Hifil, „Ruhe, Frieden verschaffen“.8
In der griechischen Bibel und im Neuen Testament ist εἰρήνη (eirēnē) das meist dafür verwendete Wort.9 Es kann zusätzlich zu Friede(n) auch „Friedensschluss, Friedenszeit, Ruhe, Eintracht, Harmonie, Heil, Segen“ ausdrücken10 und ist damit ähnlich offen wie das entsprechende hebräische Wort, auch wenn das Spektrum deutlich geringer ist. Während שלֹּום 237 Male in der Hebräischen Bibel vorkommt,11 hat εἰρήνη 295 Belege in der Septuaginta und 92 im Neuen Testament. Dies bezeugt den hohen Stellenwert des Motivs.12
„Friede“ taucht auch in Namensgebungen auf. Zwei bekannte Beispiele sind Söhne Davids. Absalom (אבׁשלֹּום), meinend „der Vater ist Friede“, lebt völlig im Gegensatz zur Bedeutung seines Namens.13 Anders Salomo (שׁלֹּהמ), was als „sein Friede“ oder „seine Unversehrtheit“ gedeutet werden kann:14 Er bringt seinem Vater David mehrfach Beruhigung und Freude, schon bei der Geburt (2 Sam 12,24–25) und vor allem als sein erwählter Nachfolger (1 Kön 2,1–9). Salomo selber sieht sich zu Beginn seiner Herrschaft als ein Glied auf dem Weg, auf dem Jhwh „Frieden auf ewig“ schenkt (1 Kön 2,33). Auch im Namen „Jerusalem“ klingt hebräisch schalom an, und er wird in Ps 122 volksetymologisch so gedeutet: als „Stadt des Friedens“.15
In den großen altorientalischen Epen ist die Erschaffung der Welt und der Menschen durchgängig mit Gewalt, Chaos und dessen Überwindung verbunden. So muss im Epos „Enūma eliš“ der Gott Marduk das Urmeer Tiamat bekämpfen und töten – in Gen 1,2 ist zwar auch von einer Urflut die Rede, doch sie ist in keiner Weise bedrohlich, und Gottes Geist/Wind bewegt sich über ihr.16
Im „Atraḫasis-Epos“ bedarf es der Tötung eines Gottes zur Erschaffung der Menschen. Im Gegensatz dazu stellen die beiden entsprechenden Erzählungen in Gen 1 und 2 das Geschehen einerseits als sprachliche Mitteilung eines angezielten Vorhabens mit dessen unmittelbarer Umsetzung (Gen 1,26–27), anderseits als eine Kombination von handwerklichem Gestalten und lebendig machender Beatmung dar (Gen 2,7). Auch bei diesem bedeutenden Moment der Schöpfung geht es friedlich zu. Das göttliche Vorgehen am Beginn der Bibel spiegelt so Sanftheit und damit einen Wesenszug Jhwhs.17 Dieser Anfang ist grundlegend für alles Weitere – und bleibender Auftrag für alle Geschöpfe, das ihnen Anvertraute in gleicher Weise zu bewahren.
Wie die folgende Entwicklung ab Gen 3 zeigt, ist ihnen das nicht gelungen. Es kommt zu einer Spirale der Gewalt und zu Feindschaft unter den Lebewesen. Das Jesajabuch antwortet darauf in Jes 11,6–8 mit der Ansage eines umfassenden Friedens sowohl unter den Tieren als auch von diesen mit den Menschen und greift diese Verheißung nahe am Ende in Jes 65,25 nochmals auf.18 Gott zeigt damit deutlich, dass er, trotz aller Entwicklungen auf der Erde in anderer Richtung, an seiner Ausrichtung auf Harmonie festhält und schließlich zum Heil führen wird.
In der Antike wurden Kriege als eine „religiöse Angelegenheit“ verstanden.19 Von daher lässt sich begreifen, dass Ex 15,3 den biblischen Gott als „Mann des Kriegs“ preist.20 Damit nimmt es dankbar die im Kapitel zuvor geschenkte Befreiung auf. Ex 14, die Rettung am Schilfmeer, ist der erste der Jhwh-Kriege und deshalb typisch dafür. In den Erzählungen verlaufen sie „immer siegreich“.21 Das Volk kann ruhig zusehen, wie Gott ihm hilft und für es kämpft.22
Dass Gott ‚streitet‘, steckt auch im Namen Israel, der bedeutet: „El [Gott] kämpft / streitet / setzt sich ein“.23 Die erste Erwähnung von Israel steht im Kontext des nächtlichen Ringens von Jakob in Gen 32,29 und wird dort volksetymologisch als Streiten des Erzvaters mit Gott und mit Menschen gedeutet. Der Name hat aber Gott als Subjekt und von daher befreiende Wirkung: Glaubende dürfen erfahren, dass Jhwh ihre Sache und ihr Recht vertritt; sie müssen nicht selbst, und schon gar nicht mit Gewalt, gegen Andere vorgehen.
Gerade die Exodus-Erzählung macht überdeutlich, dass Gott den Kampf erst als allerletztes Mittel einsetzt. Voraus gehen lange Verhandlungen (Ex 5–11), in denen er eine friedliche Lösung versuchte. In diese Richtung weisen auch andere Motive und Texte:
– Schon die Septuaginta hatte in Ex 15,3 mit „zerschlagend Kriege“ für Gott übersetzt; dies wurde übernommen in Jes 42,13; Jdt 9,7; Jdt 16,2 und Obd 1,3.
– Ähnlich schreiben Ps 46,10; Ps 76,4 und weitere Stellen Jhwh das Beenden von Kriegen und Zerstören von Waffen dafür zu.
– Manche ‚Musterungen‘ erscheinen wie deren Gegenteil, gleichsam als Ironisierung solchen Messens der Heeresstärke. So reduziert Gott die Zahl der Soldaten mit Gideon in Ri 7,1–9; und die Ansprache der Listenführer in Dtn 20, dem einzigen Kriegsgesetz des Alten Orients, stellt viele vom Militärdienst frei.24 Zusätzlich wird hier – Dtn 20,10 – verlangt, zuerst Frieden anzubieten.
Wie diese Beispiele zeigen, versucht der biblische Gott, Kriege zu vermeiden. Doch entsteht bei vielen Bibellesenden ein anderer Eindruck: dass nämlich Jhwh Gewalt in großem Ausmaß – bis hin zum Töten – nicht nur toleriere, sondern sogar befehle. Diese Texte entsprechen jedoch nicht der Realität,25 müssen deswegen kritisch gelesen und durch die zentralen göttlichen Wesenszüge, erbarmend und gerecht zu sein,26 relativiert werden.
Eine Korrektur solcher falschen Auffassungen vom biblischen Gott als gewaltsam ist auch von vielen anderen Stellen her gefordert, die sein Streben hin zu Frieden und Heil unterstreichen. Auf Gideons Angst am Ende seiner Berufung antwortet Jhwh ihm in Ri 6,23: „Friede sei dir!“ Daraufhin reagiert Gideon mit dem Bau eines Altars und dessen Benennung mit „Jhwh ist Friede“ (Ri 6,24). Im vorausliegenden Buch Josua findet sich fünfmal die Wendung „Ruhe geben“;27 sie deutet an, dass Gott Israel nach langem Umherziehen eine friedliche Existenz schenkt.
In ähnlicher Weise endet Ps 29, nach dem mehrfachen lauten Ertönen von Jhwhs Stimme, mit seinem Segnen „Frieden“ als allerletztem Wort. Ps 85,4–6 spricht von Gottes Unmut und Zorn mit seinem Volk, bringt dann aber Entlastung, ihn zitierend: „Ja, er redet Frieden“ (Ps 85,9), und fügt das wunderschöne Bild an, dass „Gerechtigkeit und Friede einander küssen“ (Ps 85,11). Gott ist gelegen an Beruhigung und Eintracht.
Beten für Feinde würden die meisten wohl mit der Botschaft Jesu assoziieren. Es findet sich aber bereits beim Propheten Jeremia. Jer 29,7 fordert die nach Babylon Exilierten auf, den Frieden dieser Stadt zu suchen und für sie zu beten, mit der Begründung: „denn in ihrem Frieden/Heil wird euch Friede/Heil sein“.28 Die göttliche Anweisung lädt ein, Gegnerschaft zu überwinden, auch aus dem Bewusstsein heraus, dass wir alle im selben Boot sitzen.
Das Neue Testament unterstreicht diese Ausrichtung vielfach. Nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums spricht der Auferstandene den Jüngern, die ihn in seiner Passion verlassen hatten, als erstes und gleich dreimal zu: „Friede sei euch!“ (Joh 20,19.21.26). Damit befreit er sie von möglichen Gefühlen der Scham und des Versagens und vertieft noch die Beziehung mit ihnen nach seinem Tod. Dem steht scheinbar entgegen Jesu Wort in Mt 10,34, er sei nicht gekommen, so wörtlich, „Frieden zu werfen auf die Erde, sondern das Schwert“; es ist in dem Sinn zu verstehen, dass seine Botschaft Entscheidungen verlangt29 und deswegen die konkreten Folgen – leider – mehrfach zu Entzweiung führen.
In seinem frühesten Brief wünscht Paulus, dass der „Gott des Friedens“ die Gemeinde heilige (1 Thess 5,23; vgl. Röm 15,13 und Phil 4,9). Der Epheserbrief stellt Christus vor als „unser Friede“ (Eph 2,14), der Feindschaft überwindet und ursprünglich Getrennte aussöhnend verbindet. Insgesamt vermitteln so alle biblischen Schriften übereinstimmend die Kunde von einem Gott, der selber Friede ist und auch möchte, dass seine Gläubigen von ihm her ihr Leben entsprechend führen.
Erfahrung lehrt, dass man Frieden nicht einfach „machen“ kann. Viele Faktoren spielen dabei mit, er bleibt delikat, eine heikle Balance inmitten vieler Spannungen und Interessen. Angesichts dieser Erkenntnis ist leicht zu begreifen, dass menschliche Anstrengung allein oft nicht genügt. Die Bibel gibt Gott häufig eine entscheidende Rolle beim Zustandekommen von Frieden. Ein erstes Beispiel mag die Geschichte von Jakobs Söhnen sein, die wegen der Bevorzugung Josefs und dessen Verhalten nicht mehr friedlich mit ihm reden konnten (Gen 37,4). Es bedarf vieler Jahre und langen Leidens, bis brüderliche Begegnung wieder möglich wird. Josef deutet das in seinen Reden als göttliches Wirken.30
Für das Befolgen seiner Weisungen verspricht Jhwh in Lev 26,6: „Und ich werde Frieden geben im Land, und ihr werdet wohnen, und niemand ist aufschreckend.“31 Solch ruhiges, ungestörtes Leben kehrt öfter in prophetischen Verheißungen wieder (etwa Jer 30,10; Ez 34,28; Mi 4,4). Gleichsam ‚institutionalisiert‘ erscheint die Friedenszusage im sogenannten Aarons-Segen in Num 6, der endet mit „und er [Jhwh] setze dir Frieden!“ (Num 6,26) In der Tora zeigt Gott sich so mehrfach und auf verschiedene Weisen als Urheber des Friedens.32
Als göttliche Gabe begegnet Frieden öfter bei Propheten. Die Völkerwallfahrt in Mi 4,1–3 par Jes 6,2–4 zum Berg Zion, um sich dort von Jhwh Recht sprechen zu lassen, führt zum Umschmieden von Waffen zu landwirtschaftlichen Geräten sowie zum Ende von Aggression und Schulung für Kriege.33 In Mi 5,4 kommt es als Folge des neuen, zuvor versprochenen Herrschers zum Frieden, der hier mit der Abwehr eines feindlichen Angriffs einhergeht.34 Jes 9,5–6 beschreibt als Auswirkung der Regierung des göttlichen Kindes mit dem Thronnamen „Fürst des Friedens“, dass solche Eintracht und Harmonie „ohne Ende“ sein wird.
Bei Jesaja gibt es zwei markante Texte, die Frieden/Heil explizit mit Leid verbinden. Hiskija formuliert in seinem Gebet in Jes 38,17: „Siehe, zu Frieden (wurde) Bitteres mir, Bitteres.“35 Noch herausfordernder ist die einmalige Kombination „Züchtigung zu unserem Frieden“ im vierten Lied vom Diener Jhwhs in Jes 53,5. Dieser Knecht erfährt Schmerz und Schläge, die aber der Gemeinschaft „die Eröffnung einer neuen, heilvollen Gottesbeziehung“ bringen.36 Der Weg zum Frieden kann schwer und sehr belastend sein, doch Gott hilft dabei mit, schenkt ihn und will auch so zum Heil führen.
Der stärkste Gegensatz des Friedens ist nicht so sehr Krieg, sondern Unrecht. Es ist wie eine schwärende Wunde, die nie Ruhe gibt. Von daher erklären sich manche biblische Aussagen:
– „Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein.“ (Jes 32,17)
– „Gerechtigkeit und Friede küssen einander.“ (Ps 85,11)
– „Kein Friede – spricht Jhwh/mein Gott – den Frevlern!“ (Jes 48,22; 57,21)
– „Recht des Friedens richten sie in euren Toren.“ (Sach 8,16)
Gerechte Verhältnisse sind eine Bedingung dafür, dass Friede von Dauer sein kann.37
Rechtes Verhalten ist ebenso förderlich für Frieden. Ps 119,65 sagt „großen Frieden den deine Tora Liebenden“ zu. Umgekehrt empfindet der Beter in Ps 38,4 „wegen meiner Sünde keinen Frieden in meinen Gebeinen“. Dagegen findet der Fromme von Ps 62 tiefe innere Ruhe bei Gott, im Kontrast zu Menschen der Lüge und Gewalt. In diese Richtung weist auch der 14 Male belegte Ausdruck שלֹּם (ב)לֹּב (leb[ab] schalem), „friedlich gesinntes, ungeteiltes Herz“,38 als Hinweis darauf, dass rechte Gesinnung vor Gespaltensein und damit Unfrieden bewahrt. Auch die Bitte in Ps 86,11 – „Einige mein Herz in der Ehrfurcht (für) deinen Namen!“ – hat solche Ausrichtung im Blick. Friede hängt ganz wesentlich mit inneren Einstellungen, Absichten und Haltungen zusammen.
Eine andere Voraussetzung dafür ist Wahrheit. In Ri 11,13 nennt der Ammoniterkönig als Kriegsgrund, Israel habe sein Land genommen und es solle diese Gebiete „in Frieden“ zurückgeben – ein alter Beleg für ‚fake news‘ und eine Verdrehung der Fakten als ‚Motiv‘ für militärische Aggression. In Ri 11,15–27 stellt Gideon die richtige Sicht dar. – David fragt nach seinem Vergehen in 2 Sam 11,7 den zurückbeorderten Urija nach dem – so einmalig – „Frieden des Kriegs“; die paradoxe Kombination ist schon für sich verräterisch, und David gelingt es nicht, seine Verfehlung zu vertuschen. Wenn die äußeren Umstände nicht entsprechen, dann sind auch prophetische Ansagen von „Frieden“ kritisch zu hinterfragen. Dies gilt für die Komplizenschaft mit Unterstützern in Mi 3,5 und ebenso für die Zitate von ‚gedoppelten‘ Friedens/Heils-Zusagen in Jer 6,13–14; 8,10–11, die angesichts der herrschenden Korruption und des verbreiteten Betrügens die Hörer nur in illusionäre Sicherheit wiegen.39 Damit Friede entstehen und bleiben kann, bedarf es eines entsprechenden ‚Bodens‘, wie die genannten Stellen zeigen.
Die Bibel weist eine klare Ausrichtung auf Frieden, Ausgleich und Verständigung auf. Sie möchte die an den biblischen Gott Glaubenden bewegen, wie er Anderen mit Einfühlung und versöhnlich zu begegnen. Mehrere Stellen und Motive zeigen dies:
– Frieden wird erbeten oder zugesprochen, so in Ps 122,6–8; 125,5; 128,6 (siehe auch den Segen in Num 6,24–26).
– Zum Abschied findet sich öfter der Wunsch „Geh(t) in Frieden!“, etwa von Eli zu Hanna in 1 Sam 1,17. Elischa entlässt in 2 Kön 5,19 den geheilten Naaman auf diese Weise, ihn so beruhigend in seiner Sorge.
– „Friede“ dient auch als Begrüßung. Beispiele sind 2 Sam 18,28; 2 Kön 5,21–22; Lk 10,5; 24,36; Joh 20,19.21.26. Allerdings ist dabei manchmal Vorsicht geboten, weil ausweichend geantwortet werden kann, so in 1 Sam 16,4–5; 2 Kön 4,26 oder 2 Kön 9,11.17–19.22, wo die Situation jeweils belastet ist oder gerade im Kontrast zur friedlichfriedvollen Begrüßung steht.
– Ps 34,15 fordert auf: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Menschen sollen ihn gleichsam verfolgen, wie etwas, das sich entfernen kann und das es einzuholen gilt.
– Sach 8,19 verlangt mit „Treue/Wahrheit40 und Frieden liebt!“, dass auch eine positive innere Einstellung zu diesen beiden Werten vorliegt.
– Jesu Seligpreisung in Mt 5,9: „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden!“ streicht ebenfalls die biblische Orientierung daraufhin heraus und motiviert dazu. In ähnlicher Weise verspricht Spr 12,20 „denen, die Frieden raten, Freude“ und Ps 37,37 ermutigt: „denn dem Mensch des Friedens ist Zukunft“. Wer sich für Versöhnung und Eintracht einsetzt, kann damit rechnen, dass Gott es Früchte trägen lässt.
Die Bibel ist in ihrer Gesamtheit ein Plädoyer für Frieden. Sie rechnet zugleich realistisch mit Bösem und Anfeindung. Exemplarisch dafür ist der Kontrast in Ps 120,6 zwischen „denen, die Frieden hassen“ und dem betenden Ich im sogleich folgenden Vers, das „Frieden“ möchte und selbst zu leben versucht.41 Eine Hilfe, damit gut umzugehen, mag der Blick auf den biblischen Gott sein, der selber alles und so auch die menschlich empfundenen Gegensätze umfängt. Dies gilt für Phasen der Geschichte: „[es gibt] eine Zeit für Krieg, und eine Zeit für Frieden“ (Koh 3,8)42 und für ihren Urheber Jhwh, der sich in Jes 45,7 vorstellt als „machend Frieden/Heil und schaffend Unheil“.43
Das hat Konsequenzen für die praktische Lebensgestaltung: Wir können akzeptieren, dass wir in Auseinandersetzungen stehen; sie prägen unser Dasein. Wir sollen dabei Verschiedenheiten annehmen, haben aber auch das Recht und die Pflicht, Grenzen zu setzen gegen Unrecht und Böses sowie Gewalt zu verhindern.44 Wir sollen dahin wirken, dass in den Gemeinschaften gerechte gesellschaftliche Ordnungen bestehen und Respekt auch für Einzelne und Schwache vorhanden sind, und zwar global, für die ganze Menschheit. Gottes Weite ist auch der letzte Grund, dass wir Feinde lieben können. Dieses Motiv begegnet schon im Alten Testament in 2 Sam 19,7, dem Vorwurf Joabs an David, und dann in Jesu Reden in Mt 5,44 und Lk 6,27 als Forderung an seine Jünger. Wer sich so am biblischen Gott orientiert, wird zu-frieden werden, als weise Lebenshaltung, gepaart mit Dankbarkeit.
Georg Fischer SJ, geboren 1954 in Levis (Vorarlberg), trat 1972 in den Jesuitenorden ein. Nach Studien der Philosophie in München, der Theologie in Innsbruck und der Bibel am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom (ebenda Lizentiat und 1988 Dissertation „Jahwe, unser Gott. Sprache, Aufbau und Erzähltechnik in der Berufung des Mose“) habilitierte er sich 1993 mit einer Arbeit zu Jeremia 30–31 („Das Trostbüchlein“) an der Universität Graz. Seit 1985 unterrichtete er in verschiedenen Ländern; von 1995 bis zu seiner Emeritierung im Herbst 2022 war er Ordinarius für Alttestamentliche Bibelwissenschaften und Orientalische Sprachen an der Theologischen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
Wichtige Publikationen (Auswahl): Jeremiah Studies. From Text and Contexts to Theology (Forschungen zum Alten Testament 139), Tübingen 2020; Genesis 1–11 (Herders theologischer Kommentar zum Alten Testament), Freiburg i. Br.–Basel–Wien 2018; Theologien des Alten Testaments (Neuer Stuttgarter Kommentar – Altes Testament 31), Stuttgart 2012; gem. m. Dominik Markl, Das Buch Exodus (Neuer Stuttgarter Kommentar – Altes Testament 2), Stuttgart 2009; Jeremia 1–25 (Herders theologischer Kommentar zum Alten Testament), Freiburg i. Br.–Basel–Wien 2005; Jeremia 26–52 (Herders theologischer Kommentar zum Alten Testament), Freiburg i. Br.–Basel–Wien 2005; unter Mitarb. v. Boris Repschinski u. Andreas Vonach, Wege in die Bibel. Leitfaden zur Auslegung, Stuttgart 2000 (mehrfach aufgelegt).
Johann Maier, Kriegsrecht und Friedensordnung in jüdischer Tradition (Theologie und Frieden 14), Stuttgart–Berlin–Köln 2000.
Der erste Teil des umfangreichen Buches bespricht Krieg, Frieden und Staat in der Literatur des frühen Judentums. Neben Texten der Hebräischen Bibel geht der bekannte Judaist darin auch auf 1 und 2 Makkabäer sowie Qumranschriften ein, besonders die Tempelrolle 11Q19 und die Kriegsrolle 1QM. Die weiteren Teile sind der Rabbinischen Periode, Maimonides und Isaak Abrabanel gewidmet.
Monika Datterl / Wilhelm Guggenberger / Claudia Paganini (Hg.), Friede – Gnade – Gerechtigkeit. Im Spannungsfeld zwischen Institutionen und persönlichem Engagement (theologische trends 30), Innsbruck 2020.
Sammlung von 12 Aufsätzen, darunter fünf biblische Beiträge, hervorgegangen aus den 21. Innsbrucker Theologischen Sommertagen 2020.
Andreas Kunz-Lübcke / Moisés Mayordomo, Frieden und Krieg (Lebenswelten der Bibel), Gütersloh 2022.
Beide Autoren behandeln systematisch das Thema, auch mit sozialen und geschichtlichen Aspekten, getrennt nach Hebräischer Bibel und Neuem Testament. Für das Alte Testament nehmen Aspekte des Krieges einen breiten Raum ein, bevor der „Traum vom Frieden“ besprochen wird. Auch für den Bereich des Neuen Testaments wird die Realität des Krieges entfaltet; die Kapitel 8 bis 10 nehmen die Botschaft der Evangelien, von Paulus und der Offenbarung eigens in den Blick.
Walter Wink
Verwandlung der Mächte
Eine Theologie der Gewaltfreiheit
3. Auflage
176 S., kart., ISBN 978-3-7917-2591-8
Die „Machtfrage“ ist der Schlüssel zum Neuen Testament, ja zur ganzen Bibel. In der Auseinandersetzung mit der oft als mythologisch abgetanen biblischen Rede von „Mächten und Gewalten“ zeigt Walter Wink einen neuen Zugang zum Kern der christlichen Botschaft. Jesu Lehre von der Gewaltlosigkeit ist für Wink dabei der entscheidende Weg, die herrschenden Unheilsmächte – jenseits von Pazifismus und gerechtem Krieg – zu entlarven, zu transformieren und die Gewaltspirale zu durchbrechen. Damit eröffnet er einen neuen Zugang zur biblisch-christlichen Botschaft, zu einer neuen christlichen Praxis und zugleich zu einer neuen christlichen Spiritualität. Ein faszinierendes Buch!
Das Buch »ermutigt, scheinbar alternativlose Systeme nicht als gottgegeben hinzunehmen, sondern sich dem befreienden Handeln Gottes anzuschließen.« Die Kirche
www.verlag-pustet.de
1So die Deutung von Otmar Keel / Max Küchler, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land 2: Der Süden, Zürich–Göttingen 1982, 547–549; sie nehmen die Interpretation der ersten Ausgräberin, Kathleen Kenyon, auf. Der Turm wird auf ca. 8000 v. Chr. datiert.
2Für diese ‚positive‘ Sichtweise mag man an das Heraklit von Ephesos zugeschriebene Wort „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ denken oder aber an das philosophische Prinzip der Dialektik, über These und Antithese zu einer Synthese, einer ‚Versöhnung‘ auf höherer Ebene zu gelangen.
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